
Hongqiao: eine kommunale Basisdemokratie in China?
Es gibt kaum recherchierte Praxisberichte über die Intentionen der Organisation und Effektivität der chinesischen basisdemokratischen Ansätze und in der westlichen Presse wird China ja nur als monolithische von oben (Beijing) gesteuerte Diktatur verunglimpft.
Um einen näheren Eindruck zu bekommen, besuchte ich das Bürgerzentrum Gubei im Shanghaier Unterbezirk Hongqiao. Warum dieses? Es ist in China bekannt als Vorbild für die Organisation seiner ‘Praxis-Basis der Volksdemokratie des gesamten Prozesses‘ und der ‚Gesetzgebungs-Kontaktstelle auf primärer Ebene’.
Es geht um die Teilhabe der Menschen und um Selbstverwaltung
Die demokratische Praxis-Basis in Hongqiao ist ein Beispiel für eine Selbstverwaltungseinheit auf Basisebene. Auf dieser Ebene werden in organisierter Art und Weise die ‚Mühen der Ebene‘ der täglichen Probleme der Bewohner diskutiert und abgearbeitet. Es sind Themen die das Leben der einfachen Menschen betreffen, wie Ernährung, Kleidung, Wohnen, Umwelt und Transportmöglichkeiten. Wie kommen Ideen und Priorisierung von Wünschen zustande?
Frau Hong Sheng, eine von der lokalen Bevölkerung gewählte Abgeordnete des Nationalen Volkskongresses, Leiterin des Bürgerzentrums und Mitglied der KP Chinas, erklärt: „Wir haben Community-Vorschläge für kleinere Erneuerungsprojekte für mehrere Jahre und gute Aktivitäten, wobei wir auf die Meinungen und Vorschläge der Bewohner hören. Wir bringen wiederum die Vorschläge in die Nachbarschaft und veröffentlichen sie auf Plakaten oder Bildern. Dann kann jeder online und offline wählen, was er am Liebsten hätte, und wobei er sich selbst beteiligen möchte. Darüber hinaus werden nach der Fertigstellung von Vorhaben auch jedes Jahr einige Feedback-Treffen, wie Treffen der Repräsentanten der Bewohner, abgehalten und alle können beurteilen, ob es gut gemacht wurde. In unserem täglichen Arbeitsleben, wenn es um Probleme rund um unsere Bewohner geht, sind Bewohner tatsächlich beteiligt. Wenn sie verstehen, teilnehmen und Meinungen äußern, können sie am gesamten Realisierungsprozess teilnehmen, sodass die Menschen relativ zufrieden sind, weil sie eben teilnehmen.“
Herr Yuanchao You, Mitarbeiter des Gemeinschaftsbüros für Autonomie systematisiert die Arbeiten seines Büros: „Es gibt die vier Hauptaspekte der Grassroot-Praxis, auf die wir uns konzentrieren: Beratung zur Gesetzgebung, Konsultation zu Planungsentscheidungen, Sammlung von Vorschlägen der Bewohner und Konsultationen zu öffentlichen Angelegenheiten der Gemeinschaft.“ Erfahrungen der praktischen Arbeit werden systematisiert und Gesetzmäßigkeiten und bewährte Praktiken analysiert und dann als Leitfaden für die Praxis aufbereitet.
So sind die Prozessschritte zur Realisierung von Projekten systematisch definiert, von der ersten Problemfindung bis zur Umsetzungskontrolle und Feedback-Schleife. Aber immer wichtig: alles wird mit den Bewohnern abgestimmt und letztlich zur gemeinsamen Beschlussfassung eine einheitliche Meinung gebildet.
Erfolge der demokratischen Praxisbasis in Hongqiao
Was sind beispielsweise Erfolge der demokratischen Praxisbasis:
- sie hat eine Reihe von Mechanismen für die Beteiligung der Menschen an der Entscheidungsfindung eingerichtet, wie öffentliche Anhörungen, Bürgerkonsultationen und Online-Umfragen
- Einrichtung eines Volksbeteiligungsausschusses, der eine Plattform für die Bewohner ist, um an Entscheidungsprozessen teilzunehmen. Der Ausschuss setzt sich aus Vertretern verschiedener Sektoren der Gemeinschaft zusammen, darunter Bewohnerkomitees, Unternehmen und soziale Organisationen.
