Was wird aus Israel?

Gaza, 2025
Jaber Jehad Badwan, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Israel führt Krieg an immer mehr Fronten – doch was bleibt von einem Staat, der seine Sicherheit zunehmend im Militärischen sucht? Abraham Melzer über eine Gesellschaft ohne Friedensperspektive, die Zukunft Palästinas und die verhängnisvolle deutsche Staatsräson.

Am 2. November erscheint im FiftyFifty Verlag Abraham Melzers neues Buch »Der Zionismus begann mit einer Lüge«. Es ist eine ebenso persönliche wie grundsätzliche Abrechnung mit dem politischen Zionismus, seinen historischen Erzählungen und den Folgen, die bis in die Gegenwart reichen. Ein Buch, das man gelesen haben sollte. Bestellen Sie es unbedingt vor.

Ein exklusiver Vorabdruck.

Meinungsumfragen vor den Knesset-Wahlen deuten darauf hin, dass die israelische Gesellschaft geradezu ’süchtig‘ nach Krieg sei. Die Leute lassen eine Stimmung erkennen, die den Wahlkämpfern offenbar wenig Spielraum für Alternativen zu einem Krieg zugestehen. Der Krieg ist zum „Selbstzweck“ geworden. Die Umfragen zeichnen das Bild einer Gesellschaft, die die Hoffnung auf ihre Zukunft verliert. Seit dem Anschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 führt Israel Krieg gegen sechs Länder der Region: Libanon, Syrien, Irak, Jemen, Iran und Palästina/Gaza.

Die von der Regierung forcierte ’neue Sicherheitsstrategie‘, die offenbar darin besteht, den cordon sanitaire um Israel immer weiter zu fassen, soll dem an sich winzigen Land das Gefühl der Unangreifbarkeit (‚Super-Sparta‘) geben. Die Ausweitung des Krieges, von dem die Bevölkerung denken musste, er würde mit der Vernichtung der Hamas und der Befriedung des Gazastreifens enden, hat Israel über immer mehr Fronten in einen Sumpf geführt, in dem das Land zu versinken droht. Die Ziele – Vernichtung von ‚Terrormilizen‘, Delegitimierung und Demilitarisierung und Sturz feindlicher Regime – sind nirgendwo erreicht worden. Im Gegenteil! Das Bündnis zwischen der Türkei, Pakistan und Saudi-Arabien zeichnet neue potentielle Brandherde ab. Gleichzeitig hat die Begeisterung für das zionistische Projekt auch unter Juden in den USA und Europa stark nachgelassen.

Krieg das einzige Mittel?

Unbedingt vorbestellen!

Die Verzweiflung der jüdisch-israelischen Bevölkerung ist verständlich. Für sie war die Armee, die sich aus ihren Reihen rekrutiert,  immer  ‚ein sicherer Hafen‘. Nie oder selten ist die Rede von den immensen Kosten des Krieges, von den sozialen und die wirtschaftlichen Belastungen und von den Unsicherheiten und dem psychischen Druck in den Familien und im Alltag. Wenn man sich dies vorzustellen versucht, angesichts der Ausnahmesituation über Jahre hinweg- nicht zu vergessen die Massendemonstrationen vor dem 7. Oktober – ist es kein Wunder, dass die Indikatoren des Vertrauens der Bevölkerung in die Zukunft „auf Rot“ stehen. Nicht wenige Israelis überlegen schon. was sie alles in ihre Koffer packen sollen, wenn sie das Land verlassen.

Wenn zutrifft, was die Meinungsforscherin Dahlia Scheindlin sagt, es sei „nicht so, dass die Israelis Krieg wollen, aber dass sie glauben, er sei das einzige Mittel, Stabilität in ihrem Leben zu erlangen“, lässt das in tiefe Abgründe der Psyche einer Bevölkerung blicken, die den Schrecken des Krieges verleugnet und den Bezug zur Realität zunehmend verlieren.

Deshalb, und weil das Land von Anfang an ein militantes zionistisches Projekt gewesen ist, das sich seit seiner Gründung im und mit dem Krieg entwickelt hat, verfügen die meisten Politiker über einen militärischen Erfahrungshintergrund und einen über einen entsprechenden Dienstgrad, den sie in die Politik einbringen. So bedauerte der ehemalige Interims-Ministerpräsident Bennett, keine Starlink-Antennen in den Iran für den Austausch mit der (Schah freundlichen) Opposition geschmuggelt zu haben. Und der schon als ‚liberal‘ geltende Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot hält einem rechtsextremen (!) Zivilisten entgegen, er habe „nicht einmal in der Armee gedient“. In Israel begrüßt man sich auch nicht mit „Wo hast Du studiert?“, sondern mit „Wo hast Du gedient?“. Die Dienstpflicht in der Armee für orthodoxe Juden ist auch deswegen ein ebenso heißes Thema.

