Kernfusion: Durchbruch oder Dauerprojekt?

Kernkraftwerk Isar-Ohu-13
Asurnipal, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Kernfusion gilt als Hoffnungsträger für saubere, nahezu unbegrenzte Energie, bleibt trotz Projekten wie ITER aber vorerst Zukunftsmusik.

Die Versprechen klingen vertraut: nahezu unbegrenzte Energie, keine CO₂-Emissionen, kaum radioaktive Abfälle, eine Technologie, die gleich mehrere der drängendsten Probleme moderner Industriegesellschaften auf einmal lösen könnte. Kernfusion gilt seit Jahrzehnten als eine Art energetischer Heilsbringer. Und doch ist sie bis heute vor allem eines geblieben: ein Projekt der Zukunft.

Der physikalische Ansatz ist im Grunde einfach beschrieben, auch wenn seine Umsetzung alles andere als trivial ist. Anders als bei der Kernspaltung, bei der schwere Atomkerne zerlegt werden, setzt die Fusion auf das Verschmelzen leichter Kerne, meist Isotope des Wasserstoffs. Dabei wird Energie frei, wie sie auch in der Sonne entsteht. Das Problem liegt nicht im Prinzip, sondern in der Kontrolle dieses Prozesses. Temperaturen von mehreren Millionen Grad, instabile Plasmazustände und enorme technische Anforderungen machen die Fusion zu einer der komplexesten Herausforderungen der modernen Forschung.

Seit Jahren wird an verschiedenen Orten der Welt daran gearbeitet, diese Hürde zu überwinden. Das prominenteste Projekt ist der internationale Versuchsreaktor ITER in Südfrankreich, an dem neben der Europäischen Union auch die USA, China, Russland, Indien, Japan und Südkorea beteiligt sind. ITER soll erstmals zeigen, dass ein Fusionsreaktor mehr Energie liefern kann, als zu seiner Erzeugung notwendig ist. Noch handelt es sich dabei ausdrücklich nicht um ein Kraftwerk, sondern um eine Forschungsanlage.

Der Druck wächst

Parallel dazu verfolgen einzelne Staaten eigene Programme. Auch Deutschland investiert weiterhin in die Fusionsforschung, etwa über Einrichtungen wie das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik. Hinzu kommt eine wachsende Zahl privater Unternehmen, insbesondere in den USA, die mit neuen Konzepten und deutlich ambitionierteren Zeitplänen arbeiten. Einige dieser Firmen versprechen bereits in den 2030er-Jahren erste kommerzielle Anwendungen.

Auf politischer Ebene wird diese Entwicklung zunehmend als strategische Chance interpretiert. In einer Zeit, in der Energieversorgung nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine geopolitische Frage ist, erscheint die Aussicht auf eine nahezu autarke Energiequelle besonders attraktiv. Entsprechend wird die Forschung mit erheblichen finanziellen Mitteln unterstützt. Allein das ITER-Projekt hat inzwischen Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe erreicht, mit weiter steigender Tendenz.

Gleichzeitig wächst der Druck, konkrete Ergebnisse zu liefern. Die Energiekrise der vergangenen Jahre, steigende Preise und die Unsicherheiten globaler Lieferketten haben den Bedarf nach langfristigen Lösungen verstärkt. In diesem Kontext wird die Fusion zunehmend als möglicher Ausweg dargestellt, nicht als kurzfristige Antwort, wohl aber als strategische Option.

Doch genau hier beginnt die eigentliche Debatte. Denn während die physikalischen Grundlagen unbestritten sind, bleibt die Frage offen, wann und ob, aus dieser Technologie tatsächlich eine wirtschaftlich nutzbare Energiequelle wird. Der Weg von einem experimentellen Reaktor zu einem stabilen, bezahlbaren Kraftwerk ist lang und mit erheblichen Unsicherheiten verbunden.

Was die Kernfusion so politisch attraktiv macht, ist nicht nur ihr technisches Potenzial, sondern ihre narrative Kraft. Sie verspricht eine Zukunft, in der sich zentrale Konflikte der Gegenwart scheinbar auflösen: Energieknappheit, Klimadruck, geopolitische Abhängigkeiten. Genau darin liegt jedoch auch ein Problem. Denn je größer die Erwartung, desto größer die Gefahr, dass sie als Ersatz für konkrete Lösungen im Hier und Jetzt dient.

Großprojekte haben sich massiv verteuert

Ein Blick auf die Zeitachsen zeigt, wie vorsichtig diese Versprechen zu bewerten sind. Seit den 1950er-Jahren wird an der Kernfusion geforscht und seit ebenso langer Zeit begleitet sie die Prognose, der Durchbruch sei nur noch wenige Jahrzehnte entfernt. Diese „20-Jahre-Formel“ hat sich über Generationen hinweg erstaunlich stabil gehalten. Auch heute finden sich wieder ambitionierte Ankündigungen, insbesondere aus dem privaten Sektor. Start-ups und Technologiefirmen sprechen von ersten marktfähigen Reaktoren in den 2030er-Jahren. Doch zwischen einem experimentellen Energiegewinn unter Laborbedingungen und einem wirtschaftlich tragfähigen Kraftwerksbetrieb liegt eine erhebliche Lücke.

Selbst wenn es gelingt, mehr Energie zu erzeugen als in das System hineingesteckt wird, bleiben grundlegende Fragen offen: Wie stabil lässt sich der Betrieb über lange Zeiträume aufrechterhalten? Wie hoch sind die tatsächlichen Kosten pro erzeugter Kilowattstunde? Und wie aufwendig ist die notwendige Infrastruktur? Bislang gibt es auf all diese Fragen keine belastbaren Antworten aus dem praktischen Betrieb.

Hinzu kommt die finanzielle Dimension. Großprojekte wie ITER haben sich nicht nur verzögert, sondern auch massiv verteuert. Aus ursprünglich kalkulierten Kosten sind über die Jahre Summen im zweistelligen Milliardenbereich geworden, mit offenem Ende. Kritiker sehen darin ein strukturelles Muster: Eine Technologie, die wissenschaftlich faszinierend ist, aber in ihrer praktischen Umsetzung immer wieder hinter den Erwartungen zurückbleibt, während gleichzeitig die Investitionen weiter steigen.

Auf der anderen Seite argumentieren Befürworter, dass genau solche langfristigen Forschungsprojekte notwendig seien, um echte technologische Sprünge zu ermöglichen. Ohne erhebliche Vorleistungen gebe es keinen Fortschritt. Diese Perspektive ist nicht von der Hand zu weisen. Doch sie beantwortet nicht die Frage, welche Rolle die Fusion in der aktuellen Energiepolitik tatsächlich spielt und spielen kann.

Kernfusion könnte eine wichtige Rolle in der globalen Energieversorgung spielen

Denn während Milliarden in die Entwicklung zukünftiger Technologien fließen, stehen viele der gegenwärtigen Probleme ungelöst im Raum. Steigende Energiepreise, strukturelle Belastungen für Industrie und Haushalte sowie die Frage nach kurzfristig verfügbaren, stabilen Energiequellen lassen sich nicht mit Verweis auf mögliche Durchbrüche in 10 oder 20 Jahren beantworten. Hier entsteht ein Spannungsfeld, das zunehmend politisch aufgeladen ist.

In diesem Kontext wirkt die Kernfusion für manche Beobachter wie eine Projektionsfläche. Sie steht für die Hoffnung, dass sich komplexe Probleme durch technologische Innovation letztlich doch lösen lassen, ohne tiefgreifende Veränderungen bestehender Strukturen. Diese Hoffnung ist verständlich, aber sie kann auch dazu führen, dass notwendige Entscheidungen vertagt werden.

