Umgekehrter Gramsci – Kulturelle Hegemonie über die Linke

Antonio Gramsci vor Parteibüro der Linken, KI-generiert.
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Aus einem linken Gegenkonzept sei ein Instrument der Anpassung geworden. Warum die Linke heute selbst Teil der kulturellen Hegemonie ist.

In einem Beitrag im Overton-Magazin (Buchmann 2026), wurde der Frage nachgegangen, welche Relevanz Gramscis Konzept kultureller Hegemonie in der Gegenwart zukommt, und inwieweit es politisch missbraucht wird. Die kritische Argumentation dieses Beitrages soll im Folgenden aufgegriffen und erweitert werden.

Kulturelle Hegemonie war einst ein Konzept, das es der kommunistischen Linken erlauben sollte, den Kampf um eine gerechte sozialistische Gesellschaftsordnung zu führen. Gramsci war nach der Niederschlagung der italienischen Rätebewegung 1921/1922 zu dem Schluss gekommen, dass es in West- und Mitteleuropa – im Unterschied zu Russland – anderer Strategien bedarf, um eine grundlegende Erneuerung der Gesellschaft durch Überwindung ihrer kapitalistischen Strukturen anzubahnen. Sein Konzept kultureller Hegemonie verweist auf die Tatsache, dass in den westlichen bürgerlichen Gesellschaften neben dem Staat und seinen Vollzugsorganen noch eine ganze Reihe kultureller Einrichtungen existieren, die sozialistischen Veränderungen Widerstand entgegensetzen – eine Art zweites, robustes Verteidigungssystem hinter dem Staat. Ohne die Überwindung dieser kulturellen Hegemonie und ihre Ersetzung durch eine eigene kulturelle Hegemonie der Arbeiterklasse – so die Einschätzung des Philosophen – kann eine sozialistische Gesellschaft nicht auf den Weg gebracht werden. Die sozialistischen Arbeiterbewegungen im Westen haben dieses Angebot allerdings nie ernsthaft angenommen. Das Feld der Kultur galt dort lange als zu vernachlässigende Größe. Sie haben es in der Folge dieser Fehleinschätzung versäumt, eine kulturelle Gegenhegemonie aufzubauen, die sie von der herrschenden Kultur hätte unterscheiden können, für Gramsci eine wesentliche Bedingung der Eroberung der politischen Macht und der Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse in West- und Mitteleuropa. Viele seiner Genossinnen und Genossen hat er vergeblich davor gewarnt, die Macht der kulturellen Hegemonie der Herrschenden über die Menschen zu unterschätzen.

Zwei Zielrichtungen des Konzepts

Für Gramsci hat der Terminus der kulturellen Hegemonie zwei Zielrichtungen. Die analytische Aufgabe des Begriffs ist darauf gerichtet zu erklären, auf welche Weise die bürgerliche Gesellschaft politisch und kulturell funktioniert. Er hat die „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“ (Marx) um den wertvollen Begriff der kulturellen Hegemonie bereichert und damit eine ihrer Lücken geschlossen. Gramsci untersucht das Feld der Hegemonie, ihres Aufbaus, ihrer Konsolidierung und ihres Verfalls unter der Frage, wie die in einer Gesellschaft dominierenden Gesellschaftsgruppen die Zustimmung zum System der gesellschaftlichen Ordnung und zur Planung ihrer Projekte bewerkstelligen. Hegemonie kennzeichnet einen geschichtlichen Raum, in dem die Kämpfe zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen politisch, kulturell und ideologisch vor dem Hintergrund jeweils besonderer gesellschaftlicher Bedingungen ausgetragen werden – eine Art sublimierter Klassenkämpfe. Den Herrschaftsraum der bürgerlichen Gesellschaft kennzeichnet Gramsci als eine mit Zwang gepanzerte Hegemonie (G, S. 120; S. 783). Auf der einen Seite setzen Verwaltung, Polizei, Militär herrschaftliche Interessen in repressiver Weise durch. Auf der anderen Seite gibt es kulturelle Institutionen, Initiativen, Netzwerke, Ideen, die die Herrschaft u. a. mit Hilfe von Ideologien hegemonial absichern. Im Unterschied zur Herrschaft, die die Funktion der „reinen Zwangsgewalt” enthält (G, S. 354), ist die sanfte Gewalt der Hegemonie also wesentlich auf das Feld der geistig-kulturellen Erziehung (im weitesten Sinne des Wortes) zu Konsens und Loyalität bezogen. Das Wesen der Hegemonie ist, im Unterschied zur Zwangsgewalt, nicht das Herrschen, sondern die Führung. Geht die politische Hegemonie wesentlich in der Fähigkeit einer Partei oder einer sozialen Bewegung auf, führend im Hinblick auf die Organisation verschiedener politischer Gruppierungen zu sein, so basiert die kulturelle Hegemonie auf der führenden Position in der Schaffung der konsensualen kulturellen, moralischen und geistigen Mentalität in der Gesellschaft. Aufbau und Konsolidierung von Hegemonie erfordern die Besetzung der gesamten kulturellen Sphäre, die Expansion direkter Herrschaft in alle Bereiche der gesellschaftlichen Lebensweisen, um die Bindung aller gesellschaftlichen Gruppierungen an die kapitalistisch verfasste Gesellschaft und ihre Herrschaftsstrukturen zu gewährleisten.

Die zweite Zielrichtung des Konzeptes der kulturellen Hegemonie betrifft eine praktische, emanzipatorische Aufgabe. Sie zielt nach Gramsci auf die Frage, wie die unterdrückten Bevölkerungsmassen die Hegemoniefähigkeit der bürgerlichen Klasse brechen und eine eigene, dieser überlegenen Hegemonie, also eine Gegenhegemonie, aufbauen können. Genau die hegemoniale Wirkung dieser zivilen bürgerlichen Kultur hat die sozialistische Bewegung bisher maßlos unterschätzt. Die Kultur, die tief in die Menschen eingedrungen ist, ihr Denken und Handeln bestimmt, ist der Bremsklotz der Veränderung. Sie bindet die Menschen an ihre Herrschaft, macht sie vorsichtiger, verlangsamt ihren politischen Elan. Darunter leiden der Wille und die Entschlossenheit, gesellschaftliche Veränderungen zu wagen. Die politische Strategie muss daher darauf gerichtet sein, dieses zweite Verteidigungssystem zu überwinden. Die Aufgabe einer Linken in den westlichen Gesellschaften besteht darin, den Herrschenden die kulturelle Hegemonie streitig zu machen. Die Linke soll mittels ihrer Intellektuellen und mittels eigener Ideen in die ideologische Front einbrechen, die die kulturelle Hegemoniestruktur der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft aufgebaut hat. Zu diesem Angriff auf die Hegemoniestruktur der Herrschenden gehört es zwar auch, kompromisslos deren Machenschaften, Intrigen, Betrügereien aufzudecken und zu kritisieren. In erster Linie geht es aber darum, deren Projekte, Initiativen und Ideologien zu  entkräften, damit sie ihre Funktion verlieren, als „praktische Instrumente politischer Herrschaft über die restliche Gesellschaft“ (G, S. 475) zu wirken, dass sie also nicht mehr in der Lage sind, Menschenmassen im herrschaftlichen Interesse zu organisieren. Die Linke hat, und das ist eine oftmals vernachlässigte Dimension der Verwendung des Gramscischen Konzeptes kultureller Hegemonie, den „herrschenden Gedanken” eine eigene Programmatik entgegenzustellen, die den „Geist des Bruchs und der Unterscheidung“ (G, S. 1052) von etablierten bürgerlich-kapitalistischen Einrichtungen, Parteien, Organisationen, Lebensweisen beinhaltet. Die geistige Abspaltung, die „scissione“ ist die politisch-kulturelle Möglichkeit des Aufbaus einer Hegemonie der subalternen Kräfte und Bewegungen in der Auseinandersetzung mit den „Befestigungsanlagen“ und „Schützengräben“ der herrschenden und führenden gesellschaftlichen Gruppierungen (G, S. 374).

„Hegemonie in der öffentlichen Diskussion“

Buchmann verweist in seinem Beitrag im Overton-Magazin mit Recht darauf, dass viele Begriffe, die Gramsci verwendet bzw. neu formuliert, nicht eindeutig bestimmt sind und sich gerade aufgrund dieser unklaren Bestimmung als „anschlussfähig“ an diverse Positionen erweisen, die mit der Position eines marxistischen Philosophen nichts mehr gemein haben.

