Der Proteststurm gegen die Documenta 15: Ein Dokument »progressiven« Herrenmenschentums

National Archives and Records Administration, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Der Kampf gegen den Antisemitismus als Regierungsformat bekämpft nicht den Judenhass, sondern schützt imperiale und postkoloniale Verhältnisse.

Wenn es nicht so niederschmetternd wäre, müsste man dankbar sein, über das, was ein Wandbild auf der Documenta 15 in Kassel im Jahre 2022 ausgelöst hat und die VIP-Lounge dahinter zum Toben bringt.

Klar, eigentlich war man ziemlich liberal und offen. Man lud die indonesischen Künstlergruppe Ruangrupa ein, die Documenta 15 zu gestalten. Auch das Thema Kolonialismus war eigentlich nicht so das Problem. Wenn es lange zurückliegt, kann man sich entschuldigen, ein bisschen Raubkunst zurückgeben und daraus auch noch kulturellen Profit generieren: Schaut her, wie offen wir mit unserer kolonialen Vergangenheit umgehen, wie selbstkritisch wir doch sind!

Dann platzte die sehr dünne Blase des Liberalismus: Ein Wandbild erzürnte die doch so Guten.

»Asia«, »Mossad« und »Intel«

Von unzähligen Motiven hat man sich ganz konkret an zweien gestoßen: Das eine zeigt mehrere soldaten-ähnliche Wesen in Uniform. Hinter ihnen stehen oder fliegen Atomraketen. Die drei Soldaten tragen Helme und haben eine schweinsähnliche Nase. Die Soldaten verkörpern ganz offensichtlich die Einmischungen vom Ausland, die Unterstützung für eine blutige Diktatur im Lande. Der erste Soldat trägt als Inschrift »Asia«, der zweite wird mit »Mossad« markiert und trägt ein Halstuch mit einem Davidstern darauf. Der dritte Soldat hat als Namenschild »Intel«, ziemlich leicht als Symbol für die wirtschaftliche Einmischung der USA zu dechiffrieren.

Wie kann man nur ein »Schwein« mit dem Namenszug »Mossad« ausstatten? Wie kann man nur den Mossad, den israelischen Geheimdienst in der indonesischen Diktatur-Geschichte sichtbar machen?

Noch ein zweites Mosaik in diesem Wandgemälde erregte Zorn: Es zeigt eine Person mit Anzug, gezackten Raffzähnen, einer Zigarre im Mundwinkel und SS-Runen auf schwarzer Hutkrempe.

Bezeichnenderweise stand vor allem das erste Mosaik im Schussfeld, das mit dem »Mossad-Schwein«.

Die Künstlergruppe erklärt sich

Wer von den herrschenden Medien geleitet und geführt wird, war tatsächlich auch irritiert. Ich auch. Warum muss man ein Schwein als »Mossad« markieren, was hat der israelische Geheimdienst Mossad in der postkolonialen Geschichte Indonesien zu suchen?

Wenn man keine Ahnung hat und auch nicht nachfragt, wird man schnell im inneren Dialog mit sich zu dem Schluss kommen: Nichts.

Das hat zwar gar nichts mit der Geschichte Indonesiens zu tun, umso mehr mit der eigenen Ignoranz.

Man will sich nicht dabei stören lassen, diese Motive mit antisemitischen Weltbildern und Stereotypen zu verknüpfen, um sich wertegeleitet und völlig entrüstet abzuwenden.

Aber warum hat niemand gefragt, warum die daran beteiligten Künstlerinnen und Künstler dies so gemacht haben? Warum wissen »wir« sofort, was bei denen abgeht? Warum fragen »wir« sie nicht erst, bevor wir sie verurteilen?

Warum wird nicht die Geschichte der Künstlergruppe erzählt, die möglicherweise mehr Erklärungen für diese Motive liefert, als alle empörten Kunstexpertinnen und Kunstexperten zusammen?

