Der Anschlag auf eine Lebenslüge

Karl Marx mit Turban - KI generiert
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Die Bundesrepublik wird terrorisiert. Selten noch von Islamisten, häufig aber von deren ungleichen Freunden.

Kaum fand der Schrecken nach dem Anschlag auf den Christopher-Street-Day in Berlin zumindest auf der Straße ein Ende, da verlagerte er sich in den öffentlichen Debattenraum. Die üblichen Verdächtigen, Leute, die im Regelfall links stehen, machten einfach da weiter, wo der junge Islamist aufgehört hatte. Sie terrorisierten die Öffentlichkeit in einem vielleicht bis dato kaum dagewesenen Maße – und dies nur, um die eigene Lebenslüge weiter auf Kosten der Allgemeinheit ausleben zu können. Wie alte ägyptische Hohepriester einst, stürzten sie sich auf das Ereignis und fingen damit an, es nach Vorstellungen der herrschenden Ordnung zu deuten.

Jede Gesellschaft hat ihre Deutungsfunktionäre – heute gibt es dergleichen vielleicht mehr als je zuvor in der Geschichte menschlicher Machtsicherung. Auch, weil der Markt für Deutungsagenten liberalisiert wurde – bei gleichzeitiger Alimentierung von verkappt-staatlicher Seite. In diesen Tagen muss man nicht mehr komplex in eine Geistesschule eingewiesen oder ein Gedankengebäude eingeführt werden, um die deutungspriesterlichen Weihen zu erhalten. Es gibt auch kein Initiationsritual, das kenntlich machte, dass man nun zur Elite der Deuter gehört. Nein, heutzutage reicht es vollkommen aus, einen nichtregierungsorganisierten Social-Media-Kanal zu haben, auf dem man dann seine Deutungen unter die Dummköpfe bringen kann. Wenn es gelingt, dass die Mehrheit der Dummen einen aus der Hand frisst, bleiben die politischen Machtverhältnisse halbwegs unberührt. Der NPC ist die zeitgenössische Prätorianergarde des woken Betroffenheitsregimes und seiner politischen und medialen Funktionskaste.

Leider kein weißer Christ

Die Quintessenz der mannigfachen Deutungen lässt sich schnell zusammenfassen, sie lautet: Nein, es gibt keine Lebenslüge. Nein, wir haben uns nicht getäuscht und auf falsche Freunde gesetzt. Nein, wir müssen weiter am Kurs festhalten. Und ja, alles, was dazu im Widerspruch steht, muss dringend unterbunden werden. Besser wäre es da gewesen, ein weißer Mann hätte die Tat begangen, ein Cis-Hetero, der überdies auch noch offensiv als Christ auftritt, der konservativ ist, einer vielleicht sogar, der die AfD nicht in Bausch und Bogen verurteilt. Ein solcher Attentäter hätte die vorher angekündigten Warnungen, wonach die Rechten die größte Gefahr für die CSD-Community seien, aufs Schönste bestätigt. Dumm nur, dass es ganz anders war – es war ein Kanake. So formulierte es eine junge Frau in Berlin, wobei sie dieses K-Wort hörbar liebevoll benutzte, wie einen Kosenamen für jemanden, der »zu uns« gehört. Ein weißer Christ wäre ihr, so betont sie, durchaus lieber gewesen.

Das verwundert nun wahrlich nicht. Denn das Attentat, der islamistische Hintergrund desselbigen, hat die wichtigste Lebenslüge der zeitgenössischen Linken gut sichtbar aufs Tapet gelegt: Das Faible für den Islam, das man in langen Jahren kultiviert hatte. Die Nähe war stets geprägt von der Zurschaustellung linker Dummheit, die für ein extremistisches Gedankengut – wie dem des radikalen Islam – zupasskam. Extremisten würden Linke wählen – was heißt da »würden«? Die gemeinsame Ablehnung des westlichen Gesellschaftsmodells – wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen –, ließ in der westlichen Linken eine Islamfreundlichkeit heranwachsen, dem überhaupt nicht der Sinn danach stand, die dramatischen Unterschiede erkennen zu wollen, die zwischen links und islamisch zu finden sind.

