Der Holocaust gehört uns!

Enger Gang innerhalb des Holocaust-Mahnmals in Berlin.
Joseolgon, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Sie sind in ständiger Rufbereitschaft. Wenn sie angepiepst werden, sind die sofort zur Stelle: Sie sperren das Gelände weiträumig ab, markieren die Gefahrenstelle mit einem rotweißen Flatterband und organisieren Umleitungen. Je nach Schwere des Ereignisses stellen sie auch Sichtblenden auf.

Dieses Mal ist der Trupp (den man auch unter Eingeweihten »Holo-Wächter« nennt) ausgerückt, nachdem der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas eine Provokation mit einer Provokation beantwortet hatte. In der gut kontrollierten Pressekonferenz in Berlin am 16. August 2022 hat man genau diese Frage an Herrn Abbas stellen lassen:

»Abbas wird gefragt, ob er sich anlässlich des 50. Jahrestag des Olympia-Attentates entschuldigen wolle. Ein palästinensisches Kommando nahm mitten im olympischen Dorf in München israelische Sportler als Geisel. Im Laufe der Geiselnahme waren alle elf Geiseln getötet worden.« (ZDF vom 17.8.2022)

Mahmud Abbas antwortete:

»Israel hat seit 1947 bis zum heutigen Tag 50 Massaker in 50 palästinensischen Orten begangen – 50 Massaker, 50 Holocausts.«

Danach ging alles wie am Schnürchen.

Was hat Abbas gesagt?

Es folgte die nächste Welle. Man zeigte sich empört, sehr empört. Man hielt das Gesagte, also den einen Satz für unerträglich. Man forderte Konsequenzen. Köpfe sollten rollen und parallel dazu sollten die Gelder, die Deutschland für die palästinensische Autonomiebehörde bereitstellt, gestrichen werden.

Diese zweite Welle ist prominent besetzt und erinnert sich – im Gegensatz zu anderen Gelegenheiten – sofort. Deutschland habe eine historische Verantwortung, dürfe Holocaustleugnern nicht dulden, dürfe kein Platz für Relativierung des Holocaust sein.

Die Wirkung ist erprobt und immer dieselbe: Man fragt am besten erst gar nicht nach. Was hat Abbas gesagt, außer dem einen Satz? Gab es diese erwähnten 50 Massaker in 50 palästinensischen Orten, seit 1947, unter Führung der israelischen Armee?

Was veranlasst Mahmud Abbas, diese Massaker mit dem Holocaust zu vergleichen? Worauf will er – selbst wenn der Vergleich falsch ist – aufmerksam machen?

Haben 50 Massaker stattgefunden?

All das wurde nicht gefragt. All das spielt keine Rolle. All das soll eben nicht zur Sprache kommen. Und fast alle machen brav mit. Die einen, weil sie wissen, was die Staatsraison von ihnen verlangt. Die anderen, weil man sich jetzt bloß nicht Finger verbrennen will, womit ein bisschen mehr gemeint ist, unter anderem die Karriere, das auskömmliche Auskommen.

Das Stadion der organisierten Empörung hat sich längt geleert. Man hat fast alles erreicht. Über die vielen Fragen, denen man nachgehen müsste, liegt längst der Löschschaum der Sieger.

Fangen wir an –  wir sind in diesem Stadion so gut wie alleine.

Haben diese erwähnten 50 Massaker stattgefunden? Ja. Es gehört zu den großen Verdiensten israelischer Historiker und Wissenschaftler, dass sie Mitte der 1980er Jahre die eigene »dunkle« Geschichte der Staatsgründung und der Staatswerdung aufgearbeitet haben – gegen die eigene Legendenbildung, die mit der Okkupation palästinensischer Gebiete einherging. Dazu gehörte die Legende, man habe staubiges unbewohntes Land vorgefunden. Dazu gehört, dass die »Araber« freiwillig ihr Land verlassen haben. Dazu gehört die Lüge, dass sich die Israelis nur gewehrt hätten, nachdem sie von »Arabern« angegriffen worden seien.

Man kann diese ausgezeichneten Arbeiten nur allen ans Herz legen, die nicht wegrennen, wenn die »Holo-Wächter« auftauchen:

»Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung«, Tom Segev, Rowohlt, 1995

»Es war einmal ein Palästina. Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels«, Tom Segev, Siedler Verlag, 1990

Ja, das sind jeweils Werke mit über 600 Seiten. Mehr als der eine Satz. Aber an der Zeit soll es nicht scheitern.

