Kaninchen vor der Schlange

Harvard Business School von oben bei Sonnenuntergang.
Marco Carrasco, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Harvard ist die Kaderschmiede der Vereinigten Staaten. Joe Biden möchte Studenten nun von Schulden befreien. Zum Unmut vieler, sie wollen keine Professorenkinder mit Abschluss in Gender Studies unterstützen.

Amerika hat diese legendären Eliteuniversitäten, wo alle Studenten hinmöchten. Als ich das erste Mal meinen zarten Fuß in die heiligen Hallen von Harvard setzte — allerdings nur, um Material über ein Broadwaymusical von Kurt Tucholsky zu finden, leider wurde ich noch nicht zum Professor berufen — merkte ich; die ganze Universität atmete eine Atmosphäre von Hogwarts und alten Geld. Sehr alten Geld, und sehr viel Geld.

Ja, die Bibliotheken haben rund um die Uhr auf und beschaffen einem jedes, wirklich jedes Buch. Hier gibt es einmalige handschriftliche Sammlungen. Harvard kann es sich leisten, zwei Angestellte abzustellen, die der durchaus Harvard-fernen Besucherin aus New York City die Baumwollhandschuhe an den Tisch bringen (bloß nichts Historisches mit nackten Pfoten anfassen!) und die Unterlagen kostenfrei vorsortieren. Die Professoren sind weltberühmt und haben trotzdem immer Zeit für die Sorgen der Studenten. Nobelpreisträger, US-Präsidenten und Hollywoodstars halten hier Reden.

Kaderschmiede Harvard

Die Kontakte, die man in Harvard knüpft, bringen einen in den Aufsichtsrat von JP Morgan Chase oder ins Weiße Haus. Oder auch als Professor nach Harvard. Aber ein Jahr Harvard kostet schlappe 50.000 Dollar, allein an Studiengebühren. Und Wohnen und Essen muss man ja auch noch. Und das gilt nicht bloß für Harvard; auch für Yale, die Columbia, Berkeley — anders als Harvard eine staatliche Universität —; und selbst recht unberühmte Unis wie Rutgers kosten ein paar zehntausend Dollar im Jahr.

Deswegen verschulden sich viele amerikanische Studenten bis zur Halskrause; großes Problem, insbesondere wenn man hinterher dann doch nicht Vorstandsvorsitzender bei Merrill Lynch wird. Und die Schulden werden bei manchen Ex-Studenten sogar jedes Jahr ein bisschen mehr, wenn die Zinsen nicht bedient werden können.

Studiengebühren wird es weiterhin geben; die sind, wie böse Zungen sagen, ein Instrument, um sicherzustellen, dass die dummen Kinder reicher Eltern nach Harvard dürfen. Man kann zwar in Amerika Schulden einfacher loswerden als in Deutschland, aber dann klebt an einem ewig ein schlechtes Credit Rating und man kriegt keine Kreditkarte und, wenn man Pech hat, nicht mal einen Handyvertrag.

Das Problem gibt es seit Ronald Reagan, und — vielleicht ist das Zufall — seit sich Eliteuniversitäten dazu bequemen, schwarze Studenten aufzunehmen. Harvard ist übrigens auch in Diversity führend, hier gibt es inzwischen sogar den ersten Professor, der Indianer ist (oder zumindest Halbindianer), vom Stamm der Dakota. Das aber nur als Beitrag zur Winnetou-Debatte, die an Amerika weitgehend vorbeigelaufen ist.

Sleepy Joe: Fast so unbeliebt wie Trump

Das bringt uns zu Joe Biden, dem letzten Mohikaner. Der US-Präsident hat angekündigt, dass er allen Studenten unterhalb der Einkommensgrenze von 125.000 Dollar mindestens zehntausend Dollar der Schulden erlassen wird; Ärmeren das Doppelte. Seitdem, klar, freuen sich alle Studenten, die Schulden haben. Andere aber ärgern sich: Warum sollte ein Schlosser in Ohio für ein Professorenkind zahlen, das mit einem Abschluss in Gender Studies keinen richtigen Job gefunden hat? Was ist mit Immobilienkrediten, können die als Student Loans selbst-identifizieren? Autokredite? Kreditkartenschulden? Was ist mit Studenten, die bisher brav bezahlt haben, ist das nicht ungerecht?

