Projekt Kalb und Kuh

Gelassene Kühe, zufriedene Kälber: Auf der Ammenweide des Hofes Tams in Angeln. Die kuhgebundene Kälberaufzucht ist Teil der »Agrarwende« der Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof. | Alle Fotos: Florian Schwinn
Gelassene Kühe, zufriedene Kälber: Auf der Ammenweide des Hofes Tams in Angeln. Die kuhgebundene Kälberaufzucht ist Teil der »Agrarwende« der Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof. | Alle Fotos: Florian Schwinn

Wer keine Milchprodukte isst, kann diese Kolumne getrost abtun. Aber wer ist das eigentlich? Wer kann dafür garantieren, dass bei den vielen vorproduzierten Lebensmitteln, die wir konsumieren, nicht doch irgendwo Milchprodukte versteckt sind, selbst wenn man bewusst darauf verzichten möchte?

Also doch ein Podcast für alle – bei dem es einmal mehr um die Aufzucht der Kälber geht. Ohne deren Geburt gibt es ja bekanntlich keine Milch. Wer also Milchprodukte konsumiert, muss sich auch für das Leben der Kälber interessieren.

Wie geht es ihnen, wie wachsen sie auf? Dürfen sie bei der Mutter bleiben, dürfen sie am Euter trinken, oder werden sie mit einem Gumminippel am Eimer abgespeist?

Das soll so

Die Trennung von Mutter und Kind direkt nach der Geburt wird von den meisten Menschen wohl als brutal und unnatürlich empfunden, wenn sie sich damit überhaupt beschäftigen. Darauf lässt eine repräsentative Online-Umfrage in Deutschland und den USA schließen, die 2017 von den Universitäten Göttingen und British Columbia durchgeführt wurde. Nur achtzehn Prozent der Befragten waren für eine frühe Trennung von Kuh und Kalb.

Dennoch ist genau das auch weiterhin die Regel: Direkt nach der Geburt werden Kalb und Kuh getrennt. In den meisten Betrieben wird selbst die für das Immunsystem des Kalbs lebenswichtige Biestmilch, die erste Milch der Mutter, dem Kalb schon via Melkmaschine und Nuckelflasche verabreicht.

Hier soll es einmal mehr um die Betriebe gehen, die es anders machen. Die die Kälber nicht separieren und zweimal täglich mit erwärmter Milch aus dem Nuckeleimer füttern, sondern die Kälber von Kühen aufziehen lassen.

Dafür haben wir extra einen Begriff erfinden müssen. Weil der Normalfall ja die unnatürliche Trennung von Kalb und Kuh ist, ist die sogenannten »kuhgebundene Kälberaufzucht« etwas Besonderes.

Initiativen für Kälber

Von einem Kalb, das partout nicht aus der Flasche trinken wollte, haben sie sich zur muttergebundenen Kälberaufzucht animieren lassen: Johanna und Björn Scherhorn mit drei ihrer Kinder vor dem Hof.
Von einem Kalb, das partout nicht aus der Flasche trinken wollte, haben sie sich zur muttergebundenen Kälberaufzucht animieren lassen: Johanna und Björn Scherhorn mit drei ihrer Kinder vor dem Hof.

Manche der Milchhöfe, die Kalb und Kuh nicht trennen, haben sich dafür zusammengeschlossen und eigene Initiativen gegründet, die das Programm im Namen tragen: die »Initiative Kuh und Kalb« der Tierschutzorganisation Provieh zum Beispiel, oder die IG Kalb und Kuh, die »Interessensgemeinschaft kuhgebundene Kälberaufzucht«, aber auch die »Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof«, über die ich hier im Podcast schon mehrfach berichtet habe, setzt auf eben diese kuhgebundene Kälberaufzucht.

Auch die Schweisfurth-Stiftung hat ein Projekt »Kuhgebundene Kälberaufzucht« aufgelegt. Dort gibt es die beste Übersicht über die aktuelle Forschungslandschaft zum Thema. Und die Biolebensmittelkette Alnatura hat ein eigenes Label für Milchprodukte von Höfen mit kuhgebundener Kälberaufzucht kreiert.

Das Beste zur Orientierung für uns Verbraucherinnen und Verbraucher kommt von Provieh, der Tierschutzorganisation, die sich um unsere Nutztiere kümmert. Sie hat eine Online-Landkarte entwickelt, die zeigt, wo solche Höfe zu finden sind und wo man ihre Produkte kaufen kann.

