
Drei Rassismusdebatten, dreimal führt eine Spur nach Amerika. Zufall – oder importieren wir längst auch die amerikanischen Rassenkonflikte?
Harte Wochen für anspruchsvolle schwarze Künstler, Akademiker und Aktivisten in Europa liegen hinter uns. Am 14. August hat sich Jason Arday umgebracht, der jüngste Professor in der Geschichte von Cambridge, der englischen Eliteuniversität, und schwarz. Er war geschasst worden, weil er andere Professoren plagiiert hatte.
Das mit dem Plagiatentdecken hat Nathan Cofnas zu verantworten, ebenfalls ein Professor, der im belgischen Gent lehrt. Cofnas ist Amerikaner – natürlich Amerikaner! –, und überdies ein rechter, jüdischer „Rassenrealist“, wie er sich nennt, der glaubt, Weiße seien Schwarzen überlegen. Also eher ein Rassist. Aber plagiiert hat Arday wohl.
Nun brach eine Debatte aus: War Arday als Quotenschwarzer, als Scharlatan auf einen Posten gehievt worden, damit die Universität ein schmückendes Feigenblatt bekam, oder wurde er von Rassisten unverdient zur Strecke gebracht?
Ein Forrest Gump von England
Dabei war Arday eine in allen Farben schillernde Figur. Er galt, jedenfalls seinen eigenen Erzählungen zufolge, als Genie. Als ein spätes Genie. Bis zum Alter von elf Jahren konnte er nicht sprechen, mit 18 Jahren lernte er schreiben. Er war dyslexisch und verfasste gleichwohl eine Doktorarbeit, während ihm ein Gehirntumor entfernt wurde.
Er war Autist, litt an Epilepsie und wurde einmal von einem Mann mit einem Messer bedroht, der von allen anderen ungesehen auf das Universitätsgelände gelangt war und der seinen Eltern einen abgehackten Schweinekopf geschickt hatte. Er war an mehreren Universitäten Gastprofessor, von denen sich keine an ihn erinnern kann.
Er baute Brunnen in den brasilianischen Favelas, trug einmal die olympische Fackel, war Star einer TV-Show (wenngleich die schon vor seiner Geburt abgesetzt war) und verkaufte seine Memoiren für 1,4 Millionen Pfund, oder Dollar. Und er rannte, 30 Marathons in 35 Tagen, davon einen mit einem angebrochenen Bein.
Kurz, er war der Forrest Gump von England. Nun wurde er zum George Floyd von England, der Afro-Amerikaner, der von vier Polizisten in Minneapolis, Minnesota, erstickt wurde. Dessen Tod in Amerika wochenlange Krawalle ausgelöst hat. Um Arday brachen nun akademische Krawalle aus: Wer ist an seinem Tod schuld?
Die rassistische britische Presse, sagen linke Kollegen. Die habe den netten, bei Studenten sehr beliebten Professor in den Tod getrieben, indem sie breit, sehr breit, zu breit über die Verdachtsmomente gegen Arday berichtet hatte.
Neues aus dem reichen Berlin
Die Universität von Gent hat nun Nathan Cofnas beurlaubt, den Plagiatsjäger. Man halte akademische Freiheit und offene Debatte für sehr wichtig, hieß es von der Uni, auch, wenn es um Kontroversen gehe – aber nicht unbegrenzt.
Und auf Change.org gibt es Aufrufe, die sensationalistische Presse an die Kette zu legen. Es habe 249 Artikel in den 15 größeren britischen Zeitungen über ihn gegeben, das müsse besser kontrolliert werden. Es müsse ein Limit an Artikeln pro Person quer durch die Presse geben. Wie werden die verteilt, per Losverfahren? Nach Auflage? In einer anderen Petition hieß es, die Presse müsse gleichmäßig über Plagiatsvorwürde bei Schwarzen und bei Weißen berichten.
Wer soll das kontrollieren? Vielleicht sollte Deutschland sich anbieten, die Aufsicht über die britische Presse zu übernehmen. Das wäre sicherlich neutral und würde freundlich aufgenommen.
Derweil hat Deutschland allerdings auch Probleme. In Berlin durfte ein Verein von schwarzen Deutschen oder zumindest von in Deutschland lebenden Schwarzen nicht schwimmen gehen. An der Volksbühne. Die Volksbühne, eine altbekannte linke Institution hat für 300.000 Flocken ein provisorisches Bad vor dem Gebäude buddeln lassen, für acht Wochen. Das Geld ist kein Problem; Berlin ist reich, das kommt alles aus dem Länderfinanzausgleich. Der größte Posten 200.000 Eier, war die Security.
Dann aber wollte der Verein Each One Teach One das Spaßbad für ein paar Stunden für sich haben, damit schwarze Kinder endlich mal in Frieden schwimmen können und dauernd nicht bedroht und beschimpft werden. Von wem eigentlich? Was man aus Berliner Schwimmbädern so hört, gibt es da eine recht bunte Mischung von Badegästen, und Streit entzündet sich eher zwischen denen und weißen Mädchen.
