Fürsorglicher Imperialismus

Symbolbild: Amerikaner
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Amerikaner und europäische Geschichte.

Es ist immer interessant, die eigene Kultur durch eine fremde Brille zu sehen; in diesen Wochen bedeutet das, die europäische Kultur durch die amerikanische Brille. Noch läuft der World Cup, auch wenn Deutschland nur geringfügig erfolgreicher ist als Italien, und zehntausende von europäischen Fans sind dazu in die USA gereist.

Das hat eine Reihe von kulturellen Zusammenstößen ausgelöst; zum Beispiel lernen Deutsche, dass man in Amerika 20 Prozent Trinkgeld geben muss, sonst ist man geizig. Und man gibt das Trinkgeld in bar, sonst kassiert Uncle Sam ein Drittel.

Amerikaner hingegen lernen, dass die europäischen Fußballmannschaften, vor allem England und Frankreich, unglaublich viele afrikanische und arabische Spieler in ihren Rängen haben. Das überrascht viele, denn in den amerikanischen Filmen über Paris gibt es nur weiße Franzosen mit Barett oder Bonett, einer Baguette unter dem Arm und einem bezaubernden französischen Akzent in ihrem Englisch.

Zwei Kühlschränke? Zwei Kühlschränke!

Mögen tun die Amerikaner das nicht; die Fans meckern, dass gar keine richtigen Europäer mehr spielen. Aber was ist Europa? Wenn Amerikaner „Europa“ sagen, meinen sie meistens Deutschland und Frankreich. Manchmal auch England, seltener Italien, Spanien oder Skandinavien, eigentlich nie Litauen oder Albanien.

Viele von den Fans, die kommen, sind Engländer oder Schotten, wahrscheinlich auch Deutsche, so genau erfahren wir das nicht von den amerikanischen Zeitungen, und einige davon, ich glaube, Holländer, hatten sich in einer Suburb von Kansas City einquartiert. Warum? Na, wer will schon in Kansas City wohnen.

Und dort, berichtete das Wall Street Journal, staunten sie über den Reichtum der Amerikaner.  Diese Suburb-Bewohner haben Garagen für zwei Autos, zwei Kühlschränke, und große Wandschränke! Und natürlich Fernseher!

Wahnsinn! Also, ich will nicht angeben, aber meine Eltern hatten, als ich in der Grundschule war, bereits eine Garage für zwei Autos, plus tatsächlich zwei Autos, sowie zwei Kühlschränke, von denen einer in der Speisekammer stand, sowie einen Keller für Äpfel und Kartoffeln. Und einen Fernseher; damals natürlich ein Röhrengerät, wo am Dienstagabend „UFO“ lief, eine Serie über eine britische Organisation namens „S.H.A.D.O.“ die Außerirdische bekämpften.

Ich habe den Verdacht, dass die Holländer, oder vielleicht auch Schotten, oder Deutsche vor allen deshalb staunen, weil sie geglaubt hatten, dass Amerikaner in städtischen Slums leben, wo waffenfuchtelnde Gangster Touristen berauben, während hispanische und italienische Banden um Reviere kämpfen und Agent Mulder Außerirdische sucht. Und tatsächlich sagen auch viele direkt in die Kamera: „Also wir haben uns Amerika von den Medienberichten her ganz anders vorgestellt.“ Jedenfalls, weit gefehlt, in diesen Suburbs wohnen ordentliche, fußballguckende Weiße.

Arme Europäer

Großzügig geschnitten sind diese Suburbs allerdings schon, man braucht alle beiden Autos, um dorthin zu kommen, und das ist auch Absicht; wer will schon autolose busfahrende arme Schlucker als Nachbarn haben? Nicht zu vergessen die riesigen Wal-Marts, Fußballstadien – zu denen man auch nicht zu Fuß hinkommt – und die riesigen Portionen von Pommes und Hot Dogs auf den State Fairs und die übergroßen, eisvollen, nachfüllbaren Coca-Cola-Becher, weshalb man auch 20 Prozent Trinkgeld geben muss, weil das Personal schwer zu schleppen hat.

Apropos arme Schlucker; Amerikaner haben auch gelernt, dass Europäer – Europäer von Frankreich bis Deutschland – keine Klimaanlagen haben, weil wir arm sind. Das mit den Klimaanlagen liegt Amerikanern sehr am Herzen; seit Wochen werde ich beschallert, von Zeitungen, von Bill Maher auf Real Time, auf Facebook, dass Europa unbedingt mehr Klimaanlagen braucht, und dass es eine Schande ist, dass die in Deutschland verboten sind, und außerdem sind die für uns zu teuer.

