
Zwischen Dostojewski und dem Marlboro-Mann liegt die Geschichte des Westens. Doch was kommt nach der Postmoderne? Ein Essay über Freiheit, Wurzeln und die Suche nach einer neuen Epoche.
Moderne und Postmoderne – und dann? Wer werden wir sein, nachdem die Geschichte nun doch nicht zu Ende ist? Begegnungen mit Dostojewski und dem Marlboro-Mann am Krankenbett des Westens.
Dostojewski und der Marlboro-Mann
Auch durch meine Kindheit ist er geritten: der Marlboro-Mann, lässig und geschmeidig im Sattel, dem Sonnenuntergang entgegen. Und dass, obwohl es eine Kindheit in der DDR war, ausgeschmückt mit roten Fahnen zum 1. Mai und mit Wimpeln der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft. Er erschien dann auf dem Bildschirm im heimischen Wohnzimmer, wenn meine Eltern wortlos umschalteten, auf Westfernsehen – auf den Klassenfeind, wie es offiziell hieß, auf „drüben“ oder „Westen“, wie man landläufig sagte. Fremd kam mir der Marlboro-Mann aus dem fernen Amerika nicht vor, eher vertraut. Denn Chic hatte er keinen, wie fast alles, was mich – das Arbeiterkind „aus der Kohle“ – umgab. Fasziniert hat mich vor allem die Lässigkeit. Staubig war meine Kleidung auch, vom Herumstreunen draußen und vom allgegenwärtigen Kohledreck, aber nicht lässig. Der Marlboro-Mann hatte alles unter Kontrolle, jedes noch so wilde Galopp der Hengste, sein Lasso fand sicher das Ziel, auch wenn er dafür seine Augen etwas zusammenkneifen musste. Vor sich eine große Weite: die Prärie des Daseins. Er verkörperte das Versprechen, keinem Zwang zu unterliegen, mit jeder Faser eine eigene, freie Entscheidung treffen zu können. Ein Mythos von Freiheit und Grenzenlosigkeit. Verlockend.
Dostojewskis Helden haben es deutlich schlechter erwischt. Allein und herausgefordert sind auch sie, allerdings durch die Enge von Kellerlöchern und brüchige Dachkammern, durch Armut und eine unbarmherzige Gesellschaft voller Gewalt. Der Beginn der Moderne liegt in der Luft, das russische Kaiserreich und ganz Europa im Umbruch.
Der Held aus „Schuld und Sühne“, der Student Raskolnikow, ist mir an einem späten Novemberabend begegnet, als meine Eltern ausgegangen waren. Ich habe ihn beobachtet, wie er die alte Wucherin Aljona und deren Schwester ermordet hat, in einem sowjetischen Schwarzweißfilm von mehr als drei Stunden aus dem Jahr 1970. Ein Versprechen hatte der Film nicht, nur einen Funken Hoffnung auf Erlösung vielleicht. Etwas sehr Vages, eingebettet in Düsternis und Qual. Dostojewski ist mit seinen Romanen tief in die Seelen der Menschen gekrochen, noch bevor Sigmund Freud es später auf dem Feld der Wissenschaft tat. Warum steigt jemand hinab in die Abgründe des Lebens, wenn es doch gleichzeitig die verlockende Welt des Marlboro-Manns gibt? Die Leichtigkeit, die Freiheit? Vielleicht, weil Dostojewski selbst auf den tiefsten denkbaren Grund gefallen war: zum Tode verurteilt im Jahr 1849 als 28-Jähriger, im Totenhemd vor ein Schein-Erschießungskommando gestellt und in letzter Sekunde zu Zwangsarbeit in Sibirien und Militärdienst begnadigt. Ein Lebenstrauma. Der Traum des Marlboro-Manns war in diesem Moment in einem Winkel der Welt bereits geboren, aber noch keine weltumspannende Fiktion. Wie ein Samenkorn, das bereits in einem Keimling angelegt ist.
