Tief im Osten

Halo FC, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

»Nicht wer zuerst die Waffen ergreift, ist der Anstifter des Unheils, sondern wer dazu nötigt.«
– Niccolò Machiavelli (1469-1527) –

Auf der Basis dieser Erkenntnis des italienischen Philosophen soll im Folgenden aufgezeigt werden, dass die Osterweiterung der NATO ein wesentlicher, vielleicht sogar der entscheidende Grund für den russischen Angriffskrieg in der Ukraine ist. In diesem Zusammenhang ist mir wichtig, dass der völkerrechtswidrige Angriff Russlands damit nicht gerechtfertigt, sondern erklärt werden soll, weil es für die Lösung eines Konfliktes unabdingbar ist, sich mit seinen Ursachen auseinanderzusetzen.

Kurzer historischer Rückblick

Manchmal macht es einfach Sinn, sich mal ein paar Fakten in Erinnerung zu rufen.

Staaten/Republiken der ehemaligen Sowjetunion (UdSSR)

Armenien, Aserbeidschan, Estland (Sowjetrepublik), Georgien, Kasachstan, Kirgisien, Lettland (Sowjetrepublik), Litauen (Sowjetrepublik), Moldawien, Russische Föderation, Tadschikistan, Turkmenistan, Ukraine, Usbekistan und Weißrussland. Zwischen dem 11. März 1990 und dem 25. Dezember 1991 wurde die UdSSR aufgelöst.

Mitgliedstaaten des Warschauer Paktes (WP)

Neben der UdSSR gehörten Albanien, Bulgarien, DDR, Polen, Rumänien, Tschechoslowakei und Ungarn zum Warschauer Pakt. Der WP wurde am 1. Juli 1991 aufgelöst.

NATO-Mitglieder, die früher zur UdSSR und/oder zum Warschauer Pakt gehörten mit dem Jahr ihres Beitritts

Albanien (2009), Bulgarien (2004), ehemalige DDR (mit der deutschen Wiedervereinigung), Estland (2004), Lettland (2004), Litauen (2004), Polen (1999), Rumänien (2004), Slowakei (2004), Tschechische Republik (1999) und Ungarn (1999).

Im Klartext heißt das, dass, zehn bzw. elf Staaten – weil die Tschechoslowakei sich geteilt hat in die Tschechische Republik und die Slowakei – von vierzehn Staaten/Republiken, die unter der Vorherrschaft der UdSSR standen, zwischen 1999 und 2004 de facto die Seiten gewechselt haben. Man sollte sich diese Entwicklung einmal auf der Karte ansehen. Für mich ist genau das ein, wenn nicht das Problem überhaupt für Präsident Putin, der Russland als Nachfolgestaat der UDSSR sieht. Hinzu kommt seine Befürchtung, dass weitere Staaten ebenfalls, sozusagen von Ost nach West wechseln, und dazu gehören für ihn offensichtlich besonders Georgien und die Ukraine.

Die Erweiterung der NATO zwischen 1949 und 2022

Die NATO wurde 1949 von zwölf Mitgliedsstaaten gegründet – der Warschauer Pakt übriges erst 1955. Mittlerweile gehören 30 Staaten dem Bündnis an. Zuletzt beigetreten sind Montenegro (2017) und Nordmazedonien (2020). Der von den USA angestrebte Beitritt Georgiens und der Ukraine scheiterte 2008, weil Deutschland und Frankreich unter Berufung auf Artikel 10 des NATO-Vertrages ihre Zustimmung versagten und damit die erforderliche Einstimmigkeit nicht gegeben war.

Artikel 10 des NATO-Vertrages

»The Parties may, by unanimous agreement, invite any other European State in a position to further the principles of this Treaty and to contribute to the security of the North Atlantic area to accede to this Treaty. Any State so invited may become a Party to the Treaty by depositing its instrument of accession with the Government of the United States of America. The Government of the United States of America will inform each of the Parties of the deposit of each such instrument of accession.«

Mit der Entscheidung von 2008, die Ukraine nicht in die NATO aufzunehmen, wurde das Thema in der NATO aber nicht zu den Akten gelegt, sondern blieb auf der Agenda, wie man dem Protokoll der Sitzung des NATO-Rates in Brüssel vom 14. Juni 2021 entnehmen kann.

Treffen des Nordatlantikrats auf Ebene der Staats- und Regierungschefs in Brüssel am 14. Juni 2021

»Wir bekräftigen unseren auf dem Gipfeltreffen 2008 in Bukarest gefassten Beschluss, dass die Ukraine ein Mitglied des Bündnisses wird, wobei der Mitgliedschaftsaktionsplan fester Bestandteil dieses Prozesses ist, und wir bestätigen alle Elemente dieses Beschlusses sowie der nachfolgenden Beschlüsse einschließlich der Tatsache, dass jeder Partner nach seinen Leistungen beurteilt wird. Wir unterstützen standhaft das Recht der Ukraine, über ihre eigene Zukunft und ihren außenpolitischen Kurs frei und ohne Einflussnahme von außen zu bestimmen. Die nationalen Jahresprogramme im Rahmen der NATO-Ukraine-Kommission (NUK) bleiben der Mechanismus, mit dem die Ukraine die Reformen im Zusammenhang mit ihrem Wunsch nach einer NATO Mitgliedschaft voranbringt. Die Ukraine sollte alle im Rahmen der NUK zur Verfügung stehenden Instrumente vollständig nutzen, um ihr Ziel, die Umsetzung der Grundsätze und Standards der NATO – zu erreichen.«

Kritische und ablehnende Stimmen zur NATO-Osterweiterung

Die ständige Erweiterung der NATO wurde nicht nur in Moskau ausgesprochen kritisch gesehen und als Bedrohung empfunden, sondern auch von vielen westlichen Politikern und Experten abgelehnt. Die entscheidenden Gründe für Ihre Ablehnung waren dabei sicherlich auch, die definitiven Zusagen u.a. von den ehemaligen Außenministern Genscher und Baker, dass es keine Erweiterung der NATO nach Osten geben würde. Genscher am 13. Januar 1990 in einer Rede an der Evangelischen Akademie in Tutzing wörtlich: »Was immer im Warschauer Pakt geschieht, eine Ausdehnung des NATO-Territoriums nach Osten, das heißt, näher an die Grenze der Sowjetunion heran, wird es nicht geben.« Vom amerikanischen Außenminister Baker gibt es eine Notiz zu NATO Extension: »not one inch eastward«.