Das bedeutet nicht, dass die Forschung an der Kernfusion sinnlos wäre. Im Gegenteil: Sie gehört zweifellos zu den spannendsten und anspruchsvollsten Feldern moderner Wissenschaft. Doch zwischen wissenschaftlicher Möglichkeit und politischer Instrumentalisierung verläuft eine Linie, die nicht immer klar gezogen wird.

Am Ende bleibt eine nüchterne Feststellung: Die Kernfusion könnte eines Tages eine wichtige Rolle in der globalen Energieversorgung spielen. Ob und wann dieser Punkt erreicht wird, ist jedoch offen. Sicher ist nur, dass sie die aktuellen Herausforderungen nicht lösen wird. Und genau darin liegt die eigentliche Gefahr, nicht in der Technologie selbst, sondern in den Erwartungen, die an sie geknüpft werden.

 

Quellen

Max-Planck-Institut für Plasmaphysik – Grundlagen der Fusionsforschung
https://www.ipp.mpg.de/

ITER Projekt – Offizielle Projektseite und Fortschritt
https://www.iter.org/

IAEA – World Fusion Outlook 2024, Überblick zu Stand, Projekten und Kommerzialisierung der Fusion
https://www.iaea.org/publications/15777/iaea-world-fusion-outlook-2024

BMFTR – Förderprogramm Fusion 2040
https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/2024/fusion2040_programm.pdf?__blob=publicationFile&v=3

Günther Burbach

Günther Burbach, Jahrgang 1963, ist Informatikkaufmann, Publizist und Buchautor. Nach einer eigenen Kolumne in einer Wochenzeitung arbeitete er in der Redaktion der Funke Mediengruppe. Er veröffentlichte vier Bücher mit Schwerpunkt auf Künstlicher Intelligenz sowie deutscher Innen- und Außenpolitik. In seinen Texten verbindet er technisches Verständnis mit gesellschaftspolitischem Blick – immer mit dem Ziel, Debatten anzustoßen und den Blick für das Wesentliche zu schärfen.
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6 Kommentare

  1. Das „Geschäftsmodell“ der Startups ist bekannt von der Dotcomblase: Erst das Absaugen von Subventionen und Investorengeldern und dann der Börsengang.
    So kassieren die „Unternehmer“ doppelt Dumb Money. Danach kann die Bude pleite gehen.

  2. Kernfusion ist gleichzeitig eine riesige Gefahr und eine echte Chance.

    Eine Gefahr dann, wenn sie entwickelt wird, um die Wachstumsideologie komplett zu entfesseln. Sie hätte das Potential, die Geschwindigkeit, mit der die globale parasitäre Gesellschaft alle Flüsse der Biosphäre auf sich ausrichtet, soweit zu steigern, dass diese komplett vernichtet wird, bevor den Overshoot begrenzende Effekte wirksam werden können.

    Eine Chance, den Entwurf einer für alle Menschen lebenswerten Existenz innerhalb der Tragekapazität unseres Planeten so attraktiv zu machen, dass er politisch konsensfähig wäre.

  3. Laut einem Interview vor ein paar Jahren mit jemand, der an dieser Entwicklung arbeitet wäre es die größte Katastrophe, wenn fertigentwickelt ist.. weil dann die Gelder aufhören zu fließen. Ich hätte den Link speichern sollen.
    Andererseits ist Energiegewinnung seit über 100 Jahren so fest in den Händen abseits der Wissenschaft, daß ohne ein Ändern der Verhältnisse kein Fortschritt möglich ist, incl. Dingen die (laut Aussagen von Freunden, die in der Forschung bei zwei Autokonzernen arbeiten) bereits seit Jahren fertigentwickelt sind und nicht in Serie gehen dürfen. Funktioniert, serienreif, bleibt im Giftschrank. Es hängt von jedem einzelnen ab, inwiefern das Weltbild diese Sicht zuläßt, daß wir von oben belogen und getäuscht werden, über Generationen und Kontinente hinweg.

