
Bislang sagten Waffenbefürworter in den USA, dass das Recht auf Tragen einer Waffe damit zu begründen sei, dass sich Bürger gegen einen tyrannischen Staat wehren sollten. Seit einigen Tagen gilt das offenbar nicht mehr.
Die Menschen des US-Bundesstaates Minnesota an der kanadischen Grenze gelten als „nice“, als nett. Wirklich nett, anders als die in Kalifornien. Ich war zum Parteitag der Republikaner in Minneapolis, die größte Stadt des Staates, und die Busse wurden alle umgeleitet, wegen der Sicherheit.
Ich stand an der Haltestelle, und der Busfahrer, der nicht in meine Richtung fuhr, erklärte mir, auf welchen Bus ich warten müsse und telefonierte dann kurz. Von einem richtigen Telefon, am Armaturenbrett angeschlossen, wie in einem Science-Fiction-Film aus den Fünfzigerjahren. Dann kam mein Bus, und als der sich dem Ziel näherte, sagte ich, „Hier muss ich aussteigen“. „Ich weiß“, sagte der Busfahrer. „Das hat mir die Kollegin schon am Telefon erklärt.“
In Minnesota sind Bürger bewaffnet
Minnesota, wo der Mississippi entspringt, ist der Norden des Wilden Westens. Es wurde von skandinavischen Wikingern besiedelt, Norwegern, Schweden, Dänen, dann Iren, Schotten, Tschechen, auch deutsche Unruhestifter, die nach der Revolution von 1948 flüchten mussten. Hier fangen die Great Prairies an, die Heimat der Sioux und Blackfoot. Zwei Drittel der sechs Millionen Einwohner leben im Großraum Minneapolis/Saint Paul. Eigentlich ist es hier wie in einer Art kanadischen Schweden.
Aber nicht immer. Es gab Aufstände mit Toten, zuletzt 2020, als George Floyd unter einem Polizeistiefel starb. Und jetzt liefern sich die netten Menschen von Minneapolis bürgerkriegsartige Schlachten mit dem ICE, der Ausländer-Greiftruppe, die versucht, illegale oder auch legale Somalis zu fangen und abzuschieben. Inzwischen gab es schon den zweiten Toten, Alex Pretti, der von zehn Schüssen niedergemäht wurde, weil er angeblich ein Gewehr auf die ICE-Agenten gerichtet haben soll. Die Hardliner um Kristie Noem und Stephen Miller nennen ihn einen „domestic terrorist“.
Tatsächlich hatte er ein Gewehr. Ein geladenes, legales Gewehr: er hatte es nicht auf die Agenten gerichtet. Eine geladene Waffe bei sich zu tragen ist in Minnesota legal, und noch nicht einmal ungewöhnlich. Hier darf man eine Waffe bei sich tragen, offen oder verborgen, sogar während Demonstrationen oder auch im Capitol, wo die Regierung sitzt. Minnesota gehört zum Mittelwesten, hier sind die Bürger bewaffnet.
Pretty, der als Krankenpfleger arbeitete, hatte allerdings ICE-Leute gefilmt, als sie versuchten, Gefangenen abzuführen. Das ist ebenfalls legal, aber das gefällt denen nicht. So wie Renee Good, die vorher erschossen wurde und aus ähnlichen Gründen, war er Amerikaner, und weiß.
Ums Weißsein geht es allerdings auch. In den Zeiten der Siedler war Minnesota fast weiß, von den Stämmen abgesehen – der letzte Krieg mit den Indianern war 1898. Heute gibt es nur noch 77 Prozent Weiße in Minnesota, denn die Skandinavier flüchten nicht mehr in rauen Mengen aus ihren kuscheligen sozialen Hängematten.
Der zweite Verfassungszusatz
Stattdessen kamen Latinos und Asiaten, vor allem Hmong aus dem Grenzland zwischen China und Vietnam, und Somalis. 100.000 Somalis leben im Großraum Minneapolis/St. Paul, die bekannteste davon Ilhan Omar, die für Minnesota im Repräsentantenhaus im Washington sitzt. Die hart-linke Demokratin, die zum „Squad“ um Alexandria Ocasio-Cortez gehört, will das ICE abschaffen und unterstützt BDS, die Boykottbewegung gegen Israel.
Ohnehin ein wandelndes rotes Tuch, wird sie auch für einen mittelgroßen Skandal mitverantwortlich gemacht, bei den es um staatliche Zahlungen für Kinderbetreuung in Minnesota geht. Dabei haben Somalis viele Milliarden Dollar in die eigene Tasche gewirtschaftet, wie die Republikaner sagen, oder, wie die Demokraten meinen, es ein paar unglückliche Einzelfälle gab, die intensivst untersucht werden. Geld in die eigene Tasche zu wirtschaften ist in Amerika üblich, aber man sollte sich an legale Gepflogenheiten halten und weiß sein.
