
Was haben der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani und die Berliner Linken-Politikerin Elif Eralp gemeinsam? Den jungen Wahlkampfstrategen Morris Katz.
Morris Katz wäre jemand, den Woody Allen in einem seiner Filme als den quintessenziellen New Yorker auftreten lassen würde – wenn er noch Filme über New York machen würde. Besetzen würde er ihn mit einem jüngeren Jesse Eisenberg. Katz, ein ehrgeiziger 26-Jähriger, der sich lange als 28-Jähriger ausgegeben hat, ist ein moderner David Axelrod, das war der Mann, der Barack Obama beriet.
Katz – nicht verwandt mit Katz Delicatessen, dem Pastrami-Emporium an der Houston Street – ist das Wunderkind hinter dem Erfolg von Zohran Mamdani, dem sozialistischen muslimischen Bürgermeister von New York, der einen unwahrscheinlichen Triumph hingelegt hat, gegen den populären, aber chancenlosen Republikaner Curtis Sliva und dem unpopulären Andrew Cuomo, der glaubte, als Demokrat und Ableger der Clinton Machine den Wahlsieg gepachtet zu haben.
Mamdani gehört dem linken Parteiflügel der Demokraten an, den Demokratischen Sozialisten, deren Urvater Bernie Sanders oft und gerne mit ihm auftritt. AOC, Alexandria Ocasio-Cortez, ist das neueste, polierteste Aushängeschild der Partei. Sie will US-Präsidentin werden, das sehe ich noch nicht. Aber wer weiß.
Der Mann hinter Mamdani – und Eralp

Katz steht AOC und Sanders nahe, hat aber auch andere Demokraten unter seine Fittiche genommen, etwa John Fetterman aus Pennsylvania, der sich mit den Demokraten über die Israelfrage überworfen hat, die, findet er, Israel zu zögerlich und zu unenthusiastisch Bomben geliefert haben. Katz hat den Politiker als Protagonist der Arbeiterklasse aufgebaut, wie ein Casting Director. Fetterman hatte einen Schlaganfall, den inszenierte Katz als „verletzbaren Moment“.
Er war auch Wahlkampfberater für Graham Platner in Maine. Dessen Kampagne ist dann leider implodiert, weil eine Ex-Freundin ihm übergriffiges Verhalten vorwarf; plus: er hatte ein Tattoo der Totenkopf-SS auf der Brust, von dem er sagte, er wisse nicht, was das bedeute, er habe sich das im Urlaub tätowieren lassen. In Kroatien.
Das war Pech. Katz nächstes Projekt ist Abdul El-Sayed, ein Arzt, der Senator für Michigan werden möchte. El-Sayed ist, wie Mamdani, links, er tritt für revolutionäre Sachen wie „Krankenversicherung für alle“ ein. Und er ist Moslem. Katz hingegen, den die New York Times in jungen Jahren als einen „Woody Allen-guckenden, Philip Roth-lesenden, Bob Dylan-zuhörenden“ Möchtegern-Drehbuchautor beschreibt, ist Jude, wie Sanders. Oder Axelrod. Oder Woody Allen.
Katz ist übrigens nicht nur Jude, er ist das personifizierte Klischee des askenasischen, Hollywood-affinen, belesenen, theatergehenden, politisch streitbaren New Yorkers, der Frauen mit Worten anbaggert würde wie: „Du, du bist wie New York: jüdisch, links, liberal, intellektuell, Central Park West, Brandeis University, die sozialistischen Sommercamps und der Vater mit den Ben-Shahn-Zeichnungen; rote Windeln …“
Warum erzähle ich das? Weil Katz nicht nur Mamdani, sondern auch Elif Eralp gecoacht hat, die Spitzenkandidatin der Linken für das Berliner Rathaus, die kürzlich mit mehr als 25 Prozent den Sieg davongetragen hat, woraufhin der New Yorker bereits als Berliner Bürgermeisterin bezeichnete. Das ist sie noch nicht, aber er hat sie beraten, damit sie die Wahl gewinnt, und das offenbar erfolgreich.
Katz für Merz?
Beim Coachen geht es Katz darum, Politikern beizubringen, wie sie auf Leute zuzugehen, sie nach ihren Problemen und ihren Sorgen zu fragen haben. Auf möglichst viele Leute. Treppensteigen, Türenklingeln, für alle da sein, immer. Nicht, wie der alte Berliner Regierende, Tennisspielen gehen, wenn der Strom ausfällt.
Katz brachte Mamdani dazu, dass er bei dem großen Schneesturm im Januar dieses Jahres mitten in der Nacht bei einem ultraorthodoxen Satmar-Rabbi in Williamsburg auftauchte und dessen Auto aus dem Schnee schaufelte – nicht nur anfing zu schaufeln, ganz freischaufelte. Der Rabbi war fassungslos, und begeistert.
