
Das Land, das ich kannte, in dem ich aufwuchs, dessen Werte mich oft ärgerten, die ich jedoch kannte und hin und wieder auch schätzte, gibt es nicht mehr. Nun weiß ich, wie sich Ostdeutsche fühlen.
Als ich geboren wurde, war Deutschland noch ein anderes Land. An dieser Stelle könnte ich mit diesen Zeilen auch schon wieder abschließen, denn dieses Phänomen traf bislang wohl noch auf jedem Menschen zu. Gesellschaften verändern sich zwangsläufig – und die Vorstellungen der Generationen variieren. Organisch ist die Veränderung der letzten Jahre aber nicht gewesen. Sie wurde choreographiert, orchestriert, handstreichartig gelotst – wie auch immer Sie es nennen wollen. Kampagnenarchitekten fielen über das Land her. Oder besser gesagt: Nichtregierungsorganisationen und PR-Agenturen, die das Land – auf Geheiß mächtiger Spieler – umformen sollten. Das gelang ihnen, digitaler Revolution sei Dank, auch recht gut einträglich.
Denn mag es in anderen Zeiten auf einen völlig normalen Generationenkonflikt hinausgelaufen sein, der am Kulminationspunkt gesellschaftlicher Veränderungsbewegungen stattfand, so kommt heute das Abräumen der Vergangenheit in der politischen Mitte zur Geltung – nicht Jugendliche oder junge Erwachsene wetteifern um Veränderungen, sondern auch die Mehrheit jener Generationen, die das Vorherige noch selbst erlebte. Sie haben sich dem Zeitgeist eines Wahrheitsministeriums unterworfen, das längst nicht so plump arbeitet, wie es George Orwell sich und seinen Lesern ausmalte. Zwar frönt diese Mitte einer Nostalgie, die sich an Rubik-Würfeln, Aldis Kinder-Cola oder der Neuen Deutschen Welle hochzieht, während sie sich aber gleichermaßen dafür geißeln, in Zeiten großgeworden zu sein, die nach neuer Lesart zu einer noch »vormoralischen Epoche« gehörten.
Ein Land, in dem man noch Querdenker sein wollte
Als ich neulich über die Ambivalenz meiner mittlerweile seit einer Dekade verstorbenen Großmutter schrieb, da trieb mich mehr an, als nur an jene alte Dame – die wiederum für ihre Generation stehen sollte – zu erinnern. Mit ihr verarbeitete ich den Verlust einer Zeit und eines Landes, das ich noch kannte und von dem ich heute leider behaupten muss, dass es nicht mehr vorzufinden ist. Was sehne ich mich dieser Tage, so viele Jahre danach, an die ruhigen Nachmittage der Achtziger- und Neunzigerjahre. Samstagmittags, wenn man durch die Nachbarschaft schlenderte, schepperte das Geschirr in den Küchen – der Großteil der Leute hatte da den Wocheneinkauf schon hinter sich gebracht, die Läden schlossen schließlich bald. Das Werktätige hatte eine Ablaufzeit. Heute mangelt es uns an Sendeschlüssen. Nicht an jeder Ecke wurde man damals von einem Mobilitätsunternehmen oder der Kirche mit politischen Botschaften belästigt – sein Fähnchen in den Wind hängen: das tat man nicht, auch wenn man freilich eine bestimmte politische Haltung haben mochte. Es galt als geschäftsschädigend – und überhaupt gehörte es nicht dorthin. Die Allerreichbarkeit war längst noch kein Thema – wenn man unter Leute ging, dann starrte man nicht synchron nebeneinandersitzend auf einen schnurlosen Fernsprecher, sondern musste interagieren. Eilmeldungen hatten sogar noch so viel Vorlaufzeit, dass es reichte, sie erst um 20 Uhr im Fernsehen auszustrahlen – heute erfährt man alles immer gleich und auf so vielen Kanälen, dass man am Ende fast schon sokratisch weiß, dass man nichts mehr weiß.
