
Mit AfDlern kann man nicht reden, mit Palästina-Demonstranten offenbar auch nicht – und überhaupt scheint das Gespräch mit Andersdenkenden aus der Mode gekommen zu sein. Ein Streifzug durch ein Frankfurter Viertel zeigt allerdings: Das Zusammenleben funktioniert manchmal gerade dort am besten, wo man sich eigentlich spinnefeind sein müsste.
Man muss nicht, wie gewisse Redakteure, quer mit der Bahn durch Deutschland fahren, um schräge Menschen zu erleben. Man kann sich auch einfach in meinem linksgrünen Frankfurter Viertel aufhalten und unbehelligt von Verspätungen und verpassten Anschlusszügen, die Menschen um sich herum beobachten.
Am Tag des AfD-Parteitages aß ich beispielsweise zum Mittag eine Linsensuppe in meinem Stammcafé. Die frühere Eigentümerin war eine tüchtige Serbin, der heutige Eigentümer ist hingegen eher ein Laissez-faire-Türke. Er hat Gottseidank die Siebzigerjahre-Einrichtung des Cafés beibehalten und ist nicht in den seelenlosen Minimalismus umgestiegen, der heute offenbar Mode sein soll. Die Speisekarte ist allerdings leider schon viel veganer und halaler geworden. So hat die Linsensuppe etwa das frühere Schweineschnitzel ersetzt. Es bedienen nun auch mehr Menschen als früher, komischerweise sind sie jetzt dennoch langsamer als vorher. Während ich am besagten Tag meine Suppe schlürfte, unterhielten sich zwei Männer neben mir über einen Traum.
Therapiestunde und Sektengespräche
„Ich habe über Annalena Baerbock geträumt,“ gestand einer der beiden Männer. „Was ist deine Meinung als Psychotherapeut dazu?“, fragte er sein Gegenüber. Der Psychotherapeut schmunzelte, räusperte sich um seine Stimme frei zu machen, streckte seinen Rücken durch und wollte gerade antworten, als er bemerkte, dass ich mich fast horizontal über den Tisch zwischen uns gelegt hatte, um wirklich nichts von seiner Antwort zu verpassen. Der Psychotherapeut sah mich herablassend an und fing vorsichtshalber an zu flüstern.
Eigentlich ist es nicht ethisch, jemanden psychotherapeutisch in der Öffentlichkeit zu betreuen, schmollte ich innerlich, während ich mich wieder gerade setzte. Ich hörte, trotz des Flüsterns, die Worte „Symbol“, „Mutter“ und „Alles wird ins Gute kommen.“ Also nichts Besonderes, die übliche psychotherapeutische Rhetorik. Dann wurde es am Beratungstisch laut.
„Heute ist der AfD-Parteitag,“ sagte der Patient plötzlich.
„Es ist eine Sekte, eine Sekte!“, erwiderte der Psychotherapeut laut.
„Man kann mit denen überhaupt nicht reden!“, meinte der Patient.
„Wer möchte denn mit denen reden?!“, reagierte der Psychotherapeut entsetzt.
Es gibt wohl keine psychotherapeutische Beratung, wenn man nicht die richtige Gesinnung hat?
Wenn die AfD eine Sekte ist, sind die Grünen dann ein Kult? Ist die SPD eine Kirche, in der es fast keine Gemeinde mehr gibt? Ich hätte das alles fragen können. Aber das Problem in diesem Land: fast keiner traut sich noch so richtig mit Andersdenkenden zu reden. Geschweige sie zu fragen.
Im selben Café treffen sich jeden Morgen übrigens Menschen, die man früher als bürgerlich-konservativ eingestuft hätte und die man heute als rechts oder vielleicht sogar rechtsextrem bezeichnen würde. Sie sind aber etwas zu jung, um Teil einer Rollator-Bande sein zu können. Als meine Küche vor fast zwei Jahren renoviert wurde und ich deswegen regelmäßig im Café frühstückte, lernte ich diese Leute dort kennen. Sechs Wochen benötigten die Handwerker für die Renovierung.
Als sich dann herausstellte, dass die neue Spüle bei Lieferung schon kaputt war, wurde mir gesagt, dass die Lieferung einer anderen Spüle „dauern“ würde, weil sie ja „im fernen Bayern“ hergestellt wurde. Na gut, die Verzögerung war natürlich nervig, aber die Bürgerlich-Konservativen im Café reagierten mit Verständnis auf mein Küchenungeschick, das sie als emblematisch für den Zustand der Bundesrepublik betrachteten. Ihr Mitgefühlt machte doch einiges wett.
Nur ein niederländischer Stammkunde, ein Linksgrüner, war anderer Meinung: „Du meckerst zu viel. Deine Küche ist fast fertig. Sei doch mal positiv. Denk doch schon mal über die Renovierung deines Bades nach.“ Wenn einer der Bürgerlich-Konservativen an einem Morgen mit ihm über Impfnebenwirkungen reden wollte, sagte der Niederländer: „Immer das gleiche Gemecker. Über die Politik – über dies – über das! Ich kann es nicht mehr hören. Ich komme hier her, weil ich die Zeitung lesen, nicht weil ich mit euch reden möchte.“
„Die wollen es nicht hören. Obwohl sein Krebs, na ja, man kann es nicht beweisen, aber Sie wissen schon, was ich denke“, sagte ein Bürgerlich-Konservativer daraufhin ein bisschen zu laut zu mir. Manchen wollen nicht mehr miteinander reden. Andere brauchen sich nichts mehr zu sagen.
