
Donald Trump verachtet die Presse – und die Presse lebt prächtig von Donald Trump. Nun eskaliert diese amerikanische Hassliebe: Journalisten fliegen aus dem Weißen Haus, während ausländischen Korrespondenten ganz andere Einschränkungen drohen.
Vor ein paar Tagen war ich bei PriceWaterhousCooper an der Madison Avenue, bei der Foreign Policy Association, ein überparteilicher Verein, der, wie fast alles in New York, den Demokraten zuneigt. Es ging um die Presse – und die Pressefreiheit.
Es sprachen Jeffrey Johnson, der Präsident der Hearst Zeitungsgruppe und Brooke Masters, die die Financial Times in den USA managt. Hearst galt mal als konservativ, aber was bedeutet das heute schon noch. Masters betonte, dass die FT als nicht-amerikanisches Medium – die Zeitung ist britisch gegründet und gehört heute dem japanischen Nikkei-Index – es sich erlauben kann, von außen auf die USA zu gucken, so wie auf ein spannendes, aber doch ein wenig fragwürdiges Experiment.
Symbiotische Hassliebe
Ich fühlte mich ganz leise an den Film „Civil War“ erinnert, wo rechte und linke Amerikaner aufeinander schießen, die US-Presse zerbröselt, und die letzten Medien für europäische Medien berichten, wie Reuters. Ein Blick in die Zukunft. So hat Masters das natürlich nicht gesagt und es ist ja auch noch ein paar Jährchen dahin.
Johnson und Masters sagten viele gute und tapfere Sachen, über die Pressefreiheit, die Unabhängigkeit der Presse, die Pflicht der Presse, dem Druck der Politik nicht nachzugeben, den Mut der Journalisten vor Fürstenthronen – und dass AI uns alle demnächst umbringt, angefangen mit den Zeitungen, was bereits passiert.
Natürlich stimmt es, dass die AI-Ergebnisse bei einer Suche im Internet nicht mehr zur Quelle führen, so dass die Zeitungen nichts mehr an der Werbung verdienen. Und wirklich, woher wissen wir, dass die ansteigende Erdtemperatur nicht doch auf AI zurückgeht, und wer weiß, wie viel heißer es noch wird? Jedenfalls, ich fühlte mich wie in einer Murphy-Brown-Episode umgeben von so viel journalistischer Tapferkeit.
Das bringt uns zu Donald Trump. Die Presse und Trump, das ist ein symbiotisches Verhältnis. Eine Art Hassliebe. Eine tragikomische Hassliebe. Ein symbiotisch-tragisches anarcho-syndikalistisches Sado-Maso-Verhältnis. Trump hat die Klickzahlen aller Medien in Höhen propellert, die alles wiedergutmachen, was AI an Schaden anrichten könnte, mal davon abgesehen, dass unsere Körper eines Tages als Batterien für Roboter genutzt werden, aber alles an Schäden bis 2030. Hoffentlich.
Ich war einmal bei der Washington Post, um mir das anzugucken. Dort hängt über den zentralen Redaktionsdesk eine Tafel, auf der die Artikel aufscheinen, sobald sie ins Netz eingestellt werden. Die Artikel schieben sich sekündlich nach vorne oder fallen zurück, je nachdem, wie viele Leser die gerade anklicken, oder kommentieren. Auch eine Art digitale Peitsche, sich mehr anzustrengen, natürlich.
Lügenmedien bleiben draußen
Jedenfalls, immer wenn der Donald ins Spiel kommt, hüpft der Artikel signifikant höher. Die Presse wäre ohne Trump ärmer, aber ohne die schnappatmende Presse wäre Trump nicht weltweit bekannt und berühmter als Michael Jackson.
Nun strebt das tragikomische Verhältnis seinem vorläufigen Höhepunkt zu: Trump hat es drei Vertretern der amerikanischen Lügenmedien, wie er sie nennt, verboten, die Pressekonferenzen im Weißen Haus zu besuchen, nämlich CNN, MS NOW – der frühere halblinke Ableger des terrestrischen Senders NBC – und Politico.
Politico gehört zu Springer, das ist besonders erstaunlich. Haben die nicht die Liebe zu Amerika im Redaktionsstatut? Wahrscheinlich haben sie vergessen festzulegen, dass das gegenseitig sein muss. Als die Journalisten am nächsten Tag gleichviel vor dem Weißen Haus aufliefen, wurden sie von der Security abgewiesen.
Trump wirft der Presse vor, dass sie lügen. Lügen zugunsten der Demokraten. Man muss sagen, die Trumpschen Öffentlichkeitsarbeit ist sehr Jekill-und-Hyde-mäßig. Da ist der Meister selbst, der leicht wirr wie ein alternder Boris Johnson durch die Gegend türmt und Journalistinnen beschimpft, weil die nicht lächeln.
Und dann gibt es ein Team im Hintergrund, dass ordentlich sortiert Zahlen und Fakten zusammenstellt, die beweisen sollen, dass die Demokraten ungenehme Medien ganz genauso draußenhalten wie die Republikaner, wenn es ihnen in den Kram passt. Das spricht allerdings nicht für US-Politik als Gesamtkunstwerk.