Ich glaube, in Süditalien und Griechenland haben die Leute Klimaanlagen und das ist ja auch auf der geographischen Höhe vom heißen New York, wo ich ebenfalls eine Klimaanlage habe, weil New York im Sommer so stickig ist wie Sumatra. Nicht diesen Sommer allerdings, aber das kann ja noch kommen.

Apropos Griechenland, gehört Griechenland zu Europa? Christopher Nolan, der Regisseur von Oppenheimer bringt am 17. Juli einen neuen Film auf den Markt, die Odyssee, die bei ihm ungefähr so griechisch ist wie Wal-Mart oder Hot Dogs. Odysseus wird von dem englisch/finnisch/schwedischen Matt Damon gegeben, seine Frau Penepole von Anna Hathaway, („Der Teufel trägt Prada“), einer der griechischen Krieger wird von Elliot Page gespielt, die heute als Mann identifiziert, und, GROSSE AUFREGUNG; die schöne Helena ist schwarz.

Die Schauspielerin, die Helena sowie ihre Schwester Klytaimnestra spielt, ist Lupita Nyong’o, eine in Mexiko geborene Kenianerin, also eine Art weiblicher Barack Obama. Sie sieht gut aus, keine Frage, insbesondere für eine 42-jährige mit dem Körper einer bulgarischen Kugelstoßerin bei der Olympiade von 1972, und sie ist eine gute Schauspielerin, aber wirklich, aber eine schwarze Helena? Sofort zerfiel Amerika in zwei Teile, einen nicht-woken, der über Lupita herfiel wie ein holländischer Tourist über einen halbe-Meter-Hot Dog auf einer texanischen State Fair, und einen woken, der Lupita verteidigt.

Griechenland ist Afrika?

Es heißt, dass Nolan transe und schwarze Schauspieler braucht, damit der Film für einen Oscar nominiert werden darf. Gut möglich, aber hätte es da nicht ein Cyclop oder ein Minotaur getan? Was das kommerzielle Potential des 250-Millionen-Dollar-Films angeht, hätte Nolan natürlich aus dem Dr-Who-Desaster lernen können, die Serie, die nun darauf wartet, von Disney oder der BBC ins Leben zurückgeküsst zu werden. Aber lernen ist unamerikanisch. Wir lernen nicht, wir belehren.

Zu allem Überfluss hat das Team von Nolan einen Filmausschnitt gepostet, auf dem Lupita die Kamera anbrüllt wie Godzilla. Konnten die nichts Hübsches finden? Wer ist bei denen für PR zuständig, die Marketing-Abteilung der Sirius-Cybernetic-Corporation? Natürlich sehen die griechischen Boote aus wie norwegische Wikingerschiffe, selbst die britischen Schauspieler haben amerikanische Akzente und sie führen Dialoge wie Klingonen, die einander mit „Hi – how are you“ begrüßen.

Auch der unvermeidliche Elon Musk schlug sich auf die Seite der Kritiker und nannte Nolan einen „anti-weißen Rasissten“. Am empörtesten aber sind Griechen, die, organisiert und als Privatpersonen, seit Tagen Nolan beschimpfen, der griechische Kultur und Mythologie als Steinbruch benutze und sie dabei verhunze.

Es beruhigte die Nerven auch nicht, dass Lupita verkündete, Homer sei ein alter weißer Mann, der keine guten Frauenrollen für das Kino schreiben könne und erst recht nicht, dass die Filmfirma 6,5 Millionen Dollar an griechischen Steuergeldern eingesackt hatte, ohne einen einzigen griechischen Schauspieler zu beschäftigen. Auf der gerade laufenden Pressetour lässt Nolan Athen vorsichtshalber aus. Vielleicht möchte er nicht mit Gemüse beworfen werden.

Nun kann man natürlich sagen, künstlerische Freiheit, Nolan hat, wie jeder Filmemacher, das Recht, die Welt so abzubilden, wie sie ihm gefällt. Man könnte auch einwenden, die schöne Helena sei kein real existierender, sondern ein mythischer Charakter. Wobei natürlich Moses auch ein mythischer Charakter ist, oder der Pillsbury Doughboy, aber beide würde Hollywood nicht schwarz besetzen. Vielen Amerikanern ist es nicht klar, dass Troja wirklich gegeben hat. Für die ist der Trojanische Krieg ein Märchen wie Harry Potter oder die Chroniken von Narnia.

Viele glauben auch, Griechenland liegt in der Nähe von Afrika, wobei Schwarzafrika in der Vorstellung vieler Amerikaner bereits in Libyen anfängt. Und da ja Griechenland viel Handel mit Afrika trieb, müssen viele Griechen schwarz sein, so ähnlich wie ja auch viele Indianerhäuptlinge Skandinavier sind.