Die zweite Frage wäre dann, ob man die erwähnten Massaker mit dem Holocaust vergleichen kann.

Jedes Kollektiv hat sein eigenes Trauma

Für mich selbst ist die Dimension des Verbrechens der Shoa so unfassbar groß, dass ich mich innerlich sträube, ein Ereignis in diese Nähe zu rücken. Das fällt mir aber auch leicht, denn ich lebe in Deutschland nicht in einem Zustand, wo der Krieg mehr Alltag als der Frieden hat, wo mehr gestorben als gelebt wird.

Ob Mahmud Abbas ganz andere Erfahrungen gemacht hat, die ihn zu diesem Vergleich drängen, kann ich nicht sagen.

Moshe Zuckermann, für den der Holocaust, also die industrielle Ermordung von Juden, ihre gezielte Ausrottung ein singuläres Ereignis darstellt, kann dennoch verstehen, wenn sich andere nicht daran halten – nicht aus Berechnung, sondern in dem Versuch, das eigene Leid einzuordnen. Er beschreibt dies mit folgender Begegnung:

»Ein deutscher Professor, der in den 1990er Jahren einen Lehrauftrag in Hawaii wahrgenommen hat, erzählte mir, dass er im Unterricht versuchte, den Holocaust zum universellen Paradigma menschlicher Leiderfahrung zu erheben. Die Reaktion seiner Studenten hatte er nicht erwartet: Die Schwarzen wollten, dass man über die Sklaverei redet. Die Roten hoben den an den Indianern begangenen Völkermord hervor. Die japanischen Gelben wollten, dass man Hiroshima und Nagasaki thematisiert. Die chinesischen Gelben beklagten die Gräueltaten, die von den Japanern an ihnen im Zweiten Weltkrieg verübt worden waren. Jedes Kollektiv, so schien es, hatte seine eigenen Traumata. Jedes hatte seinen eigenen Holocaust.«

Nähern wir uns dem, was die »Holo-Wächter« zum Schweigen bringen wollen.

Nehmen wir an, der hier gemachte Vergleich ist anmaßend und/oder falsch, dann leugnet Abbas doch damit nicht den Holocaust, sondern relativiert ihn im schlimmsten Fall.

Genau das aber ist nicht singulär, sondern eine inflationäre Praxis, die gerade von denen beherrscht wird, die die Geschichte wie eine Munitionskiste benutzen.

Über die Gerechten und die Scheinheiligen

Die Relativierung des Holocaust wird seit Jahrzehnten betrieben, sehr staatsmännisch und sehr gekonnt, gerade von denen, die sich über Abbas das Maul zerreißen.

Wie wäre es, wenn die Gerechten und die Selbstgerechten in dieser Welt, mit jüdischer und nicht-jüdischer Geschichte, sich selbst anschauen und rekapitulieren, wie oft sie den Holocaust relativiert haben, indem sie ihn für politische Zwecke instrumentalisieren?

Greifen wir ein paar Bespiele heraus.

Im Vorlauf zum Sechs-Tage-Krieg 1967, den man in Deutschland gerne als »Blitzkrieg« verehrt hat, im völkerrechtlichen Sinne ein israelischer Angriffskrieg war, wurden die Gegner Israels mit Hitler verglichen. Der bekannte Kommentator und ehemalige Mapai-Abgeordnete Elieser Livneh formulierte das in Haaretz so: »Auf den Spiel steht die Existenz oder Nicht-Existenz des jüdischen Volkes. Wir müssen die Machenschaften des neuen Hitler im Keim ersticken, solange es noch möglich ist …« (Tom Segev, Die siebte Million, S.514)

Der »neue Hitler« sollte der ägyptische Staatspräsident Gamal Abdel Nasser sein.

