Ein kurzer Traktat über einen Mann, den es noch immer nicht gibt

Putin auf einem Boot
Kremlin.ru, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Vor zwölf Jahren war Wladimir Putin in deutschen Medien längst kein Politiker mehr, sondern eine Kunstfigur: Dämon, Despot und Höllenfürst. Das deutsch-russische Verhältnis wäre heute ein anderes, hätte man seine Person sachlicher behandelt.

Vor fast zwölf Jahren schrieb ich einen Text über einen Mann, den es so gar nicht gibt. Er hieß Wladimir Putin. Jedenfalls hieß die Kunstfigur so, die damals täglich durch die deutschen Zeitungen gereicht wurde. Der wirkliche Putin, russischer Präsident, ehemaliger Geheimdienstmann, Machtpolitiker, autoritärer Staatslenker und zweifellos ein Mann mit allerlei Eigenschaften – sicher auch unangenehmen –, war als Gegenstand der Berichterstattung schon damals zunehmend ausgeschieden. An seine Stelle war einer getreten, der praktischer zu handhaben war: Putin, der Dämon – oder auch: Putin, der Höllenfürst.

Seitdem ist einiges passiert. Russland führt einen Krieg in der Ukraine. Hunderttausende Menschen sind gestorben oder verwundet worden, Städte wurden zerstört, Millionen Menschen sind auf der Flucht. Man könnte also meinen, die Wirklichkeit habe die Kunstfigur von damals eingeholt. Vielleicht gab es diesen Putin, von dem die Zeitungen schon 2014 erzählten, am Ende doch?

Krebs, Koks und Kind?

Aber Geschichten – Märchen – werden nicht einfach zur Wahrheit, weil einer einen Krieg beginnt. Vielleicht ist es eher sogar andersherum und Kriege beginnen – nicht immer, nicht überall – auch deswegen, weil man sich Geschichten über jemanden erzählte und weniger die wirklichen Umstände ins Visier nahm. Denn hinter diesem Mann, den es so nicht gab, der aber täglich in der deutschen Medienlandschaft als erfundene Gestalt firmierte. Die Journalisten staffierten ihn mit Wesensmerkmalen aus, die man sich für einen infernalischen Charakter gemeinhin vorzustellen glaubt – er wurde so voller einseitiger Boshaftigkeit, Durchtriebenheit und machiavellistischer Heimtücke vorgestellt, dass er objektiv betrachtet nur als Personifikation verstanden werden konnte.

Im Laufe der letzten Jahre hat man dieses Bild von Putin nicht intensiviert: Der Putin unserer Tage ist nicht einfach ein Staatschef – oder auch nur ein aggressiver Staatschef. Nein, er ist Zar, Imperialist, Wiedergänger längst vergangener Despoten; er sei krank, gekränkt, größenwahnsinnig, vom Untergang der Sowjetunion traumatisiert und besessen von dem Wunsch, das alte Reich wiederauferstehen zu lassen. Über seinen Gesundheitszustand wurde zeitweise derart ausgiebig spekuliert, dass man meinen konnte, ein beträchtlicher Teil deutscher Expertise bestehe aus medizinischer Ferndiagnose und psychologischer Tiefenanalyse. Wie sitzt er am Tisch? Wie hält er den Arm? Ist sein Gesicht aufgedunsen? Bewegt sich sein Fuß sonderbar? Hat er Krebs? Parkinson? Nimmt er Steroide? Koks? Ja, sogar eine uneheliche Vaterschaft wurde vermutet.

Anders gesagt: Die Person des Waldimir Putin ist wieder – oder weiterhin – zur Erzählung geworden. Einige Vermutungen mögen auch einen wahren Kern haben. Dass ein Mann, der seit einem Vierteljahrhundert an der Staatsspitze steht, ein ausgeprägteres Ego aufweist als ein Bundeskanzler, den niemand liebt oder auch nur schätzt, wäre ja nun wahrlich nicht überraschend. Dennoch bleibt das Bild, das man von ihm zeichnet, hochgradig spekulativ und interpretativ.

