Der Tod von Würde und Aiwanger

Leonie Rabea Große, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Hubert Aiwanger starb überraschend mit 55 Jahren. Seine Todesursache ist bislang ungeklärt. Doch manche wissen bereits, was sie aus seinem Tod machen wollen. Über ein zunehmend würdeloses Land. Ein Kommentar.

Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger wurde gestern Abend leblos in einem Berliner Hotelzimmer gefunden. Zuvor hatte er sich unwohl gefühlt. Er sollte das neue Hauptstadtbüro seiner Freien Wähler eröffnen – diesen Termin sagte er jedoch noch ab. Nach Medienberichten gibt es bislang keine Hinweise auf eine Fremdeinwirkung. Die Todesursache ist noch ungeklärt.

Aiwanger war zu seinen Lebzeiten ein streitbarer Mann – er polarisierte die bayerische, aber noch viel mehr die deutsche Öffentlichkeit. Aber selbst jetzt, da er nicht mehr ist, scheint sein Name Beißreflexe auszulösen. Manche, die ihn ablehnten und politisch bekämpften, zeigen in den Netzwerken eine gewisse Erleichterung und Freude. Sterben: Recht geschieht es ihm. Soziale Netzwerke nennen wir diesen Ort des Sittenverfalls. Was bitte ist sozial an einer Einrichtung, in der jeder seinen unqualifizierten, kleinkarierten und grotesken Unsinn als ganz heißen Shit anpreisen darf? Aber wir kommen vom Thema ab.

Zwischen Freude und Verschwörungsgeschichten

Diese Leute, die ihre »klammheimliche Freude« ganz und gar nicht heimlich absondern, sondern sich lauthals erfreut über den Tod eines Menschen äußern, gab es zu allen Zeiten – Menschen mögen sterben, aber der Kleingeist ist einfach nie totzukriegen. Andere erklärten, dass sie keine Trauer empfinden könnten – das sei ihnen gestattet, es gibt keine Trauerpflicht. Aber warum muss man das äußern? Wieso nicht einfach die Klappe halten und es mit einiger gewissen Würde gut sein lassen? Das geht natürlich in der heutigen Zeit nicht mehr, jeder muss seine Haltung zeigen – auf Kosten eines Verstorbenen, auf Kosten seiner Angehörigen. Auch das ist nicht verboten. Es ist nur infam, es ist gottlos überheblich. Eine perfide, weil betulich daherkommende Form von dem, was hierzulande schlagwortartig »Hass und Hetze« heißt.

Es gibt aber auch noch die anderen, die den Tod des Hubert Aiwanger auf andere Weise für sich instrumentalisieren. Die ersten Vergleiche mit Uwe Barschel wurden sogar gezogen. Der starb schließlich auch in einem Hotelzimmer. Wie viele Menschen sterben in Deutschland jährlich in Hotels? Einige werden es wohl sein, das Statistische Bundesamt führt darüber keine Zahlenreihen. Sind das alles verdächtige Todesfälle? Über die genaue Auffindesituation Aiwangers ist bislang nichts öffentlich bekannt. Dennoch wird dieses Bild aufgemacht – von Leuten, die von sich behaupten, besonders aufgeweckt zu sein. Nein, nicht die Woken, die anderen Aufgeweckten, die kritischen Leute, die von sich behaupten, sie seien Staatsbürger, die immer und überall Skepsis zeigen.

Eine löbliche Haltung – wenn sie nicht zur Paranoia wird. Oder zur Orthodoxie. Skeptisch sein ist eine Bürgertugend – eine seltene zumal. Aber dennoch muss sie sich bei solchen Vorwürfen wie einer Tötung an Fakten halten. Oder an Beweisen, um es im kriminalistischen Jargon auszudrücken. Welche Belege sind der Öffentlichkeit also nun bekannt, die auf eine Tötung des bayerischen Wirtschaftsministers hinweisen könnten? Richtig: Es sind genau null. Zur Stunde jedenfalls. Vielleicht ändert sich das noch. Ausgeschlossen ist das nie. Aber im Augenblick gibt es keinen Beleg dafür, dass Aiwanger getötet wurde. Dennoch wird in den Netzwerken spekuliert, auch bei denen, die während der Pandemiejahre aus gutem Grund skeptisch und standhaft blieben. Sie holen nun auch Aiwangers Impfung hervor. Er wollte nicht, ließ sich wie so viele jedoch dazu treiben – fünf Jahre später stirbt er im Hotel und sie konstruieren Zusammenhänge.

Wachkoma statt Aufgewecktheit

Gibt es dafür hinreichende Belege? Nein. Wieder nicht. Dass ein Zusammenhang nicht ausdrücklich ausgeschlossen wurde, ist noch kein Anhaltspunkt dafür, dass er besteht. Das Bauchgefühl wird zum Indiz. Wenn ein umstrittener Mann wie Aiwanger so früh stirbt, dann könne da was nicht stimmen. Starben denn nicht zu allen Zeiten Menschen jungen Alters? Und starben nicht viele von ihnen plötzlich und unerwartet? Eben noch kreuzfidel, fielen sie im nächsten Augenblick um und waren tot. Das kommt vor. Schon vor den Corona-Impfungen gab es ein solches Phänomen. Es traf streitbare Leute und beliebte Menschen – bekannte Gesichter und unbekannte Zeitgenossen. Der Tod halt, er ist nicht wählerisch. Muss man das diesen ach so skeptischen und aufgeweckten Leutchen nun wirklich explizit noch mal sagen?

Was für ein gottloser Umgang mit dem Tod eines Menschen! Freude hier, Spekulation dort – und immer geht es nur um eine Sache: um einen selbst. Der tote Aiwanger muss jetzt dafür herhalten, dass irgendwelche Kleingeister ihr eigenes politisches Weltbild der Öffentlichkeit feilbieten können. Während die einen vor Freude und Dankbarkeit juchzen – wem danken sie eigentlich? Gott kann es ja wohl nicht sein –, reißen sich die anderen die Causa ohne nennenswerte Faktenprüfung unter den Nagel und konstruieren Verschwörungsdenk aus einer morgendlichen Laune heraus. Sie nennen das dann: kritisch sein.

Kritisch ist aber nicht das. Kritisch ist der Umgang mit solchen Vorfällen. Eine Kultur des »Ich-weiß-auch-was-zu-sagen« hat sich manifestiert, die ein gesellschaftliches Klima erzeugt hat, in dem Aufrichtigkeit und Pietät immer weniger zählen. Die Umstände von Aiwangers Tod sind noch nicht geklärt, aber im Moment sieht es nicht so aus, als habe es Fremdeinwirkung gegeben. Deutlich zeigt sich hingegen schon jetzt, wie würdelos in diesem Land mit dem Tod eines Menschen umgegangen wird. Und es sind nicht die Mainstreamer alleine, die das bewerkstelligen, sondern auch die vermeintlich so alternativen Aufgeweckten, die mitmischen in den Fahrgewässern der Würdelosigkeit. Ob sie je begreifen, dass es kein Ausdruck von Wachheit ist, wenn sie alles bespringen, was sich ihnen thematisch bietet, um daraus eine neue Geschichte zu drechseln? Manche scheinen ihr Wachkoma mit Aufgewecktheit zu verwechseln.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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