Startsignal Tschernobyl

BU zu Biohof Groß ©SonjaHerpich Bioland.jpg:Das Team vom Biohof Groß - vierzig Jahre nach Tschernobyl und der Umstellung auf Bio. In der Mitte Christel, Malte und Dietmar Groß. Neben ihnen Maltes Freunde Florian Werle und in Handwerkerkluft Niklas Welschof. Sie haben mit Malte zusammen den Hof übernommen. | Foto: Sonja Herpich / Bioland
Das Team vom Biohof Groß – vierzig Jahre nach Tschernobyl und der Umstellung auf Bio. In der Mitte Christel, Malte und Dietmar Groß. Neben ihnen Maltes Freunde Florian Werle und in Handwerkerkluft Niklas Welschof. Sie haben mit Malte zusammen den Hof übernommen. | Foto: Sonja Herpich / Bioland

In diesen Tagen jährt sich ein Ereignis, das die Welt verändert hat. Und dieses Ereignis war kein Krieg, auch wenn seine Auswirkungen denen eines Krieges ähnelten. Am 26. April vor vierzig Jahren explodierte ein Reaktorblock des Atomkraftwerkes Tschernobyl in der Ukraine.

Die Atomkatastrophe von Tschernobyl war aber nicht nur das Ende eines Reaktors, der bis heute strahlt, abgedeckt von einem löchrigen Deckel, dem sogenannten Sarkophag — und das inzwischen ständig gefährdet in einem realen Kriegsgebiet. Tschernobyl war auch ein Anfang. Die Katastrophe markiert einen Aufbruch. Deshalb habe ich diese Kolumne und den zugehörigen Podcast »Startsignal Tschernobyl« genannt.

Tschernobyl war der Impuls für viele Bäuerinnen und Bauern, ihre Art der Landwirtschaft neu zu denken und neu auszurichten. Sie stellten ihre Betriebe um auf ökologische Wirtschaftsweise, sie wurden Biobauern.

Der Knall im Osten

Der zerstörte Reaktorblock von Tschernobyl 1986 | Foto: USFCRFC / IAEA Imagebank
Der zerstörte Reaktorblock von Tschernobyl 1986 | Foto: USFCRFC / IAEA Imagebank

Viele der Älteren unter uns werden noch wissen, wo sie damals waren, als sich die Nachrichten verdichteten, dass da in der vermeintlich fernen Sowjetunion etwas Katastrophales geschehen war.

Am Abend des 28. April 1986 meldeten die Nachrichten im damaligen Westdeutschland zum ersten Mal, dass erhöhte Radioaktivität registriert worden war – in Skandinavien. In den Radionachrichten des Südwestfunks, einem der Vorgänger des heutigen SWR, sagte der Sprecher um 19:00 Uhr: »Als Ursache wird ein Defekt an einem sowjetischen Atomreaktor vermutet«, ein Atombombenversuch werde ausgeschlossen, aber »die Atomenergiebehörde in Moskau teilte der schwedischen Botschaft mit, sie wisse nichts von einem möglichen Zwischenfall in einem Kernkraftwerk, von dem sie in jedem Fall Kenntnis haben müsste.«

Das war zwei Tage, nachdem einer der vier Reaktorblöcke in Tschernobyl explodiert war, als die sogenannten Liquidatoren schon zum Zuschütten des glühenden Reaktors in den Strahlentod geschickt wurden. Zwei Stunden nach den ersten Nachrichten war die Sache dann auch im damaligen Westen klar: Die amtliche sowjetische Nachrichtenagentur TASS meldete den Reaktorunfall, bei dem auch Menschen »zu Schaden gekommen« seien. In Skandinavien stieg die radioaktive Strahlung weiter. Messdaten aus Deutschland wurden bis dahin nicht gemeldet. »Die skandinavischen Experten sehen aber bislang keine Gefahr für die Bevölkerung«, sagte der Nachrichtensprecher.

Das änderte sich dann sehr schnell, als sich die radioaktiven Wolken verbreiteten. Die Explosion hatte die strahlenden Partikel, deren Namen wir in den nächsten Tagen und Wochen dann auch lernten, über einen Kilometer hoch in die Luft geschleudert. Von dort zogen die Radionukleide, vor allem Jod-131, Cäsium-134 und das langlebige Cäsium-137, in drei Wolken über Europa.

