Nun also auch Australien?

australische Flagge
SpinnerLaserz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Obwohl bereits in den 1990er-Jahren gegründet, hat die radikal islam- und migrationsfeindliche „One Nation“-Partei bisher keine zentrale Rolle in der Politik auf dem Fünften Kontinent gespielt. Nach dem spektakulären, religiös motivierten Attentat am Bondi Beach nahe Sydney im letzten Dezember explodieren jedoch ihre Umfragewerte.

Von dem rechtspopulistischen Tsunami, der in den letzten Jahren die Parteiensysteme der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Deutschlands, Italiens und zahlloser weiterer westlicher bürgerlicher Demokratien durcheinanderwirbelte, war Australien bisher weitgehend verschont geblieben. Auf gerade einmal 6,4% der (Erstpräferenz-)Stimmen brachte es die von der ehemaligen liberalen Abgeordneten und heutigen Senatorin Pauline Hanson gegründete und geführte Partei bei den Parlamentswahlen vom Juni letzten Jahres; Spitzenwert bisher waren bescheidene 8,4% (1998). Und obwohl Hanson, die stets für eine skandalträchtige öffentliche Aktion gut ist – vor ein paar Monaten marschierte sie, provokativ in eine Burka gekleidet, in den Sitzungssaal des australischen Senats – nun schon seit vielen Jahren via TV und anderen Medien fast rund um die Uhr präsent ist, hatte bisher wohl kaum jemand sie und ihre Rabaukentruppe als ernsthaften Anwärter auf Exekutivämter im Staat auf der Rechnung. Bisher.

Denn seit mehreren Wochen erlebt die Partei einen beispiellosen Höhenflug in den Meinungsumfragen. Mehrere Institute sehen sie neuerdings bei Werten zwischen 23 und 26% (!), eine glatte Vervierfachung ihres Wahlergebnisses vom letzten Sommer. Parallel hierzu kollabiert die bürgerliche Mitte-/Rechts-Koalition aus (ziemlich konservativer) Liberal Party und (noch konservativerer) National Party, die traditionell den politischen Gegenpol zur sozialdemokratischen Labor Party unter dem gegenwärtigen Premierminister Anthony Albanese bildet und im letzten halben Jahrhundert insgesamt 27 Jahre lang die australische Regierung stellte. Nur noch zwischen 21 und 25 Prozent der (Erst-)Stimmen werden ihr von den Meinungsforschern zugeschrieben, bei der Wahl 2025 waren es noch 32%.(1) Zu allem Überfluss kündigte die Parteiführung der Nationals kürzlich auch noch die bürgerliche Koalition auf (was allerdings nicht überbewertet werden sollte, denn eine reale politische Alternative zur Zusammenarbeit mit den Liberals gibt es für sie nicht), und der ehemalige dominierende Regierungspartner wird derzeit von einem erbittert ausgetragenen Streit um die Führung der Partei erschüttert.

Schon der aufsehenerregende Wechsel des ehemaligen National-Parteichefs und früheren stellvertretenden Premierministers Barnaby Joyce zu One Nation (die mit ihm nun einen Sitz im Repräsentantenhaus hat) Anfang Dezember brachte den Rechtspopulisten glatt eine Verdoppelung ihrer Umfragewerte ein; diese verdoppelten sich dann noch einmal nach dem blutigen Anschlag zweier islamistischer Terroristen auf ein jüdisches Fest am überaus populären Bondi Beach nahe der Metropole Sydney Mitte Dezember (um Ersteres korrekt einzuordnen: Man stelle sich nur einmal vor, Edmund Stoiber oder Horst Seehofer würden ankündigen, die CSU zu verlassen und zur AfD überzuwechseln!). Intensiv wird in australischen Medien derzeit darüber spekuliert, ob es Pauline Hanson und ihrer Truppe tatsächlich gelingen könnte, die Koalition aus Liberals und Nationals auf die Plätze zu verweisen und sich die Position des wichtigsten Herausforderers für Labor-Premier Anthony Albanese bei den nächsten Wahlen zu erkämpfen. Diese finden allerdings nicht vor Sommer 2028 statt (in Australien wird nicht alle vier oder fünf, sondern alle drei Jahre gewählt), und Albanese scheint momentan ziemlich fest im Sattel zu sitzen: Wenn sich die Umfrageinstitute nicht gewaltig täuschen, könnte er bei einer (sehr unwahrscheinlichen) vorzeitigen Neuwahl zurzeit wieder mit einer klaren Mehrheit der Parlamentsmandate rechnen – trotz (oder vielleicht sogar gerade wegen) des spektakulären demoskopischen Aufstiegs von One Nation.

