Der Krieg gegen das Virus und die Wiederherstellung des sozialen Friedens

I-Love-Lockdown-Sticker an Lampenmast.
Hadi, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Über das Aufräumen der Gesellschaft am Ende der Corona-Politik.

Nun, da die Anspannung der letzten Jahre anderen Anspannungen weicht, kommt das Versöhnen auf die Tagesordnung. Es wird eingeräumt, dass der Staat hier und da vielleicht überreagiert haben könnte. Man sieht in China, wohin der Anspruch, „das Virus zu besiegen“ führt. Aussagen werden zurückgenommen, relativiert oder aus dem Verkehr gezogen, der Ton wird leiser. In den USA wird sogar eine Amnestie gefordert.

Und es ist wahr: Eine Gesellschaft braucht Frieden. Nicht nur äußeren Frieden, der ja gerade leider nicht zu haben ist, sondern auch inneren Frieden, aus dem allein das Zusammenleben der Menschen gedeihen kann. Auch ich bin sehr an diesem Frieden interessiert. Als jemand, der sich von Anfang an kritisch zur Corona-Politik verhalten hat, möchte ich deshalb nach den Möglichkeiten von Versöhnung fragen.

Wütende Streithähne?

Zunächst ist da ein falsches Bild zu korrigieren. Immer wieder ist in den letzten drei Jahren mit der Vorstellung operiert worden, Befürworter und Gegner der Corona-Politik stünden sich auf Augenhöhe gegenüber wie zwei verbohrte Kinder, die in Streit geraten sind; als könne man sich in die Mitte stellen und dafür sorgen, dass sie sich die Hand reichen. Schon die vielzitierte Aussage des damaligen Gesundheitsministers Spahn, man werde „einander verzeihen müssen“, arbeitete mit dieser Vorstellung. In solchen Sprachfiguren werden sowohl soziale als auch sachliche Umstände vertuscht.

Befürworter und Gegner der Politik standen sich beileibe nicht gleichberechtigt gegenüber. Die einen hatten die Macht im Rücken, die anderen hatten sie vor Augen. Es waren ausgerechnet jene von der Macht attackierten Kritiker, die auf die gewohnten Spielregeln der demokratischen Gesellschaft verwiesen, die also elementare Rechte (vom Demonstrationsrecht bis zur körperlichen Unversehrtheit) forderten und das freie Spiel wissenschaftlicher Argumente, das Primat der parlamentarischen Willensbildung und nicht zuletzt eine faire Diskursgestaltung in den Medien einklagten. Wir reden hier nicht über eine etwas aus dem Ruder gelaufene Debatte, sondern über einen durch und durch asymmetrischen und deshalb bedrohlichen Konflikt. Dass sich auch Kritiker in diesem Konflikt im Ton vergriffen haben mögen, tut hierbei gar nichts zu Sache.

Akzeptiert man diese Korrektur des Bildes vom gegenseitigen Verzeihen, wird deutlich, dass die Wiederherstellung des sozialen Friedens etwas komplizierter ist als die Mahnung an zwei in Wut geratener Streithähne.

Entschädigung, Wiedergutmachung und öffentliche Rehabilitation

Man bewegt sich hier auf zwei verschiedenen Ebenen. Da ist zuerst die grundsätzliche Ordnung des Friedens, die wiederhergestellt werden muss, bevor man auf einer Fachebene miteinander über die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen sprechen kann. Denn die Auseinandersetzung mit dem Coronavirus erfolgte in Formen, die man sonst nur von Kriegen kennt: Mobilmachung, mediale Propaganda, Indienstnahme von Wissenschaftlern, Aussonderung von widerspenstigen Akteuren und von Informationen, die dem Sieg gegen den ausgewählten Feind schaden könnten, aggressive Handhabung von Verweigerern und nicht zuletzt die maßlose Bereitschaft, Opfer zu bringen, seien es Schulschließungen oder Schäden an der psychischen Gesundheit, sei es die Einsamkeit der Sterbenden oder die Akzeptanz medikamentöser Nebenwirkungen. An dieser gesellschaftlichen Organisationsform ist nicht das eine oder andere, daran ist alles falsch.

