
Bereits nach der ersten Runde der französischen Kommunalwahlen zeichnen sich Trends ab, die für die Präsidentschaftswahl in 13 Monaten von entscheidender Bedeutung sein könnten.
In einem hyper-zentralistischen Staat wie Frankreich sind Gemeinderatswahlen viel wichtiger als solche in föderalistisch organisierten politischen Systemen – weil es zwischen Kommune und Zentralregierung keine wirklich effektiven Zwischeninstanzen gibt. Die Gemeinde gilt in diesem Land als die Urzelle der Demokratie – und Kommunalwahlen sind deshalb nicht selten ziemlich präzise Gradmesser für politische Verschiebungen auf nationaler Ebene. Der spektakuläre Triumph der vereinigten Linken aus Sozialisten und Kommunisten bei den Gemeinderatswahlen 1977 läutete seinerzeit das Ende der Präsidentschaft von Giscard d’Estaing und den Sieg von Francois Mitterand bei den Präsidentschaftswahlen vier Jahre später ein, der Durchmarsch des Mitte-Rechts-Blocks 2001 die fulminante Wiederwahl von Staatschef Jacques Chirac 2002.
System zwingt zur Koalitionsbildung zwischen beiden Wahlgängen
Gewählt wird traditionell in zwei Runden, nach einer Art Mehrheitswahlsystem mit garantierter Minderheitenvertretung: Diejenige Bewerberliste aus einer oder aus mehreren Parteien, die die Mehrheit der Stimmen erhält, bekommt die Hälfte aller Gemeinderatssitze zugesprochen; die andere Hälfte der Mandate wird proportional auf alle kandidierenden Listen verteilt. Im ersten Wahlgang ist für dieses Prozedere eine absolute Mehrheit nötig, im zweiten eine relative. Alle Listen, die über 10% der Stimmen im ersten Durchgang erhalten haben, können auch für den zweiten Wahlgang antreten, all diejenigen, die mehr als 5% erringen konnten, können mit einer der für den zweiten Durchgang qualifizierten Listen fusionieren. Die siegreiche Kandidatenliste bekommt folglich in der Regel zwischen 70% und 80% der Gemeinderatssitze.
Dieses System zwingt natürlich zur Koalitionsbildung zwischen beiden Wahlgängen, ähnlich wie bei der Wahl zur französischen Nationalversammlung: In der Regel stellen die großen politischen Formationen für den ersten Wahlgang jeweils eigene Listen auf und schließen sich dann für den zweiten Durchlauf zu politischen Blöcken zusammen. In mittelgroßen und kleineren Gemeinden hingegen gibt es nicht selten bereits für den ersten Wahlgang gemeinsame Kandidatenlisten politisch benachbarter Parteien. Der Spitzenkandidat dieser Liste ist dann der jeweilige Bewerber um das Amt des Bürgermeisters. (1) Viele prominente französische Politiker der letzten Jahrzehnte zimmerten sich zuerst eine lokale Hausmacht, um dann in das Rennen um das höchste Staatsamt einzusteigen – der von 1995 bis 2007 amtierende Präsident Jacques Chirac beispielsweise legte als Bürgermeister von Paris seinerzeit den Grundstock für seinen Erfolg bei der Wahl zum Staatsoberhaupt.
Von zentraler Wichtigkeit ist deshalb eine kluge Bündnispolitik. In vielen Städten und Gemeinden trat die französische Linke bereits beim ersten Wahlgang am Sonntag, 15. März, weitgehend einig auf. Lediglich die Partei „La France Insoumise“ (LFI) des mehrmaligen Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon kandidierte vielerorts separat – in Paris, in Toulouse, in Lille und in der nordfranzösischen Industriestadt Roubaix gelangen ihr dabei erstaunlich gute Ergebnisse, in dem bevölkerungsstarken Pariser Vorort Saint-Denis eroberte sie sogar im ersten Anlauf das Rathaus. Und das, obwohl in den letzten Wochen landesweit eine massive – und zum Teil extrem unfaire – Medienkampagne gegen die Partei lief, nach der Tötung des jungen, rechtsgerichteten Studenten Quentin Deranque in Lyon durch Aktivisten der Antifa. Ein unklares Verhältnis zur Gewalt wurde Mélenchons Truppe vorgeworfen; richtig ist, dass die so genannte „Jeune Garde“, der die mutmaßlichen Täter entstammen, vor Jahren im Dunstkreis der LFI entstanden ist und zwei der Verhafteten parlamentarische Assistenten des LFI-Abgeordneten Raphael Arnault sind. (2) Die Sozialistische Partei (PS) nahm dies zum Anlass, ein landesweites Bündnis mit der LFI für den zweiten Wahlgang am 22. März abzulehnen, ein punktuelles lokales Zusammengehen schloss sie hingegen nicht aus. (3) In Städten wie Paris, Lille und Toulouse könnte ein solches für einen Sieg der Linken im zweiten Durchgang durchaus entscheidend sein.