»Taring Padi ist eine Gruppe, die sich Ende der 1990er-Jahre gegründet hat, aus der Erfahrung der Diktatur Suhartos, die da gerade zu Ende ging. Das war eine sehr harte Erfahrung für Indonesien: Das war ein Diktator, der als der korrupteste Diktator der Welt galt. Es gab da Massenmorde. Suharto wurde von den westlichen Mächten im Rahmen des Kalten Krieges unterstützt, wie das so oft war bei diesen Regimes. Diese Gruppe nutzt Agitprop-Ästhetik, Karikaturen, sehr politische Zeichnungen und Banner dazu, um Kunst in die Gesellschaft zu tragen.« (Elke Buhr, Chefredakteurin des Kunstmagazins Monopol, im Interview mit dem NDR vom 24.6.2022)

Zensur: Eine deutsche Pflicht

Die Künstlergruppe hatte sich aber auch klar zu dem Banner erklärt und zur Bedeutung von Bildsprache, worauf Elke Buhr mit keinem Wort eingeht:

»Die Banner-Installation People’s Justice (2002) ist Teil einer Kampagne gegen Militarismus und die Gewalt, die wir während der 32-jährigen Militärdiktatur Suhartos in Indonesien erlebt haben und deren Erbe, das sich bis heute auswirkt. Die Darstellung von Militärfiguren auf dem Banner ist Ausdruck dieser Erfahrungen. Alle auf dem Banner abgebildeten Figuren nehmen Bezug auf eine im politischen Kontext Indonesiens verbreitete Symbolik, z. B. für die korrupte Verwaltung, die militärischen Generäle und ihre Soldaten, die als Schwein, Hund und Ratte symbolisiert werden, um ein ausbeuterisches kapitalistisches System und militärische Gewalt zu kritisieren.«

Ist es zu viel verlangt, das Banner in deren politischem Selbstverständnis zu begreifen und zu verstehen? Ja!

Das Bild wurde erst verhüllt. Wenn ich mich recht erinnere, gab es den Vorschlag an die Künstlergruppe Taring Padi, es »nachzuarbeiten«, in Form einer freiwilligen Teilverhüllung. Möglicherweise erkannten die Abmahner, dass man dadurch noch mehr den unverschämten Eingriff erkennen würde. Damit war diese Idee schnell vom Tisch. Wenig später lieferte man bereits den Begleittext zu einem Gemälde, das nun verschwunden ist:

Es handele sich natürlich nicht um Zensur. Es gehe hier um Antisemitismus und sich dagegen zur Wehr zu setzen ist geradezu eine historische, deutsche Pflicht und eben keine Zensur.

Dem schloss sich eine Diskussion an: Nicht über diesen massiven Eingriff, sondern darüber, wer mit dafür mitverantwortlich ist, wen man noch köpfen muss, damit so etwas nie mehr vorkommt.

Vom »Hinterhof« der USA bis zu »Haus und Garten«

Auch wenn es nicht mehr im Gedächtnis sein soll. Das Wandbild soll die koloniale und postkoloniale Geschichte Indonesiens zeigen. Es geht dabei auch um die Diktatur unter General Suharto ab Mitte der 1960er Jahre. Er war der Darling der westlichen »Wertegemeinschaft«:

»Der geballte Westen – angeführt von den USA, Großbritannien, Australien bis hin zur Bundesrepublik und Israel – stand dem Putschgeneral Suharto politisch, wirtschaftlich, militärisch eng zur Seite. Auch und gerade, was die geheimdienstliche Unterstützung seitens eben dieser Staaten betraf. Was aus Sicht von Taring Padi und in deren derber Zurichtung einem »Schweinesystem« entspricht, wo die entsprechenden »Schweine« ungeschminkt als solche dargestellt werden. Was den Mossad betrifft, so verwaltete er nach der Machtübernahme durch General Suharto die Beziehungen Israels zu Indonesien. Das Wissen um die Massaker und die Hintermänner hinderte den Geheimdienst nicht daran, im Rahmen einer geheimen Initiative namens »Haus und Garten« wirtschaftliche und sicherheitspolitische Beziehungen zu dem Militärregime in Jakarta aufzubauen.« (Documenta 15: Enttarnter Antisemitismus oder verkannter Antikommunismus? NachDenkSeiten vom 10.7.2022)

Und was ist mit dem zweiten Mosaik, mit dem Mann im Anzug mit SS-Runen? Warum war diesbezüglich der Proteststurm so leise, ob der Übertreibung, Überzeichnung oder sonstiger Kunstvergehen? Nun, das ist ganz einfach: Man konnte den eigentlichen, politischen Hintergrund nicht ablöschen, mit der Allzweckwaffe »Antisemitismus«.

Warum hat niemand von den Empörten nachgefragt, was es mit der Verquickung auf sich hat? Was hat die SS in den 1960er Jahren in Indonesien zu suchen?

