Ab ins Greiswehrersatzamt!

Greiswehrersatzamt
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Alte weiße Männer: Offenbar geht es nicht ohne sie. Das weiß auch der Reservistenverband. Deswegen will er Männer bis zum 70. Lebensjahr erfassen und heranziehen. Eine Glosse?

Gestern noch vulnerable Gruppe – heute schon leistungsfähig bis in den letzten Altersfleck hinein: Bastian Ernst, neuer Präsident des Reservistenverbandes, fordert eine Anhebung der Altersgrenze für Reservisten. Bis zum 70. Lebensjahr sollten demnach rüstige Rüstungsrentner schon erfassten werden. Selbstverständlich um die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands zu heben. Schließlich blieben die alten Leute viel länger fit als früher. Das ist eine wundersame – und auch wundervolle – Entwicklung. Es ist nämlich noch nicht so lange her, da waren Menschen dieses Alters noch eine Risikogruppe – man fragte Kinder gezielt angstfördernd, ob sie denn wollten das Opa sterbe. Nun soll Opa für die Fremd- oder Heimatfront herangezogen werden können. Na, wollt ihr, dass Opa stirbt?

Außerdem sollten Reservisten nicht mehr freiwillig an Übungen teilnehmen, sondern dazu verpflichtet werden. Der genannte Bastian Ernst ist selbst ein Jungspund, er ist erst 39 Jahre jung, weiß aber offenbar, wie sich Herrschaften um die 70 fühlen. Er war bei Rheinmetall und Dynamit Nobel Defence tätig – und ist Mitglied beim Förderkreis Deutsches Heer und der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik, zweier Lobbyorganisationen der Rüstungsindustrie, die freilich nur die besten Absichten hegen.

Zwischen Hüft-OP und Umweltsauerei

Mit den Alten kann man offenbar allerlei anstellen. Über Jahre forcierte man einen Generationenkonflikt, erklärte Rentner für lästige Kostenfaktoren und wollte Rente nur als Basisabsicherung verstanden wissen. Friedrich Merz hat das neulich nochmal bekräftigt – die Aufregung war kurzzeitig groß, man vergaß darüber aber, dass viele Rentner im Lande längst ein Altersgeld beziehen, das genau eine solche Absicherung auf Basisniveau ist. Die monatliche Durchschnittsrente für Langzeitversicherte – 45 Jahre oder mehr – liegt bei um die 1.600 Euro netto. Das sind umgerechnet 680 Liter Diesel. Was ungefähr die halbe Tankladung eines Leopard 2 ausmacht.

Dann waren die Großeltern »Umweltsäue«, verantwortlich dafür, eine klimatisch besorgniserregende Welt hinterlassen zu haben – nicht nur das: politisch und kulturell haben sie auch versagt und den lieben Kleinen ein Erdenrund vererbt, auf dem es nur Dreck und Unrecht gibt und die Kinder leben müssen wie im Morast. Das Haus, in dem die ihre juvenilen Erkenntnisse in die Welt hinausposten, haben die Alten übrigens nach dem Krieg errichtet, oft nach Feierabend – aber das bedeutet rein gar nichts, denn die Senioren sind die eigentlichen Schwerenöter und deren überkommene Welt muss abgeschafft und vergessen gemacht werden.

Danach kam die Zeit, in der wir die Umweltschweine als vulnerable Gruppe entdeckt haben – man isolierte sie, entzog ihnen die Nähe; wenn sie in einer Einrichtung wohnten, hieß es Zimmerarrest. Großmutter sollte allein zum Weihnachtsfest kommen – oder Großvater. Aber keinesfalls beide zusammen, denn das wäre in der Endabrechnung ein tödliches Unterfangen. Eine Gesellschaft muss sich daran messen lassen, wie sie mit ihren Senioren umgeht: Das ist eine alte Parole, die lange als spießig galt – Senioren Hüftgelenke einsetzen, posthume Frage: Muss das sein, Herr Mißfelder? –, die man aber während jener Jahre, die viral gingen, wieder rehabilitierte. Die totale Rücksichtnahme wurde eingefordert. Sollte uns dies alles Oma und Opa nicht wert sein? Bei einer Demo in Frankfurt stand eine dieser heiligen Familien am Straßenrand, Mutti, Vati und die lieben Kleinen trugen FFP2, die Bekenntnismaske, und hielten ein Schild hoch, darauf gepinselter Spruch sinngemäß: Ihr setzt das Leben unserer Omi aufs Spiel!

