
Was in Deutschland als Kampf gegen russische Propaganda gilt, sieht man im Ausland mitunter ganz anders: als deutsche Propaganda.
Ich heiße Valeri Schiller und ich habe drei Kinder – und die Jüngste ist gerade ein Jahr alt. Da ich noch nie Elternzeit genommen hatte, dachte ich, ich sollte die Gelegenheit nun doch mal nutzen. Ich fragte also meinen Arbeitgeber. Und er sagte ja – so nahm ich mir zwei Monate Zeit für die Familie.
Zwei Monate. Ganze zwei Monate. Wir beschlossen, davon mindestens fünf Wochen in Italien zu verbringen. Geplant – getan.
Wir fuhren mit dem Auto von Berlin nach Italien, in die Gegend zwischen der Emilia-Romagna und der Toskana. Durch die wunderschönen Berglandschaften der Schweiz, über den San-Bernardino-Pass. Es war großartig.
Klare Luft, Berge – und vor allem eine Landschaft, die kaum weiter von Politik entfernt sein konnte. Genau das, was meine Frau mir als jemandem verschrieben hatte, der viel zu viel mit Nachrichten arbeitet. Fünf Wochen lang war ich immer wieder am Meer, an idyllischen Bergflüssen – und natürlich auch beim Angeln.
Russen sind auch nur Italiener
Eines Tages kam ich beim Angeln mit einem Einheimischen ins Gespräch. Wir unterhielten uns über das Leben, dies und das eben. Ziemlich schnell kamen wir allerdings vom Angeln auf die Politik. Über den russisch-ukrainischen Konflikt und die Rolle des Westens daran. Und dass Deutschland wieder wie ein Musterschüler immer das Beste sein wollen, auch wenn es um Krieg geht.
Er erfuhr, dass ich in der Sowjetunion geboren wurde, und erzählte mir, dass er mehrmals in Russland gewesen sei, zuletzt 2011. Es habe ihm dort sehr gut gefallen.
Ich erklärte ihm, dass ich zur Hälfte Deutscher und zur Hälfte Russe bin und dass diese seltsame, aber zugleich sehr starke Verbindung zwischen Russland und Deutschland immer ein Teil von mir bleiben wird. Außerdem erzählte ich ihm, dass meine Frau Russin sei.
Über diese Nachricht freute er sich aus irgendeinem Grund ganz besonders.
Mit großer Begeisterung erzählte er mir von seinen linken politischen Ansichten, von seiner Sympathie für die Russen und davon, dass die Russen im Grunde Italiener seien – nur dass sie aus irgendeinem nicht mehr nachvollziehbaren Grund Russisch sprechen.
Als meine Frau dazukam, machte er ihr ausgiebig Komplimente, erzählte ihr von Russland und von diesem und jenem. Kurz gesagt: Die diplomatischen Beziehungen zwischen unserer Familie und Italien waren auf dem höchsten Niveau.
Nur eines fiel mir jedes Mal auf, wenn er mich sah: Sein Gesicht veränderte sich ein wenig. Eine leichte Stirnrunzeln erschien. Gegen Ende des Angelausflugs fragte ich ihn daher schließlich: Warum ziehst du eigentlich jedes Mal so ein finsteres Gesicht, wenn du mich siehst? Er antwortete ganz ruhig: Wir mögen die Deutschen hier nicht besonders. Aber das betrifft dich nicht. Du bist ja nur zur Hälfte Deutscher.
Herrliche Informationsabstinenz
Und dann sagte er ungefähr Folgendes: „Das italienische Volk liebt Russland, die Russen schätzt man auch sehr – und alles andere ist German Propaganda.
Damals nahm ich das mit Humor und diskutierte nicht weiter. Während dieser fünf Wochen vermied ich Nachrichten so gut es ging und schaute praktisch nicht in die sozialen Netzwerke. Und ich muss sagen: Es funktionierte erstaunlich gut. Eine regelrechte Informationsabstinenz ließ mich zur Ruhe kommen.
Offenbar kann man mehrere Wochen leben, ohne zu wissen, wer heute wen beschuldigt hat und welche diplomatische Brücke als Nächstes abgebrochen werden soll.