Der Krieg gegen den Leibhaftigen

Die Bilder des russischen Präsidenten, die der Journalismus hierzulande seit Jahren und Jahrzehnten verbreitet, sind längst in den politischen Wissensschatz und in die Reste des öffentlichen Debattenraums gewandert. Der unberechenbare Despot, der Teufel im Maßanzug, der mit nacktem Oberkörper durch die Walachei reitet, um der Welt seine ganze Manneskraft zu beweisen: all diese narrativen Ausschmückungen und Überhöhungen haben ein Gesellschaftsklima vorbereitet, das gar nicht mehr als deeskalierende Lösungen des Ukrainekonfliktes zu denken vermag. Denn jener Putin, der als Kunstfigur in der deutschen Öffentlichkeit vorkommt, kann sich nur noch als das personifizierte Böse vorgestellt werden, das für seine Handlungen kein Motiv braucht, sondern nur aus reinster Destruktivität heraus vorgeht.

Mit der Kunstfigur kann man also nicht verhandeln – mit dem wirklichen Putin vielleicht aber schon. Nur kennt den niemand in Deutschland – der Mann wird als Phänomen abgeheftet, nicht als Person der Zeitgeschichte. Denn letzteres würde ihn als Menschen qualifizieren, einer Gattungszuordnung, die man dem russischen Präsidenten seit Jahrzehnten verwehrt. Das setzt nicht voraus, dass man die Person des Wladimir Putin unkritisch betrachten müsste, es wäre auch vermessen anzunehmen, dass ein Staatspräsident eine moralische Instanz sei. Doch vermutlich wären wir heute in einer anderen Lage, wenn die Berichterstattung zu seiner Person schon vor Jahren sachlicher gewesen wäre. Vielleicht hätte es diesen Krieg trotzdem gegeben – aber die deutsche Öffentlichkeit wäre nicht mit dem zuvor vergifteten Gefühl an diesen Konflikt herangetreten, wonach es sich beim russischen Präsidenten um den Leibhaftigen höchstpersönlich handelt.

Seit Jahren wurde vor einem Mann gewarnt, den man gleichzeitig immer weniger zu verstehen versuchte. Man hat ihn auf eigentümliche Weise beschrieben, psychologisiert, pathologisiert und dämonisiert – und ihn dabei Stück für Stück aus der politischen Wirklichkeit herausgeschrieben. Nun steht Europa vor einem Krieg, dessen Ende irgendwann doch mit jenem Russland ausgehandelt werden muss, welches dieser Mann voraussichtlich noch immer regieren wird. Dann wird sich zeigen, wie hinderlich es ist, jemanden zum Ungeheuer umzudeuten – fast wirkt es so, als wussten die deutschen Verantwortlichen das im Verlauf der letzten Jahre bereits, weswegen sie es gar nicht erst versuchten, mit der russischen Regierung ins Gespräch zu kommen. Wer ist dieser Putin also wirklich? Eine spannende Frage, deren Antwort man der deutschen Öffentlichkeit seit Jahren vorenthält.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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8 Kommentare

  1. Werter Roberto
    Die westdeutsch( BRD) sozialisierten Eliten ( andere gibt es nicht in diesem Land), sind die Nachkommen jener Menschen, die seit 1941 versucht haben, die „russischen Untermenschen“ auszurotten. Vom Akademiker in den Ministerien, die den „Generalplan Ost“ erstellten, bis zum brutalen Kleinkriminelle, der für eine Flasche Schnaps am Tag Frauen,Kinder, ältere Menschen ermordeten.
    Und die sich ab Mai 1945 den westlichen Besatzern andienten und ja schon immer „Musterdemokraten“ waren. In der Mehrzahl mit narzisstischen Persönlichkeitsstrukturen( „Untertanen“) die sie an die Nachkommen weitergaben. Und so ist es kein „Versehen“, wenn ein FAZ- Journalist, dessen Großvater Offizier im Wehrmachtführungsstab war, die Frage stellt, was der „Westen“ tun kann, um mehr Russen zu töten. Das ist dessen tief sitzende Überzeugung, das man Russen töten müsse. Und seine Kollegen der medialen Zunft stammen doch sehr oft aus dem oberen Bürgertum, das auch die Naziherrschaft aus Überzeugung getragen hat. Für die war und ist „ der Russe“ schon immer der Feind. Und da es nicht möglich ist, 144 Mill. Bürger Russlands zu Feinden und „Untermenschen“ zu erklären, nimmt man stellvertretend dessen Präsidenten, auf den der ganze narzisstische Hass der politischen und medialen „Eliten“ abgeladen wird. Die Aussagen einer Florence Gaub ( „die Russen sehen nur wie europäische Menschen aus, in Wirklichkeit sind sie asiatische (Untermenschen))oder des Wadephul ( „die Russen werden immer unsere Feinde bleiben“ ) ist ja kein Versehen einzelner Typen. Die Mehrzahl hat diesen rassistischen Hass internalisiert.
    Eine narzisstische Gesellschaft braucht zu ihre Selbstvergewisserung einen imaginierten Feind. Und das ist eben seit 1054 „der Russe“….