Eisenkot kritisiert die Strategie Netanyahus auch nicht wegen des Krieges, sondern wegen dessen Art seiner Führung. Ein Rückzug aus den eroberten Gebieten, mit dem man aus Sicht der Bevölkerung schlechte Erfahrungen gemacht hat und der Israel immer als Verlierer dastehen zu lassen scheint, ist unter den Voraussetzungen nicht denkbar. Auch Eisenkot versichert seinen Wählern, dass es unter seiner Führung nie einen palästinensischen Staat geben wird.

Warum uns das interessiert? Weil es umso wichtiger für Israel sein wird, über die Diaspora in den ‚befreundeten‘ Ländern seine ’soft power‘ auf einen neuen Stand und in Stellung zu bringen. Deshalb kann man gespannt sein, was der nächsten oder übernächsten Regierung und ihren Apparatschiks einfallen wird, wenn die Keule des ‚Antisemitismus‘ ihren Schrecken verliert. Wer auch immer in Zukunft in Israel regieren wird, wird die Politik gegenüber den Palästinensern nicht ändern. Das bedeutet, dass sich in der Region nichts ändern kann. Auch wenn das Schicksal der Palästinenser weder die Israelis noch ihre Nachbarn interessiert, bleiben sie wie siamesische Zwillinge mit diesem Schicksal verbunden. Verlieren die Palästinenser, dann verlieren auch die Israelis. Wenn Palästina untergeht, dann wird es Israel mit sich in den Untergang ziehen.

Nichtjuden haben in Israel weniger Rechte als Juden

Ich habe mich beim Schreiben dieses Buch, als langjähriger SPIEGEL-Leser an Rudolf Augsteins Motto und Vermächtnis gehalten, das im Redaktionshaus des Magazins an der Wand steht: „Sagen, was ist“. Ich habe Polemik vermieden und habe auch nichts ausgelassen, was ich wusste. Es kann aber sein, dass ich das Eine oder andere nicht erwähnt habe. Nicht weil ich es verschweigen wollte, sondern weil ich es einfach nicht wusste. Ich habe keine Archive durchstöbert und keine Opfer oder Täter interviewt. Ich habe lediglich zugängliche Quellen benutzt, besonders aus dem Hebräischen, die jeder finden, lesen und benutzen darf. Und so habe ich aufgeschrieben was war und was heute noch ist und habe auch spekuliert was werden wird.

Ich hoffe auf eine „gesunde Debatte“ über den nicht endenden Konflikt, der inzwischen ein neuer hundertjähriger Krieg geworden ist. Israel und Palästina lösen Emotionen aus, die andere Krisen nicht auslösen. Trotzdem stimmt nicht das, was Henryk Broder in einem Interview mit der jüdischen Zeitschrift tachles gesagt hat, dass sich die Welt auch für andere Konflikte nicht interessiere, weil die „jüdische Stimulanz“ fehlt. Natürlich interessieren sich die Menschen in Europa und besonders in Deutschland mehr für Israels Kriegsverbrechen, weil Israel sich als Demokratie, „die einzige Demokratie“ im Nahen Osten versteht und propagiert. Trotzdem hat man in Deutschland und überall sonst in der Welt gegen die Amerikaner und ihren Krieg in Vietnam protestiert, gegen Russland und seinen brutalen Krieg in der Ukraine oder gegen Frankreich und seinen aussichtslosen Krieg in Algerien. Manche Juden sehen Israel durch eine rosarote Brille und denken, es steht im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit und der Weltpresse und verurteilen jede Kritik an Israels völkerrechtswidrigen Taten als Antisemitismus. Dabei gibt es nur einen geringen Prozentsatz der Bevölkerung weltweit, der sich für Israel, den Palästinensern und den endlosen Konflikt interessieren.

Es interessiert nicht einmal die Israelis, die es nicht schaffen, einen vorbestraften Terroristen in ein Gefängnis oder zumindest ein Irrenhaus einzusperren. Die Kritik an Israel ist nicht zu vergleichen mit dem historischen Antisemitismus, der eigentlich bedeutet, Juden abzulehnen, weil sie Juden sind. Dieser Antisemitismus ist eigentlich harmlos im Vergleich zu dem, den Israel durch seine Kriege bei den Völkern des Dritten Welt heraufbeschwört.

Es heißt auch in den zehn Geboten: „Du sollst nicht töten!“ nicht aber „Du sollst nicht hassen!“. Auch die Juden hassen andere Menschen. Zum Beispiel hassen sie die Araber und viele andere Ethnien. Israel ist nicht nur ein faschistisches, sondern auch ein durch und durch rassistisches Land. Die Rabbiner verbieten Eheschließungen von jüdischen Israelis mit russischen Juden, die keine jüdische Mutter haben, eine Ehe mit einem Palästinenser sowieso. Nichtjuden haben in Israel weniger Rechte als Juden.