Der mediale Stress, in dem wir uns befinden – oft gewollt, manchmal aber auch ohne eine Chance zu haben, ihm zu entkommen – hat uns ganz sicher nicht gesünder gemacht. Der Umgang mit dem Nächsten war im Regelfall von größerer Menschlichkeit geprägt, was meint: es gab mehr Authentizität – ein Wort, das man heute nicht mehr unschuldig gebrauchen kann, weil selbst das Authentische durchdesignt ist. Mittlerweile hat man den Eindruck, dass auch private Gespräche mit einem gewissen Professionalisierungsanspruch geführt werden müssen. Auf so viel muss man achten, inklusive geächteter Wörter und Gedanken, die man besser nicht mehr in ein Gespräch integriert. Dauernde Habachtstellung, egal wo man sich bewegt, mit wem man es zu tun hat. Soziale Ächtung droht dann als Folge, wenn man aus der Reihe tanzt – diese Ächtungen gab es schon immer, auch damals. Sie war nur kein Massenphänomen, weil die Menschen in ihrem Alltag weniger Unverträglichkeiten zeigten. Und da die Möglichkeiten, über andere herzuziehen im vordigitalen Zeitalter noch relativ beschränkt waren, musste man früher oder später doch mit dem Geächteten in ein direktes Gespräch gehen und ihn wieder ins Blickfeld rücken. Wenn ich von einer größeren Menschlichkeit in Alltagsgesprächen spreche, dann meine ich damit auch, dass keine Signalwörter verwendet wurden, kaum aufgedrängte Anglizismen oder Kampfbegriffe, weil sich die Leute noch nicht in dem Maße die Sprache medialer Stigmatisierungsagenten aufdrängen ließen. Man durfte gar auf Politiker schimpfen, auf den dicken Kohl, die Bundesregierung und »die da oben«, ohne dass man einem direkt das Etikett eines Volksverhetzers oder zumindest lästigen Querdenkers verliehen bekam. Ja, der Querdenker galt sogar noch als Zeitgenosse, um den man sich riss. Einmal Querdenker sein im Leben! Das war der feuchte Traum eines jeden, der es zu was bringen wollte!
Ich gehöre denen an, die noch erleben durften, was es bedeutet, wenn ein Staat für sich in Anspruch nimmt, dass die Prozesse innerhalb seiner Grenzen einer gewissen Kontrolle und Ordnung unterstehen sollen. Der Kontrollverlust kam erst später, dann aber brutalstmöglich. Ob die Bahn damals pünktlicher war, weiß ich nicht sicher – vermutlich aber schon. Noch schrieb man sich auf die Fahne, dass »die Bahn kommt«, so ein Werbeslogan – heute kokettiert das Unternehmen auf Instagram und Konsorten mit der eigenen Unzuverlässigkeit. Peinlicher geht es kaum. Die Post trug Briefe aus und unterhielt nicht nebenher noch eine Bank. Tankstellen verkauften Benzin und bestenfalls noch Getränke und waren keine Supermärkte. Der Schuster wusste einfach, wo er seine Leisten hatte, und fing nicht an, auch Tabak, Policen oder Dildos verkaufen zu wollen. Fachgeschäfte gab es an jeder Ecke, für allerlei Dinge des Alltages. Wenn man heute eines sieht, denkt man sich zuerst: Wie kann sich das halten? Und fährt man ein zweites Mal dran vorbei, liest man im Schaufenster vom Ausverkauf, das altbekannte traurige Schild darin: »Wir schließen!« – drei Wochen später, in den Geschäftsräumen befindet sich mittlerweile ein Handyladen, hat man schon vergessen, dass es dort mal ein Fachgeschäft gab. In diesem wurde man beraten, vielleicht nicht immer gut, aber stets von jemanden, der die Materie kannte und noch wusste, welche Art des Saumes oder der Knopflochnaht es gibt oder welche Firmen Schrauben mit höherer Zugfestigkeit verkaufen. Auch das Fachwissen ist rar geworden, aber dennoch fühlt sich heute eine Mehrheit zur großen Expertise in allen, wirklichen allen Lebensbereichen berufen – der Digitalität sei wieder mal Dank. Und wenn man ihre Ahnungslosigkeit enttarnt, werden sie giftig, spucken wild um sich. Unbändige Wut auf alles und jeden: Auch das macht diese Zeit aus. Verbiesterte Leute gab es freilich immer, nur legte man in dem Land, aus dem ich komme, noch etwas Wert darauf, wie man sich vor Dritten aufführt. Contenance hatte noch ein bisschen Konjunktur, was heute als Schwäche und Dummheit ausgewiesen wird. Als Folge sind mittlerweile alle Hemmungen gefallen.