Kompliziertes Wahlsystem

Denn das australische Wahlsystem ist ein überaus komplexes. Das Land ist in 150 Wahlkreise eingeteilt; in jedem wird ein Abgeordneter gewählt. Der/die Wähler/in hat jedoch nicht nur eine Stimme (wie etwa in Großbritannien, Kanada und den meisten US-Bundesstaaten), sondern beziffert die einzelnen Kandidaten gemäß seiner Präferenz durch: Mit einer „1“ kennzeichnet er denjenigen Bewerber, den er gewählt sehen will, mit einer „2“ denjenigen, dem seine Stimme zufallen soll, wenn der Kandidat seiner ersten Wahl keine Chance hat, das Mandat zu erringen. Eine „3“ bekommt dann derjenige von den restlichen Kandidaten, der ihm politisch am nächsten steht – und so weiter. Gezählt werden dann zunächst die Erst-(Präferenz-)Stimmen: Erreicht ein Bewerber die absolute Mehrheit, ist er gewählt. Ist dies nicht der Fall, wird der Kandidat mit den wenigsten Erststimmen gestrichen und werden seine Stimmen gemäß der auf den Stimmzetteln angegebenen Zweitpräferenz auf die verbliebenen Bewerber verteilt. Dieser Prozess wird so lange fortgesetzt, bis ein Kandidat 50% plus eine Stimme erreicht.(2) Mehrere Wahlgänge, wie etwa bei Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Frankreich, werden also gewissermaßen in einen zusammengezogen (bei internen Wahlen in diversen Organisationen ist dieses System – wahlweise „Alternative Vote“, „Preferential Voting“ oder „Instant Runoff Voting“ genannt – innerhalb des angelsächsisch geprägten Kulturraumes weit verbreitet; auf der politischen Ebene wird es z.B. angewandt bei Präsidentschaftswahlen in Irland, in Indien und in Sri Lanka und bei Parlamentswahlen in Australien und bei den Wahlen zum US-amerikanischen Repräsentantenhaus in den Bundesstaaten Maine und Alaska).

Australische Politikwissenschaftler haben in diesem Kontext den Begriff des „Two-Party-Preferred Vote“ (TPP) erfunden: Dieser beziffert die prozentuale Verteilung der Stimmen auf die beiden großen politischen Blöcke (Labor und die liberalkonservative Koalition), nachdem alle Präferenzstimmen ausgezählt sind. Ergebnis der Wahl zum House of Representatives am 3. Juni 2025: Labor 55,2%, Liberal/National 44,8%. Dieser Wert wird auch für jeden einzelnen Wahlbezirk getrennt berechnet, und zwar für die beiden Kandidaten, die nach der Übertragung aller Präferenzen übriggeblieben sind (und von denen dann logischerweise einer über eine absolute Mehrheit verfügt und demzufolge gewählt ist): der sogenannte „Two-Candidate-Preferred Vote“-Wert (TCP). In Wahlkreisen, in denen der One Nation-Bewerber vor dem Liberal– oder National-Kandidaten liegt, wird dieser Wert für ihn angegeben, desgleichen für einen grünen Bewerber, dem es gelingt, nach Auszählung aller Präferenzen den Bewerber der Labor Party zu überrunden. Das Ergebnis nach Erststimmen ist deshalb in Australien wenig aussagekräftig, letztendlich zählt nur der TPP- (bzw. TCP)Wert.(3)

