Vietnam und kein Ende

Richard Holbrooke und Hillary Clinton
U.S. Department of State from United States, Public domain, via Wikimedia Commons

Richard Holbrooke war US-Spitzendiplomat, Verhandler und Abschreckungsagent: Seine Geschichte ist die des amerikanischen Jahrhunderts. George Packer hat die komplexe Persönlichkeit Holbrookes und der USA in einem Buch eingefangen.

Der Schriftsteller und Journalist George Packer hat sich 2013 durch sein Buch Die Abwicklung: Die innere Geschichte des neuen Amerika als großer Kenner der US-Mentalitätsgeschichte zu erkennen geben. Sechs Jahre später legte er nach und widmete sich der äußeren Geschichte des neuen Amerika. Titel dieses Buches: Das Ende des amerikanischen Jahrhunderts: Richard Holbrookes Mission. Packer zeichnet darin das Leben des Spitzendiplomaten nach und stellt dieses seiner Leserschaft als Synonym der US-Geschichte seit Vietnam vor.

Richard Holbrooke war ein Falke. Keiner von der Art, die man heute kennt. Denn Holbrooke befürwortete militärischen Druck. Aber nur dann, wenn Diplomatie alleine nicht reichte. Sein Markenzeichen war Zwangsdiplomatie. Packer stellt aber gewissermaßen mehrere Holbrookes vor. Der junge Holbrooke, der in Vietnam seine ersten diplomatischen Erfahrungen sammelte, war bei den Vietnamesen ein beliebter Zeitgenosse. Anders als andere Amerikaner interessierte er sich für die fremde Kultur. Er wollte verstehen, wie die Vietnamesen fühlten und dachten. Den Kurs der US-Regierung hielt er für falsch. Die ließ vor allem die Waffen sprechen. Diplomatie galt für die Vietnamkrieger als Position der Schwäche.

Vietnam: Zwischen Befriedung und Eskalation         

Mit Vietnam steht und fällt alles in diesem amerikanischen Jahrhundert. Nach dem Ersten Weltkrieg flüchteten sich die Vereinigten Staaten in einen zeitweiligen Isolationismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber betrachteten sich die Amerikaner selbst als neue Weltmacht. Politisch, wirtschaftlich, militärisch und natürlich auch moralisch. Wobei diese Moral aus dem Credo bestand, dem Kommunismus die Grenzen aufzuzeigen. In Korea führte man einen solchen Krieg mit moralischer Begründung. Danach übernahm man den Indochina-Krieg von den Franzosen und versuchte es auch dort.

Die Generation Richard Holbrookes, er wurde 1941 in New York City geboren, wuchs in dem Glauben dieses amerikanischen Sendungsbewusstseins auf. Alle Welt starre auf die USA und wolle so werden wie sie es sind. Weltpolizist zu sein erschien ihnen die logische Folge dieser globalen Beliebtheit zu sein. Besonders die Diplomatengeneration, die in diesen Jahren heranreifte, war bestrebt von dem Gedanken, eine amerikanische Weltordnung zu formen. Holbrooke war damals kein Falke, er glaubte wie viele seines Schlages, dass Amerika mit fairen Mitteln im Ausland um Frieden und Ordnung kämpfe. Vietnam wird heute als Cannae der Amerikaner angesehen. Dabei wird oft vergessen, dass der gesamte Krieg eine Geschichte der voranschreitenden Eskalation war.

Zunächst beteiligten sich die USA mittels Militärberatern. Später schickte man Truppen. Im Laufe der Jahre immer mehr. Die US-Regierung investierte Milliarden in diesen Krieg. Um der Öffentlichkeit einen Fortschritt im Dschungelkrieg zu präsentieren, bezifferte man die toten Vietcong. General Westmoreland ließ die getöteten Feinde zählen, um erfolgsversprechende Zahlen aufzeigen zu können. In diesem Zuge wurden auch getötete Zivilisten wie feindliche Kämpfer behandelt. Das heißt: man töte sie. Als Seymour Hersh das Gemetzel von My Lai aufdeckte, glaubten es viele Menschen in den USA nicht. Die amerikanische Armee wäre dazu niemals in der Lage. Die US-Bürger waren von einer heute kaum noch vorstellbaren Naivität geprägt. Heute wissen sie gemeinhin, zu was ihre Regierung in der Lage ist.

Als diese befohlene Ermordungsaktion von Frauen, Kindern und Greisen publik wurde, hatte Holbrooke seine Naivität bereits abgestreift. Er wusste, dass in Vietnam fast alles schiefläuft. Der Krieg sei nicht zu gewinnen. Aber er konnte mit dieser Einschätzung nirgends vorstellig werden, in Washington wollte man davon nichts hören. Holbrooke stach immer wieder Informationen an Zeitungen durch. Das System mochte zwar falsche Impulse setzen, aber man könne es regulieren, glaubte er. Den Medien käme die Rolle des Korrektivs zu. Später wurde Holbrooke für einige Jahre der Herausgeber des Magazins Foreign Policy. Zwischendrin war er ebenfalls Mitherausgeber des Nachrichtenformats News Week.

USA: Die verunsicherte Weltmacht

Das war in der Zeit, als Richard Holbrooke mit der Politik brach. Er tat es aber nie komplett. Immer wieder wurde er als der kommende Mann der demokratischen Partei gehandelt. Er beriet Lyndon B. Johnson und später auch Jimmy Carter, der ihm ein Amt zusagte, ihn aber später mied. Holbrooke war kein beliebter Mensch, zudem ein komischer Vogel, der oft in zerschlissenen Anzügen durch die Gegend lief. Carter hatte er am Telefon klarmachen wollen, dass seine beabsichtigte Außenpolitik scheitere. Denn Carter wollte nach den Depressionsjahren nach Watergate ein neues Vertrauen entstehen lassen und die USA auch in der Welt wieder als moralische Macht etablieren. In Vietnam hatte man viel Wohlwollen verspielt. Holbrooke erklärte Carter, dass starke Präsidenten eine starke Außenpolitik machten. Tun sie es nicht, wirken sie schwach auf die Wähler. Carter war verstimmt.

Jimmy Carter machte auf die US-Wähler einen schlechten Eindruck. Ronald Reagan hatte begriffen: It’s the Foreign Policy, stupid! Nie verlor ein amtierender Präsident eine Präsidentschaftswahl so kläglich wie der Erdnussfarmer Carter. Im Ausland war er beliebt, die Welt mochte ein Amerika, das sich global zurücknimmt. Holbrooke hatte sich in dieser Zeit verändert. Noch immer widerten ihn Richard Nixon und Henry Kissinger an. Sie hatten der Politik einen schweren Schaden zugefügt. Das hieß für ihn aber nicht, dass man wie Carter als barmherziger Samariter Weltpolitik machen konnte.

Holbrooke war nie ein Feind militärischer Interventionen. In jungen Jahren glaubte er allerdings, sie seien verzichtbar, wenn man nur mit der anderen Seite sprechen würde. Später blieb er Diplomat, ein militärischer Einsatz, der nicht zugleich mit Gesprächen verbunden sei, dürfe es für die Vereinigten Staaten nicht geben. Ein verunsichertes Auftreten könne sich dieses Land der Freien und der Tapferen nicht leisten.

Das Vertrauen in die politische Führung war damals auf einem Tiefpunkt angelangt. Natürlich wegen Watergate, wegen Nixons arroganter Machtpolitik und Kissingers Deep State. Nixon galt vielen dann doch als Crook, als billiger Gauner. Aber für die Menschen war er nur ein Symptom einer moralischen Sinnkrise der USA. Das Land verlor das Idyll der Suburbs, dieArbeitslosigkeit wuchs stark an, die großen Städte verdreckten, Drogensucht griff um sich. Das Stadtbild war trostlos. Die Kriminalität hatte das Land im Griff. Nicht nur im Weißen Haus. In den 70er-Jahren wurde das glorreiche amerikanische Jahrhundert zu einem Alptraum für viele Amerikaner. George Packer beschreibt das packend in dem Buch Die Abwicklung, von dem oben die Rede war.

Bosnien: Zuckerbrot und Peitsche

Holbrooke blieb unbeliebt in Washington. Sein Lebensstil wurde im Laufe der 80er-Jahre zum Thema für die Gazetten. Noch immer galt er als der Experte für Außenpolitik. Aber niemand wollte ihn in Verantwortung bringen. Schon als junger Mann quatschte er in Meetings dazwischen. Er behielt das bei, eckte überall an. Im Jugoslawien-Krieg reiste er auf eigene Faust in das Kriegsgebiet. Er drängte die Clinton-Führung zu intervenieren. Holbrooke hatte kein Interesse an Ressourcen oder Geschäft. Er war immer noch ein Idealist. Einer, der Idealismus mit Waffen verband Amerika war noch immer eine moralische Kraft für ihn. In Jugoslawien sollte sein Land das beweisen.

Clinton war kein Präsident für außenpolitische Abenteuer. Er war ein Landei. Irgendwann hatten ihn seine Berater so weit, dass er einem Einsatz in Europa zustimmte. Die Verhandlungen sollte ein Routinier führen. Die Wahl fiel auf Holbrooke. Endlich konnte er sich beweisen. Er besuchte Milosevic, Karadzic, Izetbegovic und Tudman. Über Wochen sprach er mit ihnen. Karadzic schwadronierte ziellos umher. Holbrooke ahnte, dass der Präsident der Republika Srpska eine harte Gangart brauchte. Deshalb bat er das Weiße Haus um Bombardierungen, um seine Verhandlungspositionen zu verbessern. Tatsächlich beeindruckte Karadzic dieses Vorgehen. Auf diese Weise zwang Holbrooke die Balkan-Führungskräfte zum Abkommen von Dayton.

Ende der 90er-Jahre war er kurzzeitig UNO-Botschafter. Später unterstützte Holbrooke die Kandidatur Hillary Clintons. Sie scheiterte in den Vorwahlen an Barack Obama. Der berief Holbrooke zum Sonderbeauftragten für Pakistan und Afghanistan. Holbrooke kritisierte immer wieder öffentlich, dass seine Regierung zu sehr auf militärischen Druck setze und auf die öffentliche Meinung.

Im Dezember 2010 starb Holbrooke. Er wurde 69 Jahre alt. George Packer stellt seinen Lesern ausführlich einen Mann vor, das Buch umfasst 660 Seiten ohne Quellenapparat, der zerrissen scheint zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Vietnam prägte seinen Blick auf die Welt. Der Krieg in diesem asiatischen Land hat ihn geläutert. Er verlor seine Unschuld. Sein Land auch. Die Ansprüche waren mal andere. Vielleicht waren das aber nie die Ideale auf der Ebene der Schwergewichte, die sich im Oval Office trafen. Aber bei den jungen Amerikanern, die im diplomatischen Corps arbeiten wollten, galt der Idealismus noch was. Den passte Holbrooke im Laufe seines Lebens an, er wurde realpolitischer. Er war für Zuckerbrot. Aber hin und wieder musste es seiner Ansicht nach die Peitsche sein. Holbrooke starb früh genug, um den Verfall seiner Partei nicht mehr erleben zu müssen. Biden hätte ihm als Präsident nicht gefallen, denn über den verlor Holbrooke keine netten Worte: Redet viel und hört nie zu.

Joachim Z. Buchmann

Joachim Z. Buchmann hat sie alle gelesen. Zwischen Buchdeckeln und im echten Leben. Kritiker aus Liebe. Leser aus Leidenschaft. Rezensent aus Geldnöten.
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5 Kommentare

  1. Ich hatte bis eben den Namen Holbrooke noch nicht gehört oder gelesen, hatte aber früher auch weniger Zeit und kaum Möglichkeiten zu recherchieren, in den Nachrichten damals war er nicht auffallend präsent.
    Die Beschreibung oben deckt sich allerdings mit meinem Menschenbild von Amerikanern. Sie glauben, der Welt Gutes zu tun und kommen über ihren Tellerrand nicht hinaus. So, wie in fast allen amerikanischen Filmen, muss nach 2 Drohungen dann die Waffe gezogen werden, egal, wer im Recht ist.
    Die amerikanischen Jahrhunderte sind abgelaufen, nur haben das viele noch nicht begriffen. Selbst so friedlich daherkommende anerikanische Unterhaltung der vergangenen Jahre, wie die kleine Farm, basieren auf Landraub und Erhebung einer Ethnie über andere. Es ist vorbei, nur wahre Gleichberechtigung aller Ethnien und Lebensweisen, ohne Zerstörung von jeweils anderen, kann die Zukunft der Menschheit retten.

  2. In Vietnam hat der Kommunismus gesiegt. Doch heute erleben die Kommunisten in Ostasien eine unendlich große demografische Katastrophe. Siehe dazu Wikipedia „Demographics of China“, Vital statistics. Die Bürgerrechtsbewegungen werden sich durchsetzen.
    Bitte klicke auf „Lebensreformer“.

  3. Seitdem der ‚römische Kalender vor 2026 Jahren‘, seinen Weg ging, hat sich bis heute nix verändert.
    Seit diesem komisch wirkenden Datums, wirkt die Welt wie eine kontinuierliche kontinuierte Fehlleitung.

    Seit dem römischen Kalender, folgen die Menschen einer ‚Wahrheit‘, die eine Lüge ist, weil der Mensch in einer Natur aufgewachsen ist, die das überleben ermöglichte, warum versucht der Mensch, seine Menschlichkeit, heuer selbst zu zerstören?
    Das Universum ist seit ewigen Zeiten unterwegs und verändert diese Welt, warum versucht der Mensch, diese zu kontrollieren?, obwohl der Mensch, daß nicht kann?
    Wir Menschen sind auf dieser Erde, auf welchen faktischen Realitäten?
    Nichts genaues weiß man nicht. Alles was wir Wissen dürfen belaufen sich auf Manifeste der Überlieferung und besitzt, keinerlei realen Fakten.
    Dann könnte man zu dem Entschluss kommen, das diese Welt wahrlich, eine Simulation ist.

  4. Ach, interessant, ich hatte mit Holbrooke mal 74 zu tun als ich noch ab und zu für den Grafen Einsiedel bei Newsweek arbeitete.
    Der hatte mir selbstredend über Vietnam ein paar schmutzige Dinge erzählt, aber erst nachdem ich ihn Löcher in den Bauch fragte.
    Er machte mir aber eher einen desillusionierten Eindruck, war aber auch nur 2 Tage bei uns.

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