Heimatlos inmitten der Heimatruinen
Es wird in Jogginghosen zu Bewerbungsgesprächen gegangen, man wird ungefragt in Supermärkten von jungen Leuten geduzt und liegt ständig seiner Umwelt – was mehr meint, als die Umwelt damals, die nur im persönlichen Umfeld zu finden war, nicht in der digitalen Erweiterung – mit persönlichen Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten in den Ohren. Manche dieser Beschwerden sind – ich gebe es ja zu – nichts als Kleinigkeiten. Aber auf die achtete man zu anderen Zeiten eben. Heute verstehe ich besser als damals, warum man das tat. Sich ordentliche Klamotten anzulegen, wenn man unter Leute geht, hat immer auch etwas damit zu tun, seinem Gegenüber mit Respekt zu begegnen. Das heißt nicht, dass man dauernd mit Schlips und Kragen unterwegs sein sollte. Aber was ist schon dabei, wenn man heute mal deutlich machte, dass das, was man sich an Stoffen anlegt, nicht nur der eigenen Bequemlichkeit geschuldet ist, wie man das heutigentags so oft hört, sondern auch ein Ausdruck dessen ist, seinen Mitmenschen wohlwollend zu begegnen – und nicht etwa gleichgültig. Mit allem geht man heute hausieren: Bauchfrei mit seinen Speckrollen und überdies mit seiner Sexualität, seiner politischen Haltung und seiner Art zu sprechen, seinem Impfstatus und seinen Urlaubsreisen. Früher zeigte man den besten Freunden die Fotos des Urlaubes, aber auch nur, wenn die nicht gleich angeödet abwinkten. Heute gilt: Wenn es kein Foto gibt, war man nicht dort. Es kann schließlich jeder behaupten, am Eifelturm in Paris gestanden zu haben. Nur ein Selfie macht wahrhaftig.
Die kleinen Jungs allerdings, die heute im Trikot des Pariser Emirate-Fußballklubs in deutschen Städten herumlaufen – oder in dem von Liverpool, Barcelona oder Internationale aus Mailand –, werden dieses Paris vielleicht nie zu Gesicht bekommen. Aber sie sind Fan dieses Klubs, weil sich selbst die Provinzialität heute internationalistisch und globalisiert aufspielt. Die Liebe des damaligen Fans galt meist dem regionalen Verein, vielleicht dem der nächsten Großstadt. Liverpool? Wo zum Henker war das eigentlich? Die Welt, heute ein Dorf mit teils unerreichbaren Hotspots – unerreichbar, weil durch Overtourism überfüllt und überteuert –, war damals noch größer und fing bei einem Zweitligisten aus unserer Nachbarschaft an. Real Madrid war weit weg, kam selten zu einem deutschen Europapokalteilnehmer vorbei, weswegen solche Spiele Höhepunkte der Saison darstellten – manchmal sogar den Höhepunkt des Jahrzehntes. Im Laufe der letzten 25 Jahre kam es derart häufig zur Paarung des FC Bayern München gegen die Königlichen, dass man es als stinklangweilige Normalität hinnimmt. Von 1976 bis 2000 trafen die Vereine dreimal aufeinander – seit dem Jahr 2000 zwölfmal. Nichts ist mehr besonders, alles Stangenware. Das Schöne am Fußball war ganz generell, dass der Kick etwas für Fans war, das Spiel drängte sich nicht in die Gesellschaft oder gar in die Politik hinein, sondern war eine Nische, keine kleine fürwahr, aber auch kein dominierendes Spektakel, über das dann Leute sprachen, die so gut wie keinen blassen Schimmer davon hatten – das ist leider heute der Fall, in diesem Land voller ungefragter Expertisen.