1994 hatte der Vorsitzende der kleinen britischen Socialist Workers Party – ein Mann namens Chris Harmann – einen Aufsatz veröffentlicht, der den Titel »Der Prophet und das Proletariat« trug. Harman ging in der Arbeit der Frage nach, wie antikapitalistisch und damit wie aufgeklärt für linke Ansätze der Islam tatsächlich sei – und ob sich ein gemeinsames Bündnis beider Seiten gegen die liberale Marktwirtschaft und ihren Profiteuren rechtfertigen ließe. Zwar attestierte der Autor vielen islamischen Bewegungen, auch und ganz besonders den radikalen Ablegern, dass sie ein soziales Motiv in sich tragen würden, sie seien schließlich aus sozialer Ungerechtigkeit hervorgegangen, aber für eine emanzipatorische Partnerschaft eignete sich der Islam für europäische Linke auf gar keinen Fall. Denn die Ideologie des radikalen Islam widerspreche linken Vorstellungen maßgeblich. Über solche Nebenwidersprüche sind die zeitgenössischen Linken längst hinfort geschritten – und selbst wenn sie sich nun aufdrängen, weil sie in der Realität einschlagen wie eine Bombe, hält man am fatalen Irrtum dieser eigentümlichen Kooperation fest. Die Lebenslüge wird weiter beatmet, weiter an lebenserhaltenden Maschinen angeschlossen, auch wenn sie in letzter Konsequenz Leben tilgt und weiter gefährdet.

Lebenslüge: Der Islam als Alternative

Es darf einfach nicht sein, dass man sich jetzt mindestens drei Jahrzehnte – in Wahrheit gibt es zwischen Linken und Islam schon sehr viel länger fruchtbare Beziehungen, immerhin lernten linke Radikale im Nahen Osten einstmals das Schießen – auf einen vollkommen falschen Partner konzentriert hat. Wenn ich das hier schreibe, glauben Sie mir, ich packe mich an der eigenen Nase. Vor knapp 20 Jahren, als ich noch einen kleinen Blog mein Eigen nannte, habe ich immer wieder und im der Tonalität des absoluten Durchblicks erklärt, dass man den Islam – auch den radikalen – völlig falsch verstehe. In ihm ruhe schließlich die Weisheit einer längst überkommenen Welt, in der die Vermarktungszwänge, die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche, schlicht gesagt: »der Kapitalismus«, noch nicht Fuß gefasst habe – ja, die muslimische Weltgemeinschaft würde sogar einen Kampf gegen dieses von US-Institutionen etablierte System führen. Damit sei der Islam gewissermaßen ein natürlicher Partner jedes Linken.

Gezielt musste ich hierbei ausblenden, dass Akteure aus dem arabischen Raum, oftmals wahhabitische Hardliner, zu den erfolgreichsten Kräften der hiesigen Weltordnung gehörten. Aber dem konnte ich ja treudoof das Islamic Banking entgegensetzen. Denn islamische Banken seien dazu verpflichtet, Riba – das Zinsverbot –, Gharar – das Spekulationsverbot der Scharia – und Maysir – das Verbot des Glücksspieles – einzuhalten. Das mache das islamische Bankenwesen gewissermaßen zu karitativen Einrichtungen. Und das klingt noch heute wie eine Alternative zum herrschenden System, wie eine ethische Parallelwelt – aber nur, wenn man ausblendet, wie das Islamic Banking diese vom Koran vorgegebenen Werte zu umschiffen weiß. Denn große Überraschung: Auch muslimische Banken haben es auf Geld abgesehen. Sei es drum, ich steckte damals ganz tief in der Lebenslüge, dass der Islam Chancen für unsere westliche Gesellschaft beinhalte. Eben weil er immer noch so urwüchsig sei, wie eine Kraft aus der vorkapitalistischen Zeit. Die krasse Armut, die es vielen muslimischen Ländern gibt, stört in dieser Logik ganz und gar nicht. Denn Linke romantisieren zuweilen die Armut der Anderen – ich habe es auch getan! –, sie erklären sie zu einem Ausdruck einer noch unverdorbenen Gesellschaft. Das Arme entspricht für sie sozusagen einem ursprünglicheren Lebensmodell, erst der Reichtum – der Kapitalismus, aber so würde es links nie gesagt werden, denn es wäre ein Zugeständnis, dass nicht alles tragisch endet in dieser Ordnung – habe quasi die Lebensmodelle pervertiert. Rousseau ist einfach nicht aus den linken Köpfen zu kriegen – ausgerechnet Rousseau, dieser im wirklichen Leben verkorkste Mann, der seine Kinder verarmen ließ. Aber gut, alle sind wir Sünder. Dessen edler Wilder hat jedenfalls im Faible der Linken für den Islam eine Renaissance erfahren.