Sichtblende und Dämmerung
Dostojewsikis Helden ringen an der Schwelle zur Moderne mit dem Sein. Der Marlboro-Mann dagegen inszeniert einen Schein – eine Welt jenseits des Echten und Authentischen. Mit einer Sichtblende, die den Blick auf die Realität jenseits der Prärie verdeckt: auf tatsächliche Machtstrukturen, auf ein Finanzsystem, das die restliche Welt im Würgegriff hält, auf Krieg, Armut und Verheerung. Aber auch der Marlboro-Mann markiert als Lifestylefigur den Beginn einer neuen Epoche, der Postmoderne. Einer Epoche, die bis heute das Leben in der westlichen Welt prägt und deren Strahlkraft bis in den letzten Winkel des Globus zu reichen scheint. Dennoch: Dostojewskis Helden und der Marlboro-Mann sind Protagonisten einer unterGEGANGENEN und einer unterGEHENDEN Epoche.
Die westliche Welt, angeführt durch die USA, sah sich seit dem Untergang der Sowjetunion und deren Imperium als Sieger der Geschichte. Der Marlboro-Mann hatte den kulturellen Kampf in weiten Teilen der Welt, auch auf dem europäischen Kontinent, gewonnen – mit Lässigkeit und dem Versprechen von Freiheit. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama proklamierte gar das Ende der Geschichte, in dem Sinne, dass die liberale Demokratie die endgültige Regierungsform für die gesamte Welt sei. Vor der Menschheit lag also die unendliche Weite der Freiheit. Einer Freiheit allerdings, wie WIR – im Westen – sie definieren. Vielleicht hatte er nicht bedacht, dass im toten Winkel der westlichen Hemisphäre das Sein der Menschen noch in der Welt Dostojewskis feststeckte, dass die Verheißung von Freiheit nach westlichem Verständnis für andere Teile der Welt abstoßend sein könnte. Auch wenn der Konsum, das vermeintlich bessere Leben im Überfluss und der Anschein, dass man für Geld alles kaufen könne, eine magische Anziehung ausüben. Der Preis dafür wird jenseits von Eden bezahlt. Aber was ist, wenn tatsächlich auch wir – im Westen, in Europa – dafür bezahlen? Mit dem Verlust unseres Selbst? Jeder Dollar, jeder Euro, der in einer riesigen Finanzblase ohne realen Gegenwert hin und her geschoben und beliehen wird: Was ist, wenn er uns mehr kostet, als wir ermessen können? Die Kriege, die wir führen, die der Westen in der Welt anfacht und finanziert: Was machen sie mit uns? Tief im Inneren der westlichen Gesellschaften lauert die Gewissheit, dass unsere Hände blutig und schmutzig sind. Trotz allem, was sie geschaffen haben.
Wurzeln und Samen
Das Leben in China, in Indien oder Ägypten hat seine Wurzeln in sehr alten Kulturen – und diese Wurzeln sind nicht gekappt, sie nähren noch die Äste und Zweige, die diese Gesellschaften durchziehen und stützen. Während die Menschen dort auf dem Urgrund jahrhundertealten Denkens und allen Seins stehen, unabhängig davon, welche Gestalt das Leben gerade annimmt, schwankt die Welt des Marlboro-Manns gewaltig. Sein Pferd strauchelt und bäumt sich auf. Vielleicht stürzt er. Leise keimt in uns die Frage auf, wo unsere Wurzeln sind. Worauf gründen wir unser Leben, wenn in Europa der Wohlstand schwindet oder ein Krieg beginnt? Lässigkeit hilft nicht, auch nicht der Leinwandblick in die Abendsonne. Gibt es tatsächliche Freiheit ohne Seele, ohne Sinn? Vielleicht erkennen wir jetzt, dass unsere Wurzeln gekappt sind und vertrocknen, dass wir uns Projektionsflächen der eigenen Großartigkeit geschaffen haben, aber in unseren Herzen eine große Leere gähnt.