Ist die Ordnung der Gewaltenteilung wiederhergestellt, haben jene, die durch die Corona-Politik einen Schaden erlitten haben, Ansprüche auf Entschädigung, Wiedergutmachung und öffentliche Rehabilitation. Solange dieser Punkt nicht erreicht ist, kann von Versöhnung nicht gesprochen werden.

Erst den Krieg beenden

Die anderen Ebene wird von der menschlichen Erfahrung gebildet, von dem, was an verstörenden Erlebnissen, Ängsten und psychischer Drangsal erzeugt wurde. Wer in den Medien als Verfassungsfeind, Ratte oder Blinddarm bezeichnet wurde, kann nur auf eine Entschuldigung hoffen, wenigstens auf ein Zeichen des Bedauerns der verantwortlichen Redaktionen. Die Grenze zwischen erlittenem Schaden und gemachter Erfahrung ist nicht immer leicht zu ziehen. Die Bildungsdefizite seiner Kinder oder die Trauer, seine Angehörigen in den Pflegeheimen kontaktlos verloren zu haben, wird man jedenfalls kaum geltend machen können. Dennoch ist es möglich, seinen Frieden zu machen, auch im persönlichen Miteinander, wenn die gesellschaftlichen Spielregeln wieder intakt sind.

Versöhnung ist ein großes Wort. Man sollte es nicht ausschließen, aber man darf es politisch nicht fordern. Es bleibt eine persönliche Handlung, die Entscheidung jedes Einzelnen. Damit das Versöhnen ermöglicht wird, müssen sich die Institutionen der Gesellschaft zunächst darauf konzentrieren, das Vertrauen in ihre Funktionsweise wiederzugewinnen. Denn auch jene, die vehement eine „harte“ Corona-Politik forderten, haben ja das Vertrauen in das Recht, in die Medien, in die Wissenschaften oder in die Politik längst verloren, vielleicht noch schlimmer und bodenloser als die Kritiker. Sie waren ja nicht mehr bereit, diesen Teilsysteme der Gesellschaft ihre ureigene und beschränkte Arbeit zuzubilligen und den Rest den Menschen selbst zu überlassen.

Ich bin überzeugt, wäre dieses institutionelle Vertrauen erneuert, käme auch das Verzeihen und Versöhnen zustande und die Menschen in Familien und Freundeskreisen gingen wieder aufeinander zu. Dagegen zu erwarten, sie sollten es über diese schlimmen Jahre hinweg einfach gut sein lassen, das wird nicht funktionieren. Wer Frieden will, muss zunächst den Krieg beenden.

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13 Kommentare

  1. Nach dem ersten Lockdown hätte man noch diskutieren können. Aber was danach kam waren Nötigung und Freiheitsentzug! Wieder besseren Wissens genauso wie die Atomkriegsgefahr jetzt von fast allen Seiten Forciert wird.

    Also! Kein Pardon No Mercy

  2. Ein Jammer, aber es ist und war kein Krieg gegen „das Virus.“ Es ist und war ein Krieg gegen Menschen und er ist nicht vorbei. Dazu braucht man sich nur die die Erklärungen der G20 Regierungen vom 16.11 anschauen, die sie aufgrund der B20 Konzernempfehlungen ausgesprochen haben.
    Frieden ist nicht zentral, den können sie auch in einer Diktatur haben. Gerechtigkeit ist z.B. etwas das zentral ist. Das wäre eine bessere Basis für Frieden.

  3. Leider ist es noch lange nicht vorbei. Die Stadt Wien beharrt nach wie vor auf Masken in den Öffis, Teile der Linken treffen sich nur mit Maskenzwang oder G3. Nur die Klügeren aus der Riege der Impflobby wissen, der Zug ist für sie abgefahren.