Nach Schätzungen könnte die Loan Forgiveness den Steuerzahler 300 Milliarden Dollar kosten. Derzeit haben die USA sowieso Rekordstaatsschulden, weil zu Corona-Beginn das Geld mit Hubschraubern über den Prärien abgeworfen wurde, außer dort, wo die Dakota wohnen. Auch über den Dächern der Wall Street warf man ab. Die Militärhilfe für die Ukraine — auch nicht wirklich beliebt, aber immer noch besser, als wenn unsere Soldaten da kämpfen müssten — kommt verglichen damit aus der Portokasse. Die eigentliche Frage ist aber: Nützt das Schuldenvergeben den Demokraten bei den im November anstehenden Nachwahlen zum Kongress, den so genannten Midterms, oder schadet ihnen das eher?

Die Beliebtheit von Joe Biden ist fast auf einem historischen Allzeittief, und so starrt er auf die Wahlumfragen wie das Kaninchen vor der Schlange. Nur 38 Prozent der Amerikaner finden den Präsidenten noch gut. Das sind zwei Prozent mehr als der tatsächliche Tiefstand von diesem Frühjahr, als Sleepy Joe bei 36 Prozent tankte und ein winziges bisschen besser dastand als Trump damals. Neulich war Biden bei 41 Prozent, aber auch das ist für einen amtierenden Präsidenten nicht gerade spektakulär. Nun steht Biden natürlich nicht selber zur Wahl, aber für die Demokraten ist das schon ein Menetekel.

Zwei Amerikas

Ganz ähnlich wie die Studentenkredite gilt auch die FBI-Razzia vor ein paar Wochen in Mar-a-Lago bei Donald Trump als Politikmetronom. Nutzt die Razzia den Demokraten, weil damit Orange Vader als Geheimdokumente-hortender Gesetzesbrecher vorgeführt wurde, oder schadet es, weil Trump zum Märtyrer einer aus dem Ruder gelaufenen Staatsmacht geworden ist, wie seine Anhänger glauben? Veranstalten Letztere vielleicht gar einen bewaffneten Aufstand, wenn Trump in Handschellen abgeführt wird?

Und, natürlich, das Urteil des Obersten Gerichtshofs zur Abtreibung, wird das Millionen von Frauen mobilisieren, zur Wahlurne zu gehen und demokratisch zu wählen oder wird es Joe Bidens Partei mal wieder versemmeln, irgendwie? Die Antwort hängt davon ab, in welcher Medienblase man lebt. In der einen Bubble sieht man einen erfahrenen Entscheider, der Wohltaten unter das Volk bringt, in der anderen einen stotternden Greis. Es ist, als gäbe es zwei Amerikas. Vorerst sehe ich keinen ernsthaften Aufstand kommen, aber was weiß ich schon, ich habe nicht einmal einen Abschluss von Harvard.

Keinen Ärger in Osteuropa veranstalten

Wo wir gerade von zerfallenden, zerstrittenen Empires sprechen, in dieser Woche ist Michail Gorbatschow gestorben, mit 91 Jahren, der große Parteivorsitzende und Staatschef, der den Eisernen Vorhang niedergerissen hat. Betrauert wurde er in den USA mehr als in Russland; die New York Times erinnert an den »dynamischen, jungen und charismatischen Führer« und die »Gorby! Gorby!«-Rufe in Bonn.

Damals, als die Berliner Mauer tatsächlich fiel, war die Times nicht ganz so begeistert: Joseph Nie warnte im November 1989 davor, dass nun Nationalisten in den Baltischen Republiken drohen würden, sich von der Sowjetunion abzuspalten und dass Ostdeutschland womöglich sogar den Warschauer Pakt verlassen werde. In diesen gefährlichen Zeiten müsse US-Präsident George Bush den Russen versichern, dass Amerika keinen Ärger in Osteuropa veranstalten werde. Joseph Nie, der inzwischen verstorben ist, war Geschichtsprofessor in, natürlich, Harvard.

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12 Kommentare

  1. Die USA – das Land der unbergrenzten Möglichkeiten – aber nur für Reiche – richtig sehr reiche…

    Das geht bei der Bildung los….
    Die richtigen Posten bekommt man mit Beziehungen…
    Als Präsidentschaftkandidat braucht man schon mal über 1 Milliarde US-Dollar

    So bekommen die richtigen Leute die Bildung, die Jobs und die Führungsposition…
    Die Art der Wahlen und die Gesetzgebung verhindern, dass sich das ändern könnte.

    Ich sehe nichts, rein gar nichts was es an der USA als politisches Konstrukt bewundernswertes zu bestaunen gibt.

    Außerdem verursacht die USA die meisten extoritorialen Toten durch Krieg und Drohnenmord seit dem 2.WK.
    Alle Präsidenten der letzten 30 Jahre kann man wegen Kriegs- und Völkerrechtsverbrechen anklagen.

