Die AfD vor den Toren

MAGA
James McNellis from Washington, DC, United States, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Deutsche Wahlen in Amerika.

Alle haben Angst vor der AfD. Alle? Nein, es gibt eine politische Gruppierung in den USA, welche die noch relativ junge, rechtspopulistische deutsche Partei für ihre Brüder im Geiste hält: Die Republikaner. Genauer gesagt, die MAGA-Republikaner, der Flügel, der mit Donald Trump zu einer ähnlichen Zeit und aus ähnlichen Gründen, wie der Aufstieg der AfD begann an die Macht gekommen ist.

Dabei ist es weniger Trump selber, der die AfD hofiert; eher hält JD Vance seine schützende Hand über die Partei, wenngleich meist im Hintergrund. Sekundiert wird er von Elon Musk, der einmal twitterte: „Nur die AfD kann Deutschland retten.“ Natürlich ist es nicht sicher, ob Vance Präsident wird, es gibt noch Marco Rubio und wer weiß, vielleicht berappeln sich sogar die Demokraten noch. Aber trotzdem.

Weidel zeigt sich USA-kritisch

Es war bisher meist Vance, der sich einmischte, wenn er glaubt, die Meinungsfreiheit von Amerikanern, rechten Amerikanern natürlich, werde von woken Europäern bedroht. Das geschah zuletzt bei Nathan Cofnas, der die Plagiatsvorwürfe gegen den schwarzen, britischen Cambridge-Professor Jason Arday losgetreten hat und den die Universität von Gent daraufhin freistellte. Trump hingegen interessiert sich nur dafür, ob Amazon und Meta in Europa genug Geld verdienen.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz vom Februar 2025 stellte sich Vance offen hinter die AfD und sprach sich gegen den „Feuerwall“ aus, das Koalitionsverbot mit anderen Parteien, das die sich selbst auferlegt haben. Die deutschen Grenzen zu sichern sei ja so furchtbar gefährlich, spottete er. Und, fuhr er im Ernst fort, die Unterdrückung der Meinungsfreiheit sei gefährlicher als Russland und China.

Vance traf sich damals auch mit Alice Weidel, der in der Schweiz lebenden AfD-Vorsitzenden. Sie haben durchaus einiges gemeinsam; Weidels Ehefrau stammt aus Sri Lanka, während Vance mit einer indischstämmigen Frau verheiratet ist. Vor allem aber proklamieren beide eine harte Antiimmigrationslinie, insbesondere gegen Moslems, was in den USA nicht nur bei Republikanern eine breite Mehrheit findet.

Dabei ist Weidel durchaus USA-kritisch, was sie erkennen ließ, als sie mit The American Conservative sprach. Die Zeitschrift wurde von Pat Buchanan gegründet, der frühere Pressechef von Ronald Reagan und ein führender Kopf der „Paleokonservativen“. Das ist der alt-rechte Flügel der Republikaner, der sich gegen die Israel-nahen, kriegsfreundlichen Neokonservativen positioniert hat, die während der Präsidentschaft von George W. Bush die Partei dominierten.

In dem Interview nannte Weidel Deutschland eine „Kolonie des amerikanischen Imperiums“, was sich etwa an dem Anschlag auf die Gasleitung Nord Stream gezeigt habe, ein russisch-deutsches Projekt, gegen das die USA immer heftig opponiert hatte. Deutschland sei es besiegtes Land, ein Land von Sklaven, das Militär unfähig und gewiss keine Hilfe im Krieg um die Ukraine. Dass Amerika von Deutschland erwarte, in seinen Kriegen zu kämpfen, sei ohnehin völlig unrealistisch, meinte sie. Falls das aber doch geschehen sollte, dann werde Deutschland danach seine Freiheit einfordern — mithin den Abzug aller amerikanischen Truppen.

Mit Merz wird Trump nicht warm

Aus der Sicht von Vance ist das kein Affront: Auch Vance ist kein Fan des ukrainischen Staatschefs Selenskij. Und es gab immer eine starke Strömung unter Konservativen in den USA — echten Konservativen, nicht in der Wolle gewaschen Neocons —, US-Truppen aus Deutschland abziehen zu wollen.