Es war auch Katz, der die drei Treffen zwischen Mamdani und dem US-Präsident Donald Trump orchestriert hat. Bei dem ersten Treffen brachte der Bürgermeister ein Geschenk mit; die (fake) Titelseite der New York Daily Mail, die Trump in den höchsten Tönen lobte. Das war Katz‘ Idee. Beim zweiten Treffen, in New York, rannte Katz höchstselbst kurz vorher los, um bei Brooks Brothers einen besseren Schlips zu kaufen. Mandami sollte nicht hinter Trump zurückfallen.
Beim dritten Mal einigten sich die beiden Politiker auf ein neues Siedlungsprojekt in Sunnyside, Queens; 12.000 neue Wohnungen sollen errichtet werden – mit der finanziellen Hilfe der Bundesregierung. Trump sagte danach, Mamdani sei ein Kommunist, aber er könne ihn gut leiden. Aber Trump mag ja auch Kim Jong-Un und Xi Jinping. Hoffentlich coacht Katz auch Eralp, wie sie das hinbekommt. Ich selber warte einfach darauf, dass die Chinesen hier den Laden übernehmen und mit den Bauarbeiten anfangen.
Man sollte meinen, sich um die selbstpersönlichen Sorgen der Wählerschaft zu kümmern ist ein einleuchtendes Wahlkampfkonzept, und erfolgversprechend, jedenfalls mehr, als sich mit Prominenten zu zeigen und Wahlkampfgeldern von Millionären einzutreiben. Das hat Cuomo getan, der immer noch glaubt, er sei der wahre Bürgermeister der Herzen. Merkwürdig, dass da noch nie einer draufgekommen ist. Vielleicht sollte Merz sich Katz mal kommen lassen.
Wahlkampf in Berlin und New York
Ähnlich wie Mamdani hat Eralp ein Moslem- und ein Kommunismusproblem, aber ganz das gleiche ist es nicht. Amerikanische Moslems sind in der Regel erfolgsorientierte Aufsteiger und keinesfalls soft on crime. Mamdanis Vater ist ein (linker) Universitätsprofessor an der Ivy-League-Universität Columbia, seine Mutter ist Mira Nair, eine preisgekrönte Filmemacherin („Salaam Bombay“). Ihr erster Mann war der Fotograf Mitch Epstein (nicht verwandt). New Yorker Oberklasse, also.

Auch Eralp kommt nicht aus der Arbeiterklasse; die studierte Juristin mit doppelter Staatsbürgerschaft – wie Mamdani, der in Uganda geboren wurde – ist die Tochter einer feministischen Publizistin und eines Arztes aus der Türkei, also eher gehobene Mittelklasse. Bestimmt nicht arm, aber privates Vermögen ist in der deutschen Politik ohnehin nicht so wichtig wie in Amerika. Noch nicht.
Auch Katz ist nicht so richtig Mittelklasse. Er wuchs in Tribeca auf, in einer Zeit, als der Stadtteil schon vor Geld aus den Nähten platzte; sein Vater David Bar Katz ist Theaterautor und Fernsehproduzent (“American Gigolo.”). Seine Mutter Julie Merberg ist eine erfolgreiche Kinderbuchautorin; sein Pate ist der Autor Philip Seymour Hoffman. „Katz“, schreibt die Times, „gehört zur New Yorker Kulturelite, spricht aber fließend die anti-elitäre Sprache des progressiven Populismus.“
Im Kern ging es im New Yorker Wahlkampf um das gleiche wie in Berlin: Die Mieten sind viel zu hoch. New York hat Mietpreisbindung, aber nur noch für etwa die Hälfte der Altbauten, der Teil des Bestands also, in denen die nicht so ganz erfolgreichen Drehbuchautoren, Schauspieler, Comedians oder Café-Bedienungen leben, die man aus Sitcoms oder Woody-Allen-Filmen kennt.
Rund eine Million Wohnungen sind es, von vier Millionen insgesamt. Die Durchschnittsmiete bei Neuvermietungen in Manhattan liegt nun bei 6.655 Dollar (im preisgebundenen Altbau sind es, im Schnitt, nur 1.500 Dollar pro Wohnung). Das zahlt derjenige, der nicht „rent stabilized“ lebt, oder in einer städtisch finanzierten Sozialwohnung oder der von seinen Eltern kein Häuschen geerbt hat.
De facto ist der preisgebundene New Yorker Altbau das letzte Refugium der alteingesessenen Weißen. Die Schwarzen und die Asiaten leben in Projects, Sozialwohnungssiedlungen, die Latinos in den Außenbezirken. Die Altbaubewohner Manhattans, das sind die Leute, die Mamdanis Basis bilden.
