Umgekehrter Gramsci – Kulturelle Hegemonie über die Linke

Antonio Gramsci vor Parteibüro der Linken, KI-generiert.
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Aus einem linken Gegenkonzept sei ein Instrument der Anpassung geworden. Warum die Linke heute selbst Teil der kulturellen Hegemonie ist.

In einem Beitrag im Overton-Magazin (Buchmann 2026), wurde der Frage nachgegangen, welche Relevanz Gramscis Konzept kultureller Hegemonie in der Gegenwart zukommt, und inwieweit es politisch missbraucht wird. Die kritische Argumentation dieses Beitrages soll im Folgenden aufgegriffen und erweitert werden.

Kulturelle Hegemonie war einst ein Konzept, das es der kommunistischen Linken erlauben sollte, den Kampf um eine gerechte sozialistische Gesellschaftsordnung zu führen. Gramsci war nach der Niederschlagung der italienischen Rätebewegung 1921/1922 zu dem Schluss gekommen, dass es in West- und Mitteleuropa – im Unterschied zu Russland – anderer Strategien bedarf, um eine grundlegende Erneuerung der Gesellschaft durch Überwindung ihrer kapitalistischen Strukturen anzubahnen. Sein Konzept kultureller Hegemonie verweist auf die Tatsache, dass in den westlichen bürgerlichen Gesellschaften neben dem Staat und seinen Vollzugsorganen noch eine ganze Reihe kultureller Einrichtungen existieren, die sozialistischen Veränderungen Widerstand entgegensetzen – eine Art zweites, robustes Verteidigungssystem hinter dem Staat. Ohne die Überwindung dieser kulturellen Hegemonie und ihre Ersetzung durch eine eigene kulturelle Hegemonie der Arbeiterklasse – so die Einschätzung des Philosophen – kann eine sozialistische Gesellschaft nicht auf den Weg gebracht werden. Die sozialistischen Arbeiterbewegungen im Westen haben dieses Angebot allerdings nie ernsthaft angenommen. Das Feld der Kultur galt dort lange als zu vernachlässigende Größe. Sie haben es in der Folge dieser Fehleinschätzung versäumt, eine kulturelle Gegenhegemonie aufzubauen, die sie von der herrschenden Kultur hätte unterscheiden können, für Gramsci eine wesentliche Bedingung der Eroberung der politischen Macht und der Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse in West- und Mitteleuropa. Viele seiner Genossinnen und Genossen hat er vergeblich davor gewarnt, die Macht der kulturellen Hegemonie der Herrschenden über die Menschen zu unterschätzen.

Zwei Zielrichtungen des Konzepts

Für Gramsci hat der Terminus der kulturellen Hegemonie zwei Zielrichtungen. Die analytische Aufgabe des Begriffs ist darauf gerichtet zu erklären, auf welche Weise die bürgerliche Gesellschaft politisch und kulturell funktioniert. Er hat die „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“ (Marx) um den wertvollen Begriff der kulturellen Hegemonie bereichert und damit eine ihrer Lücken geschlossen. Gramsci untersucht das Feld der Hegemonie, ihres Aufbaus, ihrer Konsolidierung und ihres Verfalls unter der Frage, wie die in einer Gesellschaft dominierenden Gesellschaftsgruppen die Zustimmung zum System der gesellschaftlichen Ordnung und zur Planung ihrer Projekte bewerkstelligen. Hegemonie kennzeichnet einen geschichtlichen Raum, in dem die Kämpfe zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen politisch, kulturell und ideologisch vor dem Hintergrund jeweils besonderer gesellschaftlicher Bedingungen ausgetragen werden – eine Art sublimierter Klassenkämpfe. Den Herrschaftsraum der bürgerlichen Gesellschaft kennzeichnet Gramsci als eine mit Zwang gepanzerte Hegemonie (G, S. 120; S. 783). Auf der einen Seite setzen Verwaltung, Polizei, Militär herrschaftliche Interessen in repressiver Weise durch. Auf der anderen Seite gibt es kulturelle Institutionen, Initiativen, Netzwerke, Ideen, die die Herrschaft u. a. mit Hilfe von Ideologien hegemonial absichern. Im Unterschied zur Herrschaft, die die Funktion der „reinen Zwangsgewalt” enthält (G, S. 354), ist die sanfte Gewalt der Hegemonie also wesentlich auf das Feld der geistig-kulturellen Erziehung (im weitesten Sinne des Wortes) zu Konsens und Loyalität bezogen. Das Wesen der Hegemonie ist, im Unterschied zur Zwangsgewalt, nicht das Herrschen, sondern die Führung. Geht die politische Hegemonie wesentlich in der Fähigkeit einer Partei oder einer sozialen Bewegung auf, führend im Hinblick auf die Organisation verschiedener politischer Gruppierungen zu sein, so basiert die kulturelle Hegemonie auf der führenden Position in der Schaffung der konsensualen kulturellen, moralischen und geistigen Mentalität in der Gesellschaft. Aufbau und Konsolidierung von Hegemonie erfordern die Besetzung der gesamten kulturellen Sphäre, die Expansion direkter Herrschaft in alle Bereiche der gesellschaftlichen Lebensweisen, um die Bindung aller gesellschaftlichen Gruppierungen an die kapitalistisch verfasste Gesellschaft und ihre Herrschaftsstrukturen zu gewährleisten.