Dieser wird auch in jeder Umfrage ermittelt. Im Januar sackte er für die Labor-Partei auf nur noch 52% ab, maßgeblich hierfür war wohl die anfängliche (ziemlich unverständliche) Weigerung von Premier Anthony Albanese, eine Royal Commission zur Untersuchung der Hintergründe des Bondi Beach-Attentats zu ernennen (dies würde allerdings bei eventuellen vorzeitigen Neuwahlen immer noch eine absolute Mandatsmehrheit für Labor bedeuten: 80 von insgesamt 150 Sitzen, legt man einen gleichförmigen Swing in allen Wahlkreisen zugrunde). Nur wenig später stabilisierte sich dieser Wert jedoch wieder auf 55 bis 56%, also in etwa auf das Ergebnis der Wahl vom Juni des letzten Jahres. In den Umfragen wird stets auch die Vergabe aller Präferenzstimmen durch die Befragten erforscht, Ergebnis mittels TPP-Wert: Labor versus Liberal/National 55%, Labor versus One Nation 57%. Albanese würde demzufolge bei Neuwahlen wohl seine satte Parlamentsmehrheit behalten und Hansons Truppe ausschließlich den Liberalkonservativen Mandate abnehmen – und zwar in beträchtlicher Anzahl; mit einiger Wahrscheinlichkeit würde sie zur stärksten Oppositionspartei avancieren.

Der kometenhafte Aufstieg der Rechtspopulisten (parallel zum Niedergang der klassischen Mitte-/Rechts-Parteien) schadet also bisher den australischen Sozialdemokraten keineswegs, in krassem Gegensatz zu der Entwicklung etwa in Frankreich, Großbritannien oder der Bundesrepublik Deutschland. Am Horizont zeichnet sich sogar eine mögliche zukünftige längerfristige Hegemonie der Labor Party im politischen System des Fünften Kontinents ab, nicht unähnlich derjenigen, die den 1980er- und frühen 1990er-Jahren vorherrschte, als die Sozialdemokraten unter den Premierministern Bob Hawke und Paul Keating stolze fünf Parlamentswahlen nacheinander gewannen.(4) Zwar pendelte sich bei den letzten paar Wahlen (und in den aktuellen Umfragen) der Erststimmenanteil der Labor Party bei etwa 33 bis 34% ein, aber bei der Übertragung der Präferenzen profitiert die Partei enorm (und viel stärker als Liberal/National) von der Unterstützung der Wähler kleinerer Parteien – in erster Linie der Grünen – und derjenigen der vielen parteiunabhängigen Kandidaten. Für eine klare Mehrheit der australischen Wählerinnen und Wähler ist Labor somit entweder die erste Wahl – oder aber zumindest das kleinere Übel, verglichen mit der liberalkonservativen Koalition. Selbst so mancher One Nation-Anhänger stimmt in seinem jeweiligen Wahlkreis mittels Zweit- oder Drittpräferenz für den sozialdemokratischen Kandidaten – und das ist auch durchaus nachvollziehbar, sieht man sich die Politik der Regierung Albanese einmal genauer an.

Die „Operation Sovereign Borders“

Als es nach den Wahlen von 2010 keine klare Mehrheit für einen der beiden großen politischen Blöcke gab, sondern ein sogenanntes „hung Parliamenr“, bildete die damals amtierende Labor-Premierministerin Julia Gillard eine Minderheitsregierung, die sich auf die Stimmen einiger unabhängiger Abgeordneter und des grünen Parlamentariers Adam Bandt stützte. Als Zugeständnis an die Grünen weichte Gillard die restriktive Immigrationspolitik des von 1996 bis 2007 regierenden liberalkonservativen Premiers John Howard auf – mit der Konsequenz, dass die Anzahl der Boote, mit denen Flüchtlinge aus Indonesien und anderen südasiatischen Staaten versuchten, nach Australien überzusetzen, rapide in die Höhe schoss. Mit der Parole „Stop the boats!“ bestritt Oppositionsführer Tony Abbott von den Liberals prompt den nächsten Wahlkampf (2013) – und errang einen Erdrutschsieg. Seine Regierung startete dann die „Operation Sovereign Borders“ (OSB), die eine knallharte Null-Toleranz-Politik beinhaltete: Sämtliche Boote mit Flüchtlingen, die in australischen Gewässern angetroffen werden, werden in ihre Ausgangshäfen zurückgeschleppt. Ein Schnellverfahren an Bord der OSB-Schiffe entscheidet über den Asylstatus der Einwanderungswilligen. All diejenigen, die als asylberechtigt angesehen werden, werden in Aufnahmezentren auf Papua-Neuguinea oder der Insel Nauru gebracht – auch sie haben keine Chance, jemals das australische Festland zu erreichen.(5)

