
Zehn Schritte, wie auch Sie zu einem anständigen Menschen für das beste Deutschland aller Zeiten werden können.
In Deutschland wüten zwei Lager: das der Anständigen – und jenes, das von ebenjenen für unanständig erklärt wurde. Läge einem an Genauigkeit, so müsste man hinzufügen, dass selbstverständlich auch die Anständigen sich lediglich selbst für anständig erklärt haben. Sie fassen aber ihren Rang, der sie als ehrenhaft und unbescholten ausweisen soll, als allseits beglaubigte Tatsache auf, sodass ebenjene Genauigkeit vielleicht doch gar nicht notwendig ist.
Anstand: Das bedeutet im Deutschland des Jahres 2026 etwas gänzlich anderes als – sagen wir mal – 1992 oder 1972. Es bedeutet auch etwas anderes als das, was im Duden der Ausgabe von 2026 zu lesen ist. Dort liest man etwas von »guter Sitte, schicklichem Benehmen«. Ursprünglich stammt das Wort vom Mittelhochdeutschen anestant oder anestān und meinte in etwa »stehenbleiben«, »zögern« oder »einen Aufschub begehen«. Anders gesagt: zurückstehen, abwarten – besonnen sein, könnte man auch sagen. Also quasi innehalten und nachdenken, statt kopflos voranzupreschen und dabei rücksichtslos zu agieren. Eine Qualität, die die zeitgenössischen Anständigen so gar nicht an den Tag zu legen scheinen.
Ihr Anstandsbegriff wartet nicht ab, besinnt sich nicht – steht also nicht zurück, um nicht rüpelhaft zu wirken, um Rücksichten abzuwägen. Das verlangen sie nur von den Unanständigen, von denen, die sie dazu erklärt haben. Die sollen sich in Zurückhaltung üben, nicht übergriffig werden – innehalten. Aber die Anständigen nicht, sie preschen vor: kein Zögern, kein Zaudern, kein Rückgriff auf die etymologische Wurzel jenes Wortes namens Anstand. Der Anständige der zeitgenössischen Bundesrepublik hat keine Zeit, um innezuhalten und über die Wege zu sinnieren, die er anständigerweise beschreiten sollte. Der Begriff wurde also gewissermaßen in sein Gegenteil verkehrt: Der neue Anstand ist das Rüpelhafte, das Plumpe und Pampige. Und ja, auch das Despotische.
Das will gelernt sein – und zwar gründlich. Als Service an unsere Leser daher zehn Punkte, wie auch Sie es schaffen, zu einem Anständigen dieser schönen neuen Zeit zu werden.
Erstens: Akzeptiere jedes Wahlergebnis – außer das falsche
Das Wahlrecht ist ein hohes Gut – und Sie sollten es jederzeit verteidigen. Nur dann nicht, wenn Sie das Gefühl haben, dass Wahlergebnisse im Raum stehen, die Ihnen persönlich nicht behagen. Hier gebietet der Anstand, diese Wahlresultate anzuzweifeln, mindestens aber den Wählern, die nicht in Ihrem Sinne votierten, grundsätzlich die Fähigkeit abzusprechen, selbst politische Entscheidungen treffen zu können. Wenn Sie einen Twitch-Kanal haben, können Sie – wie schon häufiger geschehen – Wahlhelfer dazu auffordern, bei der Auszählung zu mauscheln. Es kommt nicht darauf an, ob diese Leute hernach tatsächlich die Ergebnisse aufhübschen – wichtig ist nur, dass Sie ein Zeichen setzen, indem Sie kundtun, dazu bereit zu sein, sich auch über die Regularien hinwegzusetzen, wenn es der Notfall erfordert. Merken Sie sich, dass Sie einer Notfallmoral verpflichtet sind.
Erste Lektion: Wo der Anstand herrscht, ist immer Notfall.