Die zweite Zielrichtung des Konzeptes der kulturellen Hegemonie betrifft eine praktische, emanzipatorische Aufgabe. Sie zielt nach Gramsci auf die Frage, wie die unterdrückten Bevölkerungsmassen die Hegemoniefähigkeit der bürgerlichen Klasse brechen und eine eigene, dieser überlegenen Hegemonie, also eine Gegenhegemonie, aufbauen können. Genau die hegemoniale Wirkung dieser zivilen bürgerlichen Kultur hat die sozialistische Bewegung bisher maßlos unterschätzt. Die Kultur, die tief in die Menschen eingedrungen ist, ihr Denken und Handeln bestimmt, ist der Bremsklotz der Veränderung. Sie bindet die Menschen an ihre Herrschaft, macht sie vorsichtiger, verlangsamt ihren politischen Elan. Darunter leiden der Wille und die Entschlossenheit, gesellschaftliche Veränderungen zu wagen. Die politische Strategie muss daher darauf gerichtet sein, dieses zweite Verteidigungssystem zu überwinden. Die Aufgabe einer Linken in den westlichen Gesellschaften besteht darin, den Herrschenden die kulturelle Hegemonie streitig zu machen. Die Linke soll mittels ihrer Intellektuellen und mittels eigener Ideen in die ideologische Front einbrechen, die die kulturelle Hegemoniestruktur der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft aufgebaut hat. Zu diesem Angriff auf die Hegemoniestruktur der Herrschenden gehört es zwar auch, kompromisslos deren Machenschaften, Intrigen, Betrügereien aufzudecken und zu kritisieren. In erster Linie geht es aber darum, deren Projekte, Initiativen und Ideologien zu  entkräften, damit sie ihre Funktion verlieren, als „praktische Instrumente politischer Herrschaft über die restliche Gesellschaft“ (G, S. 475) zu wirken, dass sie also nicht mehr in der Lage sind, Menschenmassen im herrschaftlichen Interesse zu organisieren. Die Linke hat, und das ist eine oftmals vernachlässigte Dimension der Verwendung des Gramscischen Konzeptes kultureller Hegemonie, den „herrschenden Gedanken” eine eigene Programmatik entgegenzustellen, die den „Geist des Bruchs und der Unterscheidung“ (G, S. 1052) von etablierten bürgerlich-kapitalistischen Einrichtungen, Parteien, Organisationen, Lebensweisen beinhaltet. Die geistige Abspaltung, die „scissione“ ist die politisch-kulturelle Möglichkeit des Aufbaus einer Hegemonie der subalternen Kräfte und Bewegungen in der Auseinandersetzung mit den „Befestigungsanlagen“ und „Schützengräben“ der herrschenden und führenden gesellschaftlichen Gruppierungen (G, S. 374).