Nach seinem Wahlsieg 2022 setzte Premier Albanese diese Politik mehr oder weniger unverändert fort – und wurde mit der Wiederwahl 2025 belohnt, dem zweithöchsten Sieg der Labor Party in der 125-jährigen Geschichte der Partei. Obwohl er auch in anderen Politikbereichen auf Konfrontationskurs mit den Grünen ging, die seit Jahren im Senat das Zünglein an der Waage bilden (so ließ er beispielsweise gegen deren erbitterten Widerstand mehrere neue Kohleminen eröffnen), stimmt die überwältigende Mehrheit der grünen Wählerinnen und Wähler traditionell mit ihrer Zweitpräferenz für die Labor-Kandidatinnen und -kandidaten – weil Liberals und National eben noch „fossilistischer“ orientiert sind(6) und die meisten ihrer prominenten Politiker Klimaschutzmaßnahmen, die über bloße Symbolpolitik hinausgehen, rundweg ablehnen. Die Fortsetzung der „Operation Sovereign Borders“-Politik wiederum wird von vielen eher konservativen Arbeiterwählern begrüßt – zweifellos ein Faktor, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass es Labor bisher gelungen ist (im Unterschied etwa zur britischen Schwesterpartei, der deutschen SPD oder dem französischen Parti Socialiste), einen Großteil der traditionell Labor wählenden australischen working class-Basis weiterhin an sich zu binden. Und ihn, salopp formuliert, relativ immun zu machen für die Parolen der One Nation-Partei, denn diese steht, wiederum verglichen mit ähnlich gepolten Formationen in etlichen anderen Ländern, entschieden auf der Seite der Unternehmer und fällt immer mal wieder durch ausgesprochen arbeitnehmerfeindliche politische Vorschläge auf.

Recht geschickt laviert Premier Albanese zwischen ausgesprochen „materialistisch“ orientierten (Vorrang für neue Arbeitsplätze und die Schaffung von erschwinglichem Wohnraum) und eher „post-materialistisch“ geprägten politischen Maßnahmen (mehr Rechte für die Aborigines und die LGBQ-Community, Anerkennung Palästinas als souveränen Staat), und für grüne Wählerinnen und Wähler und diejenigen der neuerdings zahlreichen parteilosen „Teal“-Parlamentarier und Parlamentskandidaten(7) ist er bisher eindeutig das sprichwörtliche „kleinere Übel“. Ob allerdings seine Politik auch mittel- und langfristig erfolgreich sein wird, ist keineswegs sicher.

Ein Bollwerk gegen China?

Denn was Albanese zum Verhängnis werden könnte, ist die enge (vor allem auch militärische) Orientierung der australischen politischen Elite auf den „großen Bruder“, an die USA, historisch bedingt natürlich durch die Waffenbrüderschaft im Zweiten Weltkrieg. Australische Truppen kämpften anschließend Seite an Seite mit der US Army in Korea und in Vietnam, und die riesige Anti-Atomkriegsbewegung in Australien in den 1980er Jahren – es gab seinerzeit sogar eine radikal pazifistische Nuclear Disarmament Party, die zeitweise einen Sitz im Senat hatte – beeindruckte den damals in Canberra amtierenden Labor-Premier Bob Hawke ziemlich wenig; unablässig betonte er seine Solidarität mit der in jenen Jahren über weite Strecken hinweg recht kriegslüstern auftretenden US-Administration unter dem Präsidenten Ronald Reagan. Pine Cap, mitten im australischen Outback gelegen, ist einer der weltweit größten und wichtigsten amerikanischen Militärstützpunkte überhaupt – allerdings natürlich auch ein erstklassiges Zielobjekt für russische oder chinesische Nuklearraketen…

Es war auch eine Labor-Regierung, die es 2011 den USA erlaubte, den nordaustralischen Hafen Darwin für die Errichtung einer Marinebasis zu nutzen. Was die enge militärische Bindung an die USA betrifft, gab es eigentlich noch nie einen großen Unterschied zwischen den Positionen der Labor-Parteiführung und derjenigen der Liberal/National-Koalition; Letztere zeichnete vor ein paar Jahren verantwortlich für die Gründung der „AUKUS“-Militärallianz, einem Bündnis aus Australien, Großbritannien und den USA.(8) In der – ursprünglich ausgerechnet vom Friedensnobelpreisträger Barack Obama entworfenen – amerikanischen Strategie, das militärisch immer stärker werdende China „einzugrenzen“ (sprich: auch Australien zum Frontstaat in einem eventuellen Krieg gegen den ungeliebten Rivalen zu machen), spielt der Fünfte Kontinent eine absolut zentrale Rolle.

Traditionell gibt es jedoch eine starke pazifistische Fraktion innerhalb der Labor Party, und seit dem Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump als US-Präsident wird sie deutlich lauter. Gleich am ersten Tag nach dem US-Überfall auf Venezuela und der Verschleppung des dortigen Präsidenten Nicolas Maduro am 3. Januar 2026 organisierte die einflussreiche „Labor against War“-Strömung innerhalb der Regierungspartei Protestdemonstrationen in mehreren großen australischen Städten, und etliche prominente Labor-Veteranen – darunter der ehemalige, von 1991-96 amtierende Premierminister Paul Keating – forderten Albanese bereits im letzten Jahr auf, den AUKUS-Vertrag wieder zu kündigen. Ihrer Ansicht nach benötige Australien einen radikalen Kurswechsel in der Außenpolitik des Landes – weg von den USA, hin zu den asiatischen Nachbarstaaten.(9) Sollte diese Fraktion künftig weiter an Boden gewinnen, würde sich vermutlich recht schnell die interne Fragilität und ideologische Zerrissenheit (sowohl die „Labor Left“ als auch die „Labor Right“ sind auf Bundes- und Einzelstaatsebene separat und gut organisiert) dieser traditionsreichen Partei offenbaren: Schon drei Mal in ihrer langen Geschichte spalteten sich Teile des rechten Flügels von ihr ab und liefen zum bürgerlichen Block über – und jedes Mal war das Ergebnis dann eine lange Zeit, die Labor anschließend auf den Oppositionsbänken verbringen musste.(10)

Galionsfigur der Parteirechten ist der stellvertretende Parteivorsitzende und Vizepremier Richard Marles, seit 2022 auch Verteidigungsminister und ein glühender AUKUS-Befürworter. Sollte die Liberal/National-Koalition in nächster Zukunft tatsächlich implodieren, ist es durchaus möglich, dass die Karten im politischen Spiel Australiens völlig neu gemischt werden. One Nation wiederum bereitet sich darauf vor, zur führenden Oppositionskraft aufzusteigen – die Position der Partei ihrerseits zum AUKUS-Pakt ist eine ganz ähnliche wie die der Mehrheit der deutschen AfD zur NATO: Grundsätzlich unterstützt sie die Mitgliedschaft im Bündnis, betont aber gleichzeitig die Notwendigkeit der Verstärkung vor allem der nationalen Verteidigungsanstrengungen.(11)

Je deutlicher sich herauskristallisiert, dass sich die USA unter Präsident Trump auf einen kommenden Krieg mit China vorbereiten, desto heftiger wird in Australien in Zukunft die Debatte über den AUKUS-Pakt verlaufen. Immerhin ist die Volksrepublik nun schon seit etlichen Jahren der größte Handelspartner des Landes (und nicht mehr die USA) – und die Stimmen mehren sich, dem nun auch in der Außen- und Sicherheitspolitik Rechnung zu tragen. Die rechtspopulistische Herausforderung ist also nicht die einzige, der sich Premier Albanese künftig stellen muss – auch für den Fünften Kontinent drohen die kommenden Zeiten stürmisch zu werden.

 

Fußnoten

1) „Federal voting intention: ALP maintains big two-party-preferred lead as One Nation support surges to 25%“, Roy Morgan Research, 2. Februar 2026; „AFR, Redbridge Group and Accent Research federal poll“, Redbridge Group, 1. Februar 2026

2) „Instant Runoff Voting (IRV)“ auf: www.wahlrecht.de; „Integrierte Stichwahl“ auf: https://de.wikipedia.org

3) „Two-Party-Preferred Vote“ auf: https://australianpolitics.com

4) Norbert Faulhaber/Ingeborg E. Schäfer, „Labor in Australien“, Sozialistische Politik und Wirtschaft, Heft 69, Januar/Februar 1993

5) „Operation Sovereign Borders“ auf: https://osb.homeoffice.gov.au

6) Zum Begriff des „Fossilismus“ siehe: Winfried Wolf, „Wir stecken immer tiefer im Fossilismus“, Die Wochenzeitung (WoZ), 8. November 2012