Der Start im Westen

Eigentlich ist es eine paradoxe Geschichte, dass mit der Atomkatastrophe von Tschernobyl für viele Bäuerinnen und Bauern der Start in eine neue Wirtschaftsweise und damit auch ein neues Leben verknüpft ist: Das Land war verseucht, das Feldgemüse musste vernichtet werden, die Tiere durften nicht mehr hinaus. Und das ausgerechnet war dann der Anlass, ab jetzt alles anders zu machen, mit dem Land und auf dem Land.

Wobei das mit dem Umdenken und Andersmachen für viele Menschen damals mit ihren Kindern begann. So war das auch bei Christel und Dietmar Groß, die ich in Nordhessen besucht und gebeten habe, mir die Geschichte ihres persönlichen Aufbruchs damals zu erzählen.

Christel arbeitete damals auf dem Hof meist im Garten. Da konnte sie ihren einjährigen Sohn mitnehmen und auf dem Boden krabbeln lassen. Damit war nun Schluss. Und die große Frage war: »Wie ernähren wir das Kind jetzt?« Im Herbst hatten die beiden den Überschuss ihrer Ernte aus dem Bauerngarten in alten Waschmaschinentrommeln im Boden verbuddelt. Jetzt gruben sie die aus der unverstrahlten Tiefe aus und kochten ein: Rote Beete und Möhren. »Das war nun nicht gerade das, was unser Sohn gerne gegessen hat«, sagt Christel Groß, aber es war das, was sie hatten. Womit es ihnen noch besser ging, als den Familien ohne eingelagertes Gemüse.

Die Spielplätze waren geschlossen, die Sandkästen verstrahlt, Schulhöfe waren tabu, Sport im Freien war gestrichen. Es gab keine unverstrahlte Milch und kein frisches Gemüse mehr, stattdessen Milchpulver, Tiefgefrorenes und Konserven.

Nach Nordhessen bin ich gefahren. In das Fachwerkdorf Mühlhausen, einen Ortsteil von Homberg (Efze), der Kreisstadt des Schwalm-Eder-Kreises. Dort liegt der Biohof von Christel und Dietmar Groß, der zur Zeit von Tschernobyl noch kein Biohof war.

Die beiden hatten damals ihr Studium abgeschlossen — sie Sozialwesen und Erwachsenenbildung, er Landwirtschaft und Landschaftspflege — und waren aufs Land gezogen. Mit der Option, Dietmars elterlichen Hof zu übernehmen und weiterzuführen.

Engagement auf dem Land

Die radioaktive Wolke aus Tschernobyl traf vor vierzig Jahren in Nordhessen auf eine recht breite, von jungen Leuten getragene Anti-AKW-Bewegung, die sich davor hauptsächlich gegen ein in der Nähe geplantes Atomkraftwerk gewendet hatte – und nun plötzlich zu einer regelrechten Lebenswende-Bewegung wurde.

Getragen wurde die von engagierten Frauen. Christel Groß arbeitet damals viel in der Erwachsenenbildung mit Frauen an der Volkshochschule in Kassel. Und im Schwalm-Eder-Kreis gründete sie alsbald den Verein »Frauen nach Tschernobyl« mit. »Das war eine recht breite Bewegung hier auf dem Land«, sagt sie. Ihr Verein wuchs und hatte bald mehrere regionale Untergruppen, und auch der Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk im nahen Borken wuchs.

Sich gegen ein vor Ort geplantes Atomkraftwerk zu engagieren, war nach Tschernobyl dann aber nicht mehr genug. Die radioaktive Wolke war gut 1.500 Kilometer unterwegs von dort bis hierher. Und sie war eben auch Ausdruck einer, Grenzen und Blöcke übergreifenden, rücksichtslosen Wirtschaftsweise. Der etwas entgegenzusetzen bedeutete grundlegendes Umdenken und ganz anderes Wirtschaften.

Die erste Frage für junge Eltern nach Tschernobyl 1986: Wie ernähren wir jetzt unsere Kinder? | Foto: privat
Die erste Frage für junge Eltern nach Tschernobyl 1986: Wie ernähren wir jetzt unsere Kinder? | Foto: privat

Der studierte Landwirt und Landschaftsplaner Dietmar Groß hatte das alles im Kopf schon vorsortiert, aber mit den Händen noch nicht umgesetzt. Als Student und dann als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Gesamthochschule Kassel, hatte er sich mit den »Grenzen des Wachstums« auseinandergesetzt. Das war der von Donella und Dennis Meadows und ihrem Team ausgearbeitete und vom Club of Rome in Auftrag gegebene »Bericht zur Lage der Menschheit«, dessen erste Fassung bereits 1972 erschienen war.