„Hegemonie in der öffentlichen Diskussion“

Buchmann verweist in seinem Beitrag im Overton-Magazin mit Recht darauf, dass viele Begriffe, die Gramsci verwendet bzw. neu formuliert, nicht eindeutig bestimmt sind und sich gerade aufgrund dieser unklaren Bestimmung als „anschlussfähig“ an diverse Positionen erweisen, die mit der Position eines marxistischen Philosophen nichts mehr gemein haben.

Tatsächlich unappetitlich waren die Versuche, Gramscis Konzept kultureller Hegemonie für die Ausarbeitung einer kulturellen Macht der Neuen Rechten zu nutzen (Benoist 1985). Ebenso unappetitlich war das Unterfangen, das Konzept im Zusammenhang der Durchsetzung der staatlichen Maßnahmen in der ‚Corona-Krise‘ zu verwenden (Bude 2022, S. 249). Eine wesentliche Aufgabe des zu diesem Zwecke zusammengesetzten Corona-Krisenbewältigungs-Expertenteams bestand nach dem Kasseler Soziologen Heinz Bude, Mitglied dieser Expertengruppe, in der „Prägung rhetorischer Formeln für die Begründung der getroffenen Entscheidungen” (ebd., S. 247); denn „[e]s war aber auch klar, dass eine Politik des Zugriffs auf das Verhalten der Einzelnen starker Rechtfertigungen bedarf. Mit Gramsci gesprochen: Es ging darum, Zwänge zu verordnen und Zustimmung zu gewinnen und dabei die Deutungshoheit in der Hand zu behalten.“ (Ebd., S. 249) Die „Schocktherapie“ (ebd.) sollte den Konsens in die Zwangsmaßnahmen erzwingen.

Buchmann stellt die These auf, dass linksliberale Gruppierungen die in Gramscis Studienplan gebrauchten, unklaren Begrifflichkeiten aus dem Kontext herausreißen und ihn zweckentfremdet verwenden. Das Instrument der kulturellen Hegemonie wird dort willkürlich verwendet, wo es eigentlich nichts zu suchen hat. Im tagespolitischen Geschäft und im Alltag werde die kulturelle Hegemonie genutzt, um Menschen zu disziplinieren, die nicht die ‚richtigen‘ Wörter verwendeten, sich den dominanten Erzählungen verweigerten, gar Widerspruch gegen vorherrschende Sichtweisen geltend machten: „Die kulturelle Hegemonie wurde selbst zur Hegemonialmacht“, zu einem „Instrument moralischer Disziplinierung“ – so das ernüchternde Resümee (Buchmann 2026).

Man kann noch einen Schritt weitergehen, wenn man die jüngere Geschichte der Partei Die Linke verfolgt. Heute ist die Linke, statt eine gegenhegemoniale Position einzunehmen, selbst zu einem Anhängsel der kulturellen Hegemonie der Herrschenden und Regierenden geworden, hat sich ihr scheinbar freiwillig unterworfen. Sie hat, wie vor ihnen die ökosozialistische Linke bei den Grünen, die Wirkungskraft der kulturellen Hegemonie der Herrschenden und Regierenden maßlos unterschätzt. Aus dieser Erfahrung der ökosozialistischen Grünen hätte eine Partei lernen müssen, die sich nach ihrem Parteiprogramm immerhin der Kapitalismuskritik und dem Demokratischen Sozialismus verpflichtet fühlt. Die Praxis der Linkspartei steht allerdings im Widerspruch zu ihrem Programm, in dem es, jedoch schon sehr zahm formuliert, heißt, man kämpfe um die „Hegemonie in der öffentlichen Diskussion“ (Partei Die Linke 2011, S. 96). Statt jedoch diese Hegemonie aufzubauen, hat sich diese in relativ kurzer Zeit der Linken selbst bemächtigt, sie in ihre Pranken genommen. So verkörpert die Linkspartei keine Gegenbewegung zur kulturellen Hegemonie mehr, sie ist vielmehr zu einem wichtigen Teil dieser Hegemonie selbst geworden. Sie lässt sich von den Herrschenden und Regierenden zum Instrument der Durchsetzung ihrer hegemonischen Praxen machen. Sie sorgt für den kulturellen Landgewinn der Herrschenden bei Menschengruppen, zu denen diese noch keinen oder nur bedingten Zugang hatten. Statt erkennbar in einen Gegensatz zum Block der Regierungsparteien zu treten, passt sich die Linkspartei immer mehr diesem Block an. Wo sie an Regierungen beteiligt war, hat sie stets eine neoliberale Politik mitgetragen.

In Ideen, Sprache und Begriffen, dort, wo sich eine kulturelle Gegenhegemonie eigentlich ankündigen müsste, zeigt sich diese Anpassung in besonderer Weise. Die Linke verfügt über keinerlei Visionen, entwickelt kaum eigene Ideen, sondern greift gängige, von den Think tanks großer Konzerne und Lobbyverbände in den gesellschaftlichen Diskurs eingespeiste Themen auf und verpasst ihnen einen links-grünen Anstrich. Ähnlichkeiten mit dem ersten Parteiprogramm der Grünen sind dabei unübersehbar. Begriffe werden oftmals unkritisch einfach übernommen, ohne ihre Herkunft zu rekonstruieren: Nachhaltigkeit, Inklusion, Klimagerechtigkeit, Transgender, sozialökologischer Umbau, inklusive Schule, frühkindliche Bildung.

Die Linkspartei im gesellschaftlichen Hegemoniegefüge

Der Bereich der Friedenspolitik mag exemplarisch diese affirmative Funktion der Linkspartei im gesellschaftlichen Hegemoniegefüge verdeutlichen. Es sieht nicht gerade als ein Angriff auf die kulturelle Hegemonie der Herrschenden aus, wenn Gregor Gysi im Februar 2025 auf einer Faschingsveranstaltung ausgelassen mit der Rüstungslobbyistin und Kriegstreiberin Strack-Zimmermann Helene Fischers „Atemlos” singt. Könnte man dies noch als die Marotte eines Politikers auffassen, der als Everybodys Darling unbedingt im Gedächtnis der Deutschen bleiben möchte, so weisen weitere gravierende Indizien darauf hin, dass die Linke in der Friedensfrage nur noch ein Anhängsel des herrschenden Parteienblocks und keinesfalls eine Alternative zu ihm ist. So befürwortet die Partei die Sanktionen gegen Russland, selbst die militärische Unterstützung der Ukraine gilt für manche Landesverbände der Linken als legitim. In Berlin unterstützt die Linke eine geschichtsrevisionistische Kulturpolitik, indem sie einem Antrag der Grünen zur Veränderung sowjetischer Ehrenmale zustimmt.[1] Gerade im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine verstößt Die Linke gegen das friedenspolitische Prinzip ihres eigenen Parteiprogramms, nämlich die „Aufklärung über tiefere Zusammenhänge von Konfliktursachen“ zur Grundlage ihres Handelns zu machen (Partei Die Linke 2011, S. 88). Apodiktisch heißt es beispielsweise bei van Aken – stolzer Besitzer von Rheinmetall-Aktien – zum Ukrainekonflikt, unter ignoranter Umgehung sämtlicher umfassender Studien und Untersuchungen, die hierzu vorliegen: „Der Aggressor heißt einzig und allein Russland.”[2] Ähnlich unterkomplex formulierte es Bodo Ramelow in seinem „Tagebuch“ und bediente sich dazu noch der Verschwörungserzählung von Russlands „imperialistischem“ Krieg.[3] Hätte die Linke ihr friedenspolitisches Prinzip tatsächlich umgesetzt, wäre sie, was den Krieg in der Ukraine angeht, zu völlig anderen Schlussfolgerungen gelangt und hätte nicht die Betonformulierung vom russischen Angriffskrieg – eine wichtige Formel der gegenwärtigen kulturellen Hegemonie – einfach so übernehmen können. Sie hätte den ideologischen Gehalt dieser Betonformulierung aufgedeckt und damit der zunehmenden Militarisierung durch Aufklärung über die wirklichen Konfliktursachen entgegenwirken können. Statt dessen biederte Die Linke sich in dieser Angelegenheit den Regierungsparteien an. Gleichzeitig bastelt man seit Jahren parteiintern daran – Katja Kipping, Gregor Gysi, Dietmar Bartsch und Christoph Spehr wären hier zu nennen, – die kritische Haltung der Linken zur NATO aufzuweichen. Manche wollen sie gar als Teil einer „internationalen Friedensordnung“ sehen (Spehr 2024). Und niemand scheint daran Anstoß zu nehmen, dass Linke an Konzepten zur zivil-militärischen Zusammenarbeit mitarbeiten (Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit 2025) – ein krasser Bruch mit der Parteiprogrammatik, denn dort steht glasklar und eindeutig: „Die Linke lehnt die Verknüpfung von militärischen und zivilen Maßnahmen ab.” (Partei Die Linke 2011, S. 89). Besonders unappetitlich ist es, dass die ihr zugeordnete Stiftung die Aktionen einer Aktivistin unterstützt, die in Deutschland herumtingelt, um für die militärische Unterstützung der Ukraine und für mehr Verständnis für das faschistische Asow-Regiment zu werben (vgl. Witt-Stahl 2026).