Gleichviel, ein Aufstand brach los; Rechte, allen voran die AfD sprachen von Apartheid. Der frischgebackene Volksbühne-Intendant Matthias Lilienthal, ein weißer Biodeutscher aus Neukölln und früherer freier Mitarbeiter der taz, beschimpfte das Publikum mit den Worten „Fickt euch!“. Das Schwimmen wurde wegen „Sicherheitsbedenken“ abgesagt. Man sollte meinen, dass 200.000 Flocken weit reichen, sicherheitsmäßig, wahrscheinlich braucht Berlin einfach mehr Bundesknete.
Rassismus mit links
Der Verein Each One Teach One, EOTO genannt, sitzt im vormals Roten Wedding. Der Name stammt aus Amerika; aus dem „Kontext Schwarzer, antirassistischer Widerstandsbewegungen.“ Der Verein plant ein neues größeres Zentrum, denn schwarze, afrikanische und afrodiasporische Menschen hätten seit Generationen den Wunsch nach Community-Zentren. Seit Generationen? Nur das Geld fehlt noch.
Vorsitzende von EOTO ist Nadja Ofuatey-Alazard, laut Wikipedia eine deutsche Kulturaktivistin, die als schwarz gelesen identifiziert, Film- und Videoproduktion am City College of New York studiert hat und danach als Produktionsleiterin und Koordinatorin in der US-amerikanischen Film- und Videoproduktion tätig war. Also, ich möchte nicht sagen, eine Amerikanerin, aber schon nahe dran.
Natürlich gibt es in Deutschland Rassismus, aber war das wirklich eine Badefreizeit oder doch eher ein politischer Stunt, der dem Fundraising diente, und vor allen: warum finden wir im Zentrum solcher Kontroversen immer Amerikaner?
Mein Nachdenken über Nadja O. war noch nicht abgeschlossen, da ereilte mich die dritte rassistische Schreckensmeldung: Die Fraktionsvorsitzende der Berliner Linken, Manuela Schmidt, soll einen dunkelhäutigen Nachbar grob rassistisch beleidigt haben, weshalb die Polizei gegen sie gegen Hasskriminalität ermittelt hat (schreibt der Tagesspiegel auf einer ganzen Seite, kurz vor den Berliner Wahlen).
Was ist passiert? So genau wissen wir es nicht; aber Schmidt soll eines Morgens im Juni 2025 an der Märkischen Allee beim Einparken ein Auto beschädigt haben. Das gehörte dem Nachbarn von Moritz Linse, wie der Tagesspiegel den Mann nennt. Linse stellte Schmidt zur Rede, die habe ihn daraufhin als „Scheiß-Kanake“ und „Drecks-Ausländer“ beleidigt und ihn gefragt, warum er sich einmische, wo ihm das Auto doch gar nicht gehöre. Als sie sich entfernen wollte, habe er die Polizei gerufen. Eine Ermittlung wegen der Autobeschädigung gab es allerdings nicht, das Fahrzeug sei bereits zuvor der Versicherung als Totalschaden gemeldet worden.
Überall Amerikaner?
Schmidt bestreitet die Beleidigungen. Linse bot einen Arbeiter auf, der zufällig gegenüber war und sich an einen Streit erinnerte, aber nicht an den genauen Wortlaut. Das LKA stellte ohnehin das Verfahren ein, denn die Polizei hatte es verbaselt, den entsprechenden Antrag rechtzeitig zuzuschicken und danach war das Verfahren wegen Urlaub und Personalmangel unter den Tisch gefallen. Ja, das ist Berlin. Kein Geld für Sicherheit in Schwimmbädern, aber doch, um verschrottete Autos zu schützen.
Man könnte tatsächlich fragen, warum sich Linse wegen eines Kratzers an einem totalbeschädigten Auto aufregt, das ihm nicht einmal gehört. Oder auch vermuten, dass beide einander nicht sonderlich freundlich beharkt haben. Aber die interessante Information ist: Linses Großvater war Amerikaner! Ein schwarzer US-Soldat!
Werde ich langsam paranoid oder sehe ich hier ein Muster? Wie viele von denen gibt es inzwischen? Und wo? Sind die überall? Materialisieren die sich immer dort, wo sich antirassistische Energie ballt, und schaffen ein kleines Amerika um sich herum?
Jedenfalls, wenn wir demnächst Straßenkämpfe im Stil von Minneapolis in Berlin haben, während die Polizei im unbezahlten Sommerurlaub ist, können wir vielleicht von den Aktivisten von EOTO lernen, wie man 30 Marathons in 35 Tagen rennt. Wenn dann der Russe kommt, das könnte uns das Leben retten. Das ist ja auch was.
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Sowas von auf den Punkt liebe Frau Schweitzer, ich danke Ihnen herzlich für diese mMn grandiose Glosse.
Seien Sie ohne Sorge, Frau Schweitzer, der Russe ist bereits da, denn wie ich heute im hiesigen Kommentar-Bereich eines anderen Artikels gelernt habe, lautet die Antwort auf alle Ihre Fragen: »Putin war’s.«
Ansonsten gibt es da noch immer diese unangenehmen Übergänge zwischen Kohärenz, Konsistenz und Kausalität; zwischen Absicht, Nachsicht und Vorsicht; zwischen Einlassung und Weglassung sowie zwischen Vorfall, Zufall und Beifall. Doch es gibt noch das Glück, dass ein Text sich nicht darüber beschweren kann, wie er gelesen wird. Da würden wir alle was zu hören bekommen, aber Hallo…