Außerdem war Dietmar Groß schon damals Mitglied der AbL, der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, deren hessischer Sprecher er später wurde. Und auch dort wirkte dann der »Tschernobyl-Effekt«, wie er das heute nennt: »Wir sagten uns: Mensch, wir müssen nicht nur über ökonomische Rahmenbedingungen reden, sondern wir müssen auch ökologisch grundsätzlich neue Wege gehen.«

Das Ergebnis war eine regelrechte Umstellungswelle – hin zur Biolandwirtschaft. »Wir haben gemerkt: Es reicht nicht zu diskutieren, wie wir Märkte und Marktakteure politisch attackieren oder die Parteien, die die Wachstumslandwirtschaft weiterhin unterstützt haben, sondern es gehört auch eine neue Marktstrategie dazu. Und die setzt eben da an, wo Menschen sagen, wir brauchen eine nachhaltigere Wirtschaftsweise, die dann eingebettet ist in eine Gesamtvision von der Landwirtschaft und auch einer Gesellschaft, die eben nicht Atomkraftwerke und intensive Stickstoff-Produktion als energieverbrauchenden Teil der Landwirtschaft braucht.«

»Für uns war immer die Praxis entscheidend«, sagt Christel Groß: »Das Vorgedachte auch umsetzen, durch praktische Arbeit Veränderung herbeiführen.«

Ab jetzt alles anders

Und was bedeutet das dann konkret? Wie stellt man einen Hof auf Biolandwirtschaft um, der für diese Umstellung denkbar schlecht vorbereitet ist?

»Mein Vater war ein passionierter Schweinezüchter«, sagt Dietmar Groß: »Deutsche Landrasse«. In Spitzenzeiten lebten bis zu achtzig Zuchtsauen auf dem Hof, der Ferkel und Zuchttiere verkaufte. Aber Ende der 1980er Jahre zeichnete sich schon ab, dass diese Art der Landwirtschaft kaum noch eine Zukunft haben wird — auch nicht auf dem konventionellen Markt. Der wurde nämlich gerade von großen Zuchtkonzernen mit neu gezüchteten Hybridschweinen aufgemischt, und größere Halter von Bio-Schweinen gab es damals noch gar nicht.

»Mir war klar, dass wir zweifach umstellen mussten«, sagt Dietmar Groß. »Aus der Struktur Schweinezucht und Futteranbau für die Schweine muss ich raus, wenn ich Ökolandbau machen will.« Es musste also eine neue Form der Landwirtschaft her und auch gleich eine neue Form der Vermarktung. Denn die zukünftigen Bioprodukte sollten nicht an den Naturkosthandel gehen, den es in nennenswerter Größe in der ländlichen Region damals nicht gab, und sie konnten auch nicht an die Bio-Supermärkte gehen, die es ebenfalls noch nicht gab. Alnatura war gerade erst gegründet worden und die anderen waren noch nicht einmal geplant.

Deshalb wollten Christel und Dietmar Groß es mit den Leuten versuchen, die sie in der Region durch den Widerstand gegen das geplante AKW Borken und durch Tschernobyl kennengelernt hatten. »Direktvermarktung« hieß das Zauberwort.

»Uns war damals klar geworden, dass wir in der Landwirtschaft etwas Grundsätzliches ändern müssen«, sagt Dietmar Groß. Das war die eher intellektuelle Erkenntnis. Wenn nun aber das Neue vor Ort neu aufgebaut werden sollte, wie dann genau?

Mit Hilfe der Menschen, die in jener Zeit ebenfalls angefangen hatten, neu nachzudenken, wie und wo sie einkaufen und was sie konsumieren wollen. »Durch diese gesellschaftliche Bewegung, die in der Region recht breit aufgestellt war, weil wir eben auch mit dem geplanten AKW in Borken konfrontiert waren, entstand für mich das Gefühl: Ja, jetzt ist die richtige Zeit, um auch den eigenen Betrieb umzustellen auf Ökolandbau und neue Vermarktungswege zu gehen.«

Bioladen einer Region

Hier fing die Direktvermarktung an: Dietmar Groß bestückt den Marktstand in der Kreisstadt Homberg. | Foto: privat
Hier fing die Direktvermarktung an: Dietmar Groß bestückt den Marktstand in der Kreisstadt Homberg. | Foto: privat

Heute ist der Biohof Groß der Bioladen einer ganzen Region. In der nur zwei Kilometer entfernten Kleinstadt Homberg, zu der die umliegenden Dörfer gehören, gibt es keinen Bio-Supermarkt. »Zu klein für Alnatura und Denns«, sagt Dietmar Groß. Aber groß genug für einen Hofladen, der in den letzten Jahrzehnten immer weiter gewachsen ist.

