80 Jahre Zurückhaltung

Public Domain,gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Der SPD-Parteivorsitzende Lars Klingbeil legte vor Genossinnen und Genossen auf die »Zeitenwende« von Genosse Scholz noch was drauf: Deutschland habe »nach knapp 80 Jahren der Zurückhaltung heute eine neue Rolle im internationalen Koordinatensystem«.

Schon das Wort »Zurückhaltung« ist eine Zumutung. Aber was ist mit den 80 Jahren?

Kalter Krieg

Das war die ganze Schlagzeile in der liberalen Frankfurter Rundschau vom 24. Juni 2022, auf der ersten Seite.

Unter der Schlagzeile war als Bild kein Panzer oder zerstörte Häuser platziert worden, sondern ein schneeweißer Heizkörper in einem total ordentlichen Zimmer. Seitdem uns der Bundespräsident Gauck von seiner Staatsvilla aus aufgerufen hat, für den Krieg an der Seite der Ukraine ein bisschen zu frieren, kann man einen Zusammenhang zwischen »Kaltem Krieg« und einem Heizkörper herstellen.

Es geht demzufolge nicht um die Kriegsfront, sondern um die Heimatfront, um uns Zivilisten. Da man uns ja nicht gefragt hat, ob und wer für den Krieg an der Seite der Ukraine was opfern will, gehe ich von einer Geiselhaftung aus.

Man könnte also trotz alledem zuerst einmal beruhigt sein. Denn der eigentliche Wortsinn vom »Kalten Krieg« ist ein anderer: Er tobt vor dem »heißen« Krieg, was zugegebenermaßen auch erhellend ist, wenn man also ganz offiziell zugibt, dass es vor einem »heißen« Krieg (meist) einen »Kalten Krieg« gibt.

Dann weiß man und kann verstehen, dass der Krieg sehr selten mit dem Einmarsch fremder Truppen beginnt, sondern die nächste Phase des Krieges einleitet.

Dann kann man das auch historisch einordnen: Die Zeit des »Kalten Krieges« begann bereits in den 1970er Jahren, als man die damalige Sowjetunion mit militärischen Aufrüstungen, Kriegslügen und Wirtschaftskrieg zur »friedlichen« Kapitulation zwingen wollte. Tatsächlich hat das auch geklappt und heute weiß fast jede Kind, dass der »freie« Westen gar nicht bedroht wurde, sondern dieser die Sowjetunion bedrohte, bis die verhasste und rote Sowjetmacht die Kombination aus »Rüstungswettlauf« und Wirtschaftskrieg nicht länger durchstand.

Es gibt viele Gründe zu frieren

Der SPD-Parteivorsitzende Lars Klingbeil hielt am 21. Juni 2022 auf der Tiergarten-Konferenz der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin eine Grundsatzrede vor Seinesgleichen, in der er die von seinem Kollegen Scholz ausgegebene »Zeitenwende« eine uralte Richtung gab:

Nach Herrn Klingbeil habe Deutschland »nach knapp 80 Jahren der Zurückhaltung heute eine neue Rolle im internationalen Koordinatensystem«.

Man überliest das schnell, bis es einen frieren kann – wenn man bereit ist nach- bzw. zurückzurechnen: Knapp 80 Jahre habe sich Deutschland zurückgehalten, womit er nicht die sexuelle, sondern die militärische Zurückhaltung meinte.

Wenn Herr Klingbeil im selben Jahr lebt wie wir alle, dann lag das letzte Jahr vor der »Zurückhaltung« so um das Jahr 1941/42.

1941 begann die Krieg gegen die Sowjetunion, unter dem Decknamen »Barbarossa«, der nun wirklich nicht viel verdeckt: Unter Barbarossa versteht man im italienischen einen Rotbart, also in diesem Kontext die »Roten«.

Auch damals waren viele westlichen Länder dankbar für diesen Krieg – gegen den Kommunismus, gegen die »jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung«. Denn die »Ostfront« war eine gemeinsame Kampflinie. Man sah zu, man kam der Sowjetunion nicht zur Hilfe, weder politisch noch mit Waffen. Im Gegenteil. Nazi-Deutschland hatte mit diesem Krieg etwas für viele andere westlichen Staaten getan.

Nazis, also eine echte Gefahr wurde sie erst, als sie sich auch gegen den Westen wandten.

2022 – 80 = 1942

1942 mordeten sich deutsche Soldaten bis nach Stalingrad durch. Dort begann dann der Anfang vom Ende des Dritten Reiches, das im Osten über Polen, Ukraine bis nach Russland reichen sollte. Dort kam die 6. Armee (plus Verbündete) mit etwa 300.000 Soldaten zum Stehen, wurde eingekesselt und musste schließlich aufgeben (1943). Der »Führer« verweigerte eine Kapitulation. Im Winter war es dort ziemlich kalt, so um die minus 30 bis 40 Grad. Meine Mutter, damals im »Bund deutscher Mädel« (BDM) aktiv und engagiert, strickte warme Socken und schickte Winterkleidung an die Front.

Es nutzte alles nichts.

Seitdem gilt »Stalingrad« als die Schmach für deutsche soldatische Tugenden, die wohl Herr Klingbeil mitaufruft. Nach Stalingrad gab es eigentlich nur noch einen lang gezogenen Rückzug, der 1945 mit der umfassenden Kapitulation endete.

