Über die westliche und die restliche Welt

Der Westen und der Rest.
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Langsam gelangt man zu dem Glauben, dass der Kolonialismus die ehrlichere Art war, wie der Westen der Welt seine Ordnung aufdrängte.

Die Ukraine hat jedes Recht, sich zu verteidigen. Das ist eine Gewissheit, die selbst jene nicht beanstanden, die den Konflikt um das osteuropäische Land an der Peripherie Russlands, mit anderen Augen sehen, als diejenigen, die das westliche Narrativ bevorzugen. Also all jene, die der Mainstream »russlandfreundlich« nennt, denen man nachsagt, sie würden einfach nur »Kreml-Narrativen« auf den Leim gehen oder – um besonders dreist zu diffamieren – die man »Putin-Knechte« getauft hat. Die zentrale Frage ist für diese Leute, die sich um Objektivität bemühen lediglich, inwieweit sich Deutschland, Europa und der ganze Westen bei dieser Verteidigung engagieren soll. Dass man der Ukraine allerdings die Selbstverteidigung absprechen würde, vernimmt man auf dieser Seite nicht.

Beim Iran sieht es anders aus. Er verteidigt sich, nachdem die Vereinigten Staaten und Israel mitten in Gesprächen zur Frage der iranischen Atomkraft das Land angriffen. Das schiitische Land schießt zurück, ging zum Gegenangriff gegen Israel und amerikanische Stellungen in Nahost über. Doch urplötzlich fällt der veröffentlichten Meinung im Lande – auf Basis der Regierungslinie – ein, dass das mit der Verteidigung nicht sein soll. Der Iran soll wissen, dass die Gegenangriffe geächtet werden. Es sei nicht zu tolerieren, dass jenes Land von seinem Selbstverteidigungsrecht ausgehe. Mit Nachdruck legt man dem Iran nun nahe, jegliche Form der Verteidigung zu unterlassen.

Damals wusste der Süden wenigstens, woran er war

Während man hierzulande jeden erfolgten Schlag der Ukraine auf russischen Boden bejubelt und als großen Coup feiert, gelten für den Iran andere Spielregeln. Kurz gesagt, wieder einmal greift, was seit vielen Jahren – im Grunde schon immer – die internationalen Beziehungen zwischen dem Westen und dem, was man ebendort als »den Rest« identifiziert, prägt: die Doppelmoral. Das Prinzip ist im aktuellen Falle des sich verteidigenden Iran also nicht neu, zeigt aber auf besonders ungeschminkte Weise, wie die Abläufe sich tatsächlich darstellen.

Und das zieht sich wie ein roter Faden durch die letzten Jahre. Nicht zuletzt mit dem, was man in brav einstudierter Manier als »den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine« bezeichnet. Eine Sprachregelung, die man nicht anwendet, wenn die Vereinigten Staaten zuschlagen. Im Gegenteil, die Intelligenzia setzt sich dann und wann sogar dafür ein, das Vorgehen der Amerikaner zu legitimieren. Nehmen wir nur Prof. Joachim Krause, den mittlerweile emeritierten Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, der 2003 nach dem US-Angriff auf den Irak festhielt, »dass die Politik der USA gegenüber dem Irak (einschließlich der Androhung eines gewaltsamen Regimewechsels) im Sinne der internationalen Ordnung der Kollektiven Sicherheit außerordentlich konsequent ist und auch notwendig«. Für Russland, für westliche Einflussagenten Teil der restlichen Welt, gibt es so viel Verständnis nicht – derselbe Joachim Krause attestierte den Deutschen in einem FAZ-Artikel aus dem Jahr 2023, eine Eskalationsphobie, was bedeuten sollte: In Deutschland haderten aus seiner Sicht zu viele Menschen aus irrationalen Gründen mit der Unterstützung der Ukraine, weil sie nämlich unausgegorene Ängste vor einem Weltkrieg hätten. Das Handeln der Vereinigten Staaten und Israel sieht er als »weniger massiv herausgefordert«, als vom Iran und Russland. Kann es aber nicht sein, dass die Russen in der Ukraine ebenso wie die Amerikaner und Israelis im Iran, nicht tatsächlich einen guten Grund für ihre Intervention haben? Sowas darf man nicht denken, oder? Nicht im Mainstream – und noch nicht mal hier? Aber das wäre ein anderes Thema …

Freilich auch der Krieg gegen die Palästinenser machte deutlich, wie sehr das berühmte zweierlei Maß die internationalen Beziehungen prägt. Die Annexion der Krim sei ein Menschheitsverbrechen – die Besetzung der West Bank wird akzeptiert. Und während man den russischen Präsidenten vor den Internationalen Strafgerichtshof bringen will, akzeptieren die Vereinigten Staaten diesen noch nicht mal – denn für Kriegsverbrechen seien, wenn sie denn überhaupt vorkämen, lediglich US-Gerichte zuständig. »Der Rest« nimmt dies und viele andere Doppelstandards, die die internationale Zusammenarbeit belasten, durchaus wahr. Ihm wurden westliche Spielregeln auferlegt, die dann nur im Bedarfsfall gelten – die Gleichheit aller ist eine Simulation. Das war in Zeiten, als viele westliche Länder noch Kolonien hatten, anders – da simulierte man diese Gleichheit nicht. Anders gesagt: Der Kolonialismus war ein großes Stück ehrlicher, als es diese globale Weltordnung heute ist.

Simulierte Fairness

Diese Einsicht ist freilich harter Tobak. Denn die Degradierung jener Völker, die als »der Rest« betrachtet werden, wurde im Wesentlichen beibehalten – noch nicht mal das mächtige China fällt unter die Spielregeln, die man den Vereinigten Staaten, europäischen Ländern oder Israel zugesteht. »Regelbasierte Ordnung« werden diese Spielregeln im Westen gerne genannt, als seien dies universell geltende Prinzipien. Der Terminus klingt zwar ein Stück weit technokratisch, aber auch neutral. Er soll Objektivität simulieren. Dabei verfährt die westliche Welt jedoch je nach Einzelfall verschieden. Die restliche Welt nimmt das zur Kenntnis, sie fühlt sich so, wie sie sich immer fühlt, wenn sie es mit den Vertretern des Westens zu tun bekommt: Okkupiert und unterdrückt.

Der Kolonialismus ist rum und es eignet sich auch nicht, die sogenannten postkolonialen Wissenschaften heranzuziehen, um dieses Dilemma zu verstehen. Denn die beschäftigen sich mit Randständigem, das Geflecht internationaler Beziehungen haben sie nicht im Fokus. Sie wittern überall einen Mikrokolonialismus am Werk, sehen dabei aber nicht, dass wir es mit einer Transformation jenes Systems zu tun haben, das weiter auf der Makroebene wirkt – »die Guten« wollen weiter global den Ton angeben.  Diese »regelbasierte Ordnung« dient dem Westen als Geschäftsgrundlage, um den Rest politisch disziplinieren zu können. Im sogenannten »Globalen Süden« verfolgt man sehr genau, wie und wann Begriffe wie »Völkerrecht«, »Demokratie« oder »Menschenrechte« mobilisiert werden – und wann man diese Wörter umdeutet, um am Ende zu einer Rechtsauffassung zu gelangen, die nur dem westlichen Weltbild dient. Die einen bekommen Rückendeckung, die anderen müssen Sanktionen ertragen.

Je häufiger Regeln sichtbar gebrochen oder neu ausgelegt werden, desto weniger ist man im Süden dieses Erdenrunds – geographisch trifft diese Bezeichnung gar nicht zu – geneigt, dem westlichen Anspruch auf moralische Führung zu glauben. Die Erfahrung, dass der Westen unzuverlässig und selbstgerecht ist, gilt in jenem Rest der Welt längst als »ewige Wahrheit«. In den alten Tagen, als jener Teil der Welt noch unter der Obhut europäischer Kolonien stand, war wenigstens klar definiert, wer herrscht und wer beherrscht wird. Die Rollen wurden nicht hinter der Simulation von Fairness verborgen, sondern standen recht offen zutage. Das perfide Unrecht der heute herrschenden Weltordnung, dieses teuflische Verdrehen bis zu Unkenntlichkeit, macht es viel schwieriger, das eigentliche Wesen der Weltordnung zu verstehen. Die »regelbasierte Weltordnung« ist eine verschleiernde Hegemonialordnung – sie arbeitet aktiv mit der Doppelmoral, einem Werkzeug der Despoten, die für sich stets andere Regeln setzen, als für die Völker, denen sie vorstehen.

Die Tyrannei der Doppelmoral

Mit Doppelmoral konfrontiert zu werden, wirkt psychologisch auf Einzelpersonen oder Kollektive ein. Denn wer wieder und wieder erlebt, dass dieselbe Handlung je nach Akteur unterschiedlich bewertet wird, entwickelt zwangsläufig ein Misstrauen, welches nicht nur das ganze System, sondern auch die eigene Wahrnehmung in Frage stellt. Das System – in dem Falle die sogenannte »regelbasierte Weltordnung« – verschwindet hinter der Systematik der Doppelmoral. Die Bindung weicht auf, das Vertrauen schmilzt, etwaige Loyalitäten werden nichtig – denn die Doppelmoral verursacht Kränkungen und verletzt jeden Restbestand eines etwaigen Gerechtigkeitsempfindens.

Wird jemand immer wieder mit Normen konfrontiert, die andere offensichtlich nicht einhalten müssen, entsteht ein Gefühl der Herabsetzung. Ein solcher Akt wird als despektierliche Konfrontation begriffen – sowohl auf individueller wie auf kollektiver Ebene. In der doppelmoralischen Handlung steckt eine unterschiedliche Gewichtung der Protagonisten – denn der, für den die Regeln gelten sollen, während andere sich nicht darum scheren müssen, empfindet sich dann selbst herabgestuft und als Menschen zweiter Klasse wahrgenommen. Auf kollektiver Ebene hinterlässt diese fortwährende Erfahrung Spuren im Selbstbild ganzer Gesellschaften. Wenn Völker über längere Zeit das Gefühl haben, nach strengeren Maßstäben beurteilt zu werden als andere, prägt sich systematisch ein alles dominierendes Misstrauen aus. Auf diese Weise etabliert man die kalte Distanz zur Leitlinie internationaler Beziehungen – die Ehrabschneidung, die die ausgelebte Doppelmoral bedeutet, schafft Ressentiments und löst nach und nach die Loyalität auf.

Am Ende wirkt Doppelmoral daher zerstörerischer als offene Machtpolitik. Denn sie spielt mit der Intelligenz derer, die sich an die Standards halten sollen, im Gegensatz zu denen, die es nicht müssen. Denn sie arbeitet mit dem Anspruch auf Gerechtigkeit und führt die, die nicht auserwählt sind, sich straflos über Regeln hinwegsetzen zu dürfen, damit regelrecht vor und macht sie lächerlich. In einem System kalter Machtpolitik macht man diesen Menschen oder Völkern nichts vor – man schiebt ihnen nicht die Gerechtigkeit vor, um mit diesem Label Seriosität vorzugaukeln, die es nicht gibt. Die Machtpolitik ist ein Stück weit ehrlicher, die »liberale Weltordnung« ist hingegen bis ins Mark verlogen. Ihr struktureller Hang zur Doppelmoral ist der eigentliche Totengräber der internationalen Zusammenarbeit.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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19 Kommentare

  1. Deshalb meinte Rubio auf der Siko neulich wohl auch, dass der Westen das koloniale System offen restaurieren solle. Insgesamt aber etwas windelweich, der Artikel. Denn wir sind ja inzwischen schon einen Schritt weiter als die simple Doppelmoral, wie Emilie Böhm gestern hier ganz richtig feststellte.

  2. Zum Völkermord in Palästina:
    In Abu Falah, östlich von Ramallah sind Thaer Farouq Hamayel, 24 und Farea Jawdat Hamayel, 57 von den Siedlern mit Schüssen in den Kopf ermordet worden. Nach dem anschliessenden Angriff des Militärs auf die Ortschaft mit Tränengas ist Hassan Murra, 55 mit einem Herzstillstand in das Krankenhaus eingeliefert worden (Sonntag 08.03.2026).

    Mitmachen bei der Einforderung der Menschenrechte für Palästina.
    Eine Unterschriftenaktion auf EU-Ebene bei der jede Stimme zählt.
    https://eci.ec.europa.eu/055/public/?lg=de

  3. Der gute alte Kolonialismus ist in modernisierter Form wieder offen zurück.
    Verschwunden ist nur der Tropenhelm.
    Und der Statthalter sollte zur Bewahrung des Scheins auch die Staatsangehörigkeit der Einheimischen besitzen.

    1. Der Tropenhelm war gegen herabfallende Kokosnüsse, Durianfrüchte und sonstige Unannehmlichkeiten. Selbst Schildkröten wurden von Greifvögeln vom Himmel geschleudert.

  4. Roberto hat recht!

    Die Doppelmoral, also der verschleierte, schöngeredete Betrug, Gewalt ist schlimmer als die offen gerechtfertigte Gewalt, weil die Gewalt um die Lüge erweitert wird und damit umso schlimmer wird!

    Diese Doppelstandards setzen sich bis in die Redaktion von Overton fort. Während Roberto sich gemüht die Dinge von einer „höheren Warte“, neutral zu betrachten, merkt man Herrn Rötzer seine proisraelische Grundhaltung an, die er mit den Methoden der Doppelmoral zu verschleiern versucht!

    Ach ja, wenn ein Linker, der sich antizionistisch gibt wie Chomsky in Epstein-Affären verwickelt ist, dann ist das genauso schlimm wie die Handlungen von Trump. Hinter Epstein steckt Mossad, wie ein Buch, das hier besprochen wurde, zeigt

    https://www.jpc.de/jpcng/books/detail/-/art/tahir-chaudhry-wem-diente-jeffrey-epstein/hnum/11900108

    Belegt dies nicht das Krakennetz der „zionistischen Weltverschwörung“, die man nicht so benennen darf?

  5. Was meine Hoffnungen zur Beendigung des brutalen, völkerrechtswidrigen Angriffskrieges von USA/Israel angelangt ist paradoxerweise das US-Militär selbst. Viele Soldaten und hohe Offiziere der US-Armee wollen nicht für Israel kämpfen, denn sie sind nicht auf Israel, sondern auf ihr Land vereidigt.

    Ich hoffe deshalb sie stürzen Trump und errichten in den USA eine Militärdiktatur!

  6. Trump droht nun auch den Menschengruppen im angegriffenen Iran, die bisher glimpflich davonkamen, mit dem „sicheren Tod“. Israel flog vergangene Nacht den ersten 100-Bomber-Angriff auf iranische Innenstädte, wobei viele Wohngebiete und auch Krankenhäuser zerstört wurden. Schutzräume gibt es im Iran kaum; es werden tausende tote Zivilisten befürchtet.

    1. Hegseth:

      „Das Zeitalter der politisch korrekten, überempfindlichen Führung, die niemanden verletzen will, endet jetzt auf allen Ebenen“
      „Die Ära der dummen politisch korrekten Kriege ist vorbei“
      „Wir kämpfen um zu siegen… ohne dumme Einsatzregeln“

      Die Rechten und Schlechten dieser Welt haben sicher Dauererektionen. So habt ihr euch das doch immer gewünscht!?

    1. > „Der Iran ist ein völkerrechtswidriges Regime. Dafür gibt es etliche Belege.“ Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Was bitte ist ein „völkerrechtswidriges Regime“? Das Völkerrecht sagt nichts zur Legitimität einer Regierung

      Unsere selbsternannten Experten äh Propag…

      Wie sorgt man dafür? zb indem man Leute unterschiedlich bezahlt. Festangestellte mit Extra Pensionen vs niedrigbezahlte mit Zeitverträgen, die also auch noch Angt haben müssen das die nicht verlängert werden. Wie konnte es eigentlich zu dieser 2 Klassengesellschaft im ÖRR kommen?

  7. Wenn das „Imperium USA/Israel“ den Iran beherrschen will, müssen sie mit Bodentruppen rein, nur, die syrischen Kurden zu bewaffnen (die iranischen und irakischen Kurden wohl eher nicht) wird nicht reichen und….auf die amerikanischen GI’s warten die Iraner und das wird sehr bitter und tödlich werden.
    Dieses „Neue Weltreich“ wird schneller
    untergehen als das „Britische Kolonialreich“,
    die Völker des Südens werden sich nicht mehr so einfach kolonisieren lassen wie sich das die Finanzelite und die Kriegstreiber heute vorstellen.
    Und die Blutbäder, die entstehen jucken weder den Fritz, noch den Jean, noch den Tom, noch den Donald, auch die knöcheltief im Blut stehenden „Damen“, die begeistert die Fahnen schwenken, sind völlig empathielos gegenüber dem Leid das sie anrichten.
    Militär hatte schon immer eine gewisse Anziehungskraft auf diese Weiber…..!
    Die Geschichte wird ihnen ihren Platz zuweisen, vielleich trifft sie vorher noch das Fegefeuer! (sorry bin nicht gläubig aber das Fegefeuer für diese Mischpoke würde mir gefallen)

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