Diese Beispiele, die beliebig erweitert werden könnten, zeigen, dass von einem „Geist des Bruchs und der Unterscheidung“, geschweige denn von Ansätzen einer glaubhaften kulturellen Gegenhegemonie bei der Linkspartei keine Spur zu entdecken ist.

Zurück zu Gramsci. Wer neben den Gefängnisheften auch die Gefängnisbriefe gelesen hat, erfährt, unter welchem Druck und in welcher gesundheitlichen Verfassung die theoretischen Schriften im faschistischen Kerker geschrieben wurden. Es handelt sich bei den in Paragraphen gefassten Abhandlungen um fragmenthafte Rohentwürfe eines Studienplans, die Gramsci später, hätte er die Haftzeit überstanden, inklusive von Begriffsschärfungen weiter ausgebaut hätte. Die bestehenden Ungenauigkeiten mögen dazu beigetragen haben, dass man Gramscis Konzepte willkürlich nutzen kann, sobald man sie aus seiner marxistischen Grundtheorie herauslöst. Wer kein Problem mit Eklektizismus hat, der schreckt auch nicht davor zurück, einzelne Theoreme für Zwecke zu instrumentalisieren, die ihren genuinen Intentionen widersprechen. Gramsci dürfte nicht der einzige Theoretiker sein, dem Bestandteile seiner Theorie geklaut und in falschen Kontexten verwendet wurden. Man denke nur an die Frankfurter Schule, deren Begriffe und Konzepte zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und in fremdes Theorieterrain eingespeist wurden.[4] Auch das gehört zu den versäumten Kämpfen der Linken um kulturelle Hegemonie: die Nutzung und die Verteidigung der eigenen Theorietraditionen. Es bleibt daher die wichtige Aufgabe gegenhegemonialer Praxis, Gramsci „gegen seine Erben zu verteidigen“ (Buchmann 2026) und vor allem auch seine wertvollen Theorieansätze vor ihren falschen Verehrern auf der rechten, aber auch auf der ‚pseudolinken‘ Seite zu schützen.

 

Literatur

Benoist, Alain de (1985): Kulturrevolution von rechts. Gramsci und die Nouvelle Droite, Krefeld

Bernhard, Armin (2024): Praxisphilosophische Pädagogik. Ein materialistisch-humanistisches Konzept gegen die Enthumanisierung der Gesellschaft. Weinheim u. München

Buchmann, Joachim Z. (2026): Gramscis Gefängnishefte und das Erbe der kulturellen Hegemonie. In: Overton Magazin. 27. 4. 2026 (https://overton-magazin.de/buchempfehlungen/gramscis-gefaengnishefte-und-das-erbe-der-kulturellen-hegemonie/)

Bude, Heinz (2022): Aus dem Maschinenraum der Beratung in Zeiten der Pandemie. In: Soziologie. Jg. 51. H. 3, S. 245-255

Gramsci, Antonio (1991 ff.): Gefängnisschriften. Zehn Bände. Hamburg: Argument

Partei Die Linke (2011): Programm. Erfurt

Spehr, Christoph (2024): Der lange Weg zu einer linken Haltung zur Nato (https://www.rosa-luxemburg.com/news/2024/der-lange-weg-zu-einer-linken-haltung-zur-nato/)

