Aus dem Baukasten der Pietätlosigkeit

Zutiefst erschüttert.
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Die immergleichen Statements und Satzbausteine, die man nach einem Anschlag vernimmt, stellen den Terror nach dem Terror dar. Damit reicht es nun endlich!

SPD-Co-Vorsitzende Bärbel Bas meldete im Laufe des Sonntags nach dem Anschlag auf den Berliner Christopher-Street-Day, dass sie »zutiefst erschüttert« sei. Genosse Dietmar Woidke zeigte sich ebenso »zutiefst erschüttert«. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann stimmte wortgenau mit ein. Lars Klingbeil ergänzte die Bestürzung der Genossin Bas und bedankte sich darüber hinaus bei den »Einsatzkräften und Helfern« und forderte eine »lückenlose Aufklärung«. Bundeskanzler Friedrich Merz sprach von einer »abscheulichen Tat«. SPD-Fraktionschef Matthias Miersch tat es ihm wortgenau gleich und ergänzte ebenso, dass nun eine »lückenlose Aufklärung« notwendig sei. Seine Gedanken seien indes »bei den Opfern und ihren Familien«. Alice Weidel ist in dieser Sache einig mit ihrem SPD-Kollegen Miersch, sie vermeldete exakt dasselbe. Und auch Henrik Wüst verkündet, dass seine »Gedanken bei den Betroffenen« seien.

Frank-Walter Steinmeier gab währenddessen kund, dass es sich um einen Angriff »auf unsere Art zu leben« handle. Grünen-Vorsitzende Franziska Brandter stellte klar, dass man nicht zulassen dürfe, dass »Angst und Hass die Oberhand gewinnen«. Bodo Ramelow möchte nun »zusammenstehen gegen Hass und Gewalt«. Berlins Innensenatorin Iris Spranger ist hingegen »entsetzt«. Der Berliner Spitzenkandidat der Sozialdemokraten, Steffen Krach, fordert gleichwohl zum »Zusammenstehen« auf. Auch Karin Prien, Bundesfamilienministerin, wiederholt diese beliebteste Floskel in den Stunden nach dem Anschlag: Denn auch sie sei »zutiefst erschüttert«. Exakt dieselbe Wortwahl bei Bundesratspräsident Andreas Bovenschulte: »Zutiefst erschüttert« sei er.

Bestürzungsbausteinbingo

Das war selbstverständlich nur ein mickriger Ausschnitt aus den Statements, die nach dem besagten Anschlag auf den CSD in Berlin zu vernehmen waren – und ebenso selbstverständlich: Es hätten auch schon die Wortmeldungen für den Vorgängeranschlag sein können – oder für einen, der vermutlich bald schon folgen wird. Tiefe Bestürzung kommt besonders häufig vor – und mit den Gedanken oder gar Herzen bei den Familien der Opfer zu sein, wahlweise bei den Angehörigen, steht auch hoch im Kurs. Dabei ist offenbar wichtig, die feststehenden Floskeln niemals frei zu variieren, keine Experimente zu wagen – sie müssen genau so repetiert werden, wie sie nun seit Jahrzehnten vorgetragen werden. Abweichen ist riskant, denn das würde bedeuten, dass der Bestürzungswillige, der etwas zur Situation sagen soll, sich selbst Gedanken machen müsste, wie er sich des Vorfalles nähert. Ja, er müsste regelrecht eigene Denkprozesse zur Grundlage seiner Beileidsäußerung machen – und das sind gefährliche Pfade, vielleicht verhaspelt man sich ja, denkt falsch und am Ende kommt noch etwas dabei heraus, was polarisiert, jemanden verärgert – oder man wirkt gar zu verbindlich, was es ebenfalls zu verhindern gilt.

Nein, da sind natürlich vorgefertigte Stanzen, Sprachbackförmchen, ein Mise en place vorgeschnippelter Satzbausteine oder eine Phrasenschablone fast unersetzbar. Schließlich findet man dort die bewährten Ausdrucksformen, die erprobten Sentenzen, die niemanden wehtun – auch wenn sie zeitgleich vielleicht auch niemanden wirklich berühren, keinem Menschen von emotionalen Nutzen sind im Moment der Bestürzung. Aber die Aufgabe von politischen Funktionären ist es wohl, die tatsächlich empfundene Bestürzung einzufangen und mittels wohltemperierten und etablierten Worthülsen zu etwas zu verarbeiten, das der Dümmste aller Dummen in der Masse noch begreifen kann. Dieser Vorgang darf man wohl als barrierefreies Bestürzungsmanagement begreifen – ausgeführt wird das von den PR-Schergen der Politfunktionäre, letztere müssen dann nur noch wiederholen, was ihnen vorgekaut vorgesetzt wird. Und bitte ausschließlich das – ohne eigene Gedanken angereichert, die man noch dranhängen könnte. Sonst verrennt man sich am Ende noch in Sätze, aus denen es keinen Ausweg mehr gibt.