    Nächstes Thema – der Tod von Michail Gorbatschow.
    Sicherlich ein Verlust für die Familie und jeder Tod ist ein trauriges Ereignis.

    Seine Verdienst sind die eingeleiteten Veränderungen.

    Leider tritt dabei auch sein Versagen zum Vorschein. Er hat diese Veränderungen nicht abgesichert. Abgesichert nach innen, dass keine solch schlimmen kriminellen Machenschaften die Tagesordnung bestimmten, wie in Russland der 1990er Jahre. Durch ihnhaben ganz viel Russen und Exsowjetbürger ganz viel Leid durch die folgenden Ereignisse erlitten.

    Aber auch sein außenpolitisches Versagen muss angesprochen werden. Es hätte, mit der Widervereinigung der Austritt der BRD aus der NATO stattfinden müssen und Deutschland hätte als ein neutraler Staat ohne fremdes Militär auf dem Gebiet und mit einer kleinen rein defensiven eigenen Armee danach existieren müssen. Die Staaten des ehemaligen Warc´schauer Paktes und die sezierten Staaten der UdSSR gilt ähnliches. Es hätte ein gemeinsamer Wirtschaftsraum als Win-Win-Situation für alle geschaffen werden sollen.

    Michail Gorbatschow war da sehr „blauäugig“ und mit der heutigen Situation stehen wir vor den Trümmern seiner Politik. Die war sicherlich gut gemeint, aber schlecht gemacht.
    Ich habe 30 Jahre gebraucht, die Russen zu verstehen, die genau das denken.

  2. In der BRD herrscht immer noch der Irrglaube, diese Unis würden sich finanzieren aus der „tuition“.
    Das stimmt natürlich so nicht. Viel wichtiger sind die Zuwendungen der oben genannten Milliardäre, die Alumni sind (früher nannte man das Absolventen), die sich so polit. Einfluss via Campus erkaufen.
    Sowie die Forschungseinrichtungen der Regierung, also im Grunde das Militär, durch Subventionen, die ihnen den Zugriff auf die Studenten und ihre Erfindungen gestatten.
    Bei uns hat das auch schon angefangen. Mal gucken wie weit sich das in 20 Jahren ausbreitet.

    ggf.:
    4 links zum „debt“-Thema
    3 x Jacobin
    1 x DemocracyNow

    Student Debt Relief Was Never Supposed to Happen – Student debt forgiveness is about to become official US policy by a stroke of Joe Biden’s pen. It’s a good time to remember that, just a few years ago, the idea was denounced as hopelessly utopian, a left-wing pipe dream — and that was the liberals talking.
    https://jacobin.com/2022/08/student-debt-cancellation-overton-window-biden

    Student Debt Relief Is Undermining the Military’s Predatory Recruiting Practices – The US military has a long history of recruiting poor people by offering benefits like free college. With Joe Biden’s partial student debt forgiveness, GOP war hawks are fretting that the military won’t be able to prey on desperate young Americans anymore.
    https://jacobin.com/2022/08/student-debt-relief-us-military-predatory-recruitment

    The Right’s Unhinged Whining About Canceling Student Debt Shows Why It’s a Great Idea – Since Joe Biden announced the cancellation of $10,000 of student debt per borrower, right-wingers have been frothing at the mouth with outrage. The Right’s desperate response shows exactly why student debt cancellation makes for good politics.
    https://jacobin.com/2022/08/student-debt-cancellation-loans-tucker-carlson-biden

    “Freedom Dreams”: How Student Debt Crushes Black Women & Why Debt Relief Would Benefit Everyone
    https://www.democracynow.org/2022/8/25/freedom_dreams_documentary_debt_crushes_black

    1. Man braucht nicht über den großen Teich zu schauen. Äuch in DE habe ich Studenten kennengelernt, die ihr Studium nur Dank einer Dienstverpflichtung mit Stipendium von der Bundeswehr finanzieren konnten.
      Als dann die Afghanistan-Einsätze losgingen, war ziemliches Heulen und Zähneklappern. Keine Chance sich freizukaufen.

      1. Als Vater von vier Kindern weiß ich, dass nicht eins meiner Kinder so ein Studium begonnen hätte.

        Alles eine Frage der Erziehung.

        Die NATO wußte schon, warum die Wehrpflicht abgeschafft und eine Freiwilligen-Armee, in der Masse rekrutriert aus Schichten mit sozial kritischer Herkunft, aufgebaut wurde.

        Solche Mütter, wie meine Frau wären der Albtraum jeden deutschen Offiziers.