Macrons Partei schnitt fast überall ziemlich erbärmlich ab
Was bisher ausblieb, ist ein landesweiter Durchmarsch für das Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen und Jordan Bardella. Zwar schaffte es die Partei durchweg, ihre bei den letzten Wahlen gewonnenen neuen Hochburgen zu verteidigen, aber eine flächendeckende Eroberung weiterer bedeutender Städte gelang vorerst nicht. In Nimes und in Toulon ist das RN allerdings in einer durchaus aussichtsreichen Position, um im zweiten Wahlgang zu gewinnen, und auch in Marseille – immerhin Frankreichs zweitgrößter Stadt – liegt der RN-Kandidat Franck Allisio nur knapp hinter dem linken Amtsinhaber Benoît Payan. (4) Inwieweit Jean-Luc Mélenchons Aufruf vom Wahlabend, eine „antifaschistische Front“ zu bilden, von den anderen Linksparteien befolgt wird, bleibt abzuwarten. In vielen Städten und Gemeinden, in denen der RN beim ersten Durchgang über 10% der Stimmen erzielte, kann er im zweiten antreten oder eben nicht – und beispielsweise zur Wahl der Kandidatenliste einer gemäßigt rechten Partei aufrufen, um einen Sieg der Linken zu verhindern. Letzteres könnte insbesondere in Le Havre ausschlaggebend sein.
In der Stadt an der Kanalküste amtiert derzeit Edouard Philippe, Macrons erster Premierminister (von 2017 bis 2020) als Bürgermeister – und schaffte es nicht, im ersten Wahlgang zu gewinnen, obwohl seine Liste weit vor derjenigen der vereinigten Linken (mit dem Kommunisten Jean-Paul Lecoq, dem Parlamentsabgeordneten von Le Havre-Ost, als Spitzenkandidaten) lag. Sollte er letztendlich verlieren, dürfte dies große Auswirkungen auf die nationale Politik haben: Bereits vor längerer Zeit verkündete er, bei den Präsidentschaftswahlen in 13 Monaten antreten zu wollen – aber nur dann, wenn ihm die Bürgerinnen und Bürger von Le Havre bei den Kommunalwahlen erneut das Vertrauen aussprächen. Dies ist deshalb so bedeutsam, weil er laut Umfragen einer der populärsten Politiker Frankreichs ist – und, nach aktuellen Erhebungen, der einzige potenzielle Gegenkandidat zu Marine Le Pen oder Jordan Bardella ist, der überhaupt eine reelle Chance hat, nächstes Jahr zu gewinnen. (5) Ein Sieg des Linksbündnisses in Le Havre würde ihn also aus dem Rennen werfen – mit wahrscheinlich weitreichenden Folgen. Bizarres Detail am Rande: In Gonfreville-l’Orcher, einem kleinen Vorort von Le Havre, in dem der KP-Mann Lecoq einmal 22 Jahre lang Bürgermeister war, erhielt die Kommunistische Partei Frankreichs am Sonntag 100% (!) der abgegebenen gültigen Stimmen – weil sie die einzige Partei war, die überhaupt eine Kandidatenliste für die Gemeinderatswahl aufgestellt hatte…
Die Renaissance-Partei von Präsident Emmanuel Macron schnitt fast überall ziemlich erbärmlich ab. Auch die Ergebnisse für „Les Republicains“ (LR), die Partei von Ex-Staatschef Nicolas Sarkozy, rissen deren Aktivisten und Wähler nicht unbedingt zu Begeisterungsstürmen hin. In Paris hat LR wohl keine Chance mehr, zu gewinnen, ihre Kandidatin Rachida Dati liegt weit hinter ihrem sozialistischen Konkurrenten Emmanuel Grégoire zurück. In Nîmes lieferten sich die Republikaner im Vorfeld der Wahlen einen erbitterten Kampf mit den Macronisten um die Vorherrschaft im gemäßigt rechten Lager – lachender Dritter könnte das RN oder die (fast vollständig) vereinigte Linke sein (auch hier mit einem veritablen Kommunisten als Spitzenkandidaten). Im südfranzösischen Pau wiederum kämpft der bis September 2025 amtierende Kurzzeit-Premier Francois Bayrou noch um seinen Posten als Bürgermeister – seine politische Formation, das „Mouvement Democrate“ (MoDem), gehört seit jeher zu den treuesten Verbündeten von Macrons traditionell auf kommunaler Ebene eher schwach verankerter „Renaissance“-Partei.
