Allons enfants!

Paris, Aufstände im Oktober 2026
Jorge Jaramillo, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Frankreich erlebt Krawalle, Amerika sieht seine Vorurteile bestätigt: Die einen erkennen revolutionären Geist, die anderen das Ende Europas.

Frankreich rebelliert und in Amerika bricht darüber der übliche Bürgerkrieg aus. Die Bilder sind, natürlich, überall – auf CNN, auf Fox News, die Barrikaden, die Plünderungen, die Angriffe auf Polizisten. Heute noch. Und jeder hat eine Meinung dazu, auch wenn er nicht dabei war – oder dann erst recht.

Ein Bild erregt besonderes Aufsehen, eine junge blonde Frau, die von einem Laden steht und sehr emotional mit den Männern argumentiert, die plündern wollen. Sie schreit die an, dass sie aufhören sollen. Sie seien doch auf der gleichen Seite. Die Männer ignorieren sie, schubsen sie zur Seite und stürmen den Laden.

Selber schuld?

Es kursiert ein Beitrag im Internet, der geht so:

„Sie hat einen kleinen schicken Laden in einem vornehmen Viertel, sie stand vor ihrem Laden und versuchte, ihn vor Plünderung und Diebstahl zu schützen, und weil sie eine berühmte Aktivistin ist, sagte sie zu ihnen: Ich bin so-und-so, die Aktivistin für Asyl, ich bin bei euch, ich habe für euch gekämpft und für euren Eintritt und euren Verbleib in Frankreich – sie haben sie bespuckt, sie zu Boden geworfen und mit ihren Füßen auf sie getreten, gut, dass sie noch lebt. Und sie haben den ganzen Laden geplündert, die Frau blieb am eisernen Gitter hängen, sie hat all ihren Kampf und die Arbeit ihres Lebens in einem Moment verloren.“

Das klingt betroffenmachend, aber wir wissen inzwischen, dass die Frau Emma Kunstlich heißt und eine Schauspielerin ist, keine Aktivistin, schon gar keine berühmte; die Rede hat sie so nicht gehalten, sie hat gesagt, die Plünderungen schadeten dem Zweck der Proteste, der Laden gehört ihr auch gar nicht, sie ist da nur Kundin. Und es ist auch kein kleiner schicker Laden, es ist ein Franprix, eine Art französischer Woolworth, und einer der wenigen billigen Läden im Marais, einst ein armes jüdischen Viertel, heute komplett gentrifiziert. Sie wurde auch nicht zu Boden geworfen und getreten. Aber sonst stimmt alles.

Wen interessieren schon Fakten, wenn es um Emotionen geht? Die MAGAs, die Trump-Anhänger in Amerika machen sich über sie lustig ohne Ende. Eine multikulti-Befürworterin offener Grenzen, die nun einen Moment der Hellsichtigkeit hatte und begriffen hat, wen sie sich ins Haus geholt hat. Die Geschichte vom Skorpion wird erzählt, der zubeißt, weil er ein Skorpion ist. Selber schuld, ist der Tenor.

Amerikas Vorstellung von Europa, vor allem von Frankreich kommt noch aus der Zeit, wo GIs über die Champs Élyseés flanierten. Amerikaner stellen sich Paris vor wie Die wunderbare Welt der Amelie, wo Franzosen mit der Baguette unter dem Arm herumlaufen und in Literaturcafés an der Seine sitzen und dem Eiffelturm nachblicken, wie er in den Sonnenuntergang schwebt.

Viele wissen allerdings auch, dass der Franzose als solcher rebelliert. Jon Stewart von der Daily Show erzählte uns, dass den Franzosen das Rebellische schon seit der französischen Revolution im Blut liege, und das all das Gerede über aufständische Immigranten Blödsinn sei. Das seien alles Franzosen.

Man sieht tatsächlich sehr viele schwarze und arabische Gesichter

Das ist nicht ganz falsch, man sollte aber nicht vergessen, dass sich die Französische Revolution zu einem Blutbad auswuchs, der mehrere hunderttausend Franzosen zum Opfer gefallen sind, darunter auch viele Revolutionäre, so ähnlich wie bei den Bolschewiken, bei denen vor allem Abtrünnige über die Klinge hüpften.

Für die MAGAs hingegen waren die Aufstände ein Zeichen dafür, dass die Integration von Muslimen europaweit gescheitert sei und auch niemals gelingen könnte. Beides ist richtig: man sieht unter den Schülern tatsächlich sehr viele schwarze und arabische Gesichter, insbesondere bei dem plündernden Teil.

Das liegt aber daran, dass Frankreich schon lange, zurückgehend auf die Kolonialzeit, immer viele Immigranten und Flüchtlinge aufgenommen hat, meistenteils aus Nordafrika: Marokko, Tunesien und vor allem Algerien, wo das Imperium in den sechziger Jahren zusammenfaltete. Sogar ein Präsidentschaftskandidat ist algerischer Abstammung, Eric Zemmour, der am liebsten alle Araber abschieben würde.