Auch Tim Walz, der milde Gouverneur des Staates ist ein rotes Tuch für die Trumpster-MAGAs, die den Politiker, der Tampons in Schultoiletten für Jungen verteilen ließ, als „Tampon-Tim“ beschimpften. Jedenfalls, Minnesota war schon auf dem besten Wege, das neue Kalifornien zu werden, als das ICE anrückte.
Im Kern geht es beim semi-Bürgerkrieg in Amerika um die beiden zwei Fronten in der Immigrationspolitik: Die Demokraten, die sagen, wir wollen Immigranten, und wer da ein paar dabei sind, die den Staat abzocken oder eine Schlägerei veranstalten, das nehmen wir im Kauf. Die Republikaner sagen, wir wollen die alle abschieben und wenn ein paar legale, oder auch ein paar Amerikaner dabei sind, das ist uns egal, vor allem wenn das Latinos sind. Wo gehobelt wird, fallen Späne.
Aber zurück zu Alex Pretty und seiner geladenen, legalen Waffe. Es gibt unter amerikanischen Rechten eine Legende, die geht so: Wir brauchen Waffen und das Second Amendment, also das Recht, Waffen zu tragen, damit wir uns gegen eine übergriffige, tyrannische Regierung notfalls mit Gewalt zur Wehr setzen können. Das hätten die Gründerväter gewollt, deshalb haben sie das in die Verfassung geschrieben:
“A well regulated Militia, being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear Arms, shall not be infringed.”
Waffen mitbringen: Ausdrücklich erlaubt
Das bedeute, wenden die Liberalen ein, dass es „regulierte Milizen“ geben sollte, die dem Staat helfen, sich zu verteidigen, falls die Engländer wieder einmarschieren, oder die Franzosen, und nicht, dass Privatleute auf eigene Faust Recht schaffen.
Das aber denken die Konservativen und vor allem die MAGAs. Wirklich? Wollen die waffentragenden MAGAs wirklich, dass das Volk von Minnesota Waffen in der Hand hat, um eine tyrannische Bunderegierung zu beseitigen, eingeschlossen, sagen wir, eingebürgerte Somalier? Die Antwort ist natürlich: Nein, auf überhaupt keinen Fall.
Die Freiheitskämpfer stellen sich den Waffeneinsatz gegen den tyrannischen Staat ungefähr so vor, dass sie selber übergriffige Steuerbeamte bedrohen, die daraufhin vor Schreck dem Steuerbescheid fallen lassen, aber nicht, dass junge schwarze Männer Soldaten, Polizisten und ICE-Agenten erschießen. Offen sagt das natürlich keiner. Die Konservativen beharren stets auf ihrer Interpretation des Second Amendments. Aber nur, wenn sie nicht selber in der Schusslinie stehen.
So auch Donald Trump, der ein entschiedener Proponent des privaten Waffenbesitzes ist, Waffen aber in den Ladenpassagen des Trump Tower verbietet. Er fand, Pretti sei zu Recht erschossen worden. Kash Patel, der FBI-Direktor spricht mit ähnlich gespaltener Zunge. Perry hätte bei einer Protestveranstaltung keine Waffe tragen dürfen – was nicht stimmt, das erlaubt Minnesota ausdrücklich –, er selber aber verbietet es den demokratischen Staaten, Waffenkontrollen einzuführen.
Bei NRA-Veranstaltungen sind Waffen verboten
Und Gregor Bovino, der Kommandant der Grenzschützer vor Ort, sagte auf CNN. „Wir respektieren das Second Amendment, aber das gilt nicht, wenn du einen Aufstand veranstaltest und Gesetzesvertreter behinderst“. Ja, wo und wann denn sonst? Zuhause im Wohnzimmer? In einer Videosimulation?
Bovino bekam Flak von der konservativen Waffen-Lobby NRA, der National Rifle Association; das sei „gefährlich und falsch“. Als Ronald Reagan, damals Gouverneur von Kalifornien es den Black Panthers verbot, in Oakland mit Karabinern im Anschlag Polizisten zu beobachten, war die NRA noch auf seiner Seite.
Aber natürlich wollen auch die Waffenlobbyisten nicht selber in der Schusslinie stehen. Bei NRA-Veranstaltungen sind Waffen verboten. Wenn Trump spricht, dann ebenfalls. Influencer Charlie Kirk war ein großer Befürworter des Second Amendment, die konservative Version. Er wurde auf einem Universitätsgelände in Utah von einem Mann unklarer politischer Heimat erschossen. In Utah ist es legal, auf Schulgelände Waffen zu tragen. Aber erschossen werden sollen bitte nur Schüler.
Und natürlich will auch die NRA nicht, dass eingebürgerte Somalier im Verein mit aufständischen Sioux und Blackfoot das ICE mit Waffengewalt aus Minneapolis vertreiben. Es ist so ähnlich wie die deutschen Intellektuellen, die stets ihren Mitbürgern allzu gehorsames Obrigkeitsdenken vorwerfen. Wenn diese Leute aber mit Mistgabeln auf die Straße gehen, weil sie über neue, einschränkende Gesetze verärgert sind und den Bürgermeister vermöbeln, dann ist es auch wieder nicht recht.