Ziel ist es dabei natürlich nicht, der eigenen Trauer Ausdruck zu verleihen. Für solche menschlichen Regungen ist überhaupt keine Zeit – es geht nur darum, möglichst Schaden für die politische Karriere abzuwenden oder – besser noch! – vom Vorfall bestmöglich zu profitieren. Dafür schmeißt man den PR-Bestürzungsgenerator an, der dann Zeilen in verschiedener Reihenfolge auswirft, ohne dass sich das Gesagte nennenswert mit Inhalt füllen würde. »Ich bin zutiefst bestürzt, meine Gedanken sind bei den Angehörigen – und selbstverständlich muss es eine lückenlose Aufklärung geben.« Wahlweise geht auch: »Meine Gedanken sind bei den Angehörigen, wir fordern eine lückenlose Aufklärung und sind zutiefst bestürzt.« Auch gut: »Jetzt braucht es eine lückenlose Aufklärung für die Tat, die uns zutiefst bestürzt. Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen.« Schlecht hingegen dieses Beispiel: »Wir sind zutiefst in Gedanken und fordern lückenlose Angehörige. Die Aufklärung bestürzt uns.« Letztes Beispiel wäre aber, anders alle andere Varianten, die das fröhliche Bingo uns ermöglicht, wenigstens originell.

Der Satzbaukasten der Unmenschen

Wie lange muss man sich diese Form des betreute Anteilnehmens, dieses Schaulaufen immergleicher Satzhäppchen und Redewendungsgussformen, noch antun? Gibt es in dieser Republik überhaupt einen Bürger – einen von denen, die noch bei Trost sind –, der diese Form von »Politikeranteilnahme« als einen wertvollen Beitrag erachtet? Wem hilft das denn, wenn vom Bundespräsidenten, über Minister und Hinterbänkler plötzlich alle dieselben alten Leerformeln bemühen, bemühen und nochmals bemühen? Nicht den verunsicherten Bürgern, nicht den Betroffenen, nicht den Hinterbliebenen. Und auch nicht den Einsatzkräften, denen man ja auch immer mit derselben Plattitüde dankt, ohne politisch etwas für sie zu tun, um diesen Dank auch zu formalisieren. Nein, sie werkeln im Mangelbetrieb und in der Totalüberlastung weiter – und werden sogar noch mit immer neuen Aufgaben betraut, die sich noch ein Stückchen mehr überfordern sollen. Nur einer Gruppe dient dieses gehirngewaschene Entäußern von »Anteilnahme«: denjenigen, die sie kundtun – als Imagekampagne nämlich. Und nebenher zeigen sie sich gegenseitig an, dass sie präsent sind und vor allem die richtige Haltung an den Tag legen.

Diese Kakophonie von bestürzungs- und betroffenheitstrunkenen Politfunktionären ist der stets garantierte Terror, der gleich nach dem Terror folgt. Ein Extremismus krokodilstränengetränkter Parteisoldatenkader, denen es kein Jota um die Tragödie geht, um die Tatabläufe und Grundmuster, die zu so einer Tat führten. Sie sind mit einer von ihnen etablierten Sprachregelung beschäftigt, die das Leid und die Trauer managen soll – und zwar auf eine Weise, die jeden noch so berechtigten Ärger, jede noch so nachvollziehbare Wut kanalisieren und in ein Kostüm vermeintlich abgeklärten Umganges mit dem Tragischen stecken soll.