All das sind Nebenschauplätze, keine Frage. Aber auch die Abwesenheit dieser Kleinigkeiten macht, dass einem die Heimat abhandengekommen ist. Diese ganze Aufgeblasenheit von Nichtigkeiten, in der wir uns heute befinden, wirkt auf mich, dem Mann aus einem anderen Land, oft vollkommen fremdbeschämend. Wie oft ich mich doch im falschen Film wähne! Da hört man jungen Leuten in der Tram zu, wie sie von ihrer dirty Wäsche erzählen, die save clean wird. Jeder wie er will – aber ich will das nicht. Die dramatischen Entwicklungen haben mit staatlichem Versagen zu tun, mit Bildungsdefiziten und Innovationsstau, mit dem Ausverkauf des politischen Primates und der Wohlstandsverwahrlosung der saturierten Milieus, die völlig aus den Augen verloren zu haben scheinen, dass man Gleichstellungsbeauftragte und Meldestellen nicht fressen kann und dass die Auflösung des eigenen Kulturraumes ein unschönes Ende nehmen wird. Wirtschaftspolitik galt damals noch mehr, für Arbeitsplätze tat man Dinge, die vielleicht auch zu weit gingen – aber dabei zusehen, wie die Industrie darbt, die das Fundament der Gesellschaft darstellten, galt in jener Zeit noch als nicht vorstellbar. Natürlich waltete nicht die bloße Vernunft, es war kein Paradies auf deutschem Boden. Aber es gab mindestens noch ein Gespür für die Grundlagen, die die Gesellschaft zusammenhielten. All das ist verlorengegangen – all das und viel mehr. Übrig blieben Ruinen, die darauf hindeuten, dass das mal meine Heimat war. Aber von dem Gefühl, das man seinerzeit hatte, wenn man von diesem Land sprach – eine Mischung aus der Zuversicht, dass der Staat beständig ist und dem Unbehagen, das man zwischen den erstarrten Strukturen pflegte, die die bundesrepublikanische Gesellschaft hervorgebracht hatte –, ist nichts mehr vorhanden.
Geächtete Heimat: Dekonstruiert und verramscht
Die Liberalisierung sämtlicher Lebensbereiche, die Digitalität ebenso wie die Globalisierung, die man den Nationen ungefiltert und ohne Sicherheitsnetz überstülpte, veränderte im Laufe der letzten Jahre … man möchte sagen: alles. Dazu gesellten sich Angriffe aus dem linksliberalen Lager, die Auflösung des Heimatbegriffes etwa – oder der Angriff auf jedes nüchterne Geschichtsverständnis. Diese Entwicklung ist nicht so neu, seit dem letzten Weltkrieg hat es »die Heimat« hierzulande schwer. Der Begriff wurde als nationalsozialistisch verbrämt, als Ausdruck tumben Nationalismus‘ – bis heute schaffen es die linken Klimaaktivisten, die Welt und das, was manche Schöpfung nennen, schützen zu wollen, ohne mit dem Begriff der Heimat auszukommen. Der Baum, den es zu schützen gilt, ist für sie ein Abstraktum auf einer Welt, die allen gehört – er ist nicht Ausdruck des Heimischen; fast wollte ich schreiben, dass er das Sinnbild des Bodens ist, auf dem man aufwuchs. Aber den Boden zu bemühen, auch das kann schon falsch verstanden werden. Man hat den Deutschen die Heimat nach dem Kriege madig gemacht, sie wollten amerikanischer sein und zugleich brachen sie mit Bräuchen und Traditionen, die Linke verband den Nationalstaat nicht mit der Idee, dass er die Heimat der Bürger berge, die sie lieben, sondern mit der abstrakten Vorstellung einer Verwaltungseinheit, die zufällig auf deutschen Boden hervorkroch. Jeder Patriotismus galt als verdächtig, im Laufe der Jahrzehnte war die Linke in dieser Frage stilprägend für die gesamte Gesellschaft, selbst Konservative befremdete der Heimatbegriff, auch weil sie sich fürchteten, schnell als Extremisten abgekanzelt zu werden.
Zwar betont mancher deutsche Philologe gerne, dass es nur im Deutschen einen solchen Begriff wie den der Heimat gäbe. Dennoch empfinden natürlich auch Spanier oder Italiener heimatlich, einen solchen Brass auf das Land der Mütter und Väter findet sich dort eher selten. Das mag nachvollziehbarerweise an der Geschichte liegen – was aber herumkommt, wenn man die Heimat so ächtet, erleben wir heute. Es lässt einen Ort voller Heimatloser entstehen, denen die Orientierung zunehmend schwererfällt. In einem solchen Gemeinwesen, in dem das heimatliche Gefühl eine Form sogenannter Hasskriminalität darstellt, sind es nur sehr kurze Schritte zur Auflösung von Ordnung und Kontrolle, die Milieus fransen aus, der Staat verliert sukzessive seine Autorität und letztlich seine Legitimation. Schuld daran sind Reformprozesse und Entfremdungen, die in Deutschland, dem Land heimatloser Bürger, deren Ausweis auch noch kennzeichnet, dass sie Personal darstellen, auf besonders fruchtbaren Boden fallen.
