Tut er es oder tut er es nicht?

Atomschlag auf Stadt, KI-generiert
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Austesten, ob er es tut. Wird Putin eine Atombombe zünden?

Es läuft nicht gut im Ukrainekrieg. Je bedrohlicher die Ukraine für Russland wird, desto wahrscheinlicher wird der Atomkrieg.

Das kommt unterdessen im Mainstream an. Am 11. Juni erschien folgendes Interview in der FR. Hier die entscheidenden Sätze von Oberst Markus Reisner, einem im Mainstream gern gehörten Militärexperten:

FR: In der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ hatten zuletzt auch der ehemalige deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) und der Sicherheitsexperte Peter Neumann gemahnt, man müsse Putins nukleare Drohungen ernstnehmen. Halten Sie den Einsatz taktischer Atomwaffen für eine realistische Option?

Reisner: Absolut. Im Herbst 2022 zogen die Russen erstmals diese Karte und die USA nahmen dies sehr ernst. Sie dürfen zudem nicht vergessen, die russische Nukleardoktrin kennt eine sehr genau überlegte Abstufung und auch eine Eskalationsleiter. Manche Experten sagen, dass es bis zu 21 Stufen bis zu einem nuklearen Krieg sind und die nukleare Drohkulisse in der Ukraine befinde sich zurzeit noch im unteren Drittel. Es muss auch nicht sein, dass Putin im nächsten Schritt eine taktische Atomwaffe in der Ukraine zündet.

FR: Sondern?

Reisner: Beispielsweise könnte Putin eine taktische Atomwaffe über dem Schwarzen Meer explodieren lassen, um zu signalisieren, dass Russland diese Fähigkeit besitzt.1

Nun meldet also auch der Mainstream, was bislang für die Alternativmedien reserviert war: Ein europäischer Atomkrieg ist möglich und nicht unwahrscheinlich. Schluss also mit dem hirnverbrannten Ratschlag, Putins Drohungen einfach zu ignorieren. Langsam wird deutlich, dass wir auch einen Machthaber, den wir für böse halten, gerade dann ernst nehmen müssen, wenn er böse ist. Was dagegen gar nicht geht, aber allgemeines Rezept ist: sich von einem Mann abhängig zu machen, und zwar das Leben Tausender, indem man es ihm überlässt, ob er mit Nuklearwaffen reagiert oder nicht.

Austesten, bis der Arzt kommt

Und doch wird weiter „getestet“. Drohnen noch weiter ins russische Hinterland steuern, vielleicht den Kreml ins Visier nehmen, den Russen so richtig einheizen. Wer sich, wie hierzulande verbreitet, moralisch einwandfrei und im Recht fühlt, kann dabei seinen Verstand gegen die moralische Makellosigkeit eintauschen: das Empfinden, auf der richtigen Seite zu stehen. Selbst die eigene Sicherheit mag hinter solcher Selbstbeweihräucherung verschwinden. Und auch die „Moral“ dabei ist mehr als fragwürdig.

Und ja: Mit Atomwaffen kann man erpresst werden. Putins Drohungen sind eindeutig Erpressungen. Was aber sollte getan werden, wenn ein Erpresser damit droht, ein entführtes Kind zu töten? Wenn sie es können, würden Eltern jede beliebige Summe zahlen. Und das ist im Hinblick auf das Leben eines Kinder auch richtig. Wer sagt: Wir lassen uns nicht erpressen, opfert das Leben des Kindes oder ermöglicht es zumindest.

Aber auch darum geht es (das sollte gesehen werden): um’s Prinzip. Putin durchkommen zu lassen, verletzt das Völkerrecht und den auf Prinzipien beruhenden Frieden in Europa. Doch stur auf Prinzipien zu beharren, ist dann von Übel, wenn Prinzipientreue noch größere Schäden anrichten würde als der Verzicht darauf. Russland ist die stärkste Atommacht, ein Großteil seiner Verteidigung hat es an diese Waffen delegiert. Zwingt das nicht zur Abwägung? Schutz der Prinzipien gegen den Schutz zahlloser Menschenleben? Vielleicht ist das zu rettenden „Kind“ die globale Zivilisation. Gegen diesen Wert verlieren alle denkbaren Prinzipien an Gewicht.

Zu den Guten gehören oder ein schlimmes Übel verhindern?

Psychologisch heißt das: Der fromme Entschluss, zu den Guten gehören zu wollen (Gute unterstützen die Verteidigung der Ukraine), sollte mit jenem Übel in Vergleich gesetzt werden, das weit größer sein würde als eine Niederlage (oder Teilniederlage) der Ukraine. Es existiert überhaupt kein Maßstab, der den Abstand verdeutlichen würde, der zwischen dem persönlichen Gefühl, integer zu sein, und dem Horror einer atomaren Auseinandersetzung klafft. Die Schreie nach Wasser waren in Hiroshima schließlich der einzigen Laute, die noch hörbar waren, während den Menschen die Haare in Büscheln ausfielen und sich die Haut von ihren Körpern ablöste.