  2. Als wir unseren letzten Mannschaftskampf im Schach verloren, kommentierte ich das mit: „Da ist der Puttin dran schuld“, worauf sich großes Gelächter erhob. Anschließend fing jeder an, herum zu blödeln, woran der Puttin denn nun alles Schuld sei, das ging von „Die Frau lässt mich nicht mehr ran “ bis „Mein Rasenmäher ist kaputt“.
    An allem war der Puttin Schuld!
    Das zeigte mir deutlich, das viele Leute nicht so dämlich sind, wie Politik, ÖRR und MSM von ihnen annehmen.

    P.S.: Puttin heißt der Putin im Pott!

    1. Hatte ich auch letztens auf dem Bahnhof, als einer der Züge mal wieder irgendwo liegenblieb, hat mich wirklich erheitert.

  3. Putin ist praktisch (kurze Episode als MP) seit 2000 in Russland durchgehend an der Macht und hat parallel zu 7 Amtszeiten von US-Präsidenten Russland (ich behaupte: erfolgreich aus russischer Sicht) geführt.

    Natürlich kann man niemandem hinter die Stirn schauen, und manchmal zählt bei Menschen, die man einschätzen will, einfach der subjektive, durchaus nicht immer begründbare Eindruck mehr, da man schlicht zu wenig Objektivierbares weiß über denjenigen. Putin erschien mir, bevor die mediale Propaganda einsetzte, wann immer ich ihn reden hörte (Lektüre-Empfehlung für die jüngere Generation: Wortprotokoll seiner Rede im Bundestag 2001 https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/gastredner/putin/putin_wort-244966), als diplomatischer, intelligenter, wortgewandter, gebildeter und weitsichtiger Politiker, der selbstverständlich in erster Linie das Wohl seines Staates im Auge hat – etwas was man von keinem und keiner (!) deutschen PolitikerIn heute behaupten kann, von amerikanischen ganz zu schweigen.

    Ein Spiel bei politischen Diskussionen mit einem Freund ging so: Mit wem würdest du lieber mal ein Bier trinken gehen? Mit Putin oder ( je nach Amtszeit) Dabbeliuh Bush / Obama / Trump / Biden? Außer bei Obama waren wir uns immer einig, wobei sich die Differenz nach den „Interventionen“ der USA (manche nennen es auch „völkerrechtswidrige Angriffskriege“) in Libyen und Syrien auch schnell erledigt hatte.

  4. Das Bild von Wowa musste zwangsläufig geschaffen und beibehalten werden, weil Rußland wie er sich nicht dem schönen Plan beugen wollte, das Land zur Plünderung freizugeben, noch nicht mal den Ausbau westlicher Waffenstützpunkte vor seiner Haustür.
    Ohne diese Verteufelung hätte man die Angriffe auf Russland nicht kaschieren und der Bevölkerung als notwendig vormachen können.
    Zumindest wäre die Lage im Inland von mehr Widerstand geprägt und die Rüstung nicht so wie jetzt stillschweigend akzeptiert worden.

  5. Putin ist zuallererst eines: jemand, mit dem man reden muss. Das nennt man Diplomatie. Denn glaubt mir, in jedem Volk gibt es Menschen, die sehr schlimm sind, wie Stalin, Berija, Hitler, Napoleon, Mc Carthy, Reagan, Franco, Mussolini, Pol Pot, … Wenn diese Menschen an die Macht kommen, geht das selten gut aus.
    Aber das Böse ist auch noch selten personalisiert, eher banal, es ist ein Teil von uns.

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