Links und linker

Photo by Mr. Kjetil Ree., CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Für viele hierzulande gilt der amtierende US-Präsident Biden als linke Alternative zu jenem, der vorher das Amt innehatte. Das ist ein Irrtum von Grund auf, denn eine Linke gibt es in Amerika nicht.

Was macht eigentlich die amerikanische Linke den ganzen Tag? Sollte die jetzt nicht in vollbeschäftigter Panik sein? Das oberste Gericht der USA hat gerade Frauen zu Gebärmaschinen deklariert, Amerika verwickelt sich unaufhaltsam in einen Krieg, mit dem es nichts zu tun haben will, jede Woche gibt es eine neue Massenschießerei, das Hearing in Washington zu dem Aufstand vom 6. Januar läuft brav weiter, interessiert aber nur eh Überzeugte, die Benzinpreise steigen, die Immobilienpreise und die Inflation ebenfalls – und 64 Prozent der demokratischen Wähler wollen, dass Biden 2024 nicht noch einmal antritt. Drei Viertel der Amerikaner sind pessimistisch, was die Zukunft angeht.

Markus Söder, Linker in Übersee

Was also macht die Linke? Dazu sollte man wissen; die politischen Koordinaten in Amerika funktionieren anders als in Europa. Alles ist nach rechts gerückt; was in Amerika die Republikaner sind, wäre in Europa die Lega Nord oder die Front National. Ein amerikanischer Demokrat könnte immer noch gut links von der CSU sein. Wenn ein Amerikaner »Das ist ein Liberaler« sagt, damit ist nicht ein Christian-Lindner-Verschnitt gemeint, sondern ein Linker, aber ein amerikanischer Linker, also Markus Söder.

Eigentlich hat Amerika gar keine richtige Linke. Es gab vor dem Ersten Weltkrieg eine sozialistische, gewerkschaftsnahe Bewegung, die zum Gutteil aus deutschen und deutsch-jüdischen Immigranten bestand. Nach Kriegseintritt der USA wurde die verboten, die Verfechter landeten im Internierungslager. Davon hat sich die Linke nie richtig erholt.

Zwar gab es während des Zweiten Weltkriegs noch einmal ähnliche Anwandlungen. Denen sind die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des New Deal zu verdanken, und die Einführung einer Rentenversicherung, allerdings auch die Bündnistreue zu Stalin. Aber schon 1946 gab es einen gesellschaftlichen Rollback. Lyndon B. Johnson schaffte es noch, Medicare einzuführen, eine Krankenversicherung für Rentner, gefolgt von Medicaid für Arme. Das brachte die USA auf das Niveau, das die meisten westeuropäischen Länder schon Jahrzehnte zuvor erreicht hatten, und das war‘s.

Schwarze Linke

Politische Auseinandersetzungen gibt es natürlich immer noch, sogar recht heftige. Dabei ging (und geht) es aber vornehmlich um die rechtliche und wirtschaftliche Gleichstellung der Afro-Amerikaner. Das war in den USA nach der jahrhundertelangen Geschichte von Sklaverei und Rassentrennung auch notwendig, hat aber trotzdem dazu geführt, dass es hier nun statt Klassenkämpfen ethnisch geprägte Verteilkämpfe um die Fleischtöpfe gibt. »Es gibt noch eine Linke in Amerika, das sind die Afro-Amerikaner, aber das sieht kaum jemand«, hat mir der kalifornische Autor Mike Davis mal vor einigen Jahren erklärt. Das stimmt, aber das ist eine Linke, die nur für ihre Partikulär-Interessen eintritt.

Eine europäisch geprägte Linke gibt es in den USA nur in Spurenelementen; keine ernstzunehmenden Grünen, keine Alternativbewegung, keine linken Sozialdemokraten. Stattdessen gibt es Indentity Politics, sortiert nach Ethnie und gefühltem Geschlecht, und parallel dazu winzige Überreste von Altstalinisten, die vor einem Krieg gegen Putin warnen, weil Antikommunismus schädlich sei.

Die Demokraten in Kongress wollen ihre Kontakte zum Big Business nicht gefährden und zudem für Wechselwähler attraktiv sein — Biden hat nicht nur das Abtreibungsurteil mit Achselzucken hingenommen, sondern auch der Wende des Supreme Court ins Opus-Dei-Faschistische nichts entgegengesetzt. Auch Nancy Pelosi, die demokratische Mehrheitsführerin im Repräsentantenhaus, die noch älter ist als Biden, ist Harmonie mit den republikanischen Kollegen das Wichtigste.

