Aus einem Land vor unserer Zeit

Rubik-Würfel
vemiya, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Das Land, das ich kannte, in dem ich aufwuchs, dessen Werte mich oft ärgerten, die ich jedoch kannte und hin und wieder auch schätzte, gibt es nicht mehr. Nun weiß ich, wie sich Ostdeutsche fühlen.

Als ich geboren wurde, war Deutschland noch ein anderes Land. An dieser Stelle könnte ich mit diesen Zeilen auch schon wieder abschließen, denn dieses Phänomen traf bislang wohl noch auf jedem Menschen zu. Gesellschaften verändern sich zwangsläufig – und die Vorstellungen der Generationen variieren. Organisch ist die Veränderung der letzten Jahre aber nicht gewesen. Sie wurde choreographiert, orchestriert, handstreichartig gelotst – wie auch immer Sie es nennen wollen. Kampagnenarchitekten fielen über das Land her. Oder besser gesagt: Nichtregierungsorganisationen und PR-Agenturen, die das Land – auf Geheiß mächtiger Spieler – umformen sollten. Das gelang ihnen, digitaler Revolution sei Dank, auch recht gut einträglich.

Denn mag es in anderen Zeiten auf einen völlig normalen Generationenkonflikt hinausgelaufen sein, der am Kulminationspunkt gesellschaftlicher Veränderungsbewegungen stattfand, so kommt heute das Abräumen der Vergangenheit in der politischen Mitte zur Geltung – nicht Jugendliche oder junge Erwachsene wetteifern um Veränderungen, sondern auch die Mehrheit jener Generationen, die das Vorherige noch selbst erlebte. Sie haben sich dem Zeitgeist eines Wahrheitsministeriums unterworfen, das längst nicht so plump arbeitet, wie es George Orwell sich und seinen Lesern ausmalte. Zwar frönt diese Mitte einer Nostalgie, die sich an Rubik-Würfeln, Aldis Kinder-Cola oder der Neuen Deutschen Welle hochzieht, während sie sich aber gleichermaßen dafür geißeln, in Zeiten großgeworden zu sein, die nach neuer Lesart zu einer noch »vormoralischen Epoche« gehörten.

Ein Land, in dem man noch Querdenker sein wollte

Als ich neulich über die Ambivalenz meiner mittlerweile seit einer Dekade verstorbenen Großmutter schrieb, da trieb mich mehr an, als nur an jene alte Dame – die wiederum für ihre Generation stehen sollte – zu erinnern. Mit ihr verarbeitete ich den Verlust einer Zeit und eines Landes, das ich noch kannte und von dem ich heute leider behaupten muss, dass es nicht mehr vorzufinden ist. Was sehne ich mich dieser Tage, so viele Jahre danach, an die ruhigen Nachmittage der Achtziger- und Neunzigerjahre. Samstagmittags, wenn man durch die Nachbarschaft schlenderte, schepperte das Geschirr in den Küchen – der Großteil der Leute hatte da den Wocheneinkauf schon hinter sich gebracht, die Läden schlossen schließlich bald. Das Werktätige hatte eine Ablaufzeit. Heute mangelt es uns an Sendeschlüssen. Nicht an jeder Ecke wurde man damals von einem Mobilitätsunternehmen oder der Kirche mit politischen Botschaften belästigt – sein Fähnchen in den Wind hängen: das tat man nicht, auch wenn man freilich eine bestimmte politische Haltung haben mochte. Es galt als geschäftsschädigend – und überhaupt gehörte es nicht dorthin. Die Allerreichbarkeit war längst noch kein Thema – wenn man unter Leute ging, dann starrte man nicht synchron nebeneinandersitzend auf einen schnurlosen Fernsprecher, sondern musste interagieren. Eilmeldungen hatten sogar noch so viel Vorlaufzeit, dass es reichte, sie erst um 20 Uhr im Fernsehen auszustrahlen – heute erfährt man alles immer gleich und auf so vielen Kanälen, dass man am Ende fast schon sokratisch weiß, dass man nichts mehr weiß.

Der mediale Stress, in dem wir uns befinden – oft gewollt, manchmal aber auch ohne eine Chance zu haben, ihm zu entkommen – hat uns ganz sicher nicht gesünder gemacht. Der Umgang mit dem Nächsten war im Regelfall von größerer Menschlichkeit geprägt, was meint: es gab mehr Authentizität – ein Wort, das man heute nicht mehr unschuldig gebrauchen kann, weil selbst das Authentische durchdesignt ist. Mittlerweile hat man den Eindruck, dass auch private Gespräche mit einem gewissen Professionalisierungsanspruch geführt werden müssen. Auf so viel muss man achten, inklusive geächteter Wörter und Gedanken, die man besser nicht mehr in ein Gespräch integriert. Dauernde Habachtstellung, egal wo man sich bewegt, mit wem man es zu tun hat. Soziale Ächtung droht dann als Folge, wenn man aus der Reihe tanzt – diese Ächtungen gab es schon immer, auch damals. Sie war nur kein Massenphänomen, weil die Menschen in ihrem Alltag weniger Unverträglichkeiten zeigten. Und da die Möglichkeiten, über andere herzuziehen im vordigitalen Zeitalter noch relativ beschränkt waren, musste man früher oder später doch mit dem Geächteten in ein direktes Gespräch gehen und ihn wieder ins Blickfeld rücken. Wenn ich von einer größeren Menschlichkeit in Alltagsgesprächen spreche, dann meine ich damit auch, dass keine Signalwörter verwendet wurden, kaum aufgedrängte Anglizismen oder Kampfbegriffe, weil sich die Leute noch nicht in dem Maße die Sprache medialer Stigmatisierungsagenten aufdrängen ließen. Man durfte gar auf Politiker schimpfen, auf den dicken Kohl, die Bundesregierung und »die da oben«, ohne dass man einem direkt das Etikett eines Volksverhetzers oder zumindest lästigen Querdenkers verliehen bekam. Ja, der Querdenker galt sogar noch als Zeitgenosse, um den man sich riss. Einmal Querdenker sein im Leben! Das war der feuchte Traum eines jeden, der es zu was bringen wollte!

Ich gehöre denen an, die noch erleben durften, was es bedeutet, wenn ein Staat für sich in Anspruch nimmt, dass die Prozesse innerhalb seiner Grenzen einer gewissen Kontrolle und Ordnung unterstehen sollen. Der Kontrollverlust kam erst später, dann aber brutalstmöglich. Ob die Bahn damals pünktlicher war, weiß ich nicht sicher – vermutlich aber schon. Noch schrieb man sich auf die Fahne, dass »die Bahn kommt«, so ein Werbeslogan – heute kokettiert das Unternehmen auf Instagram und Konsorten mit der eigenen Unzuverlässigkeit. Peinlicher geht es kaum. Die Post trug Briefe aus und unterhielt nicht nebenher noch eine Bank. Tankstellen verkauften Benzin und bestenfalls noch Getränke und waren keine Supermärkte. Der Schuster wusste einfach, wo er seine Leisten hatte, und fing nicht an, auch Tabak, Policen oder Dildos verkaufen zu wollen. Fachgeschäfte gab es an jeder Ecke, für allerlei Dinge des Alltages. Wenn man heute eines sieht, denkt man sich zuerst: Wie kann sich das halten? Und fährt man ein zweites Mal dran vorbei, liest man im Schaufenster vom Ausverkauf, das altbekannte traurige Schild darin: »Wir schließen!« – drei Wochen später, in den Geschäftsräumen befindet sich mittlerweile ein Handyladen, hat man schon vergessen, dass es dort mal ein Fachgeschäft gab. In diesem wurde man beraten, vielleicht nicht immer gut, aber stets von jemanden, der die Materie kannte und noch wusste, welche Art des Saumes oder der Knopflochnaht es gibt oder welche Firmen Schrauben mit höherer Zugfestigkeit verkaufen. Auch das Fachwissen ist rar geworden, aber dennoch fühlt sich heute eine Mehrheit zur großen Expertise in allen, wirklichen allen Lebensbereichen berufen – der Digitalität sei wieder mal Dank. Und wenn man ihre Ahnungslosigkeit enttarnt, werden sie giftig, spucken wild um sich. Unbändige Wut auf alles und jeden: Auch das macht diese Zeit aus. Verbiesterte Leute gab es freilich immer, nur legte man in dem Land, aus dem ich komme, noch etwas Wert darauf, wie man sich vor Dritten aufführt. Contenance hatte noch ein bisschen Konjunktur, was heute als Schwäche und Dummheit ausgewiesen wird. Als Folge sind mittlerweile alle Hemmungen gefallen.

Heimatlos inmitten der Heimatruinen

Es wird in Jogginghosen zu Bewerbungsgesprächen gegangen, man wird ungefragt in Supermärkten von jungen Leuten geduzt und liegt ständig seiner Umwelt – was mehr meint, als die Umwelt damals, die nur im persönlichen Umfeld zu finden war, nicht in der digitalen Erweiterung – mit persönlichen Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten in den Ohren. Manche dieser Beschwerden sind – ich gebe es ja zu – nichts als Kleinigkeiten. Aber auf die achtete man zu anderen Zeiten eben. Heute verstehe ich besser als damals, warum man das tat. Sich ordentliche Klamotten anzulegen, wenn man unter Leute geht, hat immer auch etwas damit zu tun, seinem Gegenüber mit Respekt zu begegnen. Das heißt nicht, dass man dauernd mit Schlips und Kragen unterwegs sein sollte. Aber was ist schon dabei, wenn man heute mal deutlich machte, dass das, was man sich an Stoffen anlegt, nicht nur der eigenen Bequemlichkeit geschuldet ist, wie man das heutigentags so oft hört, sondern auch ein Ausdruck dessen ist, seinen Mitmenschen wohlwollend zu begegnen – und nicht etwa gleichgültig. Mit allem geht man heute hausieren: Bauchfrei mit seinen Speckrollen und überdies mit seiner Sexualität, seiner politischen Haltung und seiner Art zu sprechen, seinem Impfstatus und seinen Urlaubsreisen. Früher zeigte man den besten Freunden die Fotos des Urlaubes, aber auch nur, wenn die nicht gleich angeödet abwinkten. Heute gilt: Wenn es kein Foto gibt, war man nicht dort. Es kann schließlich jeder behaupten, am Eifelturm in Paris gestanden zu haben. Nur ein Selfie macht wahrhaftig.

Die kleinen Jungs allerdings, die heute im Trikot des Pariser Emirate-Fußballklubs in deutschen Städten herumlaufen – oder in dem von Liverpool, Barcelona oder Internationale aus Mailand –, werden dieses Paris vielleicht nie zu Gesicht bekommen. Aber sie sind Fan dieses Klubs, weil sich selbst die Provinzialität heute internationalistisch und globalisiert aufspielt. Die Liebe des damaligen Fans galt meist dem regionalen Verein, vielleicht dem der nächsten Großstadt. Liverpool? Wo zum Henker war das eigentlich? Die Welt, heute ein Dorf mit teils unerreichbaren Hotspots – unerreichbar, weil durch Overtourism überfüllt und überteuert –, war damals noch größer und fing bei einem Zweitligisten aus unserer Nachbarschaft an. Real Madrid war weit weg, kam selten zu einem deutschen Europapokalteilnehmer vorbei, weswegen solche Spiele Höhepunkte der Saison darstellten – manchmal sogar den Höhepunkt des Jahrzehntes. Im Laufe der letzten 25 Jahre kam es derart häufig zur Paarung des FC Bayern München gegen die Königlichen, dass man es als stinklangweilige Normalität hinnimmt. Von 1976 bis 2000 trafen die Vereine dreimal aufeinander – seit dem Jahr 2000 zwölfmal. Nichts ist mehr besonders, alles Stangenware. Das Schöne am Fußball war ganz generell, dass der Kick etwas für Fans war, das Spiel drängte sich nicht in die Gesellschaft oder gar in die Politik hinein, sondern war eine Nische, keine kleine fürwahr, aber auch kein dominierendes Spektakel, über das dann Leute sprachen, die so gut wie keinen blassen Schimmer davon hatten – das ist leider heute der Fall, in diesem Land voller ungefragter Expertisen.

All das sind Nebenschauplätze, keine Frage. Aber auch die Abwesenheit dieser Kleinigkeiten macht, dass einem die Heimat abhandengekommen ist. Diese ganze Aufgeblasenheit von Nichtigkeiten, in der wir uns heute befinden, wirkt auf mich, dem Mann aus einem anderen Land, oft vollkommen fremdbeschämend. Wie oft ich mich doch im falschen Film wähne! Da hört man jungen Leuten in der Tram zu, wie sie von ihrer dirty Wäsche erzählen, die save clean wird. Jeder wie er will – aber ich will das nicht. Die dramatischen Entwicklungen haben mit staatlichem Versagen zu tun, mit Bildungsdefiziten und Innovationsstau, mit dem Ausverkauf des politischen Primates und der Wohlstandsverwahrlosung der saturierten Milieus, die völlig aus den Augen verloren zu haben scheinen, dass man Gleichstellungsbeauftragte und Meldestellen nicht fressen kann und dass die Auflösung des eigenen Kulturraumes ein unschönes Ende nehmen wird. Wirtschaftspolitik galt damals noch mehr, für Arbeitsplätze tat man Dinge, die vielleicht auch zu weit gingen – aber dabei zusehen, wie die Industrie darbt, die das Fundament der Gesellschaft darstellten, galt in jener Zeit noch als nicht vorstellbar. Natürlich waltete nicht die bloße Vernunft, es war kein Paradies auf deutschem Boden. Aber es gab mindestens noch ein Gespür für die Grundlagen, die die Gesellschaft zusammenhielten. All das ist verlorengegangen – all das und viel mehr. Übrig blieben Ruinen, die darauf hindeuten, dass das mal meine Heimat war. Aber von dem Gefühl, das man seinerzeit hatte, wenn man von diesem Land sprach – eine Mischung aus der Zuversicht, dass der Staat beständig ist und dem Unbehagen, das man zwischen den erstarrten Strukturen pflegte, die die bundesrepublikanische Gesellschaft hervorgebracht hatte –, ist nichts mehr vorhanden.

Geächtete Heimat: Dekonstruiert und verramscht

Die Liberalisierung sämtlicher Lebensbereiche, die Digitalität ebenso wie die Globalisierung, die man den Nationen ungefiltert und ohne Sicherheitsnetz überstülpte, veränderte im Laufe der letzten Jahre … man möchte sagen: alles. Dazu gesellten sich Angriffe aus dem linksliberalen Lager, die Auflösung des Heimatbegriffes etwa – oder der Angriff auf jedes nüchterne Geschichtsverständnis. Diese Entwicklung ist nicht so neu, seit dem letzten Weltkrieg hat es »die Heimat« hierzulande schwer. Der Begriff wurde als nationalsozialistisch verbrämt, als Ausdruck tumben Nationalismus‘ – bis heute schaffen es die linken Klimaaktivisten, die Welt und das, was manche Schöpfung nennen, schützen zu wollen, ohne mit dem Begriff der Heimat auszukommen. Der Baum, den es zu schützen gilt, ist für sie ein Abstraktum auf einer Welt, die allen gehört – er ist nicht Ausdruck des Heimischen; fast wollte ich schreiben, dass er das Sinnbild des Bodens ist, auf dem man aufwuchs. Aber den Boden zu bemühen, auch das kann schon falsch verstanden werden. Man hat den Deutschen die Heimat nach dem Kriege madig gemacht, sie wollten amerikanischer sein und zugleich brachen sie mit Bräuchen und Traditionen, die Linke verband den Nationalstaat nicht mit der Idee, dass er die Heimat der Bürger berge, die sie lieben, sondern mit der abstrakten Vorstellung einer Verwaltungseinheit, die zufällig auf deutschen Boden hervorkroch. Jeder Patriotismus galt als verdächtig, im Laufe der Jahrzehnte war die Linke in dieser Frage stilprägend für die gesamte Gesellschaft, selbst Konservative befremdete der Heimatbegriff, auch weil sie sich fürchteten, schnell als Extremisten abgekanzelt zu werden.

Zwar betont mancher deutsche Philologe gerne, dass es nur im Deutschen einen solchen Begriff wie den der Heimat gäbe. Dennoch empfinden natürlich auch Spanier oder Italiener heimatlich, einen solchen Brass auf das Land der Mütter und Väter findet sich dort eher selten. Das mag nachvollziehbarerweise an der Geschichte liegen – was aber herumkommt, wenn man die Heimat so ächtet, erleben wir heute. Es lässt einen Ort voller Heimatloser entstehen, denen die Orientierung zunehmend schwererfällt. In einem solchen Gemeinwesen, in dem das heimatliche Gefühl eine Form sogenannter Hasskriminalität darstellt, sind es nur sehr kurze Schritte zur Auflösung von Ordnung und Kontrolle, die Milieus fransen aus, der Staat verliert sukzessive seine Autorität und letztlich seine Legitimation. Schuld daran sind Reformprozesse und Entfremdungen, die in Deutschland, dem Land heimatloser Bürger, deren Ausweis auch noch kennzeichnet, dass sie Personal darstellen, auf besonders fruchtbaren Boden fallen.

Mit dem sogenannten Dritten Weg, den die Linke zum Ende des letzten Jahrhunderts beging, verlor sie die letzten Bande zur Scholle, auf der Menschen aufwachsen, gedeihen, Beziehungen pflegen. Nun hieß es – im Zuge der Arbeitsmarktreformen – mobil und flexibel zu sein. Wer in Oberbayern arbeitslos war, sollte auch in der Lausitz oder in der Plöner Seenlandschaft einer Arbeitsgelegenheit nachgehen müssen, wenn sich dort eine Opportunität bietet. Die Entwurzelung, über Jahrzehnte längst in den Köpfen der Linken, die sich Heimat nur mit Hitler, Märschen und Schmissen vorstellen konnten, kam in die finale Phase. Der Bürger sollte Familie, Freunde, sein soziales Milieu hinter sich lassen und sein Glück für einen Stundenlohn von Siebenfuffzig fernab der Heimat finden. Denn Heimat, liebe Leute, sei eh bloß ein großer Bluff. In diesem Gesellschaftsklima, das den Reformatoren der Zeit mehrheitlich recht gab, gedieh die Entfremdung vollends. Über Jahre erklärte man, dass die Arbeitsmarktreformen, bekannt geworden unter dem Namen Hartz IV, gar keine Reformen mit linker Schlagseite gewesen wären, Schröder habe die Linke inhaltlich entkernt. Das stimmt allerdings nur zum Teil, denn die Aspekte, die den Menschen aus seiner Mitte reißen wollten, die Hypermobilität, die plötzlich gefordert wurde, die Bereitschaft alles hinter sich zu lassen, wenn es am anderen Ende der Republik vielleicht einen allzu kurzen Strohhalm gab, war linke Heimat- und Familienverachtung in Reinkultur. Denn die Familie galt in diesem Milieu längst als Keimzelle des Bösen, sie zu verlassen verhieß nach dieser Lesart Chancen zu ergreifen und nicht etwa traurig sein zu müssen. Den Liberalismus, den die Linken für sich entdeckten und durch den sie den Dogmatismus ihrer Altvorderen abstreifen konnten, versprach Nationalstaatliches hinter sich zu lassen. Die digitale Revolution spielte dem Trend noch in die Hände. Im Laufe der Jahre kam dann noch der Angriff auf die Köpfe der Menschen dazu, die endlich neu ausgerichtet werden sollten, damit sie ihrer ursprünglichen Heimat, die an Ort und Stelle zu finden war, aber nun verlorenging, nicht nachtrauern – wer nicht erreichbar ist für die infantilen Parolen, die plötzlich den Debattenraum dominierten, endete als Heimatloser.

Wie ein Ossi, nur westdeutsch

Sehen Sie mich an, ich hin ein solcher Mensch, der keine Heimat mehr hat. Ich gebe zu, dass ich immer auch mit der Heimat gefremdelt habe – klar, ich war unter linkem Einfluss, linker Blogger, verband mit dem Begriff allerlei Niederträchtigkeiten. Dekonstruktion, Dekonstruktion: Das war die Zauberformel, die mich faszinierte. Familie: Pfui! Heimat: Scheiße! Arbeit: Ausbeutung! Nichts hatte Sinn, nichts Wert, alles nur Chimären, alles bloß Blendgranaten und Nebelkerzen. Die Konservativen, in puncto Fortschrittsdusseligkeit nach links ausgebüxt, konnten mit nichts dagegenhalten. Auch sie waren längst entkernt, Heimat galt ihnen als der Boden, auf dem Profite maximiert werden. Schöpfung? Mit diesem biblischen Begriff konnten sie nichts mehr anfangen, bis heute können sie es nicht. Selbst die Rechte hat sich darauf eingelassen, die Heimat begrifflich als auch gesellschaftlich zu verramschen.

Sicher, jede Generation weint dem Land ihrer Jugend nach. Jede Generation verbrämt die damaligen Zeiten. Aber selten gehen die zwangsläufigen Veränderungen mit einer derart eklatanten Vernunftsreduktion einher; sie sind auch nicht so häufig ideologischer Natur, wie wir das heute erleben. Es sind ganz erhebliche Säulen weggebrochen, die ich in der Bundesrepublik als so fest erachtete, dass sie immer Bestand haben würden. Aber außen- wie innenpolitisch veränderte sich annähernd alles. Über Jahre hat man sich mit dem Ausbau der Transferleistungen beschäftigt, sie sollten bedingungslos werden, ohne Anreize ausgeschüttet werden – dazu kam es dann nicht, aber die Energien fraß das dennoch auf. In der alten Republik hätte man darauf gedrungen, Arbeitsmarktpolitik zu machen, Arbeitsplätze zu fördern, auf diese Weise Lohnpolitik zu machen. Aber nichts davon gibt es noch. Makroökonomie kenne die politische Klasse gar nicht mehr, so sagte mir Heiner Flassbeck vor Kurzem. Sie kratze sich ratlos am Kopf und ideologisiere vor sich her – sowohl ökonomisch als auch gesellschaftspolitisch. Größter Exportschlager heute: Betroffenheit und Moral. Auf dass die Welt die Heimat von neun Milliarden Menschen werde, die nach den Vorgaben derer leben, die ihre Heimat längst verramscht haben und sie passioniert verachten, so sie hier und da noch hervorlugt.

Ich habe mich oft mit Verständnis geäußert, wenn mir ehemalige Bürger der DDR erzählten, dass sie sich als Heimatlose fühlen – wenn sie sich selbst als Menschen wahrnahmen, die in dieser Bundesrepublik nicht integriert seien. Aber erst in den letzten Jahren verstehe ich diese Leute vollkommen. Mir geht es wie ihnen – nur in westdeutsch. Wie jene habe ich einen Verlust in die vertraute Ordnung erfahren, Institutionen und Werte haben sich nicht nur verändert, sondern regelrecht umgedreht. Meine Biographie wirkt entwertet, denn mein Geschlecht, mein Alter, meine Sexualität sind nun hochverdächtig. Die regionalen Identitäten ging allerorten verloren, deutsche Innenstädte gleichen sich wie ein Ei dem anderen, Dialekte verschwinden, verwässern, klingen wie der Abklatsch von Pidgin-Englisch. Ich bin ein Fremder in einem Land, das auch mal ein Stück weit meines war. Ja, ich verstehe die Menschen kaum noch, die Debatten, die Interpretationen – fast alles entspricht fast immer dem Gegenteil dessen, was ich aufgrund meiner Sozialisierung und Vorprägung als geboten erachte. Kulturell wurde das Land ausgehöhlt, Meinungen werden verdammt, der Mut zum Originellen gilt als verrucht. Obendrauf funktioniert das Land immer schlechter, fast alles sieht so aus, wie wir uns seinerzeit den Ostblock vorgestellt haben. Erst wurde auf Verschleiß gefahren, nun wird das Verschlissene verwaltet, so weit das überhaupt noch möglich ist. Das war nicht das Ethos der alten Bundesrepublik. Damals gab es, wenn schon keinen Heimat-, so doch einen Errungenschaftsstolz. Einen Geist für das, was man geschafft, was man sich erarbeitet hatte. Wo ist das alles hin? Egal wohin man blickt, man sieht verdrossene Arbeitnehmer – was auch nachvollziehbar ist, weil selbst Arbeitgeber, Betriebe und Firmen viel weniger Heimat sein wollten, als sie es in früheren Jahren zumindest in Teilen noch waren. Die Folge ist, dass sich niemand mehr für irgendwas zuständig fühlt. Nicht für seinen Stadtteil, seine Stadt, sein Land, das Gemeinwesen. Nur noch eine fühlt sich in Deutschland beheimatet: Die absolute Gleichgültigkeit.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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82 Kommentare

  1. Diese 75 Jahre Nachkriegszeit, in denen auch ich mein Leben verbracht habe, diese Epoche und ihre Werte hat sich 2020 über Nacht wegwischen lassen. Ohne nennenswerten Widerstand. Sie war also auch nur eine Illusion, so wie die Jetzige. Es ist nicht nur Heimatlosigkeit, die uns Älteren zusetzt, es ist diese völlige Entwurzelung aus der Zeit, aus den Epochen, die kommen und gehen und nie Bestand haben.

    1. Da geht es mit genauso wie ihnen. 2020 ist aber neben Corona auch noch irgend etwas
      Anderes geschehen, was viele Menschen völlig verändert hat. Vielleicht hat dieses Geschehen
      auch nur etwas aus den Menschen hevorgekramt, was man „schlechte Seite“ nennt. Schon beim
      Beginn der ersten Meldungen fingen viele an panisch zu werden. Auf beruhigende Worte reagierten
      die dann mit Aggression, was dann später immer heftiger wurde. Viele Beziehungen und angenommene
      Freundschaften zerbrachen. Meine Nachbarschaft hat sich in den letzten 6- 7 Jahren durch das Versterben
      dar alten Garde ausgewechselt. Die neuen haben keinen Sinn mehr für „Nachbarschaft“. Die ehemaligen
      Berliner können nicht einmal grüßen und glauben dazu auch noch, dass hier jetzt alles nach ihren Pfeifen
      tanzen muß. Die Pfeifen sind sie dabei selbst. Ein Ehepaar in meinem Alter, die hinter der Elbe, also im
      Osten gewohnt haben, ist zum Glück sehr verträglich. Denen konnte die Corona Panik scheinbar nichts
      anhaben. Man hilft sich auch gegenseitig. Ein Strohhlam, an dem ich mich weinigstens etwas festhalten kann.

  2. Es ist unglaublich aber in diesbezüglich hatte Baerbock recht, aber nicht so wie Baerbock sich das dachte.
    „Vor vier Jahren sind wir in einer anderen Welt aufgewacht.“
    Ich bin auch in einem anderen Land aufgewacht, habe diese Entwicklung allerdings nicht für möglich gehalten und es wird immer schlimmer.

    Wer sich ans Grundgesetz hält bekommt Hausverbot an Schulen.

    „Es ist unglaublich!“ – Ex-Soldat enthüllt den Geheim-Plan an Schulen
    https://www.youtube.com/watch?v=-3e-AA8YkU0

    1. Schon traurig. Aber was soll erst die Amsel erzählen, die kein natürliches Material für den Nestbau mehr findet, sondern nur noch Fetzen von Plastiktüten oder in Donezk Glasfaser von Drohnen? Was der Eisbär, dem die Heimat unter dem Hintern wegschmilzt, was die Fische, die 30 Grad in deutschen Flüssen nicht aushalten; Was der kleine Baobab-Sprössling, der in irgendeinem Weltladen in einer geflochtenen Schale vor sich hin dorrt ? Was ein marokkanisches Kind, das gerade in Ceuta festsitzt, dem die eigenen Eltern gesagt haben. Lass dich bloß nie wieder hier blicken? Was all die Migranten, die einmal im naiven Glauben, hier Heimat zu finden, nun genau das Land als Identitätsetikett aufgedrückt bekommen, aus dem sie gegangen sind?
      Mir geht’s manchmal nicht anders als Ihnen, Herr Lapuente. Und ich finde es sehr schwer auszuhalten, dass Werte, die einem als junger Mensch vermittelt wurden, z.B. Offenheit für andere Kulturen ,Toleranz und Mitbestimmung (SMV) in der Schule, Sparsamer Umgang mit Energie daheim (Licht aus, wenn du nicht im Raum bist, zieh ne Jacke an, im Winter anstatt die Heizung auf 25 Grad zu drehen, Schmeiß die Bananenschale gefälligst in den Mülleimer, nicht auf den Boden usw usf)
      sich in Luft aufgelöst zu haben scheinen.
      Und doch erinnere ich auch Diverses, über dessen Fortbestand ich nicht glücklich sein könnte: prügelnde Lehrer, dümmlichste sexuelle Anmache aus vorbeifahrenden Autos, meist Daimler–Fahrer, schon auf dem Schulweg (na Kleine, willste dir nen Fuffziger verdienen?), heute vermieden durch Taxi-Service der Eltern, was auch keine Lösung ist, Dämliches
      Geschwätz von Mitarbeitern auf Schulämtern: Sie können doch heiraten (Alternativ zu Ihren Beruf auch ausüben), aber auch „Ich kann mir kee arbeitslose Lehrerin an de Hals hänge “ von potentiellen Lebensgefährten.
      Berufsverbote nicht nur für DKP- Mitglieder, sondern auch für Menschen, die bei irgendeiner Demo mit offenem Mund fotografiert wurden.

      Die Frage ist also: Was halten wir für richtig und gut? Unabhängig vom früheren möglichen Vorhandensein. und: Können wir jüngeren Menschen vermitteln, dass diese Dinge wertvoll sind? Können wir selbst ausreichend nach unseren eigenen Idealen leben und Vorbild sein?
      Ich will mir nicht anmaßen, Menschen aus Ostdeutschland zu verstehen.
      Grüße Sie daher nur von Dinosaurier zu Dinosaurier.

  3. Mir geht es genau so, kann ich nicht bestreiten, aber ich habe Glück!
    Geldsorgen habe ich nicht, arbeiten muss ich nicht mehr, meine Familie, v.a. die Kernfamilie ist intakt, Riesengarten ist da, Bibliothek ist vorhanden, ich kann reisen und tue das auch und die Welt bleibt draußen, so weit wie möglich, ich bin nicht reich, aber Ausreichendes ist vorhanden, bis ich nicht mehr da bin.
    Ich kann mich mit Menschen umgeben, die mich bereichern, ich empfinde mich als privilegiert, kann Menschen helfen und tue das auch.
    So weit so gut.
    Es müsste aber allen Menschen so gehen wie mir, die nach 45 Berufsjahren eine gute Rente haben, ebenso wie meine Frau.
    Und es wäre auch kein Problem, das es allen Menschen im Alter so ginge, das dem nicht so ist, ist politisch gewollt.
    Die Parteien, die dafür gesorgt haben, das alte Menschen im Müll wühlen, sind ihrer Aufgabe nicht gerecht worden.
    Die neue Partei, die an die Tröge will, wird die Situation weiter verschlechtern.
    Denn auch das ist ein verlorenes Heimatgefühl, meine Großeltern und Eltern hatten ein auskömmliches Leben im Alter, man konnte in den Urlaub fahren und sogar etwas hinterlassen.
    Das sich die Menschen Sorgen um ihre Alten machen müssen, ist auch ein Stück Verlust..
    Mir hat der Artikel gefallen; er beschreibt sehr gut auch mein inneres Empfinden.

  4. Organisch ist die Veränderung der letzten Jahre aber nicht gewesen. Sie wurde choreographiert, orchestriert, handstreichartig gelotst – wie auch immer Sie es nennen wollen. Kampagnenarchitekten fielen über das Land her. Oder besser gesagt: Nichtregierungsorganisationen und PR-Agenturen, die das Land – auf Geheiß mächtiger Spieler – umformen sollten.

    Das klingt nach Verschwörungstheorie, die ich in dieser Form bezweifele, denn in der bürgerlichen Demokratie mit dem Liberalismus als Staatsideologie und dem liberalen Kapitalismus als Wirtschaftsform gibt es einen intrinsischen Faktor, der zwangsläufig zum Neoliberalismus mit all seinen unsozialen Zumutungen treibt.

    Ein „Geheiß mächtiger Spieler“ (als Subjekt) ist nicht notwendig, denn es ist das liberale Dogma der Freiheit des Kapitals sich ungestört vermehren zu dürfen, das dem Staat seine Bedürfnisse aufzwingt. Und in der Globalisierung stehen die Staaten sogar in Konkurrenz um die profitabelsten Bedingungen für das Kapital. Die Staaten werden so vom Kapital an der Nase geführt aufgrund von Bedingungen (den Freiheitsdogmen), die von der liberalen Demokratie selbst herbeiführt werden: Der Freiheit (des Kapitals).

    1. Ich stimme Ihnen weitgehend zu. Als ein in der DDR geborener mache ich den Zeitpunkt der Wende für eine Beschleunigung dieser Entwicklung aus. Nach dem Zusammenbruch des Systemrivalen (Sozialismus/Kommunismus) um 1990 herum muss man sich auf der anderen Seite des ehemaligen Eisernen Vorhangs nun mehr und mehr nicht mehr den Anschein einer sozialen und dennoch wohlhabenden Gesellschaft geben.
      Ich sage immer: „Seit 1990 dreht der Kapitalismus frei“. Es gibt ja derzeit keine gesellschaftliche Alternative mehr, mit der man um die Bürger „ringen“ muss.