Die Kundinnen und Kunden kommen mit dem Fahrrad aus der Nähe, oder mit dem Auto auch aus entfernteren Dörfern. Sie fahren auf den großen, gepflasterten Hof zwischen dem Wohnhaus und den alten Stallungen, und gehen direkt auf die alte Scheune zu, die heute Teil des Hofladens ist.

Alle Gebäude um den Hofplatz sind gut erhaltene Fachwerkbauten, die in den letzten Jahrzehnten immer wieder neuen Nutzungen zugeführt und dabei restauriert wurden. Ein Bilderbuch-Bauernhof an der Deutschen Fachwerkstraße, der heute aber nur so dasteht, weil er in den letzten Jahrzehnten ständig erneuert wurde – und das nicht nur äußerlich.

Gerade wird ein ehemaliger Schweinestall in einer Ecke des Hofgevierts von einer Gruppe junger Schreinerinnen und Schreiner zu ihrer künftigen Tischlerei ausgebaut. Aber den meisten Raum nimmt bei weitem der Hofladen ein, der längst ein ausgewachsener Bio-Supermarkt geworden ist, zuletzt erweitert um ein Bistro, denn der Hofladen hat sich auch zum Treffpunkt entwickelt.

Die letzte Erweiterung haben schon die Nachfolger von Christel und Dietmar Groß vorgenommen. Ihr zweiter Sohn Malte ist nach seinem Studium vor zehn Jahren dann doch wieder aufs Land zurückgekommen, hat eine Landwirtschaftslehre angehängt und ist auf dem elterlichen Hof eingestiegen – zusammen mit Freunden.

Für Christel und Dietmar Groß ging ein Traum in Erfüllung: Sie konnten den Hof an die nächste Generation übergeben. Auch wenn aus der ursprünglichen Idee von Malte Groß und Florian Werle erst einmal nichts geworden ist. Die beiden Pädagogikstudenten wollten auf dem Hof in Mühlhausen eigentlich Bauernhofpädagogik machen. Jetzt machen sie stattdessen Landwirtschaft und Hofladen und Marktstände, und Um- und Ausbau. Dafür steht der Dritte im Bund, der gelernte Zimmermann Niklas Welschof.

Wer in diese Geschichte tiefer einsteigen will: Barbara Petermann hat für den Hessischen Rundfunk vor fünf Jahren eine ausgewachsene Doku darüber gedreht — »Drei Freunde und ein Biohof«.

Von Kunden lernen

Der heutige Biohof Groß mit seinem tatsächlich großen Hofladen, in dem es inzwischen alles gibt, auch Toilettenpapier und Kosmetik, fing als winzige Direktvermarktung an. Wobei am Anfang noch nicht viele Produkte vorhanden waren, die man direkt vermarkten konnte. Was es allerdings gab, das war die landestypische »Ahle Wurscht«, die nordhessische Salami aus Schweinefleisch. Aber sonst …

»Sonst haben uns die Kunden gelehrt, was gebraucht und verlangt wird,« sagt Dietmar Groß. Sie kamen an den ersten Markstand, den Christel und Dietmar Groß im Kreisstädtchen Homberg aufgebaut hatten und lobten die Ahle Wurscht, fragten aber gleichzeitig, was denn wohl mit Kartoffeln sei und vor allem: Wo bleibt das frische Gemüse? Wir unterstützen Euch gern bei der Umstellung auf Bio, haben die Kundinnen und Kunden auf dem Markt gesagt, aber nur wegen der Salami auf den Markt und an den Stand zu kommen, das sei ein bisschen aufwendig.

»Also mussten wir unseren Gemüsebau aufbauen und neu lernen«, sagt Dietmar Groß. Am Anfang war das ein halber Hektar Feldgemüse, dann wurden es anderthalb Hektar, dann wurde ein erstes Gewächshaus aufgestellt, dann ein zweites.