Es gab schon mehrfach Anschläge mit islamistischem Hintergrund in Deutschland – seit zehn Jahren gehäuft. Mit Äxten und Messern wurde attackiert, auch schon mit Kraftfahrzeugen. Aber der jüngste Anschlag zu Berlin richtete sich erstmals gegen genau die Klientel, die die Lebenslüge vom »natürlichen Partner des Islam« kultiviert und auch in der Mitte der Gesellschaft etabliert hat. Die hektischen Reaktionen darauf, die wie zuvor an einem Planungstisch besprochen damit begannen, den Anschlag direkt irgendwelchen Rechtsextremisten oder der AfD anzuhängen, machen schon recht deutlich, wie tief getroffen die Community sein muss. Denn dieser Anschlag hat aller Welt gezeigt, dass die Lebenslüge auf dem Tisch liegt – man kann eigentlich nicht mehr darüber hinweggehen. Es braucht nun den Mut innerhalb der Linken, die Sache endgültig beim Namen zu nennen. Gefolgt von der Einsicht, dass wesentliche Aspekte der islamischen Gesellschaftsvorstellungen nicht dem entsprechen, was sich Linke für ihre liberale Gesellschaft imaginieren. Ja, sie stehen diesen Vorstellungen sogar entgegen, bekämpfen sie, wollen sie dringlich verhindern. Die Linken sind für viele radikale Moslems nur nützliche Idioten, die man auch mit dem Auto totfahren darf, wenn man glaubt, sie nicht mehr brauchen zu können.

Das richtige Blut an den richtigen Händen

Man sollte überhaupt mal ans Werk gehen und die Geschichte der Linken auch als eine Geschichte der Lebenslügen schreiben. Zu viele haben sich da angesammelt im Laufe der Jahrzehnte. Da käme nicht so wenig zusammen. Romantizismen, Fehlinterpretation, liebevoll etablierte und kultivierte Ammenmärchen. Um mal zu zündeln und aus der linksliberalen Bequemlichkeit herauszureißen: Die Etablierung des Nationalsozialismus als per se rechtes Phänomen, hat das Potenzial als Lebenslüge angesehen zu werden. In der Tat hat diese Einordnung eine steile Karriere hingelegt. Die Rechten allerdings, die Konservativen, galten den Nationalsozialisten als ärgste Kontrahenten – und der völkisch konzipierte Sozialstaat, den sie einrichteten, war eher von sozialistischen Motiven geprägt als von konservativen. Was wiederum nicht bedeuten würde, dass die Nazis Linke gewesen wären. Natürlich nicht! Man könnte sagen, sie waren zwitterhaft – ganz so, wie sich Mussolini den Faschismus im Ursprung dachte. Es später den Rechten, also den Konservativen in die Schuhe zu schieben: Alle Achtung, das war ein Kniff, auf den man kommen muss! Ja, er ist geradezu teuflischer Natur. Die Konservativen haben, um kein falsches Bild zu vermitteln, auch keinen nennenswerten zivilen Widerstand gegen das Regime geleistet – ehemalige Kommunisten oder Sozialdemokraten allerdings auch nicht.

