Der Russe in uns

Babuschka, Russen, Deutsche

Wie können wir den Ukrainern helfen, mehr Russen zu töten? Diese Frage stellte neulich ein Journalist den ukrainischen Präsidenten. Der Russe – der Feind – das Andere. Ist er das tatsächlich?

Der Russe ist anders. Ganz anders. Eine menschliche Kreatur zwar, aber ein vollkommen anderer Mensch als wir, die wir in diesen mitteleuropäischen Gefilden leben. Wir wissen heute wieder, was unsere Großeltern schon zu wissen glaubten: Der Russe, der kommt aus der Steppe, aus Landstrichen, in denen Menschenleben nichts zählen. Er sieht zwar aus wie wir, geradezu europäisch – aber wir dürfen uns nicht täuschen lassen.

Denn er ist gewalttätig, brutal, sein Verhältnis zum Tod oder gar zum Töten unterscheidet sich gravierend von uns, den kultivierten Vertretern der Menschheit. Freiheit bedeutet dem Russen nicht sehr viel, er braucht das Joch, er will sich unterordnen, einer starken Hand ist er nie abgeneigt. Propaganda geht er – dumm wie er ist – auf dem Leim. Der Obrigkeit folgt er blind – bis in den Krieg, einen Zustand, der als des Russen Normalität gilt. Er gehorcht. Er erduldet. Und er schweigt.

Ausgerechnet der Deutsche!

Der Russe ist mehr als der Vertreter oder Bürger seines Landes – in unseren Breitengraden gilt er als Charaktertyp, als ein ganz spezieller Menschenschlag, als das Fremde – ja, er gilt nun wieder als der Klingone unter den Völkern. Diese Spezies, die in den Sechzigerjahren von den Machern der Science-Fiction-Serie Star Trek erfunden wurde, war an den Russen, am russischen Sowjetmenschen angelehnt – die dunklen haarigen und bärtigen Kolosse, deren Gesichtsausdruck immer aggressiv ist, lieben den Krieg, das sadistische Liebesspiel und ziehen den ehrenvollen Tod einem auch nur mittelmäßigen Leben vor. So malte sich der Westen den Russen damals aus – und so sieht er ihn heute wieder.

Russen haben keine autoritäre Regierung, mit der sie hadern – nein, sie sind die Ursache für die Autorität, denn sie wollen es so. Andere Völker sind Verführte, sind Opfer von rabiaten und verführerischen Eliten. Aber nicht der Russe! Denn er liebt es, sich unterordnen zu müssen – längst ist das Russische wieder zu einer Spielart des Höllenhaften herabgewürdigt.

Und ausgerechnet der Deutsche tut sich nun mit Expertise hervor. Er weiß offenbar besonders qualifiziert einzuschätzen, was den Russen in seinem Innersten antreibt. Der Kabarettist Wolfgang Neuss sagte einmal: »Seht, wie das Gesicht eures Feindes euch entsetzt, weil ihr erkennen müsst, wie sehr es eurem eigenen ähnelt.« Hier kommen wir der Sache wohl näher – der Russe ist gar keine physische Gestalt, sondern ein Spiegelbild der deutschen Seele, das mehr über den Deutschen verrät, als es das je über den Russen könnte.

Der Russe obrigkeitshörig? Vielleicht! Aber ausgerechnet der Deutsche, dieser traditionell rückgratlose Landsmann, weiß darüber zu berichten? Der Russe unterwerfe sich allzu gerne staatlicher Autorität? Möglich! Warum aber muss der deutsche Untertan mit dieser Erkenntnis hausieren gehen? Der Russe glaubt mit Wonne der Propaganda? Das wird es geben! Doch ausgerechnet der Deutsche, dessen politische Öffentlichkeit selbst von reichlich gesetzten Narrativen lebt, weiß das zu diagnostizieren?

Der Russe wird dringend gebraucht

Eine gewisse Komik steckt in dieser Betrachtung des Russischen aus deutscher Warte. Aber darin ist noch deutlich mehr enthalten. Der Russe wird gebraucht, um das eigene historische Versagen je und je zu kaschieren. Der Andere, der der Russe sein soll, ist in Wirklichkeit ein Abziehbild deutschen Buckelns vor der Wirklichkeit und der Obrigkeit. Man projiziert den eigenen Makel auf das Fremde aus dem Osten – der Russe, wie er sich imaginiert wird, ist in Wirklichkeit die deutsche Schattenseite, das was man selbst über sich weiß, aber nie zu sagen wagte. Das Feindbild beinhaltet ein gerütteltes Maß an Selbstauskunft.