      1. In der Tat, der Zusammenbruch des sozialistischen Ostblocks beschleunigte den Trend zum unsozialen Neoliberalismus (und der Globalisierung). Der Trend begann begann aber schon einige Jahre früher bei den Angelsachsen, deren Finanzkapitalismus die Richtung vorgab. Der mitteleuropäische, sogenannte „Rheinische Kapitalismus“, der noch einige Elemente staatlicher Lenkung enthielt, musste vor der Übermacht angelsächsischen Kapitals endgültig kapitulieren. Fortan galt alles zu privatisieren, was irgendwie möglich war, das heißt es musste dem privaten Kapital und deren Verwertungsbedingungen zugeführt werden. Ich vermute, der Grund war, dass dem Kapital die Möglichkeiten zur Vermehrung ausgingen. Ähnliches sehen wir heute mit der Rente, deren Beiträge auch der Kapital-Vermehrung dienen sollen.

    2. @ garno: Sehr gut, dass du auf diesen intrinsischen Faktor im liberalen Kapitalismus hinweist!

      Wenn man schon, wie RdL so ein Geraune um „Nichtregierungsorganisationen und PR-Agenturen, die das Land – auf Geheiß mächtiger Spieler – umformen sollten.“ loslässt, dann sollte man auch Butter bei die Fische liefern, sonst ist es in der Tat nur eine Spielerei mit Verschwörungsgefühlen.

    3. Das klingt nach Verschwörungstheorie, die ich in dieser Form bezweifele, denn in der bürgerlichen Demokratie mit dem Liberalismus als Staatsideologie und dem liberalen Kapitalismus als Wirtschaftsform gibt es einen intrinsischen Faktor, der zwangsläufig zum Neoliberalismus mit all seinen unsozialen Zumutungen treibt.
      Ein „Geheiß mächtiger Spieler“ (als Subjekt) ist nicht notwendig …

      @ garno:
      Wer oder was anderes als „mächtige Spieler“ hätte denn Regeln etablieren können,
      denen genau der „intrinsische Faktor“ innewohnt, den sie dann selbst exekutieren?

  5. Es ist schon seltsam. Also ich (Anfang der 70er Jahre geboren), sage mir in der Rückschau immer wieder, daß ich mein Leben heute ganz anders gestalten würde, wenn ich die Phasen jetzt nochmal durchlaufen müßte (was ich Gottseidank nicht muß). Ich wundere mich immer wenn ich tatsächlich kitschiges sehe, wie Hochzeiten in weiß mit Rüschenkleid und dreistöckiger Torte. Würde ich im Leben nicht mehr machen. Ich sehe nämlich bei all dem Horror und den vielen paralysierten per App Lebenden auch große Chancen für etwas Neues. Diejenigen die sich verstehen, haben während der politischen Pandemie zb einen Radar entwickelt. Per Blick habe ich gelegentlich Trost und Zuspruch erfahren in dieser entsetzlichsten Erfahrung bisher in meinem Leben.
    Und das gilt auch für andere Themen. Die schönste und bereicherndste Erfahrung der letzten Jahre war für mich die Erkenntnis daß ich wahrhaftig denken kann, was ich will. Und wenn mir sonst nichts bleibt, das geht immer.

    1. Wunderbar!
      Roberto hatte viel von meinem Lebensgefühl auch getroffen, aber etwas saß mir dabei quer: seine Larmoyanz.
      Ich sehe wie Sie auch das Positive. Dass diese Enttäuschungen, von denen die „politische Pandemie“ nur ein Teil war, auch Klarheit schaffen. Was will ich und wofür stehe ich?
      Wer sind meine Freunde und mit wem kann ich mich heute verständigen, den ich früher gar nicht gesehen habe? Die Kostbarkeit der kleinen Momente nehme ich bewußter wahr und kann besser geniessen als früher. Danke für Ihren aufhellenden Blickwinkel!

      1. Danke zurück für Ihre „Rückmeldung“ die mich freut!
        Ja, es gibt immer auch positive Entwicklungen. Die auch wahrzunehmen lohnt sich!

  6. „Das Land, das ich kannte, in dem ich aufwuchs, dessen Werte mich oft ärgerten, die ich jedoch kannte und hin und wieder auch schätzte, gibt es nicht mehr. Nun weiß ich, wie sich Ostdeutsche fühlen.

    Ganz sicher nicht!
    Die Ostdeutschen trauern der alten DDR in der Regel nicht nach. Das ist die begrenzte, westdeutsche Sicht auf die „Ostalgie“. Viel stärker wirkt die Enteignung ihres eigenen Landes durch Besatzer. Westdeutsche Besatzer, die sich alles aneigneten, und Ostdeutschen nahezu durchweg mit Arroganz und Besserwisserei begegneten. Und das, nachdem man sich selbst vom Joch der alten Herrschaft befreit hatte!

    Und das wirkt eben bis heute nach. Ostdeutschland hat bis heute Elitenstrukturen wie eine britische Kolonie im 19. Jahrhundert. Ab einer gewissen Hierarchiestufe gibt es fast keine Ossis mehr. In Verwaltung, Bildungswesen, und – ganz wichtig: in der Justiz! Im 35. Jahr der Einheit! Vor kurzem gab es eine aktuelle Erhebung, die als Ergebnis brachte, daß in den ostdeutschen (!!!) Oberlandesgerichten rund 95% aller Richterstellen mit Westdeutschen besetzt sind! Da bekommt die Formel „Im Namen des Volkes“ einen ähnlichen Klang wie die Schwafelei vom „Volkseigentum“ in der DDR. Welches Volk denn? Das ist Fremdherrschaft!

    Apropos Volkseigentum: Das wurde von der Treuhand vor allem an Westdeutsche verschenkt und mit Milliardensubventionen aus Steuergeldern noch belohnt. Dazu kamen „Schulden“-Erlasse. Aber eben nur für Wessis. Wollten bspw. ostdeutsche Belegschaften ihre Betriebe in Eigenregie weiterführen, hielt die Treuhand die „treue Hand“ auf, und verlangte, erst mal die (im Zuge der Wiedervereinigung künstlich erschaffenen) Schulden zu begleichen. Kredite gab es unter solchen Voraussetzungen natürlich keine und Vermögen hatten Ossis nicht. Anteilsscheine am „Volkseigentum“ wurden mal versprochen, aber umgehend verworfen. Es bestand ja die Gefahr daß Ostdeutschland Ostdeutschen gehören könnte.

    Im Ergebnis gehörten nach dem Ende der Treuhand 80% aller Betriebe im Osten Westdeutschen, 15% Ausländern und nur 5% Ostdeutschen. Die Folge war ein totaler Zusammenbruch der ohnehin labilen Wirtschaft, da von diesen „Investoren“ kaum einer ein Interesse am Aufbau der Wirtschaft im Osten hatte. Es folgte Massenarbeitslosigkeit und Abwanderung, vor allem gutausgebildeter Arbeitskräfte und darunter überproportional vielen Frauen. Die hatten in der DDR einen Beruf, oft mit akademischem Abschluß, und eine Arbeit – im ostdeutschen Westen standen sie vor dem Nichts.

    Es gibt zwei Extrembeispiele demografischer Verwerfungen in der Welt: Japan, das eine extreme Überalterung aufweist, weil die eigentliche Elterngeneration zu wenig Nachwuchs zeugte, und China, das als Folge der Ein-Kind-Politik einen extremen Mangel an Frauen aufweist, der für die „übriggebliebenen“ Männer ein Riesenproblem darstellt. Familiengründung unmöglich.
    In Ostdeutschland um die Jahrtausendwende fielen beide Phänomene zusammen!

    Nein, Herr Lapuente, sie haben KEINE Ahnung, was in Ostdeutschland los ist.

    1. Um sich über ein Land inkl. seiner Menschen ein fundiertes Urteil bilden bzw. dieses als „Vergleich“ be/nutzen zu können, müsste man dort immerhin (eine Weile) gelebt und Erfahrungen gesammelt haben.
      Daher ist Ihr Einspruch absolut korrekt.

      Bei folgender Aussage muss ich allerdings ein Veto einlegen:
      „..und China, das als Folge der Ein-Kind-Politik einen extremen Mangel an Frauen aufweist,..“
      Wie man zur Geburtenkontrolle stehen mag, ist ein völlig anderes Thema, aber nicht durch die o.g. Politik stieg/sank die Geburtenrate bei Jungen/Mädchen, sondern die traditionelle Bevorzugung männlicher Nachkommen war originär verantwortlich!

      1. Korrekt. Das Ziel der Ein-Kind-Politik war, die enorme Entwicklung der Bevölkerungszahl in China einzudämmen. Als Nebeneffekt der modernen Medizin wurde dann aber in der Masse durchaus in signifikanter Zahl weiblicher Nachwuchs verhindert und männlicher bevorzugt. Man wollte unbedingt einen „Erben“ in die Welt setzen. Und da man keinen „zweiten Schuss“ mehr hatte, hat man eben alles unternommen, daß der erste „sitzt“. Die Folgen baden heute genau diese männlichen Nachkommen aus, die keine Frauen in ihrer Generation mehr finden, weil es einfach zu wenige davon gibt.

    2. Um sich über ein Land inkl. seiner Menschen ein fundiertes Urteil bilden bzw. dieses als „Vergleich“ be/nutzen zu können, müsste man dort immerhin (eine Weile) gelebt und Erfahrungen gemacht haben.
      Daher ist Ihr Einspruch absolut korrekt.

      Bei folgender Aussage muss ich allerdings ein Veto einlegen:
      „..und China, das als Folge der Ein-Kind-Politik einen extremen Mangel an Frauen aufweist,..“
      Wie man zur Geburtenkontrolle stehen mag, ist ein völlig anderes Thema, aber nicht durch die o.g. Politik stieg die Geburtenrate bei Jungen, sondern die traditionelle Bevorzugung männlicher Nachkommen war originär verantwortlich!

    3. Bravo für ihren Beitrag @Heinz. Sehr treffend beschrieben, wie Ostdeutschland quasi annektiert und ausverkauft wurde.
      Dazu wurden und werden die Ossis wie Menschen zweiter Klasse behandelt.

      1. Mein Thüringer Cousin sagt immer sarkastisch: „Die Wende ist dann vollendet, wenn der letzte Ossi aus dem Grundbuch gestrichen ist.“. Dabei muss man aber auch bedenken, dass viele meiner (Ost-) Landsleute auch eine „schnelle Mark“ gemacht haben und Grund und Boden oftmals verscherbelt haben. Richtig ist aber auch, dass Ossis selten Vermögen hatten um den Eigenanteil eines Kredites zu stellen. „Investitionszulage Ost“ gab es hauptsächlich nur für westliche Investoren. Ich wohne in einem Ostseebad auf der Insel Rügen. Der Ort ist aktuell zu 85% in neuer, westlicher Hand.

        1. Ja. Alles zielte genau darauf, Ossis besitzlos zu halten und weiter zu enteignen.

          So war es DDR-Bürgern praktisch unmöglich, Grundstücke und Häuser zu kaufen. Das wurde mit der Regierung Modrow Ende 1989 geändert. Viele konnten nun etwa das Haus, in dem sie wohnten, und das sie die ganze Zeit über instand gehalten hatten, kaufen – wenn sie das nötige Geld hatten. Im „Einigungsvertrag“ aber wurde exakt der Antritt der Regierung Modrow als Stichtag genommen. Alle Grundstückskäufe danach wurden grundsätzlich unter Vorbehalt gestellt. Und mit der Annexion fielen dann die „Alteigentümer“ ein….

          Oder die „Schulden“. (staatliche) Unternehmen konnten in der DDR keine Gewinne behalten. Sie mußten alles an den Staat abführen. Wollten sie investieren (in neue Maschinen etwa), mußten sie einen „Kredit“ bei einer der staatlichen Banken beantragen. Den konnten sie aber mangels einbehaltener Gewinne gar nicht abzahlen. Staatliche Betriebe – staatliche Banken. Rechte Tasche – linke Tasche.

          Nach der Wende wurden diese „Kredite“, die im Grunde keine waren, aber als echte Kredite im Sinne der Marktwirtschaft behandelt, und die DDR-Banken, die man für ein besseres Trinkgeld an westliche Banken „verkaufte“, hatten all diese „Kredite“ in den Büchern stehen, und forderten auf einmal Tilgung und Zinsen von den Ex-DDR-Unternehmen. Das brach dann neben der DM-Einführung (Währungsaufwertung um 400%!!!) vielen Firmen finanziell das Genick.

          Die Banken übrigens hatten gar kein Risiko, da im Falle eines Ausfalles des Schuldners der Steuerzahler einsprang, und das Ganze über den „Erblastentilgungsfonds“ ausglich. Außerdem waren oft genug schon die mit erworbenen Immobilien mehr wert als sie gezahlt hatten. Insgesamt ging es dabei um rund 200 Mrd Euro (400mrd DM), die somit westdeutschen Banken geschenkt wurden, während die „Schuldner“ ins Gras bissen.

    4. @heinz
      den Ausverkauf der Heimat erlebt jedes arme Land.
      Es kommen die Menschen mit mehr Geld und kaufen alles,“günstig“, auf.
      In meinen 45 Jahren in Portugal habe ich erlebt, wie Portugal den Portugiesen abgekauft wurde … Heute gehören die Städte nicht mehr den Portugiesen … Sie gehören Deutschen, Franzosen, Engländern und immer mehr … Indern.
      Die Gerichte hier sind auch niemals mit Einheimischen besetzt. Nicht mal die Polizei ist einheimisch. Alles, was du beschreibst, geschieht europaweit … wahrscheinlich weltweit …
      und Westdeutschland wird auch verkauft, ist verkauft worden, an Rumänen, Pakistanis, Türken und so weiter …
      ich beschrieb es weiter oben: Meine Heimatstadt ist nicht mehr deutsch.
      Und in dem portugiesischen Dorf, in dem ich lange lebte, gehören keine 30 % der Häuser mehr Portugiesen, und diese 30 % gehörten schon immer zwei Familien …
      ihr habt kein Sonder-Schicksal erlebt, nur europäische „Normalität“.
      Dabei bin ich mir nicht sicher, ob ich „Normalität“ in Anführungszeichen setzen sollte.
      Die ersten 50 Nachkriegsjahre waren eine Ausnahme … die Ruhe nach dem Sturm …
      Doch eventuell war es schon immer so…
      Dass die gut ausgebildeten, wohlhabenden, die politisch oder religiös gerade in Ungnade gefallenen Menschen des einen Landes haben andere Länder aufgekauft….sind emigriert. Je nach den Zuständen in den Ländern mal mehr, mal weniger.
      Man nehme Syrien als Beispiel … Dort haben lange Zeit 7 Religionen friedlich zusammengelebt … Nun sind 6 davon auf der Flucht …

      1. Als „gelerntem DDR-Bürger“ ist mir aber dieser Kapitalismus zuwider. Und es wurde „uns“ ja auch 1990 ganz anders versprochen.

        Ich hab mal einen schönen Satz im Kabarett (Die Diestel – Ostberlin) gehört, der es auf den Punkt bringt:

        „40 Jahre lang haben sie uns über den Sozialismus belogen! Wer konnte denn da ahnen, daß sie uns über den Kapitalismus die Wahrheit gesagt haben?“

        1. Zitat:
          „40 Jahre lang haben sie uns über den Sozialismus belogen! Wer konnte denn da ahnen, daß sie uns über den Kapitalismus die Wahrheit gesagt haben?“

          So ist es. Karl Eduard von Schnitzler präsentierte seine Propaganda im „Schwarzen Kanal“ so holzhammerartig, dass man nicht mal die Stellen glaubte, wo er auch mal wahrheitsgemäß über den Westen berichtete.
          Die heutige Propaganda ist da – leider – geschickter (auch wenn sie sich Schnitzler’s Niveau zunehmend annähert).
          Ich vertraue auf den Satz: „Wir können sie nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen, aber wir können sie zwingen, immer unverschämter zu lügen.“

    5. Viel stärker wirkt die Enteignung ihres eigenen Landes durch Besatzer. Westdeutsche Besatzer, die sich alles aneigneten, und Ostdeutschen nahezu durchweg mit Arroganz und Besserwisserei begegneten. …

      50% der DDR-Bürger, nämlich die Wähler der „Allianz für Deutschland“ (AfD), gaben der von ihnen gewählten De-Maiziere-Regierung im März 1990 den Auftrag, die DDR so schnell wie möglich (!) abzuwickeln und an den Westen und die geliebte D-Mark _anzuschließen_. „Helmut nimmt uns an die Hand …“ lautete der demütig vorgetragene Wunsch.
      Hab‘ ich recht oder hab‘ ich recht?

      Genau diesem Wunsch wurde entsprochen.
      Und nun kommen Sie (nach 35 Jahren) und beschweren sich nicht einmal darüber, dass 70% der DDR-Industrie dank der gewünschten blitzschnellen Währungsunion das Zeitliche segnete.
      („Tatsache ist, daß im Grunde genommen in dem Augenblick, wo die Währungsunion kam, kein Unternehmen mehr wettbewerbsfähig war …“ Treuhandpräsident Gohlke am 11.11.93 vor dem Treuhand-Untersuchungsausschuss)
      Sondern darüber, dass den Rest das westdeutsche Kapital, also in ihren Worten „die Besatzer“ annektierten. Ja wer denn sonst? In Ostdeutschlands gab’s schließlich kaum Millionäre.

      Man sollte sich vielleicht langsam mal eingestehen, dass die von der DDR-Bevölkerung herbeigewählte „Annektion“ (Ihre Worte) letztlich nach ganz normalen, kapitalistischen Gepflogenheiten durchgeführt wurde. Eben als Konkurrenzkampf, bei dem das westdeutsche Kapital und die westdeutschen Funktionseliten natürlich am längeren Hebel saßen.

      1. Auch die Geschichte der Währungsunion verlief anders, als bis heute erzählt wird. Es war mitnichten so, dass die Regierung Kohl eine Forderung der DDR-Bürger erfüllte. Vielmehr fassten Kohl & Co bereits Anfang Februar 1990 den Plan, die DM einzuführen. Als Abrissbirne…

      2. Sie mögen ja recht haben, dass die D-Mark-Scheine vielen DDR-Bürgern die Sicht vernebelten. Aber wer wollte denn damals glauben, dass die Einführung der D-Mark dazu beitrug, die Ostwirtschaft mit ihren östlichen Handelspartnern OHNE D-Mark zu ruinieren. Ich weiß noch, wie Lafontaine dafür geprügelt wurde, weil er genau davor warnte, was die plötzliche Einführung der D-Mark anrichten würde. Folglich hatte Kohl (den die Wende rettete und die ihm wie ein reifer Apfel in den Schoß fiel) mit seinen Versprechungen von den „blühenden Landschaften“ einen leichten Durchmarsch.

  7. Kleiner Unterschied zu Ostdeutschen: den „Wessis“ erzählt man heute, daß die Zeiten und das Land, das sie kannten, Vergangenheit sind. Den „Ossis“ erzählt man seit inzwischen 30 Jahren, daß die Zeiten und das Land, das sie kannten, nie existiert habe.

  8. Ich weis ja nicht welcher Jahrgang Roberto J. De Lapuente ist, aber ich kann mich seinen Anektoden nur teilweise anschließen. Bin vermutlich etwas älter als er.

    Ich erinnere mich zum Beispiel, dass unsere Post hier schon immer eine Postbank dabei hatte – nur so eine kleine Erinnerung aus dem Ort in dem ich im Südwesten Deutschlands – nah an der französisch-schweizerischen Grenze – aufwuchs. Stimmt also nicht, dass die Post nie eine Bank betrieben hat – Die Postbank hat er unterschlagen, oder aber vielleicht gab es die in seinem Lebensumfeld einfach nicht?

    Ich würde die Vergangenheit übrigens nicht so negativ sehen – die Zeiten waren nicht schöner als 2026, sondern anders.

    Zustimmen kann ich jedoch, wenn er vom Untergang der alten BRD schreibt – ich erlebte diesen Übergang noch live mit, damals als die Mauer im Osten fiel, und „die Ossies“ scharenweise meinen damaligen Lehrbetrieb – ein Rathaus im tiefsten Südwesten Deutschlands – aufsuchten um das sogenannte „Begrüßungsgeld“ abzuholen. Ja, lange her, schon fast vergessen, wie die alte BRD, die auch ihre Schattenseiten hatte, aber eben ein völlig anderes Land war als das wiedervereinigte Deutschland mit der uralten und neuen Hauptstadt Berlin.

    Also Bonn (am Rhein) hat mir da weitaus besser gefallen.

    Übrigens eine Geschichte der Ex-DDR seit der deutschen Einheit wurde ja schon geschrieben – vom Historiker Ilko Sascha Kowalczuk, „dem Punker unter den Historikern“, der keinen Hehl aus seiner persönlichen Ablehnung von der Ex-DDR, der Linkspartei, der BSW – insbesondere Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht werden wohl nie Freunde von ihm sein, sowie der AfD macht – ich teile seine Ansichten übrigens nicht, aber das Buch „Der Freiheitsschock“ habe ich dennoch gelesen. So eine Geschichte fehlt für das Gebiet der alten BRD – seit der Einheit.

    Roberto hat hier zwar einige seiner persönlichen Erlebnisse bzw. Anektoden geschrieben, aber ich habe eben andere gehabt, die sich nur in geringem Maße mit seinen decken – liegt wohl daran, dass ich etwas älter bin 😉

    Dennoch bleibe ich dabei, die Vergangenheit in der alten, untergegangenen BRD, war nicht besser sie war nur anders, und eine Geschichte der Zeit des Untergangs der alten Bonner Republik sowie der Zeit die seither in der neuen Berliner Republik Vergangenheit vergangen ist muss erst noch von jemandem geschrieben werden.

    Ach übrigens noch was, die Digitalisierung zerstört auch uralte Traditionen – da ich mich, als jemand der in einem Ort mit einem westdeutschen, sehr bekannten FKK-Campingplatz mit mittlerweile Fünfsternebewertung, aufwuchs schon immer für diese Szene interessierte bekam ich vor kurzem mit, dass dort Jungmitglieder fehlen.

    Der Grund hängt auch mit der Digitalisierung und den Smartphones zusammen – aus Angst vor blamierenden, manche Menschen aufgeilenden, ohne Zustimmung veröffentlichten digitalen Nacktbildern begibt junger Mensch sich, trotz eventuellem Interesse, schon gar nicht mehr in diese Szene – was dazu führt, dass die Menschen, die auf diesem Campingplatz, und in der Freikörperkultur insgesamt, urlauben die Generation 50, wenn nicht sogar 60 Plus sind…..kein Nachwuchs mehr…..auch das macht das Smartphone kaputt…..könnte ja auch noch andere Dinge aufzählen, die die zunehmende Digitalisierung, ganz abseits von den üblichen staatlichen Verdächtigen, zerstört hat, aber das ist wohl das Thema für einen Extra-Beitrag hier.

    Sarkastische Grüße
    Bernie

    1. @Bernie
      „Ich erinnere mich zum Beispiel, dass unsere Post hier schon immer eine Postbank dabei hatte – nur so eine kleine Erinnerung aus dem Ort in dem ich im Südwesten Deutschlands – nah an der französisch-schweizerischen Grenze – aufwuchs. Stimmt also nicht, dass die Post nie eine Bank betrieben hat – Die Postbank hat er unterschlagen, oder aber vielleicht gab es die in seinem Lebensumfeld einfach nicht?“

      Sie haben vollkommen recht. Früher gab es sogar noch den Geldbriefträger der u. a. die Rente ins Haus brachte.

      Ich wünsche Ihnen ein schönes Restwochenende

      1. @Otto0815

        Da kann ich Ihnen auch nur zustimmen 😉

        Liegt wohl an Robertos Alter, dass er das nicht weis, oder an seinem Wohnumfeld – wie schon gesagt 😉

        Ihnen auch ein schönes Restwochenende wünschend
        Bernie

    2. Es gäbe viel zu sagen, aber begnügen wir uns mit diesem:
      Ich musste nachlesen, in welcher Höhe das Begrüßungsgeld ausgezahlt wurde.
      Exakt 100DM!
      Kein Wunder, dass für dieses Vermögen Horden von „Ossis“ im Breisgau einfielen; einen Fahrtweg (soweit im Besitz eines fahrbaren Untersatzes) von min. 500km (einfach) in Kauf nehmend!? Verrückt.
      Obwohl meines Wissens das Bildungungsniveau in der DDR sehr hoch war, haperte es aber offenbar bereits beim simplen, kleinen 1×1 bzgl. Kosten-Nutzen-Rechnung zu Ausgaben/Einnahmen.

      Wären Sie vor Ort allerdings mit dieser horrenden Masse pfleglicher umgegangen, hätten Sie heute auch keine Nachwuchsprobleme in der „Dreiländereck Naturisten GmbH“, denn der Ossi war dem Vernehmen nach ein Fan von FKK!
      Dumm gelaufen.
      Aber besser wäre es selbstverständlich gewesen, wenn alles geblieben wäre wie es war und in diesem Billigstlohnland weiterhin ausschließlich für den durchschnittlichen Kunden von Quelle, Ikea usw. produziert worden wäre.
      So könnte man sich auch heute noch daran erfreuen, der bessere, wenn nicht einzig wirkliche und wahre Teutone zu sein.
      Eventuell hätt’s dann beim Nudistennachwuchsproblem auch folgende Samariterlösung geben können:
      als Saisonnackte hätte man sich jährlich ein paar Ossis anmieten können; selbstredend angekettet, um sie am Davonlaufen zu hindern.
      Verstand, Gutes, Soziales, Empathisches zeigt sich auch in solch‘ kleinen Dingen.

      P.S. Übrigens sind NICHT die Digitalisierung oder Smartphones für dies oder jenes verantwortlich, sondern ausschließlich deren vielen Be/Nutzer, die der Technik nicht nur ohne Not ihr eigenes Gehirn zur Verwaltung* übereignen, sondern bereits zukünftige Generationen in die Pflicht zur Hirnschrumpfung nehmen.

      *auf diese Weise kann nebenbei, aber effizient die „echte digitale Zukunft“ mit goldenen Zeiten (für Auserwählte) beginnen.
      Ja – (viel) Kleinvieh macht bekanntlich viel Mist, auf dem Wachsen und Gedeihen kann, was ansonsten, beim vorherigen Nach/Denken, nur kümmerlich geblieben wäre.

      1. Kosten-Nutzen-Rechnungen haben wir Ossis schon gemacht. Mit 100 Euro Begrüßungsgeld pro Person wäre meine Familie nicht zufrieden gewesen. Da mussten schon mindestens zwei Nullen dran, der KEvS hat es ja mal erzählt wie die Westpolitiker absahnen, Ossis konnten dies auch ohne Politiker zu sein. Das DDR- Bildungsniveau war eben hoch. Und FKK Fan waren auch nicht alle Ossis, wir nicht.
        Da es in Thüringen keine Zukunft gab sind wir nach Bayern ausgewandert. War dort für uns Kommunismus nach SED- Jürgen Kuczynskis Definition: Wer 5000 DM im Monat frei zur Verfügung hat und ein Warenangebot wie im Westen lebt im Kommunismus.

      2. @Ach so

        Danke für Ihre Ausführungen, aber beim Begrüßungsgeld haben Sie nicht richtig recherchiert. Die Kritik, die es daran von Anfang an gab haben Sie wohl komplett überlesen?

        Aus meiner Lebenserfahrung, als Lehrling damals, am Anfang wurde nicht einmal kontrolliert wie oft von westdeutschen Gemeinden das Begrüßungsgeld ausbezahlt wurde – es gab anfangs nicht einmal einen Stempel, oder irgend einen anderen Nachweis, dass das Begrüßungsgeld schon einmal an einen Mitbürger aus der damaligen DDR ausbezahlt wurde. Alles damals auch in der Presse nachzulesen, und unsere ostdeutschen MitbürgerInnen waren auch nicht dumm, konnten rechnen, und daraus ihre Vorteile ziehen, dass die Bonner Behörden einfach zu dämlich waren wasserfeste Regeln beim Begrüßungsgeld von Anfang an – nicht erst als der (finanzielle) Schaden bereits angerichtet war – durchzusetzen.

        Und was Smartphones, und deren Mißbrauch – nicht nur in der FKK-Szene heute – anrichtet, da sehe ich auch nicht alles negativ. Die Nutzung mag auch positive Seiten haben, aber auch – mal ganz weg vom Thema FKK – sorgen (manchmal) manipulierte YouTube Videos privater Nutzer für Ärger – die Deutsche Polizei kann davon auch ein Lied singen, wie ich erst vor kurzem in einem Buch wo sich deutsche Polizeibeamte/-innen mal anonym äußern durften – zu diversen hochaktuellen Vorfällen – erfahren konnte.

        Die Smartphones ermöglichen eben frechen Usern auch solche Dinge, was – als jemand der keineswegs technikfeindlich ist – eben neben schönen Erlebnissen, auch solche manipulativen Sachen fördern, die zig Gruppen – ich habe ja nur 2 genannt, andere finden sicher noch andere Beispiele, massive neue Probleme bereiten.

        Nichts für ungut, nur meine Meinung 😉

        Gruß
        Bernie

      3. Die „Kosten-Nutzen-Rechnung“ ging durchaus auf!

        Der Kilometer Eisenbahn kostete in der DDR damals 8 Pfennige. Bei von dir unterstellt 500 Kilometer Weg (tatsächlich waren es meist nicht mehr als 150 bis 200), waren das 40 DDR-Mark. Dafür 100DM zu bekommen, mit denen man auch Westwaren kaufen konnte, war absolut lohnenswert! Vom Ausflug in den unbekannten Westen ganz zu schweigen.

        Hätten wir damals gewußt, daß die Wende kommt, hätten wir den Computer (Commodore C128), den wir zufällig im Jahr vor der Wende bekamen, gleich wieder verkauft. Der wäre nämlich 10.000 DDR-Mark wert gewesen. Also beim Umtausch 5.000DM….

        😉

  9. ja Roberto, Sie haben es auf den Punkt getroffen.
    Ich lebe seit 45 Jahren in Portugal.
    35 Jahre bin ich regelmäßig in Deutschland angekommen und habe mich zu Hause gefühlt.
    Wenn ich dann die letzten 10 km mit der Bahn auf meine Heimatstadt zurollte, war ich daheim. Mit dem Gefühl und auch mit dem, was ich sah.
    Sicherlich veränderte sich das Bild. Neue Häuser kamen dazu, doch die alten verschwanden nur selten.

    Das Stadtbild und die Parks waren so langweilig wie eh und je. Langeweile strömte aus fast jeder Kneipe.
    Ich liebte diese Langeweile. Mit einem befreundeten Seemann, einem ehemaligen Kapitän mit dem Patent für große Schiffe, fuhr ich regelmäßig in die Landkneipen, wo noch weniger los war. Manchmal saßen wir den ganzen Nachmittag allein im Schankraum, die Wirtin kam nur auf Zuruf und schenkte nach. Auf die Frage, warum wir gerade hierherkämen, war die Antwort: „Weil es so schön langweilig bei euch ist.“
    Wir haben diese Tage genossen. Zum Schluss saßen wir immer mit ein paar Bauern zusammen und haben geklönt …
    vor 6–8 Jahren war das vorbei….
    urplötzlich erkannte ich meine Stadt nicht mehr … So viel Gewimmel, überall Menschen, fremde Menschen, die nicht mal Deutsch sprachen. Ich fühlte mich nicht mehr daheim, ich fühlte mich zunehmend fremd. Die Kneipen sind alle verschwunden, überall Dönerbuden … Um eine Portion Fritten mit Schaschlik oder Frikadellen zu bekommen, musste man 20 km aufs Land in irgendein Dorf fahren … In unserer Kreisstadt gab es das nicht mehr …
    So empfinden das auch meine Freunde, die dort geblieben sind, oder die zurückgekommen sind. Auch ich wollte meinen Lebensabend in meiner Heimatstadt verbringen … Doch da es die nicht mehr gibt, habe ich mein Haus verkauft und bleibe nun in Portugal … Gekauft haben Pakistanis … Der Umbau der Gesellschaft war nun auch in meiner Kleinstadt angekommen.
    So fühlen wir uns nun alle als Fremde. Ich in meiner neuen Heimat Portugal, die ich liebe und wo ich gerne bin…und meine zurückgeliebenen Freunde in ihrer Heimatstadt, in Deutschland, wo sie sich weniger heimisch fühlen als ich in Portugal …
    all das darf man ja sonst gar nicht sagen … Danke für den Artikel, Roberto.

  10. Herr De Lapuente – wenn dem so ist, wie Sie es treffenderweise schildern – den „Jammerossi“ nehme ich (Ossi, Jahrgang 62, also schon in etwas „späterer Jugend“) Ihnen allerdings nicht ab- warum ändern wir dann diesen Zustand nicht? Wir wissen seit 1989, wie das geht. Ihr Artikel wirkt passiv trauernd.
    Den damaligen Zuständen nachtrauern? Quatsch! Es ist keine Trauer, sondern Selbstbewußtsein und Wut, die im Gegensatz zu Ihrer westlichen Trauer aktives Handeln fordert. Wir haben es doch oder nämlich von Honni gelernt: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“. 😉
    Und da gab es mal noch einen: „Wer, wenn nicht du! Wann, wenn nicht sofort!“
    Und, de Lapuente, übrigens: Ich habe es mir nicht ausgesucht, ein Ossi zu sein. Ich hatte einfach Glück. 🙂

    1. Eigentlich sagt De Lapuente nur, dass früher alles besser war. Dass es die bürgerlichen Ideale sind, die nicht stimmen, das bemerkt er nicht. Die ökonomischen Verhältnisse passen einfach nicht mehr zu diesen Idealen.