Lebenslügen – nur darum geht es zur Stunde. Die heutige Linke scheint an ein natürliches Ende gekommen zu sein. Die Realitäten brechen ein. Man kann eben mit Dekonstruktion keinen Staat machen. Und genau das ist es, was aus diesem Lager besonders hängen bleibt. Das Destruktive wurde dort geradezu zelebriert. Was hat man in diesem Land doch über Jahrzehnte der Leitkultur einen Boden bereiten wollte. Ich gebe zu, es ist nicht einfach, eine solche zu definieren – und noch ein Geständnis: Was habe ich seinerzeit gegen die Leitkulturbeauftragen gewettert, als ich jenen schon erwähnten Blog führte. Und das nur aus Unbehagen heraus, Argumente hatte ich wenig, außer vielleicht, dass die bayerische Leitkultur eine ganz andere sei als jene, die man im protestantischen Norden des Landes finden würde, wenn man sie denn suchte. Aber bereits die Suche wurde ja torpediert, diesen Begriff – ebenso wie das Wort »Heimat« – zu gebrauchen, galt als schlimmste Hetzerei seit Goebbels. Nun erleben wir allerdings, dass es vielleicht wichtig gewesen wäre, wenn diese Gesellschaft sich im Diskurs darauf verständigt hätte, was denn in Deutschland leitkulturell wichtig wäre, um das dann auch den Menschen vermitteln zu können, die ins Land kommen. Ist es zu viel der Leitkultur, Sprachkenntnisse einzufordern? Aber schon damit beginnt es. Ich werde nie vergessen, wie mir vor Jahren einige Linke erklärten, dass Sprachkenntnis keine Einbahnstraße sei, man könnte ja auch Arabisch lernen, um die Neubürger zu begrüßen. Die Dekonstruktionskünste dieser Klientel hat es ermöglicht, dass man in diesem Land gar keinen Plan mehr davon hat, wie sich Integration abspielen müsste. Man hat das Land intellektuell und kulturell in ein Gefühls- und Identitätschaos überführt. Und das Bückbürgertum duckte sich weg. Ich weiß natürlich, jetzt werfen mir gleich wieder welche vor, ich würde Ulf Poschardts Rhetorik bemühen – kann ich was dafür, wenn er so häufig ins Schwarze trifft mit seiner Kritik am deutschen Bürgertum?

Blut an den Händen haften zu haben, ist für diese gutmenschliche Fraktion gar kein Problem. Waffenlieferungen finden sie im Regelfall richtig, denn Putin ist ja queerfeindlich – auch so ein neuer Begriff, den man jetzt einführt in die Öffentlichkeit –; wenn man ihn in der Ukraine nicht stoppt, fährt demnächst der Russe mit dem Auto in eine Homosexuellenparade. Die junge Frau, die in Berlin die falsche, weil »kanakische« Täterschaft beklagte, macht indes auch deutlich: Das Blut der Community wäre aus hehren Motiven geflossen, wenn der Täter so gewesen wäre, wie es die kultivierte Lebenslüge verinnerlicht habe. In ihren Sätzen steckt so viel Hass auf Land und Leute, dass man sich wirklich davor ängstigen muss, mit welchen Mitteln alsbald die Aufrechterhaltung der Lebenslügen betrieben wird. Muss man das Schlimmste befürchten? Ist Gewalt keine Gewalt mehr, wenn es weiße Christen trifft, die hierzulande leider nicht häufig genug in Anschlägen verwickelt sind? Der Terror, der nach dem Terror den Debattenraum eroberte, lässt nur einen Schluss zu: Mittlerweile ist es pathologisch – und Friedrich Merz will psychologische Angebote mittels Einsparungen im Gesundheitswesen abbauen lassen. Gerade jetzt, wo wir jede Hilfe gebrauchen könnten.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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2 Kommentare

  1. „Aber der jüngste Anschlag zu Berlin richtete sich erstmals gegen genau die Klientel, die die Lebenslüge vom »natürlichen Partner des Islam« kultiviert und auch in der Mitte der Gesellschaft etabliert hat.“

    Solingens „Festival der Vielfalt“ schon vergessen?

    Wobei die Attentäter keineswegs gezielt die angegriffen haben, die ihrer Ideologie eigentlich den Weg bereiten. Den Terroristen ist es völlig egal, wen sie töten, um ins Paradies zu kommen.

    Nur ihre Glaubensbrüder dürfen es nicht sein, wobei man das womöglich leicht wegdiskutieren kann, indem man andere Strömungen als „keine echten Brüder“ klassifiziert.

  2. Könnt ihr mal mit “ Leute, die im Regelfall links stehen“ aufhören?

    Es gibt weder in D, UK, den USA oder sonstwo noch irgendeine gesellschaftlich relevante Linke. Was es dafür überall gibt sind Leute die diesen Begriff genauso gekapert haben, wie ihr den Marx für euer Bild. Marx und Engels haben diese Leute schon vor 180 Jahren erkannt und sie als das bezeichnet was sie sind: „Ein Teil der Bourgeoisie wünscht den sozialen Mißständen abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern. Es gehören hierher: Ökonomisten, Philantrophen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeitsorganisierer, Abschaffer der Tierquälerei, Mäßigkeitsvereinsstifter, Winkelreformer der buntscheckigsten Art.“ Gelesen und verstanden? Die Betonung liegt nicht in der Aufzählung am Ende, sondern in „ein Teil der Bourgeoisie“!

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