Ein ziemlich gefährlicher Mann

Mit dem Finger auf sie zeigen
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Wer ist der gefährlichste Mann Deutschlands? Es gibt viele Kandidaten. Nikolaus Blome ist ein heißer Kandidat für diesen Posten. Ein Kommentar.

Nikolaus Blome hat es schon wieder getan: Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen. Nur diesmal nicht auf die Ungeimpften, sondern auf Ex-DDR-Bürger – nicht auf Ostdeutsche, nicht auf Ossis, nein: sondern auf Ex-DDRler. Anfang Dezember 2020, die brutale Impfdebatte des folgenden Jahres war längst noch nicht angebrochen, da forderte Nikolaus Blome – nach wie vor Kolumnist des Spiegel, nachdem er Jahre zuvor Mitglied der Chefredaktion des Magazins war – dazu auf, mit dem Finger auf all jene zu zeigen, die sich nicht impfen lassen wollten. Die Debatte tat sich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht auf, da stachelte Blome die Öffentlichkeit bereits dazu auf, Impfunwillige öffentlich an den Pranger zu stellen.

Sein damaliger Artikel provozierte selbstverständlich keinen nennenswerten Eklat. Wie üblich in jenen pandemischen Jahren, ließ man jede menschenverachtende Äußerung als wertvollen Debattenbeitrag zu, wenn er nur der Sache diente – und »die Sache« war die Stützung des Narrativs, dass man mit einem möglichst engmaschigen Netz aus Maßnahmen und Regeln ganze Virenstämme ausrotten könne. Wenn darüber auch die psychische Gesundheit von Millionen ausgerottet würde, so war man geneigt, dies als Kollateralschaden hinzunehmen. Blomes prophylaktische Aufforderung, etwa einen Monat bevor überhaupt die Impfkampagne startete, mobilisierte vorauseilend zur Spaltung. Die Aufregung hielt sich jedoch – wie gesagt – in Grenzen.

Möge der Westen mit dem Finger auf den Osten zeigen

Nun also eine Neuauflage seines damaligen Artikels. So jedenfalls könnte man seinen aktuellen Erguss bewerten. Die Ungeimpften hetzt er heute nicht mehr durchs Dorf – Blome ist stets auf der Höhe der Zeit, wenn er sich Opfergruppen auswählt, dann die, die gerade en vogue sind. Diesmal geht es um Ostdeutsche, denen er in seinem Stück aber mit einer gewissen Dringlichkeit das Etikett von Ex-DDRlern anheften will. Denn es seien ja gerade solche Menschen aus Ostdeutschland, Ostalgiker sozusagen, die für den Erfolg der AfD verantwortlich seien. Daher gehe es in Sachsen-Anhalt um die Frage, welches Deutschland das bessere sei: »Der neue blaue Osten oder der alte Westen?«

Altbewährt auch Blomes Kniff, es mit der Gemengelange nicht zu genau zu nehmen – darauf basierte schon fast sein gesamter kolumnistischer Soundtrack während der Pandemie. In diesem aktuellen Falle muss man sich fragen, wovon dieser Mann eigentlich spricht. Der »blaue Osten« und der Westen, der nicht blau ist? So einfach soll das sein? Bei der letzten Bundestagswahl wählten über sieben Millionen Wahlberechtigte aus dem Westen die AfD – etwa drei Millionen Ostdeutsche taten dasselbe. Prozentual sieht es anders aus – sicher! Aber man sollte doch nicht so tun, als sei die AfD die späte Rache Honeckers am Westen, eine Fiesheit des Ostens, die völlig grundlos ersonnen wurde. Nein, diesen »blauen Osten« darf man getrost als westdeutsche Klassifizierung abtun – so wie Blomes Artikel nur so von westdeutschen Vorurteilen trieft. Der gute Mann wurde ja auch in Bonn geboren. Wenn hier jemand ein Deutschland verklären darf, so möchte man Blomes Haltung verstehen, dann doch bitte nur der Wessi – dem Ostdeutschen wirft der Kolumnist allerdings vor, dass sie ihre Vergangenheit verklärten. Und dies sei ein unzulässiges Verhalten.

Aus diesem Grund möge die Republik mit dem Finger auf sie zeigen. Nun gut, er hat es so nicht geschrieben. Aber sein Elaborat steuert in dieselbe Richtung: »Dann macht euer Zeug halt allein!« Da hat der Westen so viel bezahlt – Blome O-Ton: »der zahlende Westen« – und ihr Ex-DDRler wählt immer noch Parteien, die wir ablehnen. Parteien, die im Westen entstanden sind, die von mehr Menschen im Westen als im Osten gewählt werden, die wir euch aber dennoch ausreden dürfen, weil wir die ganze Kapelle bezahlen und daher einen Anspruch auf die Musikauswahl haben. Blome zeigt sich empört über so viel Undankbarkeit. Und daher brauche es die Reißleine, man muss den Osten sich selbst überlassen – womit mitschwingt: Ohne uns sind die Leute drüben aufgeschmissen, sie schaffen und können schließlich nichts.

Der gefährlichste Mann Deutschlands?