Die Gesellschaften des Westens wirken erstarrt, verhärtet, ohne Vision. Wie im Fiebertraum verschwimmt die Realität, nichts ist mehr fassbar. Die Temperatur steigt und der Puls rast. Der Motor ist kurz davor, sich festzufressen. Was dann? Steht Europa im Totenhemd da? Vielleicht treffen wir hier, an dieser Stelle, auf Dostojewski. Vielleicht sollten wir ihn begrüßen, einen Tee mit ihm trinken. Und ihn fragen, was er gedacht und gefühlt hat, als er so stand. Am Ende von allem. Hat er an Geld gedacht, an Aktienkurse oder seinen Status? Vielleicht an seine Mutter, seine erste Liebe, den Duft von frisch gemähtem Gras, den er gerne noch einmal in seine Lunge gesogen hätte?
Kann sein, dass Europa in eine Art Zwangsarbeit geschickt wird. Begnadigt, aber weggeschickt in entlegene Gebiete, fernab vom gewohnten Leben, in ein Dasein voller Beschwernisse. Das kann durchaus heilsam sein. Aus der Ferne sieht man mehr, nicht nur einen Mosaikstein der Wirklichkeit, sondern das ganze, große Bild. Kann sein, dass wir in diesem Bild wieder die Mona Lisa sehen oder Mephisto, wie er auf einem Stein hockt als tückischer Wegelagerer, oder Kierkegaard bei Kerzenschein über ein Buch gebeugt. Vielleicht meinen wir in der Ödnis den Klang einer Polka zu hören. Oder die Nussknacker-Suite? Das alles kann sein. Es kann romantisch anmuten, obwohl es alles andere ist als das. Denn es ist existenziell. Es ist das Sein, auf das die westliche Welt, auf die Europa, zurückgeworfen wird. Was wir in diesem Moment sind, werden wir sehen. Und was wir werden, müssen wir entscheiden. Aber wachsen können wir nur über unseren Wurzeln. Ausgerissenes Kraut verdorrt.
Ich weiß nicht, welcher Samen im Keimling der Postmoderne angelegt war, in welche Epoche wir gehen. Welchen Namen sie tragen und welcher Protagonist sie kennzeichnen wird. Wenn ich die Augen zusammenkneife und in die Abendsonne blinzle, kommt mir vielleicht eine Idee. Und wenn vom Horizont her der Marlboro-Mann übers Feld geritten kommt, dann grüße ich ihn lässig und wende mich wieder meinem Leben zu.





Die Gesellschaft ist durchdrungen von angehäuften Müll, da diese Weltgesellschaften durchwegs verblödet wurden.
Ich fragte mich, warum gewisse Insekten über ‚Antennen‘ verfügen ?
Vielleicht besteht die Antwort darin, daß Insekten sich mit der Natur unterhalten.
Ließt sich schrill nicht wahr?
Ich vertrete die Auffassung, das die Natur sich mit seinem Umfeld kommuniziert und das geschieht über Frequenz.
Was unterscheidet die natürliche Frequenz vom menschlichen?
Das der Mensch versucht, das natürliche zu unterdrücken.
Daraus ergibt sich, das der „obige Mensch“, seine eigene Natur unterdrückt, um „weiterhin oben zu stehen, anstatt, sich der natürlichen Entwicklung vom Dasein zu genießen.
Wer einen Eindruck von der Vernichtung der Natur, durch das menschliche dasein begreifen möchte, dem sei es gegönnt in das Amazon oder Papuagebiet zu schauen.
Nichts von dem was dort geschieht ist Grün, Demokratie oder sonstigen Floskeln….
An der Aussage ihres Kommentares ist etwas dran. Aber: Bei Amazon ist ja wirklich nichts
grün. In den Lagern nur triste Regale und unterbezahlte Mitarbeiter. Da ich bei Amazon
grundsätzlich nichts kaufe, fällt mit ihr kleiner Fopas wahrscheinlich sofort ins Auge.
Es ist und bleibt das Amazonasgebiet, was mit einem „Grün-Anstrich“ wohl schon nicht
mehr existieren würde. Man stelle sich einmal die riesigen Flächen vor, die mit Photovoltaik
zugepflastert wären, oder 200m hohe Windräder die überall aud dem Palmendach ragen.
Dazu noch der Bildungsabsturz, wenn sich die Grüne Jugend sich unter die Einheimischen
mischt.
Danke für’s zum Lachen bringen.