Der ideelle Gesamtnazi in Jakarta

Das wäre doch eine spannende Frage, wenn man bedenkt, dass der deutsche Faschismus eigentlich 1945 besiegt wurde und eine umfassende »Entnazifizierung« eine Wiederholung eines Menschheitsverbrechens verhindern sollte?

Auch das könnte man leicht herausbekommen und zur Diskussion stellen. Dankenswerterweise hat dies Rainer Werning getan: Man kann diese »Andeutung« zum Beispiel mit dem Rudolf Oebsger-Röder in Verbindung bringen. Er war ein glühender Ex-Nazi und SS-Obersturmbannführer. Nach 1945, die angebliche die »Stunde Null« markieren soll, machte er einfach weiter, im Schutz eines anderen hohen Nazis, der es sofort zu ganz viel gebracht hatte: Reinhard Gehlen, ehemaliger Geheimdienstmann im Dritten Reich. Bruch- und nahtlos ging es weiter: Es wurde nach seinem Namen die »Organisation Gehlen« gegründet, die Vorläuferorganisation des deutschen Auslandsgeheimdienstes BND. Dort fand auch Rudolf Oebsger-Röder eine neue/alte Heimat: Er arbeitete »in Jakarta unter dem Namen O. G. Roeder sowohl als BND-Mitarbeiter als auch als Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung. In der indonesischen Metropole gelang es ihm, sozusagen als ideeller Gesamtnazi auf dem Archipel, Zugang zu Suharto zu finden und als dessen Berater und Biograph zu wirken.« (s.o.)

Was mit diesem Wandbild sichtbar gemacht werden sollte, sind die vielen Beteiligten, die für die Aufrechterhaltung postkolonialer Verhältnisse gesorgt haben, allen voran die »Wertegemeinschaft«, die jetzt für die Freiheit der Ukraine kämpfen will. Dieses Wandbild macht sichtbar, dass neben der US-Regierung auch die israelische Regierung das diktatorische Regime unterstützt hat.

Multikulti-Staatsverbrecher

Das ist genau das Gegenteil von den Grundaxiomen des Antisemitismus: In diesen macht man »den Juden« für alles verantwortlich, was mit ihnen nicht das Geringste zu tun hat. Im Antisemitismus imaginiert man die Allmacht der Juden, um die wirklichen Machtverhältnisse zu verschleiern.

All das ist in diesem sehr konkreten Fall nicht der Fall: Der Davidstern steht eben nicht für eine imaginäre Macht, sondern für das sehr konkrete Engagement der israelischen Regierung an der Seite einer Diktatur. Ihre Beteiligung an Staatsverbrechen wird nicht als einzigartig dargestellt, um so von allen anderen Beteiligten abzulenken. Genau das Gegenteil zeigt das Bild: Der israelische Staat steht in Reih und Glied mit anderen, die eine der blutigsten Diktaturen nach 1945 mitunterstützt haben.

Wenn all das zur Sprache kommen würde, also auch die aktive Beteiligung westlicher »Demokratien« an der mehr als 30 Jahre währenden Diktatur in Indonesien, die 500.000 Menschen das Leben gekostet hat, dann ließe sich ohne Fehl- und Querpässe auch über Schweine als »Sinnbild« für böse Menschen reden und über miss/gelungene und/oder antisemitische »Bildsprache«. Aber eben auch über das, was das Wandbild als Überschrift trägt:

»The expansion of multicultural state hegemony.«

Kann es etwa sein, dass genau dieser Titel die Fassade der Multikulturellen in Deutschland so richtig angeätzt hat. »Multikulturalität« als Aushängeschild für unentwegte westliche Dominanz und Hegemonieansprüche? Im Namen all jener, die heute mehr denn je, mehr Diversität im Ich-Sein mit ganz viel Krieg fürs Wir-Sein zusammenbringen.

Der Vorwurf, das Wandbild verbreite antisemitische Stereotype deckt nicht antisemitische Denk- und Handlungsweisen auf – er deckt vielmehr die postkoloniale und imperiale Gegenwart in Indonesien zu, schützt nicht die Opfer von Verfolgung und Diktaturen, sondern die Mit-Täter und Mitläufer, in Indonesien … und in Deutschland.

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23 Kommentare

  1. Dank an Wolf Wetzel für den guten Artikel und an Wolfgang Koethe für den weiterführenden Link. Beide Artikel haben mir als ausgewiesenen „Kunstbanausen“ weiter geholfen. Diese Hintergrundinformationen hatte/ kannte ich nicht.

