Die Westbank in New York

President George W. Bush Poses with New York City Officials During a Tour the 7 World Trade Center Disaster Site
Series: Photographs Related to the George W. Bush Administration, 1/20/2001 – 1/20/2009Collection: Records of the White House Photo Office (George W. Bush Administration), 1/20/2001 – 1/20/2009, Public domain, via Wikimedia Commons

Ein Stellvertreterstreit um das Gedenken an 9/11.

Vor 25 Jahren, nein, vor 24 Jahren und zehn Monaten, saß ich bei einem New Yorker Freund auf dem Sofa und starrte auf den Fernseher wo, nein, nicht zwei Flugzeuge in die Türme flogen, das war schon ein paar Wochen her, sondern wo Rudy Giuliani, der damalige New Yorker Bürgermeister, durch den Schutt stapfte und die Arbeiter antrieb, schneller aufzuräumen. Notfalls auch ohne Schutzmasken.

Er selber trug auch keine Maske, aber er blieb auch nicht lange in den giftigen Schwaden stehen, in denen pulverisierter Asbest, Benzol und Glasstaub schwebten. In den Jahren danach sollten 5.000, vielleicht sogar 7.000 Helfer sterben, Bauarbeiter, Feuerwehrmänner, Polizisten, Sanitäter und andere, die auf die Baustelle geschickt wurden, an Krebs, Asbestose und anderen Krankheiten.

Damals traute sich keiner, etwas zu sagen, denn wir waren alle eine große Familie unter der amerikanischen Flagge, die überall wehte. Sogar die Familie von Osama Bin Laden durfte nach Saudi-Arabien ausfliegen, und wer sich darüber beschwerte, war ein Verschwörungstheoretiker. Die Saudis sind unsere Verbündeten. Auch die Pakistanis. Amerika ist nicht anti-Muslim, versicherte George W. Bush damals.

Zwei Billiarden Dollar später

Donald Trump, immer der Optimist, und damals noch New Yorker Businessman, bot an, das World Trade Center, das ihm nicht gehörte, sofort wieder aufzubauen (entgeltlich natürlich), nur größer, höher und schöner, so ähnlich wie heute sein Ballsaal in Washington, DC, der größer wird als das Weiße Haus.

Viele meiner linken Freunde ärgern sich darüber, dass Trump so viel Zeit damit verbringt, Washington umzubauen, vom Rosengarten des Weißen Hauses über den Pool am Lincoln Memorial bis zu Triumphbogen am Soldatenfriedhof Arlington, aber ich sage denen, lasst den Mann doch, dann ist er beschäftigt und vielleicht bekommen wir irgendwann unser eigenes Neuschwanstein dort, wo heute das hässliche J. Edgar Hoover-Building ist, das FBI-Chef Kash Patel ohnehin abreißen lassen wollte.

Nach dem Anschlag auf das World Trade Center ist Bush noch im gleichen Jahr in Afghanistan einmarschiert. Er hatte 90 Prozent der Bevölkerung hinter sich, fast alle Demokraten –außer unserer kalifornischen Abgeordneten Barbara Lee natürlich –, und sogar die Vereinten Nationen.

Obama Bin Laden war da allerdings bereits von Tora Bora nach Pakistan getürmt, unter den wachsamen Augen des dortigen, ebenfalls mit uns verbündeten Geheimdienstes ISI. Das hielt Amerika nicht davon ab, Afghanistan zu besetzen, die Gesellschaft umzubauen, den Drogenanbau zu verbieten, die Taliban zu entmachten und denen das Land dann zwei Billiarden Dollar später wieder zurückzugeben.

Als wir diese Rechnung bekamen, war von Harmonie schon lange keine Rede mehr. Der Krieg im Mittleren Osten hat weite und weitere Kreise gezogen; Irak, Syrien, Libyen, Jemen, Iran. Bin Laden ist schon lange tot. Denke ich, ich habe zwar kein Foto seiner Leiche gesehen, aber das wird schon stimmen, oder? Ohnehin ging es eigentlich sowieso darum, dem Mittleren Osten sicher für Israel zu machen, wie der CIA-Analyst Bob Baer sagte, der auch irgendwie verschwunden zu sein scheint.