Ist zwar alles mitgeteilt, muss aber noch mehr schreiben, um auf die korrekte Buchstabenanzahl zu kommen. Feeeertig.)
Der Artikel klingt für mich irgendwie nach Sommerloch.
Der Marlboro-Mann, … ernsthaft?
Aber wenn man schon dazu schreibt, wäre folgendes zu sagen:
Diese „Ikone“ aus der Zigarettenwerbung … was hat die denn mit „Freiheit“ zu tun?
Millionen, die dieser Ikone nacheiferten erwartete ein früher Tod durch Lungenkrebs.
Und zum Lebensstil dieser Ikone:
Er stellt einen Viehzüchter, vielleicht auch nur Viehtreiber dar in einem Land, dessen Ureinwohnern
nahezu ausgerottet wurden, in einem der größten Genozide der Weltgeschichte.
Große Freiheit und unbegrenzter Lebensraum für den Nachfahren von Völkermördern.
Ganz ähnlich das Ganze in den vom Westen kolonialisierten Ländern
(Indien, ca 80 Millionen Tote während der Herrschaft von GB über Indien)
Das ist die wahre Basis des westlichen Freiheits-Mythos.
Er triumphiert auf Bergen von Millionen Leichen von Menschen,
die ausgebeutet, versklavt, ausgehungert … wurden.
„Kann sein, dass Europa in eine Art Zwangsarbeit geschickt wird. “
bitte sofort…. !
wer so schamlos lügt wie die EU Kommissionspräsidentin bei der Pressekonferenz in Aserbaidschan der muss
seinen Schreibtisch räumen….!
https://video.azertag.az/de/site/video/326639
bei ihrer Rede ab ca.Minute 12.07…
Dostojewki und Marlboro-Mann scheint mir als Versinnbildlichung der Post-/Moderne schon ziemlich gewagt, ein bisschen zu bemüht, zu angestrengt. Ist das Pop, oder kann das weg?
Verlust unseres Selbst, Samen, Keimlinge und Wurzeln, – ein hingeraunter und nicht besonders origineller Metaphern-Salat. Binsen, wie sie auch in Schlagertexten vorkommen könnten und volksnahen, identitätspolitischen Narrativen das Wort reden.
Kurzum: nicht so toll.
Aber Lücken füllend.
Weshalb also von Bewährtem abweichen?
(Also gut: dann noch eben Lückenfüller, um auf 100 Zeichen zu kommen. Geschafft)
Der Marlboro-Mann ist ein Sinnbild „des“ amerikanischen Ureinwohners. Der wiederum „sieht Weisheit darin, alles abzuwerfen, was sein Verstehen hemmt, aber nie wird ein Lakotah die Pfeife wegwerfen“ (Hanta Yo).
Immerhin, Dostojewski war Kettenraucher.
@Trilex: „Der Marlboro-Mann ist ein Sinnbild „des“ amerikanischen Ureinwohners.“
Und ich dachte immer, der Marlboro-Mann steht für individuelle Freiheit, für die westliche Lebensart.
Der Text ist anfangs etwas langatmig, wird dann aber beim Lesen besser und bietet sogar geistige Leckerbissen.
Irgendwie kann ich das nicht glauben. Ich glaube eher, dass das die Sicht von Ostler auf Westler ist. Aber wer weiß, vielleicht hat die Autorin ja als „ehrenamtliche Sterbebegleiterin“ besondere Einblicke bekommen.
Auch hier dürfte es sich eher um die Sicht des Ostens auf den Westen handeln. Westlern würde ich dazu lediglich ein vages Gefühl zugestehen. Denn hier ist die westliche, liberale (individuelle) Freiheit beschrieben, auf die er (der Westen) so stolz ist und auf die sein gesamtes Welt- und Menschenbild aufbaut: Auf die „Freiheit ohne Seele, ohne Sinn“. Am ehesten können das noch Konservative nachvollziehen (und Kommunisten vielleicht auch), für Liberale ist das völlig unverständlich.
Der Kapitalismus, oder das Bestreben der herrschenden Klasse ihren Besitztum zu wahren, wird uns alle in den Abgrund reißen…nichts weiter.
