Elon, als die Mauern fielen

Bild: Elon Musk auf Twitter

Wer sich in diesen Tagen in der linken amerikanischen Filterblase tummelt, könnte vermuten, dass sich ein Monster, gefrankensteint aus Joseph Goebbels, Richard Nixon und Voldemort eine Social-Media-Plattform unter den Nagel reißt, die ein Hort der Toleranz ist. Bekennende Liberale haben ihre Flucht angekündigt wie William Westmoreland in Saigon, und die Welt ist in Aufruhr.

Wir reden, natürlich, von Elon Musk, der Mann, der Twitter gekauft und angekündigt hat, dort Redefreiheit durchzusetzen. Erstaunlicherweise schickte diese bloße Behauptung bereits Panikwellen durch die liberale, demokratische Öffentlichkeit. Sogar die Midterms, die Senatswahlen in der kommenden Woche, könnten davon beeinflusst werden, fürchten manche. Zu Ungunsten der Demokraten natürlich.

Musk ist das Bete Noire der US-Linken. Viele fürchten ihn, andere machen sich über ihn lustig, wie über das dicke Mädchen in der Junior High; über seine Tanzversuche, vor laufender Kamera, sein gescheiterter Versuch, das Berghain in Berlin zu besuchen, seine Freundin Grimes, die aussieht, als könne sie ein Goth-Geschwader anführen, seine Sprüche, die cool sein sollen, aber oft nur nerdig sind.

Und auch darüber, dass er Twitter kaufen will, das aber nicht schafft oder wenn er es schafft, es an die Wand fahren wird. Seine Idee, eine monatliche Zertifikats-Gebühr von Firmen zu verlangen, die Twitter nutzen, gilt als verrückt und vielleicht ist sie das auch. Nicht auszuschließen übrigens, dass er Twitter ruiniert.

Okay, Musk hat den Tesla auf dem amerikanischen Markt durchgesetzt, nicht als Marktführer natürlich, sondern als Avantgarde-Auto. Aber ihm geht der Stallgeruch des amerikanischen IT- und Mediengurus ab. Kein Wunder, denn er stammt aus Südafrika. Als er 17 war, zog die Familie nach Kanada, erst mit Mitte zwanzig studierte er im kalifornischen Stanford, das intellektuelle Herz des Silicon Valley.

Damit fehlt ihm nicht nur der amerikanische Akzent, sondern auch das All-American-Aufwachsen zwischen Mickey Mouse, Truthahn und Baseball. Und schon gar nicht hat er den woken, geschliffenen Glanz, der den zeitgemäßen amerikanischen Businessmann auszeichnet, das permanente Beschwören von Diversity und Queerness, das Winken mit der Regenbogenflagge, der Black-Lives-Matter-Wimpel im virtuellen Schaufenster gepaart mit dem bereitwilligen Einknicken im Konfliktfall.

Sicher, der Zuckerbot hat das auch alles nicht, aber der hat Leute, die ihr Bestes tun, dafür zu sorgen, dass sein öffentliches Image poliert wird und seine private Persona unsichtbar bleibt. Desgleichen Tim Cook oder Sergey Brin oder Jeff Bezos (bei diesem allerdings mit nicht allzuviel Erfolg). Wenn die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, dann hinter verschlossenen Türen und nicht auf Social Media.

Nun ist Musk der reichste Mann der Welt (angeblich, so recht überprüfen kann das ja keiner). Nicht ganz als Selfmademan, das muss man einräumen, sein originäres Vermögen stammt aus den südafrikanischen Smaragdminen seines reichen Vaters. Aber andererseits, es ist für Silicon-Valley-Größen und IT-Mogule nicht ungewöhnlich, dass sie trübe Starthilfen aus der Familie haben.

So konnte Bill Gates nur deshalb ein schlecht funktionierendes Betriebssystem an den Computergiganten IBM verkaufen — dessen Geschäftstätigkeit übrigens bis ins Dritte Reich zurückreicht —, weil seine Mutter bei IBM im Aufsichtsrat saß (diese Kolumne wurde auf einem Macbook Air geschrieben).