Tatsächlich unappetitlich waren die Versuche, Gramscis Konzept kultureller Hegemonie für die Ausarbeitung einer kulturellen Macht der Neuen Rechten zu nutzen (Benoist 1985). Ebenso unappetitlich war das Unterfangen, das Konzept im Zusammenhang der Durchsetzung der staatlichen Maßnahmen in der ‚Corona-Krise‘ zu verwenden (Bude 2022, S. 249). Eine wesentliche Aufgabe des zu diesem Zwecke zusammengesetzten Corona-Krisenbewältigungs-Expertenteams bestand nach dem Kasseler Soziologen Heinz Bude, Mitglied dieser Expertengruppe, in der „Prägung rhetorischer Formeln für die Begründung der getroffenen Entscheidungen” (ebd., S. 247); denn „[e]s war aber auch klar, dass eine Politik des Zugriffs auf das Verhalten der Einzelnen starker Rechtfertigungen bedarf. Mit Gramsci gesprochen: Es ging darum, Zwänge zu verordnen und Zustimmung zu gewinnen und dabei die Deutungshoheit in der Hand zu behalten.“ (Ebd., S. 249) Die „Schocktherapie“ (ebd.) sollte den Konsens in die Zwangsmaßnahmen erzwingen.

Buchmann stellt die These auf, dass linksliberale Gruppierungen die in Gramscis Studienplan gebrauchten, unklaren Begrifflichkeiten aus dem Kontext herausreißen und ihn zweckentfremdet verwenden. Das Instrument der kulturellen Hegemonie wird dort willkürlich verwendet, wo es eigentlich nichts zu suchen hat. Im tagespolitischen Geschäft und im Alltag werde die kulturelle Hegemonie genutzt, um Menschen zu disziplinieren, die nicht die ‚richtigen‘ Wörter verwendeten, sich den dominanten Erzählungen verweigerten, gar Widerspruch gegen vorherrschende Sichtweisen geltend machten: „Die kulturelle Hegemonie wurde selbst zur Hegemonialmacht“, zu einem „Instrument moralischer Disziplinierung“ – so das ernüchternde Resümee (Buchmann 2026).

Man kann noch einen Schritt weitergehen, wenn man die jüngere Geschichte der Partei Die Linke verfolgt. Heute ist die Linke, statt eine gegenhegemoniale Position einzunehmen, selbst zu einem Anhängsel der kulturellen Hegemonie der Herrschenden und Regierenden geworden, hat sich ihr scheinbar freiwillig unterworfen. Sie hat, wie vor ihnen die ökosozialistische Linke bei den Grünen, die Wirkungskraft der kulturellen Hegemonie der Herrschenden und Regierenden maßlos unterschätzt. Aus dieser Erfahrung der ökosozialistischen Grünen hätte eine Partei lernen müssen, die sich nach ihrem Parteiprogramm immerhin der Kapitalismuskritik und dem Demokratischen Sozialismus verpflichtet fühlt. Die Praxis der Linkspartei steht allerdings im Widerspruch zu ihrem Programm, in dem es, jedoch schon sehr zahm formuliert, heißt, man kämpfe um die „Hegemonie in der öffentlichen Diskussion“ (Partei Die Linke 2011, S. 96). Statt jedoch diese Hegemonie aufzubauen, hat sich diese in relativ kurzer Zeit der Linken selbst bemächtigt, sie in ihre Pranken genommen. So verkörpert die Linkspartei keine Gegenbewegung zur kulturellen Hegemonie mehr, sie ist vielmehr zu einem wichtigen Teil dieser Hegemonie selbst geworden. Sie lässt sich von den Herrschenden und Regierenden zum Instrument der Durchsetzung ihrer hegemonischen Praxen machen. Sie sorgt für den kulturellen Landgewinn der Herrschenden bei Menschengruppen, zu denen diese noch keinen oder nur bedingten Zugang hatten. Statt erkennbar in einen Gegensatz zum Block der Regierungsparteien zu treten, passt sich die Linkspartei immer mehr diesem Block an. Wo sie an Regierungen beteiligt war, hat sie stets eine neoliberale Politik mitgetragen.

In Ideen, Sprache und Begriffen, dort, wo sich eine kulturelle Gegenhegemonie eigentlich ankündigen müsste, zeigt sich diese Anpassung in besonderer Weise. Die Linke verfügt über keinerlei Visionen, entwickelt kaum eigene Ideen, sondern greift gängige, von den Think tanks großer Konzerne und Lobbyverbände in den gesellschaftlichen Diskurs eingespeiste Themen auf und verpasst ihnen einen links-grünen Anstrich. Ähnlichkeiten mit dem ersten Parteiprogramm der Grünen sind dabei unübersehbar. Begriffe werden oftmals unkritisch einfach übernommen, ohne ihre Herkunft zu rekonstruieren: Nachhaltigkeit, Inklusion, Klimagerechtigkeit, Transgender, sozialökologischer Umbau, inklusive Schule, frühkindliche Bildung.

Die Linkspartei im gesellschaftlichen Hegemoniegefüge

Der Bereich der Friedenspolitik mag exemplarisch diese affirmative Funktion der Linkspartei im gesellschaftlichen Hegemoniegefüge verdeutlichen. Es sieht nicht gerade als ein Angriff auf die kulturelle Hegemonie der Herrschenden aus, wenn Gregor Gysi im Februar 2025 auf einer Faschingsveranstaltung ausgelassen mit der Rüstungslobbyistin und Kriegstreiberin Strack-Zimmermann Helene Fischers „Atemlos” singt. Könnte man dies noch als die Marotte eines Politikers auffassen, der als Everybodys Darling unbedingt im Gedächtnis der Deutschen bleiben möchte, so weisen weitere gravierende Indizien darauf hin, dass die Linke in der Friedensfrage nur noch ein Anhängsel des herrschenden Parteienblocks und keinesfalls eine Alternative zu ihm ist. So befürwortet die Partei die Sanktionen gegen Russland, selbst die militärische Unterstützung der Ukraine gilt für manche Landesverbände der Linken als legitim. In Berlin unterstützt die Linke eine geschichtsrevisionistische Kulturpolitik, indem sie einem Antrag der Grünen zur Veränderung sowjetischer Ehrenmale zustimmt.[1] Gerade im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine verstößt Die Linke gegen das friedenspolitische Prinzip ihres eigenen Parteiprogramms, nämlich die „Aufklärung über tiefere Zusammenhänge von Konfliktursachen“ zur Grundlage ihres Handelns zu machen (Partei Die Linke 2011, S. 88). Apodiktisch heißt es beispielsweise bei van Aken – stolzer Besitzer von Rheinmetall-Aktien – zum Ukrainekonflikt, unter ignoranter Umgehung sämtlicher umfassender Studien und Untersuchungen, die hierzu vorliegen: „Der Aggressor heißt einzig und allein Russland.”[2] Ähnlich unterkomplex formulierte es Bodo Ramelow in seinem „Tagebuch“ und bediente sich dazu noch der Verschwörungserzählung von Russlands „imperialistischem“ Krieg.[3] Hätte die Linke ihr friedenspolitisches Prinzip tatsächlich umgesetzt, wäre sie, was den Krieg in der Ukraine angeht, zu völlig anderen Schlussfolgerungen gelangt und hätte nicht die Betonformulierung vom russischen Angriffskrieg – eine wichtige Formel der gegenwärtigen kulturellen Hegemonie – einfach so übernehmen können. Sie hätte den ideologischen Gehalt dieser Betonformulierung aufgedeckt und damit der zunehmenden Militarisierung durch Aufklärung über die wirklichen Konfliktursachen entgegenwirken können. Statt dessen biederte Die Linke sich in dieser Angelegenheit den Regierungsparteien an. Gleichzeitig bastelt man seit Jahren parteiintern daran – Katja Kipping, Gregor Gysi, Dietmar Bartsch und Christoph Spehr wären hier zu nennen, – die kritische Haltung der Linken zur NATO aufzuweichen. Manche wollen sie gar als Teil einer „internationalen Friedensordnung“ sehen (Spehr 2024). Und niemand scheint daran Anstoß zu nehmen, dass Linke an Konzepten zur zivil-militärischen Zusammenarbeit mitarbeiten (Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit 2025) – ein krasser Bruch mit der Parteiprogrammatik, denn dort steht glasklar und eindeutig: „Die Linke lehnt die Verknüpfung von militärischen und zivilen Maßnahmen ab.” (Partei Die Linke 2011, S. 89). Besonders unappetitlich ist es, dass die ihr zugeordnete Stiftung die Aktionen einer Aktivistin unterstützt, die in Deutschland herumtingelt, um für die militärische Unterstützung der Ukraine und für mehr Verständnis für das faschistische Asow-Regiment zu werben (vgl. Witt-Stahl 2026).

Diese Beispiele, die beliebig erweitert werden könnten, zeigen, dass von einem „Geist des Bruchs und der Unterscheidung“, geschweige denn von Ansätzen einer glaubhaften kulturellen Gegenhegemonie bei der Linkspartei keine Spur zu entdecken ist.

Zurück zu Gramsci. Wer neben den Gefängnisheften auch die Gefängnisbriefe gelesen hat, erfährt, unter welchem Druck und in welcher gesundheitlichen Verfassung die theoretischen Schriften im faschistischen Kerker geschrieben wurden. Es handelt sich bei den in Paragraphen gefassten Abhandlungen um fragmenthafte Rohentwürfe eines Studienplans, die Gramsci später, hätte er die Haftzeit überstanden, inklusive von Begriffsschärfungen weiter ausgebaut hätte. Die bestehenden Ungenauigkeiten mögen dazu beigetragen haben, dass man Gramscis Konzepte willkürlich nutzen kann, sobald man sie aus seiner marxistischen Grundtheorie herauslöst. Wer kein Problem mit Eklektizismus hat, der schreckt auch nicht davor zurück, einzelne Theoreme für Zwecke zu instrumentalisieren, die ihren genuinen Intentionen widersprechen. Gramsci dürfte nicht der einzige Theoretiker sein, dem Bestandteile seiner Theorie geklaut und in falschen Kontexten verwendet wurden. Man denke nur an die Frankfurter Schule, deren Begriffe und Konzepte zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und in fremdes Theorieterrain eingespeist wurden.[4] Auch das gehört zu den versäumten Kämpfen der Linken um kulturelle Hegemonie: die Nutzung und die Verteidigung der eigenen Theorietraditionen. Es bleibt daher die wichtige Aufgabe gegenhegemonialer Praxis, Gramsci „gegen seine Erben zu verteidigen“ (Buchmann 2026) und vor allem auch seine wertvollen Theorieansätze vor ihren falschen Verehrern auf der rechten, aber auch auf der ‚pseudolinken‘ Seite zu schützen.

 

Literatur

Benoist, Alain de (1985): Kulturrevolution von rechts. Gramsci und die Nouvelle Droite, Krefeld

Bernhard, Armin (2024): Praxisphilosophische Pädagogik. Ein materialistisch-humanistisches Konzept gegen die Enthumanisierung der Gesellschaft. Weinheim u. München

Buchmann, Joachim Z. (2026): Gramscis Gefängnishefte und das Erbe der kulturellen Hegemonie. In: Overton Magazin. 27. 4. 2026 (https://overton-magazin.de/buchempfehlungen/gramscis-gefaengnishefte-und-das-erbe-der-kulturellen-hegemonie/)

Bude, Heinz (2022): Aus dem Maschinenraum der Beratung in Zeiten der Pandemie. In: Soziologie. Jg. 51. H. 3, S. 245-255

Gramsci, Antonio (1991 ff.): Gefängnisschriften. Zehn Bände. Hamburg: Argument

Partei Die Linke (2011): Programm. Erfurt

Spehr, Christoph (2024): Der lange Weg zu einer linken Haltung zur Nato (https://www.rosa-luxemburg.com/news/2024/der-lange-weg-zu-einer-linken-haltung-zur-nato/)

Witt-Stahl, Susan (2026): Verständnis für Faschisten. In: Junge Welt, 3. 2. 2026 (https://www.jungewelt.de/artikel/516792.kriegspropaganda-verst%C3%A4ndnis-f%C3%BCr-faschisten.html)

Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit (Hrsg.) (2025): Grünbuch 2025. Zivil-militärische Zusammenarbeit im militärischen Krisenfall. 4.0. Berlin

Fußnoten

[1] Siehe: https://www.unsere-zeit.de/russenhass-mit-links-4815011/

[2] In: TAZ, 6. 3. 2025 (https://taz.de/Jan-van-Aken-gegen-Aufruestungspolitik/!6073757/, Zugriff April 2026).

[3] Ramelow, Bodo (2023): Das deutsche Paradoxon zum Ukraine-Krieg in 10 Thesen  (https://www.bodo-ramelow.de/2023/02/das-deutsche-paradoxon-zum-ukraine-krieg-in-10-thesen/)

[4] So empfahl etwa die der Neuen Rechten zugeordnete Zeitung “Junge Freiheit”, Adorno und andere Vertreter Kritischer Theorie “von rechts” zu lesen (https://jungefreiheit.de/kolumne/2012/adorno-von-rechts-gelesen/; Zugriff 1. 6. 2026). Zur postmodernistischen Adaption Kritischer Theorie vgl. Bernhard 2024.

Armin Bernhard

Armin Bernhard, Dipl.-Päd., 1999-2003 Professor für Erziehungswissenschaft, Universität Münster. 2003-2023 Professor für Allgemeine Pädagogik, Universität Duisburg-Essen. Er erforscht die Bedeutung des Marxismus und der Kritischen Theorie für die Erziehungswissenschaft und für eine Pädagogik der Befreiung. Ein weiterer Schwerpunkt liegt liegt auf der Erziehungswissenschaftlichen Friedensforschung und der pädagogischen Friedensarbeit. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Gramsci, u. a. Antonio Gramscis Politische Pädagogik. Hamburg: Argument-Verlag 2005.
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31 Kommentare

  1. Zitat: „Ähnlich unterkomplex formulierte es Bodo Ramelow …“

    Ich liebe das. Ich meine nicht Bodo Ramelow, ich meine die Verwendung des Wortes „unterkomplex“. Es trifft den Nagel auf den Kopf. Was bedeutet „unterkomplex“? Es bedeutet, dass wichtige Zusammenhänge, Unterschiede und/oder Einflussgrößen und Ursachen ausgeblendet werden. Die Analyse wird auf eine einfache Erklärung reduziert. Einfach muss nicht immer falsch sein. Aber wenn die Analyse verkürzt und bestimmte relevante Parameter, Ursachen von vornherein ausgeblendet werden, dann ist das Ergebnis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch. Ein richtiges Ergebnis wäre dann ein Zufallstreffer.

    Dazu ein anschauliches Beispiel aus einem ganz anderen Bereich:
    Frage: Wie schnell kann ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor von 0 auf 200 km/h beschleunigen? 🏎️💨
    Antwort: Das hängt ab von Motorleistung⚙️💪, Gewicht🏋️, Drehmoment↻, Luftwiderstand 🌀, Reifen🛞🛞, Übersetzung bzw. Getriebe⚙️↔️, Gegenwind💨, Temperatur🌡️, Luftdruck 📊 und auch vom Sprit = Kraftstoff⛽🛢️.

    Nimmt man nur die Faktoren Motorleistung und Gewicht des Fahrzeugs, dann wird das Ergebnis zwangsläufig falsch sein, wenn man zwei Fahrzeuge mit 500 PS und 1,5 Tonnen vergleicht, aber das Auto A mit normalem Sprit fährt, das Auto B aber ein Dragster ist und einen Motor hat, der mit Nitromethan betrieben wird.

    Kienzle: Noch Fragen Hauser?
    Hauser: Ja, Hauser. Was ist mit dem Fahrer?
    Kienzle: Das ist ein quantité négligeable, beide Fahrzeuge werden selbstverständlich vom Rennfahrer Robert Renner gefahren. Aber jetzt muss ich wieder etwas Sport machen und zwar ohne Auto.

    1. @ DIRTY OPERATING SYSTEM:
      Stimmt schon was Du da schreibst, nur entsteht bei „überkomplexer“ Betrachtung das Problem, daß Du irgendwann überhaupt nichts mehr sagen kannst außer „es ist alles so furchtbar kompliziert!“ Ein brauchbares Modell darf eben weder unter- noch überkomplex sein. Die Brauchbarkeit hängt aber natürlich vom angestrebten Zweck ab. Über den kann man sich manchmal verständigen (z.B. in der Physik und in Ingenieurswissenschaften, wo man mit der komplexitätsreduzierenden Annahme „der Zusammenhang ist in einem kleinen Bereich linear, der Rest ist höhere Ordnung und wird erstmal vernachlässigt“ oft recht weit gekommen ist) und manchmal eben nicht …

    2. Oder: ist Russland eine existenzielle Bedrohung für uns und wieso? Kurze Antwort ja, sie werden uns wahrscheinlich angreifen. Lange Antwort, ja, aus Ergebnis einer Narrative, langwierige Stellvertreterdrohung, und ein Gegener, der auf Konsens beruht und nicht als souveräner Staat in der Lage ist, im eigenen Sicherheitsinteressen zu handeln, und deswegen die Narrative benutzt, um Abschreckung ohne Diplomatie eine existenzielle Bedrohung darstellt, was Russland zwingt, Abschreckung zu demonstrieren in einer Weise, was zu einer nuklearen Eskalationsspirale führen könnte.
      Ziemlich verständlich dass Letzteres keine emotionale Debatte durch publikumswirksame Botschaft gewinnt…

  2. Auch in diesem Artikel begegnet man wieder einmal dem Endlosthema(!) des linken Selbstverständnisses.
    Einerseits die oft marxistisch geschulten Altlinken und andererseits die linksliberalen und woken neuen Linken.

    Für Altlinke mit einer eher engen klar ökonomisch orientierten Sichtweise sind die neuen Linken im Grunde gar keine richtigen Linken. Folglich wird der „Namensklau“ beklagt und die von der neuen Linken erreichte kulturelle Hegemonie unterschätzt bzw. verkannt.

    Was sind die neuen Linken denn dann aber?
    Und darf man es einfach so ignorieren, dass sie sich selbst als zeitgemäße Fortentwicklung linken Denkens verstehen??