Mit der neuerlichen Flüchtlingskrise nach den amerikanischen Kriegen im Irak, Syrien und Afghanistan, die Deutschland die Flüchtlingswelle beschert hat, hat die Lage in Frankreich wenig zu tun. Es gibt zwar Palästinenser aus dem Libanon, aber verhältnismäßig wenige, und auch die sind schon lange da.

Viele davon leben in den Vorstädten von Paris und Marseille, die stadträumlich sorgfältig von den signifikant reicheren Vierteln der weißen Franzosen getrennt und abgehängt sind, ähnlich wie die Schwarzenviertel in Amerika, die ja auch nicht auf Immigration zurückgehen, sondern auf die Sklaverei. Und ja, viele Schulen in Frankreich sind in schlechten Zustand, und desgleichen die Infrastruktur in den Banlieues, ganz ähnlich wie in den schwarzen Vierteln in Amerika.

Wird Marine Le Pen nächstes Jahr in den Élysée-Palast einziehen?

Inzwischen haben mehr als 40 Prozent der Schüler in Frankreich einen Migrationshintergrund. Überrascht wird davon nur, wer glaubt, Paris sei der Schauplatz eines niemals endenden Disney-Films. Viele sind abgehängt und das verursacht Probleme. Es gab gewalttätige Übergriffe, vor allem gegen Frauen, und dass es in Deutschland in fünf oder zehn Jahren ähnlich aussehen könnte, ist nicht unwahrscheinlich.

Amerika hat übrigens Frankreich als Kolonialmacht immer unterstützt, vom Ersten Weltkrieg, wo Woodrow Wilson deutsche Kolonien an Frankreich gegeben hat, bis Vietnam – aber wen interessiert das Geschwätz von gestern?

Nun geistern viele Verschwörungstheorien herum. Wenn es doch nur eine bürgerliche Zeitung gäbe, die nicht von einer Agenda-getrieben ist, pro-multikulti oder gegen multikulti zu sein, sondern erzählt, was wirklich passiert, dafür wäre ich sehr dankbar. Aber man kann nicht alles haben. Meine französische Mitbewohnerin, die gerade in Paris ist, sagt, die Bullen wären schuld. Wenigstens habe ich eine zuverlässige Quelle. Eine Quelle, die in ihrer Wohnung im Marais festsitzt, weil die Bullen alles gesperrt haben.

Hat die französische Polizei die Protestler provoziert? Und haben sie dann zugesehen, wie Geschäfte geplündert wurden, damit Chaosbilder durch Land wabern und Marine Le Pen nächstes Jahr in den Élysée-Palast einzieht? Wer weiß. Es ist möglich. Wird Marine Le Pen nächstes Jahr in den Élysée-Palast einziehen? Sehr gut möglich.

Derweil haben die MAGAs die amerikanischen Moslems als Feindbild entdeckt, die überhaupt nicht krawallieren, sondern, im Gegenteil, sehr aufstiegsorientiert sind. Das macht sie, wahrscheinlich, besonders gefährlich. Wenn es in Amerika Aufstände gibt, dann meistens von Afro-Amerikanern, und die sind meistenteils protestantisch.

Jüdische Geschäfte geplündert, aber muslimische blieben unberührt?

Viele Republikaner hoffen nun auf Le Pen. Trumps Stern sinkt schneller als ein Roadrunner im Wüstensand von Arizona dem Coyoten davonläuft; ein bisschen Glanz, der abrubbelt, könnte nicht schaden. Le Pen selber hat allerdings nicht beim Weißen Haus um Wahlkampfhilfe nachgefragt, und auch sonst niemand in Europa.

Natürlich dürfen die Israelfreunde in der Debatte nicht fehlen; die feiern nun gerade einen inneren Reichsparteitag. Wo könnte man die bösen Palästina-Befürworter derzeit besser in Action sehen als in Frankreich? Irgendwer, ich glaube, es war Bibi Netanyahu selber, hat gespottet, Frankreich solle doch die Zweistaatenlösung einführen und den Palästinensern einen Staat in Frankreich anbieten.

Ich war mal mit Kramer von Seinfeld, der TV-Serie, dem echten Kramer befreundet, der Kenny Kramer heißt und im Manhattan Plaza lebt, einen Künstlerblock in Hells Kitchen, auf dessen Warteliste ich seit Jahren verblute.

Kramer seinerseits ist ein guter Freund von Larry David, dem (jüdischen) Schöpfer von Seinfeld, er hat Ideen geliefert, die er und Larry im West Side Diner aufnotiert haben. Kenny hat mir einmal erzählt, Larry habe leider zwei problematische Eigenschaften, ein großes Maul und keinerlei Fähigkeiten, den Ärger abzuwenden, den ihm das erstere einbringt. Ich bringe das hier mal nur so als Anekdote ein.

Wie es ebenfalls heißt, wurden in Marseille jüdische Geschäfte geplündert, aber muslimische blieben unberührt. Stimmt das? Das letztere glaube ich sofort, ohne irgendwelche Beweise zu haben, nur ein Bauchgefühl, aber darauf stützen wir uns ja inzwischen alle. Ob das mit den jüdischen Geschäften stimmt, da warte ich lieber erst einmal ab, bis meine Mitbewohnerin Kontakt zu ihren Freunden in Marseille aufgenommen hat. Ich bin sicher, irgendwo steht eine Buschtrommel.

