Ganz offenbar Journalismus

Mann liest Zeitung.
Benjamin Stäudinger from Switzerland, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Offenbar hat Putin was vor. Scholz offenbar auch – jenseits davon, auf Kriegsgerät herumzusteigen. Und irgendein Bayern-Spieler steht offenbar vor dem Wechsel nach Italien. Immer öfter sind Meldungen offenbar nur Meldungen. Denn nichts Genaues weiß man nicht – dafür spekuliert man.

Vor einigen Wochen wütete in einem Brandenburger Wald ein Feuer. Die Feuerwehr tat sich schwer damit, den Brand einzudämmen. Offenbar gelang ihr das dann auch – ganz sicher wussten es allerlei Zeitungen in ihren Onlineausgaben offenbar nicht. Nur so ungefähr. Unter Berufung auf einen Fernsehsender verkündeten sie es aber schon mal: Waldbrand offenbar gelöscht, las man da. Einige Stunden später schienen viele dieser offenbaren Berichte angepasst worden zu sein. Nun stand nichts Offenbares mehr drin. Hätte man einfach nur einige Minuten zugewartet, hätte man sich die Nichts-ganz-Genaues-weiß-man-nicht-Nachricht vielleicht sparen können.

Wenig wissen, viel schreiben

Immer öfter spekuliert sich der Journalismus seine News herbei. Oft erweisen sich Meldungen, die mit »offenbar« berichten, noch nicht mal als falsch. Aber ist das Berichterstattung? Nichts Genaues nicht zu wissen, aber schon mal seinen Quark dazugeben? Geben Sie mal bei Google »offenbar« ein, reduzieren sie das Suchfeld nur auf News und hegen Sie es bitte mal zeitlich ein, sagen wir auf eine Stunde. Selbst dieser kurze Zeitraum wirft mehrere solcher Meldungen hervor. Bei mir sind es aktuell 34. Offenbar wird jemand entlassen und wechseln mehrere Fußballer ins Ausland. Offenbar treibt Putin was und der Kim Jong Un auch. Und irgendwelche Indigene in Südamerika haben offenbar wenig Hoffnung, dass sich die Regierung für sie einsetzt: Offenbar hat sie keiner gefragt und mal abgeklärt, ob sie wirklich wenig Hoffnung haben oder ob das nur ein Gerücht ist. Und ob Scholz auf dem Weg nach Kiew war: Man ahnte es offenbar nur.

Man kann diesen Offenbarungsjournalismus eigentlich ganz einfach zusammenfassen: Wissen tut man wenig, aber schreiben tut man viel – und vor allem schnell. Kommt ein Gerücht auf, kolportiert irgendwer irgendwas, ist schnell ein Journalist zur Stelle, der schon mal einen Artikel verfasst, den er noch gar nicht verifizieren kann. Also schreibt er »offenbar« mit in den Text oder mildert ab, indem er das Füllwort »wohl« einpasst: Und schon ist der Artikel keine Spekulation mehr, sondern so etwas wie eine potenzielle Gewissheit. Denn das offenbar etwas so ist, wie man behauptet, kann keiner einem als unsaubere Praxis auslegen.

Das ist natürlich eine elegante Art, die Mängel im journalistischen Betrieb zu kaschieren. Denn Straßenreporter gibt es immer weniger, Außenkorrespondenten wollen sogar davon leben können, wenn sie außerhalb des besten Deutschland aller Zeiten herumsitzen. Man legt den Fokus daher lieber auf Agenturmeldungen und arbeitet auf Zuruf von Zuträgern. Wenn man ein bisschen skeptisch ist, was sie da erzählen, muss man sich nun mal sprachlich absichern. Gut, man könnte natürlich auch warten, alternativ den Zuträger auf Herz und Nieren prüfen, ihn ausquetschen. Aber das kommt nicht in Frage, lieber eine Meldung vorschnell absetzen, als einmal zu spät, dafür aber geprüft und mit der Gewissheit, dass etwas ist – und nicht, das etwas sein könnte – in die Welt posaunt.