    Was wäre denn, wenn die Strategie der neuen Linken sogar klüger wäre?! Also den Kapitalismus nur zu „schröpfen“
    (M. Klonowsky), ihn parasitär „anzuzapfen“ und die Kuh nicht zu schlachten, solange sie Milch gibt … ?
    Es würde doch reichen, den Kapitalismus immer wieder zu dirigieren, zu lenken, zu maßregeln und ihn eben beständig zu melken.
    Von daher stellt sich für die neuen Linken die Frage der „Abschaffung“ des Kapitalismus gar nicht mehr.
    Und das ist ja auch nicht nötig, da es eben heute keine wirkliche Not und Massenarmut wie im 19. Jahrhundert gibt.
    Man lebt doch trotz allem heute recht bequem. Hundern tut hier keiner und auch die armen haben ihr Smartphone.
    Abgesehen davon gibt es ja auch kein „Proletariat“ mehr, das im altlinken Sinne aufbegehren könnte!!

    Aus Sicht der neuen Linken – die auf ihre eigene neue Art natürlich sehr wohl Linke sind(!) und auch immer noch irgendwelchen wirren Utopien anhängen (nur eben anderen als früher) – ist es nicht nötig, einen scharfen revolutionären Schnitt anzustreben.
    Hinzu kommt, dass das Scheitern des Sozialismus immer noch sehr tief in den Köpfen sitzt.
    Also haben die neuen Linken ihren Frieden mit dem System zu machen versucht.

    Dass sie nun wegen ihres kulturellen Über-die-stränge-schlagen von Teilen des Kapitals doch wieder angefeindet werden, haben sie sich selbst und ihrer Maßlosigkeit zuzuschreiben. Maßhalten war halt noch nie ihre Stärke … !

    Aus Sicht von Neulinken sind die Altlinken sozusagen geistig stehen geblieben und nicht fähig, sich in einer veränderten welt zurechtzufinden. Würde ein Neulinker so gebildet sein, Don Quichote zu kennen (was allerdings unwahrscheinlich ist), so würde er die Altlinken zu Wiedergängern von Don Quichote erklären. Kämpfer gegen Windmühlen.

    Für Altlinke dürften all das verstörende Gedanken sein …

    Wundern tue ich mich darüber, dass der Autor, obwohl er explizit über Gramsci schreibt, trotzdem viel zu wenig realisiert, dass die heute herausgebildete kulturelle Hegemonie der neuen Linken trotz allem keine konservative oder liberale Hegemonie ist. Oder soll das heute kulturell herrschende Gedankengut etwa letztlich nur eine Ausprägung neoliberaler Gedanken sein?? Nein, mit so einer Auffassung würde man es sich zu leicht machen. Die herrschenden Gedanken sind zwar nicht marxistisch-altlinks und Gramsci würde selbst, wenn er noch leben würde, sehr unzufrieden sein, aber es sind auch keineswegs bloß neoliberale Gedanken.

    Es ist hier also etwas Drittes entstanden, etwas, was Altlinke und auch der Autor nicht mögen, was aber dennoch da ist und heute eine sehr viel größere Anhängerschaft hat als die altlinke Konzepte.

    Für mich als konservativen Beobachter hat die Sache Unterhaltungswert.

    1. Die deutsche Sprache hat sogar ein Wort dafür: Altersstarrsinn.


      Für Altlinke dürften all das verstörende Gedanken sein …

        1. Man kann mit vielen Überlegungen dann auch nicht besonders weit kommen (wie WW) oder versuchen, kurz und bündig etwas darzustellen, landet aber nicht mal bei einer verkürzten Ansicht sondern beim permanenten Bedürfnis nach „Klartext“ oder „auf den Punkt bringen“, schafft das aber auch nicht.
          Zu erwarten, dass gesellschaftlich Progressives, gar Revolutionäres von der bürgerlichen Demokratie gefördert oder auch nur akzeptiert wird, ist schon mal eher nicht so wahrscheinlich. Vielleicht könnte man ja noch versuchen, wenigstens die gröbsten Verwerfungen und permanenten Kahlschläge im Sozialen abzubremsen oder ihnen die schlimmste Spitze zu nehmen. Das geht aber nicht, wenn man – wie Armin Bernhard ganz richtig darstellt – z.B. wie Gregor G. seit nun schon Jahrzehnten um jeden Preis irgendwie dazugehören will, oder einen „ostdeutschen Beitrag zur Einheit“ zu erbringen versucht. Ja, frei nach FJS könnte man auch eine Schneeballrösterei betreiben. Dabei hat der genannte Politiker selbst seine früher noch etwas freche Rhetorik verlernt, denn man will ja „menschlich sein, nicht so wie Thomas Ebermann“ und was es an Anbiederungsformeln noch so gibt. Allein – die PdL wird nicht wirklich gebraucht, die ewigen Bücklinge werden letztlich von den Mächtigeren immer wieder zurückgewiesen, so kann‘s gehen.
          Ich finde G. Gysi keineswegs so interessant, aber sein Fall ist doch recht symptomatisch für eine Partei, die nicht mal kapiert hat, was parlamentarische Opposition bedeutet. Wie anders ließe sich die „Hilfe, unser Millionär muss vielleicht noch drei Tage länger warten, bis er Kanzler wird!“-Farce vom 6.5.25 erklären? Ja, schrecklich, leicht nach hinten geschobener Amtsantritt und auch die Reisen zu „wichtigen Verbündeten“ hätten etwas warten müssen. Aber klar, in so einer ‚komplexen Situation‘ will man natürlich seine Zuverlässigkeit beweisen, ohne auch nur die geringste Gegenleistung, im Sozialen, Friedlichen oder was man auch sonst gerne hätte. „Die Union wird mit uns reden müssen“, meinte Frau Schwerdtner. Tja, worüber? „Guten Morgen, schönes Wetter heute?“ Oder: „Na klar, Sie haben auch noch Platz im Aufzug, die Plenarsitzung beginnt gleich.“ (Der olle Wilhelm II. fände diese PdL-nicht-mal-Sozialdemokraten sicher auch ganz gut, die hätten sich ihm 1914 noch eilfertiger zu Füßen gelegt als die Original-SPD damals).
          Bei nächster Gelegenheit, als es um das „Menno, wir wollen aber auch in diesen Ausschuss!“ ging, setzte es dann wieder einen Fußtritt vom Establishment, worüber man dann wieder ritualisiert-wirkungslos empört war.
          Ansonsten: Schlechte Partys und Rumhampeleien auf Parteitagen.
          Vielleicht kann man das Datum, als der Verein endgültig uninteressant wurde, auch schon früher festmachen: Am 7.11.2014, als Wolf Biermann seine Hanswurstiaden im Bundestag abzog. Ich finde den Herrn sehr peinlich, eitel und er überschätzt sich ungemein – allerdings hat die „linke“ Bundestagsfraktion ihm damals bei seinem Urteil „elender Rest“ insofern Recht gegeben, als keiner bei diesem Werbeblock für die Regierung rausgegangen oder im Gegenteil mal kurzerhand nach vorne gestiefelt ist, um die schmale Show eines witzlosen Bänkelsängers zu konterkarieren, nichts, nur: „Aber bitte, wir sind doch gewählt!“ Und klar, wenn in einem Land das Betreten des Rasens verboten ist (Bahnsteigkarten sind von allein verschwunden), muss man auch peinlichst genau auf die Geschäftsordnung achten, sonst gibt‘s einen Ordnungsruf und das kann man den „Menschen draußen im Land“ nun wirklich nicht vermitteln.

      1. Oben habe ich geschrieben:
        „Es ist hier also etwas Drittes entstanden, etwas, was Altlinke und auch der Autor nicht mögen, was aber dennoch da ist und heute eine sehr viel größere Anhängerschaft hat als die altlinken Konzepte.“

        @AeaP hat dazu angemerkt:
        „Es wird auf jeden Fall im neoliberalen Sinne vermarktet und genutzt. Man hält sich quasi eine harmlose Linke,
        die die Unzufriedenen und Zukurzgekommenen kanalisiert und sie politisch neutralisiert. Die Wokeness wird dazu genutzt, Liberalität und Fortschritt vorzuspiegeln, scheinbaren Widerspruch zu monopolisieren und echten Widerspruch zu diffamieren, zu canceln.“

        Ja, das dürfte stimmen. Die Formulierung „Man hält sich eine harmlose Linke“ finde ich ausgesprochen gelungen.
        Einen wirklich markanten Gegensatz zwischen dem globalistischen Neoliberalismus und internationalistischen woken Linken gibt es ja wirklich nicht.

        Als Linke würde ich sie indessen dennoch bezeichnen, weil wichtige Aspekte von „links“ auch dort zu finden sind, wenn auch in verkümmerter und degenerierter Form. Dazu gehören das utopische Denken und das Anstreben eines vermeintlich besseren Zustandes, die Propagierung von unterdrückten Opfern, das Eintreten gegen Ungleichheit und Ungerechtigkeit, der Glaube an die Erziehbarkeit und Formbarkeit des Menschen, autoritäre und manichäische Tendenzen und die Nähe zur Technik. Und die Existenz dieser Aspekte fällt einem Außenstehenden, also etwa einem Konservativen wie mir, natürlich schneller ins Auge als jemandem, der sozusagen im Feld ist.

        Gleichwohl ist aber doch etwas Drittes entstanden, was sich deutlich von der Arbeiterklasse, vom Proletariat und dem unterdrückten Volk der marxistischen Altlinken unterscheidet. Diese Dritte besteht aus den heute wie Pilze aus dem Boden schießenden „Opfergruppen“ sowie deren Angehörigen und ihren politischen Helfern und Förderern. Letztere sind zu erheblichen Teilen in der politischen Führungsklasse zu finden. Wir haben es mit einer sich selbst als „links“ verstehenden neue Szene der „Guten, der „Besseren“ zu tun, die es sich bequem gemacht hat in einem gut alimentierten Nest und sich selbst stets als jammernd „benachteiligt“ oder „diskriminiert“ behauptet.

        Bei Tichy hat kürzlich Klaus-Rüdiger Mai sehr passend über die heutige politische Klasse und jene skizzierte Opfergruppen-Szene geschrieben: https://www.tichyseinblick.de/meinungen/sturz-in-dreiklassengesellschaft/
        „Es bildete sich durch das wachsende Einvernehmen innerhalb der politischen Klasse, den Schulterschluss von SED-Linke, Grüne, SPD und Union, durch politische Scheinkämpfe zur Bemäntelung des politischen Nullsummenspiels eine herrschende Klasse heraus, zu der auch die Chefs der Lobbyisten-Verbände der Wirtschaft und die Chefs der großen Konzerne gehörten.“
        und
        „Die sine qua non ihrer Herrschaft, der Herrschaft ihrer Klasse besteht in der Schaffung eines ideologisch abgesicherten neuen, und zwar starren Klassensystems, das zunehmend auch rechtlich kodifiziert wird. Um die Herrschaft ihrer Klasse abzusichern, schaffen sie quasi rechtlich ein neue Klasse, die Nutznießer ihrer Politik der Enteignung der deutschen Bürger, der deutschen Familie sind, die Klasse der Opfergruppen, die sie gut postmodernistisch als People of Colour in der Folge des Postkolonialismus, der critical race theory, in der Nachfolge der schlau-wirren Theorien des Frantz Fanon, und als LGBTQ-Community im Gefolge der totalitären Ideologie von Judith Butler und Co. sind. “

        Ausgebootet
        sind bei diesem System sowohl die bisherige Mehrheitsgesellschaft (deren Steuern aber gerne eingefordert werden) als auch die traditionellen Altlinken.

        Mit @AeaP wird man natürlich sofort einwerfen, dass diese privilegierte „Opfergruppen-Klasse“ überhaupt nichts mit der Arbeiterbewegung, dem Proletariat von Marx oder den „Arbeiter und Bauern“ von früher zu tun hat. Stimmt!
        Da hat man sich – mit wackerer Mithilfe der heutigen linken Parteien(!!) – eine harmlose Scheinlinke zur Absicherung der eigenen Herrschaft gebastelt. Und je fanatischer sich FFF, Antifa oder „Omas gegen Rechts“ selbst als links bezeichnen, desto besser die Täuschung!

        Die Dämonisierung der AfD gehört übrigens unverzichtbar dazu. Erstens dient sie zur Motivierung/Aktivierung der nützlichen Opfergruppen-Klasse und zweitens würde eine Machtbeteiligung der AfD ja die für das Herrschaftssystem wichtige Opfergruppen-Klasse zu sehr schwächen. Damit würde das ganze nach 2000 entstandene Herrschaftssystem ins Wanken geraten. Das erklärt den Hass von Teile der CDU auf die eigentlich weltanschauliche nahe AfD.

        Mit diesem sich links und gut fühlenden neulinken Opfergruppenmilieu existiert jedenfalls wirklich etwas Drittes und Neues. Es sitzt wohlig-satt im Nest, wird aus Fördertöpfen alimentiert und giftet jeden an, der das kritisiert und etwas ändern möchte. Im Grunde ist das die Klientel der politischen Klasse.

        Unwillkürlich muss ich bei alldem aber auch an die Entwicklung im ehemaligen Ostblock denken, wo es ja ebenfalls zur Herausbildung einer Opfergruppen-Klasse (-> Verfolgte des Nazi-Regimes) und einer abgeschotteten politischen Klasse kam. Wir haben es hier anscheinend mit einer allzu menschlichen Eigenschaft zu tun.
        Und das Kapital macht sich diese allzu menschliche Korrumpierbarkeit inzwischen geschickt zunutze. Man ließ die neuen Linken also nach 1990 bewusst schön spielen und warf ihnen Brotkrumen, Titel und Narrenfreiheit im Kulturbereich zu. Gleichwohl sind es trotzdem Linke, nur eben … andere.

        Wie schon an anderem Ort erwähnt, ist aber nicht davon auszugehen, dass dieses System besonders lange Bestand haben wird.

        @Urmel von der Murmel
        Das Degenhardt-Lied kannte ich noch nicht.
        Passt hier sehr gut.

        1. Die klassische Linke, wie sie sich wirkmächtig im 19. Jahrhundert entwickelte, war der politische Arm der Arbeiterbewegung, d.h. im großen und ganzen Sozialdemokratie und Gewerkschaften. Deren Position und Funktion waren bestimmt vom industriellen Produktionsprozeß, ihre Aufgabe bestand im Grunde darin, die ökonomischen und kulturellen Lebensbedingungen der Arbeiterklasse zu verbessern. Die postmoderne Bertelsmann-Linke, die Sie sehr akkurat charakterisiert haben, hat weder diesen Bezug zum Produktionsprozeß noch irgendetwas gemein mit Zielsetzung und Programm der klassischen Linken; im Gegenteil: mit ihrer neo-malthusianischen „Degrowth“-Programmatik möchte die Bertelsmann-Linke dafür Sorge tragen, die lohnarbeitende Klasse wieder an den Bettelstab zu bringen. Bis auf einige versprengte Reste existiert im transtatlantischen Werte-Westen keine klassische Linke mehr, deren Erbe allerdings in Peking weitergetragen wird.

          1. @Leo Naphta

            Wir sehen die Dinge ja ziemlich ähnlich.

            Der einzige eventuelle Dissens besteht vermutlich darin, wie man diese neue scheinlinke oder halblinke Szene nennt. Verwendet man noch ein Wort aus der Wortfamilie „links“ oder nicht?
            Dass ich persönlich trotz allem dazu tendiere, diese Linke „links“ einzuordnen (wenn auch anders links), habe ich ja weiter oben begründet. Ihre gut gewählte Bezeichnung „Bertelsmann-Linke“ beinhaltet aber auch noch ein Wort aus der Wortfamilie „links“.

            Für echte Linke ist dieser „Namensklau“ aber natürlich äußerst ärgerlich, weil er suggeriert, dass das Feld schon besetzt ist und die echte Linke dort nicht mehr hin kann. Insofern darf man vermuten, dass unser politisch-medialer Komplex („politische Klasse“) ebenso wie die „Opfergruppen-Klasse“ ein großes Interesse daran hat, diese Namensklau-Situation fortzuführen. Man kann auf diese Weise schließlich die nachwachsende idealistische Jugend gut „abfischen“ und ins „richtige“ Lager bewegen. Obwohl, gerade letzteres klappt ja inzwischen nicht mehr so gut. Wäre die woke Scheinlinke weg, könnte – rein theoretisch – eine echte Linke nachwachsen.

            Was sind das aber nun für Menschen, die sich dafür begeistern, zu einer der vielen Opfergruppen zu gehören, die damit hausieren gehen oder die solche Opfergruppen päppeln und sich dann stolz als links“ bezeichnen?
            Was für eine Psyche, was für ein Weltbild gehören dazu?

            Und wie hätte Marx diese Leute genannt? Proletarier vermutlich nicht, aber es gibt ja ein ähnliches wort, das mit „L“ anfängt.