Mit den Gemüseanbauflächen musste aber auch der Absatz wachsen. Also kamen neue Marktstände dazu und als nächstes die Fahrten in die Stadt: Ab nach Kassel, dahin, wo auch die umweltbewussten Menschen keinen eigenen Gemüsegarten haben. Und weil der Gemüseanbau sich auch lohnen musste, weil die dafür nötige Technik auch eingesetzt und ausgenutzt werden sollte, kam als nächstes die Idee mit der Gemüsekiste.

Das war Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre, als die Gemüsekiste gerade erst erfunden und keineswegs verbreitet war. Was damals noch nicht klar war: Wie logistisch aufwendig das Ausfahren von Gemüsekisten im Abo-System sein kann und wie viel Arbeitszeit dahintersteckt, die auf dem Gemüseacker und im Gewächshaus fehlt. Das mussten Christel und Dietmar Groß dann auch lernen.

Was den Absatz angeht, habe sich das gelohnt, sagt Dietmar, aber finanziell insgesamt gesehen nicht. »Das Geld ist an den Rädern hängen geblieben.« Also wurde die Idee Gemüsekiste bald wieder begraben.

Aber etwas Gutes hatte sie doch: Durch die regelmäßigen Fahrten mit den Kisten in die Stadt, hat sich in der Region herumgesprochen, dass es da einen Biohof gibt im Dörfchen Mühlhausen, auf dem zwei Mal die Woche Gemüsekisten für Kassel gepackt werden. »Und dann kamen die Leute an den Packtagen auf den Hof und haben eingekauft. Und dann sagten wir uns: Dann machen wir doch einen Hofladen auf, wenn das Interesse da ist.«

Nukleus Hofladen

Einmal alles: Der Bistrobereich des Biohofs Groß im Dörfchen Mühlhausen. Entrée zu fast zweihundert Quadratmetern Hofladen mit Vollsortiment und Kaffee-Empore in der ausgebauten Scheune. | Foto: Florian Schwinn
Einmal alles: Der Bistrobereich des Biohofs Groß im Dörfchen Mühlhausen. Entrée zu fast zweihundert Quadratmetern Hofladen mit Vollsortiment und Kaffee-Empore in der ausgebauten Scheune. | Foto: Florian Schwinn

Der Hofladen war am Anfang ein kleiner Raum mit ein paar selbstgezimmerten Regalen, in denen die Gemüsekisten standen. Dann die Einfahrt einer der alten Scheunen, hinter dem Tor eine Waage, Regale, eine Vitrine mit der Wurst. Geöffnet nur, wenn nicht gerade ein Markt beschickt werden musste. Dann wuchs der Hofladen in die Scheune hinein und irgendwann musste dann aus- und umgebaut werden. Der Bruder und die Schwägerin halfen mit, die ersten Teilzeitkräfte wurden eingestellt, sowohl für den Hofladen als auch für den Gemüsebau.

Aber der damals eben doch noch kleine Hofladen ersetzte nicht den durch die eingestellten Gemüsekisten fehlenden Umsatz. So kam es zur Belieferung der Supermärkte von tegut. Das war eine lokale hessische Supermarktkette, die inzwischen vom Schweizer Handelsriesen Migros übernommen wurde und gerade abgewickelt wird.

Zu besseren Zeiten hatte tegut durchaus den Anspruch, regionale Lebensmittel zu vermarkten und — vor vielen anderen Einzelhandelsketten — durchaus auch Bio-Lebensmittel aus der Region.

Was aber bedeutet es für einen bäuerlichen Betrieb, nicht an einzelne Einzelhändler in der Nähe zu liefern, sondern gleich an eine ganze Einzelhandelskette? »Das war ein absoluter Stress«, sagt Christel Groß. »Da wurde jeder Blumenkohl, jede Gurke und jedes Brokkoli mit einer Banderole versehen.« Denn im Supermarkt lag das Biogemüse neben dem konventionellen und musste deshalb extra ausgezeichnet und als Bio-Lebensmittel kenntlich gemacht sein. »Und dann musste morgens um fünf der Wagen vom Hof fahren, damit tegut um sieben das Gemüse zum Verteilen an die Märkte hatte.«

