Der Bauer und der Tod

Glückliche Familie mit Kuh und freundlichem Bullen: Aber Björn Scherhorn hätte sich fast einmal selbst aus dem Leben entfernt, bevor er mit Johanna neu starten konnte - sich und die Landwirtschaft. | Foto: Maria Feck
Glückliche Familie mit Kuh und freundlichem Bullen: Aber Björn Scherhorn hätte sich fast einmal selbst aus dem Leben entfernt, bevor er mit Johanna neu starten konnte – sich und die Landwirtschaft. | Foto: Maria Feck

Das Thema dieses Blogs und des zugehörigen Podcasts ist kein leichtes. Das verrät schon der Titel. Aber es ist ein notwendiges, denn die Bauern sterben. Nicht nur, weil ihre Höfe dem sogenannten Strukturwandel zum Opfer fallen, nicht nur, weil sie Opfer ihres Umgangs mit Pestiziden werden, Krebs bekommen oder Parkinson; auch weil sie ganz persönlich nicht mehr weiterwissen und können. Die Landwirtschaft ist eine Branche mit extrem hoher Suizidrate. Das ist in der Schweiz oder in Frankreich schon länger bekannt, jetzt wird das auch in Deutschland wahrgenommen. Und es beschäftigt sogar die Europäische Union.

Auf dieses Thema hat mich Björn Scherhorn gebracht. Nicht weil er mir davon erzählt hat, sondern weil ich ihn ganz offen darüber sprechen hörte und sah – in der YouTube-Sendung »Bringen wir unsere Bauern um?« von »Studio16« beim NDR. »Mensch, den kennst Du!« war meine Reaktion auf seinen kurzen Auftritt dort. Und dann habe ich ihn angerufen und gefragt, ob er mir die ganze Geschichte erzählt: die Geschichte von seinem Weg bis hinauf unters Dach zu jenem Balken, mit dem Strick in der Hand, und seinem Weg wieder hinunter, zurück zu den Kühen und dann zum Leben.

Die Hunderttausend-Liter-Kuh

Seit dem 13. Jahrhundert sind sie Bauern, der Familienhof ist zur Zeit der Französischen Revolutioon gebaut. Beinahe aber wäre es nicht weitergegangen auf dem Hof Scherhorn in Berge. | Dieses und alle weiteren Fotos: Florian Schwinn
Seit dem 13. Jahrhundert sind sie Bauern, der Familienhof ist zur Zeit der Französischen Revolutioon gebaut. Beinahe aber wäre es nicht weitergegangen auf dem Hof Scherhorn in Berge. | Dieses und alle weiteren Fotos: Florian Schwinn

Ich habe auf dem Hof Scherhorn bei Berge im Landkreis Osnabrück nicht nur außergewöhnliche Menschen kennengelernt, sondern auch einen außergewöhnlichen Bullen. Er ist ein gewaltiger Piemonteser, grau mit großen schwarzen Augenrändern und schwarzer Schwanzspitze, und so freundlich, wie ich noch nie einen Bullen erlebt habe. Er kam extra zum Schmusen zu uns und forderte Streicheleinheiten ein, wenn auch mit sehr tiefer Stimme.

Aber: freundliche Bullen, entspannte Kühe, spielende Kälber, grasende Schafe und neugierige Schweine, viele Schwalben und Kiebitze und Eulen, sind das glückliche Ende der Geschichte. Angefangen hat das alles ganz anders.

Nämlich mit den Hunderttausend-Liter-Kühen des Vaters Scherhorn. Die gab es dort schon in den 1990er Jahren: Kühe, die zehntausend Liter Milch im Jahr gaben, hunderttausend war ihre »Lebensleistung«. Dafür gab es dann Präsentationsteller vom Zuchtverband und der Nachwuchs der Superkühe ließ sich auf dem Jungviehmarkt gut verkaufen. Der Hof stand gut da, eine offensichtlich funktionierende konventionelle Landwirtschaft.

»Als ich der Betriebsleiter wurde«, sagt Björn Scherhorn »war der Hof ein stramm durchorganisiertes konventionelles Produktionssystem.« 240 Mastschweinplätze, 55 Milchkühe mit weiblicher Nachzucht und Bullenmast. 74 Hektar eigenes Land, davon rund dreißig Hektar Getreide. Ackergras für Grünfutter nach Gerste und dann im nächsten Frühjahr Mais, das war eine normale Fruchtfolge.