Wider dem Hochfrequenz-Journalismus

Zeit gibt es natürlich keine mehr, wenn man heute im Journalismus tätig ist. Die neueste Meldung kommt eben nicht mehr auf Seite 3 der morgigen Ausgabe, wird nicht im Abendexemplar abgedruckt. Sie muss jetzt kommen, denn Erscheinungszeitpunkt ist heutzutage immer. Da alle es so halten, dreht sich das Karussell immer schneller, jeder muss mithalten, alle wollen eine Exklusivmeldung, keiner hat mehr Zeit. Wenn es heute heißt, dass da einer Amok läuft, kann man warten und schauen, was als verifizierbarer Fakt präsentiert wird. Oder man spekuliert und mischt so fröhlich mit.

Der Offenbarungsjournalismus ist das Produkt einer rabiaten Beschleunigung, die dem Metier an sich nicht gut tut. Faktenprüfung findet später statt – manchmal gar nicht. Alles muss raus. Jetzt! Sofort! Auf der Stelle! Der recherchierende Journalist: Er ist eine seltene Art geworden, er ist ein Spekulant der Aufmerksamkeit – gehetzt von den Klicks, von Herzchen oder nach oben zeigenden Daumen, die in Netzwerken anzeigen, dass man alles richtig gemacht hat. Richtig im Sinne von eilig, schnell und ohne Umschweife. Die Faktenlage interessiert nur in zweiter Linie. Das Wörtchen »offenbar« zeigt die Ehrenrettung des Berufstandes an, das letzte Aufbegehren der journalistischen Würde, bei all jenen, die wissen, dass sie sich in der Hochfrequenzberichterstattung aufreiben, ihren Namen hergeben für einen perversen Aufmerksamkeitssprint. Am Ende wollen diese Gehetzten wenigstens sagen können, dass sie sich nicht sicher waren und angezeigt haben, dass sie nicht nochmal nachfragen, sondern gleich drauf los schreiben mussten: It’s the system, stupid!

Den Übergang der Publikative zur Spekulative konnten wir schon mehrfach erleben in der letzten Dekade. Vor Jahren habe ich in ähnlicher Weise schon mal, ja schon öfter, diesen nicht gerade empirischen Umgang mit potenziellen Nachrichten kritisiert. Damals nannte ich das ein postfaktisches Syndrom. In jenen Jahren sprach noch kaum jemand von Fake, es war die Zeit, in der wir uns in einem postfaktischen Wandel begriffen sahen. Postfaktisch war dann auch so ein Modewort. Die Einschätzung war natürlich falsch, denn »nach den Fakten« steht dieser spekulativen Form der Berichtens ja gar nicht der Sinn – sie steht eher »vor den Fakten«, bleibt vor ihnen stehen, klärt nicht ab, sondern offenbart sich als unsicher, als vermutend: Präfaktisch wäre demnach das richtigere Wort für das, was uns da offenbar täglich mehr als Journalismus aufgetischt wird.

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21 Kommentare

  1. „rabiaten Beschleinigung“
    Die Frequenz im Netzzeitalter 5G=3.6GHZ
    https://www.telekom.com/de/konzern/details/5g-frequenzen-alles-was-du-wissen-musst-622924
    Aus der wiki
    „Die Herzschlagfrequenz beim Menschen ist abhängig von der Belastung, vom Alter und von der körperlichen Fitness. Ein Neugeborenes hat in Ruhe eine Herzschlagfrequenz von ca. 120 Schlägen pro Minute, während ein 70-Jähriger eine Frequenz um die 70 Schläge pro Minute aufweist. Die Herzschlagfrequenz beträgt bei einem gesunden Menschen in Ruhe 50 bis 100 Schläge pro Minute.[1] Beim herzkranken Patienten müssen diese Grenzwerte entsprechend der kardialen Grunderkrankung verschoben werden.“

    Bei meinem Spaziergang am frühen Morgen im Park genieße ich den Anblick der anderen mit ihrem HP oder besser nochnen Stöpsel im Ohr und die Dauerbereitschaft unbedingt um fünfe moins erreichbar zu sein. Das zieht sich durch alle Altersklassen, Ausnahmen bestätigen die Regel.

