Ärgernis Bildung: Bildungsexpansion

Klassenzimmer, leer
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Kaum einer ist mit dem staatlichen Bildungswesen zufrieden, weil fast alle darauf angewiesen sind. Bei den vielen Forderungen, wofür es da sein sollte, bleibt meist außen vor, wofür es da ist. Dazu ein Durchgang in drei Teilen: Bildungsexpansion (I), politökonomische Anmerkungen (II), Lernkonkurrenz (III)

Es klingt zwar etwas verwunderlich, ist aber offenbar ein Faktum – und deshalb lohnt sich eine Befassung damit – dass nämlich „die größte Sorge der Deutschen nicht Krieg oder Terror, sondern das Bildungssystem ist. Eine Forsa-Umfrage [vom Dezember 2025] zeigt: Schul- und Bildungsprobleme beunruhigen mehr Menschen als islamistischer Terror, militärische Konflikte oder der Klimawandel“. Was die Befragten eher mit Blick auf den Nachwuchs als Grund zur Sorge angaben – „Personalmangel, Digitalisierung und Chancenungleichheit“ –, unterstellt ihnen der Deutsche Philologenverband als unmittelbar nationales Anliegen, für das er sich zuständig weiß: „Die Menschen wissen: Die Zukunft unseres Landes entscheidet sich im Klassenzimmer. Sie verstehen Bildung ganz klar als priorisierte politische Aufgabe zur Sicherung unserer Demokratie, unserer Wirtschaftskraft, unserer Freiheit und Sicherheit. Wenn Politik jetzt konsequent in Bildung investiert und Leistungsförderung stärkt, kann aus der aktuellen Problemdiagnose eine Erfolgsgeschichte werden.“

„Bildungskatastrophe“

Sechzig Jahre zuvor wartete ein früherer Philologe, Schulleiter und Religionsphilosoph, Georg Picht, mit einer weit dramatischeren und vielbeachteten „Problemdiagnose“ auf, die er Bildungskatastrophenannte: Die Abiturquote von 6 bis 7% eines Jahrgangs sei im Vergleich zu anderen Industrieländern viel zu gering. Wegen der Engpässe bei Ingenieuren und Naturwissenschaftlern verliere Deutschland im internationalen Wettbewerb an Innovationsfähigkeit. Wenn nicht Sofortmaßnahmen ergriffen würden, wären 1970 nur noch die Hälfte der Lehrerstellen an den Volksschulen besetzt. Die Zahl der Abiturienten und der Studienräte müsse verdoppelt werden, um nach zwei Weltkriegen den „dritten großen Zusammenbruch der deutschen Geschichte in diesem Jahrhundert“ zu verhindern. Um der starken Abhängigkeit der Bildungschancen von der sozialen Herkunft zu begegnen, schlug er für die damaligen Volks-, Mittel- und Oberschüler eine gemeinsame Förderstufe im fünften und sechsten Schuljahr und weitere Schulreformen vor. Pichts Intervention traf auf eine Wirtschaftspolitik, die den Nachkriegsboom fortsetzen und ausbauen wollte, und gilt als Startsignal für die Bildungsexpansion in der Bundesrepublik.

Die Abiturientenquote eines Jahrgangs stieg von 11% in 1970 über 19% 1980 und 25% 1990 (Wert West) auf 33% (mit Ost) im Jahr 2000. Die Gesamtschulen wurden ab 1980 zur Regelschule und betreuen heute im deutschen Durchschnitt 30% einer Kohorte. Fachhochschulen gab es ab 1969/70. Zur gleichen Zeit hatte Westdeutschland 420 000 Studierende (die DDR 130.000), fünf Jahre später 835 000, 1990 waren es 1,5 Mio. und 2000 gesamtdeutsch 1,8 Mio. Während 1970 der Staat noch selbst der stark dominierende Abnehmer der Hochschulabsolventen war, wird in den 1990er-Jahren die Privatwirtschaft zu deren größtem Arbeitgeber.