Kritische Stimmen aus den USA

  • William Burns, früherer US-Botschafter in Moskau (2005-2008) und jetziger CIA Chef, bestätigt die Aussage Bakers und schreibt in seinem Buch »Back Channel« auf Seite 55 u.a.: »With President Bush´s support, Baker sold the concept to German chancellor Helmut Kohl and foreign minister Hans-Dietrich Genscher in early February ( 1990) , agreeing to use Two Plus Four negotiations to press for rapid unification and full NATO membership, while reassuring the Soviets that NATO would not be extended any farther to the east, and would be transformed to reflect the end of the Cold War and potential partnership with the Soviet Union. In meetings a few days later with Shevardnadze and Gorbachev in Moscow, Baker won their support, and began the effort to ease their resistance to membership of a unified Germany in NATO. Baker maintained that Soviet interests would be more secure with a united Germany wrapped up in NATO, than a Germany united to NATO and perhaps eventually with its own nuclear weapons. He also said that there would be no extension of NATO`s jurisdiction or forces “ one inch to the east“ of the borders of a reunified Germany. The Russians took him at his word and would feel betrayed by NATO enlargement in the years that followed even though the pledge was never formalized and was made before the breakup of the Soviet Union. It was an episode that would be relitigated for many years to com…«
  • Jack Matlock, ebenfalls ehemaliger US-Botschafter in Moskau (1987-1991) äußerte sich in seinen Memoiren, zeitlich unmittelbar vor Beginn des russischen Einmarsches in die Ukraine wie folgt: »Since Putin’s major demand is an assurance that NATO will take no further members, and specifically not Ukraine or Georgia, obviously there would have been no basis for the present crisis if there had been no expansion of the alliance following the end of the Cold War, or if the expansion had occurred in harmony with building a security structure in Europe that included Russia… The crisis can be easily resolved by the application of common sense…. By any common-sense standard it is in the interest of the United States to promote peace, not conflict. To try to detach Ukraine from Russian influence — the avowed aim of those who agitated for the ‘color revolutions’ — was a fool’s errand, and a dangerous one. Have we so soon forgotten the lesson of the Cuban Missile Crisis?«
    Und er erinnert an seinen Auftritt 1997 vor dem Auswärtigen Aussschuss des US-Senats: »In 1997, when the question of adding more NATO members arose, I was asked to testify before the Senate Foreign Relations Committee. In my introductory remarks, I made the following statement: I consider the administration’s recommendation to take new members into NATO at this time misguided. If it should be approved by the United States Senate, it may well go down in history as the most profound strategic blunder made since the end of the Cold War. Far from improving the security of the United States, its Allies, and the nations that wish to enter the Alliance, it could well encourage a chain of events that could produce the most serious security threat to this nation since the Soviet Union collapsed.«
  • George F. Kennan, ein hochgebildeter, Historiker und Diplomat, der selber von 1933 bis 1937 in der US-Botschaft in Moskau im Einsatz war, warnte in der New York Times vom 5. Februar 1997 mit drastischen Worten: »But something of the highest importance is at stake here. And perhaps it is not too late to advance a view that, I believe, is not only mine alone but is shared by a number of others with extensive and in most instances more recent experience in Russian matters. The view, bluntly stated, is that expanding NATO would be the most fateful error of American policy in the entire post-cold-war era. Such a decision may be expected to inflame the nationalistic, anti-Western and militaristic tendencies in Russian opinion; to have an adverse effect on the development of Russian democracy; to restore the atmosphere of the cold war to East-West relations, and to impel Russian foreign policy in directions decidedly not to our liking. And, last but not least, it might make it much more difficult, if not impossible, to secure the Russian Duma’s ratification of the Start II agreement and to achieve further reductions of nuclear weaponry.«
  • In seinen Memoiren erklärte Robert M. Gates, der sowohl unter George W Bush als auch unter Barack Obama als Verteidigungsminister fungierte, dass »die Beziehungen zu Russland nach dem Ausscheiden von Bush (senior) aus dem Amt im Jahr 1993 schlecht gemanagt wurden«. Neben anderen Fehltritten »waren die US-Vereinbarungen mit der rumänischen und der bulgarischen Regierung über die Rotation von Truppen durch Stützpunkte in diesen Ländern eine unnötige Provokation«. In einer impliziten Rüge an den jüngeren Bush behauptete Gates, dass »der Versuch, Georgien und die Ukraine in die Nato zu holen, wirklich zu weit ging«. Dieser Schritt sei ein Fall von »rücksichtsloser Missachtung dessen, was die Russen als ihre eigenen vitalen nationalen Interessen betrachten«.
  • Henry Kissinger kritisiert in diesem Zusammenhang, dass der Präsident keine strategisch auch nur ansatzweise sinnvolle Begründung dafür gegeben hat. Er hätte es vorgezogen, die NATO unverändert mit ihrer historischen Aufgabe der Verteidigung Europas zu belassen und für Sicherheitsfragen ganz Europas die OSZE zu benutzen.
  • Auch William Perry, US-Verteidigungsminister unter Bill Clinton (1994-1997), plädierte für andere Wege der Sicherheit für Europa als mit einer NATO-Erweiterung. »The nascent European Union might have been the channel to consolidate democratic development in post-Soviet countries. OrEurope could have been engaged through the multinational Organization for Economic Cooperation and Development, or even through a focus on closer relationships with individual countries. But Washington chose NATO.«
  • Ted Galen Carpenter, ehemaliger Direktor des »Cato Institute« in den USA schrieb im Jahr 1997 den Artikel »The Folly of NATO Enlargement«. Darin finden sich folgende Aussagen: »Expanding the alliance to Russia’s borders threatens to poison Moscow’s relations with the West and lead to dangerous confrontations. Extending security commitments to nations in Russia’s geopolitical “back yard” virtually invites a challenge…. Clinton administration officials and other supporters of NATO expansion profess to be baffled at Moscow’s hostile reaction. But even the most peaceably inclined Russian leader would find it difficult to tolerate a U.S.-dominated military alliance perched on his country’s western frontier…The post‐​Cold War changes that have taken place in NATO’s military orientation heighten Russian apprehension. Throughout the Cold War, Western leaders could credibly argue that the alliance existed solely to defend the territory of member‐​states from attack. But as NATO has ventured into “out of area” missions, most notably in Bosnia, and such prominent supporters of the alliance as former secretary of state James Baker advocate NATO intervention “anywhere and under any circumstances” peace and stability in Europe are threatened, the alliance now clearly has offensive as well as defensive objectives…. And Russians will likely remember that the West exploited their country’s temporary weakness to establish hegemony throughout Central and Eastern Europe. NATO enlargement, therefore, could become the 1990s’ equivalent of the Treaty of Versailles, which sowed the seeds of revenge and an enormously destructive war….An enlarged NATO is a dreadful, potentially catastrophic idea. Instead of healing the wounds of the Cold War, it threatens to create a new division of Europe and a set of dangerous security obligations for the United States.«
  • Präsident Clintons Außenministerin Madeleine Albright, räumt in ihren Memoiren ein: »Der russische Präsident Boris Jelzin und seine Landsleute lehnten die Erweiterung strikt ab, da sie darin eine Strategie sahen, die ihre Verwundbarkeit ausnutzen und die europäische Trennlinie nach Osten verschieben würde, wodurch sie isoliert blieben.«