  2. Wer sich kurz ausdrücken will, muss über einen großen Wortschatz und Wissen verfügen. – Daran mangelt es meistens, und daher stellt man die Worte „offenbar, mutmaßlich, scheinbar “ als Weichmacher dem Sachverhalt voran.

    Gerne wird auch durch Weglassen essentieller Teile die eigentliche Angelegenheit von der Wahrheit entkernt.

  3. Ich bin mir nicht so sicher ob das immer nur an der Geschwindigkeit liegt.
    Man kann auf diese Art und Weise auch Sachen in die Welt setzen die reine Spekulation sind.
    Oder, in den MSM Medien auch reine Propaganda.

    Auf SPON schön zu sehen, da wimmelt es nur so davon.

  4. Was im Artikel beschrieben wird, ist sicherlich ein Problem des heutigen Journalismus bzw. ein Problem der heutigen Zeit.
    Alles muss schneller, höher, weiter, schöner – gleichzeitig darf es nichts kosten.

    Aber das ist nicht das größte Problem oder genauer gesagt DAS PROBLEM des Journalismus im deutschen Mainstream.

    Es sind folgende DAS Probleme:
    + Gleichschaltung aller Anstalten, das sie von den drei gleichen Nachrichtenagenturen aus der USA, London und Paris versorgt werden
    + Verlautbarungsjournalismus als Staatsmedium
    + moralisierender Journalismus statt faktenbasiert
    + Journalismus mit Bildern im gewünschten Meinungskorridor, nicht passende Bilder werden weg gelassen oder um benannt/ geschrieben
    + Kampagnenjournalismus, sich beteidigen an politische PR-Aktionen
    + nur Akzeptanz von Meinungen/ Nachrichten im Ouverton-Window der Staatsraison
    + weglassen von Nachrichten oder Teilnachrichten, wenn es nicht in den Meinungskorridor passt
    + keine Hinterfragung und Kontrolle der Regierungsarbeit und der Staatsraison
    + Belehrungsjournalismus bis zur blanken Propaganda im Sinne der Staatsraison auch Abseits der eigenen Glaubwürdigkeit
    + Hetze, Verunglimpfung und keine Sachargumente gegenüber politischen Gegnern
    + Andersdenkende in Schubladen wie Nazi, Antisemitit, Querdenker, Verschwörungstheoretiker usw. zu stecken, um einer Auseinandersetzung in der Sache nicht zu lassen zu müssen
    + heranziehen von Experten (welche oftmals keine wirklichen sind) um die eigene Meinung durch eine „externe“ „Fachaussage“ als wahr zu untermauern
    + Auslagerung von Zensur in private Wirtschaftsunternehmen (Google, Facebook, Twitter und Co.) oder Vereine (BPK)
    + Gründung von verschiedenen Faktenscheckern für Journalismus, welche von den gleichen NGO`s bezahlt werden und sich gegenseitig bestätigen
    + Verbot von journalistischen Programmen des politischen Gegners (RTde)
    + Zensur der Veröffentlichung von Gegenmeinungen in den Foren der Medienanstalten

    Der Journalismus sollte wieder Nachrichten von allen Seiten bringen, ohne diese bewertend/ einordnend vorzutragen. Journalismus sollte die Regierungspolitik kritisch begleitend und hinterfragen. Keine Propaganda, Kampagnen, Belehrungen ud Verteufelungen mehr.
    Der mündige Journalismuskonsument soll sich eine eigene faktenbasierte Meinung bilden.

    Ist das zuviel verlangt?

    1. Sehr guter Artikel und auch sehr guter Kommentar.
      Sehr schön zusammengestellt, was derzeitig mit unserem Journalismus nicht mehr stimmt. Kompliment!

      1. Da fehlen ja noch viele Punkte, die so nicht laufen dürfen. Man denke nur an die vielen Posten im ÖRR, welche von gescheiterten Politikern besetzt sind. Die Folgen einer Berlin konformen Berichterstattung sieht man jeden Tag. Auch das macht den ÖRR so berechtigt angreifbar. Ich denke aber, dass ein funktionierender ÖRR wichtig in der Gesellschaft ist, denn es wäre nicht gut, die Nachrichten nur von Konzernmedien zu erhalten.