Petition gegen Mamdani

Und heute? Heute bekriegen wir uns gegenseitig, im eigenen Land. Das spart an Truppentransporten, und die Waffen werden privat finanziert, aber es ist trotzdem beunruhigend. New York hat einen muslimischen Bürgermeister indisch-ugandischer Herkunft, nämlich Zohran Mamdani – und auch der wird von allen Seiten angeschossen, wenngleich bisher nur verbal. Besonders vor der Seite, zu der Giuliani gehört.

Das eskalierte inzwischen in eine Petition gegen Mamdani: Der soll beim Gedenken zum 25. Jahrestag von 9/11 nicht dabei sein und schon gar nicht reden, weil er, naja, eigentlich, weil er Muslim ist wie die Hijacker, und braun, und schwer links, und weil er versucht hat, Bibi Netanjahu zu verhaften, aber so wird das nicht verkauft.

Ihn auszuladen, weil er Muslim ist, wäre ungefähr so, als hätte man einen irisch-stämmigen Politiker wie Joe Biden, John F. Kennedy Jr., oder auch Rupert Murdoch von einem Gedenken an die Opfer des Oklahoma-City-Bombers Timothy McVeigh ausgeladen, weil McVeigh irischer Abstammung war. Unter Giuliani haben übrigens auch Freundschaftsvereine der NYPD und der Feuerwehr Gelder an die IRA gespendet, und warum auch nicht, aber ich schweife ab.

Die Petition gegen Mamdani hat Giovanni Galante initiiert, ein Immobilienmakler aus Florida, der seine Frau bei dem Anschlag verloren hat. Die Aktion wird als „Petition der Opferfamilien“ verkauft, aber unterschreiben kann jeder, von Alaska bis in Afghanistan. Gegen Giuliani haben die Opferfamilien nichts, jedenfalls nicht Galante, aber es sind ja auch beide Italiener. Wie auch Luigi Mangione, der den Vorstandsvorsitzenden der größten privaten Krankenversicherung erschossen hat.

Die Petitionisten haben auch nichts gegen Bush, der 9/11 damit verbracht hat, Kindern in einer Grundschule aus My Pet Goat vorzulesen und dann zu flüchten. Kommt eigentlich Bush zum Gedenktag? Oder Trump? Gibt es da Proteste?

Mamdani auf Seiten der Palästinenser

Neuerlich gibt es eine Kampagne gegen Dr. Anthony Fauci, der oberste Covid-Zuständige unter Trump, der übertrieben harte Corona-Regeln verhängt hat, aber auch Millionen hat sterben lassen, und der es mitvertuscht hat, dass Covid aus einem chinesisch-amerikanischen Forschungslabor in Wuhan in China entfleucht ist.

Letzteres halte ich nicht für unwahrscheinlich, aber mir ist aufgefallen, dass Fauci nicht von konservativen Italienern aus der republikanischen Partei attackiert wird, sondern hauptsächlich von Iren. Aber vielleicht bin ich auch nur paranoid.

Als die Flugzeuge in die Türme schlugen, war Mamdani neun Jahre alt und ging in New York in die Schule. Heute hat er politische Freunde wie Hasan Piker, der gesagt haben soll, Amerika habe 9/11 verdient, weil es die Besatzungspolitik von Israel in der Westbank unterstütze. Mamdani, glauben seine Feinde, habe sich nicht genug von der Hamas und dem Slogan „Globalize the Intifada“ distanziert.

Klar ist; Mamdani hat sich bereits auf seiner Wahlplattform auf Seiten der Palästinenser positioniert und gegen Israel, und er tut das nicht als einziger in Amerika. Mamdani hat viele Juden hinter sich, mehr als Netanjahu. Bernie Sanders denkt ähnlich. Oder der „Squad“, die linken Demokratinnen.

Im Prinzip geht es seinen Feinden um das Gesamtkunstwerk; seine Kritik an Israel-gesponsorten Militäreinsätzen; eingefrorene Altbaumieten, Steuern auf teure Zweitwohnungen, Beschränkung von Maklerrechten, staatliche Lebensmittelläden, oder, wie es Mamdani-Kritiker nennen, „Sozialismus“.

Ein Demokrat, der sich links positioniert und der zeigt, dass man auch Politik für Normalbürger machen kann und nicht bloß für Reiche, der ist eine Bedrohung für Washington, und zwar beide Parteien, nicht nur die Republikaner.

Unkoschere Verbündete

Ich aber mache mir Sorgen vor einer drohenden Balkanisierung Amerikas. Anders als Gallante sehe ich mich als Amerikaner, nicht als Wasserträger für eine bestimmte politische, ethnische oder religiöse Fraktion. Dass Netanjahu auch noch diese Spannungen schürt, ist ein gefährliches Spiel.