»Wir mussten uns diesen Stress aber antun damals«, sagt Dietmar Groß. In der Aufbauphase der Direktvermarktung seien zusätzliche Absatzmöglichkeiten nötig gewesen. Die Flächen sollten einigermaßen rationell bearbeitet werden, und der Hofladen war damals noch nicht so groß und so gut eingeführt, dass er den Betrieb ausreichend mitfinanzieren konnte. »Den Ausflug zu tegut konnten wir dann aber nach zwei Jahren auch wieder beenden.«

Heute ist der Hofladen der Nukleus des Betriebes. Da wird der Umsatz gemacht und mit dem wiederum wird auch die regionale Biolandwirtschaft gestützt. Malte Groß baut zum Beispiel auch Getreide an, das als Brotgetreide möglichst an den »Brotgarten« gehen soll, die Biobäckerei in Kassel, die ihrerseits den Hofladen mit Brot und Brötchen beliefert. Regionale Kreislaufwirtschaft, wie sie auch bei anderen Zulieferern des Hofladens deutlich wird.

Immer noch ein Raum kam dazu im Laufe der Zeit, immer weiter hinein in die Tiefen der alten Scheunen und Stallungen. Die Ausbaustufen des Hofladens sind noch zu erkennen. | Foto: Florian Schwinn
Immer noch ein Raum kam dazu im Laufe der Zeit, immer weiter hinein in die Tiefen der alten Scheunen und Stallungen. Die Ausbaustufen des Hofladens sind noch zu erkennen. | Foto: Florian Schwinn

Konkurrenz durch andere Hofläden oder Biomärkte gibt es in der engeren Region nicht mehr. Es gab in den Anfängen der Bio-Bewegung mal zwei kleine Naturkostläden im nahen Kreisstädtchen Homberg. Die aber sind schon lange nicht mehr.

»Es gab auch hier irgendwann eine Professionalisierung der Bioläden«, sagt Dietmar Groß, »aber nicht in der Stadt Homberg, sondern auf dem Dorf, im Hofladen beim Biohof Groß.«

Dass die Leute in seinen Laden zum Einkaufen kommen, oder jetzt in den Hofladen von Sohn Malte und seinen Freunden, »das liegt auch daran, dass wir hier immer für mehr standen als einen Laden, in dem man Bio einkaufen kann.« Christel und Dietmar Groß rechnen die Beliebtheit ihres Hofes als Einkaufsladen und Treffpunkt auch ihrem jahrzehntelangen Engagement zu, das über den Bioanbau und den Einzelhandel hinaus geht. Die beiden waren immer Teil der Ökobewegung in Nordhessen, die letztlich das Atomkraftwerk in Borken verhindert hat, und die auch dafür gesorgt hat, dass der damalige US-Konzern Monsanto seinen genetisch veränderten Mais nicht auf einem nordhessischen Versuchsfeld aussähen durfte.

Tatsächlich mag das Engagement der Biobauern etwas sein, was manche Kundin, manchen Kunden in den Hofladen bringt. Aber der hätte die anderswo allgegenwärtige Krise der Bioläden und Direktvermarkter nicht so wegstecken können, wie er das getan hat in den letzten Jahren, wenn da nicht mehr wäre. Die Idee mit dem Mitgliedsbeitrag zum Beispiel.

Kunden, die Mitglied im Hofladen werden wollen, zahlen für jeden Erwachsenen im Haushalt derzeit 21 Euro Beitrag und kaufen dafür dann vergünstigt ein. Auf allen Waren im Laden stehen zwei Preise – ein normal kalkulierter und einer für Mitglieder. Zwischen zwanzig und fünfzig Prozent Rabatt gibt es für sie. Das sorgt dafür, dass viele ihren Wocheneinkauf im Hofladen machen und dass der Einkaufs-Bon bei durchschnittlich vierzig Euro liegt. »Und dass der Einkauf bei uns am Ende günstiger sein kann, als bei Edeka oder Rewe«, sagt Dietmar Groß.

Fazit

Bilderbuchbauernhof an der Deutschen Fachwerkstraße - mit Direktvermarktung im vierten Jahrzehnt: Der Eingang zum Hofladen des Biohofs Groß in Mühlhausen. | Foto: Florian Schwinn
Bilderbuchbauernhof an der Deutschen Fachwerkstraße – mit Direktvermarktung im vierten Jahrzehnt: Der Eingang zum Hofladen des Biohofs Groß in Mühlhausen. | Foto: Florian Schwinn

Vierzig Jahre nach dem Startsignal Tschernobyl, denn das war die atomare Katastrophe in der europäischen Nachbarschaft für die Biolandwirtschaft, habe ich einen um sein persönliches Fazit gebeten, der damals gestartet ist.