Amerikaner müssen immer vornedran sein

Und tief drinnen denken sie, jedes Land ist eigentlich wie Amerika oder sollte zumindest so sein, nämlich mit einer sichtbaren schwarzen Minderheit. Es ist nur erstaunlich, dass die gleichen Amerikaner, die denken, Griechenland ist halb schwarz, über algerische Fußballer im französischen Nationalteam verwundert sind.

Und dann gibt es noch die ganz Woken, die meinen, dass Griechen nicht weiß sind, sondern irgendwie braun, wie übrigens auch die Araber, Türken, Italiener, Spanier, Portugiesen, nicht aber die Israelis, Kroaten und Franzosen. Als die großen Einwanderungswellen der Engländer, Skandinavier, Deutschen und Iren von Italienern, Polen und Juden abgelöst wurden, erfand Amerika verschiedene Schattierungen von weiß, oder von, eingedeutscht, arisch und nicht-so-arisch. Dass aber ausgerechnet die Liberalen dieses Fähnlein heute hochhalten, ist verwunderlich.

Was sagen diese lose zusammengestrickten Geschichten über Amerika aus? Amerikaner müssen immer vornedran sein, und immer bestimmen, wo es langgeht und was der Maßstab ist. Ob sie Ahnung von der Materie haben oder nicht, ist egal. Das betrifft Woke wie Unwoke; Woke sogar noch mehr, weil die von dem Bedürfnis getrieben sind, Amerika und den Rest der Welt stetig zu bepredigen, während es bei den Unwoken wenigstens ein paar gibt, die vornehmlich ihre Ruhe haben wollen.

Und dass gilt ganz besonders für Europa, denn im Grunde ihres Herzens sind Amerikaner immer noch wie rebellische Teenager, die ihren europäischen Eltern erklären wollen, dass ihr Musikgeschmack gänzlich unmodern ist und dass man heutzutage bunte Nasenringe mit blauen Haaren trägt und schwarze Freunde hat.

Bei dieser Art von kulturellem Imperialismus ist es auch egal, worum es geht. Ob Amerikaner den Griechen erklären, dass ihre Mythologie Quotenschwarze beinhaltet, den Deutschen, dass sie Klimaanlagen installieren sollen, um den Klimawandel abzuwehren, den Holländern, dass ihre heimischen Hots Dogs zu klein sind, um Speck auf die Rippen zu kriegen, oder den Franzosen, dass sie zwei Kühlschränke brauchen, aber keine algerischen Einwanderer: Wo wir sind, ist vorne!

Und natürlich wollen die Amerikaner dafür geliebt werden. Sie meinen es ja nur gut! Und wenn sie beim Weltverbessern versehentlich die Straße von Hormus bombardieren, weil sie dachten, die liegt in Afrika, dann ist das auch kein Problem. Klimaanlagen laufen ja nicht mit Öl, sondern mit Strom. Und Strom gibt es in Amerika überall, in Hülle und Fülle, so wie Hot Dogs und Coca-Cola.

Eva C. Schweitzer

Eva C. Schweitzer pendelt zwischen Berlin und New York, wo sie eine Dissertation über den Times Square verfasst hat; sie arbeitet als Buchautorin und freie Journalistin über Medien, Entertainment und Politik. Ihr letztes Buch war „Links Blinken, rechts abbiegen“ beim Westend Verlag; derzeit schreibt sie ein Buch über die Tucholsky-Familie. Sie leitet auch den Verlag Berlinica Publishing, der Bücher aus Berlin nach New York bringt. Zuvor war sie Redakteurin beim Tagesspiegel in Berlin.
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4 Kommentare

  1. 1. „Die Schauspielerin, die Helena sowie ihre Schwester Klytaimnestra spielt, ist Lupita Nyong’o, eine in Mexiko geborene Kenianerin, also eine Art weiblicher Barack Obama. Sie sieht gut aus, keine Frage … “

    Auf der anglo-amerikanischen NATO-Pedia heißt es tatsächlich: „Nyong’o holds Kenyan, Mexican, and United States citizenship and identifies as ‚Kenyan-Mexican’.“

    Die Frage, die sich stellt, ist doch: Geht es hier um Ästhetik, um Schönheit, um Design und die optische Erscheinung, um einen Schmaus für die Augen, also um Äußerlichkeiten oder um „innere Werte“? Die einen finden Sie „hübsch“. Kann Mann/Frau/Es so sehen. Es gibt vermutlich aber auch Männer (und Frauen und Diverse) die das anders sehen, weil sie charmante Französinnen, heiße Italienerinnen/Spanierinnen, kühle Norwegerinnen oder Frauen/Diverse mit blonden oder roten oder brünetten Haaren mögen. Aber das ist persönliche Geschmackssache.