Wie weiter oben @garno schon sagte, ist der Artikel unnötig langatmig, beschäftigt sich aber letztlich doch mit einem wichtigen Problem:
Das im postmodernen Westen erfolgende oder sogar schon erfolgte bewusste Kappen der eigenen geistig-kulturellenWurzeln und das Beschädigen der eigenen Tradition.
Und dies vor dem Hintergrund, dass der „Rest der Welt“ bei diesem gefährlichen Unsinn nicht – oder nur vordergründig und teilweise – mitmacht.
Den „Marlboro“-Mann hätte man da nicht zu bemühen brauchen.
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Immerhin ist es erfreulich, dass dieses in der Tat sehr bedeutende und folgenreiche Problem auch bei Overton angesprochen wird. Zwar ist anzunehmen, dass einige aus der Gruppe der „üblichen Verdächtigen“ dieses Problem nicht ausreichend erkennen werden oder gar zu leugnen versuchen, aber das ist irrelevant.
Leider hört die Autorin mit ihrem Kurzessay aber da auf, wo es erst interessant zu werden beginnt. Denn DASS dieses Problem besteht, das ist ja nun keine Neuigkeit und entspricht einem Eulen nach Athen tragen.
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Dass die „Postmoderne“ – wenn man diesen ungenauen und lediglich verneinenden Begriff überhaupt verwenden will – als Nichtkultur zu einer Gegenwartswelt passt, die im Wesentlichen nur noch aus Fassade, Wortklauberei und Maßlosigkeit besteht, das ist klar.
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Lohnend ist der Vergleich mit historischen Epochen, die unserer Gegenwart im Hinblick auf das Entwicklungsstadium ähneln:
– der späte Hellenismus
– die späte römische Republik
– die späte römische Kaiserzeit
Man man wohl um die Beschäftigung mit Geschichtsdenkern wie Spengler und Toynbee nicht herumkommen – und zwar auch dann, wenn man deren Thesen nicht überall zustimmen mag.
Hab die westliche Faszination für besoldete Kuhhirten nie wirklich verstanden. Vor allem, wenn man weiss, dass der Mythos des „Wilden Westens“ anscjeinend ein weiss-suprematistischer Fiebertraum von Theodore Roosevelt war.
Die Geschichte des wilden Westens ist schon faszinierend, es war eine faszinierende Epoche, aber es war eine gigantische Welle der Vernichtung von Natur Kultur, des nordamerikanischen Kontinentes, die sich über ihn hinwegwälzte. Angetrieben von Gier Überheblichkeit, Abenteuerlust.
Die Frage ist eher, individuelle Freiheit oder westliche Lebensart.
Aus dem Vorwort zu Hanta Yo, von Ruth Bebee Hill, die ihr Leben der Dakota Sprache gewitmet hat:
„Es gab keine „Rasse“ der je ein höherer Begriff, und überhaupt nur ein praktisch wirksamer Begriff von Individualismus zu eigen war. Weder das Wort „free“ noch dessen Synonyme kommen in der Wurzelsprache vor. Es gab für den Indianer nichts, von dem er sich freimachen wollte“.
„Der Krieger“ 1819 bis 1824:
Tue alle Sinnbilder ab. Um weise zu werden. …der Geist wird niemals Unterwerfung deiner Vernunft fordern oder dir etwas, dessen du bedarfst, verweigern. Wer immer sagt, daß der Mensch seine Vernunft beiseite lassen soll, bringt den Geist zur Erstarrung, und wer immer sagt, daß der Mensch sein natürliches Begehren unterdrücken soll, sucht nach Möglichkeiten, die Freude zu töten.
Wisse dich selbst zu würdigen, sagen die Großväter. Werde dir bewußt, dass deine Ohren den Bäumen und dem Fluß Lieder gewähren. Erhebe dich auf den Schwingen dieser Lieder; sie sind dein eigen. Nutze deinen Körper, den Geist, deinem Geist Wachstum zu ermöglichen. Du, der du der große Geist werden wirst.
