„Wir sind doch das Zentrum der Welt“

Taschkent
Bild: Ramon Schack

Ein Besuch in der usbekischen Hauptstadt Taschkent.

Bild: Ramon Schack

Auf dem Broadway drängen sich die Menschen um die Imbissbuden und Garküchen. Broadway, so wird die Sayilgoh-Straße im Volksmund genannt, eine Fußgängerzone im Zentrum von Taschkent, in der in Galerien und an Ständen Kunsthandwerk zum Verkauf angeboten wird. Es handelt sich größtenteils um ein junges, akademisches Publikum, Studentinnen und Studenten aus den umliegenden Gebäuden, welche zu den juristischen Fakultäten zählen. Trotz ihrer Jugend wirken die Menschen konservativ. Die jungen Männer tragen überwiegend Anzüge, die jungen Frauen Kostüme, so als hätten sie ihr Studium schon abgeschlossen und wären in einem der Ministerien beschäftigt oder als Anwälte oder Richter tätig.

„Regierungskritiker werden Sie hier kaum finden!“, erwähnt Dilmurod, ein 24-jähriger Student, der kurz vor seinem Examen steht. „Weshalb auch?“ Die meisten Menschen stehen hinter der Regierung, spüren, dass es aufwärtsgeht. Warum sollten dann ausgerechnet die Studenten rebellieren?“ Die Statistiken scheinen die Worte des Nachwuchsjuristen zu bestätigen. Die usbekische Wirtschaft wächst in den Jahren 2026 und 2027 um jeweils rund 6 Prozent. Dafür sorgen Ausbauinitiativen in zahlreichen Branchen und eine ambitionierte Reformagenda. Mit einem BIP von über 145 Milliarden US-Dollar, Exporten, die um 23 Prozent auf 33,4 Milliarden US-Dollar gestiegen sind, und Goldreserven im Wert von über 60 Milliarden US-Dollar startet Usbekistan mit soliden und sich stetig verbessernden makroökonomischen Indikatoren in das Jahr 2026. Präsident Shavkat Mirziyoyev erklärte in seiner Rede zur Lage der Nation, dass die ausländischen Investitionen sich insgesamt auf 43,1 Milliarden US-Dollar beliefen, was 31,9 Prozent des BIP entspricht. Diese Entwicklung hat zudem zu einer Verbesserung des Länderratings beigetragen, das von den führenden internationalen Ratingagenturen angehoben wurde.

Dilmurod begrüßt seinen Kommilitonen Gulom, der aus dem Fergana-Tal zum Studium in die Hauptstadt kam: „Hier in Taschkent, wie überhaupt in den größeren Städten, ist das Leben leichter und schöner als bei uns auf dem Land“, erwähnt der Politik-Student, der später einmal in den diplomatischen Dienst eintreten möchte. „Aber auch meine Eltern haben festgestellt, dass es ihnen heute bessergeht als zu Zeiten von Islam Karimow.

Von Krisen zur innenpolitischen Stabilität

Islam Karimow, also der vor zehn Jahren verstorbene Autokrat, der aus der kommunistischen Nomenklatura stammte und, wie die Regierungschefs in den meisten Nachbarstaaten der Region auch, Usbekistans Weg in die Unabhängigkeit mit eiserner Faust dirigierte. Schon vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion war Karimow auf Distanz zu Moskau gegangen. Er brachte es sogar fertig, jede militärische Zusammenarbeit mit den Russen aufzukündigen. Die slawische Minderheit war zu UdSSR-Zeiten in Usbekistan zahlreich vertreten, in Taschkent betrug ihr Anteil um die 50 Prozent, wovon heute nur noch ein Bruchteil geblieben ist. In den frühen 1990er-Jahren forcierte Karimow den Schulterschluss mit den USA. Schon damals hatte Washington, viel eher als die Eurokraten von Brüssel, die Förderungs- und Vermarktungsstrategien erkannt, welche der Reichtum an natürlichen Ressourcen, besonders das schwarze Gold, in dieser Region gewähren könnte. Zu jener Zeit, in den ersten Jahren der Unabhängigkeit, wurde Zentralasien als ein „Schlachtfeld der Zukunft“ betrachtet, als eine rohstoffreiche Region, von Bürgerkriegen und Kriminalität erschüttert, in der religiöser Extremismus grassiert.