7) 2022 wurde zum ersten Mal eine größere Gruppe parteiloser Abgeordneter ins Repräsentantenhaus gewählt, die meisten von ihnen werden der sogenannten „Teal“-Strömung („teal“=blaugrün) zugerechnet und als „bürgerliche Grüne“ etikettiert: Calla Wahlquist, „Teal Independents: who they are and how did they upend Australia’s election?“, Guardian, 23. Mai 2022. Bei den Wahlen vom Sommer 2025 errangen 10 parteiunabhängige Kandidaten ein Mandat im House of Representatives, eine erstaunlich hohe Zahl (man stelle sich nur einmal einen Deutschen Bundestag vor, in dem über 40 partei- und fraktionslose Abgeordnete sitzen würden!)

8) Jan Senkyr, „Sicherheitsbündnis AUKUS“, Konrad-Adenauer-Stiftung, November 2023

9) Labor against War: „It’s time to sink AUKUS“ auf „X“, 28. Februar 2025

10) Frank Bongiorno, „A little history of the Australian Labor Party“, UNSW Press, 2011

11) „Warships on our doorstep“ auf: www.onenation.org.au

Norbert Faulhaber

Norbert Faulhaber fing nach einem Studium der Politikwissenschaften, Rechtswissenschaften und Soziologie 1991 bei der Konstanzer Tageszeitung „Südkurier“ an: als freier Mitarbeiter für TV- und Filmkritik, Konzertberichte und CD-Besprechungen. Ab 1998 arbeitete er auch als Vertretung des TV-Redakteurs, von 2004 bis 2006 als Verantwortlicher für die tägliche TV-Programmseite. Von 2006 bis März 2023 arbeitete er als Redakteur am NewsDesk See-West in Konstanz.
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18 Kommentare

  1. Grundsätzlich ist es natürlich zu begrüßen, dass sich nun auch in Australien durch eine migrationskritische populistische Bewegung eine Reform der erstarrten politischen Verhältnisse und ein Fortschritt im Hinblick auf Demokratisierung anzubahnen scheint.

    Bedauerlich, dass der Autor von dieser Deutung des Geschehens hingegen meilenweit entfernt ist.

    1. „Ein Fortschritt im Hinblick auf Demokratisierung“??? Von rechts???🙄🤭🤣

      Es ist doch immer dasselbe. Wenn es Probleme gibt – wie jetzt durch das internationale Erstarken der mutipolaren Bewegung – verlieren die „Schlafschafe“ den Überblick und geraten in Panik. Dann kommen die Rechten angeeiert und versprechen den Leuten, was die gerne hören möchten. Und nach einiger Zeit, wenn der Karren wieder so richtig im Dreck sitzt, werden die Leute wieder vernünftig und kommen mit Sprüchen wie „Nie wieder Krieg“ usw. bis dann wieder alles von vorne los geht. Ich glaube nicht mehr an einen Fortschritt im Hinblick auf Demokratisierung, schon gar nicht von rechts.

      1. Ich glaube nicht mehr an einen Fortschritt im Hinblick auf Demokratisierung, schon gar nicht von rechts.

        Also von links kommt er definitiv genauso wenig, ebensowenig von grün. Beide hatten in jüngerer Vergangenheit Möglichkeiten, was zu ändern und haben jeden Vorwand genutzt es nicht zu tun. Alle Parteien sind ganz geil darauf, ihre Heilskonzepte zur Volksbeglückung durchzuboxen.

        wie jetzt durch das internationale Erstarken der mutipolaren Bewegung – verlieren die „Schlafschafe“ den Überblick und geraten in Panik

        Witzig, dass du das schreibst, wenn ich so bei overton herumschaue, scheinen mir die Linken sehr viel mehr in Panik zu sein, weil ihr internationalistisch-globalistischer Traum platzt, weil sie merken, dass internationale Organisationen gar nichts zu sagen haben… kurz: weil sie in der Realität aufklatschen, die die linken Lügenmedien hinter einem Gestrüpp aus Narrativen und politischer Correctness versteckt haben.

