Revolution ohne Klassenkampf?

Flagge Sri Lanka
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Das gesellschaftspolitische Projekt der neuen, seit eineinhalb Jahren amtierenden Linksregierung in dem südasiatischen Inselstaat Sri Lanka ist geeignet, so manche jahrzehntelang für zutreffend erachtete These über Sozialismus und Kapitalismus als überholt erscheinen zu lassen.

Kaum zu glauben, was es in früheren, freieren und toleranteren Zeiten so alles gab: In den 1970er Jahren diskutierten einmal in einer Radiosendung (!) der neo-marxistische Theoretiker Herbert Marcuse und der damalige Generalsekretär der CDU, Kurt Biedenkopf, über Sozialismus und Kapitalismus. Biedenkopf fragte Marcuse, wo denn dessen marxistische Utopie von einer sozial gerechten Gesellschaft ohne Ausbeutung bisher verwirklicht worden sei: In der UdSSR? In China? In Kuba? In Albanien? Marcuse antwortete, für ihn gäbe es kein zum damaligen Zeitpunkt realisiertes Modell für eine derartige Gesellschaft und fügte einen Satz hinzu, der so schlicht und wahr ist, dass man sich ihn eigentlich eingerahmt übers Bett hängen müsste: „Die Tatsache, dass etwas noch nicht existiert, ist noch lange kein Beweis dafür, dass es nicht existieren kann.“

Nach dem Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ in der Sowjetunion und im restlichen Osteuropa schien allerdings klar zu sein, dass es keine funktionsfähige Alternative zum globalen Kapitalismus geben könne, dass das „Ende der Geschichte“ (so der US-Wissenschaftler Francis Fukuyama in seinem gleichnamigen Buch) erreicht sei(1), dass eine möglichst freie Marktwirtschaft jeder „kommunistischen Mangelwirtschaft“ haushoch überlegen sei, und dass „Sozialismus“, verstanden im marxistischen Sinne, stets Einparteienherrschaft und die Abschaffung von Demokratie und Freiheit bedeute. In Russland und in den meisten anderen postsowjetischen Gesellschaften zog ein rabiater Wild-West-Kapitalismus ein, westliche Konzerne fielen wie Heuschrecken über die Überreste der östlichen Planwirtschaften her, in der ehemaligen DDR wurden ganze Industrien abgewickelt – mit dramatischen sozialen Konsequenzen. Aber angeblich mussten derartige Opfer nun einmal gebracht werden; nach einem Prozess der „schöpferischen Zerstörung“(2) und nach einer unvermeidbaren Durststrecke würden sich dann, so hieß es, „blühende Landschaften“ (Helmut Kohl) auf den Trümmern des alten, grauen, sozialistischen Alltags entfalten.

Dem war aber keineswegs überall so, und auch der phänomenale ökonomische Aufstieg der Volksrepublik China zur globalen Wirtschaftsmacht Nr. 2 im letzten Vierteljahrhundert erschütterte einen Teil dieser Annahmen; nach diversen Prognosen wird das seit 1949 von leibhaftigen Kommunisten regierte Land demnächst die USA als wirtschaftliches Powerhouse der Welt überholen. Kommunistische Mangelwirtschaft? Schon längst kann dort hiervon keine Rede mehr sein. Zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte habe es eine Regierung vermocht, mehrere hundert Millionen Menschen innerhalb einer einzigen Generation aus der absoluten Armut zu holen, konstatieren selbst westliche Ökonomen; die wirtschaftspolitischen Reformen Deng Xiaopings, des chinesischen Kommunistenführers, der sich nach dem Tod des Staatsgründers Mao Tse-Tung mit seinen Konzepten im innerparteilichen Machtkampf durchsetzte, hätten durchschlagende Wirkung gehabt. Und die „sozialistische Marktwirtschaft“ Chinas, so der offizielle Terminus des Regimes für sein Wirtschaftssystem, blieb in den letzten Jahrzehnten nicht das einzige Beispiel für eine erfolgreiche mixed economy mit einem starken, dominierenden Staatssektor: Auch Vietnam, noch in den 1980er Jahren ein bitterarmes Land, kann heute mit Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts aufwarten, von denen die Regierenden in den USA und Westeuropa inzwischen nur noch träumen können.(3)