            1. „Was sind das aber nun für Menschen“ ist eine sehr gute, aber schwer zu beantwortende Frage. Viele von ihnen verwenden ein Vokabular, das aus der Ferne an die begrifflichen Kategorien der klassischen Linken erinnert (von Kommunismus ist gerne die Rede, von Ausbeutung, von Enteignung und Plan), doch fehlt sowohl die Kenntnis der Texte der klassischen politischen Ökonomie als auch das Interesse an den immensen wirtschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich seit der Zeit, in der Marx und Engels den damaligen Manchester-Kapitalismus analysierten, ergeben haben. Das wiederum erklärt auch, weshalb die „Bertelsmann-Linke“ weder den Blick noch ein Bewußtsein dafür hat, daß ihr Wirken und ihr Leben davon abhängen, daß der verabscheute Produktionsapparat ausreichend Waren und Güter und Profit erzeugt. Insofern gleichen sie den Menschen, die Brecht in diesen Zeilen beschrieb: „Sie sägten die Äste ab, auf denen sie saßen // Und schrien sich zu ihre Erfahrungen // Wie man schneller sägen konnte, und fuhren // Mit Krachen in die Tiefe, und die ihnen zusahen // Schüttelten die Köpfe beim Sägen und // Sägten weiter.“

    2. „Oder soll das heute kulturell herrschende Gedankengut etwa letztlich nur eine Ausprägung neoliberaler Gedanken sein??“ – es wird auf jeden Fall im neoliberalen Sinne vermarktet und genutzt. Man hält sich quasi eine harmlose Linke, die die Unzufriedenen und Zukurzgekommenen kanalisiert und sie politisch neutralisiert. Die Wokeness wird dazu genutzt, Liberalität und Fortschritt vorzuspiegeln, scheinbaren Widerspruch zu monopolisieren und echten Widerspruch zu diffamieren, zu canceln. Mission accomplished kann man da nur sagen.

    3. „Folglich wird der „Namensklau“ beklagt und die von der neuen Linken erreichte kulturelle Hegemonie unterschätzt bzw. verkannt.“
      Wo soll denn die“neue Linke “ irgendeine Hegemonie haben?
      Ist denn die Selbstbezeichnung ein Kriterium der Realität? Ich kann mich auch als Kaiser von China nennen, aber bin der dann auch?
      Schon die National-„Sozialisten“ wähnten sich als solche, bis zum Rhöm-Putsch, paff, dann war’n se wech.
      An der Selbstbezeichnung kann man wohl nicht die Realität messen.

  3. Wäre es nicht angebracht, anstelle eines (eigentlich plllplllnicht vorhandenen) Gegensatz zwischen Marx und Gramsci deren übereinstimmende Seiten zu hinterfragen?
    Legt nicht die Werttheorie von Marx die Grundlage zur Frage der kulturellen Hegemonie der Produzenten? Kann es die unter den Bedingungen der Warenwirtschaft überhaupt geben? Oder ist hier eher die Entwicklung einer eigenständigen Kultur anzugehen?
    In einer Güterproduktion nach Bedürfnissen entwickeln sich daraus eigene Kulturen und Gebräuche.
    Der Kampf um kulturelle Hegemonie der Linken unter Kapitalismusbedingungen kann nur der um beste Voraussetzungen für die Entstehung der neuen Produktionsweise sein, sonst ist er tatsächlich nur ein Kampf gegen Windräder.

  4. Die Ideologie des Kapitalismus und der Narrative in welcher Ausprägung auch immer ist dieser Gesellschaft mittlerweile immanent.
    Alle Parteien und politischen Strömungen verfolgen im Grunde nichts anderes, als sich dem System anzubiedern, anstatt sich über eine völlige Neugestaltung überhaupt noch nachzudenken.
    Das ist der Unterschied zu den sogenannten Neulinken, die alle hehren linken Ideale inzwischen in die Tonne getreten haben.
    Wie Herr Wirth schon ganz richtig ausgeführt hat gibt die Kuh noch Milch, aber eben nur noch an die herrschende Klasse und das auf exponentielle Weise.
    Wo er aber falsch liegt, ist eben, das man den Kapitalismus nicht einhegen kann, weil er dazu bestimmt ist Profit und Wachstum zu generieren und sich aller Widerstände zum Trotz, immer einen Weg findet den sogenannten Reichtum weiter zu den Eliten zu akkumulieren.

    1. @Adel verpflichtet

      „Wo er aber falsch liegt, ist eben, das man den Kapitalismus nicht einhegen kann, weil er dazu bestimmt ist Profit und Wachstum zu generieren und sich aller Widerstände zum Trotz, immer einen Weg findet den sogenannten Reichtum weiter zu den Eliten zu akkumulieren.“

      Na ja, ich versetzte mich nur in die Psyche der neuen Linken. Ob dieses Vorhaben in der Realität längere Zeit gelingen kann oder nicht, ist eine ganz andere Frage. Ich bin auch der Meinung, dass sich das Kapital nicht dauerhaft auf der Nase rumtanzen lassen wird. Die jüngsten Äußerungen von Rubio und Vance scheinen das ja zu bestätigen.

  5. Wohin sich „Die Linke“ entwickelt(e), ist wenig überraschend und erfolgt seit Jahrzehnten kontinuierlich. Interessant wäre eine Analyse, wieso es seit Ende 2024 diesen plötzlichen Umschwung/Zuspruch in der Wählergunst gibt. Austritt Wagenknecht & Unterstützer, seitdem positivere mediale Darstellung, …?

    1. Selbstverständlich. Mit dem Austritt wurde genau die Schwäche jeglicher narrativunabhängiger Opposition bedient: Zersplitterung. TPTB waren begeistert.

      Nicht dem Herdentrieb unterliegende Geister haben inhärent das Problem, kaum eine zahlenstarke Gefolgschaft aufbauen zu können: eben, weil sie sich auf ihre eigenen Überlegungen stützen, womit notwendig jedes Individuum zu etwas anderen Schlüssen kommen muß. Ein kleinster gemeinsamer Nenner ist sehr schwer zu finden und aufrecht zu erhalten.

      Die großen Revolutionen bedingten große Zahlen von Menschen, die unter ähnlichen Bedingungen litten. Nur damit konnte eine kritische Masse erreicht werden. Das wird heute durch Spaltung und minimale Bedürfnisbefriedigung bzw. Lenkung von Bedürfnissen auf billige bis kapitalförderliche Objekte verhindert.

      Oder kurz gesagt: es geht viel zu vielen in diesem Land/im Westen noch viel zu gut, als daß eine Änderung des status quo in ihrem Interesse wäre.

  6. Gut, das ist viel Text. Aber es fehlt mal wieder der Verweis darauf, daß das unsere originale SED ist. 2x umbenannt, immernoch vom beiseite geschafften, vor 1990 zöusammengerafften Vermögen zehrend. Die Westdeutschen sind fasziniert davon.

    1. Ja, das zusammengeraffte Vermögen der SED. Hier gibt es ja einige Leser und auch Schreiber, die wissen, wie eine SED-Kreisleitung oder Bezirksleitung von innen aussah. An der DDR-typischen -nach bundesdeutschen Maßstäben- ärmlichen Ausstattung hat man ja gleich gemerkt: die verbergen etwas!
      Und dann die Häuser der Bonzen in Wandlitz. Kein mittelmäßig erfolgreicher bundesdeutscher Handwerker hätte das für sich und seine Familie akzeptiert. Wer da nicht misstrauisch wird, dem kann man nicht mehr helfen.
      Ich würde da an deiner Stelle nicht locker lassen. Das dürfen DIE doch nicht behalten. Ich würde mich darum ja auch kümmern, habe aber keine Zeit. Ich bin da an einer ganz großen Sache dran. Der Hitler soll ja mit der Reichsflugscheibe auf die Rückseite des Mondes geflohen sein. Aber das muss noch unter uns bleiben. Dafür ist die Zeit noch nicht reif.

      1. Ich glaube nicht, daß Du verstanden hast, wie die Übernahme der DDR abgelaufen ist.

        Was nun das Weiterleben der SED angeht, stelle man sich mal vor, man hätte jene Partei 1945 nicht verboten und sie hätte einfach weitergemacht, vielleicht umbenannt in „Deutsche Partei“ oder so. Also wenn man ein System und seine Leute weg haben möche, muß so eine Organisation verbieten, das geht gar nicht anders. Die SED muß den entscheidenden Leuten damals noch wichtig gewesen sein. Usw. ist eh umsonst, mit Dir zu diskutieren.

  7. Man könnte den Artikel auch in einem einfachen Satz zusammenfassen.
    Die PdL nimmt denselben Weg, den auch alle anderen Parteien in diesem System zwangsläufig nehmen.

    Man kann natürtlich auch einen komplizierten Text schreiben, den der Ottonormalverbraucher nicht mal ansatzweise kapiert. Der nichts wirklich erklärt und der keine Lösung aus der Misere aufzeigt.

  8. Ich finde, dass der Artikl das Phänomen ganz ausgezeichnet beschreibt. Treffende Analyse!
    Gramscis Vorschlag hat den Vorteil, dass nicht geschossen werden muss. Stattdessen muss argumentiert werden und die linke Sicht der Dinge könnte sich durchsetzen. Allerdings doch eher theoretisch. Die Gegenseite hat das Geld, die Medien und die Universitäten. Dagegen ist die spartanische Linke nie angekommen. Superkräfte hat sie nicht.
    Stattdessen bewegt sie sich dort, wo der Widerstand geringer ist. Für die Qeeeren LGBT+ und so. Da hat das Kapital absolut nichts dagegen, wenn es ansonsten in Ruhe gelassen wird. Wird es. Und überdies ließen sich die Woken mühelos „gegen Putin“ mobilisieren. Denn der ist nicht woke. Ein Gedanke, dass man sich von den Herrschenden fernsteuern lässt? Kommt denen nicht.