Heinrich Mann brauchte keinen Russen, um seinen Untertan zu schreiben. Seine Russen waren seine deutschen Landsleute. Sie hatten schon alles verinnerlicht, was sie den Russen aus Tradition längst anhefteten. Wir müssen nicht so weit zurückgehen, blicken wir zurück auf die letzten Jahre, auf die Pandemie: Ganz ohne Russen liebte eine deutliche Mehrheit den Freiheitsentzug und liebkoste die Obrigkeit – »russischer« ging es nicht. Der ausgewiesene Hass auf das Russische, der sich in den schlimmsten Zeiten ins Mörderische steigerte, mag auch daher rühren, weil man einen Kampf gegen all die Reflexe führt, die man in sich selbst spürt, an sich selbst wahrnimmt, die man an der eigenen Person verabscheut. Der Russe war stets, nur insgeheim mochte man sich das eingestehen, dem Deutschen ziemlich ähnlich.

Vielleicht braucht es deshalb diesen Russen so dringend, damit wir in unserer Vorstellung das Gegenteil von ihm sein können. Er ist unfrei, damit wir uns einbilden können, frei zu sein. Er ist obrigkeitshörig, damit wir uns unsere Selbstständigkeit einreden können. Er ist kriegerisch, damit wir glauben, unser Blutdurst sei nicht vorhanden. Er ist verblendet, damit unsere Weltsicht als nüchternes Ergebnis etwaiger Informationen gelten kann. Und er ist barbarisch, damit wir als zivilisiert erscheinen.

Vielleicht entsetzt uns deshalb das Gesicht des Russen so sehr. Denn es sieht aus wie das Gesicht eines Deutschen.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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6 Kommentare

  1. Well, wie war das noch mit Herrn Wadephul? Der Russe war immer unser Feind und wird es auch immer bleiben?
    Und was sind die Ukrainer? Der Russe sieht sie als »slawisches« Brudervolk. Und der Westen? Auf keinen Fall als Slawen?! Aber was dann? Und was unsere Herrschaften von damals zu den slawischen… ich kann es so nicht schreiben, Menschen mit einem U davor gesagt haben ist der gleiche Stuss wie ein Herr Wadephul von sich gibt. Die Ukrainer sind leider die Bauernopfer. Die Russen auch. Lassen wir das. Moment. Wenn ein Herr Wadephul die Russen als Feind von damals, heute und morgen bezeichnet ist das nicht schon Volkverhetzung? Das sollte wich mal einer von der nicht wählbaren AFD leisten. Ach ja AFD, Regierungsbeteiligung? Ist nur wann möglich? Mit einem »Sir! Yes, sir!« zur Nato. Schon vergessen? Sozialpolitik der AFD? Kein Thema. Warum? Weil die noch »schlimmer« sind als die anderen? Vulgo CDU/CSU? nicht? Nein?

    1. @Kommentarium
      Danke für den Link, auch wenn ich wenig Hoffnung habe das Merz oder Wadpfuhl ihre Politik dadurch ändern werden.
      Trotzdem ist es wichtig Farbe zu bekennen und NEIN zum Völkermord zu sagen,
      Herr Bundeskanzler, wenn Sie sagen: „Israel macht die Drecksarbeit für uns“ Dann sage ich: „NICHT IN MEINEM NAMEN!“

  2. Einfach als Ergänzung, es gibt viele Arbeiten über Russophobie …
    Hier einige Beispiele

    https://multipolar-magazin.de/artikel/die-langen-linien-der-russophobie

    Veröffentlicht von: taukey | 31. Mai 2026, 16:38 UTC | 15
    Der Westen betrachtet die Russen als ein hartnäckiges Volk, das sich der Kolonisierung widersetzt.
    Selbst aus rein defensiver Sicht stellt Russland damit eine existenzielle Bedrohung für die westliche
    Kolonialordnung dar.
    https://www.moonofalabama.org/2026/05/ukraine-open-thread-2026-113.html#comment-1363402

    Manfred Weißbecker
    „Die Russen kommen …“ Ein Blick in die Geschichte der Russophobie
    oder
    Geschichtliches und Aktuelles zu deutscher Russophobie
    Vortrag, gehalten am 1. Juni 2015 in einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen e.V. in Jena
    https://th.rosalux.de/fileadmin/ls_thueringen/dokumente/pdf/Wei%C3%9Fbecker_Russophobie.pdf

    Jeffrey Sachs: Europäische Russophobie und Europas Ablehnung des Friedens: Ein zweihundertjähriges Versagen
    https://cirsd.org/activities/european-russophobia-and-europes-rejection-of-peace-a-two-century-failure/

    etc.

    Ach so, fragt doch mal wer überhaupt schon mal mit einem Russen gesprochen hat oder einen kennt …

  3. Ich mag die Russen.
    Noch nie hatte ich solch herzliche Leute getroffen auf dieser Welt.
    Sie sind mir näher als die meisten Europäer und ich bin wirklich rumgekommen

  4. Wenn die deutschen Eliten( nein,solche Leute sind mit Sicherheit keine Eliten)mit dem Russenhass so weitermachen,
    dann landen wir wieder im Hitlerfaschismus mit dem Russen als Untermenschen.
    Wobei der alte Fuchs Bismarck immer gesagt hat: Immer mit Russland,nie gegen Russland.
    Und Frau Weidel wird die nächste Bundeskanzlerin

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