Hofübernahme – Erbprobleme

Auf diesem Hof entwickelte sich Jungbauer Björn Scherhorn dann zum Vorzeigelandwirt. Erst die Lehre, dann die Fachschule und den Meister, dann den elterlichen Hof übernommen. Wobei – und damit beginnen die Probleme: Vater Scherhorn schaffte es nicht, den Hof an den Sohn zu übergeben; der musste ihn vom Vater pachten. Weder die über siebzig Hektar eigenes Land, noch Haus und Hof gehörten ihm. Das sollte noch problematisch werden.

Das zweite Problem, das Björn Scherhorn von seinem Vater erbte, war das Land selbst. Das war nämlich früher von Mooren durchsetzt und auch sonst ziemlich nass. Was man heute noch sehen kann, wenn man durch die Gegend fährt. Viele der alten Häuser, der ehemaligen Bauernhöfe, sind von üppigen Hecken aus Rhododendren umgeben, mit Pflanzen also, die sauren, feuchten Boden brauchen. Der Familienname der Scherhorns, die seit siebenhundert Jahren in dieser Gegend Bauern sind, deutet schon daraufhin, was es dort ursprünglich gab: Tiere mit Hörnern und Schafe, die zu scheren waren.

Im Zuge der sogenannten Grünen Revolution in den 1960er Jahren wurde dann eine jahrhundertealte Weidelandschaft zu Äckern gemacht. Das Land wurde dräniert und mit tiefen Gräben durchzogen, die das Wasser wegschafften.

Das war der Hof, den Björn Scherhorn vom Vater pachtete und den er dann noch einmal optimierte. Zum Beispiel, indem er die Milchkühe, die er als Kind noch in Anbindehaltung kennengelernt hatte, dann aber mit sommerlichem Weidegang, nun ganz im Stall hielt. Im modernen Laufstall inzwischen, aber eben drinnen.

So hatte er das gelernt in der Berufsschule und dann in der Fachschule: »Lass die Kühe mal lieber drin«, sagten seine Lehrer und später dann die Fachberater. »Jedes Mal, wenn die rausgeht, verpulvert die Kuh eigentlich nur Energie, die du besser in Form von Milch verkaufen kannst. Futter kostet, und wenn die dir das dann da draußen verballert, das rechnet sich nicht.«

Hohe Leistung – kranke Kühe

Entspannte Weidekühe aus verschiedenen Kreuzungen - mit Hörnern. So sahen die Kühe auf Hof Scherhorn früher nicht aus, und auf der Weide waren sie auch nicht.
Entspannte Weidekühe aus verschiedenen Kreuzungen – mit Hörnern. So sahen die Kühe auf Hof Scherhorn früher nicht aus, und auf der Weide waren sie auch nicht.

Bald hatten die Kühe nur noch einen Auslauf am Boxenlaufstall. Und bald hielt Betriebsleiter Björn Scherhorn dann auch Kühe, die draußen gar nicht mehr satt geworden wären. Es ging in Richtung HF – Holstein-Friesian Hochleistungskuh. Mit zehntausend Litern Milchleistung im Jahr hatte er die damals besten Kühe vom Vater übernommen. Bei ihm gaben die besten dann elftausend und mehr.

Wobei er heute noch sagt: »Ich bin auch gerne konventioneller Landwirt gewesen, es hat mir Spaß gemacht, an den Stellschrauben zu drehen, um noch mehr Milchleistung herauszukitzeln.« Und es hat ja auch eine Weile funktioniert. Er hatte Kühe, die gaben siebzig Liter am Tag. Er war aber dann irgendwie vom Landwirt zum Feuerwehrmann geworden. Er beschreibt sich heute als einen Gehetzten, der ständig versuchte, die gesundheitlichen Brandherde im Stall zu löschen. »Du rennst die ganze Zeit diesem Zuchterfolg auf Leistung hinterher. Du bist nur damit beschäftigt, die negativen Folgen der Hochleistung abzufangen: dass dein Tier nicht in die Ketose oder ein Nachgeburtsverhalten fällt.«

Ketose ist eine Stoffwechselkrankheit, die entsteht, wenn die Kühe mehr Energie verbrauchen, als ihr Körper aufnehmen kann, also vor allem direkt nach der Geburt des Kalbs mehr Milch geben, als sie aus dem Futter produzieren können. Nachgeburtsverhalten heißt, dass die Gebärmutter die Nachgeburt nicht abstößt, was zu schweren Entzündungen führen kann.

Mit einem Wort: Björns Hochleistungskühe wurden öfter krank. Und sie wurden dann auch nicht mehr so alt, sie gingen viel früher zum Schlachter.

»Mir tat das dann schon leid, dass die Kühe nicht mehr so alt wurden wie früher«, sagt er. Aber so hatte er das gelernt: Die Produktionseinheit Rind und die Produktionseinheit Schwein musste nur gut geführt werden, dann stimmte die Leistung schon. Und so war es dann auch: An Milchleistung mangelte es nicht beim Hof Scherhorn. Und auch die Mastschweine waren top, genau wie vom »Markt« verlangt. Nur das Geld stimmte nicht. Es war immer zu wenig. »Produktion konnte ich«, sagt Björn Scherhorn, »aber verkaufen kannst du ja nicht. Deine Molkerei sagt dir, was sie gibt, und dein Viehhändler holt die Schweine zu seinem Kurs ab. Du musst nehmen, was du kriegst. Oder du sagst: Ich werde größer und bekomme dann Mengenzuschläge.« Das ging aber auch nicht, denn der Hof gehörte ja nicht ihm.

Gefangene des Systems

An dieser Stelle im Gespräch mit Björn Scherhorn habe ich ihm gesagt, was ich schon öfter im Gespräch mit Bauern gesagt habe: Die Land-Wirtschaft ist die einzige Wirtschaftsbranche, die ich kenne, die wächst, wenn sie keinen Gewinn macht. Wenn die Milch in der Produktion mehr kostet, als sie einbringt, werden mehr Kühe gemolken, wenn der Schweinepreis im Keller ist, werden mehr Schweine aufgestallt. Dabei ändern die Mengenzuschläge nichts am System.

»Und wir Bauern sind die Gefangenen dieses Systems«, sagt Björn Scherhorn. »Ein Unternehmer würde sagen: Moment, da müssen wir jetzt aber mal was an den Preisen machen, und dann schreiben wir andere Rechnungen. Aber ein selbstständiger Landwirt ist gefangen zwischen den Welten. Er ist auf der einen Seite voll haftbar, trägt volle Verantwortung, kann auf der anderen Seite aber nicht selber über die Preise bestimmen.«

Voll haftbar wird der Landwirt auch für die Schäden gemacht, die die Art der Landwirtschaft zeitigt, die Björn Scherhorn damals auch betrieb: Stichworte Tierwohl, Umweltschutz, Artensterben. Er hätte damals auch gerne mehr Tierwohl gemacht, den Schweinen Auslauf gegeben, die Kühe wieder rausgelassen. » Ich habe meine Kühe ja auch damals geliebt.« Dafür war aber kein Geld da.

»Das Einzige, was ein Landwirt hat, wenn es nicht mehr reicht, ist sein Land. Das ist das rare Gut, hinter dem alle her sind. Das kann er beleihen.«

Und genau das konnte Björn Scherhorn nicht, als es finanziell immer enger wurde, trotz Höchstleistungen im Stall und auf dem Acker: Er konnte keinen Kredit aufnehmen. Er lebte zwar in seinem Elternhaus, oder besser im Familienhaus, denn der Hof ist 1789 gebaut, im Jahr der Französischen Revolution. Aber der Hof gehörte ihm damals noch nicht.

Alles wird weniger

Halboffene Weidelandschaft mit Sträuchern und Hecken an den Gräben. Windschutz für die Kälber, und auch Erosionsschutz und Klimaregulator.
Halboffene Weidelandschaft mit Sträuchern und Hecken an den Gräben. Windschutz für die Kälber, und auch Erosionsschutz und Klimaregulator.

Sein Vater hatte ihm immer gesagt: Du musst zu den besten zehn Prozent der Landwirte gehören, dann kann dir nichts passieren. Jetzt gehörte er zu den besten zehn Prozent, und der Schweinezyklus der Preiskrisen schlug dennoch auch bei ihm zu.

Er arbeitete immer mehr und immer länger und hatte immer weniger Zeit für die damalige Partnerin und den kleinen Sohn. Und er wurde dabei selbst immer weniger. Und auch um den Hof herum wurde alles weniger. Björn Scherhorn macht es an den Schwalben fest, die in seinem Leben eine große Rolle spielen.

Er erzählt, wie er als kleiner Junge begeistert die erste Schwalbe des Frühjahrs begrüßte und wie er dann doch ein wenig trauerte, als es in seiner Fachschulzeit dann nur noch ganz wenige Schwalbennester am Hof gab. »Das war schade«, sagt er, »aber dieses ‚Schade‘ war noch sehr leise damals.«

Es wurde dann mit der Zeit aber lauter im Kopf des Landwirts Björn Scherhorn, der inzwischen ein nervöses Augenzucken entwickelt hatte und den zwischenzeitlich mal ein gelähmter Arm plagte. Nervenentzündung in der Schulter. Sein Körper wollte nicht mehr, er war mager geworden wie seine ausgelaugten Hochleistungskühe. Dann bemerkte er, dass auch das Land um ihn herum langsam ausgelaugt wurde.

»Irgendwann stand ich auf unserem sechshundert Jahre alten Eschboden und stellte fest: Der Boden war weniger geworden.« Eschboden, oder Plaggenesch, ist eine, vor allem in Nordwestdeutschland, von Generationen von Bauern in mühevoller Arbeit fruchtbar gemachte Bodenart. Dabei wurden jahrzehntelang immer wieder Grassoden abgestochen und als Einstreu in die Ställe gefahren, um später mit dem Mist auf die Äcker gebracht zu werden.

An dieser Stelle hatte er als Kind mit seinem Vater gestanden, als der den Lehrlingen erklärte, wie ein solch fruchtbarer Boden aufzubauen ist: Mit Mist, mit sehr viel Mist und sehr viel Zeit. Und nun war dieser Boden in seiner Lebenszeit geschrumpft. Obwohl er doch der Vorzeigelandwirt war, der mit den hohen Erträgen auf dem Acker und im Stall, der eigentlich alles richtig machte. »Ich denk: Da muss was passieren, das muss sich ändern.«

Dann keimte im optimierten konventionellen Landwirt Björn Scherhorn der Gedanke auf, vielleicht doch auf Bio umzustellen. Und dann kümmerte er sich darum. Aus dem »da muss sich etwas ändern« war ein »ich muss etwas ändern« geworden.

Die letzte Krise

Da war es aber fast schon zu spät. Nicht nur der Boden war weniger geworden, nicht nur Björn war weniger geworden, auch die Beziehung zu seiner Partnerin war weniger geworden.

»Ja, und wie das dann so ist, dann kommt irgendwann jemand anderes ins Leben. Und sie ist dann gefahren.« Zuerst blieb Björn Scherhorn allein zurück – mit dem gemeinsamen kleinen Sohn. Dann wurde bald klar, auch der würde gehen.

Jetzt kam zu all den Krisen, durch die er den Hof bis hierhin gebracht hatte, auch noch die seiner Beziehung hinzu. Björn sorgte noch dafür, dass der Sohn von den Schwiegereltern aufgenommen wurde. Der Gedanke schien ihm erträglicher, als wenn er mit seiner Mutter zu ihrem neuen Partner zöge. Das machte die Sache aber am Ende auch nicht besser. Björn war klar: »Wenn der Junge vom Hof geht, wird es schwer!«

Und das wurde es dann auch. Am Morgen fuhr der Vater noch eine Runde Trecker mit dem Sohn, dann wurde der abgeholt.

Der Tag, als sein Sohn den Hof verließ, war der Tag, an dem sich Björn einen Strick vom Haken nahm und auf den Dielenboden kletterte. Vor dem scheunengroßen Dielentor hatte er als kleiner Junge die erste Schwalbe begrüßt. Jetzt stand er, eine lange Zeitreise und viele Krisenjahre später, zwölf Meter höher auf dem Dielenboden und schaute auf einen Balken.

»Dann siehst du den handgesägten und handbehauenen Balken, den deine Vorfahren mühevoll zusammengeschustert und eingefügt haben, für dieses Haus, was über Generationen hält.« Und da soll es nun geschehen.

»Und dann kam ne Schwalbe! Wieder eine Schwalbe, wie damals. Die hat mich wieder runtergebracht.«

Schwalbenbauer

Björn und Johanna Scherhorn mit drei ihrer Kinder vor der Diele, von deren Dachboden Björn damals eine Schwalbe wieder heruntergeleitete, und in deren Fußboden jetzt die Hofkäserei eingebaut werden soll.
Björn und Johanna Scherhorn mit drei ihrer Kinder vor der Diele, von deren Dachboden Björn damals eine Schwalbe wieder heruntergeleitete, und in deren Fußboden jetzt die Hofkäserei eingebaut werden soll.