Mir persönlich hat am besten der Begriff gefallen, mit dem der Hof Scherhorn im niedersächsischen Berge dafür wirbt. Johanna und Björn Scherhorn sprechen von »elterngebundener Kälberaufzucht«, weil bei ihnen auch der Bulle in der Herde mitläuft, und sie nennen ihre Milchprodukte »geteilte Milch«. Geteilt eben zwischen dem Kalb und uns Menschen.

Dabei hatten die beiden gar nicht geplant, die Kälber von deren Müttern aufziehen zu lassen. Sie hatten die Kälber von den Kühen separiert und fütterten sie mit Nuckelflaschen und Nuckeleimern in den üblichen runden Schutzhütten aus weißem Kunststoff, den sogenannten Iglus.

Ein Kalb führt

Tatsächlich war es ein aufmüpfiges Kalb, das ihnen den neuen alten Weg der Kälberaufzucht zeigte. »Wir hatten im November 2020 ein Kalb, das partout nicht aus der Flasche trinken wollte«, sagt Björn Scherhorn. Und das nicht etwa, weil es schon erlebt hatte, wie es bei der Mutter ist. »Es war noch nass, als wir es wegbrachten.« Aber es lehnte die Flasche ab. Schließlich sprang das Kalb über die Absperrung vor dem Kälberiglu, schlüpfte durch eine Lücke am Stalltor und war bei der Mutter. Als noch ein zweites Kalb sich ähnlich verhielt, sagten sich die beiden Scherhorns: »Gut, dann soll es so sein.« Sie begannen mit der muttergebundenen Kälberaufzucht.

Erst nach drei oder auch vier Monaten kommen die Kälber dann in separate Kälbergruppen, in denen sie gemeinsam auf der Weide aufwachsen. Das ist auch bei den Höfen so, die auf Ammen setzen, wo also nicht die leibliche Mutter die Kälber aufzieht, sondern eine Ammen-Kuh, die mehrere Kälber versorgt.

Amme oder Mutter

Auf dem Kattendorfer Hof, nördlich von Hamburg in Schleswig-Holstein, hat Daniel Ruge die Verantwortung für die Herde der Milchkühe und die Kälberaufzucht. Er hat lange auf einem anderen Demeterhof bei Darmstadt in Hessen gearbeitet und kann die muttergebundene Kälberaufzucht mit der an Ammen vergleichen.

Seine Wahl ist die Kälberaufzucht mit Ammen. »Das ist für mich stimmig«, sagt er. Der Vorteil der muttergebundenen Aufzucht sei ganz sicher, »dass das Kalb mit dem Muttertier zusammen ist und dadurch einen viel besseren Start ins Leben bekommt, als wenn es in einer mehr oder weniger kleinen Bucht eingesperrt ist. Es kann mit der Mutter mitlaufen, es kann auf die Weide laufen, es kann ein reiches Sozialverhalten ausbilden, es wird kräftig, durch die viele Milch und die viele Rennerei.« Die Kälber fangen so schon früh an, auch Gras zu fressen, weil sie sich das von der Mutter abschauen. »Das würden sie nicht so schnell machen, wenn sie alleine wären.« Und das sei gut für sie. Nur das alles würden sie eben auch von einer Amme lernen, die sie angenommen hat und aufzieht.

Gedrängel am Euter: Eine Anglerkuh als Amme am Hof Tams, viele Kälber, die auch mal wollen, selbst wenn dies nicht »ihre« Amme ist.
Gedrängel am Euter: Eine Anglerkuh als Amme am Hof Tams, viele Kälber, die auch mal wollen, selbst wenn dies nicht »ihre« Amme ist.

»Was mir nicht so gut gefiel bei der muttergebundenen Aufzucht«, sagt Daniel Ruge, »dass die Kälber öfter mal ad libitum Milch trinken. Und das ist meiner Beobachtung nach manchmal zu viel. Das heißt, der Instinkt ist da meiner Meinung nach nicht so sicher, und dann haben sie oft mal flüssigen Kot. Das fand ich nicht so schön.«

Außerdem sei diese Form der Kälberaufzucht für ihn als Landwirt besonders stressig, zumal dann, wenn die Mütter und ihre Kälber einfach in der großen Herde der Milchkühe mitlaufen. Diese Mischung aus Kühen und Kälbern sei nicht einfach zu handeln. »Da ist man unglaublich viel am Rumrennen. Das ist richtig harte Arbeit. Und beim Melken muss man sehr individuell vorgehen und sehr genau aufpassen. Da ist ein Viertel des Euters schon leer gesoffen vom Kalb, das andere noch nicht.«

Das ist einer der gravierenden Unterschiede zwischen der Ammenaufzucht und der durch die leiblichen Mütter: Die Ammen füttern drei oder vier Kälber groß und werden in dieser Zeit nicht gemolken. Entsprechend können sie eine eigene Kalb-Ammen-Herde bilden, die auch separat gehalten werden kann. Beim Kattendorfer Hof lebt diese Herde auf einer etwas vom Hof entfernten eigenen Hofstelle mit eigenen Weiden, die mehr Windschutz und mehr Schatten unter Bäumen bieten, als die großen Weideflächen der Kühe, die gemolken werden.

Bei der muttergebundenen Kälberaufzucht müssen die Kühe weiterhin gemolken werden, weil sie viel mehr Milch geben, als ein einzelnes Kalb wegtrinken kann.

Melktricks für Mütter

Eine Kuh hat vier Zitzen, oder Striche, wie die Bauern sagen, das Euter hat entsprechend vier getrennte Milchdrüsenviertel, und die Aufgabe des Melkers oder der Melkerin ist es, darauf zu achten, dass alle Viertel leer werden, damit die Kuh nicht unter dem Druck alter Milch leidet. Gleichzeitig darf aber ein vom Kalb leergetrunkenes Viertel nicht noch einmal an die Melkmaschine, damit die Zitze nicht leidet. Das erfordert viel Sorgfalt beim Melken der Kühe, die ein Kalb führen.

Dazu kommt, dass sie nicht gemolken werden können, wenn kurz zuvor das Kalb genuckelt hat. Um die Milch nämlich laufen zu lassen, stößt die Kuh das Hormon Oxytocin aus. Und wenn dessen Produktion gerade erst vom Kalb angeregt wurde, kommt so schnell kein neues nach.

Manche Milchbauern haben deswegen ein eigenes System entwickelt. Beim Hof Klostersee zum Beispiel, in Cismar an der Ostsee, den ich schon einmal im Podcast und Blog »Der faire Preis« vorgestellt habe, treffen sich die Kälber nur zweimal am Tag mit den Müttern. In der Zwischenzeit sind sie in einer Kälbergruppe zusammen, beaufsichtigt von einem Ochsen.

Was die Familien, die den Hof gemeinsam betreiben, nicht wussten, als sie dieses System einführten: Es kopiert recht genau das Leben von Wildrindern. Wo es die noch in größeren Herden gibt, kann man beobachten, dass die Kälber oft separat in Gruppen leben, die von Stieren bewacht werden. Die Mütter kommen nur ein paar Mal am Tag zum Säugen vorbei.

Beim Hof Klostersee wurde dafür extra ein großer Kälber-Spielplatz vor den Melkstand gebaut. Dort zieht die Herde der Milchkühe zweimal täglich zum Melken vorüber, wobei die Mütter zu ihren Kälbern abbiegen. Erst wenn alle anderen Kühe gemolken sind, gehen dann auch die Mütter in den Melkstand. Bis dahin ist genug Zeit vergangen, dass wieder Oxytocin vorhanden ist und die restliche Milch läuft.

Großer Umbau

Ausgedehnte Weidelandschaft mit Kühen und Kälbern beim Hof Scherhorn: Muttergebundene Kälberaufzucht im Vollweidesystem; im Sommer kommen die Kühe nur zum Melken zum Stall.
Ausgedehnte Weidelandschaft mit Kühen und Kälbern beim Hof Scherhorn: Muttergebundene Kälberaufzucht im Vollweidesystem; im Sommer kommen die Kühe nur zum Melken zum Stall.

Es ist also keine ganz einfache Aufgabe, die muttergebundene Kälberaufzucht zu gestalten. Dafür müssen meist auch neue Ställe gebaut werden und separate Weiden eingerichtet.

Johanna und Björn Scherhorn, die sich von zwei besonders aufmüpfigen Kälbern, die aus ihren Iglus geflohen sind, zum Umdenken animieren ließen, sind letztlich ohne große Vorbereitung in die muttergebundene Kälberaufzucht gegangen. »Das fühlte sich einfach gut und richtig an«, sagt Björn Scherhorn sechs Jahre später, und lacht über die eigene Naivität.

Sie hatten sich vorher keine Gedanken darüber gemacht, was wohl sein würde, wenn die Kälber mit den Kühen auf die Weide gehen. Plötzlich war das nun aber ein Problem: Zugluft! »Wie kriegen wir das hin, dass die Kälber keine Lungenentzündung kriegen, weil im Frühjahr oder im Herbst der Wind so blöd herzieht?«

Windschutz musste her. Also bauten die beiden erstmal eine Benjes-Hecke aus Totholz, die dann alsbald auch von Büschen besiedelt wurde. Sie pflanzten auch Büsche an die alten Entwässerungsgräben, die zuvor immer frei gehalten waren von Bewuchs.

Gerade erst hatten sie aus den Äckern, die am Hof Scherhorn lagen, wieder Weiden gemacht, wie das hunderte von Jahren war, bevor die sogenannte Grüne Revolution in den 1960er Jahren die Landschaft trockenlegte und umbrach und aus feuchten Wiesen trockenes Ackerland machte. Zu trockenes, wie sich in den Dürrejahren um 2019 herausstellte.

Als dann um den Hof wieder Weideland war, die Kühe und die Rinder wieder draußen waren, die Wiesenvögel wieder da waren und die Heckenvögel — dann kam die Sache mit der muttergebundenen Kälberaufzucht.

Bei einer Biokontrolle mussten sie lernen, dass die Kälber nicht mitlaufen durften im Boxenlaufstall der Milchkühe, weil die Spalten der Böden dort, durch die Kot und Urin fallen, einen halben Zentimeter zu breit waren. Also musste ein eigener Stall für Mütter und Kälber her.

Sie machten deshalb einen Versuch mit Ammenkühen und stellten fest, dass das wohl funktioniert, aber sich eine Amme nicht gleich gut um drei Kälber kümmert, wie die Mutter um ihren eigenen Nachwuchs. Also zurück zur muttergebundenen Aufzucht.

»Dabei übernimmt die Kuh nämlich auch die Sorge um das Immunsystem vom Kalb«, sagt Björn Scherhorn. »Wenn das Kalb Probleme mit der Verdauung hat, putzt die Kuh dem Kalb den Hintern ab und weiß dann genau, was dem Kalb fehlt. Und dann sucht die Kuh genau die Kräuter, die dem Kalb jetzt helfen, oder sie schält ein bisschen Rinde von einer Weide.« So sie die Kräuter denn findet auf der Weide und es dort auch Bäume gibt, an denen sie sich vergehen kann.

Drinnen und draußen

Weil die Scherhorns ohnehin gerade beim Umbau von Landwirtschaft und Landschaft waren, machten sie es gleich radikal, säten heilsame Kräuter ins Gras und pflanzten heilsame Bäume an die Gräben. Für gesunde Kälber.

»Bei Bauchschmerzen hilft die Schafgarbe, bei einem Husten der Spitzwegerich, Himbeerblätter sind krampflösend, Brennnessel hilft gegen Schmerzen, Eiche gegen Juckreiz und Durchfall, wilde Möhre gegen Würmer«, steht auf der Netzseite des Hofs Scherhorn. Und die Rinde der von Björn Scherhorn erwähnten Weide enthält den Pflanzenextrakt Salicis cortex, den schon der antike Arzt Hippokrates als fiebersenkend, entzündungshemmend und schmerzlindernd empfahl.

Die Kühe kennen die heilenden und lindernden Wirkungen der Kräuter, und haben sie auch nach jahrzehntelanger Stallhaltung nicht vergessen, anders als die Bauern. Die Mütter riechen an ihren Kälbern und deren Hinterlassenschaften, was dem Nachwuchs fehlt. Dann können sie durch gezieltes Fressen von Kräutern oder auch Weidenrinde, ihre Milch kalbgerecht medikamentieren.

Nebenbei hat diese Weidemilch dann auch noch für uns Menschen, mit denen die Kühe ihre Milch teilen, besonders viele der gesunden Omega-3-Fettsäuren. Was den Höfen allerdings selbst die Biomolkerei nicht honoriert.