Vierzig Jahre nach Picht wird eine entsprechende Fortsetzung der Bildungsexpansion angemahnt, die gemäß der FAZ (vom 16.2.2005) über folgende Alternative entscheide: „Ob Europa auf der Weltbühne an Einfluss gewinnt oder aber zur ergrauenden Halbinsel vor Asien absteigt, wird maßgeblich davon abhängen, wie erfolgreich eine große Zahl hochqualifizierter junger Menschen ausgebildet oder aus anderen Weltgegenden angezogen wird, um die Schlüsseltechnologien der nächsten zwanzig Jahre zu entwickeln.“ Die rot-grüne Koalition unter Schröder entdeckt in einer „Agenda 2010“, dass neben der Hauptsache, nämlich der Absenkung des nationalen Lohnniveaus und der Sozialleistungen, auch die Modernisierung von Bildung und Hochschulen „für ein innovatives Klima und hohe Wettbewerbsfähigkeit“ nötig sei, um sich „dem aus der zunehmenden Globalisierung resultierenden Veränderungsbedarf zu stellen“ (Bildungsministerin Bulmahn, Juni 2002). In der Regierungserklärung vom März 2005 klang das so: „Wenn wir oben bleiben wollen, wenn wir Spitze bleiben wollen in der Weltwirtschaft, dann müssen wir mehr in Forschung und Entwicklung investieren.“

Angesichts dieser „strategischen Bedeutung für die Zukunft unseres Landes“ (Bulmahn) stiegen die Studierendenzahlen bis 2010 auf 2,3 Mio. und erreichen derzeit rund 2,9 Mio.; davon sind 40% an Fachhochschulen eingeschrieben. Der Anteil der Studienberechtigung, zu der inzwischen 50 Wege führen, stieg auf 60%, von denen neun Zehntel ein Studium aufnehmen – an über 400 Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien, die derzeit 22 000 Studiengänge anbieten (1970 waren das noch weniger als 1000). Der Anteil der heute 25- bis 34-Jährigen mit Hochschulabschluss liegt bei 36% (wobei der OECD-Durchschnitt 47% beträgt). Seit 2014 zählt man folglich mehr Studienanfänger als Lehrlinge. In den 2000er Jahren erfolgte auch die Umstellung auf das anglo-amerikanische Bachelor-Master-System, dessen Studiengänge heute einen Anteil von 92% haben. (Mediziner, Juristen und in einigen Bundesländern die Lehrämter blieben bei den Staatsexamen.) Der erwünschten Verkürzung der Studienzeiten entsprach auch die westdeutsche Episode der Gymnasialreform namens „G8“, die ab 2013 aber stark zurückgebaut wurde. Im Jahr 2000 beginnt außerdem im Dreijahresrhythmus die deutsche Beteiligung an den PISA-Tests für die fünfzehnjährigen Schüler, von der sich die Bildungspolitik Aussagen über die schulische Seite der ‚Wettbewerbsfähigkeit‘ erwartet. Die Hauptschulquote eines Jahrgangs, die 1970 noch mehr als 50% betrug, liegt heute etwas über einem Zehntel (Gesamtschüler berücksichtigt). Entsprechend stieg die Abiturquote (inkl. Fachabitur) von 45 % in 2010 auf heutige 55%.

„Zappenduster“

Im Weiteren erklärenswert ist nun, dass diese bildungspolitische ‚Erfolgsgeschichte‘ keineswegs auf eine breite Gegenliebe stößt. Eine entsprechende Meinungserhebung wurde oben zitiert. Andere Ärgernisse folgen – und ein erstes davon betrifft Ex-Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, der 30 Jahre lang im Amt war und der als Repräsentant einer vielstimmigen, meist konservativen Erziehungskritik eine neue „Bildungskatastrophe“ ausruft. Auch die derzeitige Philologen-Chefin Lin-Klitzing spricht von „verflachten bildungspolitischen Entscheidungen der letzten 25 Jahre“ und beruft sich auf eine Forsa-Umfrage vom Oktober 2025, die sie in Auftrag gab und die ermittelt hat, dass „eine große Mehrheit der Deutschen sich leistungsorientierte Übergangsentscheidungen nach der Grundschule“ wünscht. (Dass ein Gros der Befragten hier im Bedarfsfall einen Unterschied zwischen den eigenen und den Kindern fremder Leute kennt, dürfte klar sein.) Kollege Kraus will erklären, „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ (Buchtitel, München 2017). Von einer „Politik wider besseres Wissen und wider jede Vernunft“ würden „seit den 1960er-Jahren Reformen in Szene gesetzt“ und bildeten die „Trümmer, die deutsche Bildungspolitik und deutsche Bildungswissenschaften hinterlassen haben“. Wie „zappenduster“ es ausschaut, beleuchtet er 2024 beim Portal NIUS, nach Selbstauskunft „die Stimme der Mehrheit“, (und unterstreicht das im Kern auch aktuell) folgendermaßen: „Das, was mal deutsche Bildungsnation war, befindet sich im Sinkflug. Wir haben zwar […] immer höhere Abiturquoten, immer höhere Akademisierungsquoten, immer bessere Noten […]. Aber dahinter steckt, dass die Leistungen immer schwächer werden. Reziprok – und ich unterstelle das der Politik quer durch alle 16 Länder, mal mehr, mal weniger – hat man aus populistischen Gründen die Ansprüche abgesenkt, um schön vorzeigbar die Quote zu steigern, bessere Noten, mehr Akademiker usw. […] Ich unterstelle der Politik, dass sie mit zwei Mitteln ein Land, ein Volk regieren will: mit Angstmachen, das haben wir beim Klima und bei Corona, und mit Verdummung bzw. Vorenthaltung von Bildung. Also schaut es zappenduster aus. Wir haben immer mehr Akademiker, aber wir haben einen eklatanten Fachkräftemangel. Im deutschen Bildungssystem können Sie es ohne einen Berufs- oder Studienabschluss zum Ministerpräsidenten oder zum Generalsekretär einer Volkspartei bringen. Wir fallen hinter den ehrgeizigen, intellektuell hungrigen Ostasiaten zurück, weil wir eine Kuschel- und Spaßpädagogik angesagt haben, weil wir Noten, Sitzenbleiben und [Rechtschreib-] Diktate abschaffen wollen und so weiter.“

Falls der ehemalige Lehrerpräsident die Robert-Bosch-Stiftung nicht auch zu den Volksverdummern zählt, könnte er sich durchaus fragen, wie deren Befunde zu seiner diagnostizierten „Kuschelpädagogik“ passen: Laut Schulbarometer 2024 fühlt sich mehr als ein Drittel aller Lehrkräfte, gerade auch an Grundschulen, mehrmals in der Woche erschöpft, jede Zehnte sogar täglich. 83% der Schüler berichten von häufigen Unterrichtsstörungen, und jeder Fünfte bis Vierte leidet unter psychischen Auffälligkeiten, geringer Lebensqualität sowie geringem schulischen Wohlbefinden. Ziemlich widersinnig ist auch die These, dass die Politik ihr Land regiert, indem sie erstens Ängste vor einer Pandemie, dem Klimawandel u.Ä. schürt, zweitens ihrem Volk Bildung vorenthält – und mit diesen Gemeinheiten ausgerechnet „populistisch“ sein will.