Wann wird Israel seinen Verteidigungsminister in einen Kriegsminister umtaufen?

Ein Wendepunkt in der Beurteilung Israels war die rassistische und menschenverachtende Rede von Itamar Ben-Gvir, Israels Innen- und Polizeiminister. Sämtliche europäische Staaten haben heftig protestiert und auch weltweit hat diese Rede, in der Ben-Gvir aufgefordert hatte täglich 30 bis 40 Palästinenser in Gaza zu töten, Unmengen Antipathie gegen Israel hervorgebracht, denn alle haben verstanden, dass hier nicht „töten“ im Krieg gemeint war, sondern „morden“ von Zivilisten. Bleibt zu hoffen, dass es nicht nur bei Protestnoten bleibt, sondern auch bei Strafen und Boykott.

Es ist an der Zeit Israel so zu sehen, wie es wirklich ist. Die Zeit des Kibbuz-Israel ist Vergangenheit. Die Regierungen der Welt müssen lernen, mit was für einem Israel sie sich solidarisieren. Es bleibt zu hoffen, dass Ben-Gvirs Rede sie aufgeweckt hat.  Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet in Israel diese rassistische Rede niemandem Aufgefallen ist. Es gab keine ernstzunehmenden Proteste und Netanjahu hat mitnichten daran gedacht seinen vorbestraften Minister zu entlassen, der entgegen seinem Amtseid dem Staat enorm geschadet hat. Aber vielleicht war es gut so, denn er hat Israels hässliches Gesicht gezeigt.

Die meisten Israelis glauben immer noch, dass sie der Nabel der Welt seien. Dabei wäre es langsam Zeit zu kapieren, dass sie es nicht einmal sein können. Dass die deutsche Regierung sich an dem massiven Protest gegen Ben-Gvir beteiligt hat, ist ein Novum und lässt viel hoffen. Das wäre genau das, was man in Deutschland endlich anfangen muss zu erkennen. Ich plädiere dafür schon seit Jahren. Das Jahrhundertverbrechen des Holocaust kann und darf nicht Alibi sein für neue Verbrechen gegen die Menschlichkeit, auch wenn diese nicht an Juden verübt werden.  Es kann doch nicht sein, dass man die Palästinenser derart entwürdigt, dass ein israelisch-jüdischer Minister meint sagen zu dürfen, dass sie nicht wert sind am Leben zu bleiben.

Wann wird Israel seinen Verteidigungsminister, wie die USA, in einen Kriegsminister umtaufen? Obwohl Israel seit seiner Gründung Angriffskriege führt, hält Israel das Narrativ aufrecht, seine Armee sei eine Verteidigungsarmee. Aber die Israelis interessieren solche sophistischen Fragen nicht, sie interessiert auch nicht das Leid der Nachbarn. Sie jammern nur über ihr Leid, auch wenn die Leiderfahrung zweitausend Jahre zurück liegt. Sie zerreißen heute noch ihre Kleider beim Gedenken an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70. Sie blicken wie der Hase der Legende die Schlange ängstlich, aber gefühllos zurück in die Vergangenheit und bleiben blind für die Zukunft. Sie beschuldigen jeden, der gegen sie ist, ein Antisemit zu sein, wie es z.B. Henryk Broder, Charlotte Knobloch, Josef Schuster und nicht zuletzt der nicht jüdische Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein und sein inzwischen überall vervielfältigtes Klonen seit Jahren praktizieren. Wenn es nicht mehr genug sichtbare Antisemiten gibt, dann interpretieren sie die Kritik am Zionismus als Antisemitismus, definieren sie als puren Judenhass. Sie geniert es nicht, dass es inzwischen viele Juden und sogar Israelis sind, die den Zionismus ablehnen.

Und das trifft besonders auf Deutschland zu, weil der unvernünftige und berüchtigte Satz der ehemaligen CDU-Kanzlerin, die Sicherheit Israels sei deutsche Staatsräson, immer noch für Verwirrung und falsche Konsequenzen sorgt. Es darf auf keinen Fall bedeuten, dass unsere Unterstützung jegliches staatliches Verhalten Israels einschließt. Es gilt nicht gegenüber den radikalen, rassistischen und gewalttätigen Siedlern in der Westbank und es kann erst recht nicht gegenüber einer faschistischen Regierung wie die von Benjamin Netanjahu gelten.

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Abraham Melzer

Abraham Melzer ist in Israel aufgewachsen und lebt seit 1958 in Deutschland. Bis 2012 führte er den Joseph-Melzer-Verlag, den sein Vater gegründet hatte. Er verlegte zahlreiche Bücher sowie eine Zeitschrift zum Nahost-Konflikt. Abraham Melzer ist Mitglied in der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“.
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