Die Systemfrage scheint sich also erneut zu stellen, über dreißig Jahre nach dem Erscheinen von Fukuyamas Buch. Und in Lateinamerika sorgte eine „rosa Welle“ in den 1990er und 2000er Jahren nicht nur für eine Renaissance sozialistischen und marxistischen Denkens, sondern auch für den auf lupenrein demokratische Art und Weise vollzogenen Sturz diverser Rechts- und Halbrechts-Regime und die Etablierung von progressiven Regierungen: in Venezuela, in Brasilien, in Uruguay, in Argentinien, in Ecuador, in Bolivien, später auch in Mexiko und in Kolumbien. Teilweise ist dieser Prozess wieder rückläufig (in Venezuela unter tatkräftiger Federführung durch die US Army), aber zumindest Mexiko, Brasilien, Kolumbien und Uruguay halten bisher dem Rollback stand; selbst Kuba, seit vielen Jahren in einer desolaten ökonomischen Situation (nicht zuletzt natürlich durch die skrupellose Strangulationspolitik der US-Regierung) ist noch nicht gefallen, trotzt immer noch den hyper-imperialistischen Angriffen der Gringos. Der ungehemmte, allen Sozialklimbim über Bord werfende Kapitalismus hat zwar global gesiegt, zugegeben, aber noch immer halten sich Widerstandsnester weltweit, und im Hintergrund profiliert sich die Volksrepublik China immer deutlicher als attraktives Gegenmodell, zumindest in ökonomischer Hinsicht.

Die neue Linksregierung in Sri Lanka

Im Unterschied etwa zu der politischen Agenda des 1999 an die Macht gekommenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez trat die „National Peoples Power“(NPP)-Allianz – ein Wahlbündnis rund um die so genannte „Peoples Liberation Front“, singhalesisch „Janatha Vimukthi Peramuna“ (JVP), eine explizit marxistisch-leninistisch ausgerichtete Kaderpartei – in Sri Lanka zu den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Herbst 2024 nicht mit einem umfangreichen Verstaatlichungsprogramm von privaten Unternehmen an, sondern mit (aus europäischer Sicht) betont „sozialdemokratischen“ Zielsetzungen: Hebung des Lebensstandards der breiten Masse der Bevölkerung, Überwindung der Wirtschaftskrise, Modernisierung des Staatsapparats.(4) Hintergrund hierfür war natürlich der Umstand, dass das kleine südasiatische Land bereits heute über einen ausgedehnten Staatssektor in der Ökonomie verfügt; nach einer aktuellen Studie ist er deutlich größer als etwa derjenige in Vietnam oder in Laos, beides Länder, die seit vielen Jahrzehnten von kommunistischen Parteien regiert werden.(5) Es handelt sich hierbei vor allem um das Erbe der Volksfrontregierungen in Sri Lanka in den 1960er und 1970er Jahren, unter der Führung der sozialdemokratischen Premierministerin Sirimavo Bandaranaike.(6) Viele wirtschafts- und sozialpolitischen Errungenschaften jener Ära (unter anderem auch das kostenlose Gesundheitssystem und das kostenlose Bildungssystem) wurden auch von den nachfolgenden Regierungen der pro-westlich orientierten, konservativen „United National Party“ nicht zurückgedreht – weil viel zu populär. In einer demoskopischen Erhebung vor ein paar Jahren bewerteten 49% der Bevölkerung der Insel den Begriff „Sozialismus“ als positiv, den Begriff „Kapitalismus“ hingegen nur 22%.(7) Neben Vietnam ist Sri Lanka das einzige Land der Welt, das den Begriff „sozialistisch“ in seinem offiziellen Staatsnamen führt; auf den Reisepässen seiner Bürger steht stolz: „Democratic Socialist Republic of Sri Lanka“.

Zwar fordert der Internationale Währungsfonds (IWF), einer der wichtigen Kreditgeber für den notorisch klammen srilankischen Staat, seit Jahren die Regierung auf, „marode“ Staatsunternehmen endlich zu privatisieren, aber das neue NPP-Kabinett unter Präsident Anura Kamura Dissanayake weigert sich strikt, dem nachzukommen. Und oh Wunder: Der IWF scheint inzwischen tatsächlich dazu geneigt, dies zu akzeptieren; selbstverständlich sei es Sache der Sri Lanker, selbst darüber zu entscheiden, welche Bereiche der Ökonomie staatlich und welche privat sein sollen, heißt es in einer aktuellen IWF-Stellungnahme.(8) Die Strategie der NPP-Regierung zielt stattdessen darauf ab, die existierenden Staatsunternehmen effizienter zu machen, sie im Idealfall in profitbringende Firmen zu verwandeln. Zentral in diesem Zusammenhang ist da natürlich der Kampf gegen die (leider) allgegenwärtige Korruption; der Erfolg der Regierung in dieser Hinsicht wird wohl darüber entscheiden, ob ihre Herrschaft von einiger Dauer sein wird – oder nicht.