    Was mir dabei wieder mal auffällt, ist das „Zweierlei Maß“ wie heute mit dem Thema „Antisemitismus“, „Fremdenhas & -feindlichkeit“, „Rassismus2, „durch Weglassen hier mit Unterdückung umgegangen wird“. Auf der einen Seite eine linke indonesische Künstlerkollektiv Taring Padi die sich für ein 20 Jahre altes Monumentalbilds „People’s Justice“ aufgehangen auf der Documenta fifteen welche sich für die möglichen Missverständnisse entschuldigt und trotzdem abgehangen, von der Ausstellung aus Kassel verbannt wird und auf der anderen Seite ein ukrainischer Botschafter Andrij Melnyk welcher in einem Interview (1) mit Tilo Jung den Holokaust( Massenmord von Juden und Polen in Verantwortung mit S. Bandera abgestritten, verleugnet hat. Andrij Melnyk hat sich mehrfach in diesem Gespräch mit Tilo Jung geweigert, Bandera dafür zu kritisieren/ zu verurteilen. Er leugnet historisch anerkannte Tatsachen.
    Man vergleiche jetzt mal bei diesen beiden öffentlichen Ereignissen die Reaktionen der MSM und der politisch Verantwortlichen (Stadt Kassel und Bundesregierung). Bei linke indonesische Künstlerkollektiv Taring Padi (3) erzwingt man eine Entschuldigung und trotzdem wird das Kunstwerk abgehängt. A.Melnyk entschuldigt sich nicht und die Bundesregierung schickt ihn ( im Gegensatz zu den Indonesiern) nicht nach Hause.

    Doppelmoral!!! Doppelmoral!!! Doppelmoral!!!

    Und dies Doppelmoral wird seid 32 Jahren, also solange ich in diesem Land lebe von Jahr zu Jahr immer schlimmer. Und unser Journalismus in den MSM sieht das nicht. Ein Beispiel aus der letzten Woche die Lanzsendung mit Precht (2). Meine Einschätzung über diese Propagandasendung finden Sie bereitsam 14. Juli 2022 um 9:36 Uhr in diesem Forum (4).

    (1) https://www.youtube.com/watch?v=ssC24PVtOTY
    ganzes Video: https://www.youtube.com/watch?v=JVEGR7apzoI
    (2) https://www.youtube.com/watch?v=z5Yjk0EmA14&t=9s
    (3) https://www.bild.de/politik/2022/politik/nach-antisemitismus-vorwuerfen-banner-auf-documenta-wird-verdeckt-80460904.bild.html
    (4) https://overton-magazin.de/krass-konkret/ein-aufruf-der-prominenz-ein-denkanstoss-der-keinen-anstoss-erregen-will/

    1. Vielen Dank für Ihre wohlwollenden Worte. Ja, ich bin auch kein „Kunstexperte“ und musste mich da reinfinden, was aber kein Problem ist, wenn man Affekt-Politik nicht mag. Und ihr Vergleich mit dem Semi-Faschisten Andrij Melnyk ist hilfreich, weil es doch zeigt, dass man hier – in der politischen Klasse – überhaupt kein Problem mit Semi/Post-Faschisten hat und der „Kampf gegen den Antisemitismus“ eine Heuchelei ohnes gleichen ist. Es ganz wichtig, genau hier nicht zu schweigen.

      1. Auch von mir Dank für den Artikel . Dachte schon, dass niemand diese Scheinheiligkeit stört. Kann nur empfehlen, bis Ende September hinzufahren und sich selbst ein Bild zu machen. Ich werd es auch tun, denn selten war eine Documenta so frei von hochgeputschten westlichen Kuststars.
        Es hatte übrigens mit BDS angefangen, lange vor der Eröffnung kamen die ersten Beschwerden und Mäkeleien.