        Und nach einiger Zeit, wenn der Karren wieder so richtig im Dreck sitzt, werden die Leute wieder vernünftig und kommen mit Sprüchen wie „Nie wieder Krieg“

        Die „Rechten“ können auch nichts für das dysfunktionale Parteiensystem, denn wenn du ehrlich bist: es spielt keine Rolle wen du wählst…

      1. Interessante Behauptung, eines liegt jedenfalls sicher in der Natur des Menschen: früher oder später merkt er, wenn er verarscht und übervorteilt wird und wenn man versucht seine Ethnie zu zersetzen und seine Identität zu rauben. Das ist der Teil der menschlichen Natur, den Linke irgendwie immer unterschlagen. Davon abgesehen kann sich jeder ausrechnen, wer langfristig die Bevölkerungsmehrheit stellt, wenn fruchtbare radikal-religiöse Kreise sich am kräftigsten vermehren…

      2. Damals gab es aber so etwa sieben Milliarden Menschen weniger. Die meisten Menschen leben auch nicht mehr in umherwandernden Jäger- & Sammlergruppen sondern in mehr oder minder gut organisierten Staaten mit Städten. Müssen wir uns also eine andere Form des Zusammenlebens ausdenken. Eimfach weiterziehen, wenn es Probleme gibt, funktioniert in einer mittlerweile ziemlich vollen Welt nicht mehr so einfach.

    2. „Bedauerlich, dass der Autor von dieser Deutung des Geschehens hingegen meilenweit entfernt ist.“

      Bedauerlich ist vor allem, dass selbst intelligentere Leute dumm genug sind, um in rechtspopulistischen Bewegungen positive Entwicklungen zu verorten.

  2. Es ist in Australien nicht anders als in Europa. Die „rechtspopulistischen“ Parteien haben nicht deshalb solchen Zulauf, weil sie so gut sind, sondern weil die etablierten Alternativen so Sch….e sind!

    Daher ist auch der Verweis auf das Attentat unter der Gürtellinie! Das kann ja wohl kaum einen Schub in Richtung rechts bei den australischen Wählern ausgelöst haben! Da muß vorher (und nachher) mehr passiert sein.

    Wir sehen es doch hierzulande ganz klar: An der Spitze aller Parlamente, Regierungen (und Medien!!!) steht eine Art Einheitspartei, die in mehrere Fraktionen zerfällt, die unabhängig davon, wer davon gerade am Ruder ist, und was sie vor der Wahl verkündeten, alle dieselbe Politik machen! Und keine gute! Eine alternativ wählbare Opposition existiert nicht mehr! Mit Ausnahme der AfD, die ich allerdings ums Verrecken nicht wählen würde! Weil sie – bei Lichte betrachtet – mindestens was Wirtschaft Soziales und NATO angeht, auch zu dieser Einheitspartei gehört! Auch die frühere „Linke“ macht jetzt mit, wie deren Chef van Aken bestätigt, wenn er Schiffeversenken in der Ostsee spielen will, um „Putins illegale Tanker“ loszuwerden.

    Also wählen viele die AfD, um „die da oben zu ärgern“. Denn was die, die augenscheinlich alles falsch machen, unisono für „falsch“ erklären, muß ja dann wohl „richtig“ sein?
    Ich bin überzeugt, die Hälfte der AfD-Wähler stimmen mit den meisten Positionen dieser Partei nicht überein (wenn sie die überhaupt kennen). Aber sie sehen auch keine Alternative mehr.

    1. Was war denn vorher und nachher in Australien los? Du scheinst dich ja einerseits auszukennen, andererseits aber hältst du deine Kenntnisse zurück.

    1. Oooh, du hast mir gefehlt! Gestern las ich mal hier ein Artikel, da gab es bis zum Zeitpunkt meiner Lektüre keinen Kommentar von dir. Ich hoffe du hast das nachgeholt!