Kritische Stimmen aus Deutschland

Nicht nur in den USA, sondern auch auf deutscher Seite gab es neben dem damaligen Außenminister Genscher weitere warnende Stimmen prominenter Politiker zur Osterweiterung der NATO

  • Der damalige Generalsekretär der NATO, Manfred Wörner, hatte schon 1991, noch vor der formellen Unabhängigkeit der 15 sowjetischen Unionsrepubliken, Boris Jelzin versichert, dass sich die ganz überwiegende Mehrheit der Staaten des NATO-Rates (13 von 16) gegen eine Ausweitung der NATO ausgesprochen habe und die Isolation der UdSSR von der Europäischen Gemeinschaft nicht zugelassen werden dürfe. Ein Jahr zuvor hatte er bereits in einer Rede in Brüssel versucht, in der Sowjetunion geäußerte Sorgen zu beruhigen, indem er erklärte: »Gerade die Tatsache, dass wir bereit sind Nato-Truppen nicht jenseits des Gebiets der Bundesrepublik Deutschland zu stationieren, gibt der Sowjetunion verbindliche Sicherheitsgarantien.«
  • Vom ehemaligen Bundeskanzler Schmidt gibt es aus dem Jahr 1993 die Aussage: »Wenn ich ein sowjetischer Marschall wäre oder ein Oberst, würde ich die Ausdehnung der NATO-Grenzen, erst von der Elbe bis an die Oder und dann über die Weichsel hinaus bis an die polnische Ostgrenze, für eine Provokation und eine Bedrohung des Heiligen Russlands halten, Und dagegen würde ich mich wehren. Und wenn ich mich heute nicht wehren kann, werde ich mir vornehmen, diese morgen zu Fall zu bringen.«
  • Egon Bahr äußerte sich zu dem Thema der NATO Osterweiterung wie folgt: »Europa kann seine Stabilität nur gewinnen, wenn es sicherheitspolitisch zwischen Lissabon und Wladiwostok für seine Staaten eine Struktur mit gemeinsamen Regeln formt […] Keine Regierung des Bündnisses hat erklärt, wie weit eigentlich die NATO ausgedehnt werden soll. Bis zur russischen Grenze? Eine Vorstellung für eine europäische Sicherheitsstruktur ist nicht erkennbar. […] Das amerikanische Interesse verlangt das Ziel einer sich selbst tragenden Sicherheitsstruktur für ganz Europa nicht, das europäische Interesse aber sehr wohl.«
Zusammenfassung

Im Mai 1995, anlässlich der Feierlichkeiten »50 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges« in Moskau, warnte Boris Jelzin seinen US-amerikanischen Amtskollegen Bill Clinton, indem er sagte: »For me to agree to the borders of NATO expanding towards those of Russia – that would constitute a betrayal on my part of the Russian people.« Die Details zu dieser Aussage können im mittlerweile öffentlich zugänglichen US-National-Security-Archiv nachgelesen werden.