    1. Zustimmung. Ich habe neulich eine wirklich gute Kleiderspende zur Arche gebracht, z.T. neuwertig, bin quer durch Berlin mit den Öffis gefahren und wurde dann an der Tür in der Kälte abgefertigt, durfte nicht mal kurz in ein Büro, weil Corona-Maßnahmen! Alles ist ja noch so gefährlich. Als ich meinen Ärger darüber kundtat, fiel der Satz „wir können ja nicht Hinz und Kunz reinlassen“ Bei Oxfam habe ich mal auf dem Absatz kehrt gemacht, als ein Herr mich wegen fehlender Maske anschnauzte und mein Attest auch irrelevant fand. Und mein ehemaliges Mündel, der nach einer Nierentransplantation noch im Krankenhaus liegt, darf auch nicht besucht werden und leidet unter den verheerenden Zuständen, die durch die Ökonomisierung und die Maßnahmen entstanden sind. Er hat auch den Vergleich, weil zum Beginn seiner Erkrankung und immer mal wieder für längere Zeit ins Krankenhaus musste und den gewaltigen Unterschied feststellt.
      Es mag zwar eine gewisse Entspannung geben, aber die Leute sind zum Teil immer noch völlig verängstigt durch diesen Propaganda-Tsunami und noch immer wird besonders in sozialen Einrichtungen ein Riesen-Bohei um die angeblich so notwendigen Maßnahmen gemacht, Oder Einstein-Forum, nur mit Maske etc., NGOs planen Aktionen und weisen auf die angeblich notwendig zu befolgenden Maßnahmen hin.
      Ich weigere mich schlicht, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen, auch wenn ich deren Inhalt teile oder sie interessant finde.

  4. „Sozialer Frieden“, klingt schön, so wie Friedhofsruhe. Und darum geht’s, die einzigen Vorteilnehmer von sozialem Frieden sind die Machthaber und das Kapital. Dann geht die Ausbeutung systemisch weiter und die Auswirkungen der Krisen können aufs Volk abgeladen werden.
    Am liebsten ist den Mächtigen, wenn der Pöbel sich freiwillig unterordnet, wie es der Autor vormacht.

  5. Ein Versuch, die Diskussion auf eine Metaebene zu heben – als wäre inhaltlich alles klar, die Querschläger hätten recht gehabt, nun gelte es, Satisfaktion einzufordern. Das ist natürlich blühender Unsinn. Die Staaten haben in Wirklichkeit massiv unterreagiert, vorallem anfangs, als man eine globale Ausbreitung noch hätte verhindern können. Statt Zero Covid Flatten the curve. Und später wurde, gerade in Deutschland, aus durchsichtigen ökonomischen Gründen, alles auf die Karte mRNA-Impfung gesetzt und konservative Massnahmen vernachlässigt. Noch heute ist z. B. in Schulen und weiteren Innenräumen, in denen sich grössere Menschengruppen längere Zeit aufhalten nicht vorgesorgt, obwohl das Fraunhofer-Institut schon vor über zwei Jahren eine preisgünstige Entlüftungsanlage konzipiert hatte.
    Nach wie vor sterben global Tausende täglich und die Wahrscheinlichkeit, dass gelegentlich eine besonders hässliche Mutante auftritt, ist hoch, schliesslich sind die Rekombinationsmöglichkeiten des Virus mittlerweile schier unerschöpflich. Und dann ist dann noch das Long-Covid-Problem. Aber klar, warum sollen die kapitalistischen Gesellschaften besser mit einer Seuche umgehen können, als mit vielen anderen gesundheitlichen Problemen, Beispiel Antibiotika-Missbrauch mit Multiresistenzenfolge.

    Covid ist nicht der Weltuntergang, bloss eine weitere massive volkswirtschaftliche Belastung und selbstverständlich eine potentiell tödliche Gefahr für einzelne Menschen. Das gesellschaftliche Versagen im Umgang damit ist allerdings ein Menetekel im Hinblick auf all die anderen Probleme, die bald auf uns einstürzen werden.