Was nun in Amerika passiert, wissen wir nicht. Das Weiße Haus, erschrocken über den Backlash aus konservativer Ecke, hat Bovino abgezogen, aber sein Ersatz, Tom Homan, ist genauso ein Hardliner. Klar ist, es stehen uns noch ein paar Jahre voller Unruhe bevor. Minnesota ist nicht mehr nett.
Ähnliche Beiträge:
- Oh my fuckin‘ God
- ICE-Agenten ermorden schon wieder einen US-Bürger
- Trump hat seine eigene faschistische paramilitärische Truppe aufgebaut
- Von Menschen und Messern
- Zwischen Not und Notdurft





Der zweite Verfassungszusatz ist tatsächlich eine ultimativ demokratische Regelung. Mit ihm werden die Bürger ermächtigt, ja aufgefordert, wenn der Despot seine Büttel in eure Stadt schickt, diese mit Waffengewalt zu vertreiben.
Bist Du sicher, dass Du die Verfassung richtig verstanden hast, wenn Du meinst, dass der gewählte Präsident ein Depot ist und die Einwanderungspolizei seine Büttel? Sicher gibt es in Minnesota Idioten, die so denken, und deshalb noch gefährlicher leben, als die Polizisten!
Ich wette, du hast auch so einen schönen Mantel wie Bovino.
Dann zitieren wir Charlie Brown doch gleich mal, wo er schon im Artikel erwähnt wurde:
The 2nd amendment is not for hunting, it is not for self protection. It is there to ensure that free people can defend themselves if god forbid government became tyrannical and turned against its citizens.
Alex Pretti hat im Sinne der Rechten und der Verfassung also alles richtig gemacht.
Oder doch nicht? Verfassungsfeind Trump gestern: You can’t have guns. You just can’t.
🤡🤡🤡
Aber natürlich wollen auch die Waffenlobbyisten nicht selber in der Schusslinie stehen. Bei NRA-Veranstaltungen sind Waffen verboten. Wenn Trump spricht, dann ebenfalls.“
Jaja, das ganze Land unter Waffen setzen, aber selber bitte nicht davon bedroht werden.
Das ist typisch für diese Heuchler und Doppelmoralisten.
Die Waffenvernarrtheit geht von unten aus, nicht von oben. Ein Republikener, der sich für schärfere Waffengesetze einsetzen würde, würde schlicht nicht gewählt. Sie ist historisch bedingt, die Amis haben ein anderes Selbstverständnis, als wir.
In gewissem Sinne ist es Augenwischerei, der Staat ist im Normalfall der Stärkere und die allgemeine Bewaffnung führt nur dazu, dass er entsprechend hart agiert.
Ich habe mal mit einer Frau gesprochen, die in New York Verwandte besucht hatte. Nachts hörte sie Schüsse, aber die Tante sagte, sie müsse keine Angst haben, das sei nur die Polizei, die Verbrecher jage. Aus einem Bus, in den komische Typen mit automatischen Waffen einsteigen, würde ich sofort abhauen. Das Recht Waffen zu tragen, ist ein Recht, das sehr verantwortungsvoll in Anspruch genommen werden sollte, jedenfalls nicht um Polizisten zu bedrohen, etwa der Art, dass ich die Bullen jetzt filme, und für den Fall, dass sie Zicken machen, zeige ich ihnen meine MP.
So ist es.
Zum einen war es eine Pistole, zumindest nach veröffentlichten Fotos der ICE und kein Gewehr, wie die Autorin meint, zum anderen hat das Recht, eine Waffe zu tragen, rein nullkommanix damit zu tun, wie man von der Polizei gesehen und behandelt wird, wenn man eine bei einer Überprüfung trägt 😀
Man sollte also schon ein kleines bisschen Verstand und Logik bemühen, bevor man Artikel schreibt, auch wenn ich das Paradoxon der NRA-Lobby und dem Vorfall in Minneapolis durchaus auch sehe….
Zusatz: es war ja nicht so, dass der Herr Pretty einfach nur mal überprüft werden sollte und erschossen wurde, weil man eine Waffe bei ihm fand, sondern es war so, dass es bereits zu einer handfesten Rauferei gekommen war und wenn dann auch noch eine Waffe ins Spiel kommt, reagieren wohl sehr viele Beamte aus reinem Selbstschutz etwas „nervös“.
Also: warum kam es zur Rauferei? Und warum lässt man sich auf eine Rauferei mit der Polizei ein, wenn man eine schussbereite Waffe bei sich trägt? No risk no fun?
Dein Nickname ist nicht schwer zu knacken: Addier die vordere „3“ zu der „5“, dann die hintere – und du erhälst die Aussage, die du uns mitteilen willst.
Man muss annehmen, dass sie sich daran gewöhnt haben, dass Gesetze für sie nicht gelten. Rational zu rechtfertigen, ist das m.E. nicht. In meinen Augen bewegt sich das auf einen Bürgerkrieg zu, nicht mehr lange und die locken die ICEler in Hinterhalte und dann ist so richtig Schluß mit lustig.
1848