Ist Frankreich also reif für eine „Melonisierung“?
Die französischen Grünen, die bei den Wahlen 2020 zur allgemeinen Überraschung die Rathäuser mehrerer großer Städte eroberten, werden im zweiten Durchgang große Probleme haben, sie alle zu behalten. Insbesondere Straßburg (eine der wenigen Städte, in denen es keine gemeinsame Kandidatur mit Sozialisten und Kommunisten gab) könnte verloren gehen – an die ehemalige (sozialistische) Bürgermeisterin Catherine Trautmann, die mit ihrer konkurrierenden Liste am Sonntag in Führung lag. Und einen Sieg in Lille, wo sich Grüne und Sozialisten traditionell spinnefeind sind, können sich die Ökologen wohl schon jetzt abschminken. In Grenoble (eigentlich eine grüne Hochburg) und in Bordeaux und Lyon ist der Ausgang des Kräftemessens mit dem bürgerlich-konservativen Lager bisher noch völlig offen.
Die prekäre Lage der bürgerlichen Mitte-Rechtslagers in Frankreich wurde bei diesem Urnengang mal wieder deutlich: Nach neun Jahren der Herrschaft von Präsident Macron sind viele Französinnen und Franzosen schlicht durch mit ihm und seiner Politik. Er habe noch nie so viel Wut auf der Straße erlebt, sagte der Chef der französischen Kommunisten, Fabien Roussel, nach den spektakulären Protesten gegen die Regierung im letzten Herbst in einem TV-Interview. Abgesehen von Edouard Philippe gibt es momentan keinen einzigen Politiker der bürgerlichen Parteien, der in der Lage scheint, nächstes Jahr bei der großen Wahlschlacht dem Rassemblement National effektiv Paroli bieten zu können.Und auch auf der linken Seite des politischen Spektrums ist derzeit weit und breit niemand in Sicht, der in der Lage wäre, einen Wahlsieg Marine Le Pens (oder Jordan Bardellas, falls seine Chefin tatsächlich bei der Präsidentschaftswahl nicht antreten darf) zu verhindern. Ist Frankreich also reif für eine „Melonisierung“?
Fußnoten
1) „Quel est le mode de scrutin des élections municipales dans les communes de moins de 1000 habitants?“, Vie publique, 13. März 2026
2) „Mort de Quentin Deranque: un collaborateur et un ex-stagiaire du député LFI interpellés“, La Croix, 18. Februar 2026
3) „Municipales: le PS d’Olivier Faure sous pression face à la poussée de LFI“, Public Sénat, 16. März 2026
4) Alle Wahlergebnisse nach: „Résultats du premier tour des élections municipales 2026“, Le Monde, 16. März 2026
5) „Sondage Présidentielle 2027: Bardella, Mélenchon, Attal, Philippe… pour qui les Francais pensent voter à plus d’un an du scrutin?“, Midi Libre, 4. März 2026; „Liste de sondages sur l’élection présidentielle francaise de 2027“ auf https://fr.wikipedia.org





Unterschätzen sie mal LFI und Jean Luc Melenchon nicht. Trotz der Diabolisierung
durch die gesamten Medien hat LFI große Erfolge bei den Kommunalwahlen erzielt und Zuwächse fast überall.