Noch eine ‚analytische‘ Volte: Im Buch über den bildungspolitischen Kollisionskurs erfährt man über dessen Hintergründe dies: „Wahrscheinlich berühren sich mit ihrer Abräumlaune sogar die Erbfeinde Kapitalismus und Sozialismus. […] Im Falle des Kapitalismus geht es um die Zerstörung von alten und die Schaffung von neuen Strukturen, die Marktanteile erobern und mehr Profit abwerfen. Im Sozialismus geht es um die Zerstörung von bürgerlichen Strukturen, insbesondere der Familie als Hort des Widerstands gegen kollektivistische, staatliche Übergriffe.“ Was die sozialistische Abrissbirne betrifft, so erkennt man in Umrissen eine Referenz an verbreitete Vorbehalte gegen die DDR oder den Marxismus, aus dem auch der „Wahn [stamme], jeder könne zu allem ‚begabt‘ werden“. So erschließt sich zwar die schlechte Meinung von Kraus über den Sozialismus – nicht aber ein Zusammenhang zur Hochschulreform, zur Gesamtschule, zu den Konsequenzen der Kultusminister aus den PISA-Studien etc. Im Fall des Kapitalismus wird eine Verbindung von Bildung und Geschäft in dem Vorwurf angedeutet, er schaffe „neue Strukturen“ für „Marktanteile“ und „Profit“ – so ähnlich, wie das die ‚Sozialisten‘ auch sagen. Die ‚Kritik‘ von Kraus bemüht aber bestenfalls die populäre und kulturpessimistische Klage über den Vorrang des großen Geldes vor der wahren Menschenbildung. Denn seine Hinweise auf den „eklatanten Fachkräftemangel“ oder die „hungrigen Ostasiaten“, die ‚uns‘ die Butter vom Brot nehmen könnten, beziehen sich positiv auf nichts anderes als auf den nationalen Wirtschaftserfolg – gerade so wie die geschmähte Politik das tut, die angeblich seit den 1960er Jahren „eine Bildungsnation an die Wand fährt“. Damals wollte Georg Picht den Untergang des Vaterlands übrigens noch durch eine verdoppelte Akademisierung aufhalten, die Josef Kraus heute zum gleichen Zweck dezimieren möchte. Ein Kontrast, der einen Hinweis darauf geben könnte, dass sich „die Zukunft unseres Landes“ doch woanders als „im Klassenzimmer entscheidet“.

Zusammenfassend stellen die Kraus‘schen ‚Erklärungen‘ eine gewisse Herausforderung an den Intellekt dar. Nur nicht an den ihres Urhebers, der mit seiner breiten akademischen Expertise auf Berufspolitiker ohne Abschluss herabsieht, die zum Herrschen gar nicht qualifiziert seien. (Als ob die mit ihrer ‚Performance‘ im innerparteilichen Postengerangel und beim Wählerbeeindrucken, also auf dem Weg zur Macht, nicht das Gegenteil beweisen würden.) Die Wahrheit zu dieser Dichtung sieht etwas anders aus.

„Strukturwandel“

Dass die Bildungsreformen auf ökonomischen Voraussetzungen beruhen, ist kein großes Rätsel. Der Begriff, der in der Öffentlichkeit dazu kursiert, schrammt aber an der Sache vorbei. Denn der sog. ‚Strukturwandel‘, der angeblich Branchen und Berufe ändert, ist nur grammatikalisch ein eigenes Subjekt. Betreiber des ‚Wandels‘ sind die marktwirtschaftlichen Unternehmer und ihre staatlichen Betreuer in einer nationalen und globalen Konkurrenz. Erstere stärkten beginnend mit einem ‚Wirtschaftswunder‘ und als spätere ‚Exportweltmeister‘ die Wettbewerbsfähigkeit nach innen und außen, indem sie durch die Rationalisierung ihrer Produktion Arbeitskosten einsparten. Letztere sorgten mit ihrer Finanz- und Wirtschaftspolitik für die erforderliche Infrastruktur, für ein investitionsförderndes Kreditwesen, wo nötig für Subventionen sowie für eine wachstumsfreundliche Besteuerung. Sozialpolitisch wurden die Wechselfälle des Arbeitslebens abgefedert, damit die kapitalistischen Konjunkturen nicht zu vielen Bürgern die Existenzgrundlage entziehen. Die Außenpolitik, zu der auch die Teilhabe an einem Kriegsbündnis zählte, erschloss neue Märkte für Waren, Dienste und Investitionen.

Der Umbau der Landwirtschaft in eine kapitalintensive Industrie setzte dort seit 1960 mehr als 80% der Erwerbstätigen frei. Aus etwas anders gelagerten Gründen baute das deutsche Unternehmertum neben der fortlaufenden Automation weitere Branchen und Arbeitsplätze in der Textilindustrie, bei Kohle und Stahl, im Schiffbau, in der Unterhaltungselektronik, bei Konsumgütern oder in der Chemie- und Pharmaindustrie ab. Die Verlagerung der Produktion mittels Kapitalexport in Billiglohnländer, der Kapazitätsabbau infolge gewachsener Konkurrenz aus dem Ausland oder die staatliche Entscheidung, bestimmte Subventionen als unrentabel zu beenden, waren die wesentlichen Gründe hierfür.

Neues nationales Wachstum stifteten demgegenüber die Investitionen des Kapitals in den sog. tertiären Sektor, also in Handel, Bank- und Versicherungswesen, Verwaltung, Verkehr und Logistik, Gesundheits- und Sozialwesen, Kommunikations- und Informationsgewerbe, Gastronomie, Tourismus, Unterhaltung und Kultur. Wo 1970 noch die Hälfte aller Berufstätigen im Bereich der Produktion arbeitete, halbierte sich seither diese Zahl, sodass heute drei Viertel der Erwerbspersonen im Sektor der Dienstleistungen tätig sind.

Auf diese Umwälzungen, die das Kapital beständig an der Basis seiner Verwertung vornimmt, gehen auch die Reformen im Bildungswesen und die oben umrissenen Verschiebungen in den Schul- und Studienabschlüssen, mithin die sog. Akademisierung der Berufswelt zurück. Dieselbe institutionell einzurichten oder ihr stattzugeben, fällt in den Bereich der hoheitlichen Aufgaben. Denn der betreute Kapitalismus ist zwar notwendig auf Wissen und Bildung angewiesen, stellt diese Voraussetzung selber aber gar nicht oder nur in Form einer einzelbetrieblichen Vereinseitigung bereit. Er beansprucht daher die Allgemeinbildung und die Entwicklung der Wissenschaft als staatliche Gratisleistungen, um sie als eine Produktivkraft für das eigene Wachstum einzuspannen.

Nach der Seite der Bürger – und mit der Pflicht zum Schulbesuch – schließt die Staatsaufgabe Bildung ein, die nachrückenden Generationen in Grenzen und unter Konditionen zu einem Zurechtkommen in der Wettbewerbsgesellschaft zu befähigen. Dort dürfen, sollen und müssen sie dem Zwang zum Gelderwerb nach eigener Wahl nachkommen. Die Qualifikation dazu, die man als Schüler, als Azubi oder an der Hochschule erwirbt, ist allerdings eine recht einseitige Angelegenheit. Wo sie fehlt oder mangelt, hat man als Bewerber um die vorhandenen Jobs schlechte Karten – ohne mit ihr die Sicherheit zu einer bestimmten Erwerbstätigkeit in der Hand zu haben. Denn die quantitativen Gelegenheiten, um sich in einer Hierarchie von Berufen das jeweilige Einkommen zu ergattern, und die qualitativen Anforderungen, die dafür verlangt sind, werden erstens von den Arbeitgebern nach Kriterien bestimmt, denen der allgemeine Stand der Bildung ziemlich äußerlich ist. Sie entziehen sich zweitens in der Anarchie der kapitalistischen Konkurrenz und einschließlich ihrer Krisen der gesellschaftlichen Planbarkeit und der individuellen Berechenbarkeit. Die begriffsstutzige Rede vom ‚Strukturwandel‘, der stets dafür gut ist, unternehmerische und staatliche Rechnungen zu durchkreuzen, drückt das auf ihre Weise ja aus.

***

Ende Teil I. Der zweite Teil befasst sich u.a. mit dem reellen akademischen Proletariat, mit dem Zugang zu den Bildungsstätten und der Chancengleichheit, die ihn gerechter machen soll und nie an ihr Ende kommt.

Georg Schuster

Georg Schuster (Pseudonym) verbrachte sein Berufsleben als Lehrkraft. Von 2013 bis Ende 2019 schrieb er für das GEW-Magazin „Auswege“. Nach dessen Einstellung war er bis Anfang 2023 Autor bei „Telepolis“. Seither schreibt er für „Overton“.
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14 Kommentare

  1. Wenn wir es endlich geschafft haben, die Produktion von KI-gesteuerten Robotern erledigen zu lassen und die KI uns das gewünschte vorprogrammierte Denken lehrt, ist das Schlaraffenland nahe. Aber was machen wir mit den vielen überflüssigen Menschen, die dann arbeits- und mittellos dastehen?

  2. Der Artikel ist selbst ein Beispiel für den Niedergang des Bildungssystems. Eine aufgeblasene Prosa weitestgehend mit inhaltsleeren Textdünen aufgefüllt, die einfach nur viel Text mit tiefer Analyse verwechselt und Applaus von Leuten erheischen will, die genauso ticken wie der Autor.

  3. Wer wissen will, wie der Hase läuft, schaue sich mal den indischen Test für die Aufnahme zur Hochschule an. Den würden vielleicht 1% der deutschen Abituriehten und 15% der Bachelor B.Sc Mathematik und 70% der Master M.Sc Mathematik bestehen.

    Dafür wissen die lieben Kleinen ab der siebten Klasse, welcher 64 Geschlechter es gibt, und ab der achten Klasse, was es im Bordell an Inventar haben muss, und ab der neunten Klasse alle 107 Stellungen des Kamasutra und die 137 Perversionen des Sahto Mahso.

    Sofern Sie deutsch können.

    „Wo tausend Schulen fehlen, tausend Lehrer und noch mehr“ Udo Jürgens, Lieb Vaterland.

  4. Wie kam das denn zu dieser Bildungskatastrophe, die Georg Picht seinerzeit festgestellt hat? Die heute ungern gehörte Antwort ist die, dass sich die Westdeutschen auf den konstanten Zustrom von DDR-Flüchtlingen verlassen konnte. Diese waren erstklassig ausgebildet und im Westen musste man für Bildung eigentlich nichts tun. Das änderte sich schlagartig mit dem Mauerbau und plötzlich war das ein Riesenproblem.
    Proaktiv angepackt wurde das Problem von der Brandt-Regierung. Da wurde nicht gekleckert, da wurde geklotzt. Unser Gymnasium wurde neu gebaut und weil noch so viel Geld übrig war, hat man eine Sternwarte drauf gebaut. Dann wollte ich Automechaniker werden, da war dasselbe. Bis dahin hatten die Lehrlinge an alten, ausgemusterten Maschinen gelernt, aber da stand plötzlich ein Neubau mit allerneuesten Maschinen. Ich sah das mit gemischten Gefühlen, denn wenn sie so viel in uns investieren, werden auch die Erwartungen entsprechend hoch sein. Genau so war das nämlich.
    Die Brandtsche Bildungsoffensive zielte bewusst darauf, bisher bildungsfernen Schichten den Aufstieg zu ermöglichen. Hat ja wohl geklappt, das waren die, die dann das kleine Deutschland zum Exportweltmeister gemacht haben. Ich wioll keine Klagen hören.
    Das vermisse ich heute, diese Lernbegeisterung von damals, als man tatsächlich eine Bildungsnation war. Wenn die Rechten unbedingt ein Leitbild haben wollen: das wäre kein schlechtes.

    1. @Artur_C
      Frau Prien oder Herr Özdemir in BW werden es schon richten, Bildung war ja mal wieder Wahlkampfthema.
      Der Glaube soll ja angeblich Berge versetzen können 🙂

      Begeisterung? Bei einer Jugend ohne Zukunft kann es keine Begeisterung geben!

      „Jung, qualifiziert, arbeitslos: Deshalb ist der Berufseinstieg für akademische Absolventen so schwer
      Die Wirtschaft steckt in der Krise. Rund 40.000 Akademiker in BW sind arbeitslos. Junge Absolventen haben besonders zu kämpfen und berichten von einem verhängnisvollen Trend.“
      https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/schwerer-berufseinstieg-absolventen-100.html
      https://www.studis-online.de/Fragen-Brett/read.php?11,2095099

    2. die gut ausgebildeten in der DDR waren meist über die Stasi ins System eingebunden. es gab viel weniger Abiturienten als im Westen. die Flüchtlinge waren meisst arbeiter, wenn auch mit Berufsausbildung.

  5. Der Kapitalismus soll daran schuld sein, dass Schülern und Studenten nicht mehr die Fähigkeiten vermittelt werden, die zu ihrer kapitalistischen Verwertung notwendig sind?

    Wenn es nach den Ansprüchen des Kapitals ginge, dann hätten wir viel Grundbildung in lesen-schreiben-rechnen, einige Ingenieure und praktisch null Geisteswissenschaften, außer vielleicht Jura.

    1. Der Kapitalist sagt dem Politiker, geh ins Ausland such dort gut ausgebildete Fachkräfte die sind billiger für mich und Du kannst doppelt sparen, Du hast keine hohen Ausbildungskosten, du kannst die Schulen und die Unis verotten lassen, benötigst nichts o viele Lehrkräfte und von dem was du einsparst kannst du mir die Hälfte abgeben.
      So funktioniert koloniale Ausplünderung!

  6. die gezeigten Stühle sind total bequem, jedenfalls für Erwachsene.
    Schulen werfen sie gern weg, ich hab mir ein paar geordert, so unchick sie auch erscheinen.

  7. Mir ist das schon in den ersten Absätzen zu schlampig. Da wird von Prozentzahlen zu absoluten Zahlen gesprungen, dann geht´s um Zehntel und weiß nicht was, keine saubere Unterscheidung zwischen Fachhochschulen u. Unis – in einem Satz: Für mich unleserlich. Hätte ich das damals beim Abi abgeliefert, wäre ich geliefert gewesen….

    Der Rest ist übrigens auch nicht erhellender, man fragt sich unwillkürlich: Was will uns der Autor eigentlich sagen???? Womit der Autor allerdings sehr schön die These der unzureichenden Bildung in D belegt !

  8. Bildung ist für mich nicht ein Instrument am Markt erfolgreich zu sein, sondern dient mir, sich vor gelebter Idiotie zu schützen.
    Das was man mir damals schulisch eingehämmert hat, trägt heute die Folgen von Trampolinhüpfer, Kinderbuch Autoren etcppff.
    Die Bildung, die seitens der staatlichen Kontrolle unterstellt ist, ist die grösste Gefahr für jede Generation, da die Bildung nicht unabhängig ist!
    Der Mensch sollte sich selbst hinterfragen, inwieweit seine Bildung heute eine Relevanz in der heutigen Wertegesellschaft besitzt. Diese Bildung besitzt nur eine Relevanz, wenn diese Person sich jeglicher Doktorin fügt.
    Die heutigen jugendlichen oder Kinder, erfahren eine Ideologiestressfaktor, in dem diese überhaupt nicht mehr erkennen, wahrnehmen können, was Eltern, Lehrkräfte, gleichgesinnte vor sich her plabbern.
    Wenn wir uns einbilden gebildet zu sein, dann liegt eines ganz nahe vor uns, nicht mit dieser Politik.

    Heute

  9. Auf der einen Seite gibt es heute ein Fachidiotentum, das keinen Überblick mehr hat, auf der anderen Seite eine in die Irre geführte, woke durchsetzte „Allgemeinbildung“, die keinen Überblick mehr haben darf. Die einen wir die anderen sind lenkbar und manipulierbar, das ist gut für den neoliberalen Autoritarismus.

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