- Im Jahr 2020 startete das ‚Mikrokonsultations‘-System, das es den Bewohnern ermöglicht, an der Entscheidungsfindung in kleineren Fragen wie der Platzierung von Verkehrsschildern und der Gestaltung öffentlicher Räume teilzunehmen
- 2021 hat die Basis das ‚Volksinspektor‘-System eingeführt, das es den Bewohnern ermöglicht, Korruption und anderes Fehlverhalten von Regierungsbeamten zu melden
- Die Praxisbasis hat ein Volksmediationszentrum eingerichtet, um bei der Beilegung von Streitigkeiten zwischen den Bewohnern sowie zwischen den Bewohnern und der lokalen Regierung zu helfen.
- Problemlösungen für ältere Mitbürger, z.B. Gründung von 12 Kantinen für Senioren, Einbau von Aufzügen in Altbauten
- 2023 wurde das ‚Freiwilligendienst‘-System gestartet, das es den Bewohnern ermöglicht, ihre Zeit und Fähigkeiten freiwillig für Dienste in der Gemeinde zur Verfügung zu stellen
Umfassende Seniorenbetreuung
Nachdem ich auch nicht mehr der Jüngste bin und bekannt ist, dass es in China immer mehr Senioren gibt, erkundige ich mich bei Frau Junting He, die für die Seniorenbetreuung im Hongqiao-Subdistrikt zuständig ist über ihre Tätigkeiten im Bezirk.
Es gibt im Unterbezirk fast 21.000 registrierte ältere Menschen. Durch die Schaffung eines Seniorenpflege-Betreuungskreises in maximaler Entfernung von 15 Minuten zu allen Wohnungen, der Schaffung eines Zentrums und mehrerer Standorte können ältere Menschen bequeme, professionelle und vielfältige Altenpflegedienste in der Nähe erhalten. „Wir bieten 26 Servicedienstleistungen in vier Kategorien, darunter Bequemlichkeit, Gesundheit, Kultur und geistige Betätigung. Wir gründeten ein Senioren-Sport -und Gesundheitsheim mit ärztlicher Betreuung. Wir sind auch die Drehscheibe für die Seniorenpflege vor Ort, indem wir einige Dienstleistungen in unsere Wohnanlagen bringen, einschließlich des Sammelns und die Lieferung von Hilfsgütern für unsere älteren Menschen, Essenservice sowie für verlorene Gegenstände.“ schildert Frau He.
Spezielle Unterstützung gibt es für demente Personen und deren Familien. Das Essens-Service bietet Lieferung zu Hause an oder die Senioren können in Gemeinschaftskantinen kommen. Sie melden sich mit einer Handy-App zu Mahlzeiten an. In die großzügig eingerichtete Kantine im Gubei-Zentrum kommen täglich 60-70 Personen zu Mittag und/oder abends, es gibt auch Jause für sie. Ich sah die mit Kreide auf eine große Tafel geschriebene Preisliste für die Jause. So kostet eine Kanne Grüntee oder Schwarzer Tee 1 Renminbi (umgerechnet ca. 13 Eurocent), Kaffee ist teurer als Tee, so kostet eine Tasse Cappuccino 8 RMB (umgerechnet 1 Euro), eine Portion Keks zur Jause ist um 5 RMB (0,6 Euro) zu bekommen.
Wie motiviert die Praxisbasis die Menschen sich zu engagieren?
Ich frage Frau Abgeordnete Sheng, wie es gelingt die Menschen zu motivieren, sich aktiv zu beteiligen? Das kostet sie doch viel Zeit, die Leute haben Arbeit, Kinder. Sie antwortet „Wir haben eine Formulierung: ’Zusammen aufbauen, zusammen verwalten, zusammen genießen!’. Das heißt, um die Begeisterung von Bürgern oder Bewohnern zu wecken, müssen sie das Gefühl haben, dass eine Angelegenheit positive Auswirkungen auf sie hat. Unabhängig davon, ob sie am Ende realisiert werden kann, werden wir antworten. Das ist es, worüber wir reden: wenn ein Bewohner sich um etwas kümmert, werde ich darauf reagieren. Demokratie ist keine Illusion, sondern kann gesehen, berührt und gefühlt werden. Wir haben auch die Formulierung, dass wir die Lebensunterhaltsprobleme der Menschen auf demokratische Weise lösen wollen.“
Die ‚Gesetzgebungs-Kontaktstelle auf primärer Ebene’: Brücke vom Gesetzgeber zu den Bürgern
Seit Jahren ist in allen wichtigen Dokumenten der KP Chinas und der diversen Staatsorgane das Ziel der Bildung des Rechtsstaats angesprochen, auch die Bindung der Handlungen aller Staatsorgane an Gesetze. Es gibt intensive Arbeiten am Aufbau eines theoretischen Gebäudes, der Gesetze, der Begutachtungsverfahren, der organisatorischen Struktur. In China selbst herrscht selbstkritische Klarheit, dass für den weiteren Aufbau der Wirtschaft und die Befriedigung der Rechtsbedürfnisse der Bevölkerung die bestehenden Systeme und deren Anwendung in der Praxis noch unzureichend sind.