Während des Libanonkrieges 1982 erklärte der israelische Ministerpräsident Menachem Begin, die Alternative zur israelischen Besatzung in Beirut sei ein neues Treblinka. Um die Einebnung von Geschichte komplett zu machen, wollte Menachem Begin auch Arafat zum »Hitler« machen und als »Biest auf vier Beinen« gesehen haben. Anlässlich der Bombardierung von Beirut 1982 wurde der dortige Bunker von PLO-Chef Jassir Arafat in Israel folgerichtig als »Hitler- bzw. Führerbunker« tituliert und Begin wollte »Hitler aus seinem Bunker« holen.

Nie wieder Auschwitz!

Die Relativierung und Instrumentalisierung machte nicht einmal vor inner-israelischen Machtkämpfen Halt: So schreibt David Ben Gurion in seiner Biographie, dass er, wenn er die krächzende Stimme seines politischen Rivalen Begin im Radio hörte, an Adolf Hitler denken musste. Und als der israelische Ministerpräsident Rabin in den 1980er Jahren Friedensverhandlungen mit der PLO einleitete, wurde er von seinen religiös-orthodoxen und reaktionären Gegnern als Puppe in SS-Uniform durch die Straßen (vor-)geführt.

1999 war es der grüne deutsche Außenminister Joschka Fischer, der den ersten deutschen Angriffskrieg nach 1945 gegen Jugoslawien auf dem Grünen Sonderparteitag am 13. Mai 1999 wie folgt legitimierte: »Aber ich stehe auf zwei Grundsätzen: Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz; nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen.«

Auch der sozialdemokratische Verteidigungsminister Scharping wähnte sich im Kampf gegen Nazi-Deutschland, dieses Mal auf der richtigen Seite, als er im Stadion in Pristina ein KZ ausfindig machte. Plötzlich waren alle Antifaschisten und Nazigegner, auch die BILD-Zeitung: Am 1. April 1999 wartete sie mit der »Riesenschlagzeile »… sie treiben sie ins KZ« auf. Darunter war ein Foto mit Flüchtlingen auf dem Weg zur mazedonischen Grenze zu sehen.« (Der Kosovo, die UCK und Psdychedelia à la Rudolf Scharping, Telepolis, 10. Juni 2001)

Die ganze Debatte um die richtige Einordung des Holocaust ist also kein palästinensisches Problem, sondern ein machtpolitisches!

Der Relativierungsvorwurf als Blendgranate

Aber worum ging es, als der palästinensische Präsident auf die Kriegsverbrechen Israels aufmerksam gemacht, auf das dauerhafte Schweigen der »Wertegemeinschaft«, auf ihre Komplizenschaft.

Es gäbe doch keine bessere und ehrenhaftere Gelegenheit, am Israel-Palästina-Konflikt den heutigen Wertekanon zu überprüfen.

Seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine 2022 hören wir von den »Gerechten« und Selbstgerechten erstaunliches: Man dürfe nicht zulassen, dass die Gewalt des Stärkeren über dem Recht triumphiere. Man dürfe nicht zulassen, dass Grenzen aufgrund von irgendwelchen historischen Verweisen verschoben werden.

Man dürfe auf keinen Fall einen Angriffskrieg rechtfertigen und hinnehmen.

Imperiale Empörung

Warum werden diese Maxime, die durchaus etwas für sich haben, nicht überall angewandt, stattdessen recht exklusiv und selektiv, so wie es einem passt?

Abbas hat in seiner Rede vor allem auf die 60 Jahre währende Geschichte der Unterdrückung verwiesen, Er hat die Besatzung gemeint, die de facto Grenzen verschoben hat. Er hat die Gewalt des Stärkeren angeprangert, der Krieg führen, der Grenzen verschieben, Annexionen betreiben kann und bei all dem den Schutz der Gerechten und Selbstgerechten genießt.

Ist das Leben, das schiere Überleben von Palästinenserinnen im Gazastreifen, in den besetzten Gebieten, in permanenter Kriegsgefahr ein untragbarer Zustand, der besser wird, wenn er nicht mit dem Holocaust vergleichbar ist?

Die Empörung über Abbas Einordnung der Massaker in die Geschichte der Menschheit hat einen sehr niederträchtigen Grund: Man möchte die Diskussion darüber, dass alles, was man Russland heute vorwirft, selbstverständlicher Bestandteil imperialen Politik ist, zum Schweigen bringen.

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19 Kommentare

  1. Rechtzeitig hatten schon ein paar ex polit Grössen sich zum doppelten Standard, geäussert. So nach dem Motto, Gesetze gelten für andere, aber nicht für uns.