        Vielleicht werden noch mehr Grundsatzprobleme von anderen zugefügt.

        Es finden aber seit Jahren keine ehrliche Diskussionen über Mißstände, deren Ursachen und die Veränderung für das Volk im positiven Sinne. Reformen finden seit Schröder in Deutschland regelmäßig zum Vorteil des Einenprozents statt.

        https://www.nachdenkseiten.de/?p=87549

        Die NDS berichten heute über eine Situation im Wirtschaftsministerium, wo zwei Mitarbeiter aus dem Ministerium heraus beim Verfassungsschutz angezeigt worden, wegen möglicher Spionage für Russland. Der „Beweis“ waren russlandnahe Einschätzungen zu NS2, Uniper, Gazprom Deutschland…
        Die DDR duldete in ihren Ministerien auch keine abweichende Meinung.

        Wir schlittern in eine Richtung, welche Wahnsinn ist.

    2. Hallo oskarwagenrecht,
      Journalismus kann sich entfalten in einer freien unabhängigen Staatsform.
      Wer die Kontrolle über das Medium hat, bestimmt die Richtung und die Medienoligarchen haben ein „Imperium“, Abtrünnige werden rigoros aussortiert.
      Das aussenministerchen verkündet das der Ukraine geholfen wird, egal ob ihre Wähler das gut finden. Kritik zu solch einer ‚diktatorischen Ansicht‘?
      Die Liberalen sparen die Demokratie kaputt, so bleibt das Wort aber die Realität ist eine andere.
      Ich erinnere mich als Herr Streck sich mal (liegt ein paar Tage zurück) zu seinen publizierenden Einkünfte äusserte, im Sinne von, gerade genug zum Leben!
      Wir lesen hier Artikel von Journalisten, Denkern, Philosophen, im Ausland sitzende, Interviews etc. und sollten ihre unterbezahlten Inhalte mehr würdigen, denn m.M.n sind diese guten Menschen mit einer positiven Gesinnung (damit meine ich nicht Ideologie) ausgestattet.
      Lieber oskarwagenrecht, das ist keine Kritik an Dich, vielmehr als Ergänzung…
      Grüße PRO

      1. Hi Pro1,

        Danke für die Ergänzung.

        „Die Liberalen sparen die Demokratie kaputt, …“
        Dort hast du absolut recht. Und das betrifft seit vielen Jahren scheibchenweise alle öffentlichen bzw. ehemals staatlichen Bereiche. Es wurde alles schlechter und teurer.

        „Kritik zu solch einer ‚diktatorischen Ansicht‘?“
        Ja, aber kaum in den MSM (doch Weltwoche/ Schweiz). NDS und Anti-Spiegel, hier im Forum (das Forum hier ist ja fast einen Nachrichtenseite und ergänzt super die vielen guten Artikel!).

        „unterbezahlten Inhalte mehr würdigen“
        Da hast du absolut recht!!!
        Mit diesem Angebot gehen wir mitunter/ einige zu selbstverständlich um. Dort sollten wir mehr Demut entwickeln.

        Übrigens hatte ich hier bereits nach einer Spendenmöglichkeit bei Herrn Rötzer über einen Beitrag im Forum angefragt, aber leider keine Antwort erhalten. Ich würde mich gerne, mit einem mir möglichen Betrag, am Erhalt beteidigen.