  2. In Deutschland würden die Politiker, die die folgenden Äußerungen taten, vom Staatschutz verfolgt. „Lasst uns heute die Mörder nicht verdammen. Was wissen wir denn von ihrem grausamen Hass auf uns? Sie müssen seit acht Jahren in den Flüchtlingslagern des Gazastreifens leben, während wir, gleichsam unter ihren Augen, das Land, auf dem sie und ihre Vorfahren lebten, zu dem unseren machen…“ (Moshe Dayan, zitiert nach Fischer Weltgeschichte 36 S. 191) Moshe Dayan folgert: „Wir sind eine Siedlergeneration, die ohne Helm und Gewehr keinen Baum pflanzen und kein Haus bauen kann.“
    „Wenn hier Palästina ist, dann gehört das Land dem Volk, das hier lebte, bevor sie gekommen sind. Nur wenn hier Erez Israel ist, haben sie das Recht, in Ein Hakohoresh und Degana zu leben.“
    (Menachem Begin, zitiert nach Fischer Weltgeschichte 36 S. 175)
    Für Dayan scheint die Landnahme auf Notwendigkeit und dem Recht des Stärkeren zu beruhen, für Begin ist sie religiös motiviert. Vor diesen Haltungen müssen die Rechte der Palästinenser anscheinend zurückgestellt werden. Dayan versteht immerhin, dass sich die Palästinenser dagegen wehren. Auch muss eine Wiederbesiedlung Israels mit billigen palästinensischen Arbeitskräften verhindert werden, indem sie in ihren jetzigen Gebieten zurückgehalten werden. Als logische Folge sind die Israelis auf die wirtschaftliche und militärische Unterstützung der USA angewiesen. Deshalb sind sie der loyalste Bundesgenosse der USA. Wer dafür wenig Verständnis hat, gilt bei uns als Antisemit.

    1. Es gehört zur deutschen Staatraison, dass ein Angriffskrieg Israels, wie der 1968, kein Angriffskrieg ist, sondern eingedeutscht , als „Blitzkrieg“ gefeiert wird. Erst wenn dies zusammen diskutiert wird, zusammen gedacht wird, wird die Heuchelei über Angriffskriege, über das Recht des Stärkeren, sichtbar … und unerträglich.

  3. Es ging wohl eine Welle durch die Gemeinde als das unbotmäßige Kunstwerk bekannt wurde. Getroffene Hunde bellen.

  4. Dank an Wetzel für die Hintergrundinformationen, die mir zeigen, dass auch meine Rezeption des Wimmelbildes bzw. der beiden inkriminierten Details, trotz meiner Kritik an der offiziell deutschen Entrüstung, eine durchaus arrogante war, die ich nun korrigieren muss.

    Allerdings bleibt zu sagen, dass eine Trigger-Warnung, unter Hinweis auf den historischen Hintergrund, der westlicher Allgemeinheit weitestgehend unbekannt und auch politisch Interssierten, gar kritischen Menschen nur in vagen Umrissen bekannt ist, notwendig gewesen wäre. Es handelt sich um eine Art Agitprop-Objekt, das ausserhalb seines Ursprungslandes, also etwa auch in Australien, wo es auch schon ausgestellt wurde, nur bruchstückhaft lesbar ist. Ob es als solches in eine Kunstausstellung gehört, sollte ebenfalls zur Diskussion gestellt werden.

  5. Danke für diese Überlegungen. Es ist keine Frage, dass manche Bildsprache mich ganz und gar nicht erreicht oder gar eher abstößt, weil – und das gilt univerell – Bildsprache keine deutschen, keinen westeuropäischen Hoheitsanspruch hat, sondern eine universell ist (also sein sollte). Also muss man fragen, wie es die KünstlerInnen gemeint haben? Bevor man weiß, was sie dazu bewogen hat. Das ist Herrschaftsdenken par exellance. Und niemand fragt: Wenn die Bildsprache antisemitische Stereotype wachruft, dann frage ich doch als nächstes: Was machen die KünsterInnen in der Praxis, in ihrem Alltag? Juden verfolgen, die Juden für alles Übel in der Welt verantwortlich machen? Warum interessiert das niemand, fast niemand?