Diese Einschätzung und Bewertung aus russischer Sicht hat sich auch durch die »Grundakte über gegenseitige Beziehungen, Zusammenarbeit und Sicherheit zwischen der Nordatlantikvertrags- Organisation und der Russischen Föderation« aus dem Jahr 1997 nicht wirklich geändert, obwohl es darin u.a. heißt: »Die Nordatlantikvertrags-Organisation und ihre Mitgliedstaaten einerseits und die Russische Föderation andererseits, im Folgenden als NATO und Russland bezeichnet, gestützt auf eine auf höchster politischer Ebene eingegangene    dauerhafte politische Verpflichtung, werden gemeinsam im euro-atlantischen Raum einen dauerhaften und umfassenden Frieden auf der Grundlage der Prinzipien der Demokratie und der kooperativen Sicherheit schaffen. Die NATO und Russland betrachten einander nicht als Gegner. Sie verfolgen gemeinsam das Ziel, die Spuren der früheren Konfrontation und Konkurrenz zu beseitigen und das gegenseitige Vertrauen und die Zusammenarbeit zu stärken.« Die Grundakte legte den Mechanismus für die Konsultation, die Zusammenarbeit, die gemeinsame Entscheidungsfindung und das gemeinsame Handeln fest. Um die Ziele zu verwirklichen, wurde ein »Gemeinsamer Ständiger NATO-Russland-Rat« eingerichtet, der zum »NATO-Russland-Rat« (NRR) weiterentwickelt wurde.

Ein Grund dafür, dass Moskau von den Zielen dieser Grundakte offensichtlich nicht (mehr?) überzeugt ist, liegt aus meiner Sicht darin, dass die gesamte Osterweiterung der NATO erst danach stattgefunden hat, nämlich zwischen 1999 und 2020, ohne dass die NATO dafür eine aus russischere Sicht einleuchtende Erklärung abgegeben hat. Das in diesem Zusammenhang immer wieder zu hörende Argument, die ehemaligen Staaten/Republiken der UdSSR hätten sich als nunmehr souveräne Staaten um eine Mitgliedschaft in der NATO beworben, ist für mich nicht schlüssig. Zum einen kann man zweifelsfrei belegen, ob diese Staaten wirklich von sich aus aktiv geworden sind oder von den USA mit entsprechenden Zusagen eingeladen wurden, und zum anderen hätte die NATO ja entsprechende Beitrittswünsche/Gesuche ablehnen können, weil sie der Sicherheit Ganzeuropas nicht wirklich dienlich waren.

Russland hatte 1990/91versucht, eine neue europäische Sicherheitsstruktur zu initiieren, der es auch selbst angehören wollte. Dafür hatte Moskau den Warschauer Pakt aufgelöst und z.B. 400.000 russische Soldaten aus der ehemaligen DDR abgezogen. Die NATO wurde dagegen nicht aufgelöst, sondern ständig erweitert und rückte auf diese Weise immer näher an die russischen Grenzen heran. Die USA haben ihre Truppenpräsenz in Europa nicht nur weitgehend beibehalten, sondern in manchen ehemaligen WP-Staaten/Republiken zusätzliche US-Truppen stationiert, z.T. nicht ständig, sondern rotierend. An einer neuen europäischen Sicherheitsstruktur war und ist der Westen unter Führung der USA nicht interessiert. Die als Nachfolgerin der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit (KSZE) gegründete »Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa« (OSZE), in der alle europäischen Staaten und auch die USA und Kanada Mitglied sind, spielt in der US-Außenpolitik überhaupt keine Rolle, weil die USA in dem Gremium nur 1 von 57 Stimmen haben und auch nicht als »Primus Inter Pares« agieren können.

Für Russland ist das für eine Zusammenarbeit erforderliche Vertrauen dadurch fundamental beschädigt worden, dass die USA und ihre Verbündeten sich bezüglich eines Verzichts auf eine Erweiterung der NATO nach Osten auf den Standpunkt gestellt haben, dass es darüber keine rechtsverbindlichen Vereinbarungen auf Regierungsebene gäbe, sondern lediglich persönliche Aussagen von Politikern auf Arbeitsebene und ohne pro cura. Diese Position ist vermutlich formaljuristisch zwar korrekt, aber letztlich eine, wenn nicht die wesentliche Ursache für den heutigen russischen Angriffskrieg. Moskau vertraut den USA nicht mehr, einem Staat, von dem der amerikanische, weltweit bekannte und prominenteste Kritiker der US-Außenpolitik, Professor Noam Chomsky in einem Interview mit der Irish Times vom 16. Oktober 2021 u.a. sagt: »In fact, the United States is one of those rare countries-maybe the only country-that´s been at war, almost always aggressive war, from the first moment of its founding…. It´s always in defense, of course. Everything is in defense… Which US president has not resorted to threat or use of force? I can´t think of one. So they are all undermining the US-constitution.«

Aus meiner Sicht ist die wesentliche Voraussetzung für einen Dialog mit Russland, um diesen Krieg zu stoppen, eine rechtlich verbindliche Zusage der USA auf Präsidentenebene, dass die Ukraine kein NATO-Mitglied wird und durch Verhandlungen über einen neutralen Status des Landes, auf welcher Basis auch immer, Einvernehmen erzielt wird.

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23 Kommentare

  1. Man kann fähig sein in einem Krieg zu siegen, aber danach unfähig sein, ihn auch zu gewinnen.

    Die Russen standen mal an der Elbe, und heute schaffen sie es nur mit Mühe an den Dnepr.

  2. Nicht wer zuerst die Waffen ergreift, ist der Anstifter des Unheils, sondern wer dazu nötigt.
    Niccolò Machiavelli (1469-1527)

    Kämpfe nicht, wenn Du nicht gewinnen kannst.
    Sun Tzu (ca. 534 – 453 v. Chr.)