Mit dem sogenannten Dritten Weg, den die Linke zum Ende des letzten Jahrhunderts beging, verlor sie die letzten Bande zur Scholle, auf der Menschen aufwachsen, gedeihen, Beziehungen pflegen. Nun hieß es – im Zuge der Arbeitsmarktreformen – mobil und flexibel zu sein. Wer in Oberbayern arbeitslos war, sollte auch in der Lausitz oder in der Plöner Seenlandschaft einer Arbeitsgelegenheit nachgehen müssen, wenn sich dort eine Opportunität bietet. Die Entwurzelung, über Jahrzehnte längst in den Köpfen der Linken, die sich Heimat nur mit Hitler, Märschen und Schmissen vorstellen konnten, kam in die finale Phase. Der Bürger sollte Familie, Freunde, sein soziales Milieu hinter sich lassen und sein Glück für einen Stundenlohn von Siebenfuffzig fernab der Heimat finden. Denn Heimat, liebe Leute, sei eh bloß ein großer Bluff. In diesem Gesellschaftsklima, das den Reformatoren der Zeit mehrheitlich recht gab, gedieh die Entfremdung vollends. Über Jahre erklärte man, dass die Arbeitsmarktreformen, bekannt geworden unter dem Namen Hartz IV, gar keine Reformen mit linker Schlagseite gewesen wären, Schröder habe die Linke inhaltlich entkernt. Das stimmt allerdings nur zum Teil, denn die Aspekte, die den Menschen aus seiner Mitte reißen wollten, die Hypermobilität, die plötzlich gefordert wurde, die Bereitschaft alles hinter sich zu lassen, wenn es am anderen Ende der Republik vielleicht einen allzu kurzen Strohhalm gab, war linke Heimat- und Familienverachtung in Reinkultur. Denn die Familie galt in diesem Milieu längst als Keimzelle des Bösen, sie zu verlassen verhieß nach dieser Lesart Chancen zu ergreifen und nicht etwa traurig sein zu müssen. Den Liberalismus, den die Linken für sich entdeckten und durch den sie den Dogmatismus ihrer Altvorderen abstreifen konnten, versprach Nationalstaatliches hinter sich zu lassen. Die digitale Revolution spielte dem Trend noch in die Hände. Im Laufe der Jahre kam dann noch der Angriff auf die Köpfe der Menschen dazu, die endlich neu ausgerichtet werden sollten, damit sie ihrer ursprünglichen Heimat, die an Ort und Stelle zu finden war, aber nun verlorenging, nicht nachtrauern – wer nicht erreichbar ist für die infantilen Parolen, die plötzlich den Debattenraum dominierten, endete als Heimatloser.
Wie ein Ossi, nur westdeutsch
Sehen Sie mich an, ich hin ein solcher Mensch, der keine Heimat mehr hat. Ich gebe zu, dass ich immer auch mit der Heimat gefremdelt habe – klar, ich war unter linkem Einfluss, linker Blogger, verband mit dem Begriff allerlei Niederträchtigkeiten. Dekonstruktion, Dekonstruktion: Das war die Zauberformel, die mich faszinierte. Familie: Pfui! Heimat: Scheiße! Arbeit: Ausbeutung! Nichts hatte Sinn, nichts Wert, alles nur Chimären, alles bloß Blendgranaten und Nebelkerzen. Die Konservativen, in puncto Fortschrittsdusseligkeit nach links ausgebüxt, konnten mit nichts dagegenhalten. Auch sie waren längst entkernt, Heimat galt ihnen als der Boden, auf dem Profite maximiert werden. Schöpfung? Mit diesem biblischen Begriff konnten sie nichts mehr anfangen, bis heute können sie es nicht. Selbst die Rechte hat sich darauf eingelassen, die Heimat begrifflich als auch gesellschaftlich zu verramschen.