Wenn man ehrlich ist, dann hat Blome im Laufe der letzten Jahre oftmals auf dieselbe Weise Kommentare verfasst. Häufig ging es darin um ein nicht näher definiertes Wir und ein fantastisch herbeigeleitetes Die. Ein Beispiel: Demokratie gegen Orbán»wenn einer wie Orbán rausfliegt«, lässt er sich zitieren. Einer wie der? Was für einer denn? Noch ein Beispiel: Freihandel gegen Landwirte – oder mit Blomes Worten: »So blind können nur Bauern sein«. Und noch ein Klassiker der fröhlichen Landwirteverachtung – den Protest der Bauern bitte nicht ernstnehmen. Natürlich auch mit im Angebot: Meinungsfreiheit gegen die Bedenkenträger in puncto Waffenlieferungen – die seien nur eine Minderheit, die so tut, als sei sie die Mehrheit. Wir und Die. Die Verständigen und die Dummen. Die Bezahlenden und die, die tanzen sollen, wenn die Münze klingt. Die, die es eingesehen haben und jene, die kein Einsehen kennen. Blome versteht sich in Spaltungslyrik wie kaum sonst jemand. Er ist die Edelfeder der zeitgenössischen Zwietracht.

Nun steht das Magazin, das er wöchentlich mit einer Kolumne beglückt, aktuell in der Kritik. Grund ist das Cover der letzten Ausgabe, auf dem der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, als gefährlichster Mann Deutschlands bezeichnet wird. Nun kann man freilich unterschiedlicher Meinung zu dessen programmatischer Ausrichtung sein. Aber gäbe es in Deutschland nicht viel gefährlichere Männer? Typen, die gefährlich sind, weil sie auch die Macht dazu haben? Dürfte man sich mit einiger Berechtigung nicht eher vor Boris Pistorius fürchten? Zumal, wenn man ein junger Mann ist, dem das ganze Leben noch bevorsteht, sofern man 2029 nicht auf völlig abwegige Ideen kommt? Ist Friedrich Merz und seine außenpolitische Irrfahrt – BlackRock-Odysseus – nicht um Längen gefährlicher für Deutschland? Siegmund hatte noch kein Fitzelchen Macht in Händen gehalten. Ist es also nicht leicht übertrieben, ihm dieses Status anzuheften, zumal Siegmund ja nicht Bundeskanzler oder Kaiser würde, sondern Ministerpräsident eines Landes, von dem Blome in seiner aktuellen Kolumne schreibt, dass dort »gerade einmal gut zwei der bundesweit 84 Millionen Menschen« leben.

In der Tat kennt dieses Land gefährliche Männer – und auch Frauen. Ein besonders gefährliches Exemplar Weiblichkeit hat man schon vor Jahren nach Brüssel ausgelagert. Dort ist sie jedoch gefährlicher denn je. Und wenn man innerhalb der Grenzen bleibt, könnte man den Kolumnisten Nikolaus Blome, ein nicht ganz unbedeutender Schreiberling in dieser entrückten Republik, als heißen Kandidaten für diesen Titel nennen. Seine Rhetorik half bei der Grundsteinlegung für die Spaltung in den Corona-Jahren. Er war maßgeblich an der finalen Entzweiung beteiligt – im Laufe der pandemischen Jahre legte er oft nach, die Ungeimpften sollten in ihm offenbar ihren Meister finden. Seine »Gedanken« zur Wahl in Sachsen-Anhalt sind auch so ein Stück kalkulierte Polarisierung. Man hat Kommentatoren in den Sozialen Netzwerken schon für deutlich weniger Hass unterstellt und dann geahndet. Möge die Republik endlich mal mit dem Finger auf ihn zeigen!

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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4 Kommentare

  1. Ich meine, das der Herr Blome überschätzt wird, mindestens in seiner Wirkung.
    Da haben wir ganz andere Figuren, die diesen „Titel“ beanspruchen können,
    Merz, Pistorius, Freuding halte ich durch die Bank für brandgefährlich!
    Wer ist denn schon Herr Blome?
    Wenn er denn tatsächlich glaubt, was er im Allgemeinen so absondert, diskreditiert
    er sich selbst, wenn nicht, ebenfalls.
    Er sortiert sich in den Mainstream ein, wie so viele.
    Er kann nichts entscheiden, in ein paar Jahren kennt den Keiner mehr.

  2. Sollte sich der Osten abspalten wollen, werden die Demokraten aus dem Westen im Osten ein Blutbad anrichten.
    Die werden sich ihre Beute nicht wegnehmen lassen.

    1. Sollten im Westen weiterhin die Kriegstreiber regieren, dann kann man das in der Tat nicht ausschließen. Die Ossis wollen Frieden mit Russland. Die lassen sich ungern einspannen zur Verteidigung westlicher (monetärer) Werte.

    2. AfD und CDU tanzen auf derselben Hochzeit. Tatsächhlich sind Menschen wie Merz oder Dobrindt z.Zt. die gefährlichsten Männer Deutschlands. Denn diese bereiten den gewaltbereiten und mordlüsternen Extremisten,Rassisten und Neonazis wie Ullrich Siegmund den Boden, auf dem sie wachsen und gedeihen. Und bereiten akribisch alles vor, daß die AfD nach der Machtübernahme ganz unkompliziert mittels schon bestehenden Gesetzen ihre menschenverachtende und menschenvernichtende Politik durchsetzen kann.
      Damals (Weimarer Republik) wie heute, sind die sogenannten Demokraten, die sogenannte Mitte – die willigen Wegbereiter des Faschismus.

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