Witt-Stahl, Susan (2026): Verständnis für Faschisten. In: Junge Welt, 3. 2. 2026 (https://www.jungewelt.de/artikel/516792.kriegspropaganda-verst%C3%A4ndnis-f%C3%BCr-faschisten.html)

Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit (Hrsg.) (2025): Grünbuch 2025. Zivil-militärische Zusammenarbeit im militärischen Krisenfall. 4.0. Berlin

Fußnoten

[1] Siehe: https://www.unsere-zeit.de/russenhass-mit-links-4815011/

[2] In: TAZ, 6. 3. 2025 (https://taz.de/Jan-van-Aken-gegen-Aufruestungspolitik/!6073757/, Zugriff April 2026).

[3] Ramelow, Bodo (2023): Das deutsche Paradoxon zum Ukraine-Krieg in 10 Thesen  (https://www.bodo-ramelow.de/2023/02/das-deutsche-paradoxon-zum-ukraine-krieg-in-10-thesen/)

[4] So empfahl etwa die der Neuen Rechten zugeordnete Zeitung “Junge Freiheit”, Adorno und andere Vertreter Kritischer Theorie “von rechts” zu lesen (https://jungefreiheit.de/kolumne/2012/adorno-von-rechts-gelesen/; Zugriff 1. 6. 2026). Zur postmodernistischen Adaption Kritischer Theorie vgl. Bernhard 2024.

Armin Bernhard

Armin Bernhard, Dipl.-Päd., 1999-2003 Professor für Erziehungswissenschaft, Universität Münster. 2003-2023 Professor für Allgemeine Pädagogik, Universität Duisburg-Essen. Er erforscht die Bedeutung des Marxismus und der Kritischen Theorie für die Erziehungswissenschaft und für eine Pädagogik der Befreiung. Ein weiterer Schwerpunkt liegt liegt auf der Erziehungswissenschaftlichen Friedensforschung und der pädagogischen Friedensarbeit. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Gramsci, u. a. Antonio Gramscis Politische Pädagogik. Hamburg: Argument-Verlag 2005.
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2 Kommentare

  1. Zitat: „Ähnlich unterkomplex formulierte es Bodo Ramelow …“

    Ich liebe das. Ich meine nicht Bodo Ramelow, ich meine die Verwendung des Wortes „unterkomplex“. Es trifft den Nagel auf den Kopf. Was bedeutet „unterkomplex“? Es bedeutet, dass wichtige Zusammenhänge, Unterschiede und/oder Einflussgrößen und Ursachen ausgeblendet werden. Die Analyse wird auf eine einfache Erklärung reduziert. Einfach muss nicht immer falsch sein. Aber wenn die Analyse verkürzt und bestimmte relevante Parameter, Ursachen von vornherein ausgeblendet werden, dann ist das Ergebnis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch. Ein richtiges Ergebnis wäre dann ein Zufallstreffer.

    Dazu ein anschauliches Beispiel aus einem ganz anderen Bereich:
    Frage: Wie schnell kann ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor von 0 auf 200 km/h beschleunigen? 🏎️💨
    Antwort: Das hängt ab von Motorleistung⚙️💪, Gewicht🏋️, Drehmoment↻, Luftwiderstand 🌀, Reifen🛞🛞, Übersetzung bzw. Getriebe⚙️↔️, Gegenwind💨, Temperatur🌡️, Luftdruck 📊 und auch vom Sprit = Kraftstoff⛽🛢️.

    Nimmt man nur die Faktoren Motorleistung und Gewicht des Fahrzeugs, dann wird das Ergebnis zwangsläufig falsch sein, wenn man zwei Fahrzeuge mit 500 PS und 1,5 Tonnen vergleicht, aber das Auto A mit normalem Sprit fährt, das Auto B aber ein Dragster ist und einen Motor hat, der mit Nitromethan betrieben wird.

    Kienzle: Noch Fragen Hauser?
    Hauser: Ja, Hauser. Was ist mit dem Fahrer?
    Kienzle: Das ist ein quantité négligeable, beide Fahrzeuge werden selbstverständlich vom Rennfahrer Robert Renner gefahren. Aber jetzt muss ich wieder etwas Sport machen und zwar ohne Auto.