Sicher, jede Generation weint dem Land ihrer Jugend nach. Jede Generation verbrämt die damaligen Zeiten. Aber selten gehen die zwangsläufigen Veränderungen mit einer derart eklatanten Vernunftsreduktion einher; sie sind auch nicht so häufig ideologischer Natur, wie wir das heute erleben. Es sind ganz erhebliche Säulen weggebrochen, die ich in der Bundesrepublik als so fest erachtete, dass sie immer Bestand haben würden. Aber außen- wie innenpolitisch veränderte sich annähernd alles. Über Jahre hat man sich mit dem Ausbau der Transferleistungen beschäftigt, sie sollten bedingungslos werden, ohne Anreize ausgeschüttet werden – dazu kam es dann nicht, aber die Energien fraß das dennoch auf. In der alten Republik hätte man darauf gedrungen, Arbeitsmarktpolitik zu machen, Arbeitsplätze zu fördern, auf diese Weise Lohnpolitik zu machen. Aber nichts davon gibt es noch. Makroökonomie kenne die politische Klasse gar nicht mehr, so sagte mir Heiner Flassbeck vor Kurzem. Sie kratze sich ratlos am Kopf und ideologisiere vor sich her – sowohl ökonomisch als auch gesellschaftspolitisch. Größter Exportschlager heute: Betroffenheit und Moral. Auf dass die Welt die Heimat von neun Milliarden Menschen werde, die nach den Vorgaben derer leben, die ihre Heimat längst verramscht haben und sie passioniert verachten, so sie hier und da noch hervorlugt.
Ich habe mich oft mit Verständnis geäußert, wenn mir ehemalige Bürger der DDR erzählten, dass sie sich als Heimatlose fühlen – wenn sie sich selbst als Menschen wahrnahmen, die in dieser Bundesrepublik nicht integriert seien. Aber erst in den letzten Jahren verstehe ich diese Leute vollkommen. Mir geht es wie ihnen – nur in westdeutsch. Wie jene habe ich einen Verlust in die vertraute Ordnung erfahren, Institutionen und Werte haben sich nicht nur verändert, sondern regelrecht umgedreht. Meine Biographie wirkt entwertet, denn mein Geschlecht, mein Alter, meine Sexualität sind nun hochverdächtig. Die regionalen Identitäten ging allerorten verloren, deutsche Innenstädte gleichen sich wie ein Ei dem anderen, Dialekte verschwinden, verwässern, klingen wie der Abklatsch von Pidgin-Englisch. Ich bin ein Fremder in einem Land, das auch mal ein Stück weit meines war. Ja, ich verstehe die Menschen kaum noch, die Debatten, die Interpretationen – fast alles entspricht fast immer dem Gegenteil dessen, was ich aufgrund meiner Sozialisierung und Vorprägung als geboten erachte. Kulturell wurde das Land ausgehöhlt, Meinungen werden verdammt, der Mut zum Originellen gilt als verrucht. Obendrauf funktioniert das Land immer schlechter, fast alles sieht so aus, wie wir uns seinerzeit den Ostblock vorgestellt haben. Erst wurde auf Verschleiß gefahren, nun wird das Verschlissene verwaltet, so weit das überhaupt noch möglich ist. Das war nicht das Ethos der alten Bundesrepublik. Damals gab es, wenn schon keinen Heimat-, so doch einen Errungenschaftsstolz. Einen Geist für das, was man geschafft, was man sich erarbeitet hatte. Wo ist das alles hin? Egal wohin man blickt, man sieht verdrossene Arbeitnehmer – was auch nachvollziehbar ist, weil selbst Arbeitgeber, Betriebe und Firmen viel weniger Heimat sein wollten, als sie es in früheren Jahren zumindest in Teilen noch waren. Die Folge ist, dass sich niemand mehr für irgendwas zuständig fühlt. Nicht für seinen Stadtteil, seine Stadt, sein Land, das Gemeinwesen. Nur noch eine fühlt sich in Deutschland beheimatet: Die absolute Gleichgültigkeit.
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Diese 75 Jahre Nachkriegszeit, in denen auch ich mein Leben verbracht habe, diese Epoche und ihre Werte hat sich 2020 über Nacht wegwischen lassen. Ohne nennenswerten Widerstand. Sie war also auch nur eine Illusion, so wie die Jetzige. Es ist nicht nur Heimatlosigkeit, die uns Älteren zusetzt, es ist diese völlige Entwurzelung aus der Zeit, aus den Epochen, die kommen und gehen und nie Bestand haben.
Es ist unglaublich aber in diesbezüglich hatte Baerbock recht, aber nicht so wie Baerbock sich das dachte.
„Vor vier Jahren sind wir in einer anderen Welt aufgewacht.“
Ich bin auch in einem anderen Land aufgewacht, habe diese Entwicklung allerdings nicht für möglich gehalten und es wird immer schlimmer.
Wer sich ans Grundgesetz hält bekommt Hausverbot an Schulen.
„Es ist unglaublich!“ – Ex-Soldat enthüllt den Geheim-Plan an Schulen
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