  3. „Für Russland ist das für eine Zusammenarbeit erforderliche Vertrauen dadurch fundamental beschädigt worden, dass die USA und ihre Verbündeten sich bezüglich eines Verzichts auf eine Erweiterung der NATO nach Osten auf den Standpunkt gestellt haben, dass es darüber keine rechtsverbindlichen Vereinbarungen auf Regierungsebene gäbe,“

    Welches wären denn wohl die Subjekte für diese „rechtsverbindlichen Vereinbarungen auf Regierungsebene „?
    USA und Russland? NATO und Russland? NATO und Warschauer Pakt?

  4. „In diesem Zusammenhang ist mir wichtig, dass der völkerrechtswidrige Angriff Russlands damit nicht gerechtfertigt, sondern erklärt werden soll, weil es für die Lösung eines Konfliktes unabdingbar ist, sich mit seinen Ursachen auseinanderzusetzen.“
    Ist eine Erklärung in der im Artikel dargestellten Form keine Rechtfertigung? Das ist sehr dünnes Eis.

    Wäre die Ukraine 2008 in die Nato eingetreten oder wäre der Eintritt nicht verhindert worden, hätte die Annektion der Krim schon den Bündnisfall dargestellt. Im Licht der jetzigen Ereignisse wäre das womöglich besser gewesen.

    Die Ukraine war auch 2008 ein souveräner Staat, nicht an Weisungen aus Moskau gebunden, und Russland war auch damals in keiner Weise berechtigt, der Ukraine eine andere Euro/Geopolitische Ausrichtung zu verwehren oder seine Vorstellungen aufzunötigen.

    Welche Gründe haben wohl Schweden und Finnland, jetzt der Nato beizutreten?

    Nicht dass ich den Eintritt in die Nato für den besten Weg hielte. Aber andere Optionen gibt es offenbar keine.

    1. hi TheCalif, ich glaube, so einfach ist es nicht.
      1. Die Bevölkerung wäre 2008 mehrheitlich noch gegen einen NATO-Beitritt gewesen.
      2. Eine wesentliche Rolle spielte zudem das Assoziationsabkommen mit der EU. Kiew hatte die Wahl. Beide Seiten EU bzw. RU forderten eine Entscheidung. RU hatte nichts gegen eine EU-Assoziation, hätte aber dann kein Geld gegeben. Umgekehrt dasselbe mit der EU. Die Konditionen der EU waren dann aber so unangenehm für Kiew, dass hier wieder Richtung RU gerudert wurde.
      3. Warum sollte zudem Moskau kein Misstrauen gegen die NATO haben, wenn man bedenkt, dass die Russen 2mal beitreten wollten. Das wurde lächelnd abgewiesen. Warum wohl? (Das Surrogat war dann der NATO-RU-Rat, der aber nach kurzer Zeit sabotiert wurde und schließlich von beiden Seiten nicht mehr ernst genommen.)
      Ich finde alleine dieser Umstand, dass RU eine Mitgliedschaft verwehrt wurde, von dem kaum einer spricht, reicht doch, dass Misstrauen absolut nachzuvollziehen.
      4. Und dann bleibt da der Ausbau der NATO-Raketenschirme im ehemaligen Ostblock und in Skandinavien unberücksichtigt. Für Fragen der atomare Rüstung ist der Anti-Raketenschirm ein sehr entscheidendes Element. Die russ. Führung hatte damit von Anfang an ein riesengroßes Problem. Das wusste die NATO. Hat es nie ernst genommen, obwohl einige ihrer Atomwaffenspezialisten im Westen das sofort begriffen haben. Dazu gibt es seitenweise Studien. (ABM gegen Iran? Das konnte keiner ernst nehmen.) Also wozu?
      5. NATO-Osterweiterung. Warum nach Auflösung des Warschauer Paktes? Es gab nie eine polit. Rechtfertigung, die Allianz weiter zu halten.
      6. Und weil das Budapest Abkommen immer wieder erwähnt wurde seit Februar: 1994 übernahm RU die Entwaffnung der Ukraine. Die Ukrainer, die USA, die EU waren den Russen sehr dankbar, dass sie das Problem lösten, denn damals hatte keiner im Pentagon Lust auf eine Ukraine, die Hunderte Atomwaffen besaß, ich glaube es wäre sonst die drittgrößte Atommacht gewesen. Ein Alptraum für alle damals, als „non-proliferation“ das Zauberwort war. (man gucke die damaligen Hollywoodfilme. Das ist immer ein guter Indikator für die offizielle Linie.)
      7. Es gab nie Probleme zwischen RU / Finnland, Schweden. Lesen Sie Walander!
      8. Man sollte sich verabschieden von der Behauptung, Russland wolle Europa erobern. Das Märchen wird erzählt seit 1917 und hat offenbar bis heute nichts von seiner Wirkung verloren ist aber ebenso unsinnig wie damals.
      9. Stellen Sie sich vor, die Russen bleiben 2014 in Sachen Krim tatenlos, Teile der russ. Atomflotte fallen den Amerikanern in die Hände, und die übergeben sie Kiew, das dann als Atommacht in die NATO will. Damit wäre auch RUs Zugang zum Mittelmeer und darüber hinaus gefährdet gewesen.
      (vgl. Sie damit die USA und ihre Perspektive auf Hawaii als Marinestützpunkt. Das sind 4000 km! bis nach Kalifornien. Trotzdem tun alle so, als ob das der natürlichste Teil der USA wäre. Unilaterale vs. multilaterale Weltordnung bedeutet nichts anderes als dies: Die Kontrolle der Krim durch Russland wird als weniger legitim erachtet als die Kontrolle Hawaiis durch die USA. Warum? Weil die USA den gesamten Globus als ihr Operationsgebiet betrachten und wir das in Ordnung finden weil wir davon, im Unterschied zu den meisten, profitieren . In diesem globale Anspruchsdenken ist die Ukraine natürlich nicht irgendein Staat am Rande der Welt.)
      Das heißt nicht, dass die Russen nicht lieber eine diplomat. Lösung hätten wählen müssen in Sachen Krim. Aber dafür ist Putin dann zu ungeduldig, zu sehr in der entsprechenden Denke verankert. Aber das gälte auch für viele US-Politiker oder einen de Gaulle, der ebenfalls ein Freund von faits accomplis war. Und wie man im Englischen sagt „better safe than sorry“. Wenn es das auf Russisch nicht gibt, ist jetzt der Zeitpunkt es ins Lexikon aufzunehmen.