Einer der Problemkreise ist der Link der gesetzgebenden Einheiten zur Bevölkerung. Seit einigen Jahren gibt es vermehrte Bemühungen des Nationalen Volkskongresses, von dem die nationalen Gesetze und Verordnungen beschlossen werden, die Basiseinheiten in den Gesetzgebungsprozess als Begutachter einzubeziehen. Diese Einheiten auf Grassroot-Ebene heißen ‚Gesetzgebungs-Kontaktstelle auf primärer Ebene’, eine davon ist in Hongqiao beheimatet. Das Konzept der ‚Volksdemokratie des gesamten Prozesses‘ basiert eben auf der Idee, dass die Menschen von Anfang bis Ende in Entscheidungsprozesse einbezogen werden sollen, es geht um Partizipation. Das bedeutet, dass die Menschen neben der Mitarbeit in der Lösung ihrer Probleme im Stadtteil auch in den Prozess der Ausarbeitung von Gesetzen, Richtlinien und Vorschriften des Zentralstaates, der Provinz- und Stadtebene einbezogen werden. Sie werden in Folge auch in den Prozess der Umsetzung dieser Gesetze, Richtlinien und Vorschriften integriert, was zur Entwicklung und Stärkung des Rechtsstaats und des auf allen Ebenen oft mangelhaften Rechtsbewusstseins beiträgt.
Die Kontaktstellen bieten eine Reihe von Dienstleistungen an. Dazu gehören Informationen über neue Gesetzesentwürfe, Organisation von Beratungen von Gesetzesentwürfen für interessierte Bürger unter Einbindung von Sachexperten und Rechtsanwälten oder jeweiligen Stakeholdern. Dazu gehören strukturierte öffentliche Anhörungen, Umfragen und Konsultationen in allen 16 Wohnvierteln unter Koordination von 420 Beratern und 15 Consulting-Organisationen.
Wie arbeiten diese Kontaktstellen? Frau Xinhui WU ist im Hauptberuf Rechtsanwältin und auch Informationsbeauftragte der legislativen Kontaktstelle in Hongqiao. Sie beschreibt die Abläufe: „Unser Verbindungsbüro erhält gesetzgeberische Stellungnahmen des Nationalen Volkskongresses. Durch die Einladung diverser Personen, ihre Meinungen und Vorschläge zu Gesetzesänderungen frei zu äußern, wird unsere Sammlung von Gesetzgebungsmeinungen branchenübergreifend und repräsentativ. Stellungnahmen der Bürger oder Unternehmen können in gesetzgeberische Stellungnahmen übernommen werden, aber natürlich nicht alle. Nachdem wir einige Stellungnahmen bearbeitet haben, werden die Ergebnisse dem Nationalen Volkskongress mitgeteilt.
Nachdem sich die ersten vier legislativen Kontaktstellen in Xiangyang in Hubei, Jingdezhen in Jiangxi, Lintao in Gansu und eben Hongqiao in Shanghai sehr bewährt haben, wurden diese Institutionen auf ganz China ausgeweitet. Mittlerweile gibt es landesweit mehr als 6.000 gesetzgeberische Basiskontaktstellen auf allen lokalen Ebenen, das heißt nicht nur auf Ebene des Nationalen Volkskongresses, sondern auf allen 5 Ebenen von Gesetze beschließenden Volkskongressen.
Mein Eindruck von dieser Recherche in Hongqiao
Ich nahm von meinem Besuch in Shanghai mit, dass hier höchst engagierte Menschen tätig sind, die großes Fachwissen haben, und es als ihre Aufgabe sehen, der Bevölkerung zu helfen, das Land in Selbstverwaltung zu führen und ihre Probleme und Anliegen befriedigend zu lösen.
Es gibt in China demokratische Strukturen und Vorgangsweisen, die im Westen vollkommen ignoriert werden. Diese Strukturen und Prozesse sind nicht perfekt, werden aber laufend verbessert. Auch Demokratie muss man organisieren, vor allem in einem so großen Land. Entwicklung der sozialistischen Demokratie geht in China Hand in Hand mit den großen Anstrengungen der Entwicklung der Rechtsstaatlichkeit, Abdeckung der vielfältigen Themen des Lebens und der Wirtschaft durch Gesetze und Verordnungen, Bindung der Regierungstätigkeit und Verwaltung an Gesetze.