  3. In Deutschland kann man eine politische Karriere auch ganz ohne alles schaffen – das Beispiel Ricarda Lang macht das klar.
    8 Jahre Rechtswissenschaften studieren und ohne Abschluss einfach abbrechen.
    Bei den GRÜNEN Mitglied sein.
    Weiblich, übergewichtig, genderaffin und, in diesem Falle, lesbisch

    Mehr braucht es nicht, wenn man nur willig ist, getreu das nach zu brabbeln, was der Parteiproporz vorgibt.
    Und die Richtung des Proporzes wird in den Hinterzimmern der Großkonzerne und Banken erbrütet.

    1. Stimmt, an Ricarda Lang kristallisiert sich das sehr schön.
      Andererseits, die Frage nach Kompetenz stellt sich ja bei Großteilen das Bundeskabinetts.
      Dito in den Parteigremien. Könnte alles hart und kritisch hinterfragt werden.
      Das geschieht aber nicht. Danke ÖRR, Danke MSM.

      Ein Totalversagen der politisch – medialen Klasse.

    2. Baerbock ist ja auch nicht besser: Politikstudium nach Vordiplom abgebrochen, dann erfolglos promoviert, Stipendium aus Steuermitteln kassiert, worauf sie als Parteihauptamtliche keinen Anspruch hatte. Dann hat sie an der LSE in London ein einjähriges Schnellstudium zum „Master LSE International Relations“ absolviert. Eigentlich muss man dafür einen Studienabschluss haben, aber da wurde das Vordiplom „anerkannt“.

      Der „LSE Master“ ist eigentlich legalisierter Titelkauf und wendet sich an Berufstätige mit nur Bachelor, die zum Fortkommen gern einen besseren Titel hätten, und dafür ein einjähriges Schnellstudium machen. Er kostet £34.584 Studiengebühren. Lebenshaltungskosten für Studenten in London fangen bei £810/Monat an, bei sehr einfacher Unterkunft. Fragt sich, wer die £40-50.000 bezahlt hat. Könnte das „Young Global Leaders“-Programm des WEF gewesen sein.

      1. Hallo aquadraht,
        danke für die Hintergrundinfo.
        Damit wird einem die Tante noch unsympathischer. Und das will was heißen.
        Ihr Statement „Wir wollen Russland ruinieren“ ist ja im Grunde Volksverhetzung, offener Rassismus.
        Wenn ein AfDler sagen täte: „Wir wollen den Islam/die Flüchtlinge ruinieren“, könnte er jedem Antifaschisten gegenüber einfach auf Baerbock verweisen.
        In sofern sind die Grünen auch aus antifaschistischer Sicht Vollversager.

  4. Danke, sehr gut beschrieben. Offen gestanden, weiss ich auch nicht, trotz naher Verwandter in den USA (sowohl in coastal als auch in flyover states), wohin das treibt. Das mit dem nahen Bürgerkrieg ist aber bestimmt dramatisiert. Die Leute müssten erstmal ihr Übergewicht aus dem Sofa in den SUV wuchten, und die Munition für 6 verschiedene Jagdflinten nicht vergessen ;).

  5. Die Zeitlinie von Harvard
    https://www.harvard.edu/
    Ein paar Ausschnitte
    Drafted by Henry Dunster, the Charter of 1650 called for the Harvard Corporation to consist of seven individuals: the President, five Fellows, and a Treasurer. The Charter named the Corporation as the “President and Fellowes of Harvard College” and transferred to them, in “perpetual succession,” the duties of managing the College
    The first changes to the Corporation’s structure since 1650 were implemented in 2010. These include an expansion of the number of Fellows, the establishment of terms of service for Fellows, and the creation of standing committees.
    1653: John Sassamon, a Massachusett Indian, became the first known Native American to study at Harvard (probably for a term or so). A disciple of Indian Bible translator John Eliot, Sassamon later became a scribe and interpreter to Wampanoag Chief Metacom (a.k.a. Metacomet, Pometacom, King Philip). In 1675, Sassamon was murdered as an English informant, touching off King Philip’s War, New England’s most devastating conflict between Natives and newcomers.
    John Adams, future U.S. president, graduates. Before 1773, the graduates of Harvard were arranged in a hierarchy not of merit but “according to the dignity of birth, or to the rank of [their] parents.” By this rather undemocratic standard, Adams graduated 14th in a class of 24.
    1781: Oldest continuous chapter of Phi Beta Kappa formed at Harvard.

    Harvard Cooperation hat zig Präsidenten hervorgebracht!

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