Kein Geschäft wie jedes andere

Mario Kempes, Torjubel, 1978
El Gráfico n° 3064, Public domain, via Wikimedia Commons

Warum Fußballvereine kein Geld verdienen müssen und weshalb Uli Hoeneß seit Jahren daneben liegt.

Es wäre wieder an der Zeit für Uli Hoeneß. Zuletzt hat er im November 2025 über den FC Barcelona geschimpft. Das tut er nun seit vielen Jahren regelmäßig. Der katalanische Klub steht für den ehemaligen Manager und Präsidenten des FC Bayern München für einige hoch verschuldete Vereine aus Spanien und Italien. Diese würden immer noch in der höchsten Liga kicken. Trotz Schulden. Der FC Barcelona hat um die 500 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Für Hoeneß ist es unbegreiflich, wie verschuldete Klubs noch immer erstklassig mitspielen dürfen. Dann verweist er gerne auf seinen Verein. Der Münchner Klub schreibe schwarze Zahlen.

Fußball ist kein Geschäft

Seit Jahren geht das jetzt so. Uli Hoeneß warnt vor einer Katastrophe. Schon 2013 kritisierte er die Schulden großer europäischer Topklubs. Spanische Verhältnisse wolle er für die Bundesliga keine. Ein Jahr vorher hat Harald Freiberger in der SZ behauptet, das Schulden Tore schießen. Damit lag er richtig. Allerdings glaubte er damals, dass dieses Finanzierungsmodell bald nicht mehr funktioniere. Damit lag er falsch. Denn Fußball ist kein Geschäft wie jedes andere. Ein solider Haushalt wird nicht belohnt. Die Sport-Journalisten Simon Kuper und Stefan Szymanski erklärten das schon 2012 in ihrem Buch Warum England immer verliert.

Beide erarbeitete unter anderem eine Statistik, die Gewinne und Erfolge im Fußball in Relation stellte. Sie erkannten: Gewinne fördern sportliche Erfolge nicht. Ausnahmen sind Vereine wie der FC Bayern oder Manchester United. Anhand der Schuldenstände spanischer Vereine erkannten sie, dass mehr Erfolg eintritt, desto höher der Schuldenstand ist. Sie fragten sich nun, woran das liegen könne. Mercedes-Benz könnte die besten Automobile der Welt bauen, ein zu hoher Schuldenstand würde Konsequenzen habe. Eventuell das ganze Unternehmen gefährden. Bald würde es keine besten Automobile der Welt mehr produzieren können.

Die Antwort ist einfach: Der Fußball ist keine Branche wie jede andere. Motto: Wir werden euch für immer und ewig unterstützen. Jeder noch so überzeugte Kunde einer bestimmten Nudel-Firma würde so etwas nie so über das Pasta-Produkt seiner Vorliebe sprechen. Die Kundschaft hat zwar Vorlieben, aber neigt nicht zur Liebe. Fans sind keine Kunden. Sie lassen ihren Verein nicht fallen, wie sie einen Hemdhersteller fallen lasse, wenn Preis oder Qualität nicht mehr stimmen. Das wissen auch Banken. Ihnen ist nämlich bewusst, dass die Kundschaft (die keine ist) nicht ausbleibt und immer Nachfrage herrscht.

Fußball ist keine Anlage

Für Investoren ist ein Verein deswegen keine gute Anlage. Geld lässt sich damit nicht verdienen. Wenn sich Gewinne einstellen, gehen sie in eine neue Mannschaft und neue Spieler. Es macht keinen Sinn, wenn Vereine auf Gewinnen sitzenbleiben. Wenn sie mit vollen Konten absteigen, sind sie zwar solvent im Sinne anderer Branchen. Aber ohne Erfolg. In der normalen Wirtschaft wird Gewinn mit Erfolg gleichgesetzt. Im Fußball kann ein Verein, der Profite angesammelt hat und dennoch keine Titel gewinnt, nur als erfolglos gelten. Kein Fan geht ins Stadion, weil er ein Kontoplus bejubeln will.

Städte wollen Vereine, die erstklassig spielen oder Titel gewinnen. Sie werben nicht mit der soliden Buchhaltung ihres städtischen Vereins, sondern mit Pokalen. Sponsoren zeigen sich irritiert, wenn ein Verein Gelder entgegennimmt, diese ruhen lässt und am Ende mit einem Sponsorenüberschuss in die zweite Liga absteigen. Alles was in der normalen Wirtschaft als richtig gilt, ist in der Fußball-Branche falsch. Das wissen alle Beteiligten, daher stört es sie nicht, wenn ein großer Klub hoch verschuldet ist. Wäre er es nicht, wäre er nicht erfolgreich gewesen.

Der FC Bayern München ist da eine Ausnahme. Vielleicht ist das aber ein Finanzierungsmodell, das bald nicht mehr funktioniert. Die ganze Bundesliga schätzt die schwäbische Hausfrau. Kein deutscher Verein ist international von Bedeutung. Ausnahme: die Bayern. Drei Mal haben deutsche Vereine in den letzten 20 Jahren einen Europapokal gewonnen, zweimal davon die Bayern. 21 Mal waren spanische Vereine erfolgreich. Spanische Verhältnisse sind verschuldet, aber erfolgreicher. Trotz höherer Einnahmen in der Bundesliga fällt der Erfolg so klein aus. Stattdessen gewinnen Vereine aus Spanien so viele Titel, obwohl es dort nur zwei schuldenfreie Vereine geben soll.

Hoeneß täuscht sich epochal

Deutsche Vereine bewundern das Geld, das sie einnehmen. Sie geben es eher nur aus, wenn sie es haben. Die schwarze Null wirkt auch im Fußball. Es ehrt die Klubs, wenn sie so konsequent sind. Aber sie bleiben damit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Sie könnten mehr internationale Titel gewinnen, wenn sie nicht ausgeglichene Bilanzen fixiert wären. Die Logik der Fußball-Branche macht es, dass Vereine erfolgreicher sind, die ihr Geld auch in die Mannschaft investieren und die sich nicht zurückhaltend verstärken.

Uli Hoeneß gilt als ausgewiesener Fachmann. Er hat seinen Verein zum erfolgreichsten Verein in Deutschland gemacht. Als er 1979 Manager des FC Bayern wurde, war der Verein verschuldet. Heute steht er gesund da und hat keine Schulden. Diese Geschichte wird sich gerne erzählt. Sie stimmt so auch. Aber es ist nur die eine Hälfte. Hätte er nicht auf Ausgeglichenheit gesetzt, wären die Münchner heute vielleicht der erfolgreichste Titelgewinner der Welt. So hat er seinen Verein zeitweilig europäisch konkurrenzunfähig gehalten.

Hoeneß hat das Prinzip seiner eigenen Branche nicht verstanden. Es ehrt auch ihn, dass er das Geld nicht mit beiden Händen zum Fenster rauswarf. Er schaut heute immer noch vom Tegernsee aus auf die Finanzen seines Ex-Vereins und führt seine Nachfolger auf die Spuren, die er gelegt hat. Richtig wäre aber, wenn Hoeneß das nicht als Erfolg verkaufen würde. Denn Vereine werden an Pokalen gemessen. Nicht an vollen Konten. Darin liegt seine epochale Täuschung. Sein FC Bayern ist eine nationale Größe und international nur eine gelegentliche. Der Grund könnte sein, dass Hoeneß nicht verstanden hat, welcher Logik der Fußball unterliegt. Vereine werden geliebt. Sie sind keine Konzerne, für die niemand fiebert. Schwäbische Hausfrauen gewinnen seltener.

Hermann Stuhlfauth

Hermann Stuhlfauth war jahrelang Bundesliga-Manager. Dann stürzte sein Anstoss-3-Spielstand ab. Sport ist nur gut, wenn man zuschaut. Fußball ist belanglos. Aber oft sind unwichtige Themen die wichtigsten.
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5 Kommentare

  1. Interessante Perspektive.
    Aber zumindest zwei Einwände:
    Es sind schon einige Vereine insolvent gegangen, die waren dann mal weg.
    Das ganz Verschuldungssystem funktioniert nur, so lange immer wieder neues Geld in diesen Markt gepumpt wird.
    Wenn es da mal keine Einnahmensteigerung gibt, wird so einiges in sich zusammenfallen.

  2. Der FC Bayern ist in den 1960er Jahren von Männern durchsetzt gewesen, die noch durch das Dritte Reich geprägt waren. Der Erfolg kam durch Schwarzgeldzahlungen und Steuerhinterziehung unter den Augen der CSU und der bayerischen Staatsregierung, Die Politik hatte dem Gebaren systematisch Vorschub geleistet, u.a. der bayerische Finanzminister Ludwig Huber, der dem FC Bayern auch 1972 den Umzug ins Olympiastadion ermöglichte. Und die Legende vom benachteiligten ‚Juden-Club‘ während der Nazizeit ist auch eine Legende. Zwischen 1933 und 1945 sollen 53% der Bayern-Funktionäre Mitglieder der NSDAP gewesen sein. Walter Neudecker (von 1962 bis 1979 Präsident) und Walter Fembeck (von 1957 bis 1983 Geschäftsführer) waren sogar Mitglieder der SS.

  3. Dieser Beitrag ist wieder mal ein Beweis dafür, das Fußball Teil des Problems ist.
    Wenn die Menschen sich auch ganz regional mit demselben Elan um die gesellschaftlichen Verhältnisse bemühen würden, anstatt in die Allianzarenen zu rennen, würde die Welt ganz anders aussehen.

    Panem et circenses.

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