Toxischer Mann, vergib uns unsere Schuld!

Nun aber Fortschritt, wir lernen immer dazu. Und Omi hat endlich auch überlebt – sie darf daher die ihr zugedachte traditionelle Rolle deutscher Frauen einnehmen: Sie leckt die Wunden der Krieger an der Heimatfront, ist dem Kämpfer eine treue Gefährtin, was in der Praxis heißt: Sie schmiert dem 70-jährigen Reservisten die Stullen und holt den Franzbranntwein heraus, wenn er aus dem Manöver zurückkommt und der Ischias zwickt – wenn sie technisches Knowhow hat, darf sie auch den Rollator ölen und die Schrauben des Kampfrollstuhles nachziehen.

Zur Renaissance der Alten, deren Ressourcen – deren Lebens- und Berufserfahrung, wie Reservistenoberindianer Bastian Ernst erklärte – man jetzt nicht mehr runterspielt oder gleich in einer Verwahranstalt mit Pflegeanschluss verfrachtet, gesellt sich noch ein Wiederaufleben: Der Mann als starkes Geschlecht ist zurück! Dessen toxische Gewaltbereitschaft, sein quasikriminelles Gemüt, von dem nun über Jahre gekündet wurde, ist im Ernstfall – nein, der heißt nicht nach dem Präsidenten des Reservistenverbandes so – dann doch ganz nützlich. Oder – um mit jenem Herrn Ernst zu sprechen – sein inneres Tier ist eine Ressource, die man nicht verschwenden darf. Daher trifft es lediglich Menschen mit Penis, wenn es um die Wehrpflicht und das Reservistenwesen geht – es gibt ihn halt dann doch, den kleinen Unterschied. Und am Ende sind Mann und Frau letztlich verschieden und alle anderen Geschlechter spielen vor dem Feind keine nennenswerte Rolle mehr.

Die Männer sollten ja ihr Rollenbild überdenken, erklärte man ihnen seit vielen Jahren – die Selbstkasteiung des starken Geschlechts konnte man an der Flanke des Fernandes-Komplexes beobachten. Bereit dazu Gewalt anzuwenden, Menschen zu schaden, ihnen Würde und Leben zu nehmen: Das muss der Mann im Falle eines Falles – um dieses Gemeinwesen zu verteidigen, um Frauen und Kinder zu schützen. Da ist die Bestie gerade gut genug – lieber alter weißer Mann, so hilf uns doch, schütze unser Haus und vergib uns unsere Schuld. Du bist ja doch ganz okay.

Da schließt sich der Greis

63 Prozent der Menschen in Deutschland zwischen dem 65. und dem 74. Lebensjahr haben mit zwei oder mehr chronischen Erkrankungen zu kämpfen, wissen Robert Kochs Enkelkinder zu berichten. 53 Prozent haben Bluthochdruck, 52 Prozent nehmen täglich vier oder mehr Medikamente. Es mag schon zutreffen, dass 70 das neue 55 ist – dergleichen Sprüche vernimmt man ja häufig. Dennoch hat Alter auch heute seinen Preis. Relevant ist ohnehin, welcher Tätigkeit der Senior in seinem Berufsleben nachgegangen ist. Und auch: Ist er vermögend oder trat er mit seinem Lohn auf der Stelle? Relative Gesundheit im Alter ist ein Phänomen der oberen Gesellschaftssegmente – besonders bei Männern geht das Lohnniveau mit der Lebenserwartung einher. Wer darbte, lebt kürzer und ist vor seinem Ableben auch deutlich länger kränker.