Musk wird als Libertärer beschrieben. Das ist in Amerika ein seltsames Zwitterwesen, das für Redefreiheit eintritt, aber sich oft mit rechten Liberalenfressern gemein macht, wie Sean Hannity oder Tucker Carlson auf Fox News, oder auch Andrew Breitbart, als er noch lebte. Libertäre wollen, dass der Staat sich nicht einmischt, es sei denn, sie werden auf dem Nachhauseweg von einer Gang überfallen oder die Indianer wollen ihr Land wiederhaben, dann brauchen sie den Staat schon.

Libertäre brechen linke Tabus, sie sagen Dinge, für die man auf Twitter vor kurzem noch gesperrt werden konnte, etwa, dass bei den Black-Lives-Matter-Krawallen Menschen zu Schaden kamen, dass Frauen keine Penisse haben, dass eine Covid-Impfung Nebenwirkungen haben kann und dass der Islam Frauen unterdrückt.

Sie sagen allerdings auch verrückte Sachen. So ist Musk auf den Zug aufgesprungen, dass der Überfall auf die demokratische Fraktionsführerin Nancy Pelosi respektive ihren Mann gar nicht in echt stattgefunden hat. Glaubt er das wirklich, oder macht es ihm nur Spaß, der größte Troll Amerikas zu sein? Wahrscheinlich das.

Mit Trump und der rechten Medienwoge, auf der er eingeritten ist, haben sich in Amerika die Spaltung und die Feindseligkeiten vertieft. Und deshalb wird Musk als Gallionsfigur der Bösen wahrgenommen. Es gibt kein Grau mehr. Dabei sind viele von denen, die als rechte Libertäre gelten, einfach nur vom woken Liberalkonsens genervt.

Zu denen zählt Glenn Greenwald, der sich über die Hysterie im Gefolge der Twitter-Übernahme lustig machte. Traditionelle Medien verbreiteten ebenfalls Desinfomation und Lügen, wenn es ihnen in den Kram passe, bemerkte er. Greenwald hat Ed Snowden eine Plattform geboten, der den US-Überwachungsstaat entlarvt hat. Das machte ihn nicht nur bei Rechten, sondern auch bei staatstragenden Linken unbeliebt.

Ähnlich der Journalist Matt Taibbi, der tweetete: Die Nachricht von der Übernahme durch Musk löse Entsetzen aus, weil Twitter in der Vorstellung der Journalisten eine Art Utopia sei: ein Ort, an dem Donald Trump nicht existiere, wo jeder, der unorthodoxe Gedanken habe, mit einem Warnhinweis versehen werde und wo das aktuelle Geschehen bis zum Schwachsinn gehypt werde.

Und Bill Maher, der libertäre TV-Host auf HBO bemerkte, Twitter habe Stories zensiert, die sich später als wahr oder zumindest als möglich herausgestellt hätten, etwa die Geschichte um Hunter Bidens gestohlenen Laptop, oder dass der Corona-Virus aus einem Labor kommen könne und nicht von einer halbgaren Fledermaus. „Wenn Twitter Menschen ausschließt, gehen die nicht weg“, meinte er. „Die deportieren sich nicht selber.“

Erstaunlicherweise scheinen die Musk-Gegner zu glauben, dass Twitter bisher ein Tummelplatz der Aufklärung gewesen sei, ein Ort des Austauschs gehobenen Gedankenguts, eine „Town Hall“, Versammlungshalle der Underdogs, die sich gegen die da oben zur Wehr setzen und der verteidigt werden müsse.

Davon kann gar keine Rede sein. Nicht nur zanken sich dort politische Partisanen und eitle Aktivisten wie die Waschweiber; auch dass Twitter heute hassfrei ist, ist glatt gelogen. Twitter ist die Güllemaschine des Internets. Hassmobs auf Twitter haben Karrieren beendet und Leben ruiniert. Der Hass muss nur die Richtigen treffen. So darf man heute auf Twitter ungestraft dazu aufrufen, Feministinnen umzubringen.

Natürlich kriegen jetzt alle Musk-Freunde Flak von Musk-Gegnern. Denn das sind ja die Guten. Und die Midterm-Wahlen? Die zu versemmeln kriegen die Demokraten ganz von selber hin, dazu brauchen sie keine Social Media Plattform.