Die Memifizierung des Diskurses

Und was macht die Identitäts-Linke? Die ist vollständig durchgeknallt. Die Republikaner setzen es gerade durch, Abtreibung landesweit zu verbieten, dafür aber jedem 18-jährigen den Zugang zu einer vollautomatischen Schusswaffe zu gewähren. Die Demokraten machen Hinterzimmer-Deals, für die sie selbst Anti-Abtreibungsrichter nominieren und spielen sonst »toter Mann«. Hingegen kämpft die Identitäts-Linke dafür, dass schwangere Männer abtreiben dürfen. Prioritäten, Prioritäten… Die Identitäts-Linke hält das Urteil des Supreme Court auch für ein klassisches Machtmanöver des weißen WASP-Patriarchats — dass es sich bei den Abtreibungsgegnern um fünf Katholiken, einer davon schwarz und eine weiblich handelt, schafft es nicht über die Wahrnehmungsgrenze.

Dazu passt eine Tendenz, die ich bei meinen linken amerikanischen Freunden seit einiger Zeit beobachte: Die Memifizierung des Diskurses. Dabei geht es darum, es den blöden rechten Socken so richtig zu zeigen, mit über-schlauen Twitter-Logiken, Facebook-Memes und Schlagwortsprüchen, in denen dezidiert nachgewiesen wird, dass die Republikaner unlogisch, inkonsequent und nicht einmal so richtig christlich sind.

Da kursieren Memes, auf denen bewiesen wird, dass Abtreibungsgegner keine Kinder adoptieren (ach, wirklich?). Oder dass Konservative kein Problem damit haben, dass Christen in der Öffentlichkeit beten, wenn aber Moslems das täten … Oder, dass der Benzinpreis steigt, sicher, aber Kaffee ist noch teurer … was soll das bezwecken?

Elliot Page, Jar Jar Binks und Kurt Tucholsky

Der neueste Hit — und an wen der sich richtet, keine Ahnung— präsentiert den Star-Wars-Schurken Darth Vader, mit der Mahnung, »Ihr habt alle aufgehört, Darth Vader als Anakin (der Geburtsname des finsteren Lords) gedeadnamed [Anm.: Als »Deadname« gilt der Name einer Trans-Person vor ihrer Transition], warum könnt ihr nicht das gleiche für Elliot Page tun?« Page ist eine Schauspielerin, die sich nun als Mann identifziert.

Also, für Anfänger, »Darth« ist ein Titel, kein Vorname – und nicht nur wird der Herr über die Dunkle Seite der Macht ganz oft gedeadnamed; eine dieser unsäglichen Star-Wars-Fortsetzungen endet damit, dass sich Vader nach im Tod mittels CGI in Anakin zurückverwandelt. Und wirklich, Vader? Das soll eine Sympathiebekundung für Elliot Page sein? Was kommt als nächstes, »Ihr alle habt es akzeptiert, dass Jar Jar Binks Senator wurde, warum tut ihr nicht das gleiche für Joe Biden?«

Jedenfalls, den erzkonservativen Christen, die dem Supreme Court applaudieren, tropft sowas ähnlich am Hintern vorbei wie der Enterprise ein Angriff der Klonkrieger. Damit beweisen Linke nur einander, wie schlau sie sind. Es dient der Verstärkung der Blase, nicht der Überzeugung anderer. Es gibt ein Bonmot von Kurt Tucholsky: »Gewisse Frankfurter Juden führen täglich ihre Klugheit spazieren. Die bellt munter umher, und an jedem Baum macht sie ein bisschen Pipi.« Es ist schade, dass Tucholsky nie Amerika kennengelernt hat, da käme er aus den Bonmots nicht mehr heraus.

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5 Kommentare

  1. Amerika ist sehr destruktiv…
    Dort gibt es keine Gemeinsamkeiten und daher geht dort alles über Lobbys.
    Hier sehe ich den gleichen Trend, aber immerhin gibt es noch die Idee das eine Gesellschaft auch versuchen kann miteinander statt gegeneinander zu funktionieren.