Zweitens: Achte das Parlament – solange es für Dein Gefühl richtig entscheidet
Dem Hohen Haus muss mit Respekt begegnet werden. Es sei denn, in dessen Gemäuern spielt sich etwas ab, was Sie für unanständig halten. Dann setzen Sie auf Symbolik, wie neulich die Sozialdemokraten, die einen Marsch durch Berlin veranstalteten, weil in Sachsen-Anhalt parlamentarische Prozesse stattfanden, die laut Verfassung jenes Bundeslandes stattfinden müssen: eine konstituierende erste Sitzung mit der Wahl eines Landtagspräsidenten. Eigentlich eine Formalie, und grundsätzlich begegnet man dieser mit großem Anstandsgefühl. Nur nicht, wenn Unanständige involviert sind. Dann akzeptiert man den Parlamentarismus und seinen Ganz nicht mehr. Wahlweise kann man auch herumschreien, wie es eine Bundestagsabgeordnete der Linkspartei zuweilen mit großer Inbrunst tut, immer dann, wenn sie glaubt, dass ein unanständiger Politiker am Rednerpult steht.
Zweite Lektion: Ist das Parlament unanständig, wird die Straße zum einzig wahrhaften Parlament.
Drittens: Verteidige die Demokratie – notfalls wie ein Despot
Das führt uns direkt zum nächsten Punkt. Denn der Anstand verteidigt die Demokratie – wenn es sein muss, mit den Mitteln einer Tyrannei. So rief etwa die ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, dazu auf, dass diejenigen, die in Sachsen-Anhalt eingreifen könnten, dies nun tun sollten. Diese kryptische Botschaft, die sie bei X postete, spielt mit allen Szenarien, die einem Anständigen durch den Kopf jagen. Wer kann eingreifen, wenn ein Landtag seiner Geschäftsordnung folgt? Gibt es keine Einsatztruppe, die hier tätig werden könnte?
Dritte Lektion: Despotie ist unanständig – außer die Anständigen üben sie aus.
Viertens: Sei tolerant – aber nicht zu sehr
Alle Menschen sind gleich – und wenn ein Mann behauptet, er sei im Grunde seines Herzens eine Frau, dann hat man das zu respektieren und zu tolerieren. Erklärt jedoch ein Mensch, er hege Sympathien für Kirche und »weniger Staat«, für eine striktere Zuwanderungspolitik und eine klassische Biologie, für traditionelle Rollenbilder und Familienidyll, dann muss die Toleranz für einen Augenblick außer Kraft gesetzt werden, um all diesen Weltanschauungen und Wahrnehmungen eines klarzumachen: So nicht, Freundchen! Zu viel Toleranz ist ja bekanntlich repressiv.
Vierte Lektion: Toleranz bedeutet, das Richtige zu tolerieren.
Fünftens: Rede mit allen – außer mit denen, mit denen man nicht redet
Demokratie ist Diskussionsbereitschaft. Sie sollten das immer wieder betonen und im gemeinsamen Gespräch wiederholen. Bedienen Sie sich dabei der feststehenden Floskeln, die man zu diesem Zwecke gesellschaftlich vereinbart hat – damit sind Sie auf der sicheren Seite. Mit Unanständigen spricht man allerdings nicht, deren Positionen müssen öffentlich nicht verhandelt werden – versuchen Sie alles, um ihnen kein Forum zu bieten. Laden Sie solche Leute aus. Wenn Sie sehen, dass jemand in Ihre Stadt kommt, den Sie für unanständig halten, dann plakatieren Sie Boykott-Flyer. So erging es neulich Konstantin Schreiber, der zu einer Veranstaltung eingeladen war und dessen Auftritt man verhindern wollte, weil er als zu islamkritisch galt.
Fünfte Lektion: Reden ist Silber, zum Schweigen bringen Gold.
Sechstens: Bekämpfe Ausgrenzung – durch Ausgrenzung
Man kann es nicht oft genug betonen: Alle Menschen sind gleich. Ganz egal, woher sie kommen, wie sie fühlen, mit wem sie schlafen. Jeder hat einen Anspruch darauf, ernst genommen und nicht verlacht zu werden. Aber jede feste Regel braucht Ausnahmen: Fremdelt einer mit den neuen Sprachregelungen und hat überhaupt ein gespanntes Verhältnis zum Zeitgeist, dann kann er einfach nicht erwarten, nicht ausgegrenzt zu werden. Natürlich müssen Sie ihn ausgrenzen, unbedingt sogar – denn alte weiße Männer sollten begreifen, dass sie alt, weiß und männlich sind. Diese drei Eigenschaften werfen Sie einem nur dann nicht vor, wenn er so spricht, wie Sie persönlich es für anständig halten. Und wenn jemand, wie eine berüchtigte FDP-Frau, die Ausweisung aller Russen fordert, halten Sie sich zurück. Alle Menschen sind gleich – Russen aber nicht. Vermeiden Sie, dass man Sie fragen kann, ob Sie Russen denn nicht für Menschen halten. Das sind Fangfragen, die nur Zweifel säen wollen.