      1. @garno: Bitte keine Pauschalierung(en). „Früher“ war nicht alles besser, aber manches schon. Und was stimmt nicht mit den „bürgerlichen Idealen“? Es kommt allerdings darauf an, was man darunter versteht.

        🅰️ Versteht man darunter, dass (z. B.)
        + sich Leistungsbereitschaft und Arbeiten lohnt und Fleiß auszahlt,
        + eine selbstgenutzte Immobilie unabhängig von Vonovia und Miethaien macht,
        + das Gehalt ausreicht, eine Familie zu ernähren (und damit meine ich nicht nur Lebensmittel),
        + man bei Arbeitslosigkeit, Krankheit usw. keine Angst haben muss, sozial abzustürzen,
        + die Bahn pünktlich kommt und abfährt,
        + man in der Fußgängerzone nicht angepöbelt wird,
        + es ein gutes öffentliches Bildungssystem für alle Kinder und nicht nur für die Reichen gibt,
        + man beim Facharzt nicht drei Monate lang auf einen Termin warten muss,
        + die öffentlich-rechtlichen Sender der Regierung nicht hinten rein kriechen,
        + die Regierung alles für den Frieden tut und keinen Krieg vorbereitet,
        + Freiheit, Gleichheit und Solidarität auf einer Stufe stehen,
        + Wohlstand für alle Bürger,
        + es keine Obdachlosen gibt, die im Winter erfrieren und
        + keine Rentner in Mülleimern nach Pfandflaschen suchen müssen, weil die Rente nicht für die Miete reicht
        + usw. ❓

        🅱️ Oder versteht man darunter:
        – nach unten treten und nach oben buckeln,
        – Opportunismus und Mitläufertum,
        – die Gier selbst immer reicher zu werden,
        – dass man als Vermieter die Mieter ausquetscht wie Zitronen,
        – die Armen mit Dreck zu bewerfen,
        – „superreiche“ Oligarchen und Plutokraten immer noch reicher zu machen,
        – die Trickle-Down-Theorie,
        – das Dogma, dass jeder wohlhabend wird, der fleißig ist und hart arbeitet,
        – militärische Aufrüstung und Kriegstüchtigkeits-Propaganda,
        – Doppelmoral, Arroganz, Heuchelei und Scheinheiligkeit,
        – Konformität, Engstirnigkeit und Spießigkeit,
        – persönlicher Egoismus ohne Rücksicht auf andere
        – usw. ❓

        Und jetzt kommt die spannende Frage: Welche IDEALE führen zu den realen ÖKONOMISCHEN Verhältnissen:
        🅰️ oder 🅱️ ?

        Merke:
        Bürgerliche Ideale sind verschieden,
        deshalb sind auch die Folgen nicht entschieden.
        Werte und Ziele machen das Ergebnis aus,
        denn jeder zieht aus seinen Idealen etwas anderes heraus.
        (Rainer Reimer, Reimstadt am Rhein, Reimland 2026)

        1. Danke der Nachfrage. Natürlich war früher nicht alles besser, aber vieles schon. In der Nachkriegszeit bis in die 70er Jahre passten die bürgerlichen Ideale noch ins reale Leben der Menschen. Man musste zwar auch seine Arbeitskraft verkaufen, aber Leistung hat sich noch gelohnt, der Wohlstand wuchs allgemein. So meine eigene Erfahrung als mittelloser Student in Köln am Rhein Ende 70er Jahre. Verglichen mit den heutigen Studenten-Problemen (von Wohnen bis Lebensunterhalt) war das damals geradezu paradiesisch. Die Menschen konnten damals davon ausgehen, dass es ihren Kindern in Zukunft besser geht als ihnen selbst. Das ist heute nicht mehr der Fall (Deindustrialisierung bedeutet letztlich Wohlstandsverlust).

          Leistung lohnt heute immer weniger. Man ist nicht mehr seines Glückes Schmied. Von diesen „bürgerlichen Idealen“ rede ich, die immer weniger zu realisieren sind. Natürlich mögen auch heute noch einzelne Individuen ihr Glück finden, aber eben nicht die Vielen in der Gesellschaft. Dieser Unterschied scheint Ihnen nicht präsent, was ja auch die übliche individualistische (links)-liberale Ansicht ist.

          Im Übrigen sind Ihre A- und B-Punkte keine Entweder-oder-Punkte, sondern die gehören zusammen, das sind nur die 2 Seiten der selben Medaille, des neoliberalen Kapitalismus.

          1. @garno „Die Menschen konnten damals davon ausgehen, dass es ihren Kindern in Zukunft besser geht als ihnen selbst.“ – Wichtig dabei ist, das galt nicht nur für Abiturienten/Hochschulabsolventen, sondern auch Schulabgänger mit mittlerer Reife und Hauptschulabschluss und sogar „einfache“ Arbeiter ohne Schulabschluss.

            „Dieser Unterschied scheint Ihnen nicht präsent, was ja auch die übliche individualistische (links)-liberale Ansicht ist.“ –

            Das ist aber genau der Punkt, den ich kritisiere: die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität. In den 1980er Jahren gab es mal die „geistig-moralische Wende“ eines gewissen Dr. Helmut Kohl mit dem bekannten Slogan: „Leistung muss sich wieder lohnen“

            Wer bitte ist dagegen, dass sich Leistung lohnt? Das wirft allerdings zwei Fragen auf:
            1. Warum „wieder“? Hat sie sich vorher bei Brandt/Schmidt nicht „gelohnt“?
            2. Was versteht man unter „Leistung“ und hier setzt meine Kritik an: Vor ein paar Jahren hat ein einzelner Aktionär aka „Leistungsträger“ eines bekannten deutschen Automobilbauers über 600 Millionen Euro Dividende kassiert und zwar in einem einzigen Jahr. Eine Grundschullehrerin müsste dafür rund 10.000 Jahre arbeiten. Darüber wird aber in Deutschland nicht geredet und kritisiert wird es auch nicht.

            Das Vermögen des reichsten Deutschen wird derzeit auf mehr als 50 Milliarden Euro geschätzt und auf eine Millarde Euro mehr ober weniger kommt es dabei nicht an. Allein für diese eine Milliarde Euro könnte man 500 Einfamilienhäuser à 1.000.000 Euro und 1.000 Eigentumswohnungen à 500.000 Euro kaufen bzw. bauen. Auch darüber wird in diesem Land nicht geredet und kritisiert wird auch das nicht.

            Wenn man das kritisiert, ist man dann ein „individualistischer (Links)-Liberaler“? Wenn ich mich selbst in eine Schublade stecken müsste, dann würde darauf stehen: Freiheit, Gleichheit, Solidarität. Das war mal die Parole der franz. Revolution. Freiheit, Gleichheit, Solidarität sind konkurrierende Zielgrößen. In einer demokratischen Gesellschaft sollte keine Zielgröße die anderen dominieren, wenn alle Bürger von der Wirtschaft profitieren und gut leben sollen und zwar vom einfachen Arbeiter bis zum oben genannten „Leistungsträger“.

            Freiheit, Gleichheit, Solidarität bzw. Sozialstaat könnte man auch als die Fundamente des Grundgesetzes von 1949 bezeichnen, das 2026 weniger wert ist als Toilettenpapier. Im Art. 20,1 GG steht nämlich: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“ Warum reden dann alle Mainstream-Journalisten, 99 Prozent aller Politiker usw. immer von der „freiheitlich-demokratischen“ Grundordnung und nicht von der demokratischen und sozialen Grundordnung? Da fängt die neoliberale Volksverdummung doch an.

            Und dann kommt die asoziale Gesellschaft heraus, die wir heute haben. Wenn man dem Kapitalismus keine Grenzen setzt, dann dominiert die Freiheit der besserverdienenden Reichen und Superreichen die beiden anderen Ziele. Die Besserverdiener/Reichen/Superreichen werden immer reicher, die Armen/Geringverdiener immer zahlreicher und die Mittelschicht dazwischen wird gekocht und dann zu Kartoffelpüree zerstampft.

            1. Wenn ich mich selbst in eine Schublade stecken müsste, dann würde darauf stehen: Freiheit, Gleichheit, Solidarität. Das war mal die Parole der franz. Revolution.

              Ja, das war der Aufstand des Volkes gegen feudale Zwangsverhältnisse. Allerdings ist dann von den 3 Forderungen nur die Freiheit übriggeblieben, die anderen 2 wurden vom reichen Bürgertum gekapert und entsorgt, da die ihren Interessen widersprachen. Die individuelle Freiheit entsprach den Bedürfnissen der Reichen und im bürgerlichen Staat wurde der Reichtum (das Eigentum) rechtlich abgesichert. Das Verbot in Hauseingängen zu schlafen betrifft den Reichen ebenso wie den Bettler, vor dem Recht sind alle gleich.

              Die Herrschaft des Geburtsadels wechselte zur Herrschaft des Geldadels, was historisch ein Fortschritt war, da die Herrschaft des Geldes nun voll zum Zuge kam und damit der Kapitalismus, der die Produktivkräfte wie nie zuvor in der Geschichte vorantrieb. Die Parole von der (individuellen) Freiheit wurde vom reichen Bürgertum zur Herrschaftssicherung benutzt und von „Linken“ heute zu allen möglichen woken und queren Freiheiten überstrapaziert. Die „Spielwiese“ der heutigen Linken im Westen sind die individuellen Freiheitsrechte. Damit kommt sie der Herrschaft des großen Geldes nicht in die Quere.

              1. … die anderen 2 wurden vom reichen Bürgertum gekapert und entsorgt, da die ihren Interessen widersprachen. …

                @ garno:
                Inwiefern ist das denn nicht die „Verschwörungstheorie“ vom Geheiß mächtiger Spieler, von der Du gestern sagtest, daß Du sie bezweifeltest?

  11. Roberto macht also die Linken dafür verantwortlich das wir keine Heimat mehr haben und all diese negativen Veränderungen haben.
    Nicht den kapitalistischen Verwertungsprozess, nein, die Linken sollen es sein.
    Dabei weiß er als 78 geborener mal so rein gar nichts von echten linken Ideologien geschweige denn deren Zielen.
    Roberto möchte nämlich wieder diesen spießigen Muff seit 1000 Jahren unter den Talaren, weswegen sich die 68er Linken nämlich überhaupt erst formiert haben, den er wohl nie erlebt, aber wohl genetisch eingeimpft bekommen hat, respektive anscheinend auch so konditioniert worden ist.
    Was er in seiner Jugend als Links empfand, hat mit linkem Gedankengut sowieso nicht mehr viel gemein.
    Da waren dann frühestens die 90er, wo Leute wie der Taxifahrer Joschka anfingen die Kriegstrommel zu schlagen.
    Er verwechselt Grün mit Links denn alles was danach kam, war bestenfalls Grün durchzogen von der Gier des Hochfinanzkapitalismus immer und überall Verfügbar zu sein, aber das war bestimmt nicht weder auf linkem noch auf grünem Mist gewachsen.

    1. @Adel verpflichtet: „Dabei weiß er als 78 geborener mal so rein gar nichts von echten linken Ideologien“

      Das ist aber ein Vorurteil. Ich habe das Dritte Reich inklusive Zweiten Weltkrieg, Holocaust, Euthanasie usw. auch nicht persönlich erlebt bzw. miterlebt, ich weiß aber sicherlich mehr über den Niedergang der Weimarer Republik und die Zeit von 1933 bis 1945 als viele Bürger, die diese Zeit persönlich erlebt und 1933 den „Führer“ aus Braunau gewählt haben, aber sich 1945 = 12 Jahre später nicht mehr daran erinnern konnten.

      Deshalb weiß ich auch, dass die Zeit von 1933 bis 1945 kein „Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte (Alexander Gauland, AfD) war und Hitler auch kein „Linker“ oder „Kommunist“ gewesen ist, wie das in dem Interview von Frau Dr. Alice Weidel (AfD) mit dem US-amerikanischen Billionär und Oligarchen Elon Musk behauptet wurde. Wer das behauptet, macht rechtsextreme Propaganda.

      Adolf Hitler aus Braunau war kein Sozialist und auch kein Kommunist,
      sondern Rassist, Chauvinist, Militarist und Sozialdarwinist.
      Auch als Faschist und Imperialist schritt er brutal voran,
      und zeigte vielen Menschen, wie grausam und tödlich totalitäre Macht sein kann.
      (Rainer Reimer, Reimstadt am Rhein, Reimland 2026)

      1. Warum blaffst Du mich denn so an?
        Es ist nun mal eine Tatsache das Rdl von echten linken Anliegen keinen Schimmer hat.
        Sicher hätte er die Möglichkeit es zu tun, aber tun die Nachgeborenen eben nur selten,, aber uns einen erzählen wollen, das ist mittlerweile eine Binse.

        1. @adel verpflichtet
          ich bin 1955 geboren, da kenne ich zumindest die fetten Jahre Deutschlands und Europas.
          Dass die Linken nicht mehr links sind, ist nichts Neues, daran solltest du dich gewöhnen … es wird nicht wieder anders werden.
          Damals 1970-80, haben meine Freunde nahezu alle Marx gelesen, und sich links genannt … ich nicht, weil ich Marx nicht verstanden hatte und Bakunin auch nicht…. aber all die Sozialpädagogen, Soziologen, Psychologen und Lehrer, die aus meiner Schulgeneration hervorgegangen sind, waren erst bei der KPD/ML (mich wollten sie nicht dabei haben, ich habe zu viel gekifft und wollte die Banken auch nur überfallen, um dann am Strand liegen zu können) und später bei den Grünen. Grün sind sie heute alle immer noch und faseln vom menschengemachten Klimawandel … Ich habe es genau so erlebt … grün = links bzw. umgekehrt …
          ich sehe die Welt anders als du: Für mich ist nicht der Kapitalismus der Feind, sondern die Staaten an sich und deren Gewaltmonopol. Ohne beides gibt es auch keinen Kapitalismus … Ohne stehende Heere kein Geld und keine Möglichkeit, die Menschen zu unterdrücken … Darüber lässt sich streiten, ist aber nicht angesagt, weil ich denke, jeder muss selbst draufkommen, was er für richtig hält…..
          den Kapitalismus für alles verantwortlich zu machen, greift zu kurz…..
          es ist doch eine monopolistische Welt, wenige Monopolhalter gehören sich gegenseitig, und zusammen gehört ihnen nahezu alles … Kann man das noch Kapitalismus nennen?
          ist aber auch nicht wichtig, wie man es nennt … Wichtig wäre, sich zu einigen, die Monopolhalter zu beseitigen … Vielleicht alle auf dem Mars ansiedeln, als freundlichen Vorschlag, obwohl mir was anderes vorschwebt … Doch da leben wir nun schon so sehr im Panoptikum, dass man das nicht mehr sagen kann…..
          Ein schönes Wochenende und viel Spaß auf deinem Motorrad wünsche ich dir…..

          1. Ich schrub in jedem zweiten Beitrag, das es nur ohne den Staat geht
            Ich habe nämlich Bakunin verstanden, weil ich Anarchist bin…. solltest du eigentlich wissen, senn Du hier des Öfteren mitliest. 😉

            1. siehst du, und ich habe es verstanden, ohne Bakunin zu verstehen. 40 jahre nachdem ich ihn gelesen hatte…..
              Dass ich diese 40 Jahre schon anarchistisch gelebt hatte, habe ich erst verstanden, nachdem ich Greabner(Anfänge und Schulden) gelesen hatte …

  12. Grundsätzlich kann ich dem Beitrag von @ Heinz nur zustimmen. Im Jahr 1991 hatte ich kurz mit der Berliner „Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst“ zu tun. Der betreffende Mitarbeiter mit akademischen Titel verkörperte das, was man früher als „arrogant wie ein preußischer Leutnant“ bezeichnete. Da ich dem auch noch seine eigenen Gesetze und Verordnungen erklären musste, hatte ich
    im Endeffekt die Verliererkarte. Die Insassen der Kolonie haben nur die Rechte, die ihnen die Kolonialverwaltung zuspricht! Das hat man mir schon früh beigebracht….
    Selbst die Lokalredaktionen der westdeutschen Zeitungskonzerne werden mit „Wessis“ besetzt… Und wenn sich ein „Ossi“ traut, eine Zeitung wie die „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“ zu gründen, gefolgt prompt der „Shitstorm“ aus dem Westen. Schließlich dürfen die Geschichte(n) über den Osten und seine Menschen nur vom Westen erzählt werden!
    In dem Zusammenhang fällt mir die Erklärung eines „Studenten der Geisteswissenschaften“ aus Bremen ein, der vor etwa zwei bis drei Jahren felsenfest der Meinung war, der „Führer der DDR war Adolf Hitler und die Wessis haben die Ossis vom Faschismus befreit.“ Anfangs dachte ich, der Typ verschaukelt mich. Aber der meinte das wirklich ernst! Und solche „Fachkräfte“ werden dann irgendwo „Chef spielen“…
    Inzwischen hoffe ich, der politische, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Zusammenbruch dieses Landes wird so tief gehen, das nichts mehr von der alten US- Kolonie BRD übrig bleibt. Und was dann aus der Asche entstehen wird, das muss die junge Generation entscheiden…

    1. Zitat:
      „In dem Zusammenhang fällt mir die Erklärung eines „Studenten der Geisteswissenschaften“ aus Bremen ein, der vor etwa zwei bis drei Jahren felsenfest der Meinung war, der „Führer der DDR war Adolf Hitler und die Wessis haben die Ossis vom Faschismus befreit.“

      Das ist doch kein Wunder. Schließlich steht noch immer auf einer Webseite der EU allen Ernstes, dass Auschwitz von „DEN Alliierten“ (Mehrzahl) befreit wurde. Ich frage mich, welche das gewesen sein sollen. Oder unser Geschichtslehrer hat uns Blödsinn erzählt.