  6. Ich bin überfordert, was da alle gefordert wird. Ich weiß auch nichts von den vielen regionalen Aufarbeitungen der eigenen Geschichte durch Handlungen, die Kunst sein sollen. Da hat der Kapitalismus den Erdball mit überzogen und als Siegermacht bestimmt er auch, was in die Köpfe der Menschen gepflanzt wird. Deshalb ist es für mich immer wichtig Erklärungen zu haben, die mich durch meine Dunkelheit sehen lassen. Dazu gehören auch die bisherigen Einlassungen aller, lange nicht so eine Lebendigkeit erlebt.
    „Wenn es nicht so niederschmetternd wäre, müsste man dankbar sein, über das, was ein Wandbild auf der Documenta 15 in Kassel im Jahre 2022 ausgelöst hat und die VIP-Lounge dahinter zum Toben bringt.“
    ich bin der „man“ der dankbar ist. Es wird immer so sein, wenn etwas von Bedeutung aufgedeckt wird, dass es niederschmetternd ist. Das sollte nicht schrecken. (Erinnerung an Assange) Es zeigt sich auch, wer die Guten nicht sind.
    Mit welcher Arroganz ist die Ausstellungsleitung mit der Geschichte und Kunst der Eingeladenen umgegangen? Bei so einem Bild hätte ich als Laie nachgefragt und entschuldigen hätten sie lange nicht. Wo waren die regelbasierten Parteien?
    Warum das? „Warum fragen »wir« sie nicht erst, bevor wir sie verurteilen?“ Wozu verurteilen, das bei Kunst? Eventuell hätten sie Satire dranschreiben sollen?
    Ganz genau…. „Der Vorwurf, das Wandbild verbreite antisemitische Stereotype deckt nicht antisemitische Denk- und Handlungsweisen auf – er deckt vielmehr die postkoloniale und imperiale Gegenwart in Indonesien zu, schützt nicht die Opfer von Verfolgung und Diktaturen, sondern die Mit-Täter und Mitläufer, in Indonesien … und in Deutschland.“

    1. Vielen Dank für Ihr Einfühlungsvermögen. Ich bin selbst fassungslos, wie dumm und einfältig Vorwürfe gemacht werden, als wären Begründungen abgeschafft worden. Aber es ist eben die „Macht“ der Schweigenden, die das möglich macht.

      1. Nichtwissen kann man leicht als Waffe einsetzen.

        Die USA und auch viele europäische Staaten haben nicht das beste Bildungssystem. Oder anders ausgedrückt, diese Länder sparen nicht Jahr für Jahr an der Bildung, weil das Geld fehlt. Da gibt es andere Gründe.

  7. Lieber Herr Wetzel,
    vielen Dank für Ihren erhellenden Artikel. Ich habe nur eine kleine Illustration zum indonesisch-deutschen Verhältnis und der entsprechenden Anspielungen in dem besagten Kunstwerk: 1966 ich absolvierte während der Semesterferien eine Reserveübung bei einer Bundeswehr-Panzerdivision. Eines Tages erschienen im Offizierskasino mehrere indonesische Stabsoffiziere. Sie wurden vom Kommandeur offiziell als Gäste der Bundeswehr begrüßt. Ich war ein junger Reserveleutnant und wusste nichts über die Hintergründe des Militärputschs, geschweige denn des Massakers, einem organisierten Massenmord an ungefähr einer Million Menschen, vor allem tatsächlichen und angeblichen Kommunisten und Angehörigen der chinesischen Minderheit durch das indonesische Militär. Aber ich erinnere mich daran, dass der Kommandeur dessen Repräsentanten herzlich willkommen hieß und sein wohlwollendes Verständnis äußerte für deren (sinngemäß) Bewährung in der „schweren Zeit“, die sie gerade hinter sich gebracht hatten. Ich habe erst später verstanden, was es damit auf sich hatte. Wie man sieht, waren die Deutschen – damals wie heute – immer schon „solidarisch“ – und immer mit der falschen Seite.
    Viele Grüße
    Hagen

  8. Die Mossad-Figur ist – neben den anderen Geheimdienst-Figuren – ja relativ leicht einzuordnen, wenn man nur ein wenig zum Suharto-Putsch von 1965 nachliest und erfährt, dass die massenmörderische indonesische Militärdiktatur eben auch vom israelischen Staat unterstützt wurde.

    Merkwürdigerweise wird die zweite inkriminierte Figur irreführend bzw. zu direkt interpretiert, jedenfalls in meinen Augen. Der Figur mit (möglicherweise) Schäfenlocken und Melone, auf der zwei S-Runen prangen, steckt doch erstens eindeutig ein Joint im Mund. Ein Haschisch rauchender jüdischer Nazi?
    Und zweitens ist sie umgeben von Figuren, die keineswegs direkte Repression symbolisieren: einem fast nackten „Akrobaten“, der auf Händen auf einem Einkaufswagen steht und dabei an einem Nuckel saugt (Infantilismus?), einer einäugigen Figur, die dem Startreck-Universum entsprungen sein könnte, einem Preisboxer und anderen „Party People“ wie zwei Clowns, die die Sprechblase „Don’t worry, be happy“ von sich geben.