Sechste Lektion: Gegen Ausgrenzung hilft am besten die richtige Ausgrenzung.
Siebtens: Lehne Gewalt ab – aber hau beherzt zu
Demokraten schlagen nicht zu, sie nutzen Argumente, um Richtungsstreitigkeiten auszutragen. Das gebietet der Anstand. Werden jedoch Kommunalpolitiker unanständiger Parteien bedrängt oder gar geschlagen, dann muss man sich bewusst machen, dass der Notstand natürlich Ausnahmeregelungen vorsieht, die die Tolerierung solcher Vorfälle ermöglichen. Erschießt man gar einen Unanständigen – selbst im fernen Amerika –, dann ruft man nicht laut Hurra, erklärt aber reflexhaft, dass so etwas eben von so etwas komme.
Siebte Lektion: Gewalt ist falsch – es sei denn, sie trifft aus guten Gründen die Richtigen.
Achtens: Stelle niemanden an den Pranger – außer die, die es verdienen
Menschen respektvoll zu begegnen – auch das kann man nicht oft genug sagen –, gehört zu den Leistungen eines gelebten Anstandes. Man führt niemanden vor. Aber Sie ahnen schon – Sie scheinen langsam zu begreifen, wie es geht –, dass es eine weitere Anstandsleistung darstellt, wenn man die Qualitäten eines Prangers nicht völlig aus dem Blick verliert. So erlebt John Lucas Dittrich, ein junger BSW-Politiker, dieser Tage, was es bedeutet, an den Pranger gestellt zu werden. Das Zentrum für politische Schönheit rief dazu auf, kompromittierendes Material über den jungen Mann zu sammeln. Sein Vergehen: Er hat die politischen Realitäten im Lande anerkannt und glaubt, man müsse ihnen nun auch parlamentarisch beikommen.
Achte Lektion: Der Pranger ist verwerflich – solange der Falsche daran steht.
Neuntens: Sei offen für andere Meinungen – solange sie deinen entsprechen
Meinungsfreiheit ist ein weiteres hohes Gut unserer Gesellschaft. Niemandem darf eine Meinung aufgedrängt werden, jeder darf sich ein eigenes Bild machen. Beachten Sie allerdings, dass die Meinung anständig sein muss. Haben Sie das Gefühl, dass da jemand eine unanständige Meinung vertritt, sprechen Sie ihm direkt ab, dass diese von der Meinungsfreiheit gedeckt sei. Betonen Sie dabei aber immer wieder, dass die Meinungsfreiheit natürlich trotzdem gilt. Nur so vermitteln Sie Ihrem Gegenüber, dass er seine Meinung frei wählen darf, sofern er diejenige wählt, die auch Ihrem Weltbild entspricht.
Neunte Lektion: Meinungsfreiheit gilt – besonders für die richtige Meinung.
Zehntens: Anständig ist nicht, was du tust – sondern wer du bist
Lassen Sie uns zum Abschluss – als zehnten Punkt – eine Identitätsdefinition des Anstandes formulieren. Verwechseln Sie nicht den Anstand, den Sie vor vielen Jahren als Kind vermittelt bekamen, mit dem Anstand zeitgenössischer Prägung. Damals war von Bedeutung, wie sich jemand verhält. Begegnet er Mitmenschen mit Anstand, indem er höflich und zuvorkommend ist und gewisse soziale Spielregeln einhält? Falls ja: Darum geht es heute nicht mehr. Anstand ist keine Tätigkeit mehr, keine Handlungsoption, sondern eine Haltungsfrage. Es ist ein Label, keine Empfehlung für den Umgang mit anderen. Sie benötigen keinen Knigge, der Ihnen erklärt, wie man wo auftritt. Es reicht vollkommen aus, wenn Sie erklären, dass Sie sich als anständig betrachten.