Eine Schwalbe sagt man, mache noch keinen Frühling. Aber eine einzelne Schwalbe brachte damals Björn Scherhorn runter vom Dachstuhl und zurück ins Leben. Und heute ist der Biohof Scherhorn Lebensraum für ganz viele Schwalben. Im Dachstuhl der Diele hängen ihre Nester unter den Balken. Die Schleiereulen nisten im Dachgeschoss des Stalls. Und auf den Weiden sind die Kiebitze zurück.

Und die Menschen im Hof sind inzwischen zu acht. Björn und Johanna Scherhorn haben gerade ihr sechstes Kind bekommen. Die beiden haben sich, nachdem um Björn Scherhorn alles zusammenzubrechen schien, auf den Öko-Feldtagen auf einem Biohof bei Kassel kennengelernt und dabei festgestellt, dass sie aus benachbarten Dörfern kommen.

Es gibt keine Mastschweine mehr im ehemaligen Schweinestall. Aber es gibt Schweine auf dem Hof, ganze vier. Sie sind schwarz und haben eine Stubsnase: Berkshire, eine robuste Schweinerasse, die auch das ganze Jahr über draußen leben kann. Dazu gibt es Gänse und Hühner und Lauf­enten. Und es gibt wieder Schafe auf Hof Scherhorn, wie früher. Nur dass sie nicht mehr geschoren werden müssen. Die Guteschafe von der schwedischen Insel Gotland werfen ihre Wolle ab, meist als geschlossene Decke.

Die Herde der Milchkühe ist auf siebzig gewachsen, und seit ein paar Jahren werden die Kälber nun auch nicht mehr von den Müttern getrennt, sondern bleiben bei ihnen. Deshalb wirbt Hof Scherhorn mit »geteilter Milch«. Die Kunden, die den Hofkäse kaufen, teilen die Milch der Kühe mit den Kälbern.

Die Kühe sind von Winterende bis zum nächsten Winteranfang draußen. Gemolken wird nur noch einmal am Tag. Dafür müssen die Kühe früh morgens ihr Weideleben für einen Gang zum Melkstand unterbrechen. Außerdem haben die Kühe von Hof Scherhorn auch wieder Hörner. Nicht nur, weil der Bioverband Demeter, zu dem der Hof Scherhorn gehört, das so will. »Auch wenn ein Wolf vorbeikommt, hilft das«, sagt Björn Scherhorn.

Alles ist anders als früher auf Hof Scherhorn. »Und ich bin endlich Bauer geworden«, sagt Björn. Er unterscheidet zwischen den Berufsbezeichnung Landwirt und dem Bauern.

Heute ist er Bauer, die Kühe sind auf der Weide und die Schwalben sind wieder da. Als er Landwirt war, hat er in Produktionseinheiten gedacht, er hat optimiert, Leistung gebracht und Leistung verlangt, auch von den Tieren und dem Boden. »Ich war drin in dem Prozess und konnte anderen Leuten auch richtig gut erklären, wie das zu funktionieren hat.« Er und seine leistungsorientierten Kollegen hätten damals mitleidig auf die Milchviehhalter im süddeutschen Raum hinuntergeschaut. »Guck dir mal die lächerlichen Leistungen an, das funktioniert ja gar nicht. Wie können die denn überhaupt wirtschaftlich sein? Wir waren auch nicht wirtschaftlich. Aber wir meinten aufgrund der hohen Produktionsmengen, wir wären die Könige von Deutschland.«

Bis zum tiefen Absturz. Den hat er auch bei anderen erlebt. Bei Freunden, die heute nicht mehr da sind, die sich noch nicht vorstellen konnten, alles zu ändern, und bei denen im letzten Moment auch keine Schwalbe kam.

Neue Krisen – neue Wege

Weite Weidelandschaft um Hof Scherhorn. Hier war vor wenigen Jahren noch Ackerland, dessen Krume in den Dürrestürmen davonflog.
Weite Weidelandschaft um Hof Scherhorn. Hier war vor wenigen Jahren noch Ackerland, dessen Krume in den Dürrestürmen davonflog.

