Ein Putinversteher packt aus

Kremlin.ru, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Hat eigentlich je jemals jemanden vorgeworfen, er sei ein Jelzinversteher gewesen? Warum denn nicht? Mit Jelzin fing das Dilemma doch an. Wolf Wetzel über Jelzin, Putin und den Genossen der Bosse.

Wem summt dieses Wort nicht in den Ohren. Es ist zum Schlagwort des Jahres geworden. Das Wort füllt jede Lücke, jede Leerstelle, jeden Hohlkopf.

Zum »Putinversteher« wird man total einfach: Man muss nur der herrschenden Meinung widersprechen. Dazu gehört nicht viel. Wenn man darauf besteht, dass man Zusammenhänge aufdecken muss, dass man politische Hintergründe ins Licht rücken will, dass all das zum ganz normalen Handwerkszeug einer Analyse gehört, dann ist man im Fall Putin ein Putin-Versteher.

Wenn man die Bedingungen erwähnt, die zum Krieg in der Ukraine führten, wenn man davon überzeugt ist, dass nichts vom Himmel fällt, dann ist man ein Putinversteher.

Es ist Zeit, den Etikettenklebern auf die Finger zu hauen (ganz zärtlich und gewaltfrei)

Wer waren denn die Putinversteher in den letzten 20 Jahren?

Ich nicht.

Wer hat denn ausgezeichnete Geschäfte mit »Putin« gemacht?

Ich nicht.

Wem war und ist es dabei völlig egal, ob das geschäftliche Gegenüber ein netter, ehrlicher Mensch ist oder ein Diktator und Folter-Freund? Wer hat von dieser Skrupellosigkeit über 20 Jahre blendend profitiert?

Die Etikettenkleber von heute.

Also alle Parteien, die mit Beginn des 21. Jahrhunderts lukrative Geschäfte mit der russischen Wirtschaft gemacht haben. Sie haben das nicht gemacht, weil Putin ein echt netter kleiner Mann ist, sondern weil der Preis gut war, weil der Profit auf keiner Ethik, auf keinem Menschenrechtsdiskurs fußt, sondern auf einer ganz einfachen Maxime: Billig kaufen – teuer verkaufen – Profit steigern.

Das haben alle Parteien mitgemacht, die heute wie plärrende Kinder »Putinversteher« schreien.

Sie haben allen Grund dazu.

Wenn man Hexen verbrennt, dann kann der Rauch all das vernebeln, wofür man Hexen verbrennt

Die »Putinversteher« haben nicht eine Sekunde Putin falsch verstanden, psychologisch schlecht analysiert. Es waren ihnen scheißegal, was Putin für ein Mensch ist.

Putin ist ihnen so egal wie Jelzin, der 1991 an die Macht kam. Er war ein »Hundesohn« (aber eben unserer), wie der Ex-Diktator Saddam Hussein, der sich von der Leine biss.

Jelzin hat alles verkauft, was nicht niet- und nagelfest war. Er hat die Bevölkerung in den Hunger getrieben und die westlichen Oligarchen (die man hier Wirtschaftskapitäne nennt) steinreich gemacht. Dass auch ein paar einheimische Oligarchen dabei raus kamen, gehört zum Geschäftsmodell. Hat sich damals, nachdem die ehemalige Sowjetunion zum Eldorado für westliches Kapital wurde, jemand aus der politischen Klasse in Deutschland, in der EU, über eine besoffenen Jelzin und ein paar durchgeknallte Oligarchen aufgeregt, für die man Straßenzüge abgesperrt hatte, wenn sie in den Puff fuhren? Nein, ganz oft saß man mit in der Stretchlimousine und genoss dieses russische Abenteuer.

Eine Zeitenwende vor der »Zeitenwende« 2022

Gerhard Schröder war von 1998 bis 2005 SPD-Bundeskanzler. Danach hat ihn der russische Staatskonzern Gazprom für seine politischen Verdienste auch privat honoriert. Nichts Ungewöhnliches, sondern eher ein goldenes Band, das man zwischen der politischen und der ökonomischen Klasse gespannt hat.