Kattendorfer System

Die Kuh begrüßt den Bauern, die Kälber interessieren sich mehr fürs Euter und fürs Schmusen.: Auf der Ammenweide beim Kattendorfer Hof.
Die Kuh begrüßt den Bauern, die Kälber interessieren sich mehr fürs Euter und fürs Schmusen.: Auf der Ammenweide beim Kattendorfer Hof.

Wer die Trennung von Kalb und Kuh aufheben will, wer weg will von der separaten Kälberaufzucht, wer den letzten Kälberiglu zu einem Spielplatz für die Kinder machen will, wie das auf Hof Scherhorn ist, muss umbauen und investieren.

Das gilt auch für die Kälberaufzucht mit Ammen. Beim Kattendorfer Hof gibt es sowohl einen eigenen Stall für Kälber und Ammen im Winter und eigene Weideflächen an der separaten Hofstelle, als auch eine separate Ammenweide zum Eingewöhnen beim Hof. Dort sind die Ammen mit jeweils drei Kälbern in den ersten Tagen, nachdem Daniel Ruge sie zusammengebracht hat.

Wie er das macht? »Ich suche eine Amme aus und führe sie mit dem Kalb zusammen«, sagt er. Am Anfang muss er bisweilen etwas nachhelfen, die Kuh festhalten, das Kalb zum Euter bringen und verhindern, dass die Kuh nach ihm tritt. »Dann kann das Kalb anfangen zu trinken und die beiden gewöhnen sich aneinander.« Wenn das geklappt hat, bringt er auch die nächsten beiden Kälber, die geboren werden, zu der Amme.  »Und wenn die dann ein eingespieltes Team sind, wenn ich also feststelle, die Kuh verstößt keines der Kälber, die Kälber kriegen alle genug Milch, das Euter der Kuh wird leer, dann kommen die in die Ammen-Gruppe.«

»Ich suche eine Amme aus«, sagt er so lapidar. Und nach welchen Kriterien?

Beim Kattendorfer Hof werden nur Kühe zu Ammen gemacht, die gerade in ihrer Hochlaktation sind. Das ist die Zeit, ungefähr fünfzig Tage nach der Geburt eines Kalbs, in der die Kuh am meisten Milch gibt. Danach sinkt die Milchleistung kontinuierlich, bis nach 300 Tagen die Kühe zu sogenannten Trockensteherinnen werden. Damit endet die Laktation, also die Zeit, in der die Kuh Milch gibt. Sie wird dann ungefähr zwei Monate lang nicht gemolken, bis das nächste Kalb kommt.

Und was ist nun eine gute Amme, die drei oder auch vier Monate lang mehrere Kälber versorgen kann? »Kommt auf die Jahreszeit an«, sagt Daniel Ruge.

»Wenn die Ammen mit ihren Kälbern im Sommer auf der Weide sind, kann man ihnen nicht regelmäßig Kraftfutter geben. Das heißt, die Kühe müssen ihre Milchleistung komplett aus dem Gras holen. Und wenn man jetzt eine alte Kuh nimmt, die schon ein bisschen abbaut, aber noch viel Milch gibt, und man stellt die mit drei Kälbern auf die Weide, dann verausgabt die sich und kann abmagern.«

Im Sommer sollte es also eine jüngere Kuh sein, die genügend Milch nur aus dem Gras produzieren kann. Im Winter sind die Ammen mit den Kälbern in einem großen Stall mit eingestreuter Liegefläche. »Dort kann ich ihnen bestes Heu bieten und auch mal Kraftfutter. Dann darf das auch eine ältere Kuh sein.«

System Tams

Anderer Hof, anderes Ammensystem. Auf dem Hof der Familie Tams bei Ausacker auf der schleswig-holsteinischen Halbinsel Angeln an der Ostsee gibt es einen neu gebauten Kälber-Ammen-Stall mit anschließenden Weiden. Der Hof gehört zur Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof und ich habe ihn beim Umstellen auf kuhgebundene Kälberaufzucht begleitet, zuletzt mit der Episode »Neues altes Kälberglück« im Podcast und im Blog.

Bei den Tams werden nur Kühe zu Ammen gemacht, die bereits wieder tragend sind, und das schon seit gut hundert Tagen. Das heißt, die Geburt ihres letzten Kalbs ist dann schon rund sechs Monate her. Altbauer Johannes Tams und Sohn Hauke haben ein ausgeklügeltes System entwickelt, nach dem hier die Ammen zu ihren Kälbern kommen.