Die AfDler sind nicht die einzigen Rechtspopulisten aus Europa, die bei Republikanern beliebt sind. Trump konnte einst gut mit Giorgia Meloni, der italienischen Ministerpräsidentin, aber sie hat ihm wohl einmal zu oft widersprochen. Auch Frankreichs Marine Le Pen war unter Republikanern populär, aber da es mehr als offen ist, ob sie überhaupt antreten darf, hat das dem einem Dämpfer versetzt.

Auch Nigel Farage, der Führer der britisch-libertären Reformpartei, war ein MAGA-Unterstützer ersten Stunde, als er mit Kampfgefährten wie Steve Bannon für den Brexit kämpfte. Und die Getreuen von Viktor Orban gingen bei den Young Republicans in New York ein und aus. Orban gibt es nicht mehr. Der Neue, man wird sehen. Und die Russland-Anrainerstaaten; Litauen, Finnland, selbst die rechten Schwedendemokraten trauen Trump nicht, und wie man im Irankrieg sieht, mit Recht.

Also die AfD. Die AfD steht kurz davor, ein Bundesland zu übernehmen; vielleicht. Auch deren Vertreter sind in Amerika keine Fremden. Hochrangige Mitglieder der AfD waren auf eine Trump-Gala im vergangenen Jahr in New York. Friedrich Merz hingegen, mit dem werden weder Trump warm, noch Vance, eigentlich ohne rechten Grund. Merz ist nicht Angela Merkel, er ist amerikanisch sozialisiert, so wie Annalena Baerbock. Dass er bei dem Finanzriesen BlackRock war, sollte aus Trumps Sicht zu seinen Gunsten sprechen. Aber das tut es nicht.

Die ewigen Bande zwischen der CDU und den Republikanern gehen auf zwei Männer zurück, Konrad Adenauer und John Foster Dulles. Dulles, der ältere Bruder des legendären CIA-Chefs Allen Dulles und Dwight D. Eisenhowers Außenminister. Er war ein konservativer, antikommunistischer katholischer alter Knochen, auf dessen Konto viele amerikanische Interventionen gingen, von Südamerika bis Iran.

Die Ossis waren die Guten aus US-Sicht

Adenauer war für die Eisenhower-Regierung ein Gottesgeschenk; denn die USA waren dringlichst auf der Suche nach Anti-Nazis, die weder Kommunisten, noch Sozialisten, noch Sozialdemokraten waren. Die alte Zentrumspartei, die 1933 für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte, hatte sich diskreditiert. Adenauer aber war unter den Nazis im Knast gesessen, und somit protegierte Dulles ihn ins Kanzleramt.

Die Demokraten taten sich viel schwerer, politische Freunde in Deutschland zu finden, was aber zunächst keine Rolle spielte, denn die CDU blieb fest im Sattel. Das änderte sich erst mit Willy Brandt, und auch nicht für sehr lange. Derweil haben die liberalen demokratischen Medien im Kalten Krieg jede rechte Minipartei als neue NSDAP hochgejazzt, begleitet von ständigen Warnungen von einem Vierten Reich.

Für die links-liberale amerikanische Öffentlichkeit stand ganz Westdeutschland unter Nazi-Verdacht — Österreich allerdings nicht —; hingegen war die DDR aus deren Sicht das bessere Deutschland. Noch weit nach der Wende hielt die New York Times bei jedem innerdeutschen Konflikt daran fest, dass die Ostdeutschen die Guten sind und bedauerten die armen Ossis, die vom Westen zwangsadoptiert worden seien.

Nur Tage bevor die Mauer aufging, forderte Anne-Marie Burley in der Times die Bundesregierung auf, den DDR-Bürgern nicht die deutsche Staatsbürgerschaft zu geben, damit nicht so viele von denen weglaufen würden. Zwei deutsche Staaten sollten auf Ewigkeit zementiert werden. Das sorge für Frieden.