    1. Als Ergänzung
      Aus RT, Timing of US drone delivery to Ukraine revealed
      Kamikaze Drohnen für die Ukraine
      Quote
      Last month, Ukrainian Defense Minister Aleksey Reznikov called on nations arming his country to send new advanced weapon systems so they can be put to the test in live combat.

      “We are sharing all the information and experience with our partners. We are interested in testing modern systems in the fight against the enemy and we are inviting the arms manufacturers to test their new products here,” Reznikov said at the time.
      Unquote

  2. In einem anderen Blog (Neulandrebellen) hatte ich geschrieben:
    „Ich muss sagen, dass mich schon der Terminus „Holocaust“ schon immer befremdet hat. Der Ursprung ist eine kitschige Hollywood-Fernsehproduktion über eine fiktive deutsch-jüdische Familie, fiktive Erlebnisse um das reale historische Geschehen, fiktive SSler und Nazis, alles ziemlich weit weg von der historischen Realität, nicht ohne einen Schuss Antikommunismus. Aber ok, für den historisch unbedarften Fernsehkonsumenten wird das furchtbare Geschehen emotional bewegend vermittelt, professionell und manipulativ.

    Deshalb hat auch der „Holocaust“-Terminus den in deutschjüdischen und europäisch-antifaschistischen Kreisen verbreiteten Terminus „Auschwitz“ als pars pro toto für die industrielle Massenvernichtung ebenso verdrängt und ersetzt wie den in westeuropäisch und israelischjüdischen Gemeinschaften [verbreiteten] Begriff Shoah. Die gleichnamige erschütternde und geschehenstreue Dokumentation von Claude Lanzmann hatte keine Chance gegen den Hollywood-Kitsch.

    Noch weniger Chancen hatten die wissenschaftlich unterkühlt sachliche, faktentreue historische vierbändige Dokumentation durch Raul Hilbert „Die Vernichtung der europäischen Juden“ oder die Arbeiten von Wolfgang Benz oder die im Rahmen von Vad Yashem entstandenen, eine grössere Öffentlichkeit zu beeinflussen oder nur zu erreichen.

    „Holocaust“ ist eigentlich bereits Holocaustleugnung. Auschwitz, wie es in den Schriften etwa von Theodor W. Adorno thematisiert ist, beschreibt, wie auch Lanzmanns künstlerisches Werk und Hilbergs historische Arbeit, den Zivilisationsbruch, die Erfassung und Ausgrenzung einer Menschengruppe mit modernsten technischen und bürokratischen Mitteln ihrer Zeit, ihre Dingfestmachung, Transportierung, Ausbeutung entweder bis zur Vernichtung durch Arbeit oder gleich technisierte Ermordung für „unnütze Esser“, die industrielle Verwertung der menschlichen Überreste am Ende, in den modernsten Krematorien der Epoche. Das ist kein „Ganzbrandopfer“, sondern eine Fabrik. Darin besteht das Grauen.“

    Zum ideologischen Holocaustbegriff gehört auch die jahrelange Kampagne von Neonazis zur Leugnung der Judenvernichtung. Was in den sechziger und siebziger Jahren nur ein Geplänkel Durchgeknallter war, entwickelte sich zur Massenkampagne, die neben Büchern und Zeitschriften auch und vor allem die Computernetze, vor allem das Usenet, Mailboxnetze, und dann mit dessen Popularisierung das World Wide Web nutzte. Newsgruppen wurden mit dieser Propaganda geflutet, Websites aufgesetzt.

    Es gab dann eine massive gesellschaftliche Gegenreaktion mit Aufklärung und Protesten, der Webauftritt nizkor.org spielte eine wichtige Rolle. Im Rahmen dieser Gegenkampagne habe ich übrigens aufgehört, unter Klarnamen zu posten, da ich Drohungen Rechtsextremer gegen mich und meine Familie erhielt. Die Kampagne war weitgehend erfolgreich, administrative Massnahmen mit dem Strafrecht wurden vor allem in Deutschland und Frankreich durchgeführt, in den USA und Israel sah man diesen Eingriff des Strafrechts in historische und politische Debatten damals eher kritisch.