      2. Hallo PRO1
        ich denke das „Journalismus kann sich entfalten in einer freien unabhängigen Staatsform.“ richtig ist. Allerdings denke ich auch, dass der Journalismus sich gerade in restriktiven Gesellschaften entfaltet. Da gerade ist er am nötigsten.
        Schauen wird unterstellt, wir leben in einer freien unabhängigen Staatsform, doch an was mit Assange ist. Was ist mit den ganzen Journalisten in Spanien, von denen Ralf Streck auch berichtet hat. In der Türkei sollen hunderte Journalisten ohne Anklage im Gefängnis sitzen. Wie gehen da die Deutschen Journalisten mit um.
        Wie wenig können die sowas wie RT aushalten, auch wenn die, unterstellt, nur Fake verbreiten. Wäre das eine Spezialität von RT.
        https://publikumskonferenz.de/blog/2022/09/01/baerbock-der-schicksalsschlag-unserer-nation/

        1. Moin oder guten Tach Peter,
          eben in restrikitiven Gesellschaften wird der Journalismus kreativer und verlangt vom Leser seine geistige Kreativität auszuleben.
          RT oder sonstige Portale können rein technisch gesehen niemals verschwinden, da das Netz (auf der Welt betrachtet) mehrheitlich monopolistisch aufgebaut ist.
          Meines Wissens nach hat China und Russland die Möglichkeit von heut auf morgen ihr Netz abzuriegeln, der eine tut das mehr als der andere.
          Hier genau fängt Robertos Polemik an!
          Der Mann hat richtig Grips…

  5. Schön, dass die „Sache“ mal wieder beleuchtet wird. Ich denke, dass Roberto de Lapuente heute gut gelaunt ist. Was macht er, berechtigterweise kritisiert es den Sprachgebrauch. Das könnte auch noch erweitert werden, gerne wird etwas mit „angeblich“ berichtet. Ja wie denn sonst, der das angibt, wird nicht genannt. Ich verstehe das noch auf dieser Seite, wobei Florian Rötzer mit seinem Interview aus der Ukraine und Spanien schon sehr dicht am Geschehen ist. Die benutzt Attribute werden, als Schlupflöcher genutzt, um doch Recht zu behalten, dass man doch nichts gesagt hat.
    Das alles scheint mir nicht der Punkt zu sein. Ich denke das die Zeilen auch dramatisch sein müssen, wer will denn lesen es ist 07:00 Uhr ist. Es muss da schon heißen, dass offensichtlich ab 07:00 Uhr wieder von Putin Bomben abgeworfen werden. Das sichtliche muss nicht erläutert werden.
    Ich denke, der Punkt ist die Konzentration des Pressewesens. Da sind nicht mehr ausreichen Arbeitsplätze zu finden und die Personalräte sind keine großen Kämpfer. Damit es auszuhalten ist, was man selbst schreibt, die Recherche und was der Chef will, weis man und passt sich dem an. Oft ist schlicht die Zeit nicht da oder es muss einfach Lücken gefüllt werden. Manchmal ist es banal, macht es aber nicht besser.
    Was mich wundert, dass es in Debatten keine Kritiker der Presse zu finden sind. Oder wenn zum Beispiel Gerhard Baum Behauptungen zu Putin oder rechtlich nicht geklärt Umstände als wahr wiedergibt.
    Es hat gedauert, bis mich das nicht mehr aufregt.

  6. Lieber Herr Lapuente,
    wieder´n wichtiger actueller Kommentar zur publizistisch-zeitgeistigen Lage. Meiner Erfahrung nach ist worum´s geht´n dreigestirniges Knäuel von postmoderner Beliebigkeit des anything goes, analytischer Antifähigkeit dominanter Macher aller Geschlechter und Ethnien der professionellen Journalistenkaste, die der deutsche Soziologe Ferdinand Tönnies bereits 1922 als Typus „Meinungssoldaten“ geißelte und technisch möglicher und nahezu ausschließlich genutzter Beschleunigung. Diese Entwicklung zum Offenbar-Journalismus wurde bereits auch in D Mitte der Nullerjahre erkannt und von kritischen Medien- und Kommunikationswissenschaftlern kommentiert. (Das freilich wäre ein gesonderter Beitrag. Der hier bewußt unterbleibt.)
    Besten Gruß, Brian

    1. Ich fühle mich angesprochen, was die „kritischen Medien- und Kommunikationswissenschaftler“ angeht….
      Und ich stimme obigem Kommentar deutlich zu und Herrn Lapuentes Beitrag sowieso (wobei ich damals seinen Kommentar zum Parteitag der Linken, in dem jede Menge Wortschöpfungen vorkamen, über die ich Tränen lachen musste, insbesondere die Manga-Menschen oder Manga-Leute…., ich weiß es nicht mehr so genau……noch viel, viel besser fand…….).