Gerhard Schröder wurde lange dafür gelobt, dass er als »Genosse der Bosse« sogar seine eigene sozialdemokratische Partei ruiniert hat. Er, der Sozialdemokrat, hat dafür gesorgt, dass die Gewerkschaften zu Mickymäuse und die Arbeitsverträge »flexibilisiert« also aufgebohrt wurden – zugunsten der Bosse. Die rotgrüne Bundesregierung hat unter Schröder Deutschland zu einem Billiglohnland gemacht. Er hat die Repression nach unten weiter verschärft, indem Harzt I bis IV eingeführt wurden. Kurzum: Schröder hat sich den Beinamen »Genosse der Bosse« redlich verdient – selbst wenn man die Überhöhung mal so stehen lässt.

Aber vielleicht hat er sich den Namen ja auch aus anderen Gründen verdient – tatsächlich als Genosse der Bosse. Denn mit Schröder trat tatsächlich so etwas wie eine Neuausrichtung der Außenpolitik ein. Eine Zeitenwende, was man damals nicht so herausposaunt hatte. Man ging eher still zu Werke. Denn es war in der Tat (gerade auch rückblickend) eine historische Mission.

Am Rockzipfel der USA

Was ihn heute zu einem »Putinversteher« macht, war damals zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Absicht, sich nicht länger und einzig und allein an die USA zu binden – was als »transatlantische Freundschaft« verkitscht wurde. In diese Zeit fiel die Entscheidung der rotgrünen Regierung, sich nicht an dem US-alliierten Krieg gegen den Irak 2003 zu beteiligen. Das war damals eine Sensation, ein Skandal. Man sprach von einem ernsten Zerwürfnis innerhalb des transatlantischen Bündnisses und kündigte schwerwiegende, nicht absehbare Folgen an.

Dahinter stand eine neue imperiale geostrategische Ausrichtung. Der Grundgedanke war einfach und einleuchtend: Nicht länger am Rockzipfel der US-Regierung zu hängen, sondern strategische Spielräume öffnen und nutzen, umso mehr Handlungs- und Entscheidungsmacht zu erlangen.

So kam es auch zu den guten und sehr profitablen wirtschaftlichen Beziehungen. Man kaufte billig Öl und Gas und rechnete sich gute Schnitte dabei aus, wenn man den schwächelnden russischen Bären auf seine Seite zieht und so strategische Alternativen in petto hat. Nicht anders war Nord Stream I und II gedacht: Man bekommt verlässlich und zu billigen Preisen Gas und Öl und macht sich so ein wenig unabhängig von anderen westlichen Lieferanten (allen voran von den USA).

Wenn der Genosse der Bosse geopfert wird

Wenn man heute also Schröder & Co. diesen Handel mit Russland Blauäugigkeit vorwirft, dann ist das an Heuchelei kaum zu überbieten. Bei keinem Barrel Öl ging es um moralische, westliche, höhere Werte. Es ging um einen verdammt guten Preis, der mit gewaltigen Profiten einherging.

Das angebliche Scheitern der Politik, »Wandel durch Handel«, suggeriert, dass man einen Geheimdienstmann zum Kindergärtnern umerziehen wollte und nun dafür teuer bezahlt. Das Gegenteil war der Fall: Man hat wesentlich dazu beigetragen, dass bei der ökonomischen »Osterweiterung« die Jelzins und Putins herausgekommen sind und on the top die angeblich 1.000 bis 2.000 Oligarchen, die der Kapitalismus in Russland steinreich gemacht hat.

Und für noch etwas muss Schröder herhalten: Er muss es aushalten, dass sein Parteisoldat und aktueller Bundeskanzler Olaf Scholz, mit Blick auf die Kriegsbeteiligung an der Seite der USA-Ukraine, von einer »Zeitenwende« fabuliert, die nichts anders ist als ein Rollback.

Gerhard Schröder hat eigene Gründe, nicht alles zu sagen, was dazu zu sagen wäre. Ihm werden sicherlich aber auch Gründe sehr, sehr nahegelegt, über die Details dieser Zeit zu schweigen.