Die ungewöhnliche Milde, mit der die IWF-Entscheidungsträger die neue Linksregierung behandeln, könnte natürlich auch damit zu tun haben, dass Letztere durchaus eine Alternativoption zur Hand hätte, würde der IWF die Daumenschrauben anziehen (wie er es so oft in der Vergangenheit gegenüber Ländern des globalen Südens getan hat). Der größte Kreditgeber für den srilankischen Staat ist nämlich schon jetzt nicht der IWF, sondern die Regierung der Volksrepublik China – und diese zeigt schon seit Jahren ein großes Interesse daran, die wirtschaftlichen und finanziellen Beziehungen zu dem südasiatischen Land zu intensivieren. Der „Lotus Tower“, ein Fernsehturm mitten in der Hauptstadt Colombo (und das höchste Bauwerk ganz Südasiens), ist in den 2010er Jahren mit chinesischen Geldern gebaut worden, und auch das ambitionierte „Port City“-Projekt in Colombo stützt sich auf Kreditgeber aus dem Reich der Mitte. Sri Lanka spielt eine bedeutende Rolle in dem chinesischen Projekt einer „maritimen Seidenstraße“, sozusagen einer Ergänzung zu Wasser zu der Vision einer landgestützten Handelsroute von Ostasien über Zentralasien bis hin nach Europa. Auch hat bereits die (konservative) Vorgängerregierung zu dem NPP-Kabinett einen Antrag auf Mitgliedschaft bei den so genannten BRICS+ (der Staatenunion rund um China und Russland) gestellt – und ziemlich geschickt jongliert Präsident Dissanayake seit seinem Amtsantritt zwischen den geopolitischen Schwergewichten USA (mit den von ihnen beherrschten transnationalen Finanzinstitutionen IWF und Weltbank), China und Russland hin und her.

Was die NPP/JVP-Regierung propagiert, ist eine „mixed economy“ mit einem starken, dominierenden öffentlichen Sektor: Staatliche Unternehmen sollen mit privaten konkurrieren, die „Kommandohöhen“ der Ökonomie (insbesondere der Bankenbereich) allerdings möglichst in Staatshand sein. Eine gesamtgesellschaftliche Rahmenplanung soll private und staatliche ökonomische Aktivitäten koordinieren. Dies ist natürlich im Kern das sich seit den Deng Xiaoping’schen Reformen herausgebildete zeitgenössische Wirtschaftssystem der Volksrepublik China – ein eminent erfolgreiches System, wie die ökonomischen Rahmendaten der letzten 25 Jahre zeigen. Prominente NPP-Vertreter verweisen allerdings eher auf Vietnam, wenn sie ein „Vorbildmodell“ für die von ihnen angestrebte srilankische Entwicklung nennen sollen – auch dort gab es in den letzten Jahrzehnten eine Abkehr von der starren Zentralverwaltungswirtschaft à la UdSSR, wurden private Unternehmen zugelassen, öffnete sich die Ökonomie gegenüber dem Weltmarkt. Verglichen mit China agiert die vietnamesische Führung allerdings deutlich vorsichtiger, ist die Omnipotenz des Staates in der Wirtschaft derzeit noch stärker ausgeprägt als in dem riesigen Nachbarland. Die Angst, eine neue kapitalistische Klasse heranzuzüchten, ist eindeutig größer als in China; die Erfahrungen mit der grandios gescheiterten „Reform“-Politik Michail Gorbatschows in der damaligen UdSSR, die ja nicht zuletzt dazu führte, dass ehemals parteitreue kommunistische Direktoren von staatseigenen Betrieben sich in beispiellos raffgierige „Oligarchen“ verwandelten, die ihren Betrieb nicht mehr lediglich verwalten, sondern ihn besitzen wollten(9), scheinen hier noch präsenter zu sein.