    Die Fetischisierung und Verkitschung des NS-Verbrechensgeschehens ging einher mit weitergehendem Geschichtsrevisionismus. Hatte in den achziger Jahren noch der deutsche jüdische Journalist Ralph Giordano eindringlich an den Generalplan Ost als den nicht vollständig zur Durchführung gekommenen „zweiten, grösseren Holocaust“ an über 100 Millionen slawischen Menschen gemahnt, wird dieser Teil der NS-Verbrechen zunehmend verdeckt und verleugnet.

    Dazu gehören die Machenschaften des Ideologen und Pseudohistorikers Timothy Snyder, der das historische Geschehen im Osteuropa des 20. Jahrhunderts in eine unappetitliche Suppe der „Bloodlands“ zusammenrührt, in der Bürgerkriege, Revolution und Konterrevolution, Hungersnöte und Repression, weisser und roter Terror und die NS-Vernichtungspolitik in ein Geschehen vermanscht werden. Die klar antikommunistisch-faschistische Stossrichtung dieses „liberalen“ Ideologen zielt auf die Unkenntlichmachung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, und die „totalitarismustheoretische“ Schuldzuweisung an Kommunisten und Antiimperialisten. Dazu gehört auch die Geschichtsfälschung um den „Holodomor“ als Genozid.

    Die gegenwärtige Vandalisierung von Denkmälern für die Befreier der Roten Armee in den baltischen Shitholes und der Faschoukraine, ebenso wie vergleichbare Aktivitäten in der Tschechei (Ehrung des NS-Kollaborateurs Wlassow, Beseitigung eines Denkmals für die sowjetischen Befreier in Prag) gehen in die selbe Richtung von Geschichtsrevisionismus.

    Es kann nicht oft genug betont werden, dass die systematische Vernichtung der Juden durch die Nazis und ihre Gefolgsleute in Osteuropa mit dem Überfall auf die UdSSR begann, und dass der NS-Antisemitismus und Antikommunismus untrennbar zusammenhängen. Die erste Massenvernichtung von Juden war die durch Banderas OUN, die in Lemberg am 30.6.1944 begann und bis Ende Juli rund 100.000 Leben kostete. Sie war Teil des von Bandera im Mai 1944 in der Schrift „Kämpfe und Aktivitäten“ niedergelegten Vernichtungsprogramms „feindlicher Minderheiten, Russen, Juden und Polen“ in der Ukraine. Auch in Babi Jar waren 1400 OUN-Leute bei der Ermordung der über 30.000 Juden aktiv, mit einer Brutalität, die sogar die SSler mitunter abstiess (und in ihrer „Untermenschen“-Ideologie bestärkte). Auch baltische Kollaborateure waren in der Judenvernichtung äusserst aktiv und dienten den SD-Einsatzgruppen als Helfer und Henker.

    All das wird in der russophoben Kampagne überdeckt, während in der Ukraine Hakenkreuz- und Wolfsangelfahnen wehen. SS-Runen an Panzern, Uniformen und in Tätowierungen prangen, in den baltischen Staaten SS- und Judenvernichter-Veteranen marschieren, oft unter amtlicher Beteiligung. Dieser Angriff auf das historische Gedächtnis ist gefährlicher und konsequenzenreicher als die plumpe gescheiterte Kampagne rechtsextremer Holocaustleugner.

    1. Vielen Dank für diese Ergänzungen. Ich kenne die Bedenken, was das Wort „Holocaust“ angeht. Aber ich wollte genau diese Wortschlachten vermeiden, denn wie Moshe Zuckermann sagen ließ … alle, die wirklich irres Leid erlebt haben, haben ihr Holocaust. Bekämpfen wir doch lieber das Leid.

    2. Dass aus einer deutschen Gesellschaft heraus, der es bewusst immer um Erinnerung und Verdrängung statt um Aufklärung der Genese der Shoa ging
      bzw. selbige als Waffe gegen Kritiker konstruiert, instrumentalisiert oder als Kriegsgrund relativiert, ist schon mehr als ekelhaft; passt aber konsequent zu den in der Ukraine zu verteidigenden „Werten“.

      Danke auch für die Erwähnung Adornos.
      Die systematische Verleugnung jüdischer Antisemitismusforschung durch Horkheimer, Adorno und Co. in politischen Antisemitismusberichten kann jenem sekundärem Antisemitismus zugeordnet werden, vor dem in solchen Berichten bezeichnenderweise gewarnt wird.
      Auch hielt Adorno antidemokratische Entwicklungen GEGEN Demokratien für tendenziell ungefährlicher als solche IN Demokratien.

      Mit den Juden wollte man nicht nur jene Menschen als Rasse ausschalten, die man für kap. Verwerfungen und Krisen verantwortlich machte. Vor allem ging es um Eliminierung jener „Geistes-Feinde“, die fundementale und dialektische Gesellschaftskritik sowie einen utopischen Geist vermittelten.

      Die Nähe des Neoliberalismus zum Antisemitismus ist nicht nur wg. Letztgenanntem unverkennbar….

  3. Wenn man nicht stark ist, sollte man wenigstens klug handeln. Das gilt nicht nur für die Wahl der besten Waffen bei einem Krieg, sondern auch für die Auswahl der richtige Begriffe in einem Wortgefecht.

    Abbas hätte die Worte für seine Antwort kürzer und präziser wählen sollen, oder noch besser als Fakten basierte kluge Gegenfrage gestellt, ohne dabei das Tabuwort zu bemühen.

    1. Ich wollte eigentlich mit meinem Betrag genau diese Wortschlachten, das wording vermeiden und die Verhältnissen sichtbar machen, um die es geht.
      Abegsehen davon war Abbas sehr kurz, was den einen Satz angeht, der zitiert wurde. Es wissen doch alle, worum es dabei geht.

      1. „Abgesehen davon war Abbas sehr kurz…“ – leider hat am Ende der Schwanz noch ganz unnötig mit dem Hund gewedelt.
        Sprachkürze erfordert eben Denkweite.

  4. Erst mal Danke an Wolf und aquadraht für eure klugen Ausführungen.

    Doch das eigentliche Problem mit der Benutzung des Wortes „Holocaust“ und andere nahe stehende Begriffe wie z.B. „Auschwitz“ in der Sprache der westlichen Welt ist, dass heute damit nicht den Opfern gedacht wird, sondern dieses jüdische Leid zum Durchsetzen eigener Macht in der heutigen Zeit verwendet wird.

    Das beste Beispiel dafür ist der Olivgrüne Fischer der „Auschwitz“ in Zusammenhang mit Tötungsverbrechen im juguslawischen Bürgerkrieg gegen nur eine Seite der Serben benutzte, um die deutsche Bevölkerung im Interesse der USA und NATO gegen die Belgrader Regierubg in den Krieg zu führen. Dafür gibt es viele Beispiele in der westlichen Politik, aber wehe der Gegner benutzt diese Begriffe für seine Interessen.

    Heute ist die politische Sprache mit „Moral“ durchtränkt. Dabei geht es nicht um „Moral“ sondern nur um Interessen. Leider ist dabei die us-geleitete Interessenpolitik am agressivsten, brutalsten und lautesten. Es wird Zeit das eine unipolare Welt sich durchsetzt, welche auf einer gemeinsamen friedlichen Rechtsgrundlage steht.