  5. Es gibt aber auch noch den Spruch: Angriff ist die beste Verteidigung. In der Tat wehrt sich die RF gegen eine Politik des Westens, die es schon lange auf eine Schwächung und ein Zurechtstutzen des Kreml auf das Niveau eines gefolgsamen „Drittweltstaates“ abgesehen hat. Was stört ist die atomare Bewaffnung und die außenpolitisch auf Eigenständigkeit pochende Linie der RF-Regierung. Außerdem missfällt sicherlich den USA die Tatsache, dass im Zuge speziell der deutschen Ostpolitik positive Anknüpfungspunkte in Sachen Rohstoffe gefunden wurden. Auf dieser Grundlage haben sich Geschäfte entwickelt, die der RF einerseits die geldmäßige Verwertung ihrer Vorkommen ermöglichte, andererseits der hiesigen Wirtschaft einen billigen und zuverlässigen Zufluss an Energie bescherte. Das ganze lief bis vor kurzem eigentlich ganz gut. Bis zum Gerangel um die Nord Stream 2-Pipeline und die entschiedene Fortsetzung der Nato-Expansion rund um die ehemaligen SU-Bestandteile. Das „strategische“ Kräfteverschieben des Westens Richtung Osten kommt dem Rückbau russischer Sicherheitsansprüche ebenso gleich wie der Klarstellung, dass die Macht- und Existenzberechtigung eines Staates auf diesem Planeten den Regelvorgaben der USA und der EU zu gehorchen haben, sowohl rechtlich als auch ökonomisch. Die Ukraine hat das abgenickt, die RF widersetzt sich. Die Quittungen dafür werden gerade verteilt: Eine runierte Ukraine wird als Kriegs-Proxy weitergeführt, den Russen wird (zu den Kriegskosten an Leuten und Material) darüberhinaus ein Wirtschaftskrieg aufgebrummt. Europäische Kollateralschäden werden per Umlage verteilt, die amerikanische Energie- und Militärproduktion erlebt Sternstunden ihres globalen Daseins.

  6. Erst einmal ein LOB an den Autor!
    Zweitens ist der Artikel veröffentlicht für deutsche oder deutsche Staatsangehörigkeit lebenden Menschen. Russland muss auf gar nichts hingewiesen werden, denn sie agieren aufgrund was im Artikel beschrieben wurde.
    Der Artikel ist adressiert für die „Subjekte“ in D.

  7. Eine richtige Einschätzung. Russland sieht sich nicht im Kampf gegen die Ukraine. Sondern im Kampf gegen den Westen, insbesondere gegen USA. Und was noch zu kurz kommt, Russland kämpft nicht einfach nur darum sich zu behaupten, es kämpft ums eigene Überleben. Es kann sich eine Niederlage gar nicht leisten. Wenn Russland in der Ukraine einstecken würde, würde der Westen Russland in viele kleine, harmlose und vollständig unterworfene Staaten zerschlagen und sie plündern. Daraus macht man im Westen auch gar kein Geheimnis. Einfach nach „decolonizing russia“ googeln. Man hat bereits Grenzen gezeichnet wie genau Russland zerlegt und filitiert werden soll. Russland hat diesen Kampf bis zum äußersten zu vermeiden versucht. Es ging halt wirklich nicht mehr.

    1. Ja sicherlich. Ergänzend: RF ist natürlich kein entbeinder Bimbostaat sondern eine wieder zu etwas Kräften gekommene Staatsmacht mit eigenen Ambitionen und Vorstellungen, wie eine „multipolare“ Welt denn so ausschauen soll. Darin besetzt sie einen der vorderen Plätze und agiert als ordnende Macht, was auch immer es da zu ordnen gibt. Vielleicht nach etwas anderen Kriterien als der Dollarimperialismus und das aufs eigene US-Geschäft fixierte Amiland, aber eine produktive Wirtschaft und bißchen schöner und friedlicher wollen es die Russen auch haben. Beim Geschäftemachen sind sie im Übrigen auch ganz eindeutig aus der Planwirtschaft des früheren Staatskapitalismus, weil zu erfolglos ausgestiegen und entwickeln ihre Ökonomie auf Basis der allseits bekannten volks- und betriebswirtschaftlichen Standards voran, weil ja erfolgreich, siehe Vorbild USA.

    2. Hallo Russischer Hacker,

      wahrscheinlich geht der Wertewesten davon aus das daß ein Heimspiel wird. Der Warschauerpakt und der Ostblock haben sich ohne ein Schuss in die Geschichte verabschiedet. Nur die Sowjetunion ist unter Schmerzen, Blut und Tränen für viele Menschen zerfallen. Das zeigt auch aktuell der Bruderkrieg in der Ukraine.

  8. Belarus, Kasachstan und die Ukraine haben sich von ihren Atomwaffen getrennt. Diese Länder gelten allgemein als Schurkenstaat, was soll bitte in Russland passieren wenn die den Krieg gegen die NATO/EU verlieren?

    Gibt es irgendwelche Spieletheorien für die Zukunft der Menschheit? Frage hier für ein Subjekt.

    Und wenn Schweden und Finnland in die NATO kommen, ist die gesamte Ostsee mit der Nordsee ein Binnenmeer der NATO/EU ohne freie Schiffahrt für die Russen!

