Wenn der eine plant und der andere streitet

BASF Ludwigshafen
Felix König, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Während China seine Industrie bis 2030 mit einem klaren Plan ausrichtet, ringt Deutschland noch um längst versprochene Entlastungen. Warum investieren Unternehmen wie BASF lieber im Ausland – und was sagt das über den Standort Deutschland aus?

Anfang März hat der Nationale Volkskongress in Peking den 15. Fünfjahresplan verabschiedet, ein Regierungsprogramm, das die wirtschaftliche Entwicklung Chinas bis 2030 in klaren Zielmarken festschreibt: mehr als sieben Prozent jährliches Wachstum der staatlichen Forschungsausgaben, ein Katalog strategischer Zukunftsbranchen von humanoider Robotik bis Fusionsenergie, verbindliche Vorgaben für Provinzen und Staatskonzerne. Zur gleichen Zeit ringt Deutschland weiterhin um einen Industriestrompreis, der schon vor der letzten Bundestagswahl versprochen war, und die Automobilindustrie diskutiert im Bundestag über ihre, wie es die zuständige Staatssekretärin selbst nannte, „bitterernste“ Lage.

Der Kontrast liegt nicht darin, dass China boomt und Deutschland untergeht, dafür sind die chinesischen Zahlen selbst zu gedämpft: Das Wachstumsziel für 2026 liegt mit 4,5 bis 5,0 Prozent so niedrig wie nie zuvor, und die Regierung in Peking versucht seit Jahren vergeblich, die hohe Sparquote der privaten Haushalte in Konsum umzulenken. Der eigentliche Unterschied liegt woanders: in der Fähigkeit, überhaupt langfristig und verbindlich zu planen, unabhängig davon, ob man das chinesische System deshalb für vorbildlich hält oder nicht.

Ein Werk, zwei Bilanzen

Am deutlichsten wird das am Beispiel BASF. Am Stammsitz Ludwigshafen fährt der Konzern im Deutschlandgeschäft operative Verluste von über einer Milliarde Euro ein und kürzt seine Investitionsplanung für die Jahre 2026 bis 2029 um 20 Prozent auf 13 Milliarden Euro. Im südchinesischen Zhanjiang eröffnete im März 2026 zeitgleich das größte BASF-Werk außerhalb von Ludwigshafen, ein Investitionsvolumen von 8,7 Milliarden Euro, das laut Unternehmensangaben ab 2027 positive Ergebnisbeiträge liefern soll.

Das lässt sich als Kapitalflucht lesen, wie es mittlerweile reißerische Wirtschaftsportale tun. Es lässt sich aber ebenso als schlichte Standortkalkulation verstehen: In China trifft ein Konzern auf einen Markt, der über Jahre hinweg politisch vorgezeichnet ist, auf niedrigere Energiekosten und auf eine Nachfrage, die bei aller Konjunkturschwäche, noch wächst. In Deutschland trifft er auf einen Energiepreisnachteil, den der Chemiekonzern Evonik gegenüber den USA zuletzt mit 50 bis 70 Prozent bezifferte, auf eine Bürokratie, die der Verband der Chemischen Industrie (VCI) seit Jahren anmahnt, und auf eine Politik, die selbst zugesagte Entlastungen, etwa beim Industriestrompreis, nur schleppend umsetzt. Beide Erklärungen schließen sich nicht aus. Sie verstärken sich.

Der Mittelstand zieht nach

Was bei BASF ein einzelner Milliardenkonzern vormacht, vollzieht sich im Kleinen tausendfach. Eine Befragung von 550 Interim-Managern für den Wirtschaftsreport 2026 der Management-Community United Interim zeigt: Für einen erheblichen Teil der deutschen Industrieunternehmen ist die Frage nicht mehr, ob Fertigung verlagert wird, sondern wohin, knapp die Hälfte der Befragten sieht einen starken Trend Richtung Osteuropa, 40 Prozent nennen Asien, allen voran China, als primäres Ziel. Als Gründe werden Lohnkosten genannt, die je nach Zielland bis zu 70 Prozent unter deutschem Niveau liegen, dazu niedrigere Energiekosten und gezielte staatliche Förderprogramme in den Zielländern.