Zehnte Lektion: Anständig ist, wer sich selbst zum Anständigen erklärt.
Nach den zehn Lektionen
Damit wären Sie vorbereitet. Zehn Lektionen, und schon gehören auch Sie zu den Anständigen. Nur eines sollten Sie dabei tunlichst vermeiden: innehalten. Denn wer innehält, könnte nachdenken, wer nachdenkt, könnte zweifeln – und wer zweifelt, könnte am Ende sogar Rücksicht auf jene nehmen, die er gerade für unanständig erklärt hat. Und das wäre der schändliche Anstand im alten Sinne des Wortes. Kommen Sie also bitte nicht auf die unanständige Idee, zu einem Anständigen alter Schule zu werden.
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•Nur eines sollten Sie dabei tunlichst vermeiden: innehalten. Denn wer innehält, könnte nachdenken,…
Dies bedarf keines separaten Warnhinweises, da eine derartige Gefahr nur noch marginal besteht sowie bei weiterhin perfektioniertem, allseits fortschrittlich unterstützendem Rückschritt (alternativ: gestern standen wir noch am Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter) irgendwann inexistent sein dürfte!
innehalten? bei der Kriegstüchtigkeit wird ein bedingungsloser gehorsam verlangt… wo kommen wir den hin wenn über die Nachrüstung oder an der Front nachgedacht wird (Ironie Ende)
Erinnert mich grinsenderweise an die Regeln, damals in der DDR, die heute aus der ReGIERung kommen und die der Mainstream staatstreu versucht, in die Köpfe zu hämmern:
* Wir sind immer vorn. Und wenn wir hinten sind, ist hinten vorn.
* Wir wissen nicht, was wir tun, aber das mit ganzer Kraft.
* Wir sind die schnellsten der Welt. Wo andere rutschen, da liegen wir schon.
* Die Partei hat immer recht.
* Früher standen wir kurz vor dem Abgrund. Heute sind wir einen gewaltigen Schritt weiter.
Moment, halt, stopp. Die letzte dieser Regeln ist noch nicht bei allen „da oben“ angekommen…
Hmm, Herr L´s Lieblingspartei – die AfD- , ist nachweislich gegen Meinungsfreiheit, fordert ständig Anstand und behauptet die einzig anständge Partei zu sein, hat etliche Abgeordnete, die in Parlamenten herumschreien, ist nachweislich nicht offen für andere Meinungen, stellt ständig irgendjemand an den Pranger und und und. Alles hier geschriebene lässt sich Satz für Satz gegen die AfD anwenden. Und doch macht er es nicht ein einziges Mal
Stattdessen versucht der Author hier, seine Partei als alleiniges Opfer der geschilderten Umstände darzustellen. Also wieder nur ein weiterer Wahlwerbeartikel für die rechtsextrme AfD. Aber so ist man es ja von diesem Author gewohnt.
„Kommen Sie also bitte nicht auf die unanständige Idee, zu einem Anständigen alter Schule zu werden.“
Das geht kürzer: „Der Klügere gibt nach. Solange, bis er der Dumme ist.“
Zur allerletzt darf man niemals und unter keinen Umständen die liberale Demokratie hinterfragen, da sie ja bekanntermaßen als die beste und schlechteste aller Regierungsformen gilt. Dabei spielt es keine Rolle, dass sie in Krisenzeiten geradewegs in den Faschismus führt, denn die Großbourgeoisie finanziert ja schliesslich all die bürgerlichen Parteien und sorgt so stets dafür, dass die richtigen Parteien und Leute an die Spitze kommen, die sie brauchen, um fortzubestehen.
So war es schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts als Mussolini und später Hitler an die Macht kamen. Und heute kann man die gesamte sog. „Neue Rechte“ als ein Ziehkind der Tech-Milliardäre und all der übrigen Neureichen sehen, die den Faschismus fördern, um eine soziale Revolution von unten im Westen zu verhindern.