  9. Was den Artikel von J.Hübschen absolut lesenwert macht, er trägt Faktem, Aussagen von wichtigen Politikern und Prominenten zusammen, welches man so nicht in den MSM lesen würde. Selbst mit heutig gebräuchlichen Suchmaschinen, würde der Sucher auf Pfade Dank der Macht der amerikansichen Hittech-Konzerne in Europa geführt, dass er kein brauchbares Ergebnis am Ende erhält.

    Die wichtigste und präziseste Aussagen in diesem sehr guten Text kommt meiner Meinung von einem kleinen deutschen Mann, der von seinen Zeitgenossen und der heutigen Generation sehr häufig unterschätzt wurde und wird. Egon Bahr.

    »Europa kann seine Stabilität nur gewinnen, wenn es sicherheitspolitisch zwischen Lissabon und Wladiwostok für seine Staaten eine Struktur mit gemeinsamen Regeln formt […] Keine Regierung des Bündnisses hat erklärt, wie weit eigentlich die NATO ausgedehnt werden soll. Bis zur russischen Grenze? Eine Vorstellung für eine europäische Sicherheitsstruktur ist nicht erkennbar. […] Das amerikanische Interesse verlangt das Ziel einer sich selbst tragenden Sicherheitsstruktur für ganz Europa nicht, das europäische Interesse aber sehr wohl.«

    Über diesen Satz ließe sich stundenlang, vielschichtig, facettenreich usw. diskutieren. Ich schneide nur einen kleinen Ausschnitt an.
    Was für den Satz von Egon Bahr gilt, trifft auch auf den Artikel von Jürgen Hübschen zu. Danke auch dafür!

    Ein politische Struktur im Sinne aller von Lissabon bis Wladiwostok lebenden Menschen für Wohlstand, Fortschritt, Abrüstung, Gleichheit, Verständigung, Interessenausgleich auf Augenhöhe, Respekt und dauerhaften Frieden, dass war mein Traum als die Wende in Osteuropa stattfand. Dafür hatte sich mein persönkliches Engagement auf den Straßen von Leipzig im Oktober 1989 gerechtfertigt. Doch aus dem „hatte“ wurde ein „hätte“. Schon 1999 führte die NATO ihren ersten völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf europäischen Boden und drückte ihre politischen Interessen durch. Diplomatie, welche ausgleichend und verständigend wirkt, war in der politischen Führung der USA, EU und NATO sofort aus einer Position des absoluten Sieges ausgelöscht worden. Dabei wurden die politischen, militärischen Folgen der Zukunft nicht bedacht oder aus einer Position der Arroganz des unantastbaren Hegemons in einer unipolaren Welt vollkommen ausgeblendet. Die politischen Mahner wurden als Spielverderber mit Nichtbeachtung in Politik, Militär und Journalismus herab gestuft und behandelt. Die Kompetenz einer großen Anzahl kluger (meist) Männer wurde im heute abgewertet.

    Doch die Welt ist in ihrer Entwicklung und Verlauf nicht so linear, wie es Planer in gesponserten NGO´s ihren us-amerikanischen Politikern „aufschwatzen“ wollen und „glaubhaft“ gemacht haben.

    Der große Spielverderber des Westens hat durch den Westen ab den 2000er Jahren einen Namen bekommen. Der Name ist Putin, direkt aus dem Herzen der Hölle kommend. Dies war in den Plänen der US-Strategen der vielen NGO´s nicht vorgesehen, geplant und zeitnah bekämpft.

    Das das eine Ein-Mann-Politshow nicht leisten kann, ist jedem denkenden Menschen klar, läßt sich aber in einer für das eigene Volk gestrickten „Wir sind die Guten“ Propagandastrategie nicht so gut vermarkten. Der Westen ist auf den Politikwechsel, welcher in Russland nach 1999 in kleinen Schritten stattfand, auf folgende Grundsatzpunte total „sauer“.
    1. Die neue Regierung und ihr beratender Stab unterband den Ausverkauf russischer Resourcen an ausländische Konzerne zu für Russland nachteilige Konditionen.
    2. Eine Verschuldung durch den IWF wurde unterbunden bzw. Schulden wurden abgebaut.
    3. Eine Abkopplung von US-Dollar findet statt (leider zu spät).
    4. Durch die Entwicklung besserer Luftabwehrsysteme, Hyperschallraketen und anderer moderner Waffen, ist Russland für die USA und NATO nicht direkt angreifbar, da sie dort die USA überholt haben.
    5. Die russische Aussenpolitik der gegenseitigen Hilfe auf Augenhöhe und Partnerschaft macht Russische Förderation zu einem anerkannten Staat ohne Angst und Schrecken.

    Vielleicht wäre für Herrn Hübschen das Thema Russlands Entwicklung mit dem Machtwechsel zu Putin und seinem Politteam ein weiteres Thema. Nach dem heutigen Artikel traue ich es dem Autor zu, dass er auch dieses Thema, differenziert und mit vielen neuen Erkenntnissen für seine Leserschaft angereichert, behandeln würde.

    PS.: Ich werde mich hier nicht oft wiederholen. Ja auch Russland ist nicht der perfekte Staat. Er hat viele Schwächen, welche kritikwürdig sind. Russland stellt sich aber auch nicht hin und sagt: „Wir sind perfekt! Ihr müsst es unter unserer Anleitung genau so machen!“
    Auch im Militär, Waffen, Kriegsführung unterlaufen der RF Fehler.