Zuerst schaut Dietmar Groß auf die eigene kleine Biowelt, die von seinem Hof und seinen Kundinnen und Kunden. Und das heißt auch: auf die Art Bio, die es da gibt und die da eingekauft werden kann.

»Es war der richtige Weg, den wir eingeschlagen haben, und es war vor allem auch richtig und wichtig, immer die Kunden ernst zu nehmen in ihrer umfassenderen Werthaltung, die sie auch haben. Also nicht nur als Lieferanten von Geld, was man braucht, wenn man Ware feilbietet. Wir haben immer sehr gut mit unserer Kundschaft auf Augenhöhe und im direkten Gespräch und in gemeinsamen politischen Aktivitäten zusammengearbeitet. Und ich glaube, das ist auch in Zukunft das Profil, was uns noch unterscheidbar macht im Biomarkt von denen, die Bio jetzt als Ware mit einem Sonderattribut handeln, dass wir eben weiterhin sagen: Bei uns kriegst du eben nicht nur Bio-Ware, sondern wir versuchen, so viel wie möglich auch selber zu erzeugen. Und wir machen und vermarkten es auch in einer partnerschaftlichen Art und Weise.«

Und was ist mit dem anderen Bio, mit dem, dass es jetzt auch in den Supermärkten und bei den Discountern gibt? Was ist mit dem Bio, dass die Kunden dort kaufen, weil sie nicht mehr in den Biomarkt gehen, der teurer ist oder den sie auch nur für teurer halten? Auch dort gibt es nicht nur das EU-Bio mit den geringeren Auflagen, sondern Ware von den großen Anbauverbänden, von Bioland zum Beispiel, dem Verband, dem auch der Biohof Groß seit 1989 angehört. Ist das ein anderes Bio als das im Biohof Groß? »Im Prinzip ja«, sagt Dietmar Groß, auch wenn es nach denselben Vorgaben produziert wurde und mit demselben Label ausgezeichnet ist.

»Der Prozess der Industrialisierung im Biobereich schreitet im Moment rapide voran, weil jetzt völlig andere Erfassungssysteme die Art und Weise bestimmen, wie die landwirtschaftliche Urproduktion organisiert sein muss. Konkret: Wenn du die Zentrale eines der Großen beliefern willst, musst du jede Menge Auflagen erfüllen, Zertifizierungssysteme weit über Bio hinaus. Und du musst entsprechende Mengen gewährleisten können. Der Maßstab für eine Anlieferung ist eben der 25-Tonner-Kühlauflieger. Den muss ich vollkriegen, nur dann habe ich eine Chance, die Ware loszuwerden, weil sich sonst der Logistikaufwand für die großen Einzelhandelskonzerne gar nicht lohnt. Und die Betriebe, die da mithalten können – das sind keine bäuerlichen Betriebe mehr, das ist ausgeschlossen.«

War das gemeint, als sich vor ein paar Jahren Branchenverbände und Naturschutz zum Bündnis »Bio für alle« zusammengetan haben? Wohl eher nicht.

Aber so ist die Entwicklung vierzig Jahre nach dem Startsignal, das eigentlich eine atomare Katastrophe war. In einer Zeit — und das muss hier auch noch erwähnt werden —, in der auch die EU wieder Atomkraftwerke fördern will und ein irrlichternder Ministerpräsident in Deutschland modulare Klein-AKW bauen möchte.

Nur den Atommüll, den möchte dann doch lieber keiner haben. Muss ja auch niemand, denn der Standort für das deutsche Endlager soll nun wohl doch erst 2046 festgelegt werden, schlappe fünfzehn Jahre später als der eigentlich viel zu späte Termin, der zuvor geplant war.

Hinweis in eigener Sache: Der nächste »Führerschein für Einkaufswagen nicht am nächsten ersten Donnerstag im Monat, sondern erst am übernächsten, also Anfang Juni.

Florian Schwinn

Florian Schwinn ist Journalist und Sachbuchautor. Er hat für Print und Hörfunk gearbeitet, Radiofeature produziert und moderiert. Seit vielen Jahren beschäftigen ihn Themen aus dem Bereich Umwelt und Landwirtschaft.
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