      Und die weniger kritischen Medien- und Kommunikationswissenschaftler/innen (?????? Oha, danke für den shitstorm!), oder sagen wir diejenigen, denen es eh egal ist, die hocken zu Hauf, absolut zu Hauf, in den Ministerien und anderen Institutionen und schreiben Konzepte zum Thema “ Strategische Kommunikation“ (ohnehin ein neues Modewort), damit diese offiziellen Verlautbarungen, die man täglich hören darf, auch auf entsprechend offene Ohren stoßen.
      Erschreckend, aber auch witzig dabei ist, dass man all das auch selber schreiben könnte, wenn man damit beauftragt wäre, man selbst schon vorher weiß, was wie mit welchen Worten erläutert und begründet wird.
      Mein Freund hat daher den Begriff der “ Begründungsnutte“ geschaffen (ich hatte das Wort vorher zumindest nie gehört); ein Berufsfeld, das ich jedezeit besetzen könnte. Aber leider nicht will.

      Danke also für den guten Beitrag und den guten Kommentar.

  7. Zur Ehrenrettung:
    Das mit dem Bayern-Spieler stimmte immerhin am Ende. Joshua Zirkzee wechselt von der Isar zum FC Bologna. Mit Rückkaufoption.

  8. Das Wort ‚offenbar‘ in einem journalistischen Text ist schon lange sehr verbreitet – und mir verhasst. Es zeigt nicht primär, wie De Lapuente meint, eine Nicht-Gesichertheit des faktischen Gehalts an, sondern macht gewissermassen aus der Not eine Tugend und verstärkt die Aussage. Es ist ja ‚offen (sicht)bar‘, dass es sich so und so verhalte. Das ist regelmässig eine faustdicke Lüge, handelt es sich doch fast durchgehend um tendenziöse Spekulationen, deren Natur mit dieser Vokabel verschleiert wird. Die Fälle, in denen damit der wahrscheinlichste Hergang der Ereignisse vorweggenommen wird und die es natürlich auch gibt, sind noch die harmlosen. Meistens bezieht sich das ‚offenbar‘ auf Interpretation, Einbettung ins Narrativ, Spin.

    Was De Lapuente beklagt, ist etwas anderes und hat eine einfache Erklärung. Die Redaktionen werden immer weiter ausgedünnt, denn nun machen Google und andere Online-Giganten das Werbegeschäft, während z. B. Printmedien das Nachsehen haben. Es lohnt sich also kommerziell nicht mehr und daher müssen immer weniger Redakteure immer mehr Content produzieren – die Qualität, die noch nie über Zweifel erhaben war, säuft weiter ab. Das Geschäftsmodell ist geplatzt und kann auch mit Monetarisierung des Online-Auftritts nur notdürftig repariert werden. Warum sollte ausgerechnet Journalismus von den kapitalistischen Gesetzen ausgenommen sein?

    1. Hi Pnyx,

      ich teile deine Ansicht, bezüglich der Personalreduzierung und der damit verbundenen Qulitätsminderung.

      Die Folgen sind bloß fatal, weil bei schlechterer Qualität natürlich auch die Zahl der Kunden abnimmt, was weitere Personaleinsparungen im Kapitalismus nach sich zieht.

  9. WIE PUTIN MÖGLICHERWEISE ZU WALZERKLÄNGEN IN DER UKRAINE FOLTERN LÄSST

    „Möglicherweise“ – mit diesem Wort kann man auch fast alles unters Volk bringen.

    „(E)ine im Zarenreich beliebte(n) Foltermethode, die Delinquenten kopfüber als Glockenschwengel zu Walzerklängen zwischen Stahlplatten bis zur Ohnmacht hin- und herzuschleudern, eine durch den „Glockenklang“ pseudosakralisierte Barbarei, die Putins Truppen möglicherweise in der Ukraine noch heute anwenden.“ FAZ 3.9.2022

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