    1. Zu oskar P.S.
      Nein das sagen sie nicht. Das ist die westliche Arroganz, die sich darin ausdrückt, jeder hat nach der US-Pfeife zu tanzen. Und diese Arroganz beruht auf Gewalt, denn jeder, der sich weigert bekommt eins auf die Mütze. So sind die Russen nicht unterwegs. Ihre militärischen Operationen sind viel defensiver, kreisen immer um die eigene Sicherheit und suchen nach Garantien dafür. Aber den Status einer alternativen Weltordnung fordern sie mE schon ein. Im übrigen finde ich Punkt 1 bis 5 zutreffend.

      1. Was du uber Russland sagst, ist richtig.
        Trotzdem kann man deren Einkommenssteuerpolitik kritisch finden.
        Auch hat seid dem 24.02.2022 die Meinungsfreiheit in Russland gelitten.

        Wir sind in einer Position, wo wir alle Seiten ehrlich beleuchten können.

        Probleme scheinen die Russen im militärischen z. B. in der Drohnentechnologie zu haben. Dies wurde in den letzten Tagen im Forum auch durch verlinkte Artikel so diskutiert.

  10. Eine verdienstvolle Darstellung. Insbesondere die umfängliche Liste westlicher, gwiss nicht der Russlandnähe bezichtbarer Politiker, die sich der Aggression via nato-Entgrenzung sehr deutlich widersetzt und vor katastrophalen Folgen gewarnt haben.

    Aber es nützt wohl nichts. Die jüngsten Ereignisse auf der Krim zeigen, dass die u,s.-Amerikaner, die Briten und weiteren westlichen Scharfmacher wild entschlossen sind, weitere russische rote Linien zu überschreiten. Einerseits verständlich, weil die ukrainische und damit westliche Niederlage nicht zu verhindern ist, andererseits unendlich gefährlich. Man kann es so weit treiben, dass eine Staatsführung gar nicht anders kann, als Dinge zu tun, die sie eigentlich ablehnt. Die Unterstützung durch die eigne Bevölkerung ist nie bedingungslos.

    Immer noch warte ich vergeblich auf die klare, unmissverständliche Verurteilung der ukrainischen Angriffe auf ein AKW, deren mögliche Folgen man nicht zu beschreiben braucht. Noch immer befleissigen sich die deutschen Medien, inklusive desjenigen, dessen Kommentarspalte ich nutze, eines in diesem Zusammenhang absurden Agnostizismus.

    1. Hi Pnyx,

      „Am 19. August bereitet das Kiewer Regime während des Besuchs des UN-Generalsekretärs António Guterres in der Ukraine eine öffentlichkeitswirksame Provokation im AKW Saporoschje vor“, so der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Donnerstag, und fügte hinzu, dass dabei Russland beschuldigt werden soll, „eine von Menschen verursachte Katastrophe in diesem Kraftwerk herbeigeführt zu haben“.

      https://de.rt.com/kurzclips/video/146505-nukleare-katastrophe-nur-wenige-stunden-entfernt/

  11. Interessanterweise hatte Zelensky schon im März in einem CNN-Interview zugegeben, dass ihm klar gemacht wurde, dass die Ukraine nicht in die NATO kommt, man aber öffentlich weiter so tun würde als ob doch.

    „I requested them personally to say directly that we are going to accept you into NATO in a year or two or five, just say it directly and clearly, or just say no,“ Zelensky said. „And the response was very clear, you’re not going to be a NATO member, but publicly, the doors will remain open,“ he said.

    https://edition.cnn.com/europe/live-news/ukraine-russia-putin-news-03-20-22/h_7c08d64201fdd9d3a141e63e606a62e4

  12. Vielleicht öffnet das folgende, in meiner Wahrnehmung sehr ehrliche Interview einer russischen „Liberalen“ nach einem Besuch im Donbass, auch manchem anderen „Liberalen“ die Augen:
    https://www.youtube.com/watch?v=0OysQ7yQl_o

    Im Übrigen ein großes Lob an den Autor für diese hervorragende Zusammenstellung von Fakten, die sehr wichtig sind für das Verstehen dessen, was in der Ukraine und nicht nur dort im Augenblick geschieht.

  13. 3:30 min. Kommentar von Stephen Cohen 2010 beim Carnegie Council zur Doppelmoral in Sachen „sphere of influence“.
    https://www.youtube.com/watch?v=jGmQ07TAlow

    Was sich seitdem geändert hat: Der Westen hat eine Legitimation für diese Doppelmoral geschaffen, die nun auch die EU akzeptiert. Die Dämonisierung des Gegners rechtfertigt nun die Doppelmoral. Das macht jede argumentative Auseinandersetzung mit Andersdenkenden unnötig.

  14. Ich habe nur die Einleitung gelesen und bin bei der Aufzählung der jeweiligen Bündnispartner schon ausgestiegen. Man sollte nicht unerwähnt lassen, dass es für die Staaten des Warschauer Paktes wohl wesentlich weniger (eher wohl gar keine) Möglichkeiten gab sich dem zu entziehen. In Ungarn, der ČSSR (heute Tschechien und die Slowakei), der DDR und Polen wurden sämtliche Bestrebungen sich dem sowjetischen Diktat zu widersetzen von staatswegen (und natürlich im Interesse des „großen Bruders“ in Moskau) der Gar aus gemacht. Eine (vielleicht notgedrungene) Freiwilligkeit wie auf der westlichen Seite einem Bündnis beizutreten, gab es eben nicht. Jetzt darüber zu fabilieren, dass der „Nachfolge-Sowjetunion“ Russland keine Bündnispartner mehr zur Verfügung stehen, verursacht mir leichten Brechreiz. In der Endkonsequenz kann man dann das Ende des vermeintlichen Kommunismus (der er im Übrigen nie war) 1989 auch in Frage stellen. Ergo – am Besten wäre 1989 alles so geblieben wie es war. Na denn – Prost.

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