  4. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
    Genau dieser Grundgedanke führte dazu, dass es der Mensch schaffte, innerhalb eines Jahrzehntes seinen Fuß auf die Mondoberfläche zu setzen.
    Die Frage ist aber eher, ob es politisch zur Zeit überhaupt gewollt ist, die Kernfusion zur Serienreife zu entwickeln. In Deutschland sehe ich da nicht viel, da setzt man lieber auf Lastenfahrräder und Windrädchen, um die Stromnetze zum flattern und Zusammenbruch zu bringen. Oder auf chinesische Spannungsregler in Solaranlagen.
    Was wäre, wenn in Deutschland plötzlich ein funktionierender Fusionsreaktor fertiggestellt würde? Würde der „große Bruder“ das zulassen? Würde er es zulassen, dass sich Deutschland von seinen überteuerten LNG-Tankern abnabeln würde, sich auch nicht mehr in Konflikten beteiligt, wie zum Beispiel in der Ukraine, wo es vor allem um Lithium und seltene Erden für die „Energiewende“ geht?
    Ich glaube kaum.
    Ob sich ein Fusionsreaktor ökonomisch lohnt, ist erst mal nicht der Punkt. Auch die EEG wurden massiv mit Subventionen gestützt, bis sie „selber laufen konnten“, das kann man auch mit der Fusionsenergie machen, wenn man denn will.
    Aber der politische Aspekt wird wohl das größte Hindernis sein, bevor es zur Einführung kommt.

    1. Wie die anderen Kommentare schon zeigen ist der Artikel ausbaufähig.
      Zum einen ist ITER wohl bereits jetzt eine Investitionsruine und war wie GroWiAn wohl auch so gedacht, zum anderen scheint das Problem, eine Fusion quasi beliebig lange aufrecht zu erhalten inzwischen prinzipiell u.a. dank gesteigerter Rechenleistung wohl sogar gelöst, zum dritten sind aber die Materialprobleme bei ununterbrochenem Neutronenbeschuss aber nach wie vor vorhanden und möglicherweise prinzipiell nicht zufriedenstellend lösbar.
      Viertens fliesst zuwenig Geld in *sinnvolle* Forschung, und fünftens ist eine Ablösung der Energiemonopole durch eine verbilligte Quelle politisch ausserhalb Chinas nirgends erwünscht, und sechstens sind die Gesellschaften und Kulturen vermutlich gar nicht bereit für so eine Revolution.

      Deswegen spricht man von der Fusionskonstante: die Kernfusion liegt stets 20-30 Jahre in der Zukunft.

  5. Unterkomplexer Bericht in meinen Augen, der nicht erwähnt, daß natürlich seit vielen Jahrzehnten von der politischen Lobby der Fossilenergiewirtschaft so ziemlich alles getan wird, um Fusionsenergie so lange wie möglich hinauszuzögern. Aber die Subventionen für Steinkohle sind bis wann geflossen? Und wann wurde die Subventonierung der Solarzellenhersteller abgebrochen, mit welchem Effekt? Dasselbe Spiel…
    Der technisch fortgeschrittenste Fusionsreaktor der Welt in Greifswald wurde vorsätzlich von der Politik kastriert, indem man dort Forschung mit Fusionsplasma verbot. Natürlich hat man diese Forschung nach München gegeben. Dort wird nun erstmal Forschung an Laserfusion aufgebaut, wieder 10 Jahre geopfert,
    Auch möchte man keinesfalls auf die Technologie mit hochradioaktivèm Tritium verzichten. Damit verbunden sind auch notwendige hohe Neutronenflüsse durch die Reaktorwand. Dabei war Fusion als neutronenarm angepreist gewesen – aber ohne Tritium kann man halt keine Wasserstoffbomben bauen… wäre doch auch sehr schade, nicht wahr?

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