    Was sollte denn dieses Figurenensemble symbolisieren, wenn nicht die nihilistische us-amerikanisch-westeuropäische „Populärkultur“ bzw. Kulturindustrie, die eben im Gegensatz steht bzw. stehen soll zur „Volkskultur“, die uns im rechten Teil des Triptychons vorgeführt wird?
    Der Nihilismus der Pop-Kultur besteht doch u.a. gerade darin, dass (politische) Symbole depotenziert werden, symbolische Gegensätze eingeebnet werden, was eben in den letzten Jahrzehnten gerade auch anhand der Nazi-Symbolik vorgeführt wurde.
    Man lese dazu beispielweise „When pop music’s fascination with Nazi symbols and history went way over the line“.
    > https://forward.com/culture/music/481040/punk-nazi-symbols-third-reich-sex-pistols-joy-division-damned-dead/

    Mit anderen Worten: Trüge die Melone der Figur die Aufschrift „Kiss“ (mit zwei Runen-S), so hätte niemand auch nur gestutzt, OBWOHL die Rockgruppe „Kiss“ selbst bei der von ihr gewählten Schreibweise ihres Bandnamens offenkundig mit Nazi-Symbolik spielte. Aber daran „haben wir uns gewöhnt“, „weil es nichts weiter bedeutet“.
    So funktioniert das in der Postmoderne und darum scheint mir im weitesten Sinne zu gehen.
    „Don’t worry, be happy“.

  9. „Der »Judenstern« steht eben nicht für eine imaginäre Macht, sondern für das sehr konkrete Engagement der israelischen Regierung an der Seite einer Diktatur.“

    Eben deshalb sollte man nicht von Judenstern reden, sondern von dem Davidstern, der zentraler Punkt der israelischen Flagge ist. Genau das ist das Symbol.
    Tatsächlich ist die ganze „Diskussion“ von einer massiven Projektion getrieben, denn die Bilder sind ja im Kopf der Ankläger, die damit eigentlich noch immer ihre latent antisemitische als betont philosemitische larvierte Denkweise verraten, die da als Reaktionsbildung daher kommt.
    Es gibt einen sehr guten Artikel von Charlotte Wiedemann im Medico-Blog https://www.medico.de/blog/holocaust-und-weltgedaechtnis-18713
    und einen weiteren guten Artikel von Georg Diez in der sonst nur noch gruseligen TAZ, der aufzeigt, wie weit diese Diffamierung inzwischen geht, denn jetzt werden auch die Initiatoren der fast nur jüdisch besetzten Veranstaltung Hijacking Memory diffamiert. https://taz.de/Kontroverse-um-die-Documenta15/!5865715/

    1. Vielen Dank für den Einwand. Ich hatte selbst diese doppeldeutige Geschichte des „Judensternes“ im Kopf und würde in Ruhe tatsächlich vom „Davidstern“ reden, da es sich eindeutlich um das Symbol des israelischen Staates handelt, worauf sich dieses Mosaik bezieht. Vielen Dank.

    2. Noch eine kleine Ergänzung. Wir haben die Bezeichnung „Judenstern“ herausgenommen, denn er beinhaltet ja bereits eine Vergiftung. Tatsächlich geht es bei dem Soldaten auf dem Wandbild ja um einen Geheimagenten (Mossad) , der für den israelischen Staat tätig ist, also ist der Davidstern seine adäquate Markierung.
      Danke nchmals für diesen Hinweis!

  10. Das einzige, was mir zu diesem ganzen Zirkus einfiel:

    Jetzt wollen die Nachkommen der Täter auch noch den Nachkommen der Opfer vorschreiben, wie Letztere ihr Trauma zu bewältigen haben – schließlich haben Erstere das doch beispielhaft vorgemacht; und an deren Wesen MUSS die Welt einfach genesen. Und ist sie nicht willig………

    Man kann gar nicht soviel k……..

  11. Der faschistische Faden zieht sich durch bis zum heutigen Tag.
    Russland führt eine Operation durch den Faschismus zu beenden und hier sind auch die Parallelen zu ziehen, denn dieser Zirkel von Personen hat weitreichende Räume besetzt von damals bis heute.
    Steht die Ermordung JFK im Zusammenhang? Was geschah damals mit den „Green Hilton Abkommen“?

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