„Dann kannst du was dazulernen!“
Als ich nach dem Verzehr der Linsensuppe das Café verließ, überquerte ich eine Straße in der es ab und zu Pro-Palästina-Demos gibt. Gewöhnlich gibt es dann mehr Polizeiwagen als Demonstranten. Die Stimmung ist aufgeheizt. Bei einer solchen Demo sah ich mal ganz vorne eine Frau mit Gesichtsbedeckung. Die Demo war mir sofort unsympathisch. Es wurde über einen Lautsprecher für eine Zwei-Staaten-Lösung entlang der Grenzen von 1967 plädiert. Einem jungen Bio-Deutschen mit palästinensischem Schal, der gerade vor meinem Stammgemüseladen Halt machte, sagte ich verwundert, dass das doch überhaupt keine realistische Lösung sei.
„Du nimmst da nur ein Ding raus, um das Ganze fertig zu machen,“ sagte er wütend zu mir.
„Wie meinen Sie das?“, fragte ich.
„Du nimmst ein Element aus dem Diskurs, um den ganzen Diskurs zu kritisieren. Und übrigens, was du aus dem Diskurs geholt hast, das wurde gar nicht gesagt.“
„Heute frische Kiwis“, versuchte der pakistanische Gemüsehändler uns abzulenken.
„Also, ich bin wirklich für Frieden im Nahost“, versuchte ich den sichtbar gut situierten und noch immer wütenden jungen Deutschen zu beruhigen.
„Frieden gut. Heute frische Blumen“, unterbrach der Pakistaner das Gespräch.
„Dann schließ dich doch an. Dann kannst du noch was dazulernen,“ antwortete der Deutsche mir.
„Nein, nein,“ reagierte der Pakistaner bestimmt.
„Sorry, ich muss Kiwis kaufen“, antwortete ich dem Deutschen.
„Und Blumen“, sagte der Pakistaner zufrieden.
„Und Blumen.“
Im Laden saß eine indische Mitarbeiterin gelangweilt hinter der Kasse.
„Überall gibt es Probleme. Nicht nur in Israel“, meinte sie. „In Indien sind gestern junge Demonstranten von der Polizei ermordet worden. Aber hier regt sich keiner auf.“
„Schrecklich. Das wusste ich nicht“, antwortete ich.
„Mangos aus Pakistan. Bio!“, sagte ihr Chef dazu.
Seine Mangos sind wirklich ausgezeichnet.
Wir leben alle unter einem Dach
Am Tag des AfD-Parteitages gab es aber keine Pro-Palästina-Demo in Frankfurt. Vielleicht demonstrierten alle Frauen mit Gesichtsbedeckung und Männer mit Palästina-Schal in Erfurt? Es war jedenfalls herrlich ruhig in der Einkaufsstraße in meinem Viertel. Im Gemüseladen gab es Musik und Gesang – und ich fing an zu tanzen.
„Das ist ein Sikh-Gebet,“ sprach die Inderin leicht streng. Ich hörte mit dem Tanzen auf.
„Verzeihung, das wusste ich nicht. Diskutiert ihr manchmal über Politik?“, fragte ich. „Ich meine, du kommst aus Indien und dein Chef aus Pakistan“, fügte ich noch verschwörerisch hinzu.
„Wir kommen aus derselben Provinz, Punjab, weißt du?“
„Aber es gibt doch eine Grenze zwischen dem pakistanischen und dem indischen Teil?“
„Ach ja, die Grenze“, sagte sie gelangweilt. „Wir reden beide dieselbe Sprache, Punjabi, also gibt es keine Probleme zwischen uns. Nur morgens ist er manchmal nervig, wenn ich noch nicht ganz wach bin. Warum fragst du?“
„Na ja, weil in meinem Stammcafé von zwei Männern behauptet wurde, dass man mit AfDlern überhaupt nicht reden kann und möchte.“
„Komisch“, sagte die Inderin, „wir leben alle unter einem Dach. Natürlich müssen wir miteinander sprechen.“
Nebenan in der Pizzeria gab es auf einmal Krach. Es wurde laut geschimpft und gleichzeitig höhnisch gelacht. Die Inderin stöhnte.
„Das machen die den ganzen Tag so. Kopfschmerzen bekomme ich davon.“
„Warum redest du nicht mit denen?“
„Das sind Italiener. Die sind so. Da kann man nichts machen. Nur abwarten. Vielleicht gehen die irgendwann nach Italien zurück.“





Der gewisse Redakteur kann einem in der Tat mit seiner deutschen Angst vor Frankfurts lebendigstem Viertel manchmal tierisch auf die Nerven gehen. Aber immerhin lässt er Deinen Text hier erscheinen. Hut ab!
Keiner spricht mehr miteinander? mit-
einander? mit sich selbst? Wenn keiner mehr mit anderen spricht, bleiben nur mehr Selbstgespräche .