  13. @Bernie/dritter Anlauf
    Also erneut: Es gäbe viel zu sagen, aber begnügen wir uns mit diesem.
    Ich musste nachlesen, in welcher Höhe das Begrüßungsgeld ausgezahlt wurde.
    Exakt 100DM!
    Kein Wunder, dass für dieses Vermögen Horden von „Ossis“ im Breisgau einfielen; einen Fahrtweg (soweit im Besitz eines fahrbaren Untersatzes) von min. 500km (einfach) in Kauf nehmend!? Verrückt.
    Obwohl meines Wissens das Bildungungsniveau in der DDR sehr hoch war, haperte es aber offenbar bereits beim simplen, kleinen 1×1 bzgl. Kosten-Nutzen-Rechnung zu Ausgaben/Einnahmen.

    Wären Sie vor Ort allerdings mit dieser horrenden Masse pfleglicher umgegangen, hätten Sie heute auch keine Nachwuchsprobleme in der „DreiländereckNaturistenGmbH“, denn der „andere Deutsche“ war dem Vernehmen nach ein Fan von FKK! Dumm gelaufen.
    Aber besser wäre es selbstverständlich gewesen, wenn alles geblieben wäre wie es war und in diesem Billigstløhnland weiterhin ausschließlich für den durchschnittlichen Kunden von Qualle, Ikeo usw. produziert worden wäre.
    So könnte man sich auch heute noch daran erfreuen, der bessere, wenn nicht einzig wirkliche und wahreTeutone zu sein.
    Eventuell hätt’s dann beim Nudistennachwuchsproblem auch folgende Samariterlösung geben können:
    als Saisonnackte hätte man sich jährlich ein paar anmieten können; selbstredend hätte man sie am Davonlaufen hindern müssen.
    Verstand, Gutes, Soziales, Empathisches zeigt sich auch in solch‘ kleinen Dingen.

    P.S. Übrigens sind NICHT die Digitalisierung oder Smartphones für dies oder jenes verantwortlich, sondern ausschließlich deren vielen Be/Nutzer, die der Technik nicht nur ohne Not ihr eigenes Gehirn zur Verwaltung* übereignen, sondern bereits zukünftige Generationen in die Pflicht zur Hirnschrumpfung nehmen.

    *auf diese Weise kann nebenbei, aber effizient die „echte digitale Zukunft“ mit goldenen Zeiten beginnen.
    Ja – (viel) Kleinvieh macht bekanntlich viel Mist, auf dem Wachsen und Gedeihen kann, was ansonsten, beim vorherigen Nach/Denken, nur kümmerlich geblieben wäre.

    1. „P.S. Übrigens sind NICHT die Digitalisierung oder Smartphones für dies oder jenes verantwortlich, sondern ausschließlich deren vielen Be/Nutzer, die der Technik nicht nur ohne Not ihr eigenes Gehirn zur Verwaltung* übereignen, sondern bereits zukünftige Generationen in die Pflicht zur Hirnschrumpfung nehmen.“

      Bis vor einigen Jahren hätte ich da zugestimmt. Aber so simpel ist es nicht mehr. Die Entwicklung ist fortgeschritten und heute sieht man glasklar, dass man zu digitalen Services, speziell zu mobilen digitalen Services, regelrecht genötigt wird. Wer nicht mitmacht, auf analoge Teilhabe besteht, hat Pech gehabt (d. h. z. B. zahlt merklich drauf) oder ist gleich ganz raus.

    2. Zitat:
      „Exakt 100DM!
      Kein Wunder, dass für dieses Vermögen Horden von „Ossis“ im Breisgau einfielen; einen Fahrtweg (soweit im Besitz eines fahrbaren Untersatzes) von min. 500km (einfach) in Kauf nehmend!? Verrückt.“

      Verstehe ich nicht. Wieso Breisgau? Man musste doch nur über die alte „Grenze“ fahren zur nächsten westdeutschen Auszahlstelle.

  14. Neulich erst hatte ich doch tatsächlich ein ähnliches Traktat wie heute Roberto der Ex-Neulandrebell verbrochen, fast gleich lang auch noch, hatte just 9998 Anschläge. Gerade in der Kommentar-Quarantäne angekommen, habe ich den Quark dann aber – mittels Bordmitteln meines Browsers – aber gam nz schnell auf Overton wieder entsorgt bzw. mit 33 mal ‚bla‘ per copy&paste überschrieben. Besser so dachte ich noch, bevor es ein anderer tut. Der ‚bla‘-Blindwurm fiehl sebstredend der allgegenwärtigen Zensur zum Opfer, nu – viel verloren ging ja nicht.

    Und ansonsten? Gaaanz ehrlich? Zu dem geilen „Erguss“ selbst, eigentlich wollte ich mich meines Senftes unbedingt enthalten. Aber je länger es insgeheim wurmte, die Magensäure vielleicht auch wallte, nach einer ganzen halben Stunde nach Lektüre war der Bann gebrochen und ich begann (s.o.) mit „Neulich erst …“. Ja doch, auf dem Anderkonto hatte sich Einiges angesammelt in letzter Zeit. Werde die Kontoüberziehungen jetzt bestimmt nicht hier nicht alle nachvollziehen, hätten die 50.000 Anschläge schließlich kaum ausgereicht.

    Nun, es wird kein grüner Senft werden und auch kein ‚brauner‘ aus Bautzen, den ich abzudrücken angehalten bin, auch wenn links bekanntlich da ist, wo der Daumen … Das, was heuer link als „links“ be- und geschimpft wird – ja auch von unserem RdL, wie wir spätestens seit heute mutmaßen dürfen, besonders erquicklich für die Vendes et al auch noch – war nie links und wird nie links sein und werden. Müßte eigentlich unser zwischenzeitlich in Frankfurt Ansässiger schon irgendwie mal mitbekommen haben. Da gab es schließlich einen Turnschuhträger … aber das lasse ich mal lieber.

    Fast hätte ich mich eines – lt. Google-KI – alten deutschen Sprichwortes bedient, nein, nicht mit dem sicherlich pflichtigen ‚Sexwörkerin‘, sondern bewußt mit dem H-Wort – nämlich dem „„Wenn Huren alt werden, werden sie fromm“. Aber des RdL’s Gezerfe über ‚Links‘ ist in dieser unserer Zeit, wo es nur eines Funkens oder eines rrockenen Furzes von dem Herrn im runden Büro bedarf und die Welt steht in Flammen. Ist uns’aller Wolkenkuckucksheim und unser Wohlstand, die paar nichtsnutzigen Krumenpicker ihres Sozialstaates ledig und wir alle zusammen unserer ach so geilen Demokratie nebst Würde und Meinungsfreiheit. Also Obacht, auch unserer Vermögen – die die meisten doch nie hatten. Nicht aber jene Sondervermögen, die dann – falls überhaupt noch mal möglich – von unseren Nachfolgegenerationen ganz bestimmt pflichtigst eingetrieben werden müssen. Da wird es gewiß auchwieder genügend ‚Eintreiber:innen“ geben, ‚Schwarze Russen‘ wie früher einmal werden es bestimmt nicht sein.

    Dass ‚Links-Sein‚ nur äußerst selten mal ‚humanistisches Gedankengut‘ beherbergen durfte, mach Sachen, Roberto – ja diesbezüglich will ich doch duzen, eingedenk seiner Vergangenheit als Rebell auf frischer Scholle. Auch ich hatte mal – just in jenen Jahren die mit einer 6 und einer 8 heute bezifferten und als für allerlei Widerlichkeiten verantwortlich gemachten – meine alles andere als positiven ‚Erlebnisse‘ mit den Herrschaften. Revolutionäre Zeiten auch in der Provinz! Höhepunkt: Sturm – nein, nicht der Bastille, aber diesbezüglich gäbe es auch etwas zu vermellden – des ‚Rektorats‘. Ich selbst befand ich in der zweiten Angriffswelle, nicht in der ersten zugegeben. Sollte mir aber alsbald echtes Mitgefühl mit der Sekretärin einhandeln, die ob ihres Verlustes ihres Shell-Kalenders mit bitteren Zähren vergiessend herumirrte. Die Herren von den ‚Roten Zellen‘ – reichlich als fünfte oder sechste Welle vor Ort eingetroffen – hatten ja schließlich Material für ihre Parolen benötigt. Sollte aber nicht der einzige Höhepunkt bleiben. Lange dauerte es jedenfalls nicht, und ‚man‘ erfuhr über das Sturmgeschütz, dass bei dieser ‚Sonderoperation‘ ein ‚Goldenes Buch der Alma Mater‘ erobert worden sei und ‚man‘ dabei auch jene Seite entdeckt habe mit den Einträgen aus 1000 Jahren, der Herr Reichsinnenminister Frick nebst dem Präsidenten des Volksgerichtshofs einem Roland Freisler dort vermerkt und offensichtlich gut gehütet.

    Klar doch, auch meine Wenigkeit war – wie es eben so hieß – damals ‚leicht‘ sensibilisiert. Wo doch gerade erst sechsesechz’ge König Silberzunge Kanzler geworden war mit einem Willy B. Als Vize. Was Ersterer in der vorigen dunklen Zeit so üblicher Weise zu tun hatte, nun, das deutsche Volk hat es erst einmal nicht interessiert. Gewöhnlich böse Zungen vermeldeten dann trotzdem, sowas wie ‚Verbindungsoffizier‘ zwischen Reichsaußen- und Reichspropagandaministeriukönnte es schon gewesen. Ja, wenn es weiter nichts wahr, gelle? Und der Nachfolger des Kanzlers im freigewordenen Amte des Ländle’s, da fragte man besser mal die Suchmsschine der Wahl nach „furchtbarer Jurist“. Stimmt, zu der Zeit damals – so von 66 bis X – da hatten unsere „Omas gegen rechts“ noch nichts gegen solcherlei Umtriebe einzubringen gehabt, warum auch,

    Und wenn wir schon dabei sind – immer noch des Lapuente’schen Pamphlets im hinteren Teil eingedenk – schauen wir doch mal wie das denn insgesamt so wahr mit dem ‚linken Terror‘ zu Großdeutschschland. Ja sicher, über die ersten Jahre von 1949 bis 1953 kann ich kaum was berichten, wie auch nicht über das kurze Leben in der SBZ – der soffjeddisch besetzten Zone, um den Duktus vom ‚Alten‘ noch mal zu verwenden. Das erste Mal, das ich dort hinzukommen hatte und mir vom bösen ‚linken‘ Treiben berichten lassen konnte, war lange nach dem unverzüglichen Eleven/Nine. Hatte bei meinem Einfall in die frisch eroberten …äh…befreiten Gebiete erstaunt feststellen dürfen, dass es in den meisten angesagten Elend-Gettos dort auch nicht viel anders aussah als in den in den Jahren zuvor reichlich untergekommenen ‚Marktflecken‘, drüben in Gottes eigenem Land.

    Wollte mich jetzt bestimmt nich drücken, wenn ich meinen ‚Werdegang‘ im doch ach so verruchten ‚linken Spektrum‘ mal kurz links liegen lassen mußte. Zurück in die Jahre 1969 ff. Willy Kanzler! Mehr Demokratie wagen? Na ja, der Radikalenerlass vermag wohl die berühmte Ausnahme von der Regel geween sein, an ansonsten allzuviel verlautbartem ‚Linken Gedankengut’ kann ich mich auch nicht erinnern von ihm. Übrigens, sein Redenschreiber damals – ein gewisser Müller, A., auch heute noch mit „»Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein« hausieren gehend – auch nicht besonders damit aufgefallen. Abgesehen von seiner engagierten aber ungefragten Aufforderung an eine Frau Sahra W., doch tunlichst in Thüringen die Gelegenheit zu nutzen … ja genau!

    Ja doch, es war allein besagter Willy, der mich erstmals in meinem jungen Leben in eine Partei trieb. Der Höhepunkte in dieser linken Partei gab es nicht viele, die Willy-Wahl natürlich. Zusammen mit ein paar anderen Frischlingen konnten wir die Wahl vor Ort im. Heimatstädtchen das erste und wohl auch letzte Mal frisch aufmischen. Auch ein Besenstiel schwarz angestrichen wird dort schließlich bis heute noch … Ja sicher doch, hatte sie seinerzeit schnell ‚liebgewonnen‘, meine Parteibonzen-Sozen im braunen Kordanzug vom Ortsverein, Gewerkschafter/Betriebsräte mißtrauisch bis zum Anschlag – wohl bekannt bei mir aus dem ortsbestimmenden Industiebetrieb, in dem ich als Werkstudent rührig sein durfte.

    Es begab sich just zu jener Zeit, als mir mein dortiger defacto-Boss eröffnete – über dem mir aufgetragenen Projekt jährlicher Steuererklärungen – O-Ton „Wenn der hier wüßte, dass du linke Bazille seine …“. ‚Der hier‘, ein langjähriges Mitglied des Hohen Hauses zu Bonn, ausgesuchter Europa-Experten mit Anschluss an die Unternehmer-Familie seit denn 30er Jahren, von welcher Partei brauche ich ja wohl kaum zu erwähnen. Nein, von der FDP war er nicht. Es muß wohl in jenen Jahren gewesen sein, als ‚man‘ mir von gleicher Quelle jenen Schwank erzählte vom schon längst verstorbenen. Kanzler Adenauer wie auch seinem Fraktionsmitglied. Dem Alten sei zu gegebenner Zeit einmal zugetragen worden, dass es da jemanden gäbe, der sich schon als Bundespräsident wähnte. Woraufhin der ‚Alte‘ leicht entrüstet einen seiner gewohnten Blitze schleuderte: „Nein danke, habe schon einen Experten für Rassengesetze im Kanzleramt, brauche jetzt nicht noch einen Gauleiter-Assistenten in der Villa Hammerschmidt.“ Dass solch ein ‚Gerücht‘ nicht nur mir untergekommen sein dürfte, belegt(e) mir die Tatsache, dass das zuständige Regionalblättchen Jahre später Entsprechendes aufgegreifen konnte oder mußte, als dem Gymnasium an meinem Heimatort den Namen des Hochgepriesenen als Ehrung erhalten sollte. Hat er dann auch, nach hanebüchenden Verrenkungen ob des Vorgenannten allerdings. Noch heute darf deshalb die Jugend stolz sein auf solcherlei Vorbilder sein. Bravo!

    Statt dessen ist natürlich tunlichst ein „Weiche Satanas“ vor ‚Links‘ angesagt.
    Hat unser Autor doch drei Tage vorher schon kräftig anderweitig ausholen dürfen. Auf Manova nämlich, gucke da „Die Linke ist nackt – Der Anschlag auf den CSD in Berlin lässt der Linken eine ihrer zentralen Lebenslügen auf die Füße fallen: die Vorstellung, dass Migration kein Problem und eine multikulturelle Gesellschaft das Paradies ist.“ Donnerlütt – ‚Zentrale Lebenslügen“ also. Noch ist gar nicht ‚gebongt‘, ob es wirklich der ausgewählte.Täter gewesen sein mag, er kann ja – wie üblich – ja nicht einmal mehr muh oder meff sagen und bei der nächsten Sau, einer hybriden Drohne ist Ähnliches zu konstatieren.

    Könnte es sein, dass … Wahrscheinlich zwar keinem aufgefallen, zum aufwühlenden Pfeil nach links eingangs des RDL-Beitrags auf Manova, gibt es doch tatsächlich auch einen mit ‚Pfeil nach links‘. Ein gewisser Ploppa, Hermann glaubt da gestern mutmaßen zu müssen „AfD und liberales Establishment dienen im Kern denselben Herren: internationalen Oligarchen — der „Widerstand gegen Nazis“ ist insofern nur ein Schaukampf“. Irgendwie scheint da die Redaktion dann doch aufgepasst zu haben und auf einen groben Klotz dann doch gleich noch einen groben Keil setzen zu müssen. Bravo zum Zweiten!

    1. Wenn es jetzt eine Korrektur hätte geben dürfen, hätte auch eine bereinigte Version zur Verfügung gestanden, ehrlich! Hätte. hätte aber wieder bereinigt werden müssen, da die knapp unter 9000 angezeigten Anschläge hier mit 10.772 abgelehnt worden wären.