<<Und so wird dein Geist an dem Tag, an dem du dich entschließt, deine Hülse abzuwerfen, neues Leben ergreifen. Dein Geist, der den Wandel kaum bemerkt, wird weiter schöpferisch, weiter der Freude fähig sein. Denn der Geist, der weder eines Anfangs noch eines Endes inne ist, kennt nur jene Beschränkungen, die ihm dein Körper auferlegt.
Phänomenologie vom Feinsten.
An sich ganz gut. Die Entfremdung von der Natur und sich selbst ist im Westen sicher einmalig. Alles ist durch Show, Schein, leere bzw falsche Versprechen ersetzt.
Aber der Widerspruch zu den genannten alten Kulturen ist nicht so scharf , wie im Artikel behauptet.
Wenn man die Geschichte genauer Ansieht ist es ein wiederkehrendes Muster in fast allen Kulturen weltweit. Der Wachstumswahn, das Ausbeuten der Umwelt bis zum Zusammenbruch der Grundlagen der jeweiligen Kultur. Das hat es schon immer und überall mal wieder gegeben.
Wenn es zutrifft, was Grottenholm mit seinem tieferen Geschichtsbewusstsein scharfsinnig anmerkt, nämlich dass bereits auch die sogenannten alten Hochkulturen der Chinesen, Inder und Ägypter aufgrund der unreflektierten Opferung ihrer Naturgrundlagen für ihren Wachstumswahn untergegangen sind, dann hätte der Westen mit seiner Etappe der Aufklärung im 18./19. Jh. sogar eine vergleichsweise kräftige Wurzel, um seine Zukunft reflektiert und bewusst im Einklang mit der Natur zu gestalten.
Dazu wäre es erforderlich, sich als Teil vor allem der belebten Natur zu verstehen, die ihm nicht nur als Nahrung dient, sondern als immer noch weitgehend fremder ökologischer Gesamtmechanismus der alle seine natürlichen Lebensgrundlagen erzeugt und reproduziert.
Dazu müssten alle nach-aufklärerischen Verengungen des ganzheitlichen Blickes auf die Natur beiseite geräumt werden, wie ihn die zahlreichen Naturforscher und Naturphilosophen, wie u.a. Alexander von Humboldt ursprünglich hatten:
Z.B. die Verengung,
– dass nur Mensch und seine Arbeit produktiv seien,
– dass nur solche Erzeugnisse und Schöpfungen wertvoll seien, die mit Profit erzeugt und vermarktet werden können,
– dass sich alle Arten in der Natur gegeneinander im Überlebenskampf befinden, worin der Mensch kraft Überlegenheit, sprich Wissen und Technik, sich anthropozäne Vorrechte verschaffen kann und darf,
– dass die Freiheit des Menschen von Naturnotwendigkeiten – welche erstmals durch die größere Sicherheit sesshafter Existenz infolge von Nahrungsvorräten und Schutz vor Feinden vergrößert wurde – umso größer sei, je mehr die Natur zurückgedrängt, kultiviert, bequem gemacht und in diesem Sinne „beherrscht“ wird,
– dass demnach Wachstum und Ausweitung der materiell-technischen Infrastruktur der Gesellschaften gegen die natürlichen Bedürfnisse der Menschen und gegen die freie Natur wichtiger seien als der unbedingte Schutz der Ökosysteme und dieses ökologischen Zusammenspieles aller Arten miteinander und mit den geophysikalischen Bedingungen.
Freiheit in der Perspektive von Alexander von Humboldt, einem Mitbegründer der Bergakademie von Freiberg, bestünde in der Rückkehr zur Demut vor den Kräften und Geheimnissen der Natursysteme und im Lernen eines harmonischen Geben und Nehmen, das der Natur sowie jedem einzelnen eine sichere Reproduktion ermöglicht, was verlangt, dass der Schutz von Naturlandschaften samt ihren Bewohnern wichtiger ist, als ihre Zerstörung durch den Abbau seltener Erden für Profite.
Wird das nicht gelernt, wird der Westen als Kultur und Weltmacht wohl an seinen permanenten Kriegen gegen Völker, die ihr Lebensrecht verteidigen und/oder um Ressourcen konkurrieren, zugrundegehen.