Zu begrüßen ist die Selbstverwaltungsdemokratie in China.
Zu begrüßen ist der starke Staatssektor in der Ökonomie.
Zu begrüßen ist die Vertreibung der kinderschändenden Feudalmönche aus Tibet.
Zu begrüßen ist das entschiedene rechtsstaatliche Vorgehen gegen Verbrecher wie Jimmy Lai.
Nicht zu begüßen ist der große Freiraum für kapitalistisches Wirtschaften.
@So und nicht anders
Was den Kapitalismus in China angeht, da las ich vor kurzem eine interessante Theorie warum der dort Einzug fand – der globale Kapitalismus lässt sich mit jeder Gesellschaft, Ideologie bzw. Regierung dieses Planeten kombinieren
Gerade diese Flexibilität machte den Kapitalismus unsterblich im Gegensatz zum autoritären Staatskommunismus/-sozialismus längst vergangener Zeiten –
Der internationale Kapitalismus war, und ist, eben eben ein Chamäleon 🦎 und die Theorie hat was 😉 😀
Gruß
Bernie
„[…]Es gibt in China demokratische Strukturen und Vorgangsweisen, die im Westen vollkommen ignoriert werden. Diese Strukturen und Prozesse sind nicht perfekt, werden aber laufend verbessert. Auch Demokratie muss man organisieren, vor allem in einem so großen Land. Entwicklung der sozialistischen Demokratie geht in China Hand in Hand mit den großen Anstrengungen der Entwicklung der Rechtsstaatlichkeit, Abdeckung der vielfältigen Themen des Lebens und der Wirtschaft durch Gesetze und Verordnungen, Bindung der Regierungstätigkeit und Verwaltung an Gesetze.[…]“
Wo die angebliche „sozialistische Demokratie“ aufhört hat die chinesische Schriftstellerin Fang Fang ja schon des öfteren erfahren müssen:
https://hoffmann-und-campe.de/search?q=Fang+Fang&options%5Bprefix%5D=last
Mensch in China hat schon „Demokratie“, aber bei der Geschichte Chinas durch Autoren gibt es Grenzen, die nicht veröffentlicht werden dürfen.
Zumal die einst Hauptverantwortliche dieser Verbrechen, die chinesisch-kommunistische Partei, des Menschheitsverbrechers Mao Zedong (https://de.wikipedia.org/wiki/Mao_Zedong) bis heute in China fest im Regierungssattel sitzt.
Nein, ich habe die Modernisierung Chinas nicht verschlafen.
Ich will nur darauf hinweisen, dass es auch in China dunkle Schatten in der Geschichte gibt, die Mensch lieber im Dunkeln läßt – ganz besonders wenn dieser Mensch, als Chinesin in Wuhan, in China lebt, wohnt und als Schriftstellerin tätig sein darf.
Gruß
Bernie
Schön das Robert Fitzthum hier sachlich aus China berichten kann. Solche Berichte sind notwendiger denn ja. Typisch, das gleich ein paar „kritische Langnasen“ wieder ein Haar in der Suppe finden müssen. Nachdem die linke Ikone Noam Chomsky lange Zeit freundschaftliche Beziehungen zum Sexualstraftäter und mutmaßlichen Mossad-Agenet Jeffrey Epstein unterhielt wäre es auch für den Westen an der Zeit eine Antikorruptionskampagne zu starten, wie es Xi Jinping schon mehr als 10 Jahre in China tut. Fast Euch gefälligst an Eure eigenen langen Nasen, bevor ihr über China meckert.
Danke für den Artikel, bitte mehr davon!
Mag. Robert Fitzthum:
Wie ist die chinesische Zero-COVID Politik mit Fakten zu beurteilen? Während die EU
und die USA jeweils mehr als 1,1 Mio. Tote einer neoliberalen, wirtschaftsorientierten
COVID-Ignorieren-Politik zu verdanken haben, gab es in China bis Ende März 2023
’nur’ ca. 120.000 an COVID Verstorbene. Wie Hochrechnungen ergeben haben, hat
sich China 1,6 Mio. Tote erspart! Durch die Zero-COVID-Politik ist es China auch
gelungen die Lebenserwartung in den letzten drei Jahren im Gegensatz zu den USA
und diversen EU-Staaten, wo die Lebenserwartung gesunken ist, zu steigern!
geschrieben in 2022…
alles klaro 😉
ach ja Quelle:
https://www.acba.at/wp-content/uploads/2023/06/ACBA-Jahresbericht-2022.pdf