Parallel dazu trommelte die Times, auch andere liberale Blätter ständig dafür, Deutschland müsse diverser und bunter werden, dann würde das Land friedlicher werden, harmonischer und womöglich gar das Nazi-Erbe abstreifen. Ob man die Buntbewohner nun ausgerechnet aus mit den Nazis verbündeten Ländern rekrutieren musste — von Italien bis Syrien —, war eine Frage, die nicht gestellt wurde.

Die Sichtweise bekam erst nach 9-11 einen kleinen Knick, als klar wurde, dass die Flugzeugentführer muslimische Studenten aus Hamburg waren, aber das ging bald unter. Die USA selber, allerdings, rüsteten auf, um jeden potentiellen Terroristen aus dem Morgenland fernzuhalten, was Trump nur perfektioniert hat, nicht selber erfunden. Das gilt sogar für afghanische und irakische US-Army-Hilfskräfte.

Trump und die Bilder von Deutschlands Straßen

Dann kam Angela Merkel. Für große Teile der amerikanischen Presse, die liberale wie die konservative, war es Liebe auf den ersten Blick. Eine Frau, konservativ, und aus dem Osten, ökonomisch geschult (dachte man), nazimäßig garantiert unbelastet und milde — aber nicht schrill — feministisch. Barack Obama hieß es, lasse sich von ihr außenpolitisch beraten. 2015 öffnete Merkel die Grenzen, Millionen von Flüchtlingen von amerikanischen Kriegen kamen, aus Afghanistan, dem Irak, Syrien, all die, denen Amerika den Zutritt verwehrt hatte, und noch viel mehr.

In Deutschland wurde das von der liberalen Presse bejubelt, und jeder, der auch reale Probleme erwähnte — Messerstechereien, Clankriminalität, Angriffe auf Ärzte und Busfahrer, Gruppenvergewaltigungen — wurde als Nazi oder als Lügner dargestellt, unter der fleißigen Mithilfe von Pseudo-Faktenchecker wie Correctiv.

Für die amerikanischen Demokraten war es praktisch, dass Amerika weniger unter dem Druck stand, Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten aufzunehmen, das hätte das Wahlvolk nicht mitgemacht. Die New York Times und die Washington Post freuten sich über das neue multikulturelle fröhlich-friedliche Deutschland. Sie taten sich lange schwer, bei Verbrechen den ethnischen Hintergrund eines Täters zu nennen.

Bald aber fing der Lack an abzublättern. Die 24-Stunden-Nachrichtenkanälen in den USA berichteten ausführlich über jeden verrückten Machetenangriff, jeden islamistischen Anschlag, jeden amoklaufenden Messerstecher in Deutschland, und mit Bildmaterial. Das floss in Trumps Wahlkampf ein, der damit warb: Wählt uns, dann bekommt ihr nicht solche Zustände wie auf Deutschlands Straßen.

Diese Bilder vermischten sich mit Unbehagen über die Einwanderungswellen aus Mexico, Venezuela und anderen Staaten, die zwar nicht so viel Straßenkriminalität mit sich brachten wie in Deutschland, aber auch nicht problemfrei waren. Monate später war Trump Präsident und Deutschland guckte überrascht aus der Wäsche.

Wohin geht die Reise nun?

Damit erkannten die MAGAs in der AfD, die ebenfalls mit der Flüchtlingswelle aufgestiegen war, ihre natürlichen Partner. Um allerdings einen echten Durchbruch im konservativ-christlichen Amerika zu erlangen, müsste die AfD noch deutlich Israel-freundlicher werden. Es gibt zwar auch bei den MAGAs einen israelkritischen Flügel um Thomas Massie und Tucker Carlson, der hat aber in der Partei wenig zu melden. Dass Vance sich mit Weidel trifft und nicht mit Björn Höcke, liegt eben daran.

Einwanderung ist nicht das einzige, wo sich MAGA und AfD berühren. So wie sich die AfD vom Nazi-Erbe und dem Kollektivschuldgedanken lösen will, geht es den MAGAs mit dem Nachbeben der Sklaverei, das den Diskurs in den USA bestimmt.