Das Originelle an dem srilankischen Fall ist, dass die JVP, obwohl sie eine militante, sozialrevolutionäre Vergangenheit hat(10), offenkundig eine Art Kombination aus dem ökonomischen Modell Chinas (oder Vietnams) mit dem politischen System Indiens (bekanntlich die größte parlamentarische Demokratie der Welt) anstrebt. Obwohl die JVP (beziehungsweise ihr militärischer Flügel, das so genannte „Patriotic Peoples Movement“) noch in den späten 1980er Jahren einen – spektakulär gescheiterten – bewaffneten Aufstand gegen das autoritär regierende Regime des neoliberalen und neokonservativen Präsidenten Julius Richard Jayewardene versuchte, kandidierte sie seit Anfang der 1990er Jahre bei Wahlen und schwor der politischen Gewalt ab. Seit vielen Jahren bekennt sie sich nun schon zum demokratischen Parlamentarismus und versichert, kein Einparteiensystem – wie etwa in China, Vietnam, Laos, Kuba oder Nordkorea – anzustreben. Und in der Tat ist nichts dergleichen in ihrer politischen Praxis seit der Machtübernahme im September 2024 festzustellen. Peinlich genau respektiert sie das parlamentarische Prozedere; Oppositionsführer Sajith Premadasa (vor eineinhalb Jahren der stimmenstärkste Gegenkandidat zu Anura Dissanayake bei der Präsidentschaftswahl) kommt in jeder Parlamentssitzung zu Wort, und seine Statements, ebenso wie die von anderen Oppositionsvertretern, werden auch vom staatlichen Fernsehen (etwa dem Sender TV1) ausgestrahlt. Sowohl die Präsidentschaftswahl als auch die Parlamentswahl 2024 und die Kommunalwahlen 2025 erfüllten hohe demokratische Standards; insgesamt 13 Parteien sind im derzeitigen srilankischen Parlament vertreten. Viele davon haben nur einen oder zwei Abgeordnete, dennoch sitzen ihre Parteichefs im Plenum einträchtig nebeneinander in der ersten Reihe der Oppositionsbänke, genau gegenüber der NPP-Premierministerin Harini Amarasuriya (nach dem ursprünglich von Großbritannien übernommenen „Westminster-Modell“ sitzen in der srilankischen Volksvertretung rechts vom Parlamentspräsidenten die Regierungs-, links die Oppositionsabgeordneten). Im Deutschen Bundestag hingegen wurden am Ende der Legislaturperiode 2021-25 die Abgeordneten sowohl der Linken als auch die des BSW im Plenum ganz nach hinten gesetzt, in der vordersten Reihe durften nur die führenden Politiker der großen Parteien Platz nehmen…

Sozialismus und parlamentarische Demokratie

Sind Sozialismus (im Sinne einer weitgehend vom Staat gesteuerten Wirtschaft) und Demokratie (im Sinne eines Mehrparteiensystems mit kompetitiven Wahlen und Presse-, Vereinigungs- und Demonstrationsfreiheit) also doch miteinander vereinbar? Jedem, der sich einmal mit der Geschichte westeuropäischer kommunistischer Parteien nach 1945 beschäftigt hat, wird diese Fragestellung irgendwie bekannt vorkommen: Eine sozialistische Transformation der Gesellschaft auf parlamentarisch-demokratischem Wege war, insbesondere in den 1970er Jahren, integraler Bestandteil der Strategie mehrerer – nicht aller – marxistisch-leninistischer Formationen vor allem in Italien, Frankreich und Spanien. „Eurokommunismus“ nannte man das damals. Sowohl der PCI, der PCF und der PCE kritisierten seinerzeit das sowjetische Modell des „real existierenden Sozialismus“ als undemokratisch und beteuerten, in ihren Ländern die parlamentarisch-demokratischen Traditionen aufrechterhalten zu wollen; zum großen Showdown mit den Bruderparteien KPdSU, SED und den anderen regierenden osteuropäischen kommunistischen Parteien kam es auf der internationalen KP-Konferenz in Ostberlin 1976. Insbesondere in Italien und Frankreich war diese Neupositionierung der jeweiligen KP ein Politikum allerersten Ranges: In Italien erzielte der Partito Communista Italiano bei den Wahlen 1976 stolze 34,4% der Stimmen (was ihn zur zweitstärksten Partei des Landes machte), in Frankreich war der Parti Communiste Francais (21,4% bei den Parlamentswahlen 1973) mit der Sozialistischen Partei in der „Union de la Gauche“ verbündet, diese schickte sich an, nach den Wahlen von 1978 die Macht im Land zu übernehmen.

Der Begriff „Eurokommunismus“ (der wohl ursprünglich von einem Journalisten stammt) war allerdings allein schon deshalb unglücklich gewählt, weil etliche westeuropäische kommunistische Parteien diese neue Standortbestimmung nicht mitmachten und der UdSSR und der KPdSU weiterhin die Treue hielten (etwa die westdeutsche DKP), und andererseits mehrere kommunistische Parteien außerhalb Europas eine ganz ähnliche Strategie verfochten: etwa die (ziemlich einflussreiche) japanische KP und die (ziemlich kleine) australische KP. In Sri Lanka fanden eurokommunistische Vorstellungen Eingang in die Programmatik der so genannten „Lanka Sama Samaja Party“ (LSSP), einer bereits 1935 gegründeten, ursprünglich trotzkistischen Partei, die 1964 aus der (trotzkistischen) „Vierten Internationale“ ausgeschlossen wurde, weil sie ein Volksfrontbündnis mit der (sozialdemokratischen) „Sri Lanka Freedom Party“ (SLFP) und der (moskautreuen) „Communist Party of Ceylon“ (CPC) eingegangen war. Leslie Goonewardene, der Generalsekretär der LSSP von 1935-1977, schrieb sogar ein Buch über den „demokratischen Weg zum Sozialismus“(11); beim fulminanten Wahlsieg der Volksfront im Jahre 1970 (116 von 151 Parlamentsmandaten) errang die LSSP 19 Sitze und besetzte in der daraufhin gebildeten Linksregierung mehrere Schlüsselministerien. Der Erdrutschsieg der konservativen UNP bei den Wahlen von 1977 und deren darauf folgende 17-jährige Herrschaft schwächte die LSSP allerdings nachhaltig; seit den Wahlen vom November 2024 hat sie nicht einmal mehr eine parlamentarische Vertretung.

Einen gewissen Einfluss auf die Diskussionen innerhalb der srilankischen Linken in den letzten Jahrzehnten dürften wohl auch die Schriften des nepalesischen marxistischen Theoretikers und Politikers Madan Bhandari gehabt haben, insbesondere sein Konzept der so genannten „Peoples Multi-Party Democracy“.(12) Der „reale Sozialismus“ in der Sowjetunion und im restlichen Osteuropa sei gescheitert, heißt es da, weil die dortige kommunistische (Einheits-)Partei es versäumt habe, sich regelmäßig der plebiszitären Unterstützung durch die Bevölkerung zu versichern, mit anderen Worten: dass Letzterer das sozialistische System quasi aufoktroyiert wurde – durch eine politische Führung, die glaubte, nur sie allein sei im Besitz der allgemein gültigen Wahrheit. Ein „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ müsse demgegenüber die Existenz eines politischen Pluralismus auch nach einer Machtübernahme durch das Proletariat anerkennen und alle „klassischen“ demokratischen Freiheiten garantieren: periodische Wahlen mit mehreren Parteien, Presse-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit und die Existenz einer unabhängigen Justiz. Die „Communist Party of Nepal/United Marxist-Leninists“ (CPN/UML), deren Generalsekretär Bhandari bis zu seinem mysteriösen Unfalltod 1993 war (13), machte sich diese Postulate in den frühen 1990er Jahren zu eigen, gewann dann nach dem Sturz der absoluten Monarchie mehrere Male kompetitive Parlamentswahlen und dominierte folgerichtig etliche linke Koalitionsregierungen in den letzten Jahrzehnten – und räumte nach Wahlniederlagen prompt wieder die Ministersessel, das letzte Mal erst im März dieses Jahres, nach der so genannten „Generation Z-Revolte“, die sich primär gegen die von der kommunistisch geführten Regierung verfügte Sperrung mehrerer Internet-Plattformen (und allgemein gegen die grassierende Korruption) richtete.(14)

Der Kampf gegen die Korruption ist der Schlüssel

Und in Bezug auf Letzteres ist das Schicksal der nepalesischen Bruderpartei, die bei den Neuwahlen im März 2026 schwer unter die Räder kam, zweifellos eine Warnung an die neue srilankische NPP/JVP-Regierung: Der Unmut der (meist jugendlichen) Demonstranten, von denen bei den Unruhen im Herbst 2025 knapp zwei Dutzend durch Polizeigewalt starben, entzündete sich nicht zuletzt an dem Phänomen der in den nepalesischen sozialen Medien abfällig titulierten „Nepo-Kids“: Söhne und Töchter diverser Parteifunktionäre, die durch einen luxuriösen Lebensstil auffielen – und das in einem Land mit immer noch weitverbreiteter Armut. Demokratische Institutionen, das zeigt ja auch die mittlerweile über 200-jährige Geschichte der „bürgerlichen Demokratie“, sind für sich allein genommen absolut keine Garantie dafür, dass die Regierungen sich bei ihren Entscheidungen primär am Wohlergehen der Bevölkerung orientieren – ebenso wenig wie, muss man hier anfügen, die Existenz eines weitgehend vom Staat gesteuerten ökonomischen Systems. Eine sozialistische Gesellschaft definiert sich schließlich nicht allein dadurch, dass die „Kommandohöhen der Wirtschaft“ vom Staat kontrolliert werden, sondern dadurch, dass die Repräsentanten des Staates im Interesse der großen Mehrheit des Volkes agieren. Wenn die Regierenden sich im wesentlichen darauf konzentrieren, sich und ihren Buddies in öffentlichen und privaten Unternehmen die Taschen zu füllen, ist es ziemlich egal, wer genau über das Eigentum an den Produktionsmitteln verfügt. Gerade Sri Lanka hat ja in dieser Hinsicht in den letzten Jahren leidvolle Erfahrungen mit einer Art monströser politischer ClanKriminalität gemacht: Die Herrschaft der bis in die Knochen korrupten Rajapaksas, die unter anderem nach Belieben die Ämter des Staatspräsidenten und des Premierministers unter sich aufteilten (zum Zeitpunkt der „Aragalaya-Revolte“ 2022 war Gotabaya Rajapaksa Staatsoberhaupt und sein Bruder Mahinda Regierungschef), stieß letztlich auf so massiven Widerstand aus der Bevölkerung, dass das gesamte Regime zum Einsturz kam.(15)