Kurz gesagt: die politische Klasse bedient sich in diesen dramatischen Fällen umgehend eines Sprachbaukastens, in welchem reichlichen Formulierungen zu finden sind, auf die man sich geeinigt zu haben scheint. Nichts von dem, was in solchen Situationen gesagt oder gepostet wird, hat eine menschliche Komponente. Keine dieser Anteilsbekundungen sind Ausdruck mitmenschlicher Güte und Wärme, sondern das blanke Gegenteil. Sie sind die eiskalte Ausdrucksform einer Klasse, die die Deutungshoheit im Lande managt, wo immer sie kann, wo immer es Erfolg verspricht. Wer schon wieder »zutiefst bestürzt« ist, wie hunderte Male vorher, der bemüht nicht die Pietäthaftigkeit, die man hinter solchen Sätzen oberflächlich vermuten könnte – nein, der gibt sich einer Fließbandabfertigung des Bestürzenden hin und bringt damit zum Ausdruck, dass er die Einmaligkeit für die, die nun von dem Verbrechen betroffen sind, gar nicht zur Kenntnis nimmt. Es ist an der Zeit, dass man diesen Leuten diese rücksichtslose Bestürzungszurschaustellung nicht mehr durchgehen lässt. Der Terror im Lande ist auch ohne deren terroristische Sprachregelung ausreichend groß. Es ist die Zeit reif, dass die größte Art der Anteilnahme folgendes sein sollte: Sich des Terrors auf den Straßen dieses Landes thematisch und mit politischen Konsequenzen anzunehmen, ohne weiter Lebenslügen zu kultivieren. Wer es ernst meint mit seiner Betroffenheit, spare sich die Copy-and-Paste-Floskeln und rede endlich Tacheles!

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
Mehr Beiträge von Roberto De Lapuente →

Ähnliche Beiträge:

8 Kommentare

  1. Politiker abschaffen. KI Robottern langweilige Gesichter verpassen und ins Parlament schicken.
    Billiger auf alle Fälle und besser ziemlich sicher auch. Eventuelles hacken dieser Robotter eher unwahrscheinlich und egal, da die sogenannten echten Politiker sowieso schon maximal gehackt sind und deren Software( verseuchte Hirnmasse)
    voll mit Viren 🦠 ist.

    1. repräsentative Demokratie abschaffen und durch Los-Demokratie ersetzen. Wie bei einer Gerichts-Jury werden Mitglieder der Gesellschaft per Los-Verfahren auf Zeit zu unseren Vertretern ernannt, sicherlich unterstützt von Technokraten.

      Die alten Griechen haben schon vor zweitausend Jahren festgestellt, dass bei Wahlen komischer Weise immer die gleichen Menschen gewonnen haben, und zwar immer die mit dem meisten Geld. Dann haben die auf Los-Demokratie umgestellt.

  2. Ich bin Gelsenkirchener, stamme aus einer Bergmannsfamilie, als solcher schoß mir als Erstes der Gedanke durch den Kopf:
    „Können die nicht einfach mal die Fresse halten?“
    Werde ich nicht mehr erleben, ich weiß!

    1. „Können die nicht einfach mal die Fresse halten?“

      Haben sie doch! Ein Mitarbeiter in der Bundestagsverwaltung hat in deren Namen ihre „Gedanken“ gepostet.

  3. Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche 2.0 der Täter (Gefährder) war die ganze Zeit auf dem Radarschirm der Gefahrenabwehr!
    Genauso wie das Massaker in Stade, da wurde der Täter sogar noch von einer NGO bei seiner Tatausführung unterstützt.

  4. Man müsste der Einfachheit halber alle diese inhaltsleeren Floskeln durchnummeriern und in einem Katalog zusammenfassen.
    Dann bedürfte es in einem solchen Fall lediglich der Nennung einer Zahl. Man spart dabei die Zeit der Formulierung für andere Banalitäten.

  5. Ein verantwortungsvoller Politiker, vor allem wenn er Macht hat, hat nach Antworten auf die Frage zu suchen, wie diese sich ständig wiederholenden Taten endlich verhindert werden können. Und was er selbst dafür tun kann. Wir brauchen politisches Wirken mit wirksamen Ergebnissen. Keine hoch-bezahlten Politmanager, die sich selbst als „fassungslos“ bezeichnen, einem der peinlichsten Modewörter der KI-Idiotie.

  6. Schlimm auch, wie Politiker unterschiedslos unreflektiert und bar jeder persönlichen Note morgens „Guten Morgen“ und abends „Guten Abend“ sagen.
    Wäre das nicht auch einen aufgeregten Artikel wert?
    Zumindest gibt es ja hier noch die „Grüß Gott“-Opposition, das lässt ein wenig hoffen.

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 5 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen