Unser Politbüro

Joe Biden
The White House, Public domain, via Wikimedia Commons

 

So richtig alt ist Joe Biden gar nicht, verkündet die demokratische Presse nun häufig. Und selbst wenn, ein so alter Präsident passe schließlich zum alten Amerika.

Als ich noch Zeit hatte, besaß unsere WG ein Gesellschaftsspiel, das „Kreml“ hieß. Jeder Spieler führte mehrere Figuren (aus Pappe), und das Ziel war, eine dieser Figuren zum Staats- und Parteichef der Sowjetunion zu machen, der überdies drei Mal die Oktoberparade abnehmen musste, ohne am Herzinfarkt zu sterben oder in Sibirien zu landen. Wer es als erster schaffte, hatte gewonnen.

Im Lauf des Spiels gab es allerlei Probleme und Intrigen, welche die Aspiranten, also die Figuren, rasch verfallen ließen, wobei manche gleichwohl das uralt-überreife Alter von 80 erreichten. Die Gerontokratie im Kreml, die fanden wir damals komisch.

Kein Kreml-Chef wurde je so alt

Im echten Leben war der langjährige Kreml-Chef Leonid Iljitsch Breschnew ein paar Jahre zuvor mit 76 Jahren im Amt gestorben, gefolgt von Juri Andropow, der nur 70 Jahre wurde. Derweil wurden die USA in den achtziger Jahren von Ronald Reagan regiert, der mit 70 erst ins Amt gekommen war. Greise allesamt also.

Reagan war so alt, dass er sich daran erinnern konnte, wie er mit der U.S. Army das KZ Auschwitz befreit hatte, erzählte er einmal dem israelischen Premier Menachem Begin. Tatsächlich hatte Reagan den ganzen Krieg in Burbank und Culver City verbracht, um Propagandafilme für die U.S. Army zu drehen.

Als Reagan 1989 das Weiße Haus verließ, kurz bevor Mr. Gorbachev die Mauer niederriss oder zumindest zuguckte, wie das geschah, litt der Präsident schon seit ein paar Jahren an Alzheimer. Die präsidialen Entscheidungen wurden, glaube ich, von Nancy Reagan und ihrem Astrologen getroffen. Und von George H. Bush.

Heute sehen wir Sleepy Joe Biden im Fernsehen, wie er uns regiert. Biden ist 81. Kein Kreml-Chef wurde im Amt jemals so alt. Der älteste war Nikita Chruschtschow, der mit 77 starb, so alt wie Trump heute. Und er tritt noch einmal an (Biden, nicht Chruschtschow). Der Führer der Republikaner im Senat, Mitch McConnell hat gerade seinen Rückzug angekündigt, er ist 82, so alt wie Bernie Sanders. Der Senatssitz von Dianne Feinstein wird demnächst neu besetzt; die kalifornische Politikerin starb mit 90 Jahren, und zwar im Amt. Ab und zu vergaß sie, wo sie sich gerade befand.

Aber Sleepy Joe zu sehen, das ist schon was Besonderes. Dabei, sehen tun wir ihn inzwischen eigentlich selten, und wenn, dann wirkt er … geistesabwesend? Müde? Wie ein Mann, der sich durch eine chirurgische Pressmaschine hat walzen lassen, damit die Gesichtshaut wieder straff wird, so wie Ellen DeGeneres?

Die Schlacht von Gondor

Trump, nur vier Jahre jünger, sieht zumindest nicht aus wie ein Ork, der in der Schlacht um Gondor alles Blut verloren hat. Eher, als würde er gleich einen Schlaganfall kriegen, aber vielleicht ist das bereits passiert. Uns erzählt ja keiner was.

Biden also. Ähnlich wie echte Russen im echten Kreml haben wir gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen oder eher, zwischen den Zeilen der TV-Comedians zu gucken; zum Lesen haben wir keine Zeit mehr, genauso wenig wie für Gesellschaftsspiele.

Alle Demokraten verteidigen Biden. Er sei nicht alt, sondern weise. Erfahren. Er könne auf so viele Erfolge zurückblicken. Er habe Trump geschlagen, damals in der Schlacht von Gondor, der Ring stehe ihm zu und der entziehe ihm auch kaum Farbe. Unser Schatz! Es ist wie die alte Obelix-Routine: „Ich bin nicht dick! Ein bisschen stark, aber nicht dick! Nur kräftig gebaut! Vielleicht ein wenig pummelig!“

Die New York Times erklärt uns, dass Biden zu Amerika passe. Amerikaner würden immer älter; 56 Millionen seien über 65. Wie alt Biden sei, sei sowieso nicht wichtig. Wichtig sei; wie können wir es schaffen, dass ältere, gebrechliche Amerikaner gesünder, glücklicher und würdiger leben? Was Biden angeht, es würde ihn wohl am glücklichsten machen, wenn Trump stirbt und ihm Mar-a-Lago in Florida vererbt.

Man sieht aber nun ein bisschen, wie sich feine Risse im weißen Schlamm um die Elbenburg bilden, und natürlich als erstes in den Comedy-Shows. Kreml, was heißt hier Kreml, wir gehen zügig ins Mittelalter, wo die Narren die Wahrheit sagen.

Amnesien allerorten

Saturday Night Life steckte ein paar Cast-Mitglieder in Kostüme von Demokraten und ließ sie einander versichern, dass Biden hinter verschlossenen Türen so agil und un-alt sei, dass er gegen junge Kollegen dauernd im Racketball gewinne. Keiner habe die Absicht, statt Biden einen jüngeren und dynamischen Präsidenten zu errichten!

Desi Lydik in der Daily Show erzählt von den Notfallplänen von Demokraten, der Biden-Kampagne neues Leben einzuhauchen: Vielleicht werde Trump in irgendeinem seiner vielen Prozesse verurteilt? Oder sie legen Schokoladenstückchen für Trump aus, um ihn in ein goldenes Zeitalter zu locken? Die Demokraten könnten auch Trump ein AppleVisionPro schenken, mit Pornographie vollgeladen, um ihn abzulenken.

Sogar Stephen Colbert, die demokratische Pflanze auf CBS, traut sich nun ab und zu, Witze über Bidens Alter zu machen, wenngleich er dabei immer einen Zweitwitz über Trump machen muss, der Ausgewogenheit wegen.

Wird Biden im August, bei der Convention der Demokraten, spontan ausgewechselt? Wir wissen es nicht. Noch weniger wissen wir, warum hat Trump, der Beinahe-Diktator, so viel Boden gutgemacht (er liegt drei bis fünf Prozent über Biden)? Die Times – was wären wir ohne die Times und ihre langwindigen Erklärungsversuche – glaubt, dass Amerikaner eine kollektive Amnesie haben, was Trump angeht und dass sie sich, nach langen drei Jahren, nicht mehr so richtig an ihn erinnern können.

Das ist interessant, denn auch die Times, die keine Gelegenheit auslässt, Deutschland in der Ukraine in die Pflicht zu nehmen,  hat eine kollektive Amnesie, was ihre Berichterstattung über Stalin und die Ukraine in den dreißiger Jahren angeht. Vielleicht hätten die Redakteure öfter mal Kreml spielen sollen, da lernt man was. Und wenigstens kann man da den Gegner nach Sibirien schicken.

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19 Kommentare

  1. Amnesie welch ein herrliches Wörtchen!
    Oder wenn Demokratie daran scheitert, tatsächlich Repräsentanten aus allen Schichten in einer Demokratie die Möglichkeit zu geben, präsent zu sein.
    Nein, das wäre wirr, wo käme die Demokratie hin, falls Demokratie ihren Bewohnern die Möglichkeit gebe?

    Herr Trump hatte einen ’sweet talk‘ mit dem ehemaligen reichsten Menschen, seine Wahl finanziell zu unterstützen! Und ich Idiot dachte, man würde von allen vertreten bei einer Wahl. Nu gut, Money talks and demo crazy walks…

    1. Bitte, sei so lieb und denunziere die „Mutter“ der Demokratie [von der Leyen] nicht … Und ich dachte immer die Demokratie sei in Griechenland entstanden, ich Dummerle ich! 😉
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  2. Schön, dass noch jemand „Kreml“ kennt. Auch wenn es mit den ganzen kleinen Zahlenschnipseln etwas bizzlig war, müsste man es mal wieder spielen.
    Und: Ja, über die Gerontokratie der späten USSR kann man sich als Westler heute nicht mehr ungestraft lustig machen.

  3. Bei der Plauderei über alte weiße Männer fehlen die zwei wichtigsten Fakten:

    1. Egal welcher Präsi wie alt daherkommt, haben die US-Amerikaner keine wirkliche Wahl, weil die Politik von Big Money und einem überparteilichen Machtapparat gemacht wird.

    2. Der normale US-Bürger stirbt, bevor er überhaupt in das Alter seiner Gerontokraten kommt – die Lebenserwartung im „gelobten Land“ sinkt sogar:
    https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-08/usa-lebenserwartung-stark-gesunken-corona

    1. Wirres Zeug redet sie ja schon seit Jahren. Zu Trumps angeblicher „Ukraine-Affäre“, die darin bestand, daß dieser Selenski am Telefon die Erlaubnis gab, wie von diesem gewünscht (!!!) gegen Biden in der Ukraine ermitteln zu dürfen, sagte sie einst im Fernsehen „…by the way, i think, Russia have his hands in that…“. Das war 2019.

  4. Das Biden ist schon seit Jahren tot. KI & Robotik können da Einiges simulieren, aber wie ein noch lebender Mensch wirkt es nun wahrlich nicht.

  5. „Noch weniger wissen wir, warum hat Trump, der Beinahe-Diktator, so viel Boden gutgemacht (er liegt drei bis fünf Prozent über Biden)?“

    Die Währung für Politik und Medien ist Glaubwürdigkeit. Vielleicht liegt es ja am fehlen dieser Glaubwürdigkeit bei „Demokraten“ und ihre Medien im Unterschied zu den Republikanern. Dazu muss man wissen, dass die Amerikaner viel direkter erfahren, wenn ihr Präsident davon redet, dass er die Probleme in Gaza mit dem mexikanischen Präsidenten Sisi beredet habe, oder wenn er mitteilt, er würde die Ukraine jetzt aus der Luft mit Nahrungsmitteln versorgen wollen.

  6. Alle Eure Kommentare sind „echt geil“! Wann endlich wendet Ihr Euch der Tagespolitik ab und wendet Euch gegen die Politik des deutschen Parlaments, unserer „Angestellten“ zu? Rüstung gegen Soziales steht zur Disposition, deutsche Deppen wählen Rüstung. Es lebe der Lobbyismus. Wer sieht das eben das US-System eben vordringlich in Deutschland installiert wird? Sozialabgaben reduzieren, Profite maximieren … Lindner, Habeck, Scholz, Merz & Co stellen das gesamte System im Sinn von „Investoren“ in Frage. Niemand widerspricht … Die meisten scheinen der sogenannten „politischen Mitte“ anzugehören, was auch immer diese „Mitte“ sein soll! Für mich sind es die, die Neo-Faschismus in Deutschland noch immer nicht erkannt haben! Wieder einmal ist die „Sündenbock“-Theorie hilfreich für dämlichste Politiker aller Couleur …, im Besonderen Baerbock, Lang …“Die Grünen“ …
    Mfg KB

    1. Vorschläge was wir tun sollen? Rollatorgruppe gründen? Habeck mit dem Dreschflegel erschlagen? Bin zwar dafür, aber der Kerl geht ja ungeschützt nicht mal mehr auf die Strasse, geschweige denn durch den dunklen Park. Ganz so doof isser anscheinend doch nicht. (Satire aus – „vorsichtshalber“…)

      1. Diskutieren und aufklären wäre der Vorschlag. Gerne auch auf diesen Demonstrationen.

        Es ist ja nicht falsch, gegen Rechtsruck und Rassismus zu demonstrieren. Falsch ist es allerdings, dass diese Demos, die häufig von antifaschistischen und -rassistischen Organisationen angeleiert werden, von der sogenannten „Mitte“ 🤢 okkupiert werden. Dagegen sollte man sich verwahren und darauf hinweisen, dass es genau diese sogenannte „Mitte“ ist, die hierzulande den Rechtsruck tatkräftig ins Werk setzt.

        Die Anhänger (und Funktionäre) der „Mitte“ dürfen gerne mitmarschieren auf den Demos. Aber sie haben gefälligst den Schnabel zu halten und denen das Wort zu überlassen, die wirklich gegen rechts sind und nicht nur gegen eine ganz bestimmte Ausprägung von rechts, nämlich gegen jene Ausprägung, die ihnen ihre Mandate und Pfründe wegzunehmen drohen.

      2. Auf die Straße und nicht durch „sogenannte“ Demokraten wie SPD, FDP, GRÜNE,CDU/CSU, AfD, Die Linke gegen „rechts“, da wird die sogenannte „Mitte“, nicht näher definiert, aufgerufen für diese unsägliche „Ampel“ und sogar die „sogenannte“ Opposition inkl. AfD zu demonstrieren, sondern gegen die derweilige Politik und gegen Krieg und NATO demonstrieren! Eine AfD wird und kann keine Lösung für aufkommende Probleme sein, vergleiche Lindner/FDP & Weidel/AfD, wo liegt der Unterschied?
        Mit sozialistischen Grüßen
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    1. Sicherlich weiß ich nicht wann Du das letzte mal in den USA warst und dem „Volk“ auf’s Maul schautest. Ich sehe Verzweiflung und Existenzangst … Nun lasst uns Deutschland näher betrachten und die einzelnen Minister wie Lauterbach, Lindner, Baerbock, Özdemir ob deren Qualifikation auseinandernehmen! Scholz als Kanzler und seiner Hinterlassenschaften in HH ist als Kanzler untragbar, Lindner, nach einer Millionen-Pleite wird Finanzmister, wie das? Baerbock, ohne Abschluss …! Özdemir, Sozialpädagoge, heute Minister für … Landwirtschaft! Zu welchem Land hat sich Deutschland entwickelt? Politische Abzocker an der populistischen Front … Stellt Euch die Einkommen (Diäten) dieser Leute im einzelnen vor … Diese Mischpoke sind „unsere“ Angestellten denn IHR gabt diesen Leuten Eure Stimme!
      Und ja, der Komiker Lauterbach, der Harvard-Influenzer der das Gesundheitssystem übernahmereif macht …!
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      P.S. Ich halte es wie Jean Paul Sartre. Klar gehe ich wählen, ich mache jedoch meine Stimme ungültig, denn wenn ich meine Stimme abgebe habe ich jedwede Einflussnahme verspielt! 😎
      Wir müssen eine Front gegen Krieg und dem daraus resultierenden Sozialabbau bilden und das dringend. Lindner fordert ein Moratorium wg Renten & Sozialausgaben für die nächsten 4 Jahre!
      Wir fordern: Kappung der Einkünfte sämtlicher Parlamentarier, inkl. Zahlungen an die Sozialkassen ohne weitere Aufschläge, sowie Verkleinerung des Bundestags auf Normalgröße.

  7. ‚Trump, nur vier Jahre jünger, sieht zumindest nicht aus wie ein Ork, der in der Schlacht um Gondor alles Blut verloren hat.‘

    Natürlich sieht der aus wie ein Ork. Ich wüsste nicht, wie ich mir einen Ork sonst vorstellen soll. O.k. – Putin ist auch ein Orkführer, wenn nicht gar der Hexenmeister schlechthin aber der sitzt auch wesentlich fester im Sattel seiner absoluten Machtfülle als dieses alternde Milchgesicht.

    Biden ist zwar auch alt wie ein absterbendes Korallenriff aber wenigstens nicht komplett wahnsinnig. Außerdem: In der Homöopathie ist es angezeigt, Gleiches mit Gleichem zu bekämpfen, warum soll das in der Politik anders funktionieren? Da setze ich doch lieber erst mal einen politischen Pflegefall gegen den des Gegners.

    Die jungen Wilden der Politik werden ihr Momentum schon bekommen, wenn sie nicht zu früh sterben (Die besten sterben angeblich früh, ohne einen Atomkrieg vom Zaun gebrochen zu haben).

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