Berlin haben die Amerikaner nicht auf dem Schirm

Derweil, in Berlin, stehen uns aufregende Zeiten bevor. Elif Eralp wird (vielleicht) Bürgermeisterin mit einem Team von Sozialdemokraten, Grünen und Clankriminellen; Remmo Issa wird Polizeisenator, alle Häuser werden in die KWV, die Kommunale Wohnungsverwaltung überführt, bezahlt wird das vom Land Bayern, und alle bekommen das Wahlrecht. So erzählen es meine Berliner Freunde.

Was sagt die amerikanische Presse dazu? Gar nichts. Irgendwie hat das noch nicht auf deren Bildschirmen registriert. Das ist merkwürdig, warum bloß? Ich vermute mal, das liegt daran, dass die amerikanische Vorstellung von Berlin noch altertümlicher ist als die von Paris; irgendwie eine Mischung von pickelhaubentragenden preußischen Soldaten und hakenkreuzschwenkenden Nazis, weshalb die New York Times es auch ums Verrecken nicht verstehen will, warum wir nicht schon längst Soldaten an eine der vielen amerikanischen Fronten geschickt haben.

Als Sandra Hüller, die in den Film Vaterland Thomas Manns Tochter Erika spielt, in der Late-Night-Talkshow von Seth Meier auftrat, wunderte sich der, wie jemand, der in Ost-Deutschland geboren wurde, überhaupt Schauspieler werden konnte und außerdem, wie es sie in den Westen verschlagen hat. Hüller war zwölf, als die Mauer fiel. Offenbar lebt Seth Meyer auch in der internationalen Zeitzone, in der sich Amerikaner mental befinden.

Katzenfotos mit Zohran

Die Times hatte immerhin neulich eine Geschichte darüber, dass Sachsen-Anhalt nun keine Stolpersteine mehr verlegen will. Damit hat sich deren Deutschland-Berichterstattung für Oktober erschöpft, und der Hupf zu einer semi-kommunistischen türkischen Bürgermeisterin ist wahrscheinlich einfach zu groß.

Die Times hat immer heftig dafür geworben, dass Deutschland Immigranten aufnimmt und noch mehr Immigranten, dass die Türkei in die EU aufgenommen wird und ist beim Statistiklügen immer brav den Vorgaben linker deutscher Politik gefolgt (oder umgekehrt). Man sollte meinen, nun klopft sie sich selber lautstark auf die Schulter, um den Erfolg zu feiern, aber nein. Wobei ja andererseits auch die Debatte über Antisemitismus bei den Linken und den Clans irgendwie ein Thema sein könnte, aber man muss die Leser da abholen, wo man sie stehen gelassen hat.

Derweil, Frankreich, ein wenig hoffen die Linken und fürchten die MAGAs, dass die Aufstandslust auf Amerika überspringen könnte. Die Demokraten aber wollen viel lieber auf legalistischen Weg an die Macht. Unser muslimischer Bürgermeister, Zohran Mamdani, der neue große Hoffnungsträger der Demokraten, tritt nun mit Katzen auf; erst hat er uns kostenloses Katzenfutter versprochen und nun lässt er sich impfen, damit er sich eine Katze anschaffen kann.

Davon können die Aufständigen in Frankreich noch viel lernen. Und Elif Eralp ebenfalls.

Eva C. Schweitzer

Eva C. Schweitzer pendelt zwischen Berlin und New York, wo sie eine Dissertation über den Times Square verfasst hat; sie arbeitet als Buchautorin und freie Journalistin über Medien, Entertainment und Politik. Ihr letztes Buch war „Links Blinken, rechts abbiegen“ beim Westend Verlag; derzeit schreibt sie ein Buch über die Tucholsky-Familie. Sie leitet auch den Verlag Berlinica Publishing, der Bücher aus Berlin nach New York bringt. Zuvor war sie Redakteurin beim Tagesspiegel in Berlin.
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2 Kommentare

  1. Die einen erkennen revolutionären Geist, die anderen das Ende Europas.

    Vor allem ist Europa des Ende von Eurasien, ein Anhängsel auf der Weltkarte. Aber man sollte nicht vergessen, dass der eine oder andere an einer Sepsis des Appendix (Appendizitis, Blindarmentzündung) verstorben ist.

    Ansonsten hat Frau Schweitzer mit beidem Recht, alles ist irgendwie kompliziert sowie völlig ungelöst.
    Danke für das Status-Update.

    Die Demokraten aber wollen viel lieber auf legalistischen Weg an die Macht.

    Bei „legalistischen Weg“ hab ich gelacht.

  2. Unterhaltsam und hintersinnig wie immer, aber das hier:
    „Natürlich dürfen die Israelfreunde in der Debatte nicht fehlen; die feiern nun gerade einen inneren Reichsparteitag.“
    Nee, sorry, Antizionismus in allen Ehren, aber über dieses Sprachbild im Zusammenhang mit Juden hätte man vielleicht doch noch mal nachdenken wollen.

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