  2. Ich habe keine Probleme mit den USA. Ich sehe den wachsenden Verkauf von Schusswaffen an jeden Idioten, als Chance, dass die Amis mit diesen Waffen das US Problem, das die Welt hat, unter sich lösen.

    „Unser“ Problem sind aaber auch nicht die Amerikaner und ihr perverses politischey System, mit einer rechtsradikalen Partei die halt zwei Flügel hat. UNSER Problem ist, dass das deutsche Volk, das mittlerweile anscheinend dem amerikanischen Volk, was Verblödung angeht, nicht mehr viel nachsteht, selber keine Linke hat! Unser Volk hat eine Regierung gewählt, die so ganz nebenbei den Krieg wieder hoffähig gemacht hat, und die die Interessen Amerikas vertritt, und den Deutschen, trotz anderslautenden Eides, katastrophale Problem bereitet.
    Natürlich kann man sagen, dass ein Volk, das solche Leute wählt schon verdient hat was es jetzt bekommt.

    Oder, wie es ein Mitglied der Schwefelpartei formuliert hat:
    „Nur noch viereinhalb Monate, dann glotzen wir in Quarantäne in unseren 11 Grad kalten Wohnungen, wie in Katar die WM Stadien von 45 auf 20 Grad herunter gekühlt werden.“
    Wo die Recht haben, haben sie Recht.

    Eoin kleiner Tip and die Autorin: „Das oberste Gericht der USA hat gerade Frauen zu Gebärmaschinen deklariert.“
    Solch lächerlich dumme und falsche Aussagen, diskreditieren so einen Artikel. Sie geben den Falschen Munition.
    Die Richter haben lediglich festgestellt, dass die Verfassung der USA den in Washington regierenden Politikern nicht das Recht gibt, über Abtreibungen landesweit geltende Gesetze zu verabschieden.
    Frauen haben nach wie die Möglichkeit abzutreiben. Es gibt genügend Staaten in denen das nicht nur möglich bleibt, sondern sogar noch finanziell unterstützt wird.
    Wie wärs statt so einem Artikel, mal mit einem Artikel zum Helden Obama? DER hat dieses Problem nämlich verursacht!
    Er hätte die hoch geschätzte Ruth Bader Ginsburg, mit ihren fast 100 Jahren, überreden können, vor dem Ende seiner Amtszeit zurück zu treten. Dann hätte Obama sie noch durch eine „linke“ Richterin ersetzen können! So aber starb sie unter Trump und der konnte seine eigenen Richter ernennen….

  3. Als ich den Bericht gelesen habe, dachte ich „Gott-sei-Dank“, dass ich nicht in den USA geboren bin. Und ich dachte „Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß“. Wenn ich in den USA geboren wäre, wusste ich nicht wie dumm ich bin.

  4. Was für ein merkwürdig informationsloser und klischeebeladener Artikel ist das? Dass in USA „die Demokraten“,sprich die demokratische Partei, größtenteils keine Linke sind, ist seit Jahrzehnten ein alter Hut. Aber deshalb gibt es „keine Linke in den USA, nicht mal linke Sozialdemokraten „? Was ist mit Bernie Sanders, der zum Nummer2-Präsidentschaftskandidat wurde und enorm erfolgreiche Graswurzelkampagnen organisiert hat, von denen europäische Linke träumen, was ist mit Alexandria -Orcasio-Cortez, was ist mit den demokratischen Sozialisten Amerikas? Und inwiefern ist ein sehr länglich erklärtes Darth-Vader-Elliot-Page-meme ein Beweis dafür, dass sich „die amerikanische Linke“ „nur in Blasen bewegt“? Und warum taucht in dem Zusammenhang ein Tucholsky-Zitat über Frankfurter Juden auf außer weil die Autorin eben grad ein Buch über Tucholsky schreibt?

  5. PS.Hier zum Vergleich ein Interview aus Jakobin, eine Woche vor Eurem Artikel, das genau zur entgegengesetzten Einschätzung kommt und im Unterschied zu Eurem Text auch einige Fakten enthält.Zum Beispiel das Faktum, dass die Sozialistische Partei Amerikas von 2016 bis 2022 von 6000 auf 100000 Mitglieder angewachsen ist . https://jacobin.de/artikel/dsa-ist-die-grosste-sozialistische-organisation-der-usa-seit-einem-halben-jahrhundert-meagan-day-bernie-sanders-democratic-socialists-of-america/

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