  3. Schon wahr, es begann nicht erst mit Bondi Beach. Im Sommer waren riesige Demonstrationen zu sehen, mit Flaggen der Hamas, der Hisbollah, der Al Quaida und des IS. Nebst Bildern der iranischen Führer Khomenei und Khamenei. Davor ein Julian Assange, den das offenbar nicht im Geringsten störte. Aber andere hat es durchaus gestört und deswegen hat jetzt diese Hanson eine Chance.
    Bei uns werden diese Flaggen verboten, aber man sieht hier, was los gewesen wäre, wenn das erlaubt gewesen wäre. Die Islamisten, ermuntert durch die Pro-Pali-Demonstrationen, treten inzwischen völlig anders auf. Enthemmt, würde ich sagen.
    Treiber der Gegenbewegung ist nun mal Elon Musk mit X. Beispielsweise kommen dort die Hassprediger aus allen westlichen Ländern, die völlig offen die Einführung eines Kalifats und der Scharia fordern. Und zwar gewaltsam. Sind die echt? Ich habe genau hingesehen, denn ich habe überhaupt keine Lust, auf eine rechte Fakekampagne hereinzufallen. Aber ja, die sind echt. Kein Zweifel. X bricht hier ein Schwegemonopol.
    Das ist jetzt die Gefahr, dass sich Rechte und Islamisten gegenseitig hochziehen. Die Linke täte gut daran, sich gegen beide zu positionieren. Aber nein, in maßloser Naivität werden die Islamisten gehätschelt. Ein grandioser Fehler.

    1. „Islamismus“ ist ein dumpfer Kampfbegriff der Zionisten und Prozionisten. Jeder, der diesen Begriff benutzt, ist ein Lügner.
      Es gibt einen POLITISCHEN ISLAM, der sich in zwei Hauptströme unterteilt: einmal den wahabitisch-salafitischen Islam, herrschend in Saudi-Arabien, den Golfstaaten: Feudalismus, absolute Monarchie, absolute Gewaltherrschaft des Familienoberhaupts, Scharia devot gegenüber dem Zionismus; zum anderen den popular-nationalrevolutionären Islam: Kampf um die Freiheit der Völker im Nahen und Mittleren Osten, Kampf gegen die zionistischen Kinderschlächter, Anhänger einer basisdemokratischen und sozialen Gesellschaft. Den letzteren gilt die Solidarität aller Linken im Kampf gegen das zionistische Apartheitsregime und alle Prozionisten.

    2. Der sog. „Islamismus“ ist ein Produkt und Instrument der USA (evangelikale Christen / Fundamentalisten). Die USA haben einst sogar eigenes „Lehrmaterial“ (eigene Varianten des Koran etc.) nach Afghanistan gebracht, um dort „Islamisten“ (angebliche Gotteskrieger) auszubilden. Diese nutzen sie schon sehr lange, um Länder zu destabilisieren. Das Problem ist also nicht der Islam, sondern jene, die die Kulturen aufeinander hetzen wollen und sich davon einen Vorteil versprechen: die USA.

      Die Rechtsextremisten (das „weiße“ Gegenstück zum Islam) springen natürlich bereitwillig über dieses Stöckchen, weil sie sich über Hass definieren. Sie brauchen wen, den sie hassen können und da bieten sich von den USA ausgebildete oder finanzierte „islamistische“ Terroristen an.

  4. „Keine Quelle belegt, dass Trump öffentlich oder offiziell mit einem Krieg gegen China gedroht hätte.“ Das sagt meine KI. Anders habe ich ja keine Möglichkeit, so eine Behauptung zu überprüfen. Es handelt sich also wieder um eine Medienente, die allerdings nicht nur vom Mainstream, sondern auch von den „Linken“ verbreitete wird, die ihre Felle wegen Trump davonschwimmen sehen. Ich gehe aber davon aus, dass weder USA noch China Krieg miteinander führen wollen. Falls China Taiwan überrumpeln will, haben USA keine angemessene Möglichkeit, darauf zu reagieren, weil sie zu weit entfernt sind.

  5. Nun also auch Australien?

    Nein. Schon länger war das ein bestimmendes Motiv in der Politik, wie der Autor selbst schreibt:

    Mit der Parole „Stop the boats!“ bestritt Oppositionsführer Tony Abbott von den Liberals prompt den nächsten Wahlkampf (2013) – und errang einen Erdrutschsieg. Seine Regierung startete dann die „Operation Sovereign Borders“ (OSB), die eine knallharte Null-Toleranz-Politik beinhaltete: (…)

    Aber populistisch sind ja nur die anderen.

    Ach ja

    Man stelle sich nur einmal vor, Edmund Stoiber oder Horst Seehofer würden ankündigen, die CSU zu verlassen und zur AfD überzuwechseln!).

    Für mich wäre das keine Nachricht, sondern ein ehrlicher Wechsel.

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