Kompressionsstrümpfe im Tarnfleck wären längst geboten. Es muss nicht immer leberwurstfarben sein. Auch im Alter kann man Buntes tragen – braun-grün-schwarz komponiert. Jede Gruppe muss jetzt etwas für die Verteidigungsfähigkeit tun – Kinder, Teenager, junge Erwachsene, ältere Erwachsene und Senioren: Wir kennen keine Generationen mehr, wir kennen nur noch Deutsche – Humanressourcen, die den Laden im Ernstfall bis aufs Blut verteidigen sollen. Von der Wiege bis zur Bahre – Menschenware, Menschenware!

Es zeigt sich an der ganzen Angelegenheit ein ziemlich deutsches Talent: Menschen erst jahrzehntelang als Kostenstelle behandeln, sie dann als Last beklagen, sie zum Grundübel der Misere degradieren – und sie schließlich in der Not zur nationalen Ressource erklären. Erst zu alt für den Arbeitsmarkt, dann zu teuer für die Pflege, nun plötzlich jung genug fürs Manöver. So schließt sich der Greis. In diesem Land wird letztlich niemand zurückgelassen, solange man ihn irgendwo noch einsetzen kann.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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5 Kommentare

  1. Lieber Rentner in den Krieg schicken als Kinder. Kinder sind unsere Zukunft, Rentner sind die Vergangenheit.

    Wobei ich persönlich ja der Meinung bin, lieber gar keinen in den Krieg zu schicken, aber unter alten Männern scheine ich mit dieser Ansicht zunehmend in der Minderheit zu sein.

    Also: Lieber die in den Krieg schicken, die der Meinung sind, in der Ukraine würde unsere Freiheit verteidigt. Wenn das dann überwiegend alte Männer und Frauen sind, dann ist das eben so.

    1. Dann sollten von der ähm Leyen und Merz doch mit gutem Beispiel voranmarschieren im Rentnersturm gegen den Putin. Beide sind schon ordentlich im Rentenalter und auf dem Arbeitsmarkt schwerst vermittelbar. Also Auf! Marsch! Marsch! Unsere gerontokratiache Elite. Führung durch Vorbild!

    2. Ganz falsch gedeutet: Es handelt sich um den Versuch, sich die Altersweisheit vom Hals zu schaffen, während das Land für die digitale Diktatur neu ge-shaped wird. Sozusagen eine Art Rasur.

  2. Der Vorschlag ist typischer Filterblasennonsens und sollte nicht mehr Aufmerksamkeit bekommen als ihm zusteht. Das viel größere und wesentlich realistischere Problem ist, dass im „Verteidigungsfall“ geregelt durch das ASG jeder Mann ab 18-60 zum Arbeitsdienst für die Zivilbevölkerung verdonnert werden kann und da gibt es auch keine Verweigerungsmöglichkeit.

  3. Schöne Satire „Greiswehrersatzamt“ – der war gut. Aber mit Satire muss man heute aufpassen. Vor zwei Jahren hatte ich – Jahrgang 1959 – mich in dieser Angelegenheit in einem offenen, natürlich ironisch gemeinten Brief an den Bundespräsidenten gewandt.

    https://overton-magazin.de/top-story/mein-praesident-teilen-sie-uns-mit-wo-wir-uns-im-ernstfall-melden-sollen/

    Heute ist die Ironie zur Realität geworden. Kompressionsstrümpfe in Tarnfleck habe ich nicht, aber immer noch 2 lange Unterhosen in NATO-Oliv im Schrank, der letzte Rest meiner Wehrfähigkeit. Aber ich kann nicht mehr eingezogen werden. Ich habe meine „Hundemarke“ verloren. Ganz ehrlich. Für die Ungedienten: Eine Hundemarke ist ein ovales Stück Blech, in das Name, Geburtsdatum, Blutgruppe und Konfession eingraviert ist, mit dünnen Stegen in der Mitte. Wenn man ausgedient hat, wird die Hundemarke durchgebrochen, die eine Hälfte bleibt bei der Leiche, die andere Hälfte wird nach Hause geschickt.

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