Sollte die Regierung von Präsident Anura Dissanayake auch nur am Rande in den Dunstkreis korrupten Verhaltens geraten, ist sie wohl schneller weg vom Fenster, als sie „Unser Ziel ist die sozialistische Transformation der Gesellschaft“ sagen kann. Glücklicherweise hat sie – bisher – in dieser Hinsicht eine absolut blütenweiße Weste. In einer Meinungsumfrage eines unabhängigen Instituts vom Februar 2026 bekundeten denn auch 65% (!) der Befragten, sie hätten Vertrauen in die Politik ihrer Regierung – ein Wert, von dem die politischen Repräsentanten der USA, Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs derzeit nur träumen können.(16) Die globale Energiekrise nach dem Überfall der USA und Israels auf den Iran am 28. Februar 2026 und die darauf folgende de-facto-Sperrung der Straße von Hormus trifft Sri Lanka zwar mit voller Wucht – aber die NPP/JVP-Regierung agierte zumindest bisher ziemlich professionell und vorausschauend, ihre Notstands-Maßnahmen (etwa die Einführung eines von den Medien vorbildlich anschaulich erklärten QR-Code-Systems zur möglichst gerechten Verteilung der zunehmend knapper werdenden Benzinvorräte) werden offensichtlich von breiten Kreisen in der Bevölkerung akzeptiert. Und Ende März war der stellvertretende russische Energieminister Roman Marshavin zu Besuch in Colombo und stellte Öl- und Düngemittel-Lieferungen in Aussicht – bekanntlich hat ja die US-Regierung die ökonomischen Sanktionen gegen Russland gelockert, um den ohnehin schon rasanten Anstieg des Rohölpreises auf den internationalen Märkten einigermaßen zu begrenzen. Diverse Leserbriefe in den srilankischen Zeitungen zeugen davon, dass wohl den meisten Bürgerinnen und Bürgern des Landes völlig klar ist, dass die aktuelle Krise eine globale ist – und nicht einmal die liberal-konservative parlamentarische Opposition, die sich bis heute immer noch nicht von der vernichtenden Wahlniederlage 2024 erholt hat, behauptet derzeit etwas anderes.

Man kann den Sri Lankern und ihrer Regierung für die Zukunft nur viel Glück wünschen. Momentan kann wohl niemand vorhersehen, welche Eskalationen der Iran-Krieg und die von ihm ausgelösten weltwirtschaftlichen Verwerfungen noch hervorbringen werden. Zumindest eines kann man allerdings schon jetzt konstatieren: Marxismus und parlamentarische Demokratie sind keineswegs immer und überall Gegensätze; nicht jede sozialistische Transformation einer Gesellschaft muss zwangsläufig zu Einparteienherrschaft und einer autoritären Regierungsform führen. Präsident Anura Dissayanake und seine Genossen setzen nicht auf Klassenkampf und „Diktatur des Proletariats“, im Gegenteil: Sie bemühen sich nach Kräften, die ohnehin schon – auch durch nach wie vor im Untergrund rumorende ethnische Spannungen(17) – gefährlich polarisierte srilankische Gesellschaft hinter sich zu vereinen. Sie hätten es verdient, mit ihrem Projekt Erfolg zu haben.