    Bei den „inneren Werten“ ist das selbstverständlich anders. Bei den inneren Werten geht es um „höhere“ Werte. Da geht es um Ideologie, um Philosphie, um Weltanschauung, um Religion, um Rassismus, um Nationalismus, um Antisemitismus und um die Haltung des Geistes und da hört der Spaß für viele Bürgerinnen und Bürger auf. Das ist in den vereinigten demokratischen Staaten von Nordamerika nicht anders als im demokratischen und sozialen Bundesstaat Deutschland wie es im Art. 20 Grundgesetz von 1949 heißt.

    2. Auch der unvermeidliche Elon Musk schlug sich auf die Seite der Kritiker und nannte Nolan einen „anti-weißen Ras[s]isten“.

    Man kann über den Billionär und Plutokraten Elon Musk sagen, was man will, aber dumm ist der Mann nicht. Das ist ein cleverer Psychologe, er kennt sich mit Zwiedenken, Doppeldenk und Rabulistik aus und weiß, wie man die kleinen Leute an der Nase herumführt und die Gesellschaft in „Rassisten“ und „Nichtrassisten“ spaltet und herrscht (divide et impera = teile/spalte und herrsche).

    Wenn ein Sozialdarwinist sagt, dass das Rassismus wäre, dann wissen alle kleinen Rassisten, was los ist. Ein Sozialdarwinist würde niemals von Sozialdarwinismus und davon sprechen, dass Rassismus ein ideologischer Bestandteil des Sozialdarwinismus ist. Außerdem wissen die meisten Bürgerinnen/Bürger in den USA und Deutschland sowieso nicht, was Sozialdarwinismus ist, aber sie wissen, was Rassismus ist und Rassismus ist böse, vor allem dann, wenn Nichtweiße damit auf Weiße zielen. Wenn Weiße auf mit der rassistischen Waffe auf Nichtweiße schießen, dann ist das für die meisten Weißen selbstverständlich kein „Rassismus“, dann ist das Notwehr. Was denn der Ku-Klux-Klan dazu?

    Nur so am Rande: Der Sozialdarwinismus war das ideologische Fundament der deutschen NSDAP.

  2. Verzeihung, Frau Schweitzer, US-Amerikaner sind zum Smoothie gequirlte Europäer mit mehr Raum für groben Unfug und einer Viskosität, die auch in die letzte Ritze den kapitalistischen Parasitismus quetschen will.

    »Wir lernen nicht, wir belehren.« ist das gemeinsame Motto, die verhängnisvolle Tradition auf beiden Seiten des Atlantiks, egal, ob es spät pubertierende Cowboys sind oder Greise, die immer noch denken, sie hätten einen entkoffeinierten Kaffee gereicht bekommen, der allerdings ein Schierlingsbecher war.

    Bei Ihrer Darstellung der „amerikanisch geprägten Farbenlehre über die Mittelmeerstaaten“ fiel mir doch sofort »The Sicilian Scene« aus »True Romance« (1993) ein (YT 3:35 min, deutsch oder YT 5:09 min, englisch). Eine schöne Parabel über Geschichte, Fakten, das Selektive, das (Un-)Sagbare und die Abscheu im Gegenüber.

    Was mir nicht ganz klar ist, ob Sie »The Odyssey« schon gesehen haben oder ob Sie einfach fürchten, Nolan könnte Sie zutiefst enttäuschen? Vielleicht werden Sie es beim nächsten Artikel verraten.

  3. Ein nett geschriebener, unterhaltsamer und zugleich auch noch lehrreicher Artikel.
    Gut gelungen!

    Auf einzelne Punkte muss man hier nicht näher eingehen, das hat Frau Schweitzer selbst schon genügend getan.

  4. Zu den Klimaanlagen sage ich als repräsentativer Durchschnittsdeutscher: im Sommer schwitzt man und das ist von der Natur so gewollt. Also in Demut hinnehmen, wie man auf Overton sagt.
    ABER wir hatten jetzt im Juni 15 Tage mit Spitzentempertur über 30 Grad. Im langjährigen Durchschnitt waren es 1,5. Das Stalingrad der Klimaleugner. Um das nicht feststellen zu müssen, thematisiert die Presse die Klimaanlagen.
    Da haben wir eine massive Verschiebung in kurzer Zeit. Die Fossil- und Atomindustrie hat Trump an die Macht gebracht und sie hat sich das etwas kosten lassen. Jetzt versuchen sie dasselbe in Europa. Die deutsche Presse ist schon völlig gleichgeschaltet. Es ist hier ja auch am einfachsten.
    Man stelle sich vor, die Energie zur Kühlung käme aus Kohlekraftwerken. Das wäre verheerend. Aber die Solapanelds liefern exakt passend zu diesem Bedarf. Klimaanlagen sind also klimatschnisch halal.

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