Doch Mitte August kehrte ich nach Berlin zurück. Und plötzlich holte mich die Realität wieder ein. Angesichts der erneuten Eskalation musste ich wieder an den Satz vom Angelausflug denken: German Propaganda.
Und heute (es ist der 1. September 2026) hörte ich bereits die nächste bemerkenswerte Geschichte: Offenbar sollen die Drohnen, die in der Gegend des Leipziger Flughafens gefunden wurden, russischer Herkunft gewesen sein. Die vollständigen Beweise dafür wurden der Öffentlichkeit jedoch nicht vorgelegt.
Nun wird erneut über die Schließung des Russischen Hauses in Berlin diskutiert. Wenn man unsere Politiker fragt, sollte es ohnehin schon seit Längerem geschlossen sein.
Bei mir entsteht zunehmend das ungute Gefühl, dass solche Geschichten, wie Drohnen am Leipziger Flughafen manchmal erstaunlich passend auftauchen – genau dann, wenn eine weitere Verschärfung des politischen Drucks erklärt werden müsste.
Dabei glauben viele Menschen diese Geschichte schlicht nicht. Ich übrigens auch nicht.
Es gibt auch andere Deutsche
Wie gesagt: Ich bin Vater von drei Kindern. Zwei von ihnen besitzen ebenfalls die russische Staatsbürgerschaft. Deshalb beobachte ich die aktuellen Entwicklungen immer aufmerksamer.
Und immer häufiger muss ich an die Worte einiger meiner russischsprachigen Bekannten denken, die mir schon vor einigen Jahren gesagt haben, sie fühlten sich im heutigen Deutschland ungefähr so, wie sich Juden im Deutschland des Jahres 1933 gefühlt hätten.
Damals habe ich natürlich geantwortet: „Ihr seid doch verrückt. So ist das überhaupt nicht. Ihr übertreibt, werdet zu emotional und geht mit euren Vergleichen viel zu weit.“
Heute kann ich das nicht mehr ganz so selbstbewusst sagen. Und vielleicht ist das Unangenehmste daran nicht einmal das, was gerade passiert. Das Unangenehmste ist der Gedanke daran, was später einmal in den Geschichtsbüchern stehen wird. Denn im Nachhinein ist Geschichte immer erstaunlich leicht zu verstehen. Wenn man das Ende bereits kennt, scheint plötzlich alles offensichtlich:
Hier war der Wendepunkt. Hier begann die Eskalation. Hier hätten die Menschen erkennen müssen, was gerade passiert. Nur gibt es ein Problem: Wir leben nicht am Ende eines Geschichtsbuches. Wir leben irgendwo in der Mitte eines Kapitels. Bei mir hinterlässt das das Gefühl, dass es am Ende wieder der deutsche Michel sein wird, der die ganze Wucht des Konflikts austragen muss.
PS: Und deswegen gehe ich mit meiner Familie morgen, am 4. September um 18:00 Uhr, auf die Demo vor dem Russischen Haus in Berlin. Wir wollen zeigen, dass es auch andere Deutsche gibt, die die Freundschaft mit Russland nicht leichtfertig aufs Spiel setzen wollen und die diese Eskalation und den zunehmenden Militarismus nicht unterstützen. Und dass wir kein Teil dieser German Propaganda sind.
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VW Absatz:
– China weg
– Russland weg
– USA weg
– Italien …
Nun baut man Panzer … und fragt nicht wieso, warum ….
Am Ende fliegen Raketen … nicht erst nach 4 oder 5 Jahren Krieg. Nein. Die kommen zuerst und dann bleibt auch nichts mehr … es wird kein Krieg wie vorher sein.
Aber was weiss ich schon …
Früher gab es schon »German Angst«, jetzt gibt es auch »German Propaganda«. Was soll’s, warum auch nicht.
Kurz dachte ich, die armen Italiener werden auch immer weiter anglifiziert, doch dann wurde mir klar, dass wir den Altitalienern (sprich Lateinern oder Römern) auch ganz viele tolle Worte zu verdanken haben und noch vieles mehr.
Also bleibe ich dabei, es gibt den internationalen Armleuchter und es gibt ihn überall. Und das ist nicht als Disneyfizierung gemeint.