Wie kommt es, dass diese im Grunde simple Abwägung zwischen gut gemeinter Moralität und dem möglichen Horror so selten erfolgt? Vielleicht weil es tatsächlich gar nicht um Moral geht oder um Recht? Sondern um jene Währung, in der die Mächte weltweit tatsächlich rechnen: in Einflusszonen, in Rohstoffen, in Machtausübung? Gerade dann aber gilt vor allem: deutlich zu erkennen, wo die Grenzen der kriegerischen Auseinandersetzung liegen. Sie liegen dort, wo ein Übel heraufbeschworen wird, über das hinaus kein größeres mehr denkbar ist.

 

1 Russland im Ukraine-Krieg unter Druck: „Kann sein, dass Putin die Nuklear-Karte zieht“

Hans-Peter Waldrich

Dr. Hans-Peter Waldrich ist Politikwissenschaftler (Dipl. sc. pol.). Sein Geld hat er vor allem im Bildungswesen und -unwesen verdient, an Schulen und Hochschulen und unter anderem beim Bundesamt für den Zivildienst. Während der 1980ger-Jahre engagierte er sich in der Friedensbewegung. Seit seiner Jugend schrieb er für eine Vielzahl von Zeitungen und Zeitschriften, etwa den Freitag oder die Blätter für Deutsche und internationale Politik, und veröffentlichte mehrere Bücher, vor allem zu politischen, pädagogischen und philosophischen Fragen. Er hält sich zugute, dass er sich niemals genötigt sah zu publizieren, um davon leben zu müssen und dass er stets nur auf eines Rücksicht zu nehmen hatte: seine eigenen Überzeugungen.
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12 Kommentare

  1. Putin durchkommen zu lassen, verletzt das Völkerrecht und den auf Prinzipien beruhenden Frieden in Europa.

    Ach komm, die „Regelbasierte Ordnung“? Krieg gegen Serbien? Nato-Osterweiterung? Putsch in Kiew? Wir im Westen sind genau die Richtigen, die von Völkerrecht und Frieden schwafeln.

    1. Danke dafür! Wir sind nun wirklich die Letzten die von Werten, Anstand, Menschen- und Völkerrecht faseln sollten! Hauptschuld an diesem Krieg trägt der! Westen

  2. „Vielleicht weil es tatsächlich gar nicht um Moral geht oder um Recht? Sondern um jene Währung, in der die Mächte weltweit tatsächlich rechnen: in Einflusszonen, in Rohstoffen, in Machtausübung?“

    Ach was, ist ja was ganz Neues … Ein hoch auf den Erkentnissgewinn

    Wenn wir die Guten sind, warum tun wir dann Böses? (Hiroshima, Nagasaki, Korea, Vietnam, Serbien, Irak, Irak, Lybien, Syrien, Iran….)

  3. Ich stimme dem Text weitestgehend zu.

    Besonders gefährlich sind aus meiner Sicht die ukrainischen Angriffe auf Ziele im russischen Hinterland, wenn diese faktisch nur mit westlicher beziehungsweise NATO-Unterstützung möglich sind — durch Aufklärung, Zielerfassung, Satellitendaten, Waffenlieferungen oder technische Mithilfe. Das ist qualitativ etwas anderes als reine Verteidigung gegen russische Luftangriffe, Drohnen und Raketen.

    Eine Luftabwehr, die Städte, Infrastruktur und Menschen in der Ukraine schützt, ist das eine. Angriffe tief in russisches Gebiet hinein, bei denen der Westen de facto mitwirkt, sind etwas anderes. Damit nähert man sich Schritt für Schritt einer direkten Konfrontation zwischen NATO und Russland. Und genau das ist brandgefährlich.

    „Wir“ testen immer weiter aus, verschieben rote Linien immer weiter und verlassen uns am Ende darauf, dass Russland schon nicht maximal reagieren wird. Das ist keine Strategie, sondern Glücksspiel mit dem Leben von Millionen Menschen.

    Was mich besonders irritiert: Ausgerechnet diejenigen, die ständig von Verantwortung sprechen, scheinen bereit zu sein, Europa in eine Lage zu bringen, in der alles davon abhängt, ob Putin weiterhin bremst. Man beschreibt Russland täglich als irrational und unberechenbar, baut aber gleichzeitig die eigene Strategie darauf, dass Russland im entscheidenden Moment rational und berechenbar bleibt. Das ist absurd.

    Man muss Putin nicht mögen, man muss Russland nicht recht geben, und man muss den Ukrainekrieg nicht relativieren, um trotzdem festzustellen: Das Risiko eines Atomkriegs darf niemals zum politischen Experimentierfeld werden. Wer dieses Risiko kleinredet, handelt nicht mutig, sondern vollkommen verantwortungslos.

    Eine Politik, die auf „Er wird schon nicht“ basiert, ist keine Sicherheitspolitik. Das ist Wahnsinn mit moralischem Anstrich.

    1. Aus meiner Sicht ist es, wie der politische Westen immer sagt, kein Angriffskrieg mehr. Jetzt wird gegenseitig angegriffen.

      Der Westen erfindet immer neue Wort- und Satzschöpfungen. Wenn Russland die Ukraine angreifst, dann ist es ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Wenn die USA den Iran angreift, dann wird es lapidar als „Waffengang gegen Iran“ bezeichnet. Irre, wat?
      Mehr Beispiele gefällig?

  4. Die russische Atombombe kommt. Todsicher.
    Wir müssen nur immer brav „Bitte, bitte“ sagen und immer weiter Geld und Waffen in die Ukraine schicken. Und soviel davon bis die Russen gar nicht anders können, als auf den Knopf zu drücken.

  5. Hat Putin je mit Atomwaffen gedroht? Karaganow oder Medwedew vielleicht, aber Putin?

    Putin ist äußerst geduldig. Er hat ab 2014 acht Jahre lang versucht, den Konflikt im Donbass politisch zu lösen. Er hat die Volksrepubliken im Donbass nicht anerkannt, was ab 2014 möglich gewesen wäre. Erst als der ukrainische Angriff schon lief, kam im Februar 2022 die Anerkennung. Dann kam auch die „militärische Sonderoperation“, die viele „Putinversteher“ überrascht hat.

    Im Moment scheinen die Russen sehr geduldig zu sein. Ein Schachspieler macht nie das, was der Gegner gerne möchte.

  6. Wir können doch das arme, kleine, friedliebende, geschundene Volk der Ukrainer nicht im Stich lassen?! So heißt es streng befehlend von oben, so schallt es müde seufzend zurück aus dem Volke. „Gut gemeinte Moralität“ – das ist die einfältige Sichtweise, das ist die kleine mentale Münze, die die Obrigkeit mit Erfolg ihren Untertanen anbietet, damit diese ohne Murren sich dareinfinden in den immer stressiger werdenden Alltag, in das den Gürtel-enger-Schnallen, in den Kriegsdienst bis auch noch in den atomaren Poker mit seinen Eskalationsstufen hinein. Der „einfche Mann auf der Straße“ muss sich mit diesem „Grundwissen“ dann auch keinen Kopf machen über die tatsächlich anstehenden geopolitischen Manöver und Kriegsgründe, das ist ja schon alles längst geklärt!
    Sich dieser Sorte moralischer Erpressung zu verweigern, diese als einen hegemonialen Mechanismus der Kriegsherren zu zurückzuweisen, das wäre ja mal ein erster Schritt der Notwehr…
    Aber nein, feministische Außenministerinnen haben schon längst „deutlich gemacht“, dass das atomare Desaster als Perspektive nicht so schlimm ist, solange man immer nur ganz fest Tag und Nacht autosuggestiv murmelt: Der Putin ist schuld!

  7. Man könnte meinen, die europäische Führungselite sei einem kollektiven Wahn verfallen. Aber offensichtlich steckt auch ein materielles Interesse dahinter: Es geht „um jene Währung, in der die Mächte weltweit tatsächlich rechnen: in Einflusszonen, in Rohstoffen, in Machtausübung“.

  8. Für meine Begriffe ist das ein seltsamer Text. Der Autor stößt ins hiesige und EU-Mainstreamhorn, das Präsident Putin für alles Böse hier verantwortlich ist.

    Meines Erachtens handelt es sich dabei um reine Projektion. Wäre mal Zeit nach Russland zu fahren und sich vor Ort über die Lage dort zu informieren. Ich atme immer auf, wenn ich diesem Freiluft-Irrenhaus hier für einige Wochen entronnen bin.

  9. Wenn Putin taktische nukes mt lokal begrenzter Wirkung in der Ukraine einsetzen wollte, um strategisch eine Kriegsentscheidung zu seinem Gunsten herbeizuführen, dann hätte er das schon längst gemacht. Wozu dann noch der ganze Quatsch mit den Kontrakten mit den Russian Armed Forces…? Putin hat es bisher nicht gemacht und wird es auch nicht tun, weil er die Risiken nicht einschätzen kann. Putin hat nie nach der Devise der -für ihn- „unkalkulierbaren Risiken“ entschieden. Wenn er eskaliert, dann nur bis zur selbst festgelegten roten Linie, die dort liegt, wo er den Ausgang und insbesondere auch die Lage DANACH kontrollieren kann, um auch dann weiter frei entscheiden zu können. Nach dem Einsatz von nukes ist nicht mehr Putin der Herr der Geschehens, sondern die Welt entscheidet dann über ihn und über die Beziehungen zu Russland auf allen Ebenen -aussenpolitisch, diplomatisch, wirtschaftlich etc.

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