Parallel dazu ist laut aktuellen Umfragen die Investitionsbereitschaft im deutschen Mittelstand auf den tiefsten Stand seit über drei Jahrzehnten gefallen. Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) beobachten dabei ein Muster, das die einfache Erzählung von der Standortflucht nach China durchkreuzt: Rund jedes zweite deutsche Unternehmen mit China-Geschäft baut inzwischen gleichzeitig dort Kapazitäten und Personal ab, ein Rückzug auf beiden Seiten, kein Boom auf der einen und ein Niedergang auf der anderen. Die China-Forscher Max Zenglein und Mikko Huotari vom Mercator Institute for China Studies (Merics) bringen die Verschiebung auf den Punkt: Was einzelnen Unternehmen heute nütze, decke sich nicht mehr mit dem, was dem deutschen Standort insgesamt diene, ein Bruch mit dem über Jahrzehnte gültigen Gleichklang von Firmeninteresse und deutscher Außenwirtschaftspolitik. Rund eine halbe Million Arbeitsplätze in Deutschland hängen inzwischen an der Nachfrage aus China, mit den größten Risiken ausgerechnet bei kleinen und mittleren Betrieben aus Maschinenbau und Automobilzulieferung.

Selbst bei der Automobilindustrie zeigt sich die Ambivalenz exemplarisch am Beispiel Ungarn. Mercedes-Benz hat sein Werk im südungarischen Kecskemét jüngst für rund eine Milliarde Euro erweitert, bei Produktionskosten, die nach Angaben des Konzern-Finanzchefs rund 70 Prozent unter dem deutschen Niveau liegen. Fast zeitgleich baut der chinesische Marktführer BYD wenige Kilometer entfernt in Szeged für rund vier Milliarden Euro seine erste europäische Fabrik, auch um EU-Einfuhrzölle zu umgehen. Deutsche und chinesische Hersteller landen in derselben Ausweichregion, aus fast identischen Kostengründen.

Die Verbände sagen es selbst

Bemerkenswert ist, wie unverblümt die Wirtschaftsverbände die politische Selbstblockade inzwischen benennen. VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup spricht von einer wirtschaftspolitischen Kurskorrektur „mit angezogener Handbremse“ und warnt, ohne echten Reformwillen und Tempo in Berlin und Brüssel drohe ein Strukturbruch für die industrielle Basis. VDA-Präsidentin Hildegard Müller zählte die deutschen Standortmängel, hohe Steuern, teure Energie, hohe Lohnkosten, Bürokratie, ausgerechnet auf der Auto China 2026 in Peking auf, vor chinesischem Publikum. Und der DIHK verweist darauf, dass geplante Steuererhöhungen ausgerechnet den Mittelstand treffen, der ohnehin schon unter Finanzierungsengpässen leidet, und den Betrieben damit genau die Mittel für Investitionen entzogen würden, die sie jetzt bräuchten.

Das ist keine Klage über zu wenig Autokratie. Es ist eine Klage über zu wenig Verlässlichkeit über eine Legislaturperiode hinaus, Förderprogramme die mit jedem Regierungswechsel neu verhandelt werden, ein Industriestrompreis, der seit Jahren angekündigt, aber nicht umgesetzt ist, eine Klimapolitik, die zwischen Verbrenner-Verbot und dessen Aufweichung schwankt.

Planung ist kein Systemmerkmal

Es wäre zu einfach, daraus zu schließen, autoritäre Steuerung sei per se überlegen. Der 15. Fünfjahresplan selbst zeigt die Kehrseite: Chinas Klimaziele wurden gegenüber der letzten Planperiode nach unten korrigiert, der Kohleausstieg de facto aufgegeben, weil er den industriepolitischen Prioritäten im Weg stand, eine Entscheidung, die in einem demokratischen System öffentlich debattiert und korrigiert werden müsste, in China aber einfach verordnet wird.