  9. Wer gar nichts weiß, raunt was vom geheimen El Dorado der SED, den Mauertoten oder pädophilen Grünen. Steine im Glashaus …

    Leider diesmal verschenktes Potenzial in den Kommentaren. Niemand beschäftigt sich mit dem Inhalt des Artikels. Dafür müsste man sich mit Gramsci beschäftigen, zumindest mit dem Begriff „kulturelle Hegemonie“. Ich habe nachgeschaut, was Sheldon Wolin, dessen Buch beim Westend Verlag übersetzt wurde, dazu gesagt hätte. Der war nicht positiv auf Gramsci zu sprechen und hat den moderneren Ansatz.

    1. Ich kenne Sheldon Wolin nicht und seh jetzt auch keinen Grund, das zu ändern, denn was ich gemeinplätzig über seinen „inversen Totalitarismus“ erfahren habe, las sich wie eine akademisch elaborierte und aufgehübschte Verschwörungstheorie mit den üblichen protofaschistisch ersonnenen „Triebkräften“, „Gier“, Korruptheit und ständische, „corporate identity“ in der Lasterhaftigkeit der „höheren“ Stände.
      Das kann ich auch vom Ratzfatz haben.
      Oder weißt du besseres?

  10. Interessanter Artikel, interessante Zustandsbeschreibung. Der Autor hätte unbedingt noch etwas zum letzten Bundesparteitag der LINKEN schreiben müssen, wo die anlaufenden Flügelkämpfe der kapitalismuskritischen Linken (vorwiegend bei den neuen und jüngeren Mitgliedern zu finden) gegen die regierungslinke Führungsriege der Partei ja deutlich zum Vorschein kamen. Da erstere (noch? steht ihnen ein Wagenknechtschicksal bevor?) klar über numerische Mehrheiten verfügen, ist die Führung ziemlich panisch bemüht, Einhegungs- und Einbindungsprozesse zu organisieren. Man darf gespannt sein, Popcorn in größeren Mengen erforderlich….

  11. Unter den ersten Teil der Serie hatte ich zwei unzureichende Kommentare gesetzt, diesen und dies:

    Ich weiß nicht, inwieweit das den Autor Gramsci trifft, aber ja, in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten subsummiert die Rede von „Hegemonalität“ den hoheitlichen Rechtsidealismen und Ordungsansprüchen deren zivilgesellschaftliche Assimilationen. Es ist folglich eine kulturkritische Kategorie, die zu nichts anderem taugt, als auf das Zusammenspiel beider mehr oder (eher) minder elaboriert zu deuten.

    Letzterer ist besonders schlecht, nicht zuletzt deshalb, weil ich dort den Fehler der Rede von „Hegemonie“ und „Hegemonialität“ in einem für die Mehrheit von Lesern unmerklichen Wechsel der Abstraktionsebene angegriffen habe: „Rechtsidealismen“ und „Ordnungsansprüche“ sind konkret, auch wenn sie unter Sammelbegriffe gefaßt sind, „Hegemonialität“ ist die Abstraktifizierung eines allgemeinen Verhältnisses von Herrschaft und Knechtschaft, geistesgeschichtlich eine linkshegelianische Erfindung, in der sich Max Stirner vor fast 200 Jahren wahrlich erschöpfend herum getrieben hat.

    Nun hat jeder Unfug seine Wahrheit. In diesem Fall ist das die schlichte Tatsache, daß eine Herrschaft mit und in ihrem Personal reproduziert, diese Reproduktion nicht etwa eine Wirkung ist, die irgendwelcher göttlicher Fügung, irgend welchen (Selbst-)Entfaltungen von „Ideen“, „des Geistes“ oder des „Selbstbewußtseins des Geistes“ entspringe, oder „modern“ abstrakten „Gesetzen von Natur und Gesellschaft“. Herren und Knechte tun dies höchst selbst, mit säkularen Gründen und Motiven, so ideell und fiktiv auch die Titel und Mythologien sein mögen, unter denen das geschieht.
    So weit, so banal.
    Für mich bietet sich eine aktuelle Illustration an, nämlich die Reaktion von Hans Wurst auf meinen Kommentar bei Anne Burger.
    Hans Wurst hat sich außerstande gesetzt, wahr zu nehmen, was er „liest“, in diesem Fall meine Rede von „pädagogischen Rassismus der Begabung“. Das Wort „Rassismus“ steht für ihn umstands- und bedingungslos für einen Verstoß gegen die guten Sitten, nicht für den Begriff eines mehr oder minder wohlbestimmten Verfahrens einer Naturalisierung von Herrschaft und Knechtschaft. [Es gibt drei Grundformen des eigentümlichen bürgerlichen Rassismus, den der Herkunft (er ist geschichtlicher Herkunft und deshalb bedingt zum Entfall gebracht), den der „Tauglichkeit“ und den des Konkurrenzerfolges, die drei Grundformen werden verschränkt.]

    So. Jetzt bin ich auf die Idee gekommen, das, was der Begriff „Hegemonie, Hegemonialität“ auf der ideellen/ideologischen Ebene zu den ideellen Gestaltungen selbstbewußter Knechtschaft beiträgt, physikalisch zu verdeutlichen.
    Schaut euch doch mal den Wiki-Artikel zu Zustandsgrößen an.

    Zustandsgrößen werden als Variable angesehen. Ihre Werte beschreiben den aktuellen Zustand eines Systems und sind unabhängig davon, auf welchem Weg es zu diesem Zustand gekommen ist. Ihnen gegenüber stehen Prozessgrößen wie Arbeit und Wärme, die den Verlauf einer Zustandsänderung beschreiben. Bleiben alle Zustandsgrößen eines Systems zeitlich konstant, befindet sich das System im thermodynamischen Gleichgewicht oder in einem stationären Fließgleichgewicht.

    Wenn ihr damit auf Armins Artikel zurück greift, könnt ihr bemerken, er folgt exakt der intrinsischen Eigenschaft des Hegemonialbegriffes, Herrschaft ALS „stationäres Fließgleichgewicht“ zu betrachten und zu behandeln. Mit dem Begriff der „Gegenhegemonie“ will er an dessen „Zustandsgrößen“ geschraubt und gedreht haben, bzw. fordert seine Leser auf, das zu tun.

    Für exakt solches „schrauben und drehen“ gibt es einen altehrwürdigen Begriff, der heißt Klassenkampf, und der Klassenkampf wurde in der „Kritik der politischen Ökonomie“ als notwendige Verlaufsform der Reproduktion des Kapitalverhältnisses vorgestellt. Er ist Bestandteil dessen, was dem ideologischen Verstand als „Fließgleichgewicht“ erscheinen will, der Begriff „Gegenmacht“ ist insofern einfach ein Etikettenschwindel. Der Klassenkampf findet stündlich, minütlich in Werkstätten und Betrieben statt, er mäandert in die Familien und andere Reproduktionsverbände, und hat seine eigene politische Dynamik in der Gesetzgebungspraxis und deren ideologischen Vorbereitungen und gewalttätigen Umsetzungen.
    Daran ist rein gar nichts „Revolutionäres“, ja, nicht einmal „Reformerisches“ gemäß den Ideen, die gewaltaverse Leute zu wünschenswerten Veränderungen der kapitalistischen Produktionsweise hegen.
    In der Praxis des Klassenkampfes liegen – und darauf ist es Marx seinerzeit angekommen – allerdings jede Menge Motive vor, ihn abschaffen zu wollen; wohlgemerkt: von beiden Seiten dessen, was ehemals physisch „Barrikaden“ gewesen sind …

    Was Armin hier also umständlich ausbreitet, ist eine theoretische Rechtfertigung der Selbstgefälligkeit von Gesinnungslinken, die mit den Zumutungen des Klassenkampfes nix zu tun haben wollen und sich deshalb auf die ebenso lieb gewonnene, wie best gehasste „Kultur“ kaprizieren.

  12. Es ist einfach nur erbärmlich wie sich vermeintliche „Linke“ in einer Front vereint mit der Staatsmacht und den bürgerlichen Strukturen und Autoritäten, und schließlich und nichtletzendlich mit den Reichenvillen präsentiert.

    „Demos gegen Rechts“, oder „Widerstand“ gegen angebliche demokratie-gefährdente Bewegungen, sei es gegen eine neue Partei wie dieBasis, sei es gegen den Coronamaßnahmen-Widerstand, sei es gegen die AfD:

    die „Querfront“ von ganz „links“ über ganz staatstragend und ganz reich.

    Wer sich heute noch ohne Scham „links“ nennt, und damit antihierarchisch, antiautoritär, pro-demokratisch, selbstbestimmt und frei verbindet, muss blöde sein – oder völlig blind für die tatsächlichen Verhältnisse.

  13. Im Unterschied zur Placebo-Linken saß der Kommunist Gramsci im Knast und ist auch darin gestorben. Deshalb ist es illegale kulturelle Aneignung oder Leichenfledderei, wenn sich die Placebo-Linke mit Gramsci schmückt.

    Die letzte Bundestagswahl 2025 war nicht nur, was die Wahlfälschung zu Lasten des BSW angeht, Betrug am Wähler.
    Eine Woche nach dieser Wahl erklärte sich der Bundesvorstand der Linkspartei zur Speerspitze des Russenhasses und toppte damit sogar seinen Wunsch-Koalitionspartner CDU:
    „Der Aggressor heißt einzig und allein Russland.“ (1.3.25)
    https://www.die-linke.de/partei/parteidemokratie/parteivorstand/parteivorstand-2024-2026/detail-beschluesse-pv/ukraine-unterstuetzen-china-einbinden-schuldenbremse-abschaffen-uno-statt-trump/

  14. „Es sieht nicht gerade als ein Angriff auf die kulturelle Hegemonie der Herrschenden aus, wenn Gregor Gysi im Februar 2025 auf einer Faschingsveranstaltung ausgelassen mit der Rüstungslobbyistin und Kriegstreiberin Strack-Zimmermann Helene Fischers „Atemlos” singt. Könnte man dies noch als die Marotte eines Politikers auffassen, der als Everybodys Darling unbedingt im Gedächtnis der Deutschen bleiben möchte, so weisen weitere gravierende Indizien darauf hin, dass die Linke in der Friedensfrage NUR NOCH ein Anhängsel des herrschenden Parteienblocks und keinesfalls eine Alternative zu ihm ist. So befürwortet die Partei die Sanktionen gegen Russland, selbst die militärische Unterstützung der Ukraine gilt für manche Landesverbände der Linken als legitim. In Berlin unterstützt die Linke eine geschichtsrevisionistische Kulturpolitik, indem sie einem Antrag der Grünen zur Veränderung sowjetischer Ehrenmale zustimmt.[1]“

    Autor Bernhard gesteht – vermutlich unfreiwillig – ein, dass er sich auf dem völlig falschen Dampfer befindet, wenn er meint, die Linkspartei wäre „NUR NOCH“ Anhängsel des herrschenden Parteienblocks.

    Völlig verkehrt ist die Behauptung, weil

    1. sie insinuiert, die Linkspartei wäre jemals etwas anderes gewesen als eine Systempartei und etwas anderes als stolzes Mitglied im herrschenden Parteienblock (auch in der Opposition)

    und

    2. die Linkspartei weder „Anhängsel“ ist noch sein will. Das ist eine Verharmlosung der Linkspartei durch Autor Bernhard. Die Linkspartei will AKTIV in der Parteienkonkurrenz die anderen Parteien ausstechen, niederkonkurrieren, sich untertan und zum Anhängsel machen. Die Linkspartei will also selbst den Marschbefehl Richtung Osten geben und nicht nur die den Marschbefehl anderer Parteien abnicken, selbst „Taurus gegen Putin“ schicken statt bloß als fünftes Rad am Wagen der Tauruslieferung Beifall klatschen, selbst Russland enthaupten statt bloß als Putzfrau die Aufmarschwege zu entstauben.

    Wer mitmischen will im großen BRD-Wahlzirkus, wer sich anmeldet als Wahlverein, auf den sich das Stimmvieh festlegen kann und soll, wer also alle vorgeschalteten Hürden und Schikanen des Systems alt aussehen lässt und dann auch noch vom System zur schönen demokratischen Parteienkonkurrenz zugelassen wird („verfassungskonform“ = systemkonform), der KANN auch nichts anderes sein als eine demokratische Systempartei und WILL auch nichts anderes sein als eine demokratische Systempartei (gilt für ALLE anderen Wahlvereine natürlich genau so). Der will Leute demokratisch-kapitalistisch beherrschen, ihnen den Regierungswillen aufzwingen und Schland nach dem Gesetzen des Kapitalismus weiter zurichten.

    Oppositionsparteien können im demokratischen Hauen und Stechen dabei 2 Strategien verfolgen:

    1. möglichst laut lamentieren, die amtierende Regierung schade dem Kapitalstandort Deutschland und man selber habe viel bessere Rezepte, damit Schland wieder den ihm naturgemäß gebührenden Platz an der Sonne endlich einnehmen könne (das ist die Standardstrategie demokratischer Oppositionsparteien)

    oder

    2. möglichst laut lamentieren, die Regierung sei zugunsten des Kapitalstandorts Deutschland auf dem richtigen Weg, sei dabei aber nicht rigoros und radikal genug, man selbst werde im Erfolgsfall dagegen mit dem eisernen Besen auskehren (diese seltener anzutreffende Strategie verfolgte die Linkspartei etwa während des großen Coronaterrors, indem sie die Regierungszwänge noch radikaler, die Auswege für Andersdenkende noch wirksamer abschnüren wollte –> Bsp.: von der Linkspartei geforderte Zwang zur Giftspritze)

    Wer als Wahlverein noch nieder- und gewinnträchtiger das Stimmvieh einseifen will, bedient sich ZEITGLEICH beider Strategien, ist also (verbal) sowohl gegen die Regierungsparteien als auch radikaler als Letztere für deren Regierungsprogramm.

    Die Linkspartei beherrscht diese Art der Niedertracht in professioneller Vollendung. Und im Linkspartei-Rhetor Gregor G. kumulieren alle Linksparteistrategien zur Unübertrefflichkeit.

    Gregor G. hat sich jahrzehntelang satt, saturiert und schadlos gehalten am und im Bundestag. Wie jedes MdB. Dazu ist der Bundestag ja auch offiziell angelegt und vorgesehen. Gysi hat das Ganze aber eben noch lukrativer als dahergelaufene Hinterbänkler angestellt. Da sei nur mal die Summe der von Gys offiziell gemeldeten Nebeneinkünfte von ca. 250.000 Euro/Legislaturperiode genannt, zusätzlich zu seinem mittlerweile zig Millioneneinkommen als Abgeordneter.

    Dass Autor Bernhard wie o. g. völlig auf dem falschen Dampfer ist, wenn er Gregor G. (der pars pro toto für die Linkspartei und deren BRD-Vorgängerin PDS steht) aufgrund von G.s „atemlosem“ Duett mit Stratze als angeblich erst 2025 zum Systemling konvertierten ideologischen Kriegstreiber entlarvt, zeigt sich nicht nur daran, dass die Linkspartei/PDS bereits Anfang der 2000er als Regierungspartei im Bundesland Berlin etwa durch Verkauf zehntausender kommunaler Wohnungen an Heuschrecken und Abschaffung des Blindengeldes den Kapitalstandort radikal, proaktiv und hochaggressiv aufgehübscht hat.

    Es zeigte sich noch viel früher, nämlich z. B. 1994, als Gregor G. mit einem Nichtwähler über Funktion und Inhalt demokratischer Wahlen diskutierte (hatte damals wohl noch nötig, würde ihm heute wohl nicht mehr passieren).

    Wie G. die Leute da rhetorisch einzuseifen versuchte. Zu Beginn äußert G. Verständnis für´s Nichtwählen und macht sich ein Stück weit die Überlegungen des Nichtwählers vorgeblich affirmativ zu eigen, um am Ende dabei rauszukommen, dass jeder dumm und hirnlos ist, der nicht G. und PDS (= Linkspartei) wählt.
    G. wird dabei von seinem Kontrahenten entlarvt und bis zur Kenntlichkeit entstellt, was G. fuchsteufelswild macht.

    https://www.youtube.com/watch?v=ILq2Qa3k1mw

    Ein Lehrstück des schmierigen demokratischen Wahlzirkus im Allgemeinen und des noch schmierigeren PDS-/Linkspartei-Wahlkampfes im Besonderen.

    Wer wissen wollte, was die PDS/Linkspartei ist, wofür sie steht, dass sie alle Schweinereien mitmacht, die Staatsräson rigoros durchsetzt, den Kapitalstandort Schland zu- und herrichtet für das scheue Reh Kapital und zum Schaden der lohnabhängigen BRD-Insassen, konnte es spätestens seit Mitte der 1990er wissen.

    Bei Autor Bernhard stellt sich diese Erkenntnis erst mit jahrzehntelanger Verzögerung ein. Und seine Formulierungen lassen erkennen, dass Bernhards einschlägige demokratieideologische Illusionen und seine Parteilichkeit für dieses System im Allgemeinen und die Linkspartei im Besonderen trotzdem immer noch Oberhand behalten haben.

    Der Dank des Vaterlandes ist dem Beamten Bernhard deshalb genauso gewiss wie dem Staatsdiener G.

  15. Das große Problem der Hegemonie Theorie besteht in der nicht beantworteten Frage, Hegemonie mit welchen Inhalten? Der Autor schreibt: „Die Linke soll mittels ihrer Intellektuellen und mittels eigener Ideen in die ideologische Front einbrechen, die die kulturelle Hegemoniestruktur der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft aufgebaut hat.“ Ja, aber mit WELCHEN Ideen? Was sind linke Ideen, was sind sie nicht? Das bleibt auch in diesem Artikel offen, und das ist das Problem.

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