Villen, Vetternwirtschaft und Wahrsagerinne

Mindich-Report
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Neue Ermittlungsakten und Tonaufnahmen erschüttern die ukrainische Politik. Im Zentrum stehen Korruptionsvorwürfe gegen enge Vertraute von Präsident Selenskyj – und bizarre Geschichten über Wahrsagerinnen, Friedhofserde und luxuriöse Villen.

Kürzlich wurden in Kiew neue Teile der sogenannten „Mindich-Akten“ veröffentlicht. Bereits die erste Serie hatte erhebliche politische Folgen: Rücktritte, Ermittlungen und schwere Vorwürfe gegen Personen aus dem Umfeld von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Nun tauchen weitere Tonaufnahmen auf, die nach und nach von ukrainischen Medien wie „Ukrajinska Prawda“ veröffentlicht werden. Parallel dazu reagiert das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) mit neuen Ermittlungsmaßnahmen.

Am 11. Mai fanden spätabends Durchsuchungen bei Andrij Jermak statt, dem ehemaligen Leiter des Präsidialamtes. In den darauffolgenden Tagen entschied ein Gericht über mögliche Sicherungsmaßnahmen gegen ihn. Das Verfahren umfasst nach Angaben der Ermittler rund 16 Aktenbände mit jeweils etwa 250 Seiten – und betrifft zunächst nur einen einzelnen Komplex der Ermittlungen: den Bau luxuriöser Villen in einer exklusiven Wohnanlage nahe Kiew.

Die Staatsanwaltschaft beantragte Untersuchungshaft gegen eine Kaution von umgerechnet rund vier Millionen Euro. Das Gericht setzte die Summe etwas niedriger an. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels war die Kaution bereits hinterlegt.

Luxusvillen und Korruptionsvorwürfe

Nach Darstellung der Ermittler sollen mehrere einflussreiche Personen – darunter Mindich, Tschernyschow, Jermak und ein weiterer Mann namens „Wolodymyr“ – vom Verteidigungsministerium veruntreute Gelder in Immobilien investiert haben. Konkret geht es um vier Villen in der Eliteanlage „Dynastie“ bei Kiew.

NABU und die spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft SAP sprechen von einer organisierten Gruppe, die an der Verschleierung von umgerechnet fast zehn Millionen Euro beteiligt gewesen sein soll.

Der politische Sprengstoff liegt auf der Hand: Europäische Staaten finanzieren Waffenlieferungen und die ukrainische Armee, während laut Ermittlungsunterlagen Teile dieser Mittel in Luxusimmobilien geflossen sein könnten.

In Russland sorgte parallel dazu ein Interview mit Julia Mindich in den USA für Aufmerksamkeit („Die Menschen sind Selenskij egal. Ihm geht es darum, als großer Held in die Geschichte einzugehen“). Manche Beobachter sprechen von einem koordinierten Schlag gegen das Umfeld Selenskyjs. Allerdings wirken viele Aussagen aus Interviews fast nebensächlich gegenüber den trockenen, aber schwerwiegenden Vorwürfen in den Gerichtsunterlagen.

Besonders bizarr erscheinen die Passagen über angeblichen Einfluss esoterischer Beraterinnen auf politische Entscheidungen.

Wahrsagerinnen im Machtzentrum

Laut Ermittlungsakten soll Jermak wichtige Personalentscheidungen – etwa bei Ministern, Beamten oder Militärs – erst nach Rücksprache mit einer Wahrsagerin getroffen haben. Eine Frau namens Veronika Anikijewitsch sei in seinem Telefon unter dem Namen „Veronika FENGSHUI“ gespeichert gewesen.

Auf den Tonaufnahmen soll sie unter anderem empfohlen haben, besonders hart gegen NABU-Ermittler vorzugehen, nachdem die ersten kompromittierenden Aufnahmen veröffentlicht worden waren. Damals wurden nicht nur ein Ermittler, sondern auch dessen Vater festgenommen. Beide erklärten später, sie seien unter Druck gesetzt und misshandelt worden.

Der Journalist und Blogger Anatolij Scharij behauptet zudem, die Mitschnitte enthielten Gespräche über mystische Rituale. Demnach habe Jermak Armbänder getragen, die einem Toten aus einem Grab entnommen worden seien. Einige Tage später soll er seinen Fahrer angewiesen haben, die Leiche erneut auszugraben und die Amulette zu entfernen.

Auch beim Bau der Villen tauchen derartige Motive auf. Nach Angaben aus den Ermittlungsunterlagen seien Erde und Sand von einem Friedhof in der Stadt Ukrajinka abtransportiert worden. Die Wahrsagerin habe erklärt, diese Erde werde die Bewohner der Siedlung schützen. Tatsächlich existiert im ukrainischen Gerichtsregister ein Verfahren wegen Sanddiebstahls von einem Friedhofsgelände.

Solche Geschichten wirken surreal, sind aber kulturell nicht völlig fremd. In ukrainischen Märchen und Volksgeschichten spielen Hexen, Wahrsagerinnen und magische Rituale seit Jahrhunderten eine bedeutende Rolle. Oft bringen sie Männer dazu, irrational oder zerstörerisch zu handeln.

Wer heute die Ermittlungsakten liest, hat stellenweise das Gefühl, sich eher in einer düsteren Volkssage als in einem modernen Korruptionsverfahren zu befinden.

Die offene Frage: Wer ist „Wolodja“?

Besonders intensiv wird derzeit über die Identität des vierten Villenbesitzers diskutiert. In den Tonaufnahmen ist von einem „Wolodja“ die Rede. NABU vermeidet bislang jede Bestätigung, dass damit Präsident Selenskyj gemeint sein könnte. Als amtierender Präsident genießt er Immunität, weshalb die Ermittler offiziell weder seine mögliche Beteiligung noch die Echtheit einer mutmaßlichen Stimme kommentieren dürfen.

Fest steht jedoch: Die beteiligten Personen sind eng miteinander verbunden – politisch, geschäftlich und familiär. Die Ehefrau Selenskyjs ist beispielsweise Patin der Kinder von Tschernyschow. Im Ukrainischen bezeichnet man solche engen familiären Bindungen als „Kum“. Davon leitet sich auch das Wort „Kumowstwo“ ab – ein Begriff für Vetternwirtschaft und die Vergabe lukrativer Posten an Freunde und Verwandte.

Brisant sind auch Gespräche aus dem März 2022, die auf den Tonbändern festgehalten sein sollen. Während weltweit Bilder aus Butscha Entsetzen auslösten und ukrainische Politiker unter Tränen Interviews gaben, sollen dieselben Personen scherzend über den Bau ihrer Villen gesprochen haben.

Noch gilt die Unschuldsvermutung. Die Vorwürfe müssen vor Gericht bewiesen werden – und ukrainische Verfahren ziehen sich oft über Jahre hin. Doch schon jetzt beschädigen die Enthüllungen das Vertrauen in Teile der ukrainischen Führung.

Eines scheint den Ermittlungsakten zufolge allerdings sicher: Die Villen werden weitergebaut. Denn finanziert werden sie offenbar aus einem System, das trotz Krieg, Korruptionsvorwürfen und internationaler Kritik weiter funktioniert.

Ausgerechnet in denselben Tagen besuchte der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius Kiew und unterzeichnete neue Unterstützungsvereinbarungen für die Ukraine. Für die Beschuldigten könnte genau das die wichtigste Botschaft sein: Dass die westliche Hilfe trotz aller Skandale nicht abreißt.

Maksim Korsun

Maksim Korsun ist Ukrainer und wohnt jetzt in Brandenburg. Früher hat er in der Ukraine, Russland und Moldawien gewohnt. Als der Krieg in seiner Heimat begann, meldete er sich freiwillig für die Lebensmittelversorgung. Er kam 2024 nach Deutschland.
Mehr Beiträge von Maksim Korsun →

Ähnliche Beiträge:

2 Kommentare

  1. KOMMENTAR

    Jetzt kann man sich auch vorstellen warum die ganzen Kriegsanfänge 2014 und die Verbrechen der Ukra-NAZIS, die die Menschen seit dem im Donbass töten verschwiegen werden!!

    NUR RUSSLAN MUSS ALS DER BÖSER HINGESTELLT WERDEN !!

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 5 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen