Trump, Hormuz und die Verwertung von Abhängigkeit

Straße von Hormuz
Jacques Descloitres, MODIS Land Rapid Response Team, NASA/GSFC, Public domain, via Wikimedia Commons

TACO greift zu kurz: Trumps Verhandlungsmethodik geht auf.

Am 21. April 2026, kurz vor Ablauf der zweiwöchigen Waffenruhe im Iran-Krieg, erklärte Donald Trump auf Truth Social, eine Verlängerung sei „highly unlikely“. Iran müsse einen ernsthaften Vorschlag liefern, sonst kehre die heiße Phase zurück. Märkte bewegten sich, Schifffahrtsrouten wurden umgeleitet, Kriegsversicherer kalkulierten neu. Einen Tag später verlängerte Trump die Waffenruhe um drei bis fünf Tage. Parallel erteilte das Weiße Haus der US-Marine den Befehl „shoot to destroy“ gegen iranische Boote, die Minen in der Straße von Hormuz legen. Drei Tage
darauf verlängerte Trump unbefristet.

Wer dieses Muster aus Wall-Street-Sicht beschreibt, hat einen Spitznamen dafür: TACO – „Trump Always Chickens Out“. Maximaldrohung, Marktbewegung, Rückzieher. Trump hat den Begriff empört zurückgewiesen: Harte Drohungen seien notwendig, um andere überhaupt an den Verhandlungstisch zu bringen. In diesem Punkt hat Trump recht. Die Drohung ist der Hebel, der die Verhandlung erst erzwingt. Aber das ist nicht der Streitpunkt. Die Frage ist, was an diesem Tisch verhandelt wird — und nach welcher Logik.

TACO unterstellt, am Ende stehe nichts; Trump verkauft die Methode als klassische Verhandlungspraxis, an deren Ende ein Deal zwischen Partnern steht. Beides trifft nicht. Was am Ende steht, ist ein Deal — aber kein Aushandeln zwischen gleichrangigen Seiten. Es ist die Verwertung struktureller Übermacht. Trump verhandelt nicht symmetrisch über das, was beide Seiten brauchen, sondern asymmetrisch über das, was die andere Seite nicht entbehren kann. Diese Logik ist in den ersten anderthalb Jahren der zweiten Amtszeit zur erkennbaren Methode geworden: Drohung, Streckung, Verstetigung.

An ihrem Ende steht ein neues Arrangement, in dem die alte Beziehung durch ein anderes Verhältnis ersetzt wird – eines, in dem die Abhängigkeit der Gegenseite zur strukturellen Einnahmequelle der USA wird.

Vier Vorgänge aus 2025

Bei TikTok begann es mit der Drohung: ByteDance, der chinesische Eigentümer, sollte die US-Aktivitäten verkaufen, sonst drohte das Aus. Trump setzte die Drohung nicht um, sondern überführte sie in die Streckung – Frist um 75 Tage verlängert, dann um 90 Tage, „tremendous progress“. Die Verstetigung lag nicht im Ausgang einer Verhandlung. TikTok blieb nicht einfach Marktakteur. Jeder weitere Tag ohne Verbot wurde verhandelbar – abhängig von Eigentümerstruktur, Datenkontrolle, nationaler Sicherheit, amerikanischer Beteiligung. Nicht der Markt entschied über den Fortbestand der Plattform, sondern Washingtons politische Duldung.

Schärfer wurde das Muster bei der Ukraine. Anfang März 2025 setzte die Trump-Regierung die Militärhilfe für Kiew aus, kurz darauf auch das Teilen von Geheimdienstinformationen. Das war die Drohung. Es folgte die Streckung – Wochen der Verhandlungen in Jeddah, Riad und Washington, in denen sich verschob, was eigentlich auf dem Tisch lag. Aus „bekommt Kiew weiter Hilfe?“ wurde „unter welchen Bedingungen wird Hilfe wieder fließen?“ Die Verstetigung folgte mit einem Rohstoffabkommen: Amerikanische Firmen bekamen privilegierten Zugang zu ukrainischen Vorkommen seltener Erden, Lithium, Titan, kritischer Mineralien. Aus einer Sicherheitsbeziehung wurde ein Ressourcendeal. Parallel verschob sich die Lastenverteilung: Europa wurde zum Hauptzahler des Krieges – Munition, Wiederaufbau, Flüchtlinge, Energiehilfen, längerfristig Sicherheitsgarantien.

Bei Columbia University funktionierte das Muster auch innenpolitisch. Drohung: Bundesmittel ausgesetzt, Forschungsgelder entzogen. Streckung: Phase laufender Bundesuntersuchungen, parallel verhandelter Vergleichsangebote, unklarer Rückkehrbedingungen. Verstetigung: Columbia einigte sich auf eine Zahlung von über 200 Millionen Dollar – und Regierungsvertreter erklärten anschließend, Columbia sei das Modell für Einigungen mit anderen Universitäten. Aus einem Einzelfall wurde eine Präzedenz. Bundesmittel als politisch konditionierbarer Hebel.

Bei Panama lief das Muster geopolitisch. Drohung: Trump erklärte, die USA würden den Kanal „zurückholen“. Streckung: Rubio reiste hin, die Belt-and-Road-Beteiligung wurde gekündigt, die Drohung stand im Raum, ohne konkretisiert zu werden. Verstetigung: Die Hongkonger Firma CK Hutchison verkaufte ihre globale Hafensparte an ein Konsortium um BlackRock – einschließlich Beteiligungen an Häfen an beiden Enden des Panama-Kanals. Die Maximaldrohung wurde nicht umgesetzt. Sie wurde in eine wirtschaftliche Neuordnung überführt, in der chinesisches Kapital durch amerikanisches ersetzt wurde.

Hormuz: Die Methode im Werden

Was in diesen vier Fällen abgeschlossene Sequenzen waren, läuft in der Iran-Krise gerade ab. Hormuz zeigt die Methode nicht im Rückblick, sondern im Werden – und genau das macht den Fall analytisch besonders wichtig.

Die Drohung war nicht ein Tweet. Die Drohung war der Krieg selbst. Mit dem Bombardement vom 28. Februar und der formalen US-Marineblockade vom 13. April hat Trump die Maximalstufe nicht angekündigt, sondern vollzogen. Was seither im Raum steht, ist nicht eine zukünftige Drohung, sondern die jederzeit mögliche Wiederaufnahme – eine Drohung, die nicht ausgesprochen werden muss, weil ihr empirischer Nachweis bereits erbracht ist.

Hier liegt der erste fundamentale Unterschied zu allen vorherigen Fällen. TikTok, die Ukraine, Columbia, Panama — in jedem dieser Fälle adressierte die Drohung einen klar abgegrenzten Akteur. Bei Hormuz ist die Adressierung diffuser. Formal richtet sich die Drohung an Iran. Aber die Wirkung trifft alle, die Hormuz brauchen — die Saudis, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, China, Japan, Südkorea, Indien, Europa. Niemand von ihnen sitzt am Verhandlungstisch. Alle stehen unter Druck. Iran ist nicht der Adressat im üblichen Sinn — Iran ist der Hebel. Die eigentliche Wirkung läuft in den Köpfen aller anderen ab: Wer Hormuz braucht, muss Lösungen finden, die mit Washington kompatibel sind, ohne überhaupt eingeladen worden zu sein.

Wir befinden uns gegenwärtig in der Streckungsphase. Sie begann mit der achttägigen Waffenruhe vom 8. April. Statt einer endgültigen Entscheidung – Krieg wieder aufnehmen oder beenden –entstand eine Folge von Verlängerungen, Drohgebärden und Rücknahmen. Iran-Außenminister Araghchi reiste nach Pakistan, dann nach Oman, dann nach Russland. Trump berief Vance, Witkoff und Kushner kurzfristig von einem geplanten Treffen mit iranischen Vermittlern in Pakistan ab. Die Begründung: „Eighteen-hour flight to sit around talking about nothing.“ Anfang Mai legte Iran einen 14-Punkte-Vorschlag vor: 30 Tage zur Beendigung des Krieges, US-Truppenabzug, Aufhebung der Blockade, Reparationen, Sanktionsende, Ende der Kämpfe in Libanon, neuer Kontrollmechanismus für die Straße von Hormuz. Trump wies ihn zurück: „I’m not satisfied with it.“ Die nächsten Verhandlungen würden nur noch telefonisch geführt.

Die Verstetigung ist noch nicht eingetreten – aber sie zeichnet sich bereits ab. Pentagon-Verteidigungsminister Pete Hegseth sagte am 24. April: „This standoff in the Strait of Hormuz is much more their fight than ours“ — wobei „theirs“ Europa und Asien meint. „We are not counting on Europe, but they need the Strait of Hormuz much more than we do.“ Ein Pentagon-Briefing schätzt die Räumung der iranischen Minen auf rund sechs Monate, unabhängig vom diplomatischen Ausgang.
Die US-Marine durchsucht 34 Schiffe im Screening, bevor sie passieren dürfen. CENTCOM hat in 20 Tagen Blockade 48 Schiffe zur Umkehr gezwungen. Was sich anbahnt, ist nicht die alte Hormuz-Straße mit erhöhter Sicherheit, sondern ein amerikanisch verwalteter Korridor, in dem Genehmigung Voraussetzung für Verkehr geworden ist.

Ob diese Verstetigung das stabile Endformat der Krise wird, lässt sich heute nicht mit Sicherheit sagen. Möglich bleibt eine echte Off-Ramp, möglich bleibt auch eine Wiederaufnahme der heißen Phase. Was aber sichtbar wird, ist die Bewegungsrichtung: Die Krise wird nicht beendet, sondern in Bewegung gehalten – und die Konturen des neuen Arrangements werden Tag für Tag dichter.

Warum TACO zu kurz greift

Der TACO-Spott misst Trump an der Frage, ob die Maximaldrohung eins zu eins umgesetzt wird. Doch das ist die falsche Messgröße. TikTok wurde nicht abgeschaltet – wurde aber in einen Plattformbetrieb überführt, dessen Existenz politisch nutzbar bleibt. Die Ukraine-Hilfe wurde nicht beendet – wurde aber in einen Rohstoffdeal überführt, in dem amerikanische Firmen Zugang zu kritischen Mineralien bekommen und Europa die laufenden Kosten trägt. Columbia wurde nicht ruiniert – zahlte 200 Millionen, und andere Universitäten wissen jetzt, was passiert, wenn sie aufmucken. Der Panama-Kanal wurde nicht zurückgeholt – chinesische Hafenanteile wurden durch amerikanisches Kapital ersetzt. Hormuz wurde nicht dauerhaft geschlossen – wird aber gerade vor unseren Augen in einen amerikanisch verwalteten Korridor überführt, mit einer Pentagon-Schätzung von sechs Monaten Minenräumung als materiellem Persistenzfaktor unabhängig von jedem diplomatischen Ausgang.

TACO sieht den Moment der Rücknahme. Die Drei-Phasen-Logik sieht das neue Arrangement, das an die Stelle der alten Beziehung tritt. Im Hormuz-Fall radikalisiert sie das Prinzip: Hier muss Trump nicht einmal mit dem eigentlichen Adressaten verhandeln. Iran ist die Drohung, nicht der Verhandlungspartner. Die Saudis verhandeln nicht – sie zahlen mit Exportkapazität. Die Chinesen verhandeln nicht – sie zahlen mit Reserven. Europa verhandelt nicht – es zahlt mit Versicherungsprämien und Brent-Aufschlägen. Trump muss mit niemandem reden. Es reicht, dass er die Krise nicht beendet – und das Arrangement der Korridor-Steuerung verstetigt sich von selbst.

Die offene Frage

Trumps Methode hat einen Preis. Sie beschädigt Vertrauen, sie erzeugt Unsicherheit, sie macht Verbündete misstrauischer. Der Preis fällt aber nicht unbedingt bei Trump an. Er fällt bei denen an, die abhängig bleiben – und nun erleben, dass diese Abhängigkeit politisch neu bepreist wird.

Wer verstehen will, warum die Methode wirksam ist, sollte nicht fragen, ob Trump seine Drohungen wahrmacht. Die wichtigere Frage lautet: Welches neue Arrangement bleibt nach der Drohung übrig – und wem nützt es?

Damit ist die Pointe nicht, dass Trump härter verhandelt als seine Vorgänger. Die Pointe ist, dass er gar nicht mehr verhandelt, wie es das Wort suggeriert – als Aushandeln eines Ergebnisses zwischen gleichrangigen Seiten. Er verhandelt nicht, um Krisen zu beenden, sondern um sie in Arrangements zu überführen, die für die USA produktiv sind. Was am Ende dabei steht, ist juristisch oft ein Deal, ökonomisch oft eine Vereinbarung – aber strukturell ist es die Verwertung von Abhängigkeit.

Im Nahen Osten ist konkret sichtbar, was Washington dabei gewinnt: höhere Marktanteile für US-Schieferöl, weil ausgerechnet die Krise des Persischen Golfs amerikanisches Öl strategisch wertvoller macht. Eine Aufwertung des Dollars als Krisen- und Reservewährung. Boomzustände für die amerikanische Rüstungsindustrie. Die politische Legitimierung dauerhafter US-Militärpräsenz in der Region – eine zusätzliche Carrier-Gruppe, ausgeweitete Boarding-Operationen, ein Pentagon-Briefing, das von einem halben Jahr Minenräumung spricht. Und vor allem: die Position als Zugangswächter zu einem Weltschifffahrtsknoten, durch den ein Fünftel der globalen Ölverladungen läuft. Wer Hormuz wieder berechenbar haben will, muss in Washington fragen – nicht in Teheran, nicht in Riad, nicht in Brüssel.

Hormuz zeigt es im Echtzeitformat: Eine internationale Ordnung beginnt sich zu sortieren, in der Konflikte nicht mehr enden, weil sie sich rentieren – und in der die USA der Akteur sind, für den die Krise produktiver ist als ihre Auflösung.

Wem das nach Strategie klingt, hat den Punkt verstanden. Wem es nach Improvisation klingt, auch. Beide haben recht. Und beide sehen dasselbe Ergebnis.

Boris Bayer

Boris Bayer, 1980 geboren, hat Philosophie und Mathematik in Berlin studiert. Er lebt mit seiner Familie im ländlichen Raum in Franken.
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