Aber genau das ist der eigentliche Befund: Langfristige Planungsfähigkeit ist kein exklusives Merkmal von Einparteienherrschaft. Sie ist ein Standortfaktor, den auch eine Demokratie organisieren könnte, über parteiübergreifenden Konsens, über verlässliche Zusagen, die eine Wahl überdauern. Dass Deutschland das derzeit nicht schafft, liegt nicht daran, dass es keine Diktatur ist. Es liegt daran, dass es sich nicht einmal auf das verständigen kann, was seine eigenen Wirtschaftsverbände seit Jahren anmahnen.

 

Quellen

Fünfjahresplan (Kontext)

BASF Zhanjiang / Ludwigshafen

Automobilindustrie

Chemieindustrie

Mittelstand / Verlagerung / Insolvenzen

Günther Burbach

Günther Burbach, Jahrgang 1963, ist Informatikkaufmann, Publizist und Buchautor. Nach einer eigenen Kolumne in einer Wochenzeitung arbeitete er in der Redaktion der Funke Mediengruppe. Er veröffentlichte vier Bücher mit Schwerpunkt auf Künstlicher Intelligenz sowie deutscher Innen- und Außenpolitik. In seinen Texten verbindet er technisches Verständnis mit gesellschaftspolitischem Blick – immer mit dem Ziel, Debatten anzustoßen und den Blick für das Wesentliche zu schärfen.
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12 Kommentare

    1. Nur nicht jammern, dieses Land ist am Ende, SPD, GRÜNE und CDU legten die Lunte und die AFD erledigt den Rest und zündet die Lunte an.
      Mehr kann man sich kaum wünschen 🙂

  1. „VDA-Präsidentin Hildegard Müller zählte die deutschen Standortmängel, …… “

    Wer die zitiert hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

  2. Sozialistische Planwirtschaft hat sich bereits im 20. Jahrhundert als untauglich erwiesen. Zu teuer. Zu unrentabel. Zu unflexibel.

    1. Autsch
      Sozialistische Planwirtschaft hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen.
      Wer das Chaos des staatsmonopolistischen Kapitalimus unter US-Führung, der Westeuropa deindustrialisier, als sozialistische Planwirschaft denunziert, offenbart nur seine maximale politische Ahnungslosigkeit.

    2. Sozialistische Planwirtschaft erweist sich jedoch im 21. Jahrhundert dem freien Markt überlegen. Die Zeiten ändern sich. China macht es vor.

  3. „Als direkte Reaktion auf das 21. Sanktionspaket der Europäischen Union gegen Russland hat das chinesische Handelsministerium (MOFCOM) am Freitag 14 Unternehmen und Einrichtungen aus der EU auf seine Exportkontrollliste gesetzt. Darunter befindet sich der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall AG. Die Maßnahme gilt mit sofortiger Wirkung.“
    https://tkp.at/2026/07/24/china-sanktioniert-rheinmetall/
    Auch wenn das die Kurzsichtigkeit der EU-Granden nicht beseitigen wird, ist die chinesische Antwort zu begrüssen.

  4. „VDA-Präsidentin Hildegard Müller zählte die deutschen Standortmängel, hohe Steuern, teure Energie, hohe Lohnkosten, Bürokratie, ausgerechnet auf der Auto China 2026 in Peking auf, vor chinesischem Publikum.“

    Vergessen wurde von Frau Müller den wichtigsten Standortmangel zu benennen: unsere Politikerkaste, die aus pseudomoralisch aufgeblasenen Haltungsschwadroneuren besteht. Diese Haltungen sind nicht verhandelbar – auch wenn sie den Standort Deutschland beschädigen, werden sie unverdrossen fortgesetzt.

    Und darum gibt es bei uns keinen Plan, und keine Anpassungen an die Realität, sondern nur noch Wursteln.

  5. Ich glaube nicht, dass China wirklich Klimaziele verfolgt, sondern solche nur vortäuscht. Es wundert mich daher nicht, dass Chinas Klimaziele gegenüber der letzten Planperiode nach unten korrigiert wurden und der Kohleausstieg de facto aufgegeben wurde. „Laut Daten der Weltbank (basierend auf UN World Urbanization Prospects) lebten 2024 rund 32,01 % der chinesischen Bevölkerung in urbanen Agglomerationen (Stadtregionen) mit mehr als 1 Million Einwohnern.“ (Grok) Das ist wohl der Grund dafür, dass die Chinesen Elektromobilität gefördert haben, damit man in ihren Städten noch atmen kann.
    Auch in den USA wurden die Klimaziele nach unten gesetzt! Und in Deutschland sind die Grünen die größten Kriegstreiber, was beweist, dass sie Klimaziele für Bullshit halten und selbst die klimaschädlichsten Kriege ihnen wichtiger sind. Das gilt auch für die anderen Blockparteien. Die AfD ist zwar gegen den Krieg, hält aber nichts von den Klimazielen.
    Wer ist eigentlich noch in Wort und Tat für Klimaziele?

    1. Gut beobachtet.
      China hat übrigens in das Pariser Klimaabkommen den Passus hineinverhandelt, dass die Entwicklungsländer, inkl. China, so lange ihren CO2 Ausstoß steigern dürfen, bis sie den Vorsprung der alten Industrieländer aufgeholt haben. Damit ist doch alles klar.
      Es ist ein Grundprinzip der chinesischen Politik auf der Basis des Konfuzionismus, so lange wie möglich einer offenen Aggression aus dem Weg zu gehen und dem Westen bei seinen Forderungen scheinbar nachzugeben. Hat auch bei den Coronamaßnahmen super funktioniert, als China die Maßnahmen nur in Gebieten anordnete, die für die westlichen Industrien von Bedeutung waren.

  6. Wir, respektive Europa hatte nie leinen Plan wo die Reise hingehen soll, weil wir immer ganz brav den Amerikanern hinterhergedackelt sind.
    Und jetzt, wo die Amis uns haben fallen lassen bricht das Chaos aus.

  7. Interessante Zusammenstellung, vielleicht könnte man ein paar Nebensächlichkeiten ergänzen:
    Zitat
    „Rund jedes zweite deutsche Unternehmen mit China-Geschäft baut inzwischen gleichzeitig dort Kapazitäten und Personal ab, ein Rückzug auf beiden Seiten, kein Boom auf der einen und ein Niedergang auf der anderen. “
    Das entspricht schon mal ganz gut dem Anteil mittelständischer Unternehmen am China-Geschäft. Da kann man (wurde auch erwähnt) einen Zusammenhang herstellen mit den immer schwierigeren Investitionsmöglichkeiten für die Mittelständischen. Denen geht es nämlich auch in DE nicht so gut, und wer im Inland auf dem Rückzug ist (siehe den Höchststand bei den Firmeninsolvenzen), flüchtet meist nicht nach China… Der freiwerdende Marktanteil der insolventen Firmen wird natürlich von solventen Firmen absorbiert: von den Großen. Marx nannte das „eine gesetzmäßige Zunahme der Konzentration des Kapitals“ – vulgo die Großen fressen die Kleinen. Und da die Großen Produktion außerhalb von DE, in China und anderswo, aufbauen, hinterlassen sie die Arbeitslosigkeit in DE. Profit geht vor.
    Der Ausweg bestünde in Vergesellschaftung… aber dieses Wort würde einer BDI-Präsidentin niemals über die Lippen kommen – nicht in diesem Universum….

    Zitat
    „Chinas Klimaziele wurden gegenüber der letzten Planperiode nach unten korrigiert, der Kohleausstieg de facto aufgegeben, weil er den industriepolitischen Prioritäten im Weg stand, eine Entscheidung, die in einem demokratischen System öffentlich debattiert und korrigiert werden müsste, in China aber einfach verordnet wird.“
    Der aufgeschobene Kohleausstieg hat wohl China bei der kürzlich aufgetretenen „Versorgungskrise bei Lieferungen aus Nahost“ den Arsch gerettet, wie man hörte, sogar schon stillgelegte Kohlekraftwerke mussten wieder angefahren werden. Was „kürzlich“ bedeutet, kann ja jeder in der Chronik des Iran-Konflikts nachlesen. Das geht konform mit dem chinesischen Planungskorridor. Und anzuprangern, daß in einer solchen Krisensituation demokratische Regeln nicht so strikt angewandt wurden, ist schon mehr als komisch. Für Krisen haben auch Demokratien gewisse Werkzeuge… müssen sie haben.

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