Trump hat den Demokraten Stimmen abgenommen, nachdem die in woker Manier den „alten weißen heterosexuellen Mann“ als Feindbild erkoren hatten, von der Transbewegung bis dahin, dass gewalttätige Aufstände von Afro-Amerikanern nach dem Tod von George Floyd toleriert wurden. Dass Hillary Clinton im Wahlkampf von einem „Korb voller Verachtenswerten“ (Deplorables) gesprochen hat, die sich an ihre Gewehre und ihre Bibeln klammerten, trug zu ihrer Wahlniederlage bei.

Derweil taten die Regierungsparteien und die liberalen Medien in Deutschland islamistische Gewalttaten lange als irrelevante Einzelfälle ab und übten sich in kreativer Statistikgestaltung. Ähnlich die liberale amerikanische Presse. Erst der Anschlag in Berlin auf dem Christopher-Street-Day war ein kleiner Wachruf.

Wohin geht die Reise nun? Trotz aller Unterschiede nach außen; für beide Parteien in Amerika ist es wichtig, das Imperium zu konsolidieren. Als die Grünen aufstiegen, damals noch als amerikakritische Partei, die sich antiimperialistisch verstand, sorgten US-Demokraten dafür, dass das künftige Führungspersonal in US-Organisationen eingebunden wurde — Joschka Fischer, Ralf Fücks, Cem Özdemir. Zuletzt Annalena Baerbock, die eine Professur an der Columbia University ergatterte.

Die deutsche Frage ist zurück?

Etwas Ähnliches könnten die Republikaner mit der AfD vorhaben: Sie als ihre partei-gebundene Go-to-Partei in Deutschland aufbauen, um einem Fuß in Europa zu behalten, in der Nachfolge von Konrad Adenauer und John Foster Dulles. Denn intervenieren wollen sie offiziell nirgends, aber man möchte doch vorbereitet sein.

Wer aber am meisten vor der AfD warnt, sind nicht die Demokraten, sondern die liberaleren Neocons. In der Zeitschrift Atlantic sorgt sich der Historiker Isaac Stanley-Becker, ob Vance es schaffen könnte, dass sich in einem AfD-geführten Sachsen-Anhalt amerikanische Firmen ansiedeln. Mit diesem wirtschaftlichen Rückenwind könnte die AfD womöglich die nächste Bundesregierung stellen.

Manche Wähler, erkannte er, mögen die AfD gerade deshalb, weil sie konträr seien; es gehe um Dissent gegen die Wächter an den Toren der Sicherheit, der Justiz, der Medien. Es denen zu zeigen, die sagen, man dürfe nicht AfD wählen. Ganz ähnlich wie die Wähler von Trump, der die „Remigration“, die die AfD ankündigt, tatsächlich umsetzt bis zum Entzug der Staatsbürgerschaft.

Die deutsche Frage sei wieder zurück, schreibt Stanley-Becker, das Land breche mit den Nachkriegstabus. Deutschland rüste auf, gebe Milliarden für die Armee aus, die Unterstützung für Israel lasse nach, auch wegen Bibi Netanyahu. Dabei sei rechte Politik in Deutschland jahrzehntelang beargwöhnt worden. Zur Sühne für den Holocaust gehöre verpflichtende Schulerziehung über den Aufstieg der Nationalsozialisten. Nun sei die AfD plötzlich die wichtigste rechtsgerichtete Kraft seit den Nazis geworden, die den deutschen „Schuldkomplex“ beseitigen wolle.

Was aber weder die deutschen Liberalen noch Stanley-Becker verstehen, ist der Beitrag, den sie selber zu dem Klima geleistet haben, in dem die AfD aufgestiegen ist.

Eva C. Schweitzer

Eva C. Schweitzer pendelt zwischen Berlin und New York, wo sie eine Dissertation über den Times Square verfasst hat; sie arbeitet als Buchautorin und freie Journalistin über Medien, Entertainment und Politik. Ihr letztes Buch war „Links Blinken, rechts abbiegen“ beim Westend Verlag; derzeit schreibt sie ein Buch über die Tucholsky-Familie. Sie leitet auch den Verlag Berlinica Publishing, der Bücher aus Berlin nach New York bringt. Zuvor war sie Redakteurin beim Tagesspiegel in Berlin.
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