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8 Kommentare

  1. „Sie sagen allerdings auch verrückte Sachen. So ist Musk auf den Zug aufgesprungen, dass der Überfall auf die demokratische Fraktionsführerin Nancy Pelosi respektive ihren Mann gar nicht in echt stattgefunden hat. Glaubt er das wirklich, oder macht es ihm nur Spaß, der größte Troll Amerikas zu sein? Wahrscheinlich das.“

    Es gibt einfach etliche Ungereimtheiten. Die sollte man schlicht unabhängig klären.
    Und zwar am besten ohne Ideologie, sondern sachlich.

    Wer Fragen stellt ist kein Troll, und auch kein VTler, und auch kein Rechter.
    Auf Fragen gibt es Antworten.

  2. Wunderbar herausgestellt…..
    mir ist Elon ziemlich wurscht, ich werde kein Tesla kaufen und ich zwitschere auch nicht,
    moege er mit Twitter die Amerikaner aufmischen und Trumps Konto wieder frei schalten,
    dann sind die Amerikaner endlich zuhause beschaeftigt, die tweets von Trump noch zu toppen!
    „Twitter ist die Güllemaschine des Internets. Hassmobs auf Twitter haben Karrieren beendet und Leben ruiniert. Der Hass muss nur die Richtigen treffen. “
    Na dann los……Twitter-Krieg zwischen Demokraten und Republikaner!
    Waere dann nur zu hoffen, dass sie das ein oder andere Land im Twitterwahn vergessen, welch ein Segen waere das!

  3. Die Längsdenker hassen Elon Musk – genauso wie die Querdenker Bill Gates.
    Beide Fraktionen nehmen sich da nix. Beide brauchen so ein Feindbild.

  4. Süß, die amerikanische Linke. Gewiss ist das so etwas wie die Partei „die Linke“ für Deutschland. Ich hab nie verstanden warum die so genannt wird, wenn es bestenfalls um die von der SPD übernommene Aufgabe geht, die Arbeiterschaft handzahm und kapitalfromm einzugemeinden. Ah, jetzt ja! Darum der Etikettenschwindel.

    Aber nochmal wegen der Staaten:

    „Amerika hat ein Einparteiensystem mit zwei rechten Flügeln.“
    ―Gore Vidal

    Unabhängig davon ist die Macht ohnehin woanders verortet, was man z.B. bei Talbot schon auf dem Umschlag lesen kann:

    Die Kennedys waren tatsächlich erfolgreicher im Kampfgetümmel der Politik als die Rockefellers. Aber das war, wie John F. Kennedy begriffen hatte, nicht die ganze Geschichte, wenn es darum ging, das Maß der Macht einer Familie zu beurteilen. Er war sich völlig darüber im Klaren, dass die Rockefellers im Pantheon der amerikanischen Macht einen einzigartigen Platz einnahmen, der nicht so sehr im demokratischen System wurzelte als in dem, was Forscher später die »Schattenregierung« nannten – jenes unterirdische Netzwerk finanzieller, geheimdienstlicher und militärischer Interessen, das die nationale Politik lenkte, ganz gleich, wer im weißen Haus saß.
    ―David Talbot, Das Schachbrett des Teufels – Die CIA, Allen Dulles und der Aufstieg Amerikas heimlicher Regierung

    Ja und dann wäre man wieder beim Herrn Musk, Starlink, SpaceX und dem Pentagon. Twitter, war da was?

  5. So wie es eine Scheinalternative zum Kapitalismus gibt, die geschaffen wurde von den „richtigen“ Leuten – Karl Marx – so erschafft man neue Scheinalternativen in den Netzwerken! Was wäre denn wenn es ein Programm gibt, was keinen Server braucht, das die Inhalte auf den Rechnern der Nutzer speichert und somit Unzensierbar wird?

  6. Gut geschrieben. Ja, mit Gülle um sich werfen und streiten, welche besser stinkt, ist immer noch besser, als nur die eigene Gülle als gesunde Gemüsebrühe zu verkaufen und die gegnerische wegzuzensieren.

  7. Elon hat drei Tage an der Stanford-Universität verbracht. Er ist weder ein Ingenieur noch Erfinder sondern nur ein Strohmann der USA-Inc., wie alle Gates, Zuckerbergs etc. des Hype-Technologie-Sektors.
    Bill hatte für IBM gearbeitet und DOS auf einem PC zum Laufen gebracht, zum Dank wurden ihm Rechte zu dieser Software eingeräumt ( MS-DOS ).

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