Bisher hat er sie nicht enttäuscht. Er hat die Mieten im Altbau eingefroren; Heizkosten sind in der Miete enthalten und dürfen nicht erhöht werden, bloß weil Trump die Straße von Hormus dichtgemacht hat. Strom ist billig. Auch sonst kümmert sich Mandami um die darbende Mittelschicht; mal streicht er eine städtische Gebühr oder macht Kindergärten kostenlos, mal verschenkte er Opernkarten, und mal stellt er sich vor die Columbia University (virtuell) und verhindert Deportationen.
Wie Woody Allens Zelig
Das bringt uns zu der Frage: Israel versus Gaza und die muslimische Welt. Seit dem 7. Oktober 2023 tobt in New York ein paralleler Bürgerkrieg mit Protesten und Demos, inzwischen abgekühlt, aber nie vergessen. Als die Protestwelle noch lief, funktionierte das folgendermaßen: Vor dem belagerten Ort, sagen wir, die Columbia University, reihten sich auf der einen Seite die konservativen Juden mit Israel-Fahnen auf, viele davon Chabad, oder Lubavitcher, oder doch wenigstens Russen.
Auf der anderen Seite die Satmar mit ihren schwarzen Hüten, der Palästinenserfahnen und den Protestschildern gegen Israel. Die Satmar glauben, dass Juden erst nach Israel kommen dürfen, wenn der Messiah da ist. Die Lubavitcher glauben, der sei bereits gekommen, in der Gestalt des berühmten Rebbe Menachem Mendel Schneerson (Trumps Schwiegersohn Jared Kushner ist ein Anhänger des Rebbes). Ein Bild des Rebbes klebt auf vielen Straßenschildern, damit wir nicht vergessen, wie er aussieht.
Zu den Satmar gesellten sich linke säkulare Juden, undefinierbare Weiße und der ein oder andere Araber. Dazwischen die New Yorker Polizei in größeren Formationen, die beide Gruppen erfolgreich davon abhält, einander an die Kehle zu gehen.
Katz letzte große Aufgabe war, das schlechte Image, das Mamdani bei konservativen Juden hat, wegzupolieren. Da konnte er schon mal üben, sobald Eralp noch mehr Flak bekommt. Der New Yorker Bürgermeister hat eine 6,4 Millionen Dollar teure „Kampagne gegen Antisemitismus“ ins Leben gerufen, für mehr Sicherheit für Synagogen, aber auch für Holocaust-Erziehung, und die zudem das Verständnis in New York für jüdische Kultur und Geschichte wecken soll. Er brachte zur Vorstellung so gut wie alle demokratischen Juden mit sich.
Katz verknüpfte auch den Bürgermeister mit Rabbinern, jüdischen Meinungsführern und jüdischen Immobilienhändlern und begleitete Mamdani zu dem Haus von Steven Spielberg am Central Park West, um ihn dem Filmemacher vorzustellen. „Der Talmud lehrt uns, dass jeder, der eine Seele rettet, die ganze Welt rettet“, sagte Mamdani (auf TikTok), bevor er zu einem Frühstück zu Ruth Messinger aufbrach, der linken, jüdischen früheren Präsidentin von Manhattan. An Yom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. Offenbar entwickelt er nachgerade-Zelig-ähnliche Fähigkeiten.
Und wenn es schief geht? „Dann habe ich eine Menge Material für Drehbücher“; sagte Katz zur New York Times. Ob sich diese linke Internationale eins zu eins auf die Bundeshauptstadt übertragen lässt; wahrscheinlich nicht. Aber ein Drehbuch springt garantiert dabei heraus. Vielleicht sogar eines von Woody Allen.
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@ „Ähnlich wie Mamdani hat Eralp ein Moslem- und ein Kommunismusproblem“
Frau Schweitzer hat ein Kapitalismusprobelm und will hier mal wieder die „bösen Kommunisten“ an den Pranger stellen.
Ab hier habe ich aufgehört zu lesen, ES REICHT!
„Auch Eralp kommt nicht aus der Arbeiterklasse; die studierte Juristin mit doppelter Staatsbürgerschaft – wie Mamdani, der in Uganda geboren wurde – ist die Tochter einer feministischen Publizistin und eines Arztes aus der Türkei, also eher gehobene Mittelklasse. Bestimmt nicht arm, aber privates Vermögen ist in der deutschen Politik ohnehin nicht so wichtig wie in Amerika. Noch nicht.“
Innerhalb dieses Systems kann es keine gute Politik geben. Jeder wird in Windeseile korrumpiert und soziale Ideen und Massnahmen werden sofort maximal boykottiert. Mich interressieren die Akteure mittlerweile überhaupt nicht mehr.
Und irgendwelche Spindoktoren gehen mir erst recht am Arsch vorbei.
Hier ist also der freitägliche Artikel von Frau Schweitzer. Da schaue ich doch mal auf meine To-Do Liste:
– Für das Ehrenamt bei der „Alternativen-Tafel am Tag der Deutschen Einheit“ noch etwas neo-linken Gossip der Marke „Altbacken“ besorgen.
Erledigt.