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11 Kommentare

  1. Ich finde schon das es gut gewesen wäre deutlich zu machen wie sich Putin eingebracht hat. Ein wenig dümmlich, immer wieder auf seine Tätigkeit als Geheimdienstler zu fokussieren. Was macht einen Geheimdienstler so besonders?
    Zumindest was er gemacht hat, ist wieder eine Ordnung herzustellen und aus den Staats-Schulden herauszuführen. Was wäre denn gewesen, wenn Russland soviel Schulden wie Deutschland oder Italien hätte. Es wäre, wie die Ukraine, von den Rating Agenturen, auf Ramschniveau herab gesetzt worden.
    Nicht auszudenken, wenn Russland in die Hände des westlichen Kapitals gefallen wäre, dann ist China das nächste Ziel. Ich befürchte, die Chinesen fackeln nicht lange mit der Art der Waffen. Alleine sind die auch nicht wenn sie von den USA drangsaliert werden.

    1. Hallo Peter,
      in dem Beitrag ging es eben nicht darum, was „Putin“ , also die russische Regierung gemacht hat, sondern wie man sich im Westen den „Putin“ zurechtschnitzt, den man zur eigenen Rechtfertigung braucht.

  2. Vielleicht scheint es einigen überheblichen Leuten nicht besonders schlau, dass ein kleiner Mann zu einer politischen Größe werden kann. Bei Schröder mögen sie recht haben. Er war der typische Emporkömmling.
    Putin weiß, was Moral ist. Und nur deshalb hat er so funktioniert. Man lese seine Reden. Die meisten enttäuscht, dass er sich nicht als Zar aufführt, wie sie es gerne an seiner Stelle täten.

  3. Da möchte ich auch die Kritik ausüben.
    „Zum »Putinversteher« wird man total einfach: Man muss nur der herrschenden Meinung widersprechen. Dazu gehört nicht viel. Wenn man darauf besteht, dass man Zusammenhänge aufdecken muss, dass man politische Hintergründe ins Licht rücken will, dass all das zum ganz normalen Handwerkszeug einer Analyse gehört, dann ist man im Fall Putin ein Putin-Versteher. “
    Man kann nicht verstehen, welche Idee hinter dem Artikel vermittelt wird.
    Das man keine andere Meinung haben darf?
    „Wer waren denn die Putinversteher in den letzten 20 Jahren?

    Ich nicht.“
    Oder dass Sie Ihre journalistische Tätigkeiten mit „ganz normalen Handwerkszeug einer Analyse“ nicht ernst nehmen wollen, weil Sie ja zu Putinsversteher nie zugehört haben? Wegen herrschende Meinung…

    Zwei Behauptungen von Ihnen stehen im Wiederspruch.

    In der Artikel zur Behauptungen fehlen seriöse beweisende Argumente mit Links dazu!
    Und jahrelang immer die gleiche Unterstellung, was für böse Mensch Putin ist und diejenige, die mit ihm Geschäfte machen. Kennen Sie ihm persönlich? Haben Sie mit Menschen aus Russland ausführlich gesprochen? Aber bitte nicht die Minderheit der Kritikübende, die höchstens 10 % (die sich als Elite ausgeben und Oligarchen)beträgt. Die repräsentieren das Mehrheit der Bevölkerung mit über 80% nicht!!!!

    Fast alle Medien versuchen den deutschen Lesern die Minderheitsmeinung als Mehrheit zu verkaufen. Und wenn diese Mehrheit sich dann der Minderheit nicht unterwirft, wird sie sanktioniert. Das sind die Prinzipe, die Europa vertritt. Ob das die wirkliche Demokratie ist?

    Korrektur:
    In Russland hat alles nicht mit dem Jelzin angefangen, war schon mindestens 2 Jahren davor, unter Gorbachev. In Grunde genommen ist Gorbachev ein Volksverräter, weil er nach dem Referendum eigenhändig über UdSSR gegen die Ergebnisse/Wille des Volkes entschieden hat. Er hat viele Abkommen mit der Ukraine und andere nicht ratifiziert usw., was ja auch zum Konflikt zwischen der Ukraine und Russland beigeführt hat.