  5. Es kann nicht wundern, dass mir, der unter Zuckermanns Text folgenden Kommentar gepostet hat… Es geht nicht um die Singularität des Holocausts an sich, sondern darum wie Deutschland damit umgeht. Auf eine verblüffende Weise wird er als Grundlage für ein moralisches Alleinstellungsmerkmal instrumentalisiert. Das heutige Deutschland, sei das einzige Volk auf Erden, das die Aufarbeitung seiner grauenhaften Vergangenheit zur Staatsraison gemacht und damit auf wundersame Weise ins moralische Positive verkehrt habe. Diese ‚Aufarbeitung‘, die wesentlich daraus besteht, so oft wie möglich das Grauen zu thematisieren, darüber zu sprechen, was ‚die Nazis‘ damals angerichtet haben und wie sich die heutigen Deutschen, mit einigen wenigen beklagenswerten und zu bekämpfenden Ausnahmen, mit dem damaligen miliärischen Feind, allerdings unter Ausschluss Russlands, identifizieren. Was als habituelle Selbstgeiselung erscheint, ist allerdings Grundlage für eine Umwertung aller Werte, so tief ‚die Nazis‘ damals moralisch gesunken, so hoch steht das heutige Deutschland. Geometrisch gesprochen eine Achsenspiegelung.
    Damit ist das nationale Selbstbewusstsein restituiert, man stelle wieder die Spitze der zivilisatorischen Entwicklung dar, woraus erhelle, dass die Aufgabe der „knapp achtzigjährigen Zurückhaltung“ (Klingbeil) gerechtfertigt sei. Deutsches Grossmachtstreben sei durch das Säurebad des Faschismus gegangen und in eigentümlicher Dialektik wie Phönix aus der Asche gleichsam gestählt daraus wieder hochgestiegen.
    Man hätte es wissen müssen und die sogenannte Wiedervereinigung nicht zulassen dürfen. … speziell die Titelwahl Wetzels zusagt. Im Text selbst lässt er sich dann auf ein Argumentieren, Rechtfertigen ein, das meiner Ansicht nach nicht nötig ist. Schliesslich kann man nicht wissen, was Abbas zu seiner Formulierung getrieben hat. Und es ist irelevant. Verräterisch dagegen die geradezu Pavlow’sche Reaktion auf das H-Wort, die inzwischen in eine juristische Coda gemündet ist, bei der es augenscheinlich darum geht, eine moralische Hierarchie höchstrichterlich herauszustellen. Insofern die Negation dessen, was man in Besitz genommen vor sich her trägt.

  6. Würden wir die palästinensische nationale Selbstbestimmung, wie sie jeder Bevölkerung zusteht, in der Tat anerkennen und einen lebensfähigen Staat durchsetzen, würden wir zugleich der aggressiven israelischen Außenpolitik ein Ende setzen müssen – was die Voraussetzung für Ersteres wäre. In letzter Konsequenz geht es darum, eine Art erneuten Panarabismus zu verhindern, der das geostrategische ABC durcheinanderbringen würde. Der Mittlere Osten wurde vom State Department als größter Preis in der Geschichte der Welt bezeichnet, der deshalb von den USA kontrolliert werden müsse. Die Rolle Israels, die Rolle Nassers und Sadats, die Rolle der PLO, usw. leitet sich hieraus ab. Zugespitzt formuliert: Es hätte auch alles ganz anders kommen können, es hätte auch die Israelis treffen können, so dass sie jetzt in Blechhütten vegitieren müssten und von ägyptischen oder sonstwelchen Kampfbombern terrorisiert würden. In einem märchenhaften Szenario in dem eine idealistische sozialistische israelische Regierung 1948 zur Selbstbestimmung aller Völker im Mittleren Osten aufgerufen hätte – etwa nach dem Vorbild der anarchistischen spanischen Regierung in den 1930ern. Die USA und die Briten hätten sie platt gemacht. Ich weiß, das wirkt vielleicht etwas albern. Aber um das utilitaristische Wesen der Geopolitik in dieser Region hervorzustreichen. Cui bono. Sie können grün, gelb oder rot sein. Das spielt am Ende keine Rolle. Die einzige Frage: unterwerfen sie sich uns? Spielen sie unser Spiel?

  7. p.s. und bitte nicht den Fehler begehen und die Heroisierung von Rabin mitmachen. Der „Friedensvertrag“ von Oslo war der Anfang vom Ende. Das Ziel Oslos war es, einen lebensfähigen Staat zu verunmöglichen, indem er jeder aministrativen Integrität gebricht und aus Flecken von Mini-Territorien besteht. Einer der großen Propagandaerfolge war, dass bis zum heutigen Tag Oslo I und II sogar in progressiven Kreisen – siehe auch die Referenz Rabin hier – als Erfolg und Fortschritt gewertet werden. Das ist ein Unding. Das Gegenteil ist der Fall.

    p.p.s. Norman Finkelstein hat sich seine Karriere kaputt gemacht, als er sich, noch als junger aufstrebender Historiker mit den amerikanischen Propagandisten der brutalen Israelpolitik anlegte und ihnen Fußnote für Fußnote nachwies, dass die Geschichte vom, wie oben auch erwähnt, unbwohnten verstaubten Palästina, eine Lüge und eine Erfindung war. Das hat man ihm nicht vergeben. Der Mann hat noch einige Schippen drauf gelegt im Vergleich zu Segev. Auch in seiner Unnachgiebigkeit. Aber was historische Forschung und fachliche Exaktheit und Unbestechlichkeit angeht kann man bei Finkelstein manches lernen. (Auch wie man besser keine Karriere nicht macht)