Denn in Amerika, von Los Angeles bis New York, entwickeln sich neue Mehrheiten, neue Immigranten-Communities, denen Israel nicht wichtig ist. Sich denen gegenüber als Interessensvertreter der Immobilienspekulanten und Kriegstreiber zu positionieren ist nicht gut für Bibi, und es ist erst recht nicht gut für amerikanische Juden.

Vor ein paar Wochen haben Unbekannte Hakenkreuze an die Wände der Synagoge von Pasadena gepinselt, ein Vorort von Los Angeles. Bei meinem alten New Yorker Freund um die Ecke hat ein Mann, offenbar ein Latino, einen Asiaten und einen Juden mit einem Schraubenzieher niedergestochen, auf offener Straße, unter Ahulla-Akbar-Rufen. Danach wurden tagelang Israel-Fahnen geschwenkt. In Miami, Florida, hat eine Frau einen jüdischen Jungen angegriffen, offenbar ganz ohne Grund.

Die Fragmentierung der USA nimmt immer feindseligere Züge an, und das macht mir Angst. In der Geschichte der jüdischen Diaspora war es nie gut für uns, zwischen verfeindete Fronten zu geraten. Niemand will in der Westbank 2.0 leben. Das hat meine rumänische Großmutter schon erkannt, bevor es eine Westbank gab.

Was die Petitionsunterzeichner um Gallante angeht, eines fällt an denen auf (außer, dass die meisten nicht aus New York stammen): Sie finden es komisch, dem muslimischen Bürgermeister damit zu drohen, ihn mit Schinkenspeck zu bewerfen. Wissen die eigentlich, dass gläubige Juden ebenfalls keinen Schinken essen dürfen? Also, mit solchen unkoscheren Verbündeten braucht man keine Feinde mehr.

Danny Patrick Rose

Danny Patrick Rose schreibt unter anderem Namen für die US-Fernsehshows Real Time und die Daily Show. Er begann als Stand-up-Comedian in seiner Heimatstadt Salt Lake City, studierte Civic Disobedience am City College in New York und arbeitete dann als Coach für das Baseballteam Boston Red Sox, Pizzalieferant für Tupac Shakur und Faktenchecker beim Council of Foreign Relations. Danach eröffnete er eine Stripbar in New Orleans. Als ihn das FBI als Person of Interest suchte, tauchte er in New Mexico unter, wo er bewusstseinserweiternde Kekse mit Kakteen kreuzte. Nach einem Burnout reiste er nach Indien, die Mongolei und Liechtenstein und verbrachte ein Jahr in London als Liebhaber der Duchess of York. Zurück in den USA, konzipierte er Sitcoms unter dem Pseudonym Tucker Carlson. Heute lebt der Autor des Politfachblatts The Onion und Hobbyveganer im Brooklyner Stadtteil Crown Heights mit seiner dreibeinigen Katze Petunia und zwei Piranhas. Die Verschwörung ist sein erster Roman. Er beruht auf einer wahren Geschichte.
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2 Kommentare

  1. Ich stimme dem Verfasser (natürlich) nicht in allem zu, aber er hat mit Sicherheit einen breiten Horizont, schreibt immer wieder mit skurrilen Wendungen, einer Portion Galgenhumor und ist dabei auch noch witzig, Respekt!

  2. So wie ich die Sache verstanden habe, geht es Mamdani um die Rettung des Kapitalismus – auch wenn sie es „Sozialismus“ nennen. Er will weg von den Trumpschen unzivilisierten Auswüchsen des US-Imperialismus. Ich denke, daraus wird bestenfalls ein demokratischer Imperialismus mit sozialem Anstrich, denn solange sie es nicht schaffen ihre Milliardäre zu entmachten, wird das nichts.

    Problematisch ist auch die Überzeugung der US-Bürger von ihrer Außergewöhnlichkeit, das findet man sogar bei den neu Zugezogenen. Für die Welt wäre es jedenfalls ein großer Fortschritt wenn sie ihre Kriege demnächst im eigenen Land führen würden, aber das würde ja ihrem Selbstverständnis als Retter der Welt widersprechen, und schließlich benötigen ihre Milliardäre ja Ausbeutungsobjekte – im Ausland natürlich und nicht im eigenen Land.

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