Wenn man sich diese Zeitspanne vor Augen hält, der dann fast 80 Jahre »Zurückhaltung« folgten, dann bekommt man eine gruselige Ahnung davon, wie der Zweite Weltkrieg, die Kapitulation und die eigentlich beabsichtige Demilitarisierung Deutschlands im Innersten verstanden wird. Nicht nur unter den »Ewiggestrigen«, den »Stahlhelmfraktionen« in den Parteien und auf der Straße, sondern gerade auch unter (führenden) Sozialdemokraten. Eine Zeit der erzwungenen »Zurückhaltung«, also eine maßlose Demütigung, die man den Siegern, vorne weg der Sowjetunion nie verzeihen wird.

Aber auch Klingbeils Blick auf die Zeit nach 1948, auf die Gründungsjahre der Bundesrepublik Deutschland ist an revanchistischem, reaktionären Gedankengut satt genährt. Was fällt nach Klingbeils Ansicht also alles unter diese »Zurückhaltung«?

Unter anderem die Proteste gegen den Aufbau der Bundeswehr, also ihre Wiederbewaffnung in den 1950er-Jahren, der Kampf gegen die »Notstandgesetze« in den 1960er Jahren, die es erlauben sollen, die Bundeswehr auch im Inneren einzusetzen, die Versöhnung mit Frankreich, der berühmte Kniefall von Willy Brandt, die Entspannungspolitik, die Friedensbewegung der 1980er-Jahre, als man eine »Raketenlücke« erfand, um die atomare Aufrüstung (Pershing I und II) auf die Spitze zu treiben, die »Gorbi, Gorbi-Rufe« bei der Wiedervereinigung, die zahlreichen Zusagen, dass man sich bei der NATO-Osterweiterung »zurückhalten« werde …

All das fällt in Klingbeils Weltbild letztlich unter eine »Zurückhaltung«, die man jetzt endlich abschütteln und aufgeben kann.

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6 Kommentare

  1. Hä?? “ nach knapp 80 Jahren der Zurückhaltung so der SPD-Parteivorsitzende Lars Klingbeil“

    Wie Geschichtsvergessen (oder käuflich?????) ist ein Lars Klingbeil?
    Kann man ohne solche Ansichten heute kein SPD-Parteivorsitzender mehr werden?

    Völkerrechtswidriger Juguslawien mit Bombardierung ziviler Ziele in Belgrad und Umgebung (darunter die chinesischer Botschaft mit 3 Toten) durch NATO-Bomber einschließlich. Keine 80 Jahre her!
    20 Jahre völkerrechtswidriger Afghanistankrieg mit Beteidigung der Bundeswehr bei voller Zustimmung der SPD mit Vorkommnissen wie Tankerbombardierung durch den deutschen Klein. Keine 80 Jahre her!

    Sahra schaffe bitte eine wirkliche Alternative für Deutschland!

  2. Fragen wir uns einfach, welche Leute damals das System getragen haben. Es waren die kleinen Leute, die endlich Macht haben wollten …. Daran muss ich bei Klingbeil immer denken.

  3. Viele Nicht-Deutsche und auch einige Deutsche taumelten ’89 nicht begeistert in die ‚Wiedervereinigung‘, denn sie dachten voraus. Nun ist es also so weit, dass deutschem Revanchismus auch schon als führender Soze Ausdruck gegeben werden darf, wenn auch noch ein wenig verklausuliert. Der deutsche Geist, an dem die Welt genesen soll, die aber bereits zwei Mal trotz grösster Anstrengungen nicht dazu bereit war, wabert wieder durch deutsche Köpfe. Sondervermögen, vulgo Schulden, schaffen die Voraussetzungen.

    Wie lange es wohl dauert, bis den regierenden Bellizisten Widerstand geleistet wird? Oder ist der Einfluss Gift und Galle gen Moskau spritzender Medien derart überwältigend?

  4. Wenn Herr Klingbeil davon spricht, dass – von deutschen Bellizisten ?- 80 Jahre lang „Zurückhaltung“ geübt wurde, dann zählt er anscheinend sowohl die monatelange Bombardierung Jugoslawiens im Jahre 1999 unter deutscher Beteiligung als auch den 20 Jahre währenden Krieg in/gegen Afghanistan zur Epoche dieser angeblichen „Zurückhaltung“.
    Was soll man sich vor diesem Hintergrund folglich darunter vorstellen, wenn nun versprochen wird, die „Samthandschuhe auszuziehen“ bzw. die Zurückhaltung aufzugeben? Etwa erneut eine Heeresgruppe Mitte, die erst 30 km vor Moskau gestoppt werden kann? Auf etwas anderes kann es ja eigentlich kaum hinauslaufen, denn andere Feinde als Russland, pardon: „andere ernsthafte Herausforderer der internationalen regelbasierten Ordnung“ sind ja weit und breit nicht zu sehen.
    Aber auch die „stärkste Streitmacht Europas“, deren Aufbau Klingbeils Parteikollege Scholz zuvor angekündigt hatte, wird wenig gegen 6.000 russische Atomsprengköpfe ausrichten können, so dass sich die Frage ergibt, wovon denn die Herren da reden, außer von Großaufträgen für die leidgeplagte Rüstungsindustrie.

    Ich fasse zusammen:
    – der Inhalt der Rede ist sicher nicht auf Herrn Klingbeils Mist gewachsen
    – der zunehmende Irrationalismus der politischen Funktionäre des Spätkapitalismus ist kaum zu übersehen

  5. Vielleicht sollte man auch immer dabei im Auge behalten, dass Klingbeil der oberste Waffenlobbyist der SPD ist. Das wurde auch schon vor etlichen Jahren in der „Anstalt“ thematisiert…

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