  8. Nur kurz:
    Der Artikel ist wichtig, richtig und treffend:
    „Die ganze Debatte um die richtige Einordnung des Holocaust ist also kein palästinensisches Problem, sondern ein machtpolitisches!“

    „Relativierung des Holocausts“, „Verharmlosung des Dritten Reichs“, „Antisemitismus“ werden als Zuschreibungen genutzt, um bei unliebsamen Diskussionen Gegenargumente totzuschlagen, um „Diskurse“ abzuwürgen. Ja, das ist`s. Die Tatsache der Ermordung von Millionen von Menschen als Totschlagargument für kritisch hinterfragende Menschen zu nutzen, das ist herrschende deutsche Politik.
    Während in der gleichen Zeit die medial zur Leuchte der Demokratie hochgejubelte Ukraine („das Nazi-Deutschland des Ostens“) das „Tornado-Bataillon“ wieder auf die Menschheit loslässt.

    Erinnern möchte ich an Marlene Dietrich und den Umgang mit ihr seitens der Berliner Nimmer-nichts-gelernt-Senate: Heuchlerische Reden halten, ihr Ansehen für eigene Zwecke verwenden, aber sie selbst wie Abschaum behandeln.

    Im weiteren Sinn passend zum Thema auch der aktuelle Artikel („Highway to war“) von Leo Ensel auf den NDS.

  9. der UN-Aspekt ergänzend zu Wetzel :

    24.8.22

    https://www.axios.com/2022/08/24/palestine-abbas-united-nations-membership-veto

    „U.S. warns Palestinians against bid for full UN membership

    The Biden administration has urged the Palestinian Authority not to pursue a vote at the UN Security Council on gaining full UN membership, stressing it will likely veto any such move, U.S. and Palestinian sources said.

    Driving the news: The Palestinian Authority announced several weeks ago it will renew its push to gain full UN membership during the upcoming UN General Assembly meeting in New York.

    Palestinian President Mahmoud Abbas wants to use this move to try to put the Israeli-Palestinian conflict back at the center of the international community’s attention and to break the current deadlock in the peace process.
    The possible UN bid is also a way for the PA and Abbas to try to win points domestically and get deliverables from the U.S. and the EU.

    Behind the scenes: Several weeks ago, Palestinian Ambassador to the UN Riyad Mansour started quiet consultations in New York with Security Council members over a possible full membership bid, according to Palestinian, Israeli and U.S. sources.

    The Palestinians also discussed the issue with Biden administration officials, who raised strong reservations and said such a move won’t lead anywhere because of the veto, U.S. sources said.

    Flashback: In November 2012, the Palestinians‘ UN status was upgraded to non-member observer state, but this was done through a vote at the UN General Assembly where no country has veto power.

    Since then, Palestinian leaders tried several times to get a vote at the UN Security Council but never garnered enough support — nine of 15 members — to even hold a vote.

    What they’re saying: PLO official and Palestinian Minister Hussein al-Sheikh confirmed there were talks with the Biden administration on the issue, but stressed that it is an ongoing discussion and the PA is still trying to convince countries to support it.

    A State Department spokesperson said the U.S. is committed to a two-state solution and is focused on trying to bring the Palestinians and Israelis closer together and create conditions for direct talks.
    “The only realistic path to a comprehensive and lasting peace is through direct negotiations between the parties. There are no shortcuts to Palestinian statehood outside direct negotiations with Israel,“ the State Department spokesperson added. „

  10. Hier noch nachgereicht ein langer Text zum Documenta-Fall, von Eyal Weizman aus der Berliner Zeitung, Ursprünglich London Review of Books.
    Wenn es noch wen interessiert. War nicht sicher wo ich ihn posten sollte.

    Reich an Info. Aber etwas diffus in der Argumentation, vielleicht auch weil der Autor in gewisser Weise selber betroffen ist – Mitglied von „Forensic Architecture“ – und aus dem Gefechtsgetümmel heraus berichtet.
    .
    https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/eyal-weizman-rassismus-und-antisemitismus-werden-kuenstlich-getrennt-li.258319

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