Der Hof verfügt nicht über mehrere kleine »Abkalbeboxen«, also separate Stallabteile für Mutter und Kalb, sondern über eine große Abkalbebox, in die mehrere Kühe mit ihren Kälbern passen. Wenn nun eine Kuh ihr Kalb gebiert, dann ist sie in der Abkalbebox mit dem Nachwuchs allein, bis die nächste Kuh kalbt. Dann geht die erste Kuh wieder in die Milchkuhherde zurück und die junge Mutter hat zwei Kälber zu säugen. Was aber kein Problem ist, weil es den Kälbern sehr schnell recht egal ist, woher sie ihre Milch bekommen.

Eine Amme mit vier Kälbern zum Eingewöhnen die ersten vierzehn Tage zusammen in einer Box, bevor es auf die Gruppenweide geht.
Eine Amme mit vier Kälbern zum Eingewöhnen die ersten vierzehn Tage zusammen in einer Box, bevor es auf die Gruppenweide geht.

Wenn dann die nächste Kuh kalbt, geht die zweite Kuh in die Herde zurück, dann die dritte. Und wenn schließlich die vierte Kuh kalbt, kommt die Amme dazu, die dann mit vier Kälbern zurückbleibt.

»Das hört sich jetzt nach einer langwierigen Prozedur an«, sagt Altbauer Johannes Tams, »bei gut 170 Geburten im Jahr, kann das aber auch mal in zwei Tagen durch sein.«

Als ich Sophie Langner vom Tams‘schen System der Kalb-Ammen-Bindung direkt in der Abkalbebox erzähle, ist die Tierärztin, die bei der Tierschutzorganisation Provieh als Fachreferentin für Tiere in der Landwirtschaft arbeitet, positiv überrascht von der pfiffigen Idee.

Sie bestätigt, dass Kälber gerne auch an ein anderes Euter als das der Mutter gehen. Oft ließen die anderen Kühe sie aber nicht, wenn da keine Bindung bestehe. Die Amme in der Abkalbebox schaffe da aber wohl einen wirklich sehr sanften Übergang, »weil von Anfang an Kontakt da ist und letztendlich gerade diese erste Zeit so wichtig ist, damit da eine gemeinsame Prägung und Beziehung aufgebaut werden kann.«

Das passt zu einer Beobachtung von Johannes Tams: »Die Amme bleibt die ganze Zeit fürsorglich ihren Kälbern verbunden. Sie lässt dann später in der großen Gruppe auch andere Kälber trinken, kümmert sich aber nur um die drei oder vier, die sie von Anfang an bei sich hat.«

Wie beim Kattendorfer Hof sind auch bei den Tams Kälber und Ammen in den ersten zwei Wochen immer im Blick der Menschen. Die Tams haben den neuen Ammenstall extra dicht ans Wohnhaus gebaut, auf dass alle zwischendurch mal nach den Kälbern schauen können.

Nach der Bindungsphase, in der eine Amme mit »ihren« Kälbern alleine ist, geht es nebenan im Kälber-Ammen-Stall in die nächstgrößere Gruppe mit fünf Kühen und fünfzehn Kälbern — und mit Auslauf auf die Weide. Jetzt lässt sich das sehr schön beobachten, dass den Kälbern egal ist, an welchem Euter sie nuckeln, während die Kühe sich nur um die Kälber kümmern, die sie in der Bindungsphase bei sich hatten. Bei denen machen sie Fellpflege, denen lecken sie den Bauch, wenn die Verdauung ruckelt.

Selbstbewusste Kälber

Johannes Tams macht es Spaß, die Kälber und ihre Ammen zu beobachten. Und er stellt fest, dass auf dem Hof ganz andere Kälber und letztlich auch Kühe heranwachsen, seit sie mit der kuhgebundenen Kälberaufzucht begonnen haben. »Die haben ein ganz anderes Selbstbewusstsein als die Kälber früher«, sagt er.