    Ich möchte anmerken, dass der russischer Gas nicht der letzte Rolle für Wohlstand in der Europa und Deutschland und auch für Sie spielte.
    Ein Vergleich rein hypothetisch:
    Sie kaufen ihr leckeres und preiswertes Brot bei dem Bäcker um der Ecke. Dann kommt ein anderer Bäcker und sagt Ihnen, der ist Böse, kaufen Sie beim kein Brot mehr, Sie müssen sich unabhängig machen. Werden Sie anhand der Kenntnisse, dass der anderer sein Konkurrent ist und wollte Ihnen nur ein teureres und schlechteres Brot selber verkaufen und dazu auch sein Bäckerei befindet sich viel weit von Ihnen. Werden Sie dann auf schlechteres Brot Kauf umsteigen um sich von dem bösen Bäcker unabhängig zu machen? Glaube ich nicht!
    Deswegen verstehe ich auch nicht das Kindergartenspiel die Politiker mit der Abhängigkeit von Russland. Deutschland ist abhängig von Gas und Co. Wäre es nicht vernünftiger in Interesse eigenes Volkes zu handeln? Jetzt wird Deutschland vielleicht von Katar, oder Israel, oder USA usw. abhängig. Wo ist Unterschied?
    Ach, ich habe vergessen. Die andere sind guten, haben hoch demokratische Regierungen und sind Klimafreundlich mit Gas Fracking!?

    MfG

    1. Das mit dem Putinversteher und wie man dazu wird ist doch richtig: Wer sich um Sichtweise und Argumente der russischen Seite bemüht ist schon deswegen verdächtig, weil das öffentliche Urteil hierzulande längst feststeht: Die russische Regierung und damit das gesamte Staatswesen widersetzt sich der Unterordnung unter den westlichen Regelkanon. Dieser Staat beharrt auf einer Eigenständigkeit vor allem bei außenpolitischen Ordnungsfragen und der eigenen Militärausstattung, die nicht deckungsgleich mit Nato-Standards sind und auch nicht sein wollen. Das reicht doch fürs Feindbild. Wer da weiterüberlegen will darf das natürlich, aber unter dieser Prämisse. Für alle anderen gibts die Schublade mit der Aufschrift: Belanglos.
      Die Sache verschärft sich natürlich, wenn der Feind Schritte unternimmt, die dessen Eindämmung und Einhegung behindern. Der Ukraine-Einmarsch ist so ein Fall. Jetzt ist die Frage, warum macht der das, nicht mehr nur belanglos sondern überflüssig. Der Feind, der sich dem Nato-Kommando und damit dem westlichen Ordnungsruf entzieht, muss zur Raison gebracht werden – koste es was wolle. Die Gleichungskette Feind, Rechtsbrecher, Vergewaltiger, Irrer verleiht dem Feindbild genau das moralische Gewicht, das aus jedem friedliebenden Bürger den gewaltbereiten Fürsprecher macht.

    2. Danke für die langen Ausführungen. Aber … es ging in dem Beitrag gar nich darum, was die russische Regierng gemacht oder nicht gemacht hat. In meinem Beitrag ging es darum, dass man aus Putin eine Matroschka-Puppe macht, die man selbst an- und auszieht.

      1. Schon klar. Die Frage ist warum die westliche Öffentlichkeit aus dem Mann so eine Matroschka-Puppe macht, was bezwecken die Medien und die staatlichen Meinungsmacher damit, warum fallen Medien und Staat(spropaganda) so auffallend in eins. Es ist einfach ärgerlich, dass ein paar Überlegungen abseits von Mainstream fast schon unter Abstrafung stehen. Diese moralische Empörung ja Militanz gegen jede Prüfung vorherrschender Interpretationen anhand schlichter Kriterien wie Schlüssigkeit oder zurechtgezimmerte Behauptungen, ist praktisch gewordener Zeitgeist.

  4. Putin-Versteher darf man nicht sein, weil man ja Empathie für „den Putin“ aufbringen müsste, indem man sich in seine Situation versetzt. Und so was ist nicht gern gesehen, denn es könnte ja in Sympathie oder Verständnis ausarten.
    So was wollen die Propagandisten nicht und darum bin ich Propaganda-Versteher. Ich kann das nachvollziehen.

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