    1. Aha Pnyx,
      langsam, ganzlangsam kommt die Erkenntnis auch bei dem Letzten Betrugsopfer an. Spätestens nach dem ersten Lockdown (Flatten the Curve) war es klar was da nicht richtig Verstanden wurde. Vielleicht mal ne Wahrheits-Kommission wie in Südafrika versuchen. Ihr habt Long Covid Probleme und ich kein Pardon für mutwillig selbst gewählte Naivität!

    2. Schade, ich finde Ihre sonstigen Beiträge immer sehr gut, aber wenn ich von Ihnen diesen dummen Begriff ‚Querschläger‘ lese und dann die weitere Argumentation, dann frage ich mich, oder besser Sie, wo denn hier Ihr kritischer Verstand geblieben ist.

    3. Faszinierend Pnyx, nicht wahr:

      Horrorprognosen versus Wirklichkeit
      Volle Fussballstadien gehen, Kleinkunst nicht: Wie der Irrsinn normal wird

      Das grosse Sterben wurde vorhergesagt, als an der Fussball-EM proppenvolle Stadien im Fernsehen zu sehen waren. Es blieb aus. Nicht einmal ein Ansteckungsherd waren die Grossveranstaltungen. Aber ein beschauliches Kleinkunstfestival in St.Gallen muss die Waffen strecken. Wo ist da die Logik?
      Stefan Millius am 23. Juli 2021

      https://www.dieostschweiz.ch/artikel/volle-fussballstadien-gehen-kleinkunst-nicht-wie-der-irrsinn-normal-wird-LJRYdVX

  6. Bei dem Thema COVID haben sich die Protagonisten in ihrem jeweils eigenen Narrativ verfangen.
    Nun stellen sich die „Zauberlehrlinge“ die Frage, wie sie die Geister, die sie riefen, wieder los werden.
    Der „Westen“ kann seinen Bürgern jetzt sagen: „Seht nur, wie brutal Chinas Abriegelung war und noch ist, so weit würden wir nie gehen, denn uns liegen eure Rechte am Herzen“.
    Gleichzeitig kann China sagen: „Seht nur, wie lasch und unorganisiert der Westen mit dem Covid reagiert hat, wir würden niemals so nachlässig sein, denn wir sorgen uns um eure Gesundheit“.
    So etwas nennt man „Falsche Dualität“ und dem bodenständigen Impfverweigerer bleibt nur ein Kopfschütteln.

    1. Vor allem ist es aber zum Schreien, wie die dortigen Protestierer gefeiert werden, während bei uns dem Zusammenknüppeln, mit winterlichem Wasser „Berieseln“ und allen sonstigen Ausgrenzungsmaßnahmen von Maßnahmenkritikern begeistert zugestimmt wurde und auch da bis heute nichts bedauert wird.

      1. du solltest dich dringend behandeln lassen…
        erst mit wuhan, dann etwa drei monate später „beta“ und denne, naja, so andre varianten und denne „delta“ und nuja, vielleicht mal n mix in aller freiheit….ja, also wirksame behandlung -versteht sich….
        🙄 ….

  7. Der Unterschied liegt im Weltbild.
    Hält man C19 für ein biologisches Sachproblem oder ein politökonomisches Macht- und Profitproblem; wo beides müßt ma gewichten.
    Im ersten Fall guckt man in der Natur nach (die leider nicht so auskunftsfreudig ist wie man möcht),
    im zweiten Fall liest man Foucault und Agamben.
    Zusätzlich verwirrend ist, daß Kwerdenker „Freiheit“ für individuellen Besitzstand aus Menschennatur halten,
    also ein idealistisches Wunschbild glauben, statt für Erlaubnis der Obrigkeit.
    Unsere Regierung kommuniziert auch noch schlecht selbst wenn sie das Richtige verlangt (oft nicht und der überforderte Lauterbach erst recht nicht).
    Fakt ist: Unter vergleichbaren Staaten ist Döland gut durchgekommen (was auch an Geografie liegt).
    Was jetzt noch gestritten wird geht längst nicht mehr um Covid.

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