Früher hätten die Kälber den Kopf gesenkt, wenn er ihnen ins Gesicht schaute. Von heute aus gesehen meint er, da sei etwas Trauriges in ihrem Verhalten gewesen, obwohl sie ja nicht allein waren, wenn sie nach der ersten Zeit in den Kälberiglus dann in Gruppen liefen. Heute sei das ganz anders. »Die haben einen ganz anderen, geraden Blick.« Schon in der Bindungsphase, wenn er noch häufig in die Box geht, um zu prüfen, ob alle Kälber getrunken haben und ob das Euter der Amme auch leer ist: »Die gucken mich an und sagen: Ich bin da, ich bin eigenständig!« Und dann mit einem Blick zur Amme: »Du kannst mir gar nix, ich habe hier eine Große bei mir. Ich bin behütet.«

Was mir Johannes Tams immer unter dem Vorbehalt erzählt hat, dass das nur seine subjektiven Beobachtungen sind, wird durchaus von der Wissenschaft bestätigt. Dieses Mal vom Thünen-Institut, dem Forschungsinstitut des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Das hat in einem eigens dafür eingerichteten Forschungsbereich zusammengefasst, was es dazu bereits an Studien gibt. Und ist in einer Studie zusammen mit Instituten aus der Schweiz und Österreich explizit auf die größere Eigenständigkeit und das stärkere Selbstbewusstsein von Kühen eingegangen, die kuhgebunden aufgezogen wurden.

Gesündere Kälber

Auch das gehört zum Projekt Kalb und Kuh, wie es die Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof angeht: Es gibt keine Kälbertransporte mehr. Alle Tiere belieben auf dem Hof. Hier besucht Johannes Tams eine Herde von Färsen und Ochsen.
Auch das gehört zum Projekt Kalb und Kuh, wie es die Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof angeht: Es gibt keine Kälbertransporte mehr. Alle Tiere belieben auf dem Hof. Hier besucht Johannes Tams eine Herde von Färsen und Ochsen.

Dass sie selbstbewusstere Kälber haben als früher, habe ich von einigen Bäuerinnen und Bauern gehört, die umgestellt haben von der Trennung von Kalb und Kuh zur kuhgebundenen Kälberaufzucht. Was ich von allen gehört habe, mit denen ich darüber gesprochen habe, ist, dass sie gesündere und kräftigere Kälber haben als früher. Auch dazu gibt es inzwischen einige Untersuchungen und Studien. Und die Tierärztin Sophie Langner von Provieh findet das auch plausibel.

»Ein großer Vorteil ist zum Beispiel, dass die Kälber deutlich früher anfangen, feste Nahrung aufzunehmen, einfach weil sie den Kontakt zu erwachsenen Rindern haben und sich das da abgucken können.« Abgucken von den Großen können sich Kälber im isolierten Iglu nichts, und auch später in den üblichen Kälbergruppen sind eben keine erwachsenen Rinder dabei. »Wenn die Kälber in einem kuhgebundenen System früher feste Nahrung zu sich nehmen, dann ist das für die Pansenentwicklung von großem Vorteil, weil sich da schnell eine gute Pansenflora entwickeln kann«, sagt Sophie Langner. Der komplizierte Kuhmagen kommt also besser in  Gang und die mikrobiellen Helferlein sind eher aktiv.

Dazu kommt, dass die Kälber sowieso schon gesünder und widerstandsfähiger sind, weil sie nicht nur zweimal am Tag getränkt werden, sondern viel häufiger kleine Portionen Milch am Euter trinken. Das sei für den sensiblen Verdauungsapparat der jungen Tiere deutlich günstiger. Außerdem trinken sie in der kuhgebundenen Aufzucht auch insgesamt etwas mehr Milch. »Das heißt, diese Kälber wachsen schneller, nehmen mehr Nährstoffe auf in kürzerer Zeit und dadurch letztlich auch mehr Antikörper.«

Eine wissenschaftlich noch nicht belegte Beobachtung von Hauke Tams und Altbauer Johannes ist, dass die Ammenkühe am Ende ihrer Aufzuchtphase, also nachdem sie drei oder vier Monate lang drei Kälber gefüttert haben, mit mehr Milchleistung wieder in die Kuhherde zurückkommen, als ihre Kolleginnen, die keine Kälber aufgezogen haben.

Es ist also vielleicht gar nicht so, dass dem Hof durch die kuhgebundene Aufzucht viel Milch verloren geht, selbst wenn die Kälber am Euter mehr saufen, als sie aus dem Nuckeleimer früher überhaupt bekommen konnten.

Mehr davon?

Dass Verbraucherinnen und Verbraucher die Trennung von Kalb und Kuh ablehnen, ist klar, dass sie deshalb auch mehr für Milchprodukte bezahlen, eher nicht. Sophie Langner von Provieh. | Foto: privat
Dass Verbraucherinnen und Verbraucher die Trennung von Kalb und Kuh ablehnen, ist klar, dass sie deshalb auch mehr für Milchprodukte bezahlen, eher nicht. Sophie Langner von Provieh. | Foto: privat

Also: Zweiundachtzig Prozent der Verbraucherinnen und Verbraucher sind nach der Umfrage von 2017 tendenziell dagegen, dass Kalb und Kuh direkt nach der Geburt getrennt werden. Immer mehr Höfe haben in den letzten Jahren die kuhgebundene Kälberaufzucht eingeführt, und noch mehr würden es wohl tun, wenn sie den dafür nötigen Umbau finanzieren könnten.

Es gibt eine Online-Landkarte, auf der wir nachschauen können, welcher Hof in unserer Nähe kuhgebundene Kälberaufzucht schon praktiziert und wo wir die zugehörigen Produkte kaufen können.

Sophie Langner von Provieh stellt fest, dass diese Landkarte sich langsam füllt. Sehr langsam allerdings, aber es stellen immerhin noch einige Höfe mehr auf kuhgebundene Kälberaufzucht um. Und die Anfragen bei Provieh lassen erkennen, dass immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher die Trennung von Kalb und Kuh ablehnen.

»Gesellschaftlich ist auf jeden Fall der Wunsch da, dass die Trennung von Kalb und Kuh nicht mehr praktiziert wird.« Und das könne auch zu einem anderen Kaufverhalten führen. Die Verbraucherinnen und Verbraucher hätten zwar nicht allein die Macht, ein System zu verändern, ihr Einfluss spiele aber schon eine Rolle, vor allem, wenn sie akzeptieren würden, dass das aufwendigere Aufzuchtverfahren auch das teurere sei.

Das war der positive Teil der Nachricht. Den gibt es eigentlich immer, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher gefragt werden, was sie wollen und ob sie gegebenenfalls auch ihr Konsumverhalten umstellen würden, um dieses Wollen zu erreichen. Sie wollen das Bessere, wenn es um tierische Lebensmittel geht im Zweifel mehr Tierwohl, und sie würden auch entsprechend einkaufen — wollen.

Tun sie aber nicht. Sophie Langner sagt, es sei gerade nicht so, dass das Projekt Kalb und Kuh im Aufwind sei und jetzt nur noch die zugehörigen Produkte in großer Zahl kommen müssten, und die würden dann gekauft.

Die Fahrt mit dem Einkaufswagen endet an der Kasse. Und was dort registriert wird, das ist dann die Realität. Wenn dort mehr vom Üblichen gescannt wird, dann wird auch mehr vom Üblichen produziert. Der Kassenbon ist ein Produktionsauftrag für die Lebensmittelindustrie, der sagt: Mehr davon!

Florian Schwinn

Florian Schwinn ist Journalist und Sachbuchautor. Er hat für Print und Hörfunk gearbeitet, Radiofeature produziert und moderiert. Seit vielen Jahren beschäftigen ihn Themen aus dem Bereich Umwelt und Landwirtschaft.
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Ein Kommentar

  1. Die private Landwirtschaft in Deutschland hat ganz andere Probleme, als die Schaffung des Bullerbüh für Milchkühe. Neben immer weiter steigenden Rohstoffkosten, die auch die Biobetriebe betrifft (Diesel, diverse Betriebsmittel) Bürokratie udn ausufernde Überwachung, sind es vor allem fehlende Hofnachfolger. In den nächsten Jahren geht ein großer Teil in Rente, bzw stirbt weg, ohne das es für die Betriebe Nachfolger gibt. Das heißt, die Betriebe verschwinden, die Konzentration in Agrarkonzerne steigt weiter udn immer schneller. Einmal geshlossene landwirtschaftliche Betriebe entstehen nicht mehr neu. Es gibt zwar durchaus junge Interessenten, aber das Umfeld ist so, das die Anfangsinvetitionen nicht zu stemmen sind, und vor allem Land nicht zu erhalten ist. Das da im Artikel ist zwar alles nett, aber geht voll ander landwirtschaftlichen Realität vorbei…

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