Die Gründungsväter und die Regierungskritiker
Ganz anders als Trumps Republikaner sind die Demokraten und ihre Medien: Die sind im Vordergrund wie im Hintergrund elaboriert und artikuliert und können mit wissenschaftlichen Schlangensätzen beweisen, dass Frauen Penisse haben und dass das britische Königshaus schwarz war. Das ist viel überzeugender.
Trumps Popularität sackt tatsächlich ab, aber nicht wegen der Presse, die fies über ihn berichtet, denn die ist noch unbeliebter in den USA als er. Und auch die Demokraten sind nicht sonderlich beliebt. Beide Parteien haben sich von der Realität entfernt wie Luftballons von der Erde. Sind das diese Bubbles, von denen man so viel liest?
Wie frei und unabhängig ist die amerikanische Presse wirklich? Nicht so frei, wie sie selber denken. Die vielverehrten Founding Fathers haben selber Zeitungen gegründet, wie Alexander Hamiltons Gazette of the United States, die George Washington lobte, während Thomas Jefferson die National Gazette finanzierte, die Hamilton schalt.
Die Gründungsväter und ihr Kongress verabschiedeten Gesetze, die Regierungskritiker in den Knast brachten. Der vorläufige Höhepunkt war im Amerikanischen Bürgerkrieg erreicht, als Blätter verboten wurden und Journalisten eingesperrt, denen vorgeworfen wurde, dass sie die Kriegsanstrengung sabotierten.
Im Ersten Weltkrieg ernannte Woodrow Wilson das “Committee on Public Information”, das amerikanische Zeitungen, Zeitschriften, Radiostationen, Theatersäle und Filmstudios mit britischer Propaganda fütterte, während deutschsprachige und pazifistische Zeitungen verboten wurden.
Auslandskorrespondenten haben es schwer
Im Zweiten Weltkrieg wurden ausländische Journalisten interniert (und dann gegen Amerikaner ausgetauscht). Und im Kalten Krieg infiltrierte die CIA die Washington Post in der Operation Mockingbird, während die New York Times ihre eigenen Korrespondenten als Kommunisten an Joe McCarthy meldete.
Als Trump die Journalisten von CNN, MS Now und Politico aus dem Weißen Haus warf, gab es, völlig überraschend (zumindest für mich); einen Walkout. Alle Fernsehsender, auch der rechte Sender Fox News solidarisierten sich mit den liberalen Kollegen und filmen Trump von nun an nicht mehr. Wer hätte das gedacht? Existiert Trump, wenn niemand über ihn berichtet? Wir werden es bald sehen.
Braucht Trump die Presse überhaupt? Das Fernsehen? Er hat doch sein eigenes Network, Truth Social, Tucker Carlson, Joe Rogan, Blogger, Influencer, Seitenbauer, YouTuber. Andererseits, wenn die ihm von der Fahne gehen, denen kann er mit überhaupt nichts drohen, denn die leben in und berichten aus ihrer eigenen Wirklichkeit. Die müssen nicht ins Weiße Haus.
Ganz ähnlich geht es uns, den Auslandskorrespondenten. Die Kombination von ständiger Trump-Verfügbarkeit im Internet und dem Mitteilungsbedürfnis seiner Regierung hat auch uns auch einen virtuellen Front Seat im Weißen Haus beschert.
Aber während die Journalisten von CNN und Co. die weltweite Solidarität einfordern, sieht es mit unsereins gerade nicht so gut aus. Über uns ausländischen Journalisten schwebt seit einiger Zeit das Damoklesschwert einer Visaverschärfung. Statt fünf Jahre soll unser Pressevisum nur noch acht Monate gelten, also mehr auf Journalisten zugeschnitten sein, die ab und zu kurz vorbeischauen und keine Familie haben.
Genießt Trump!
Aus Sicherheitsgründen sollen ausländische Journalisten auch Homeland Security unterstehen und nicht mehr dem State Department, wo die Leute arbeiten, die mit Messer und Gabel essen können. Sowas macht in Zeiten, wo Journalisten eigentlich auch gemütlich daheim in Berlin oder London vom Fernseher weg berichten können, eigentlich wenig Sinn für ein Regime, das die Presse kontrollieren will.
Ein Richter hat das alles nun erstmal zurückgestellt. Für wie lange, wissen wir nicht. Die Kollegen in Amerika, die waren nicht so solidarisch, das muss man mal sagen. Und genau zu sein, sie haben das ganze Problem ignoriert. Die einzige amerikanische Publikumszeitung, die darüber berichtete, war die Washington Post, mit dem Hook, das könne den US-Journalisten im Ausland schaden. Die New York Times, nichts.
Wie geht es nun weiter? Das CNN-Problem könnte sich bald in Luft auflösen, denn Paramount Skydance ist dabei, Warner Bros zu kaufen und dazu gehört CNN (und Comedy Central). Paramount Skydance ist im Besitz des kalifornischen Milliardärs David Ellison, der findet, dass die US-Medien zu Israel-feindlich sind, und wahrscheinlich auch zu Trump-feindlich. Sobald der Deal durch ist, dürfte zumindest CNN wieder ins Weiße Haus. Falls die nicht bis dahin durch AI ersetzt worden sind.
Als Deutschland im Zweiten Weltkrieg im Bunker saß, hieß es im Volksmund: „Genießt den Krieg, der Frieden wird fürchterlich.“ Vielleicht werden wir einmal genauso denken, wenn es Trump nicht mehr gibt. Wer weiß.
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