  2. Auch in diesem Artikel begegnet man wieder einmal dem Endlosthema(!) des linken Selbstverständnisses.
    Einerseits die oft marxistisch geschulten Altlinken und andererseits die linksliberalen und woken neuen Linken.

    Für Altlinke mit einer eher engen klar ökonomisch orientierten Sichtweise sind die neuen Linken im Grunde gar keine richtigen Linken. Folglich wird der „Namensklau“ beklagt und die von der neuen Linken erreichte kulturelle Hegemonie unterschätzt bzw. verkannt.

    Was sind die neuen Linken denn dann aber?
    Und darf man es einfach so ignorieren, dass sie sich selbst als zeitgemäße Fortentwicklung linken Denkens verstehen??

    Was wäre denn, wenn die Strategie der neuen Linken sogar klüger wäre?! Also den Kapitalismus nur zu „schröpfen“
    (M. Klonowsky), ihn parasitär „anzuzapfen“ und die Kuh nicht zu schlachten, solange sie Milch gibt … ?
    Es würde doch reichen, den Kapitalismus immer wieder zu dirigieren, zu lenken, zu maßregeln und ihn eben beständig zu melken.
    Von daher stellt sich für die neuen Linken die Frage der „Abschaffung“ des Kapitalismus gar nicht mehr.
    Und das ist ja auch nicht nötig, da es eben heute keine wirkliche Not und Massenarmut wie im 19. Jahrhundert gibt.
    Man lebt doch trotz allem heute recht bequem. Hundern tut hier keiner und auch die armen haben ihr Smartphone.
    Abgesehen davon gibt es ja auch kein „Proletariat“ mehr, das im altlinken Sinne aufbegehren könnte!!

    Aus Sicht der neuen Linken – die auf ihre eigene neue Art natürlich sehr wohl Linke sind(!) und auch immer noch irgendwelchen wirren Utopien anhängen (nur eben anderen als früher) – ist es nicht nötig, einen scharfen revolutionären Schnitt anzustreben.
    Hinzu kommt, dass das Scheitern des Sozialismus immer noch sehr tief in den Köpfen sitzt.
    Also haben die neuen Linken ihren Frieden mit dem System zu machen versucht.

    Dass sie nun wegen ihres kulturellen Über-die-stränge-schlagen von Teilen des Kapitals doch wieder angefeindet werden, haben sie sich selbst und ihrer Maßlosigkeit zuzuschreiben. Maßhalten war halt noch nie ihre Stärke … !

    Aus Sicht von Neulinken sind die Altlinken sozusagen geistig stehen geblieben und nicht fähig, sich in einer veränderten welt zurechtzufinden. Würde ein Neulinker so gebildet sein, Don Quichote zu kennen (was allerdings unwahrscheinlich ist), so würde er die Altlinken zu Wiedergängern von Don Quichote erklären. Kämpfer gegen Windmühlen.

    Für Altlinke dürften all das verstörende Gedanken sein …

    Wundern tue ich mich darüber, dass der Autor, obwohl er explizit über Gramsci schreibt, trotzdem viel zu wenig realisiert, dass die heute herausgebildete kulturelle Hegemonie der neuen Linken trotz allem keine konservative oder liberale Hegemonie ist. Oder soll das heute kulturell herrschende Gedankengut etwa letztlich nur eine Ausprägung neoliberaler Gedanken sein?? Nein, mit so einer Auffassung würde man es sich zu leicht machen. Die herrschenden Gedanken sind zwar nicht marxistisch-altlinks und Gramsci würde selbst, wenn er noch leben würde, sehr unzufrieden sein, aber es sind auch keineswegs bloß neoliberale Gedanken.

    Es ist hier also etwas Drittes entstanden, etwas, was Altlinke und auch der Autor nicht mögen, was aber dennoch da ist und heute eine sehr viel größere Anhängerschaft hat als die altlinke Konzepte.

    Für mich als konservativen Beobachter hat die Sache Unterhaltungswert.

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