 

Fußnoten

1) Francis Fukuyama, „Das Ende der Geschichte“, Kindler Verlag, 1992

2) Den Begriff „schöpferische Zerstörung“ prägte der österreichisch-amerikanische Ökonom Joseph A. Schumpeter in seinem epochalen Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“, Francke Verlag, 1946

3) Zur ökonomischen Bilanz der Volksrepublik China siehe beispielsweise: Rüdiger Rauls, „Chinas Wirtschaft – Werkbank der Welt, Sicht vom Hochblauen, 9. April 2025; zu der Vietnams: „Why is Vietnam’s Economy growing so fast?“, Vietnam Briefing, 4. November 2024

4) Norbert Faulhaber, „Das dröhnende Schweigen der Linken in Europa zum politischen Umsturz in Sri Lanka“, Overton, 28. Juni 2025

5) So ein Post des Instituts Verité Research auf Facebook (23. November 2024)

6) „Nationalisation in Sri Lanka“ auf: https://en.wikipedia.org

7) Shiran Illanperuma, „The 90th anniversary of Sri Lanka’s socialist movement“, Peoples Dispatch, 20. Dezember 2025

8) „IMF: Sri Lanka can decide public sector size with limitations“, EconomyNext, 6. März 2025

9) Eine bahnbrechende Studie über die Ursachen des Untergangs des „real existierenden Sozialismus“ in der UdSSR ist die des britischen Soziologen David Stuart Lane: „The Rise and Fall of State Socialism: Industrial Society and the Socialist State“, Polity Books, 1996

10) Rohan Gunaratna, „Sri Lanka – A Lost Revolution?“, Institute of Fundamental Studies, 1990

11) Leslie Goonewardene, „Can we get to socialism this way?“, The Times of Ceylon Books, 1974

12) CPN/UML, „People’s multiparty democracy“, Navayug Cooperative Press, 1993

13) Bhandari starb bei einem Autounfall; hartnäckig halten sich bis heute Gerüchte, er sei von seinen politischen Gegnern ermordet worden: „Who murdered Madan Bhandari?“, Peoples’ Review, 21. Mai 2025

14) Amish Raj Mulmi, „From Streets to Discord: How Nepal’s Gen Z Toppled a Government“, Carnegie Endowment for International Peace, 24. September 2025

15) Siehe Fußnote 4)

16) „NPP Government more popular than ever?“, Verité Research (Februar 2026)

17) Ein Bürgerkrieg (von 1983 bis 2009) zwischen der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit und der tamilischen Minderheit kostete über 50 000 Menschenleben: „The Sri Lankan Civil War and its History“, Harvard International Review, 31. August 2020

Norbert Faulhaber

Norbert Faulhaber fing nach einem Studium der Politikwissenschaften, Rechtswissenschaften und Soziologie 1991 bei der Konstanzer Tageszeitung „Südkurier“ an: als freier Mitarbeiter für TV- und Filmkritik, Konzertberichte und CD-Besprechungen. Ab 1998 arbeitete er auch als Vertretung des TV-Redakteurs, von 2004 bis 2006 als Verantwortlicher für die tägliche TV-Programmseite. Von 2006 bis März 2023 arbeitete er als Redakteur am NewsDesk See-West in Konstanz.
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4 Kommentare

  1. Wieso „ohne Klassenkampf“?
    Was Norbert Faulhaber hier sehr interessant und kenntnisreich schildert, sind alles Klassenkämpfe – auch wenn man sie nicht so benennen möchte (oder kann?).
    Þoller Bericht, gerade für jemanden, der sich bisher nicht so damit beschäftigen konnte.

    1. Das scheint in Sri Lanka schon was besonderes zu sein. Denn sonst im parlamentarischen Betrieb ist es immer so, dass sich das Große Geld an entscheidenden Stellen mit Hilfe des Geldes mehr Einfluss verschafft, als sämtlichen anderen Gesellschaftsteile verbleibt. Brüllend undemokratisch, aber gerade im Westen interessiert das kein Schwein, weil auch die Medien nach der Logik funktionieren.

      Auch in China fragt man „was nutzt der Wirtschaft“, aber letztlich haben die Investitionen zum Wohl des Landes Vorrang. Den Unternehmen gibt man Sonderwirtschaftszonen.

      Ich denke, dass so lange ein Land keine übermächtigen Unternehmen hat, auch sozialistische Demokratie eine Chance hat. Wenn es Sri Lanka dann noch gelingt, keine Politiker nach oben zu wählen, die den Avancen des ausländischen Großen Geldes verfallen, kann das lange gut gehen. Österreich ist auch so ähnlich. Nicht sozialistisch, aber mit gutem sozialen Fundament und den Bertelsmännern ist das BIP nicht groß genug, bzw. das des großen Nachbarn ist ihnen mehr Sägearbeit wert.