Ekaterina, die Freundin Guloms, hat sich der kleinen Gesprächsrunde angeschlossen. Der 22-Jährigen, deren Mutter ethnische Russin ist, was durch ihre naturblonden Haare und grünen Augen verdeutlicht wird, berichtet von ihrer Reise in die EU im Herbst vergangenen Jahres. „Um ehrlich zu sein“, erläutert die Geschichtsstudentin, „die Ausstrahlungs- und Verführungskraft, die der Westen einst auf die Generation meiner Eltern ausübte, verspüren wir nicht mehr!“. Ihre beiden männlichen Begleiter nicken. Sicherlich, ich war begeistert von den facettenreichen kulturellen Angeboten in Amsterdam, Berlin und Wien, auch von dem freizügigen Lebensstil vor Ort, aber ich war doch erschrocken, wie wenig meine Altersgenossen in Deutschland, Österreich und den Niederlanden von Zentralasien wussten und wie stark sie aber vom eigenen Lebensstil überzeugt zu sein scheinen. „Ich wurde beispielsweise öfter gefragt, ob wir auf Kamelen reiten und ob Frauen bei uns überhaupt studieren dürfen!“ Die drei lachen. Dann ergänzt Ekaterina: „Wir sind doch das Zentrum der Welt! Waren es in alten Zeiten, werden es wieder sein! Taschkent ist eine kosmopolitische, lebendige und genussfreudige Metropole.

Die EU hat den Aufstieg Zentralasiens verschlafen

Während dieses Bummels durch Taschkent trafen sich in Berlin die Außenminister Zentralasiens und langsam scheint es den Regierungschefs der EU zu dämmern, was für ein geopolitisches Kraftzentrum sich zwischen dem Pamir und dem Kaspischen Meer entwickelt: Fünf Staaten, hohe Rohstoffreserven, null Strategie: Deutschlands Zentralasien-Problem.

Faruch betreibt ein kleines Souvenir-Geschäft am Ende des Broadways. Melancholisch räumt der 44-jährige Vater von drei Söhnen ein, dass die Geschäfte momentan nur mäßig laufen. „Sicherlich gibt es einen Aufschwung, aber wir kleinen Leute haben doch kaum etwas davon. Ich selbst habe schon überlegt, ob ich als LKW-Fahrer nach Deutschland gehen soll, wie ein Bekannter von mir. LKW-Fahrer werden bei Ihnen wohl händeringend gesucht?“ Aus Taschkent nach Sachsen-Anhalt: Wie Usbekistan Deutschlands Fachkräftelücke füllt.

Von Karl Marx zu Amir Timur

Bild: Ramon Schack

Taschkent hat sich in den letzten Jahren herausgeputzt. Die Metropole mit ihren rund drei Millionen Einwohnern strahlt einen eigenartigen Charme aus. Die Sauberkeit des Stadtbilds wie auch das Gefühl der relativen Sicherheit, welches von der diskreten Präsenz der Sicherheitskräfte flankiert wird, korrespondieren mit der orientalisch anmutenden Herzlichkeit der Menschen. Nur wenige Gehminuten vom Broadway entfernt befand sich einst eine eindrucksvolle Büste von Karl Marx. Der Prophet schien nach der Unabhängigkeit gegen die Anfechtungen der Zeit geschützt. Aber dann verschwand er doch, als Ausdruck des neuen Zeitgeistes, der mit dem Propheten des Kommunistischen Manifests aus der Moselstadt Trier nicht mehr identifiziert werden wollte. Islam Karimow sorgte für einen sensationellen Ersatz. Statt des Verkünders der klassenlosen Gesellschaft ragt seit Jahren die Reiterstatur eines durch und durch zentralasiatischen Helden in die Höhe, aus ferner Vergangenheit: die Statur von Timur Lenk, oder Amir Timur, wie er in Usbekistan genannt wird, obschon dies die arabische Bezeichnung dieses Stammesfürsten ist, der mongolische, türkische und tadschikische Vorfahren besaß.

Interessant auch, dass das Denkmal mit einer auf Englisch und Russisch formulierten Leitschrift versehen ist. „Strength in justice – Stärke in Gerechtigkeit.“ Das Schwert des Helden bleibt dabei bedrohlich gezückt. In dieser anmutigen Parklandschaft, die weit aus gepflegter und sicherer wirkt als vergleichbare Orte in der EU oder den USA, harmoniert das Denkmal mit seiner unmittelbaren Umgebung. Gleich hinter dem Denkmal erhebt sich der kolossal anmutende Bau des Hotels Usbekistan, welches als Beispiel des sowjetischen Brutalismus eine Sehenswürdigkeit der Stadt darstellt. An der Bar dieses bemerkenswerten Hotels unterhalten sich zwei deutsche Geschäftsleute darüber, wie schwer es inzwischen geworden ist, auf dem usbekischen Markt Fuß zu fassen.

Usbekistans multivektorielle Außenpolitik

In einem Besprechungszimmer, unweit der Lobby, wartet ein Mitarbeiter des Außenministeriums auf seinen Gast. Der Politologe, der ungenannt bleiben möchte, berichtet von den außenpolitischen Zielsetzungen der Regierung. Die Volksrepublik China hat in den letzten Jahren Russland als größten Handelspartner Usbekistans überholt, was die wachsenden Investitionen und das Engagement Pekings in der Region widerspiegelt. Dennoch muss betont werden, dass Usbekistan keinen einzelnen Partner gegenüber anderen bevorzugt. Das strategische Ziel Usbekistans ist es, für beide Seiten vorteilhafte Beziehungen zu einer Vielzahl von Ländern aufzubauen und angesichts der globalen geopolitischen Spannungen Neutralität und Flexibilität zu wahren, wie man es im Außenministerium von Taschkent verlautbaren lässt. Diese Strategie der Gleichbehandlung und Diversifizierung stellt sicher, dass Usbekistan mit allen wichtigen Akteuren – im Osten wie im Westen – effektiv zusammenarbeiten kann. „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Außenpolitik Usbekistans auf einem multivektoriellen Ansatz basiert, der darauf abzielt, die nationalen Interessen zu maximieren, ohne sich in geopolitische Rivalitäten verstricken zu lassen. Der Mitarbeiter des Außenministeriums betont zum Abschied, dass Russland ein wichtiger Partner Usbekistans bleibt.

Ramon Schack

Ramon Schack, Jahrgang 1971, geboren in Kiel, aufgewachsen in Bad Oldesloe, Studium in Hamburg (Politische Wissenschaft und Osteuropastudien). Nach längerem Aufenthalt in London seit 2003 freier Journalist in Berlin, schreibt u. a. für die Berliner Zeitung, Neues Deutschland, seit 2018 moderierte er den Video-Podcast Impulsiv TV. Bis März 2023 war er Redakteur für Außenpolitik des ND. Er berichtete als Korrespondent unter anderem aus Iran, Irak, den USA und Neuseeland, El Salvador, Ecuador, Russland, Armenien, der Ukraine, Kasachstan und Äthiopien. Große Aufmerksamkeit erlangte sein Interviewbuch mit Peter Scholl-Latour aus dem Jahr 2015. Sein neues Buch “Wagenknechts Wagnis – eine teilnehmende Beobachtung zur Entstehungsgeschichte des BSW” erscheint im Oktober 2024.
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3 Kommentare

  1. Da spiegelt sich Geopolitik wider. Anfang der Nuller Jahre wollten die USA die gesamte Region im Süden Russlands in ihrem Sinne umgestalten. Höhepunkt sollte die Nabuco-Pipeline werden, bei der Joschka Fischer die Geamtleitung inne hatte. Das Scheitern des Projekts hat zumindest in Deutschland niemand überrascht. Es hatte so gur angefangen. Die USA sind im Moment einer geopolitischen Umgestaltung gern militärisch präsent. Welch glücklicher Zufall, dass sich da plötzlich eine Gelegenheit ergab, um in Afghanistan einzumarschieren.
    Aus und vorbei. Keine Pipeline, keine Umgestaltung, in Afghanistan regieren die Taliban. Das alles spiegelte sich in der Geschichte Uzbekistans. Karimow glaubte den Versprechungen des Westens und wollte zu den Profiteuren gehören. Diese Illusion ist geplatzt. U. gehört jetzt zum russisch-chinesischen Einflussbereich. Was ihnen offenbar gut bekommt.
    Es lebt sich nicht schlecht in der Entourage Russlands. Auch wenn es nicht gesagt wird, aber im gesamten Odtblock wird das mit Interesse zur Kenntnis genommen. Auch mit Blick auf den Westen, von wo offenbar nur noch Niedergang und Paranoia zu kommen scheint.
    Das kann Folgen haben.

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