Melenchon hat durchaus Chancen in den 2. Wahlgang zu kommen .Obwohl seine Wähler 2mal Macron gegen Le Pen unterstützt haben ist leider dasselbe nicht
von den Macronisten zu erwarten.9
Bin für wesentlichen Nationalismus, Patriotismus und also gegen Globalisierung und Neoliberalismus.
Tolle Analyse, es wurde jegliche Ideologie benutzt, um eine für sich zufriedene Lösung nachzudenken.
Der Fehler in der Analyse besteht darin, in alten ideologischen Denkmuster zu verharren.
Wenn die Menschheit heute sich weiter entwickeln will, dann benötigt die Gesellschaft überall auf der Welt einen Konsens fernab ideologischer Unterbringungen.
Also, ein neue politische und zivilisatorische Entwicklung, genau das findet nicht statt, da daß alte System weiterhin besteht und der Demo nur eifrig sich seinem Ego ergibt.
Ein altes Lied, das immer wieder die Leute blenden, die hoffen, ohne etwas reales beizutragen.
Bezüglich „Melonisierung“: Die Franzosen stehen im zweiten Wahlgang oft zusammen, um einen allzu nationalistischen Einschlag zu verhindern. Vater als auch Tochter Le Pen wurden so beide als Präsidenten verhindert. Da stellt man sich sogar auch mal hinter Fuck Chirac wenn die Alternative dazu Jean Marie Le Pen ist.
Das scheint das Dilemma des identitätspolitischen Populismus zu sein (die SVP in der Schweiz hat ein ähnliches Problem): Die Mehrheit kann mit der ganzen Selbstgerechtigkeit wenig anfangen und sie haben in Stichwahlen somit immer Gegenwind.
Kleiner Seitenhieb: Sogar die Le Pens schaffen es, ihre Partei nicht nach der eigenen Familie zu benennen. Ich mein ja nur.. (BSW).
Mit vollen Händen in die Jauchegrube:
Wer denkt sich denn solche irren Überschriften im Angesicht der großen Schlachten im nahen Osten und der Ukraine aus?
Der Buhmann wirkt nicht mehr, denn Meloni passt doch ausgezeichnet ins transatlantische Regime.
Da werden immer wieder neue Parteien mit neuen Personen angeboten, nur dem neoliberalen, transatlantischen Regime können sie nicht entkommen. Die Klammer der westlichen Werte hält noch alles zusammen. Und die Nato ist die Versicherung der Eliten, dass das so bleibt, weshalb wohl auch Finnen und Schweden dabei sein wollten – aus Angst ihrer Eliten vor Machtverlust.
Ich habe keine Ahnung, was Herr Faulhaber unter „links“ oder „rechts“ versteht. Was ich aber weiß, ist, dass La France insoumise (LFI) mit „links“ so viel zu tun hat wie Chaumes-Käse mit Parfum von Dior: Ça ne devrait pas être permis d’empester le monde comme ça – wie es schon in „Zazie dans le métro“ heißt.
Am Allerübelsten ist aber sein Abwasch zum Mord an Quentin Deranque, Also: Da erschlagen Antifleute aus der unmittelbaren Umgebung Melenchons (LFI), Schläger des parlamentarischen Assistenten des LFI-Abgeordneten Raphael Arnault in SA Manier eiinen Mathematik-Studenten auf offener Straße, aber für Faulhaber definiert dies ein „Ein unklares Verhältnis zur Gewalt von Mélenchons Truppe“?
Quentin, der mit anderen Studenten eine Gruppe von Frauen schützen wollte, die gegen den Vortrag der LFI- Europaabgeordneten Rima Hassan an der Uni in Lyon protestierten, wurde von den Tätern aus dem LFI Umfeld (sogenannte Jeune Garde, wie unsere AntiFa) zu Boden geschlagen und anschließend mit gezielten Fußtritten ermordet. Ein Anwohner filmte den Mord – und hier kann man die Filmaufnahme ansehen:
https://x.com/JoeyMannarino/status/2022806028874608920
Also, Herr Faulhaber, erklären Sie sich: Was ist links, was ist rechts?!