      In China bleibt der KP nichts anderes übrig, als den Sozialismus quasi als Diktat zu praktizieren. Die Unternehmen sind so reich, dass sie das Land im Handstreich übernehmen würden. Denkbar wären nicht mal Demokratieformen, die auf Losen beruhen, denn der Verwaltungsapparat, der Gesetze vorbereitet und durch den Prozess bringt, kann nicht alle paar Jahre ausgetauscht werden, damit die Korruption des Großen Geldes wieder von vorne beginnen müsste.

      In Deutschland ist die Korruption so weit fortgeschritten, dass es als Vorteil kommuniziert wird, wenn sich Minister Millionen schwer „Kompetenz“ von Privatfirmen einkaufen.

  2. Ah, der Technofaschismus „verborgen“ hinter „schönen“ Worten. Friss oder stirb, man könnt auch sagen friss und stirb:

    Why the Global Economic and Technology Summit 2025 Could Redefine Sri Lanka’s Tech Future
    Introduction: A Pivotal Moment for Sri Lanka

    The Global Economic and Technology Summit (GETS) 2025 is poised to be a watershed event for Sri Lanka, offering an unprecedented platform to align its technological ambitions with global trends. As nations worldwide accelerate digital transformation, Sri Lanka stands at a crossroads. The summit represents a golden opportunity to attract investments, forge strategic partnerships, and integrate cutting-edge innovations into its economic framework. This article explores how GETS 2025 could catalyse Sri Lanka’s transition from an emerging tech player to a regional powerhouse.
    (…)
    GETS 2025: Gateway to Foreign Investment and Partnerships

    A key outcome of GETS 2025 will be its ability to spotlight Sri Lanka as an investment-ready destination. The summit is expected to draw tech giants, venture capitalists, and policymakers, creating avenues for high-value collaborations. For instance, Sri Lanka’s Port City Colombo—a $15 billion project aimed at becoming a South Asian financial hub—could attract fintech and blockchain firms seeking regional headquarters. Additionally, partnerships with organizations like the World Bank or Asian Development Bank might unlock funding for smart city initiatives and digital infrastructure.

    Focus Areas: AI, Renewable Energy, and Fintech

    The summit’s agenda will likely emphasize sectors where Sri Lanka holds untapped potential. Artificial Intelligence (AI) could revolutionize agriculture, healthcare, and logistics—critical industries for the nation. Collaborative AI projects with countries like Israel or Singapore might enhance crop yields or disease prediction models. Renewable energy tech is another priority, aligning with Sri Lanka’s goal to derive 70% of its energy from renewables by 2030. Partnerships in solar and wind technology could reduce reliance on fossil fuels. Meanwhile, fintech innovations could boost financial inclusion, leveraging Sri Lanka’s high mobile penetration rate to expand digital banking services.

    https://getssrilanka.com/global-summit-2025-sri-lanka/

    Ah ja, Kollaborationen mit z.B. Israel und „disease prediction models.“ Und weitere Kollaborationen:

    IMF delegation meets President Anura Dissanayake, praises Sri Lanka’s economic progress. Opposition Leader, SJB & SLPP MPs boycott IMF meeting

    https://www.facebook.com/IndeewariAmuwatte/videos/imf-delegation-meets-president-anura-dissanayake-praises-sri-lankas-economic-pro/884811224574626/

    At big-business forum, Sri Lankan president pledges to enforce IMF austerity
    Saman Gunadasa
    3 February 2025

    Addressing the Sri Lanka Economic Summit, an annual event organised by the Ceylon Chamber of Commerce (CCC), President Anura Kumara Dissanayake outlined his government’s plans for a sweeping privatisation and downsizing of the public sector and its committment to attract greater foreign investment.

    https://www.wsws.org/en/articles/2025/02/04/wffl-f04.html

    In der Tat ein eminent erfolgreiches System. Nur für wen? Also keine weiteren Fragen. Die übliche Pseudowahl vor einen die Herren stellen, pseudolinks (das zweite rechts) und rechts.

  3. Was hier die westlichen Linken übersehen: Aus Sicht des globalen Südens werden die Klassen anders identifiziert, nämlich sie sehen den politischen Westen als Ausbeuter-Klasse und sich selbst, den globalen Süden als ausgebeutete Klasse. Sie sehen einen globalen Klassenkampf – wo die westlichen Linken einen Klassenkampf zwischen Superreichen und den „nur“ Wohlhabenden innerhalb der eigenen Gesellschaft halluzinieren.

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