      1. Seien wir doch einmal ehrlich. Das momentane ‚Verfahren‘,sobald die 10000er Schwelle überscrhritten wird und sei es auch wegen nur eine Leerstelle das ganze Elaborat zu verwerfen, es komplett einzubehalten aber dennoch den Zähler um Eins hochzusetzen, ist dann wahrlich nicht die feine englische Art, zumal es ja auch keine Korrekturmöglichkeit mehr gibt. Wäre da das Abschneiden des die Brandmauer übersteigenden nicht einfacher, empfehlenswerter? Frage ja nur

    2. Aber wenigsten den letzten eingefügten Satz möchte ich doch nicht zurückbehalten:

      Ich kann es mehr wahrlich nicht verkneifen, mir drängt sich der Eindruck auf, dass wir demnächst unseren Roberto noch in mehr als einer Stuhlrunde begrüßen werden dürfen. Die Bewerbungen sind schon draußen.

      Spätestens nämlich dann, wenn die linke linke BSW nach dem 6.9. nicht mehr unter ‚Sonstigen‘ ausgewiesen werden kann.

  15. Der Autor spricht mit süddeutschem – genauer bayrischem – Akzent und ist in etwa in meinem Alter. Als gebürtiger, noch immer leicht schwäbelnder Schwabe, den es nach Berlin verschlagen hat, kann ich viele Punkte nachvollziehen. Heimat bedeutet für mich, ganz weltlich betrachtet, Familiengeschichte, Sprache (also Dialekt), Küche und Architektur (Stadtbild!) sowie das vorherrschende Landschaftsbild.
    Und ein Gefühl der Geborgenheit, des Aufgehobenseins in einer von Kindheit an vertrauten Landschaft, wird nun auch mir zunehmend genommen, durch den Ausbau der sog. erneuerbaren Energien (Solar und Wind), der Digitalisierung (Funkmäste) und Elektrifizierung (Stromtrassen). Wollte dies nur ergänzen, weil mich persönlich das am meisten umtreibt. Hier wirkt die Entfremdung doch besonders stark, oder etwa nicht?

    Zum Gegensatz Berlin und Ostdeutschland (ich nenne es immer liebevoll „Ex-Preußen“) und Süddeutschland: Der Bezug zur Heimat ist im Süden wohl stärker ausgeprägt, die Entwurzelung noch nicht weit so weit fortgeschritten. Langfristig könnte dort der Wunsch, sich von „Ex-Preußen“ zu lösen und die Beziehungen zu Frankreich und der Schweiz (für Bayern eben Österreich und Italien) zu vertiefen, durchaus wieder anwachsen. Heimat wird im Süden eher regional gedacht, weniger national.

  16. Roberto, noch ist die Heimat nicht verloren, die NPD hat sich doch in „Heimat“ umbenannt.

    Ansonsten, wer in Jogginhosen zu Bewerbungsgesprächen geht, bekommt vermutlich auch heute in der Regel den Job nicht. Aber früher wussgte man noch, das Schleifen regionaler Unterschiede und die Durchsetzung amerikanischer Kultur ist eine Folge des Kapitalismus, nicht irgendwelcher ominöser „Heimatfeinde“. Tja, so ändern sich die Zeiten.

  17. Der nächste Artikel von RdL mit einem sich an die AFD anbiedernden Lamento.

    Natürlich kann man manche Klage über die heutige Bundesrepublik im Vergleich zu früher führen.
    Aber welchen Sinn hat das? Um eine Art Früher-war-alles-besser-Gefühl zu verstärken, um sich in Nostalgie zu wälzen, oder was?

    Früher war eben auch nicht alles besser, aber der Artikel fokussiert nur darauf, was besser war. Außerdem spricht er immer von „diesem Land“, dabei haben die allermeisten Veränderungen in Deutschland auch sehr ähnlich so in vielen anderen Ländern stattgefunden. Das war nicht viel, was spezifisch deutsch war.

    Und zwei wesentliche Faktoren für all die negativen Veränderungen werden erst gar nicht wirklich erwähnt.
    1. Das Ende der alten Bundesrepublik begann 1990 mit dem Zusammenbruch des Sowjetreiches und des real existierenden Sozialismus. Damit brachen alle Dämme und der rasende neoiberale Kapitalismus begann mit seinem weltumspannenden Zerstörungswerk. Sehr viele der negativen Veränderungen sind _alleine_ darauf zurückzuführen.
    2. Der krasse Wandel in der Demographie. Heute gibt es nur noch in etwa halb so viele junge Menschen als zu der Zeit, wo ich jung war. Die Anzahl der Menschen mit einem Alter über 60 ist aber heute 1,5x so hoch wie damals. Daraus folgt eine ganze Menge. Eine solch junge Gesellschaft, wie wir sie in den 70er oder 80er Jahren hatten, kann eine ganz andere Dynamik entfalten und auch eine ganz andere Lebendigkeit und positive oder optimistische Lebenseinstellung bieten.
    Auch besonders ist die Fähigkeit stark erhöht substanzielle Veränderungen durchzuführen zu können vor denen eine alternde Bevölkerung, wie wir sie heute haben, eher zurückschreckt.

    1. @Two Moon 1. Zitat: „Um eine Art Früher-war-alles-besser-Gefühl zu verstärken, um sich in Nostalgie zu wälzen, oder was?“

      Darum geht es sicherlich nicht. Es geht darum, aus der Vergangenheit und der Geschichte zu lernen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte der erste Bundeswirtschaftsminister Westdeutschlands, Ludwig Erhard von der CDU „Wohlstand für Alle“ schaffen . In dem 1957 erschienen Buch schreibt Ludwig Erhard, der bislang noch nicht in die linke Ecke gestellt oder als „Verschwörungstheoretiker“ oder „Querdenker“ geframt worden ist, folgende Sätze (kein Witz‼️):

      „So wollte ich jeden Zweifel beseitigt wissen, daß ich die Verwirklichung
      einer Wirtschaftsverfassung anstrebe, die immer weitere und breitere
      Schichten unseres Volkes zu Wohlstand zu führen vermag. Am Ausgangs-
      punkt stand da der Wunsch, über eine breitgeschichtete Massenkaufkraft
      die alte konservative soziale Struktur endgültig zu überwinden. Diese
      überkommene Hierarchie war auf der einen Seite durch eine dünne
      Oberschicht, welche sich jeden Konsum leisten konnte, wie andererseits
      durch eine quantitativ sehr breite Unterschicht mit unzureichender Kaufkraft
      gekennzeichnet. Die Neugestaltung unserer Wirtschaftsordnung mußte
      also die Voraussetzung dafür schaffen, daß dieser einer fortschrittlichen
      Entwicklung entgegenstehende Zustand und damit zugleich auch endlich
      das Ressentiment zwischen ,,arm“ und ,,reich“ überwunden werden konnten.“

      Warum hat er das geschrieben? Und die Antwort lautet: Weil Erhard den ökonomischen, sozialen, demokratischen und gesellschaftlichen Niedergang der Weimarer Republik, den Aufstieg des Führers aus Braunau am Inn und das Dritte Reich miterlebt hat.

      2. Wenn man den rasenden neoliberalen Kapitalismus krititisiert, dann muss man bei der Demografie aber zum Beispiel auch darauf hinweisen, dass viele junge Menschen von heute angepasster und kritikloser sind als manche Ältere (Ausnahmen wie Herr Merz, geb. 1955, und Herr Pistorius, geb. 1960, bestätigen die Regel). Früher haben mehr junge Leute geraucht und einen über den Durst getrunken, aber sie haben nachgedacht und gesellschaftliche Missstände kritisiert. Heute rauchen immer weniger junge Leute und trinken keinen Alkohol mehr, sondern smoothies, aber die meisten haben mit dem Nachdenken aufgehört oder nie angefangen, die finden alles „supi“ und „perfekt“. Und mit der Aufrüstung und dem Krieg gegen Russland haben sie offenkundig auch kein Problem. Auch das gehört zur neoliberalen Gehirnwäsche.

      1. @DIRTY OPERATING SYSTEM

        Das haben Sie gut geschrieben! Und das Zitat ist wirklich eindrucksvoll.

        Natürlich hat @TwoMoon auch recht, wenn er darauf hinweist, dass viele der Verschlechterungen auf die Auswirkungen des Neoliberalismus zurückgehen. Doch De Lapuente das ja gar nicht bestritten – im Gegenteil:

        „Die Liberalisierung sämtlicher Lebensbereiche, die Digitalität ebenso wie die Globalisierung, die man den Nationen ungefiltert und ohne Sicherheitsnetz überstülpte, veränderte im Laufe der letzten Jahre … man möchte sagen: alles.“

        Vermutlich ärgert sich aber auch @TwoMoon etwas darüber, dass De Lapuente die Mitwirkung der Linken bzw. jener Leute, die sich als Linke bezeichnen, deutlich erwähnt, z.B. im Kontext der ideologischen Ächtung von „Heimat“.

        Das Ganze deckt sich dann mal wieder mit meiner eigenen Überzeugung, dass die Schnittmenge von Neoliberalen und heutigen Linken in Wirklichkeit viel größer ist, als beide Seiten erkennen und wahrhaben wollen. Natürlich haben sie auch Unterschiede, aber im Hinblick auf so manche Themen (z.B. Internationalisierung, Grenzenlosigkeit, Migration, Traditionsdekonstruktion und ziehen sie eben an einem Strang). Das können allerdings wegen des bewussten Blinden Flecks nur solche Beobachter bemerken, die außerhalb stehen, also z.B. Alt-Linke oder Konservative.

        Erlauben Sie mir eine halb persönliche Frage: Hat Ihr hiesiger Benutzername etwas mit dem seinerzeit recht bekannten Actionfilm „Dirty Harry“ mit Clint Eastwood zu tun?

        1. @ Wolfgang Wirth:

          Doch De Lapuente hat das ja gar nicht bestritten – im Gegenteil:

          „Die Liberalisierung sämtlicher Lebensbereiche, die Digitalität ebenso wie die Globalisierung, die man den Nationen ungefiltert und ohne Sicherheitsnetz überstülpte, veränderte im Laufe der letzten Jahre … man möchte sagen: alles.“

          Also ich hatte ja geschrieben, dass RdL den neoliberalen Kapitalismus als Ursache „erst gar nicht _wirklich_ erwähnt.“
          Und das tut er ja auch nicht, wie das Zitat zeigt. Er verwendet kein einziges Mal das Wort „neoliberal“ oder das Wort „Kapitalismus“. Und das, so glaube ich, ist Absicht, aber dazu später mehr. So wie er es geschrieben hat, tut es jedenfalls keinem Befürworter heutigen Kapitalismus weh.
          Statt dessen sind „Die Liberalisierung sämtlicher Lebensbereiche, die Digitalität ebenso wie die Globalisierung“ den Nationen einfach übergestülpt worden.“ Mit anderen Worten, da waren böse Gruppen von Menschen am Werk, nicht etwa ein zerstörerisches System wie der Kapitalismus.

          Vermutlich ärgert sich aber auch @TwoMoon etwas darüber, dass De Lapuente die Mitwirkung der Linken bzw. jener Leute, die sich als Linke bezeichnen, deutlich erwähnt, z.B. im Kontext der ideologischen Ächtung von „Heimat“.

          Nein, darüber ärgere ich mich nicht, denn es stimmt ja, wenn man es auf den links-genannten Wokismus bezieht. Was mich ein wenig ärgert ist, dass RdL in letzter Zeit oft sehr wohlfeile Argumente zum Linken-Bashing verwendet. Ich habe ja mit links-sein nichts am Hut. Dieser Rechts-Links-Fetischismus geht mir ja eher auf die Nerven, wie ich schon öfter betont habe. Ich halte ihn für ziemlich sinnfrei.

          Was mich aber wirklich ärgert ist, dass sich RdL in letzter Zeit sehr an die AFD anbiedert in seinen Texten. Die sind dafür immer mehr maßgeschneidert. In der Themenwahl, in der Wahl der Argumente und auch ganz besonders in der Wortwahl (siehe das Beispiel oben, wo Kapitalismus nicht erwähnt wird). Das zielt 1 zu 1 auf diese Klientel und es ist, so glaube ich, pure Absicht und Kalkül. Er macht fast schon Parteipolitik und sowas ist nach meiner Einschätzung unseriös, wenn man einen gewissen journalistischen Anspruch hat. Es mag ihm aber einen neuen Schwung Leser einbringen, was zumindest ein Teil der Motivation dafür sind könnte.

          Mit ideologischen Ächtung von „Heimat“, habe ich mich im Übrigen auch noch nie wirklich beschäftigt. Das ist irgendwie an mir vorbei gegangen.
          Ich selber habe ein sehr starkes Heimatgefühl, schon immer. Und es ist mit zunehmendem Alter auch immer stärker geworden. Als nach der Schule sehr viele meiner Freunde in andere Städte gingen um zu studieren, konnte ich das kaum verstehen. Selbst für ein Studium hätte ich meine Heimat nie verlassen und habe bis heute auch noch nie einen Grund gesehen meine Heimat zu verlassen. Ich Gegensatz zu vielen anderen hier, fühle ich mich auch nicht weniger heimisch hier als früher, eher mehr. Ich lebe in einer guten Nachbarschaft. Man kennt sich, man hilft sich, man achtet aufeinander und jeder lässt den Anderen sein Leben leben. Vielleicht liegt es an meiner Region, aber was z.B. die Migranten betrifft, die sind hier auch recht zahlreich vertreten, haben aber mein Heimatgefühl bisher nicht wirklich beschädigt.

          1. @Two Moon

            Guten Morgen,

            Entscheidend war für mich in De Lapuentes Satz das Wort „Liberalisierung“. Das ist doch sozusagen gleichbedeutend mit Interessen des Liberalismus bzw. Neoliberalismus. Wer sollte denn sonst Liberalisierung im Programm haben??

            Dass sich Herr De Lapuente geistig weiter entwickelt und dass manche denken, er würde sich der AfD annähern, ist doch überhaupt kein Problem. Im Gegenteil – es ist ein Zeichen von eigenständigem Denken.
            Es ist ohnehin in Deutschland kein echtes Ende der gegenwärtigen Krise der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie und der Lähmung und Blockade des politischen Lebens möglich, ohne die volle Anerkennung der AfD als gleichberechtigter politischer Kraft.

            Den Heimatverlust spürt man mehr in den Städten.

            Das ist hier wohl schon mein 5. Kommentar.

            1. @ Wolfgang Wirth

              Guten Abend,
              ich hab noch einen Wurf 🙂

              Entscheidend war für mich in De Lapuentes Satz das Wort „Liberalisierung“. Das ist doch sozusagen gleichbedeutend mit Interessen des Liberalismus bzw. Neoliberalismus. Wer sollte denn sonst Liberalisierung im Programm haben??

              Liberalisierungen gibt auf allen möglichen Gebieten in Gesellschaft, Kultur, Recht usw.
              Das muss man nicht auf die Wirtschaft beziehen. Damit umkurft RdL die beiden Wörter, die er nicht haben will, weil sie nicht zu seinem aktuellen Marketing passen.
              Vor allem wird „Liberalisierungen“ auf das Überstülpen auf Nationen bezogen in dem Satz. Mit dem Wort „Nation“ drückt er da ganz sanft auf die Schmerzpunkte seiner neuen Zielgruppe.

              Dass sich Herr De Lapuente geistig weiter entwickelt und dass manche denken, er würde sich der AfD annähern, ist doch überhaupt kein Problem. Im Gegenteil – es ist ein Zeichen von eigenständigem Denken.

              Ob das eine „geistige Weiterentwicklung“ ist, ist Ansichtssache. Ich nehme ihm diese Show aber sowieso nicht ab.
              Dass eine Annäherung an die AFD ein Zeichen von eigenständigem Denken ist, halte ich für eine sehr gewagte These.
              Der Mann kann ja schreiben – und eigenständig denken, soweit glaube ich, kann ich ihn einschätzen, konnte er auch schon ganz gut bevor er seine Artikel nach rechts gelenkt hat.

              Es ist ohnehin in Deutschland kein echtes Ende der gegenwärtigen Krise der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie und der Lähmung und Blockade des politischen Lebens möglich, ohne die volle Anerkennung der AfD als gleichberechtigter politischer Kraft.

              Ich bin auch dafür die AFD als gleichberechtigte politische Kraft anzuerkennen. Auf jeden Fall.
              Aber ich glaube nicht, dass die Anerkennung der AFD oder irgendwelche Wahlerfolge von denen die gegenwärtige Krise der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie und die Lähmung und Blockade des politischen Lebens werden beenden können.

              Ich habe ja auch kein Problem damit, dass hier AFD-Gedankengut verbreitet wird. Von mir aus können hier auch AFD-Politiker schreiben. Finde ich nur nicht interessant. Ich lese ja auch fast nie die Artikel von Sevim Dagelden, obwohl ich die Frau gar nicht so schlecht finde. Aber das ist dann halt Parteisprech. Da weiß ich was kommt, das muss ich nicht lesen.
              Was mich an RdL stört, ist diesen Hintenrum, dieses Taktische und Marketinghafte. Er erzählt uns nicht (mehr), was er wirklich denkt, sondern er schreibt mit Kalkül auf eine bestimmte Gruppe.

      2. @DIRTY OPERATING SYSTEM

        Ihr Zitat von Ludwig Erhard beantwortet nicht wirklich meine Frage warum man sich in Nostalgie wälzen sollte, aber egal. Jedenfalls ist diese Phase der 50er und 60er natürlich nicht wiederholbar, denn die Bedinungen nach dem 2. WK waren nun mal sehr speziell, wozu auch der Hinweis auf das Schaufenster des Westens von @ratzefatz gehört.
        Ich hab mich auch noch nie weitergehand mit Erhard beschäftigt, weswegen ich nicht beurteilen kann wie ehrlich seine Aussage gemeint war. Selbst wenn ehrlich, war möglicherweise ein weiterer Grund für seine Unterstützung dieser von ihm propagierten Politik, dass er verstanden hatte, dass der Kapitalismus auch vor allem eine hohe
        Inlandsnachfrage braucht, um nicht wieder schnell in eine Krise zu rutschen. Und dafür musste man natürlich das Wohlstandsniveau heben. Eine nur „soziale“ Motivation für diese Politik halte ich daher nicht für wahrscheinlich. Aber natürlich konnte dieser Trick auch nicht ewig funktionieren.

        dann muss man bei der Demografie aber zum Beispiel auch darauf hinweisen, dass viele junge Menschen von heute angepasster und kritikloser sind als manche Ältere.

        Nein muss man nicht, wieso?
        Aber ich sehe das auch nicht mal wirklich so.
        Wenn ich mein Umfeld betrachte ist das ein eher kleiner Teil der jungen Menschen, die angepasster und kritikloser sind. Sehr viele interessieren sich sehr oder sind sogar politisch aktiv.
        Gesellschaftsweit mag dieser Eindruck bestehen, das ist richtig. Aber ich mache den Jungen daraus keinen Vorwurf, denn die Bedigungen unter denen sie leben müssen sind doch sehr andere.
        Wir waren früher sehr viel mehr, hatten daher mehr Gewicht und waren eher zu hören und fähig zum Widerstand. Wir sind auch egalitärer aufgewachsen. die Einkommensunterschiede bei den Eltern waren nicht so hoch. Was man für Klamotten trug war z.B. nicht wirklich von Bedeutung.

        Heute sind die Jungen in mehrere Gruppen geteilt:
        1. Die Kinder reicher oder gut situierter deutscher Eltern aus der Mittelschicht. Die sind oft so verwöhnt oder gepampert, ihr Leben lang, dass ihr Leben einfach zu bequem und unproblematisch ist um sich gegen irgendwas zu stellen oder zu engagieren. Wenn dann machen sie nur sowas wie FFF oder irgendeinen woken Kram.

        2. Die Kinder aus ärmeren Schichten, teils mit schlechter Schulbindung. Die haben so viel mit Überlebenskampf zu tun oder hängen in Drogenproblemen, Computer/Handysucht oder sonstigen psychischen Schwierigkeiten fest, dass die gar nicht in die Lage kommen gesellschaftlich etwas zu unternehmen.

        3. Die jungen Migranten, die mittlerweile einen großen Teil der jungen Bevölkerung ausmachen. Denen fehlt natürlich oft schon die Bindung zur Gesellschaft, besonders wenn sie noch nicht sehr lange hier sind. Und sie sind oft so arm wie Gruppe 2. Sie können oder wollen daher auch nicht in gesamtgesellschaftlichen Kämpfen sich beteiligen.

  18. Mich wundert,
    dass relativ viele Leser sich in ihren Kommentaren lange an Einzelaspekten von Herrn De Lapuentes Text festbeißen und den Text nicht als Ganzes betrachten. Letztlich geht es doch auch nur am Rande um den Vergleich mit ehem. DDR-Bürgern. Ob der Vergleich nun passt oder – wie @Heinz meint – nicht passt? Geschenkt.
    Völlig unwichtig und belanglos ist auch die Frage, in welche politische Schublade man Herrn De Lapuente denn nun einordnen müsste. Nun ja, dahinter steckt ein spezifisch linkes Freund-Feind-Denken: Ist jemand für oder gegen uns?

    Entscheidend ist doch das Gefühl von Heimatverlust. Etwas, was ich bezogen auf meinen Geburtsort ebenfalls kenne. Wahrscheinlich beschreibt er etwas, was heute leider viele Menschen kennen, die jenseits 50 sind.

    Einige Leser gaben zu bedenken, dass dieses Heimatloswerden ein Problem sei, dass längst nicht auf Deutschland beschränkt ist. Ja, das trifft viele.

    Gelungen finde ich einmal mehr das Herausarbeiten jener – manchen Lesern aber unangenehmen – Beobachtung, dass es eine Schnittmenge zwischen Liberalen und Linken gibt, die dazu geführt hat, dass Prozesse der Dekonstruktion und Auflösung inzwischen so schrecklich weit vorangeschritten sind, wie sie es nun einmal sind.

    Für mich ist das ein sehr guter Text, einer, den man seinen Kindern mal ausdrucken könnte.

  19. Hat sich nicht unser Russland-, UdSSR- und Polen-Kenner – M Silnizki -grerade letzt Woche sich ausführlich mit dem Hin- und Hergeschiebe von Ländereien befasst. Da möchte ich doch mal darauf verweisen dürfen, dass Ähnliches auch zwischen Deutsch-Schland, der Grande Nation sowie den Eidgenossen im Süden der Fall war. Es gab da auch mal Bestreibungen zumindest ein Teil Alemanniens – Südbaden – als Kanton den Eidgenossen zuzuschlagen. Wenn dann nicht der Bonaparte nach anfänglicher Zustimmung sich dann doch gegenteilig entschieden hätte. Nun gut, bei dem heutigen Zustand der Schweiz und ihrer EU/NATO-Zugeneigtheit wäre das ja zwischenzeitlich überflüssig. Aber schön wäre es doch, wo wir doch endlichn mi den Schwobeseckel und den Preussen nichts mehr direkt zu tun hätten .Die Anfang der 50ern erlittene brutalstmögliche Annexion durch Schdugrd werde ich ihnen nie verzeihen.

  20. Ich teile die Wahrnehmung des Autors in gewissem Maße.
    Heimat galt als emotionales Pendant zu „Vaterland” nachhaltig versaut. Unbrauchbar. Da die Arbeiterklasse bekanntlich kein Vaterland hat, konnte man im linken Diskurs den Begriff „Heimat” als nationalsozialistisch kontaminiert bequem mit entsorgen.
    Aber auch ich werde jetzt im fortgeschrittenen Alter kalt erwischt, zum Beispiel von einer nie für möglich gehaltenen Veränderung von Umgangsformen, die ich offenbar für selbstverständlich hielt. Veränderungen, deren Genese ich ich mir nur schwer erklären (und möglicherweise mit Verlust von Heimat zusammen hängen könnten) kann und mich in die nicht sehr attraktive Rolle eines Menschen bringen, der Selbstverständlichkeiten vermissend und diese womöglich einfordernd und infolgedessen den Alltag zunehmend kopfschüttelnd erlebt.
    Es ist weniger die große Form der sich veränderten Verhältnisse mit ihren aktuellen Implikationen, wie zunehmenden Militarismus (die jungen Männer tragen freiwillig den modischen militärischen Undercut), Entpolitisierung des öffentlichen Diskurses, soweit man überhaupt noch von einem solchen sprechen kann, sondern die kleinen Auffälligkeiten, – bei unvermeidlichen Berührungen mit fremden Menschen im anonymen öffentlichen Alltag wenig bis keine irgendwie freiwillig einer gewissen höflichen Distanz verpflichteten und damit fassbaren Gegenüber mehr zu finden. Stattdessen ständig distanzloses Fehlverhalten im öffentlichen Umgang, das praktisch in Tateinheit zeitgleich mit einer nichtssagenden Entschuldigung begangen wird. Überhaupt dieses permanente wohlfeile und nichtswürdig-geschmeidige Entschuldigen, – statt sich einfach respekt- und verantwortungsvoll zu verhalten befremdet. Diese immer öfter angetroffene Mischung aus einerseits hypersensibler „Snowflake” im stetigen Empörungsmodus und gleichzeitig pathogen egozentrischem und ostentativ vorgetragenen „Was scheren mich die Anderen” nervt.
    Gefühlt geht da gerade was, für eine Zivilisation Elementares, den Bach runter, und zwar rapide.
    Ich mag mich täuschen, aber in anderen europäischen Ländern scheint mit der konstatierte Verfall von Umgangsformen nicht so drastisch ausgeprägt wie hierzulande, wo eben der Begriff der Heimat so nachhaltig desavouiert scheint.
    Zum Themenkomplex habe ich also mehr Fragen als Antworten.

  21. Ich wollte heute nicht Kind, Jugendlicher oder Jungerwachsener sein. Als alter Knacker habe ich das alles bald hinter mir. Aber wenn ich von Heute gewusst hätte, hätte ich keine Kinder in die Welt gesetzt. Ich kann nur hoffen, dass die irgendwo auf der Welt (die nicht überall so schlimm aussieht) ein Plätzchen finden. HIER (im „Wertewesten“, unter der „regelbasierten Ordnung“) ist sicher die allerschlechteste Option. Nun, es gibt sicher auch hier Nischen … aber im Großen und Ganzen, eine Katastrophe.

  22. In einem irrt Lapuente.

    „… die Bereitschaft alles hinter sich zu lassen, wenn es am anderen Ende der Republik vielleicht einen allzu kurzen Strohhalm gab, war linke Heimat- und Familienverachtung in Reinkultur. “

    Die heute sowieso entkernte und okkupierte (und mE schon immer fehlgeleitete) marxistische „Linke“ ist nicht die erste Triebfeder dieser Entwicklung. Als ich in BaWü ~1980 auf die Berufssschule ging wurde mir und meinen Schulkameraden entsprechend des cDU-Schulcurrikulums beigebracht, dass wir „horizontal und vertikal mobil“ zu sein hätten. Ersters bedeutet, dass man für die Arbeit seinen Wohnort aufzugeben hätte, wenn nötig, Zweiteres, dass man durch das Niederkonkurrieren Anderer in der Hierarchie aufsteigen sollte, „Karriere machen“ sollte – beides im Kern absolut antisoziale Forderungen die auf die Zerstörung von dauerhaften Sozialstrukturen hinwirkt.

  23. ch fühle mich als Opfer einer Illusion, die in meiner Jugend in den 70er-80er-Jahren in mir geschürt wurde. Was war da los? Warum war diese Zeit so weltfremd, wie ich es heute feststellen muss?

    Mein heutige Erklärung: das „deutsche Wirtschaftswunder“, der Wiederaufbau und die „fetten Jahre“, die auch mit sozialen Errungenschaften wie Verbesserung der Arbeitnehmer-Rechte, Verminderung der Arbeitszeiten, effektive Gewerkschaften, erfolgreiche Lohnkämpfe, freie Meinungsäußerung, geistige Vielfalt, Kritikfähigkeit in vielen Bereichen der Gesellschaft, … verbunden waren, waren nur eine Schau. Die USA, das weltweite Finanzkapital hat die BRD als „Schaufenster“ gegen den Osten aufgebaut. Die ganze Schau diente nur dazu, den „kommunistischen“ Osten zu demoralisieren, und damit zu destabilisieren. Das Programm diente und dient letzlich immer nur dazu, die Globalisierung und damit die „Weltgouvernance“ voranzutreiben. Und damit schließlich die perfekte Herrschaft und die optimierte Ausbeutung und Bedrückung von maximal vielen Menschen.

    In dieser Illusion sozialisiert führt dazu, dass ich mich heute verraten und verkauft fühle.

    Denn etwa um 1989 war dann Schluss. Der Zusammenbruch der UdSSR, der Ausverkauf Russlands unter Jelzin, die „Wiedervereinigung“ Deutschlands (besser gesagt, der bedingungslose Anschluss der DDR) waren die Signale, dass das „Schaufenster West“ abgeräumt werden kann. Und plötzlich bricht über Deutschland und Westeuropa die brutale Ausbeutungs- und Bedrückungs-Allmacht herein, die vorher nur in Dritte-Welt- und Kolonialgebieten in ganzer Macht und Stärke gespürt wurde.

    Wir sind in der ungemilderten, brutalen Realität der allmächtigen, lügenden und mordenden, globalen Finanzoligarchie angekommen. Und haben keine Erfahrungen, keinen Kompass, wie man unter solchen Bedingungen lebt und widersteht. So fühlt es sich für mich an.

    Wie es scheint: Russland wehrt sich noch (schwach), Iran, China kraftvoller.

    1. @ratzefatz

      Sie schreiben:
      „Die USA, das weltweite Finanzkapital hat die BRD als „Schaufenster“ gegen den Osten aufgebaut. Die ganze Schau diente nur dazu, den „kommunistischen“ Osten zu demoralisieren, und [ihn] damit zu destabilisieren.“

      Ich glaube, das ist sogar schon bewiesen bzw. wurde damals im Westen sogar recht offen zugegeben. Insbesondere das damalige West-Berlin wurde ja als „Schaufenster des Westens“ – das war seinerzeit ein feststehender Begriff(!) – ausgebaut und gepäppelt. Ich kann mich noch gut an derartige Sprüche erinnern.

      Stimmt – solange es die Systemkonkurrenz gab, durfte der Westen insbesondere in Grenznähe nicht so sein, dass die östliche Propaganda allzu sehr bestätigt worden wäre.

      1. @ratzefatz
        Wer in etwa das, was du da oben schreibst, schon 1990 anschlusswilligen und national sturzbetrunkenen Ossis und Wessis aufs Brot geschmiert hatte, erntete im besten Fall Augenrollen, manchmal blaue und dicke Augen, selten ein Dialog.

  24. Wer in etwa das, was du da oben schreibst, schon 1990 anschlusswilligen und national sturzbetrunkenen Ossis und Wessis aufs Brot geschmiert hatte, erntete im besten Fall Augenrollen, manchmal blaue und dicke Augen, selten ein Dialog.

  25. Ein paar vermischte Gedanken
    Ich bin noch ca. 15 Jahre älter. Als Kind habe ich noch die Ausläufer von 68 erlebt und den Protest gegen den Vietnamkrieg. Meine Eltern waren aktiv, besonders meine Mutter, und das hat schon damals für einen Berufsverbote-Prozess gereicht. Es gab Spitzel, es gab Staatsgewalt. Die Zeitungen waren rechts und regierungskonform -regierungskritisch waren sie nur, wenn die SPD am Ruder war, was damals meist nicht lange dauerte. Margarethe von Trotta verfilmte „Die bleierne Zeit“, die 50er Jahre und was daraus erwuchs. Kurz nachdem Sie geboren wurden Herr De Lapuente ging es dann mit den Grünen los und man konnte auf eine gewisse Veränderung hoffen, was aber kam, waren die Kohl-Jahre, die uns ironischerweise heute als die goldenen 90er in Erinnerung geblieben sind, dabei wurden damals die Weichen gestellt für das, was sich heute entwickelt hat, die deutsche Variante einer Postdemokratie.
    Also damals war durchaus nicht alles besser, nur die Digitalisierung steckte noch in den Kinderschuhen und die Kriege wurden nicht bei uns, dafür aber in Afrika, Asien und Südamerika geführt. Die Menschen sind heute stärker individualisiert als je und das ist nicht nur schlecht, es eröffnet auch Chancen. Die Zersplitterung mittels Digitalisierung schreitet voran, aber die Menschen haben im Grunde keinerlei Triebe mehr, sich zu einer Masse formen zu lassen. Entsprechend massiv sind die Manipulationsmächte, die genau das versuchen.

  26. „…..aber dabei zusehen, wie die Industrie darbt, die das Fundament der Gesellschaft darstellten, galt in jener Zeit noch als nicht vorstellbar.“

    Stimmt das so?

    Ich würde sagen, vor allem der gewerbliche Mittelstand bildet das wirtschaftliche Fundament einer Gesellschaft. (Groß-)Industrielle Strukturen greifen dann auf diese Grundlage zu, bzw. entwickeln sich dort, wo entsprechende Bedingungen gegeben sind, und bereichern sie im Idealfall…
    Gesellschaften, die auf einen einzigen industriellen Bereich beschränkt sind, wie z.B. Staaten in Fernost, die „nur Schiffbau können“, sind anfällig und ggf. sogar erpressbar.

  27. Schade, hier hätte ein interessante Diskussion aufgrund der verschiedenen Sichtweisen aus dem ehemaligen Ost- und Westdeutschland stattfinden können. Wird aber – sicher nicht von ungefähr – durch die idiotische Forensoftware verhindert.

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