Nach Björns Wandlung vom Landwirt zum Bauern, nachdem er mit seiner Frau Johanna auf Bio umgestellt hatte, mussten die beiden gleich mehrere Dürrejahre durchleben. Das war die Zeit, in der die Verkehrsnachrichten zum ersten Mal vor Sandstürmen über Autobahnen warnten. Nur dass da kein Sand durch die Luft flog und die Sicht nahm. Da flog der ausgetrocknete Humus von den Äckern.

»Der Humus aus dem Boden, der eigentlich den nachfolgenden Generationen zustehen sollte«, sagt Björn Scherhorn: »Wir können doch nicht so wirtschaften und so Ackerbau betreiben, dass wir die Zukunft einfach wegpflügen.«

So war es aber damals auch bei ihm vor der Haustür. Im ersten Dürrejahr rasten die heißen Winde auch bei ihm über die Äcker. »Da draußen stand eine braune Wand, es flog alles weg mit dem heißen Wind.« Und dass es Wind gibt in der Gegend, das sieht man schon an den Windrädern die hinter dem Hof aufragen.

Nach dieser Erfahrung haben die beiden angefangen, die Landschaft umzubauen und Hecken zu pflanzen, Windbrecher. Jetzt lassen sie an den Wassergräben, die es noch gibt, immer auf einer Seite den Bewuchs hochkommen. »Und wenn da keine Sträucher und Bäume wachsen, dann pflanzen wir welche.« Auch Kräuter säen die beiden ins Weidegras, »die helfen unseren Tieren, gesund zu bleiben.« Spitzwegerich gegen Husten, Schafgarbe gegen Bauchschmerzen.

Entstanden ist so eine von Hecken durchzogene weite Weidelandschaft. Waren es früher gerade mal zehn Hektar Dauergrünland, liegen heute achtzig Hektar Wiesen und Weiden um den Hof herum.

»Die Dürre war ein guter Lehrmeister« sagt Björn Scherhorn heute. Wir haben gelernt, wie wir hier wirtschaften müssen. Und das sei übrigens ziemlich genau so, wie das Generationen seiner Vorfahren an diesem Ort schon gemacht haben.

»In den Dürrejahren war jeder Halm knapp«, sagt er, sie mussten die Kühe kilometerweit auf Weiden treiben, auf denen früher nur das Jungvieh stand. »Aber als es dann endlich wieder regnete, wurde es durch das viele Beweiden bei uns wieder grün, während drumherum noch alles grau war.«

Nachdem der große Teich hinter dem Haus in der ersten Dürre trockengefallen war, ließen sie ihn tiefer baggern, so dass er bei der nächsten Dürre nicht mehr austrocknete. »Und wir hatten im nächsten Jahr mit der Weidekuhhaltung und dem Teichtieferbaggern siebzig Schwalbenpaare da.«

Da sind sie wieder, die Schwalben, die nun auch nie wieder verschwinden sollen vom Hof Scherhorn.

Und weiter

Und wie geht es nun weiter inmitten von Grünland und Weiden, mit siebzig Milchkühen und Nachzucht? »Weiter geht es mit einer eigenen Käserei«, sagt Johanna Scherhorn. In einen Seitenflügel des Hauses, die scheunengroße sogenannte Diele, wird ein Loch gebaggert und da hinein kommt die Käserei.

»Wir wissen genau, wo wir hinwollen«, sagt Johanna Scherhorn. Sie könnten es sich viel einfacher machen und umstellen auf die sogenannte Mutterkuhhaltung. Dabei werden Fleischrinder aufgezogen und es wird nicht gemolken. »Wir haben schon häufiger gesagt, Mutterkühe wären so viel einfacher«, sagt Johanna, »aber wir hängen einfach an Milchkühen. Wir finden die einfach unglaublich schön. Wir machen das unglaublich gerne.«

Damit die Milch mehr einbringt, sollen aber nun nicht mehr Kühe auf den Hof, sondern die zweite Verarbeitungsstufe: die Käserei. »Wir wollen nicht Masse produzieren, sondern Qualität«, sagt Johanna Scherhorn, »und die dann direkt vermarkten, gerne regional, aber auch über den Online-Shop. Der Käse kann auch mit der Post zu den Kundinnen und Kunden kommen.«

Es gibt auch noch weitere Ausbaupläne für die Zukunft. »Wir würden das kleine Paradies, das wir hier geschaffen haben, gerne erhalten und auch anderen zugänglich machen.« Zum Lernort machen will Johanna Scherhorn den Hof. Schon jetzt kommen im Frühjahr immer mehr radelnde Bird Watcher zum Hof, um sich die gefiederte Vielfalt anzuschauen und anzuhören, die es in den ausgeräumten Feldfluren längst nicht mehr gibt, die aber rund um den Hof Scherhorn wiedergekommen ist. So etwas kann man auch professionell anbieten.

Räume für Seminare und Veranstaltungen wären da, ganze Häuser sogar. Sie müssten nur ausgeräumt und ausgebaut werden. Aus einem Schweinestall in einem weit über zweihundert Jahre alten Hof einen Seminarraum zu machen, ist kein kleines Unterfangen. Aber das ist auch Zukunftsmusik, jetzt kommt erstmal die Hofkäserei und mehr Direktvermarktung. Denn mehr Milchgeld wegen des besonders hohen Omega-3-Fettsäuregehalts durch die Vollweidehaltung zahlt auch die Bio-Molkerei nicht.

Björn Scherhorn liegt viel daran, dass auch andere Landwirte das Glück haben, das ihn in Gestalt einer Schwalbe im letzten Moment noch erreicht hat. Es war knapp, aber die 1299 begründete Bauernfamilie Scherhorn lebt weiter auf dem Hof bei Berge, Baujahr 1789. Viele andere Bauern haben ihre Geschichte mit einem Suizid beendet. Und es werden leider sehr rasch immer mehr, die ihrem Leben ein Ende setzen, die keinen Ausweg mehr sehen. Es wird Zeit, dass wir da hinschauen, dass wir den Bauern helfen, sich aus ihren Abhängigkeiten zu befreien.

Auch wenn es angesichts dieses Problems peinlich banal klingt, der Serientitel dieses Blogs und des zugehörigen Podcasts weist den Weg: Es hilft schon, den Einkaufswagen bewusster zu steuern.

Florian Schwinn

Florian Schwinn ist Journalist und Sachbuchautor. Er hat für Print und Hörfunk gearbeitet, Radiofeature produziert und moderiert. Seit vielen Jahren beschäftigen ihn Themen aus dem Bereich Umwelt und Landwirtschaft.
Mehr Beiträge von Florian Schwinn →

Ähnliche Beiträge:

4 Kommentare

  1. @Vende „Und was macht der Deutsche Bauernverband, einer der größten deutschen Lobbys in Deutschland?“

    Das könnte bei einigen Lesern (und Leser:+INNEN, das vergesse ich immer noch) für Verwirrung und Missverständnissen sorgen. Dieser „Deutsche Bauernverband“ (warum heißt das nicht „Deutscher Bäuerinnen- und Bauernverband“, gibt es da nur Männer und was ist mit diesen „Diversen“?) vertritt vor allem die Interessen der großen und ganz großen Bauern, der Lebensmittel-Industrie, der chemischen und Pharma-Industrie, der Hersteller von Pestiziden, Hebiziden und Fungiziden und Antibiotika für Enten, Hühner, Gänse und Mastschweine.

  2. Und die Regierung peitscht die Bevölkerungszahl weiter hoch, obwohl Energie importiert werden muß und die Erzeugung von Lebensmitteln nicht endlos gesteigert werden kann. Die Steigerung auf das heutige Niveau trägt ja vielfach schon bittere Früchte. Statt einer möglichen Gesundschrumpfung hat man sich für Masseneinschleppung von Konsumenten entschieden, das ist bestürzend.

  3. Eine gute Argumentation und ein exzellentes Plädoyer für die kleinen und mittelständischen Bauern. Zwei Schönheitsfehler gibt es aber leider dabei.

    1. Man muss sich Produkte, die auf bäuerliche Art und Weise hergestellt und nicht mit Antibiotika, Pestiziden, Herbiziden, Fungiziden usw. handelt wurden und etwas mehr kosten, ökonomisch auch leisten KÖNNEN. Viele Bürger, die nicht zu den „Besserverdienern“ gehören, können das nicht.

    2. Man muss es sich auch leisten wollen. Viele Verbraucher, die es sich ökonomisch leisten könnten, WOLLEN es sich aber nicht leisten, weil die Metallic-Lackierung (Aufpreis bei einem „ID.3 Neo“, einem Auto der sogenannten „Kompaktklasse“ aktuell 860 Euro brutto) und die Felgen (Aufpreis 705 Euro brutto) wichtiger sind als Lebensmittel, die sozial fair, ökologisch umweltverträglich, ohne Antibiotika und ohne Wachstumsbeschleuniger produziert werden.

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 5 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen